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Posts Tagged ‘Molinaseca’

Ich träume reichlich durcheinander und bin ganz froh, irgendwann wieder Realität und „festen Boden“ unter mir zu haben. Die Heizung der Herberge hat ganze Arbeit geleistet, meine Sachen sind lückenlos trocken. Ich verabschiede mich von Helmut, er möchte heute auch nach Villafranca del Bierzo in die gleiche Herberge.

Noch regnet es nicht, wirklich vielversprechend sieht es aber auch nicht aus. Ich laufe den Weg an der Straße entlang. Einerseits weiß ich, dass er recht lang an der Straße bleibt, trotzdem habe ich nach einer langen Weile das Gefühl, nun doch den Abzweig verpasst zu haben. Ich bin schon nah dran, wieder umzukehren, da kommt die Abzweigung zum Glück doch noch. In einem weitausholenden Bogen geht es auf Ponferrada zu, ein Lichtermeer im Morgengrauen.

Ich treffe gegen 9 ein und muss noch ein bisschen warten, bis mein Lieblingssupermarkt aufmacht. Ich bekomme ein ofenwarmes Croissant und Ciabatta und einen Käse von der Theke. Mein üblicher Liter Fruchtsaft komplettiert auch schon meinen Einkauf. Unter den misstrauischen Augen der Kassiererin zittere ich den Saft tropfenfrei in meine beiden Plastikfläschchen. Vor der Tür sitzt ein Bettler, und obwohl ich einen frisch gefüllten Rucksack habe, fühle ich mich momentan auch ein wenig heimatlos. Das Croissant esse ich im Laufen, während nun doch wieder Regen einsetzt. Wieder ist alles grau und wolkenverhangen, kaum ein Mensch auf der Straße, jeder flüchtet unter seinem trockenen Schirm in irgendein Haus. Nur ich habe einen superlangen Tag vor mir, zum ersten Mal mehr als 30km, und nun regnet es gleich zu Beginn. Vermutlich ist nach spätestens einer Stunde alles nass, ich bin total niedergeschlagen und hoffnungslos. Für einen Moment kommt mir die Idee, dass ich mir einen Schirm kaufen könnte, allerdings bin ich schon ein gutes Stück vom Supermarkt weg, und dort hätte ich ohnehin noch nie einen Schirm gesehen. Wo kauft man sowas überhaupt? Ich lasse den Blick auf der linken Straßenseite entlangschweifen, aber hier ist eher Industriegebiet, und die Läden sehen nach Gärtnerbedarf und Eisenwaren aus, aber nicht nach Schirm. Da fällt mein Blick auf die rechte Seite und einen Mülleimer direkt neben mir, aus dem zielsicher ein rosa Griff ragt. Fast schon atemlos linse ich den den Eimer, es ist wirklich ein Schirm. Ich ziehe in heraus und hoffe und bitte, dass er aufgeht und funktioniert. Tut er zuerst leider nicht, aber nachdem ich die Arretierung verstanden habe, öffnet er sich wundersam. Ganz intakt ist er naheliegenderweise natürlich nicht, zwei Speichen sind gebrochen, aber das schadet überhaupt nichts. Ich bin überglücklich, einen rundum trockenen Kopf zu haben, nichts kann mehr in den Kragen laufen, ich muss nicht immer die Augen halb zusammenkneifen und die Schultern hochziehen.

Die wenigen Passanten schauen mich ein klein wenig entgeistert an. Für einen kurzen Moment streift mich auch der Gedanke, ob man nun normalerweise kaputte Schirme aus Mülleimern zieht. Ich muss grinsen und an Kristian denken. Er hätte vermutlich nicht nur den Schirm mitgenommen, sondern gleich noch kurz nach einem angekauten Sandwich gewühlt.

Egal, der Schirm ist himmlisch, und vermutlich schauen die Passanten auch deswegen etwas befremdet, weil ich von lieblichem rosa-lila und einer begeistert singenden Hannah Montana trocken gehalten werde. Die Begeisterung der strahlenden Blondine auf dem Schirm steckt an, ich bin mit einem Mal auch vollkommen motiviert und beflügelt. Einziger Unterschied ist vermutlich, dass sie perfekt gestylt perfekt lächelt und ich mal wieder sehr, sehr verpilgert aussehe.

Ich presche wieder in gewohntem Tempo der früheren Jahre durch die Lande, bei dem aktuellen Regen und Nebel reizt Verweilen und Genießen auch nicht sonderlich. Begeistert stelle ich fest, dass ich unter Hannah bequem und regengeschützt fotografieren kann.

Ich erreiche Cacabelos, wo ich einer Kirche kurz einen Besuch abstatte. Die Ausstattung ist sehr schlicht, aber das hell beleuchtete Kreuz inmitten der sonst dunklen Kirche strahlt etwas Besonderes aus. Ich bedanke mich für meinen wundersam gefundenen Regenschirm, bevor es wieder hinaus ins Grau geht.

Nach ein paar Kilometern Straße biegt der Camino rechts in die Weinberge. Eine Gruppe vor mir läuft nach kurzem Zögern zielstrebig geradeaus weiter. Wieder einmal wünsche ich mir eine laute, donnernd dröhnende Stimme, um schon aus ein paar hundert Meter Entfernung auf mich aufmerksam machen zu können. Ich tröste mich damit, dass sie vielleicht einfach bewusst nicht den Matsch gehen wollten.

Der Weg (eine weitere Lieblingsstrecke) ist trotz Nebel beeindruckend. Soweit das Auge reicht, nichts als Weinberge, Weinstöcke in rot, gelb oder grün.

Irgendwann kommt für einen kleinen Moment ein Hauch von Sonne heraus. Ich bleibe unschlüssig stehen und würde am liebsten die letzte Stunde nochmal zurücklaufen, um die Farbenpracht bei Sonne zu erleben. Aber da schiebt sich schon wieder eine Wolke davor, es ist wohl noch nicht der Beginn eines sonnigen Nachmittags.

Es geht einen kleinen, steilen Hügel empor, und gerade, als ich oben mein Traumhaus erspähe, kommt wieder recht gewaltig die Sonne heraus. Ich werfe schnell meinen Rucksack hin und zücke den Foto. Während ich wieder panisch durch die Gegend springe, erstrampelt sich den Hügel ein Rudel Radpilger, die in Anbetracht der Aussicht und der unverhofften Sonne einer um den anderen in erstaunten Jubel ausbrechen. Ich sitze glücklich auf einem kleinen Holzbrettchen, genieße die Sonne und ein Kitkat und die begeisterte Jubeluntermalung von der Seite.

Kaum bin ich an dem Traumhaus in den Weinbergen vorbei, ziehe die Wolken wieder zu. Ich bin schon wieder dankbar.

Recht früh komme ich in Villafranca del Bierzo an – ich bin heute wirklich mal wieder gerast. Ich laufe die Treppe zur städtischen Herberge hinunter, die ich heute ausprobieren will. Von der anderen Seite kommt ein junger Mann, der Anstalten macht, an die Hauswand zu pinkeln. Im letzten Moment sieht er mich dann doch noch, was ihn aber nicht in seinem Vorhaben stört. Wie kann man nur.

Zwei Minuten später sind er und zwei Freunde von ihm am vor mir Einchecken in die Herberge. Sie diskutieren ewig herum, bestimmt 10 Minuten, und ich werde schon reichlich ungeduldig und unleidlich in meiner Regenmontur. Zur Ablenkung mache ich mich auf den Weg in die Stadt in Mission Abendessen Einkaufen. Als ich dazu eine weitere Treppe in Angriff nehme, merke ich plötzlich, wie meine Beine ziemlich schmerzen und ziehen. Unterwegs war ich mal wieder derart im Laufrausch, dass ich nicht drauf geachtet habe, aber nun kommt mir doch wieder in den Sinn, dass ich heute schon eine lange Etappe in den Beinen habe und vielleicht nicht unsinnigerweise durch die Gegend laufen sollte. Die Wahrscheinlichkeit, am frühen Nachmittag einen Supermarkt zu finden, ist vermutlich eh moderat. So trapse ich zur Herberge zurück, wo der Herr Wandpinkler und Konsorten immer noch laut am Diskutieren und Kichern sind. Ganz, ganz schlechte Schwingungen.

Als ich endlich dran bin, hellt sich meine Stimmung auch nicht gerade auf, als mir die Dame am Empfang mit biestiger Miene zu verstehen gibt, dass es zwar eine Küche hat, aber keinen Herd. Das 8-Bett-Zimmer ist fast schon überfüllt mit den drei Italienern, und als nach mir noch eine Koreanerin kommt und schon ein oberes Bett besiedeln muss, wird es erst recht eng. Die Italiener sind der Knüller, sie stecken die Köpfe zusammen und lästern völlig unbekümmert über alles, was ihnen über den Weg läuft. Sie hocken auf ihrem Bett, gucken mich abschätzig an und tauschen sich aus, was ich für einen Eindruck auf sie mache (vermutlich einen angepissten). Mir geht ja schon nicht in den Kopf, wie man an eine Herberge urinieren kann, wenn man dort eh gleich eincheckt, aber wie man sich auf dem Camino auf Italienisch unterhalten kann und das Gefühl haben, nicht verstanden zu werden, das erst recht nicht. Mir schwillt schon wieder eine imaginäre Hirnschlagader, während in meinem Kopf wild hin- und herrast, ob ich jetzt einfach auf Deutsch eine wüste Schimpftirade loslassen soll oder auf Spanisch. Letzteres würde wohl einleuchtender vermitteln, dass ich sie verstehe, wäre aber vermutlich nicht ganz so souverän. Glücklicherweise gehe ich statt dessen duschen.

Mit mir am Abtrocknen ist dann auch die weibliche Komponente meines Lieblingstrios, die neben einer Originalflasche Shampoo auch noch eine Originalgröße von etwas dabei hat, was ich meinen Haaren nicht mal zu Hause gönne. Meine Stimmung wird nicht ausgeglichener, dazu noch die unpersönliche, kalte Herberge. Überall hängen Schilder, was man alles nicht darf, z. B. keine Türen schlagen. We don’t want that. In der Küche hängt ein Zettel, dass Essen nur aufgewärmt werden darf und keinesfalls gebraten. Die Dame des Hauses hat Glück, dass der Herd im Moment eh in Reparatur ist, ansonsten hätte ich mir höchst garantiert heute Abend Paprika frittiert.

Ich bin in einer ungewohnt aggressiven Stimmung, die dann auch sehr bald ins Weinerliche schwappt. Ich gehe zum ersten Mal ins Internet; trotz heimeligem Pfefferminztee (aus der Mikrowelle) und Feuer im Kamin fühle ich mich einfach richtig einsam. Helmut ist immer noch nicht da; im Moment habe ich sogar schon richtig Sehnsucht nach seinem summenden Gequassel.

In Anbetracht des morgigen Sonntags und anschließenden Feiertags kaufe ich etwas mehr als nötig in einem unfreundlichen Supermarkt ein. Auf dem Rückweg sticht mir eine Tafel mit „Empanada con pulpo“ ins Auge. Das erscheint mir irgendwie versöhnlich an diesem grauen Tag. Die junge Frau in dem Laden packt gerade einem älteren Herrn liebevoll seine Einkäufe ein, lässt seiner gesamten Verwandtschaft liebe Grüße ausrichten und hält ihm die Tür auf. Auch zu mir ist sie ähnlich freundlich, strahlend und zuwendungsvoll. Ich bekomme mein Teigteilchen mit ganz vielen lila Beinchen und Tentakeln und Saugnäpfen und bin richtig traurig, dass ich ja schon eine volle Tasche vom Supermarkt habe. Das Brot und die Früchte bei ihr sehen tausendmal besser aus – und liebevoller.

Auf dem Rückweg laufe ich Helmut und seiner Grinsefreundin über den Weg, die sich auch gerade in die Stadt aufmachen. Sie sind in der anderen Herberge abgestiegen. Die Freundin grinst, dazu hätte sie ihn überredet. Die liebevollen Pulpo-Schwingungen halten nicht lange vor, ich bin schon wieder durch und durch gehässig und denke nur wütend „schon klar“. Ich habe wenig Lust auf kleine Konkurrenzkämpfchen um die Gunst der wenigen interessanten Begleiter, sodass ich den Herrn mit den Schwingungen resigniert ihr überlasse.

Zur Superstimmung passt dann auch noch mein Eintopf aus der Dose, der ewig nicht richtig warm wird, ich schleppe den übervollen Teller sicher dreimal vom Tisch doch nochmal zurück in die Mikrowelle. Ein paar spinat- oder suppenkrautähnliche Fäden schwimmen in einer leidigen Brühe mit Fettaugen. Jippie.

Ich rede ein bisschen mit einer ansonsten netten Koreanerin, die aber leider nicht so viel Englisch kann. Pulpo kennt sie und probiert begeistert meine Empanada. Gegen Abend kommt tropfnass auch noch die spanische Radpilgerin, die ich in Frómista getroffen habe. Alle sitzen mehr oder weniger bedröppelt um den Kamin, vor dem alle Schuhe und Einlegesohlen aufgereiht sind und ein windschiefer Wäscheständer balanciert. Vermutlich sind alle so verzweifelt mit der Nässe, dass sie geröstete Socken und geschmolzene Schuhe in Kauf nehmen.

Bei jedem Mal Treppelaufen tut mein linkes Bein beachtlich weh. Im Schlafraum inspiziere ich es mal sicherheitshalber und kriege eine halbe Krise, weil es schon wieder dick aussieht. Je länger ich schaue, desto dicker wird es natürlich. Ich bin schon wieder so verunsichert, dass ich sogar die anwesende Radpilgerin frage, ob sie mal kurz meine Beindicke anschauen kann. Zuerst schaut sie mich recht erschrocken an. Offensichtlich wirke ich einen Hauch von verzagt, denn sie guckt diensteifrig, um dann wunderbar liebevoll zu sagen, dass es wenn, dann höchstens einen kleinen Hauch dicker ist, wirklich nur einen Hauch, und ich mir keine Sorgen machen soll.

Mache ich mir natürlich doch. Der Tag ist in vielerlei Hinsicht eh schon im Eimer, jetzt auch noch das Bein. Ich gehe um 7 ins Bett. Ist bestimmt wieder der Knüller für meine italienischen Freunde, und ich finde es selber auch etwas befremdlich, aber ich weiß mal wieder nicht weiter und ziehe es vor, die nächsten Stunden in jeder wachen Minute zu beten, dass mein Bein morgen gut ist.

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In aller Herrgottsfrühe schlappe ich als erste Amtshandlung in die Küche, um mein geliebtes (halbes) Bocadillo aus dem Kühlschrank zu holen. Um das nicht zu vergessen, habe ich mir mit meinen Socken sehr plakative Riesenschleifen an die Crocs gemacht. Brendan ist schon am Frühstückrichten und lacht.

Er meint, heute sähe es wirklich nach Regen aus. Das hat er gestern schon gesagt, aber nach so viel Sonne der letzten Woche habe ich es lachend beiseite geschoben. Und wenn, dann regnet es halt ein bisschen. Optimismus pur.

Heute zieht es mich mal wieder früh los. Ich verabschiede mich von Brendan und schaffe es nun doch noch, ihm mein Bändel zu überreichen. Erleichtert mache ich mich auf ins Dunkel.

Trotz oder gerade wegen der aufziehenden leichten Wolken ist der Sonnenaufgang wieder einmal beeindruckend. Wie so oft ist mir aber auch etwas mulmig mit den diversen Geräuschen im Dunkeln. Irgendjemand scheint hinter mir zu laufen. Bei einem weiteren Fotostopp stellt sich dieser Jemand als You-Seok heraus. Sie ist offensichtlich weniger ängstlich, sie hätte sich schon immer gewundert, was dieses rote Licht im Dunkeln ist. Während sie sich bei einem Fotolicht „wundert“, wäre ich sicher keinen Schritt weitergegangen, wenn mich aus der Ferne ein glutäugiges Ungetüm angestarrt hätte. Und dann noch einäugig glutäugig.

Auch dieser Abschnitt des Camino gehört zu meinen Lieblingsstrecken, und ich bin fast ein bisschen wehmütig, ihn so im Halbdunkel ohne geeignete Fotobeleuchtung runterzuspulen. Allerdings, da hat Brendan leider recht, nach ganz wolkenlos strahlendem Himmel wie gestern sieht es heute nicht aus.

Pünktlich zu Foncebadón kommt die Sonne so richtig heraus, und ich springe panisch zwischen den Ruinen auf und ab. Die Herbstfärbung, die goldene Morgensonne, die mystischen Ruinen… ein Gedicht. Auch wenn natürlich die Zivilisation Einzug gehalten hat und ich schon immer Umwege krakseln muss, um keinen dekorativen Müllcontainer im Bild zu haben.

Beim Anblick der Kirche werde ich schon wieder von Erinnerungen eingeholt; dieser Ort hat heute für mich eine ganze spezielle Atmosphäre, und ich würde am liebsten, ähnlich wie bei San Antón, ewig hier campieren. Die Wetter- und Wolkenlage dagegen veranlasst mich eher, das Cruz de Ferro schnell hinter mich bringen zu wollen. Auch damit verbinde ich Erinnerungen, wenn auch weniger ansprechende.

Als ich am Kreuz und am höchsten Punkt angekommen bin, weht bereits wieder ein sehr kalter Wind, alles ist grau in grau. In einem kleinen Unterstand optimiere ich erst einmal meine Zwiebelschichten und ziehe alles an, was ich dabei habe. Ich lege meinen Stein nieder.

Manchmal berührt mich dieser Ort unheimlich, fühle ich doch mit jedem Stein die Hoffnungen, Lasten und Herzenswünsche von vielen tausend Pilgern vor mir. Heute bleibt der Steinhaufen für mich ein Steinhaufen. Vielleicht liegt es am grauen Wetter oder meiner wenig rührseligen Stimmung.

Dafür beschließe ich, dass ein besonderes Bocadillo an einem besonderen Ort gegessen werden muss, schließlich brauche ich Energie, Kalorien und innere Wärme für den kalten Abstieg.

Während ich mich in beginnendem, feinen Nieselregen und jagenden Nebelwolken auf den Weg mache, registriere ich erstaunt, dass ich nicht einmal enttäuscht bin. Automatisch hätte ich erwartet, dass es mich frustriert, diesen wichtigen Punkt ohne mitreißendes Foto und große Gefühle hinter mir zu lassen. Statt dessen bin ich innerlich am Strahlen, wunderbar gelaunt und in erster Linie furchtbar dankbar über den Bocadillonachgeschmack und vor allem meine wunderbar warme, weiche Einpackung. Es ist grau und kalt, aber ich habe warme Fleecehandschuhe, ein warmes Fleecestirnband um die Ohren und meinen Mehrzweckschlauch bis unter die Augen gezogen. Regenjacke und Regenhose flattern im Wind, halten mich aber auch warm. Noch schöner als Freude über strahlenden Sonnenschein ist wohl das Empfinden von Freude über Kleinigkeiten.

Zu der Freude über Kleinigkeiten kommt ganz akut noch die Freude darüber, dass sich selbst in diesem mistigen Wetter immer wieder schöne Blicke ergeben und mich selbst die Macht der dunklen Wolken noch freut. Ich werde schon wieder furchtbar langsam vor lauter Schauen und Fotografieren und Genießen, so dass mich auf Höhe von Manjarín wohl so ziemlich alles überholt hat, was heute auf der Strecke ist. Auch das erfüllt mich mit einer seltsamen Freude. Sonst bin ich immer wie gejagt durch die Gegend geprescht, als erste los und als erste angekommen, am liebsten immer in der Einsamkeit vor dem großen Pulk. Neuerdings macht mir selbst der Pulk nicht mehr viel aus, vor allem ist es ein neues Gefühl, in der Einsamkeit hinter jeglichem Pulk zu laufen. Auf eine Weise bin ich begeistert davon, dass es so etwas wie Weiterentwicklung zu geben scheint.

Irgendwann ermüdet mich das endlose Grau dann doch ein wenig, zumal ich unter meiner zugezogenen Kapuze auch nicht allzu viel sehe. Nachdem es steil bergab geht, muss ich mich eh weitgehend auf den Weg konzentrieren. Als ich endlich mit El Acebo das erste Dorf erreiche, hat sich der Nieselregen in einen hartnäckigen Dauerregen verwandelt; die wenigen Pilger vor mir flüchten in Bars. Mir kommt der Pilger entgegen, dem ich seit Astorga oft über den Weg gelaufen bin und der mich immer so freundlich gegrüßt hat. Heute sagt er nach dem üblichen herzlichen „Hola“, dass wir ja wohl auch „Hallo“ sagen könnten, er wäre auch deutsch. Wegen des Regens hat er wider Erwarten beschlossen, in El Acebo zu bleiben. Morgen ist für ihn ab Ponferrada ohnehin Heimreise angesagt, er macht den Camino Stück für Stück in Etappen. Zum Abschluss fragt er noch, wie ich heiße – für die Akten und die Erinnerung, wie er fast entschuldigend hinzufügt. Wir wünschen uns einen letzten „buen camino“, ich bin fast etwas nachdenklich und bewegt. So, wie Steinhaufen Steinhaufen oder eine emotionale Welle sein können, so können auch Pilgerbegegnungen Begegnungen oder irgendwie mehr sein.

Dafür kippt jetzt etwas meine Wohlfühleinstellung zum Thema „warm verpackt durch Wind und Wetter“. Es schüttet fürchterlich aus Kübeln. Meine Fleecehandschuhe sind patschnass, ich kann sie triefend auswringen. Dazu zieht mir mal wieder die Feuchtigkeit innen die Ärmel hoch. Nachdem ich wenig Lust habe, meine beiden Fleecepullis nass zu bekommen, würde ich sie gerne hochkrempeln. Aber selbst dazu fehlt ein kurzfristig trockener Unterstand.

In Riego de Ambros muss ich schon fast lachen, als ich die überflutete Straße entlanglaufe. Ein Pilgergrüppchen vor mir steht zögernd am Ortsausgang und entscheidet sich nach einem kritischen Blick für die Fahrstraße. Ich natürlich nicht, mitten rein in den Trampelpfad. Wobei ich nun wirklich lachen muss. Ich laufe in einem soeben frisch begonnenen Flussbett, um mich plätschert und gluckert lustig ein Bächlein von etwa 5 cm Tiefe. Ich laufe gleiches Tempo mit mitschwimmenden Blättern. Dass meine Schuhe nachher patschnass sind, macht vollends auch nichts mehr. Mich überkommt höchstens ein mulmiges Gefühl anlässlich meines Höllentempos über die patschnassen, moosbewachsenen Steine.

Irgendwas durchnässt meine Hose unter der Regenhose, und irgendwas schlägt mir immer von hinten gegen die Beine. Als ich meinen Rucksack abnehme, entleert sich ein Schwall von mindestens einem Liter Wasser, der sich in meiner Regenhülle von innen gesammelt hat (und dadurch tief hinunter gezogen hat). Wie ich es mit patschnassen Handschuhen im strömendem Regen beurteilen kann, ist mein Rucksack alles andere als trocken geblieben. Alles ist unglaublich nass. Bisher hat mein Allzweckschlauch erstaunlich gut allen Regen aufgefangen, der mir vorne in den Hals fließen wollte. Seit einer Weile wringe ich auch dieses Tuch regelmäßig aus, aber als Molinaseca in Sicht kommt, beginnt auch das endlich, gänzlich zu durchfeuchten.

Eigentlich wollte ich fest eingeplant bis Ponferrada weiter. Aber zum einen erinnere ich mich nur an die Waschbecken im Garten und die Wäscheleinen dort, wie soll ich da meine patschnassen Sachen trocken bekommen. Und zum anderen überzeugt mich mein kapitulierendes Allzwecktuch. Wenn ich jetzt rundum einen kalten, nassen Hals bekomme und meine Fleecepullis auch noch vom Kragen an durchfeuchten, ist wirklich Schluss mit lustig. Ich presche noch etwas unentschlossen und mit mir ringend durch den Platzregen von Molinaseca, aber als vor mir auch ein nett (und hartgesotten) aussehender Österreicher zur Herberge abbiegt, darf ich das wohl auch.

Wir ziehen vor der Tür unsere Schuhe aus, aber selbst in Socken hinterlasse ich sofort große Pfützchen. Ich bin gespannt auf die Herberge, den Stolz von Hospitalero Alfredo, den ich zwar bei jedem Camino kurz besuche, gegen dessen Luxusherberge ich mich aber bisher immer tapfer gesträubt habe. Ich bin nicht sonderlich überrascht, dass an der Rezeption ein älterer Herr sitzt. Alfredo hat vermutlich anderes zu tun, als jahraus-, jahrein in seiner Herberge abzuhängen.

Wir bringen unsere nassen Sachen in den Keller, um dann eine edle Holztreppe bis unter das Dach hochzulaufen, wo es einen zugegebenermaßen sehr schicken Raum hat. Unter der Dachschräge, durchzogen von Holzbalken – und mit Einzelbetten. Ich flagge erst einmal alles Halbnasse über die verfügbaren Heizungen und Balken und springe dann nochmal in den Keller, um meine Schuhe mit alten Zeitungen trockenzulegen. Beim Vorbeispringen am Erdgeschoss fällt mein Blick auf die Rezeption, an der nun doch sehr charakteristisch Alfredo sitzt. Ich grüße schüchtern lächelnd. Als ich wieder die Treppe hochspringe, grinse ich nochmal quer durch den Raum. Er schaut schon etwas irritiert.

Nachdem mein Equipment weitgehend versorgt ist, widme ich mich endlich einer heißen Dusche. Im Keller hat nur die Herrenabteilung geöffnet, was solls, außer mir ist eh keiner da. Ich bin schon fast fertiggeduscht in meinem Kabinchen, als laut grölend eine Horde Männer den Raum betritt und sich vermutlich vor meinem Kabinchen auszuziehen beginnt. Uah arg. Ich schnappe mir schnell alles, solange sich die Herren hoffentlich erst in der Socken-Auszieh-Phase befinden. Während die meisten Herren es mit einem stillen Grinsen nehmen, wer da aus der Dusche geschossen kommt, brüllt mir der fröhliche Österreicher Helmut natürlich noch alles mögliche nach. Er ist schon in der Handtuchphase, herrje, da habe ich ja nochmal Glück gehabt.

Endlich sind alle Handgriffe des Tages erledigt, und ich lasse mich auf mein Bett plumpsen. Und plumpse gleich eine Etage tiefer als erwartet. Bei näherem Hinsehen fehlt eine Latte an wichtiger Stelle. So kann ich nicht schlafen. Zum Glück hat es noch ein weiteres freies Bett an der Tür, sodass ich umziehe. Helmut findet das schade, dass ich nun nicht mehr neben ihm logiere und meint, wir könnten doch einfach die Betten austauschen. Macht er dann auch allen Ernstes.

Kaum sitze ich nun wirklich bereit zum Entspannen auf meinem neuen Bett an alter Stelle, rumort es von der Treppe. Matthias, dem grummeligen Deutschen, wird von Alfredo der Raum gezeigt und das noch einzig freie Bett an der Tür zugewiesen. Mit schlechtem Gewissen springe ich auf und versuche zu erklären, dass das neuerdings über eine gebrochene Latte verfügt. Ich hebe die Matratze hoch, aber Alfredo meint, da könne man schon drauf schlafen. Ich lasse mich wieder auf mein Bett fallen, aber Alfredo fixiert mich nun mit scharfem Blick. Heh, mich würde er doch kennen. Als ihm die Verknüpfung dämmert, dass ich die Verrückte bin, die ihn jedes Jahr besucht, lacht er sich halb kaputt. Er fragt, mein wievielter Camino das ist. Vor Matthias und Helmut ist mir das ein wenig peinlich, ich mache verschämt eine wortlose Zahl mit beiden Händen. Er bricht erst recht in dröhnendes Lachen aus und verpflichtet mich zur Herbergsführung.

Aktuell ist er auf dem Japantrip, plant für den nächsten Monat selbst einen Pilgerweg in Japan, zeigt mir einen Wandteppich, den man in Japan anscheinend statt einer Compostela bekommt sowie einen Wegstein, in dem in japanischen Hieroglyphen ein Wegweiser zu seiner Herberge eingemeißelt ist. Er stellt mich allen möglichen Pilgern vor. Einen habe ich heute rennend gesehen und noch überlegt, ob ihm im Wind etwas davongeweht ist. Nein, es ist einfach sein dreizehnter Camino, und er rennt sie alle. Ich bekomme stolz sämtliche Schaukästen erklärt, die Bilder von Alfredo im Pilgerkostüm mit Ehrung durch den spanischen König und den Zeitungsartikel über Papst Benedikt, der noch als Joseph Ratzinger in Alfredos alter Herberge geschlafen hat, damals aber schon mit „zukünftiger Papst“ unterschrieben hat.

Dank Alfredos Vorstellung kennen mich nun alle ehrfurchtsvoll als eine Pilgerin, die bereits 7 mal den Camino gegangen ist. Das ist mir mal elegant peinlich, zumal es ja reichlich an der Wahrheit vorbeigeht. 7 Caminohäppchen würden es wohl besser treffen. Er zeigt mir seine Fotoalben von früheren Caminos. Auffallend sind die vielen „sehr gefährlichen Frauen“ und „blutjungen Abenteuer“, begleitet vom üblichen dröhnenden Lachen. Ich muss mir für einen Moment vorstellen, ob in meinem heimischen Freundeskreis ein verheirateter Mann ähnlich begeistert und selbstbewusst seine Fotos zeigen würde. Vermutlich ein Mentalitätsunterschied.

Nachdem es wider Erwarten kein Essen in der Herberge gibt (die Köchin ist krank), muss ich nochmal kurz raus in den Regen. Der Laden wäre nichts und viel zu teuer, warnt mich Helmut vor. Nachdem ich ja nur notdürftig etwas bis Ponferrada brauche, ist mir das weitgehend egal. Ich bekomme sogar eine getrocknete Feige angeboten und eine Scheibe unglaublich lecker schmeckende Honigmelone. Nur nicht unbedingt verkaufsfördernd; vermutlich kaufen sich die wenigsten Pilger daraufhin begeistert so einen zwei Kilo schweren Trümmer.

Ich esse mit Helmut und einer deutschen Freundin von ihm. Er ist wirklich lustig, nett und interessant, leider redet er unheimlich viel, schnell und in so einem extremen Dialekt, dass ich fast noch weniger verstehe als bei Spaniern oder Italienern. Für mich summt es nur immer irgendwie. Er erzählt von seinem Beruf als Masseur und von alternativem Schnickschnack wie Klangtherapie und Körperspannungen und vielem mehr. Völlig ungeniert stößt er im vollbesetzten Aufenthaltsraum irgendwelche an Kuh mit Rinderwahn erinnernde Laute aus, die irgendwelche Verspannungen lösen sollen. Seine ständig breit grinsende Freundin und ich dürfen uns auf den Fliesen im Raum aufstellen, und er erklärt uns, dass je nachdem, auf was für einem Fliesenkreuz wir stehen, wir schwach oder stark sind. Es funktioniert, auch so finde ich das Ganze sehr spannend und beeindruckend, allerdings ist mir wie so oft auch etwas unwohl beim Gedanken, dass da jemand mehr von mir weiß und spürt als ich selber. Helmut sieht mir derart kompetent aus, dass er wahrscheinlich sonstwas an mir manipulieren kann mit dem Klang seiner Stimme oder einer Körperhaltung. Ich werde einen Hauch von paranoid.

Mittlerweile hat sich auch Matthias eingefunden, nachdem seine einzige Hose wieder soweit trocken zu sein scheint, dass er sich aus seinem Schlafsack heraustraut. Als Helmut angesichts dieser wunderbar deutschen Clique den Rest des Abends Karten spielen will, verdünnisiere ich mich lieber aufs Sofa. Erst dieses Restunwohlsein über diese ganze Magie, die ich nicht durchschaue, und jetzt noch die Vorstellung, so richtig deutsch Karten zu spielen. Irgendwie ist das gerade nicht so meins.

Statt dessen mache ich ein Bändel für Alfredo. Als er sich interessiert dazusetzt und fragt, was ich mache, sage ich ungerührt, ich würde ihm für seinen Camino in Japan ein Bändel flechten und „Hallo, ich heiße Alfredo und suche Abenteuer“ in japanischen Schriftzeichen einflechten. Ich ernte einen Schlag mit der Zeitung und die dröhnend lachende Belehrung, dass er keine Abenteuer sucht, sondern Begegnungen. Na dann.

Im Austausch für das Bändel bekomme ich eine weitere Rucksackmuschel. Alfredo erzählt mir viel vom Herbergsalltag; mir dämmert langsam, dass ich mich als Hospitalera wohl nicht einmal eignen würde, ich kann nicht einmal richtig putzen. Zumindest wenn man unter Putzen das versteht, was Spitzenhospitaleros wie Brendan oder Alfredo darunter verstehen. Alfredo erzählt mir von seiner chinesisch anmutenden Wundersalbe gegen alle Arten von Pilgerbeschwerden (zum Glück habe ich keinerlei) sowie von seinen koreanischen Massagekünsten (bei denen es erstmal höllisch weh tun soll. Zum doppelten Glück muss ich das nicht ausprobieren). Auch kann er Köpfe heilen. Ich bin interessiert, wie das geht. Er meint, einfach durch Zuhören und will es bei mir zum Beweis gleich ausprobieren. Darauf habe ich mal wieder überhaupt keine Lust. Zum Heilen gibt es da sicher viel, vermutlich hat er da auch wirklich Talent, aber nachdem ich mich noch nicht mal von dem übersinnlichen Helmut erholt habe, fehlt mir gerade noch so ein „ich weiß schon alles, was Du noch nicht weißt“.

Wir verabschieden uns bis zum nächsten Mal. Wir könnten ja mal den Camino Portugues zusammen gehen. Aber bis dahin soll ich bitte noch gut kochen lernen (im Geiste kann ich mir ein „wenn Du schon keine Abenteuer magst“ nicht verkneifen. Oder die Vorstellung, welche Heerscharen von Pilgerinnen mit ihm durch Portugal pflügen würden, wenn auch nur die Hälfte darauf zurückkommen würde.) Qué hombre!

Vor dem Einschlafen lässt mich Helmut noch ein Lied von seinem Kopfhörer mithören. Nachdem er vorhin schon einen komischen Test mit mir gemacht hat, bei dem einem eine Energie gesagt hat „Du bist gut, ganz genauso, wie Du bist, ohne etwas geben oder nehmen zu müssen“, habe ich nun auch bei dem Lied haargenau das Gefühl, dass es mir etwas sagen soll. Vermutlich bin ich heute langsam schon zu müde vom „Emotionalebarrikadenerrichten“, ich lasse die wirklich wunderschöne Musik einfach auf mich wirken. Ich könnte heulen.

One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful woman.
One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful girl.
But for today I am a child, for today I am a boy.
One day I’ll grow up, I’ll feel the power in me.
One day I’ll grow up, of this I’m sure.
One day I’ll grow up, I know whom within me.
One day I’ll grow up, feel it full and pure.

(Antony and the Johnsons)

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Gegen 7 Uhr wache ich auf, unter meinen vielen Decken habe ich erstaunlich warm geschlafen. Draußen rumoren die kanadischen Heinzelmännchen schon leise in der Küche, es duftet nach Kaffee und geröstetem Brot.

Ich genieße ein letztes Mal meine liebgewonnene Kleinfamilie. Mein Hospitalero sagt, es wäre schön gewesen, dass ich dagewesen wäre. Kann ich so nur bestätigen.

Zum Abschied legen uns die Herren ganz patriotisch nochmal das Hallelujah in den CD-Player, und wir bekommen einen Pin mit der kanadischen Flagge an die Jacke gesteckt sowie eine Umarmung mit auf den Weg. Ich bin reichlich bewegt, sicher eine der denkwürdigsten und intensivsten Herbergsübernachtungen.

Ich frage Kristian, ob er auch mal für mich singt. Definitiv nie und nimmer; nur weil er mal in einer Band anfangen wollte, sollte doch nicht jeder dämlich denken, dass er jetzt ein Supersänger wäre, ich solle doch den Italiener fragen, der schon seine zweite CD draußen hat und ihn nicht nerven. Heute morgen hab ich noch etwas zu wenig Verständnis dafür, und so schicke ich ihn allein voraus.

Über Nacht hat es geregnet, und noch ist alles im Nebel. Am Cruz de Ferro ist es leider immer noch neblig, und von Kristian und Luca keine Spur. Ich lege meine beiden Steine nieder, den von Kristian und den von einer Arbeitskollegin von zu Hause. Beiden wünsche ich von Herzen alles, alles Gute und dass sie erkennen, was für wunderbare Menschen sie sind.

Und allen Ernstes bricht in diesem Moment am Himmel hinter dem Kreuz ein Sonnenstrahl durch den bedeckten Himmel. Ich bin so dankbar, dass meine Steine diesmal mehr Anklang gefunden zu haben scheinen.

Ich denke an Kristian und habe ein schlechtes Gewissen, dass ich heute morgen so rumgezickt habe. Ich dachte, ihn bald wieder einzuholen, aber offensichtlich ist er wirklich deutlich schneller als ich und hat wahrscheinlich nicht so lang ergriffen am Kreuz vertrödelt. Mit diesen Gedanken komme ich an eine Wegmarkierung, unter der in die Erde gekratzt mein Name und „hola“ steht. Ich bin darüber fast so glücklich wie über den Sonnenstrahl, offensichtlich ist Kristian mir nicht böse.

In Manjarín ist zwar einiges los, aber wieder keiner meiner beiden Jungs. Die Landschaft liegt immer noch im Nebel, zwar schön verwunschen, aber nachdem ich den grandiosen Ausblick auf die Schneeberge kenne, den man hier eigentlich haben könnte, fühlt es sich eher leer an.

Ich laufe viel zu schnell den gerölligen Weg abwärts; ich könnte warten, dass es aufklart, um diese Königsetappe gebührend genießen zu können, aber ich will Kristian wiedertreffen. Kurz vor El Acebo sehe ich ihn dann auch wirklich von weitem, deutlich erkennbar an seiner wippenden blauen Isomatte. Aber er läuft nicht allein, und mir wird plötzlich bewusst, dass er vielleicht gar keine Freude dran hat, wenn ich plötzlich wieder auftauche. Und mit einem Schlag wird mir bewusst, dass auch das Hola wohl gar nicht von ihm war, sondern von Luca. Ich fühle mich immer enttäuschter und leerer und frustriert, weil ich zwar schon fast jogge, aber überhaupt nicht aufhole.

Im Dorf habe ich sie fast eingeholt, ich erkenne, dass seine Begleitung der Italiener mit dem Riesenstab ist. Sie biegen in eine Bar ab, und ich laufe weiter. Irgendwie mangelt es mir gerade an Selbstvertrauen, ich habe das Gefühl, dass die beiden wunschlos glücklich miteinander sind und ich einfach überflüssig. Ein paar hundert Meter später stoppe ich dann doch, was habe ich hier von Stolz und beleidigter Leberwurst. Ich muss sicher eine halbe Stunde warten, aber das ist es mir dann doch wert.

Ich bin gespannt, wie Luca die spezielle Herberge erlebt hat – er ist komplett begeistert und von der Rolle. Außer ihm war nur ein weiterer Pilger da, dafür fünf Bewohner, er erzählt begeistert, mit welchen Religionen sie sich da beschäftigen und welch interessante Menschen das waren. Einem ist passend zu Ostern in den Händen das Christusmal aufgetaucht, direkt vor den Augen des Italieners. Für beide war es ein unglaubliches Wunder, und er ist noch komplett konfus und ungläubig. Ich freue mich sehr für ihn, dass er diese Erfahrung machen durfte. Generell ist er eher ein logischer Denker, wenig offen für Gott und die Magie des Caminos, und ich wünsche ihm sehr, dazu Zugang zu bekommen.

Wir haben zu dritt recht viel Spaß; als wir auf Chuck zu sprechen kommen, machen die beiden Musiker aus dem Stehgreif einen Song auf ihn. Kristian rappt die typischen „come on, guys…!“-Phrasen, während Luca die Soundmachine dazu macht. Ich lache mich halb kaputt und genieße unheimlich diese Gesellschaft. Ich frage Luca wegen der Nachricht im Boden. Er weiß von nichts, dafür wird Kristian etwas verlegen. Ich bin so glücklich.

Kristian setzt sich irgendwann von uns ab, er läuft unheimlich schnell. Mir tut es ein bisschen weh, weil ich das Gefühl habe, dass er sich überflüssig gefühlt hat. Andererseits bin ich mehr als überrascht, dass meine Fußheilung wirklich etwas bewirkt haben muss. Er meint nach wie vor, der Fuß wäre absolut perfekt, und sein Laufstil spricht dafür.

Luca fragt mich interessiert über meinen Glauben aus. So ganz die gleiche Wellenlänge haben wir nicht, er ist mir zu analytisch. Ich soll ihm alle möglichen Bibelstellen belegen oder erklären; was weiß ich. Ich glaube einfach, dass es einen Gott gibt, der auf mich aufpasst und den ich hier immer wieder spüre. Ob man das auch alles anders erklären kann, ob es nicht auch mit Schicksal oder Leben erklärbar ist, das überfordert mich bzw. erscheint mir überflüssig. Ich finde es ein bisschen anstrengend und bin froh, am Ortseingang von Molinaseca Kristian auf einer Bank beim Mittagessen wiederzutreffen. Luca schlägt vor, in Ponferrada gemeinsam zu kochen; eigentlich eine nette Idee, allerdings bin ich noch etwas traumatisiert von den Kochvorstellungen südländischer Männer. Bisher waren alle Versuche eher unentspannt und unharmonisch, und mein Exemplar hier scheint ja auch eher ein verbissener Planer als ein Spaßkocher zu sein.

Kristian fragt, wohin ich heute laufe. Ich bin ehrlich und sage, dass ich geneigt bin, dorthin zu gehen, wo er hingeht. Wir sitzen einträchtig auf einem Bänkchen, und er meint plötzlich zusammenhanglos, dass er das Gefühl hat, dass er in Santiago für mich singen wird. Nach dem intensiven Geziere im Vorfeld und dem „no never ever“ bin ich überrascht.

Luca möchte planerisch Nägel mit Köpfen machen zwecks des Abendessens. Ich ergreife spontan die Flucht und entschuldige mich damit, noch kurz bei Alfredo in der Herberge vorbeischauen zu wollen.

Ich treffe ihn auch wirklich an, er ist gerade am Putzen und wirkt etwas getreßt und angestrengt. Seine Herberge in Finisterre ist immer noch nicht fertig, er plant eine Herberge in einem Schiff. Dass das etwas Verwaltungsaufwand erfordert, kann ich mir vorstellen. Ich drohe ihm, dass ich jetzt jedes Jahr vorbeischaue und mich nach dem Stand erkundige.

Kristian läuft vorbei, und ich springe ihm hinterher. Er meint, Luca würde mich wohl mögen, er hätte höchst beunruhigt geschaut, dass er sich allein auf meine Fersen geheftet hat. Bin etwas belustigt bei der Vorstellung, dass hier irgendjemand interessiert oder eifersüchtig sein könnte. Ich fühle mich so unendlich elegant in meiner unförmigen Tchibo-Hose, der zerklatschten Frisur unter wahlweise Stirnband oder Schlapphut, dass ich eigentlich nur bei den Symbolen an den Waschräumen erinnert werde, dass ich eine Frau bin.

Durch die Vororte von Ponferrada gewinne ich weitere interessante Einblicke in das Leben von Kristian. Er greift begeistert nach verwitterten Spraydosen im Straßengraben, die zu seinem Bedauern leer sind. Normalerweise würde er damit seine Kleidung verzieren. Er freut sich auf eine große Bank in Ponferrada, wo er sein Konto plündern will. Er hat noch 14 Euro drauf, und die kann man anscheinend nicht mehr aus dem Automaten lassen, sondern muss persönlich vorsprechen. Ab und an arbeitet er bei seiner Mutter, wenn er das Gefühl hat, Geld zu brauchen. Wie ich heraushöre, hat er das Gefühl aber eher selten.

Ich habe gemischte Gefühle wegen der Herberge in Ponferrada; zum einen will ich ja nichts Bekanntes wiederholen, zum anderen reizt mich gerade nach der gestrigen so persönlichen Herberge der etwas seelenlose Riesenkomplex wenig.

Kristian geht es sehr ähnlich, er wird schon wieder komplett unruhig, als wir im Innenhof warten müssen, bis die Herberge öffnet. Er möchte am liebsten weiter, 12-18 km schrecken ihn dann aber doch. Zumal die 2-Personen-Hundehütten in Cacabelos mich jetzt auch nicht wirklich mehr reizen würden.

Ich habe ein leeres Damen-4-Bett-Zimmer und erledige mein Waschprogramm. Kristian steht unschlüssig in der Eingangshalle und meint, er wartet jetzt halt, bis ich fertig bin, was soll er auch sonst tun. Luca möchte mit uns ja einkaufen gehen und dann in die Stadt, und jetzt warten wir also auch auf Luca, bis der geduscht und tagebuchfertig ist. Zu allem Überfluss hat noch Chuck in ihrem Zimmer eingecheckt, und der freundliche Luca hat ihn auch zum Abendessen eingeladen. Kristian wirkt wie ein Häufchen Elend bzw. wie ein komplett eingesperrter Tiger, sodass ich ihm vorschlage, dass er ja nicht mit muss. Er strahlt unheimlich dankbar und erleichtert und lässt sich das nicht zweimal sagen.

Meine Vorfreude hält sich auch in Grenzen. Ich verbringe etwa eine Stunde mit Warten auf den ausgemachten Termin zum Losgehen. Richtig relaxen und entspannen kann ich nicht, ich warte einfach und fühle mich sehr unfrei. Wie ich befürchtet hatte, Luca ist furchtbar kompliziert und sehr sparsam. Dass es Öl nur in Literflaschen gibt, stellt ihn vor unlösbare Probleme. Er steht 5 Minuten vor dem Regal und wird immer verzweifelter, und gleiches vor 10 anderen Regalen, wo es auch wieder um 50 cent hin oder her geht. Er will Spaghetti Carbonara kochen, und mir blutet das Herz, dass ich in so einem wunderschönen Supermarkt mit so viel Auswahl an exotischen Sachen stehe, aber eigentlich außer Frühstück nichts einkaufen sollte.

Ich erkläre Luca, dass ich noch ein bisschen schauen will und den Einkauf nachher allein zurücktrage. Er ist wieder ganz irritiert, dass wir demnach jetzt gar nicht zusammen Stadtbummeln. Es tut mir sehr weh, seine Enttäuschung zu sehen, aber ich fühle mich derart unfrei und beengt, dass sich Frustration und Resignation noch breiter machen, wenn ich so weiter mache.

Ich kaufe wenigstens noch Erdbeeren und meine geliebten grünen Minipaprikas, die sich hoffentlich in Lucas Menüprogramm integrieren lassen. Draußen regnet es in Strömen, ich habe natürlich nur mein schönes Nachmittags-Fleece-Programm an und werde ziemlich nass.

Siedendheiß fällt mir ein, dass durch das unsägliche Kochen wohl auch meine Abendmesse flach fällt. Ein Stück weit ist es vielleicht Glück, dass der Hospitalero mir erklärt, dass sie die Kapelle zwar aufmachen, dort aber nie Messen gehalten werden. Aus dem Vorjahr bin ich da ziemlich anderer Überzeugung.

Ich gehe in den Leseraum, der diesmal leider auch nicht seine beruhigende und besänftigende Wirkung auf mich hat. Kristian sitzt dort schon am Rechner und hackt stundenlang vor sich hin. Seine Mission Kontoplündern ist schiefgegangen, die Banken hatten bereits zu. In Vorfreude auf das Geld hat er aber schon mal vorher alles Bisherige in Zigaretten und Bier investiert und ist jetzt komplett pleite.

Ich knüpfe ein weiteres Bändel, um die Zeit bis zum Kochen totzuschlagen. Für ein paar Minuten gehe ich in die kleine Kapelle, aber meine Stimmung ist heute einfach moderat.

Kristian zeigt mir auf dem Rechner Fotos von sich, seinen Collagen, seiner Familie, und ich darf mir seine Lieblingsmusik anhören. Vorher erklärt er mir aber noch mit abwesendem Blick, dass er morgen entweder früh losgeht oder den Bus nimmt, er hält die Leute nicht mehr aus. So etwas habe ich kommen sehen. Trotzdem bricht für mich eine Welt zusammen, und ich frage nur, was denn dann aus meinem versprochenen Lied in Santiago wird. Er meint, dann wartet er halt dort auf mich.

Ich schaue sein desperates Lieblingslied, während sich in mir unendliche Leere breit macht. Offensichtlich spürt er das, denn er legt mir kurz eine Hand auf den Rücken – ein Riesenschritt bei seiner Nähe-Phobie. Danach kann ich es fast schon wieder mit Humor sehen, ich witzele, dass er mit seinem Klumpfuß eh nicht weit kommt und für einen Bus doch kein Geld hat. Er lacht.

Wir gehen runter in die Küche, um Luca beim Kochen zu helfen. Er ist schon voll konzentriert am Zwiebeln schneiden (akribisch genau, wie ich es mir schon dachte), auch sonst sieht es eher aus, als würde jede Hilfe seine Kreise stören. Man merkt ihm an, dass es ihm ganz wichtig ist, dass sein Essen perfekt wird. Er ist ein stolzer und sehr empfindlicher Mensch, der seinen Wert vermutlich auch etwas von seinen Erfolgen abhängig macht. Ich würde ihm gerne das Gefühl geben, dass er gar nichts machen oder beweisen muss, aber was ich auf diesem Camino so oft habe, diese wortlose Verbindung zur Seele, den Emotionen oder zum Herzen anderer, bei Luca macht zu viel Nachdenken sie zu einer Einbahnstraße.

Ich wasche und brate meine Minipaprikas in Öl, bin nach 2 Minuten fertig mit der Vorspeise, zeitgleich wie Luca mit dem Zwiebelschneiden. Kristian ist extrem abwesend und unruhig und hat derweil bestimmt schon die dritte Zigarette geraucht. Ich verpflichte ihn zum Erdbeerwaschen. Er strahlt, das kennt er, er hat wohl auch mal in dieser Mission gejobbt. Komischerweise erstaunt es mich nicht weiter, als er beiläufig erwähnt, auf der Straße zu leben.

Wir schnipseln einträchtig im Akkord Erdbeeren; er moniert, dass ich ja gar nicht die schlechten Stellen wegschneide. Ich widerspreche, dass meine Erdbeeren einfach keine schlechten Stellen hätten. Er kann es nicht glauben, aber Tatsache, ich greife automatisch die makellosen, er automatisch die, die etwas mehr Sorgfalt erfordern (und die hat in Sachen Küche und Haushalt definitiv er). In das Schweigen sagt er irgendwann, dass wir wie Ying und Yang wären. Völlig verschieden, aber es würde trotzdem funktionieren. Irgendwie ist es wieder genau das, was ich in diesem Moment fühle. Mir schnürt es alles zusammen.

Luca verzweifelt derweil, weil das Wasser in seinem Riesentopf nicht kochen will. Zum Glück trifft er einen französischen Weggefährten wieder, den ich am Nachmittag schon kurz kennengelernt habe. Er ist Bibliothekar, hat schüttere Haare, trägt Brille, Bügelfaltenhemd und sehr viel Sonnenmilch, und Luca scheint sich bei ihm besser entspannen zu können.

Ich frage Kristian, ob er sein Leben immer so weiterführen will. Er schüttelt sehr bestimmt den Kopf, nein, bald sucht er sich ein Girl, nimmt sich eine Wohnung, bekommt 5 Kinder und liebt sein Girl abgöttisch bis ans Ende seines Lebens. Die Mischung aus penetranter Bierfahne und Rauchgestank gepaart mit der inbrünstigen Überzeugung eines 5-Jährigen, der erklärt, später mal seine Mama zu heiraten, weil sie die tollste Frau überhaupt ist, macht mich betroffen. Dann ist Kristian schon wieder weg, draußen am Rauchen, obwohl es regnet und er in Wollsocken rumläuft. Ich fühle mich zunehmend hilflos.

Endlich sind die Spaghetti fertig und der Tisch gedeckt. Der Deutsche, der ihr Zimmer teilt und deswegen auch eingeladen ist, ist netter als erwartet, und Chuck ist zum Glück in wichtiger Mission noch in der Stadt (um seinen Blog auf Vordermann zu bringen), und wir sollen ihm nur etwas aufheben. Der Franzose hat sich auch breitschlagen lassen, und so freue ich mich in doch noch netter Runde nach einem anstrengenden Tag mit viel Koordinieren und Warten und zwei schwierigen Männern auf das toll aussehende Essen.

Nach dem ersten Probieren meint Kristian viel zu laut zu mir, dass es ihm gar nicht schmeckt. Es würde nichts taugen, und er könne das 200 x besser. Luca hat gefühlte Tränen in den Augen, läuft rot an und fragt zutiefst gekränkt und aus der Bahn geworfen nach Verbesserungsvorschlägen. Kristian behauptet völlig ungerührt, er hätte doch gar nichts gesagt in diese Richtung und lügt ein zweiminütiges Märchen zusammen. Der Deutsche ist ein sonniges Gemüt, aber der Franzose neben mir ist ungefähr genauso geschockt wie ich.

Meine Empathiebahnen richten sich in Windeseile um Luca aus. Ich weiß so genau, was dieses Kochen und dieser Abschlußabend für ihn bedeutet haben, und umgekehrt auch, was Kristian bei ihm angerichtet hat. Die reichliche Alkoholgrundlage der Nachmittagsbiere hat Kristian noch philosophisch-melancholisch gemacht. Die Flasche Rotwein jetzt macht in einfach nur noch aggressiv. Er diskutiert hitzig mit dem armen Luca, und nach zweimal „jetzt rede ich und Du wartest, bis ich fertig bin!“ ergreife ich die Flucht und gehe abspülen.

Mit einem Schlag fühle ich ihn überhaupt nicht mehr. Dafür sehe ich ihn jetzt zum ersten Mal mit den Augen, mit denen vor allem die besorgten Hospitaleros ihn wohl die ganze Zeit schon sehen.

Leider muss ich Luca schon wieder enttäuschen, indem ich mich um 21.00 ins Bett verabschiede. Er ist komplett überrascht, aber ich verabrede mich mit ihm für Santiago. Er nimmt morgen den Bus, um seinen Pilgerfreund einzuholen, läuft dann bis Finisterre, und an meinem letzten Tag sollte er eigentlich auch wieder in Santiago eintreffen. Luca wäre nicht Luca, würde er nicht einen festen Termin abmachen wollen. Nachdem ich wirklich noch nicht weiß, was bin dahin ist, sage ich, der Camino wird uns schon wieder zusammenführen, wenn es so sein soll. Er lacht. Heute in den Bergen habe ich ihm von dieser Art Lebensmotto von mir erzählt. Eigentlich ist es

„Gott gibt einem nicht, was man will, sondern was gut für einen ist“.

Für Luca hatte ich Gott durch Camino ersetzt, und er war so begeistert davon, dass er direkt sein Schreibzeug hervorgekramt hat.

Vielleicht sollte ich mir dieses Motto auch jetzt vor Augen halten. Was ich will, habe ich wirklich nicht bekommen. Dass es vielleicht gut war, ist naheliegend. Trotzdem fühle ich mich eklig leer und enttäuscht, ich fühle mich einfach nur wie „ich“, allein mit meinem Kopf, Seele und Herz. Keine Bahnen und Bindungen zu anderen Pilgern, die weh tun oder Wärme spenden oder einfach ein Gefühl von Nähe geben. Ich glaube, am meisten mag ich diese Bahnen, weil sie magisch sind und sie sich anfühlen, als ob jemand über mir sie legt und lenkt.

Ich packe meinen Rucksack wieder vor und lege die Stirnlampe neben das Bett. Wenn Kristian morgen aufsteht, will ich weg sein.

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Eine Strophe aus dem Kinderlied „Zwischen Berg und tiefem Tag saßen einst zwei Hasen“ beschreibt den Morgen in Perfektion:

„Als sie sich nun aufgerappelt hatt’n und sich besannen, ob sie noch am Leben, Leben war’n hüpften sie von dannen.“

Ich kann es kaum glauben, als ich morgens aufwache. Ich bin weder erfroren, noch rennen Ratten über das Bett. Draußen wird es schon hell, und weder hat nachts ein wilder Mann meine Tür eintreten wollen noch habe ich vor Ängsten und Alpträumen die halbe Nacht wachgelegen. Ich bin ehrlich verwundert.

Umso neu belebter packe ich recht schnell meine Sachen zusammen und schiele aus dem Spalt über der Tür. Draußen zeigen sich unglaublicherweise die ersten Sonnenstrahlen. Eigentlich hätte ich die schwarz-weiß-Umgebung von gestern erwartet, grau in grau mit Schneematsch. Statt dessen klar und sonnig. Und so einladend, dass ich mich auch schon traue, loszulaufen. Tomás streunt auch bereits um seine Hütte herum. Vielleicht ist er heute besser gelaunt oder es macht einfach die Sonne, auf jeden Fall wirkt er richtig freundlich, als er nach meiner Nacht fragt und ob ich Frühstück will. Ich bin höflich, alles prima, aber will dann doch schnell von hier weg.

Ein paar hundert Meter entfernt bleibe ich dann etwas außer Atem stehen, packe erstmal etwas zum Frühstücken aus und genieße den wunderschönen Ausblick. Der Nebel lichtet sich gerade über dem winzigen Dorf Manjarín, Sonnenstrahlen brechen überall durch, und die ersten Pilger aus Foncebadón überholen mich schon. Sie sind unbeschwert und glücklich, und es fühlt sich ganz komisch an, dass ich hier als einzige das Gefühl habe, als wäre die Welt gestern untergegangen – und heute neu erschaffen worden. Und ich bin mit dabei.

Der Weg hier ist für mich die Königsetappe des Jakobswegs. Hier trifft man zum ersten Mal auf die Berge, läuft in luftiger Höhe inmitten von Berggipfeln, die Vegetation ist eine ganz andere, und ich habe immer wieder das Gefühl einer Reise durch Zeit und Raum. Kaum hat man den höchsten Punkt erreicht, beginnt ein recht anstrengender und steiler Abstieg über Gestein und Geröll, der Staub und die ungeschützte Hitze erinnern mich an Wüste. Das erste Dort, welches nach einer gefühlten Unendlichkeit sichtbar wird, El Acebo, erinnert an ein Schweizer Bergdorf und ist ziemlich pittoresk.

Dann geht es in die Hitze Korsikas oder Korfus durch verschlungene Pfade voller Kastanienbäume und hoher Ginstersträucher, bevor mit dem kleinen Touristenstädtchen Molinaseca wieder spanische Caminorealität einkehrt.

Ich bekomme ein noch ofenwarmes Minibaguette und passiere wie auch im Vorjahr wieder eine Bushaltestelle, an der eine Gruppe Pilgertouristen wartet. Ein merkwürdiger Anblick. Aber im Gegensatz zu letztem Jahr, als ich das eher verachtet habe, bin ich diesmal milder gestimmt und einfach dankbar, dass ich die Möglichkeit, Zeit und Kraft habe, den Camino in seiner vollen Dimension zu genießen.

Vor der alten Herberge in Molinaseca mache ich meine Mittagspause. Eigentlich wollte ich hier dem Hospitalero einen Besuch abstatten, aber die Herberge ist noch geschlossen. Kein Wunder, es ist ja auch erst Mittag, und bei den ohnehin wenigen Pilger, die sich um diese Zeit im April auf dem Weg befinden, rückt Alfredo sicher erst gegen Abend an. Er betreut noch eine modernere Herberge auf der anderen Straßenseite und pflegt mit seinem Auto hin- und herzugondeln, um beides im Auge zu haben. In sofern halte ich nach seinem Auto Ausschau, vielleicht kommt er ja doch noch vorbei. Tut er nicht, dafür kommt die mütterliche Spanierin vorbei und leistet mir Pausengesellschaft. Es tut gut, ihr von meiner Nacht in Manjarín zu erzählen, das Ganze verliert seinen Schrecken und klingt eher abenteuerlich und spektakulär. Beim Thema Hygiene kreischt sie begeistert in den höchsten Tönen – ich bin direkt erleichtert, dass zu ihrem Weltbild vom deutschen Pilger außer eiskalt duschen nicht auch noch gehört, dass Deutsche gern im Dreck wohnen und gern erfrieren.

Schweren Herzens verlasse ich Molinaseca, ohne Alfredo getroffen zu haben. Die Spanierin hat es ein bisschen eilig. Sie hat einen Anruf bekommen, dass sie früher als geplant wieder arbeiten kommen muss, und nun möchte sie noch so viel wie möglich vom Weg mitkriegen. Statt wie ich nach Ponferrada will sie noch 2 Stunden weiter.

Ponferrada erreiche ich gegen 15:30 – und bin schon wieder etwas erschlagen von so viel Stadt. Schon aus der Ferne sieht man rauchende Industrieschlote, etwas, was mir so auf dem ganzen Camino nicht so aufgefallen ist. Allerdings sieht man die Orte natürlich selten so schön aus der Vogelperspektive wie heute. Die Herberge soll laut Führer ein kleiner Overkill sein, 300 Betten, auch das Größte, was ich je erlebt habe.

Vor Ort bin ich aber positiv überrascht. Zentral, aber doch ein ganz kleines bisschen abgelegen ist ein großes, abgetrenntes Areal, auf der einen Seite die Herberge, auf der anderen eine kleine Hauskapelle. Bevor die Herberge um 16.00 öffnet, ist man eingeladen, auf den Bänkchen in der kleinen Gartenanlage zu warten. Dort wartet bisher erst die lockenköpfige Französin, wieder einmal freudestrahlend, die Erste zu sein. Ihre Kommunikation geht auch immer nur dahingehend, sich selbstzufrieden auf die Schulter zu klopfen oder, wie es eine Freundin sagen würde, sich selbstzubeweihräuchern.

Pünktlich wird geöffnet, mittlerweile sind es doch etwa 30 Leute, die in der akribischen Schlange an der Rezeption warten. Alles ist sehr neu, sehr weiß, sehr sauber und eben etwas akribisch und perfekt. Allein schon die 4 Betreuer, die sich um die Organisation kümmern. Sobald ein gleichgeschlechtliches Grüppchen à 6 komplett ist (und nur dann), wird in das Schlafgemach geführt. Mein Grüppchen ist tendenziell eher älter, sodass mich die Betreuerin mit missbilligendem Blick darauf aufmerksam macht, dass die Jüngeren die oberen Betten belegen. Der Raum ist recht beengt und intuitiv könnte ich es mir nett vorstellen, alle nur halb zu belegen, aber ich fühle mich so wohl, dass ich gar nicht genervt sein kann. Nach der gestrigen Nacht ist diese Herberge wie für mich gemacht, die Sauberkeit und Organisation und Sicherheit macht mich ganz high.

Ich kann wieder heiß duschen, es fühlt sich befreiend an. Dann mache ich mich auf die Suche nach einem Supermarkt und treffe wieder auf einen absoluten Hypermarkt. Ein ganzes Regal fantastischer Nussmischungen, ein ganzes Regal exotischer Fruchtsäfte inklusive meinem heißgeliebten Mandarinensaft, Empanadas, die gefüllten Teigtaschen, Blätterteiggebäck für das Frühstück… für den Nachmittag plane ich ein Riesenomelette, diese Idee spukt mir schon seit meinem ersten Caminotag im Kopf herum. Angeblich holt sich der Körper, was er braucht. Vielleicht verlangen meine Muskeln ja nach Eiweiß und steuern mich deshalb zum Eierregal.

Und ich erfülle mir nach dem warmen Ohrenwärmer in Astorga einen weiteren Luxuswunsch, ich kaufe eine Gesichtscreme. Im Vorfeld habe ich das alles rigoros aus dem Gepäck verbannt nach dem Motto „Schnörkel“, aber nachdem sich mein Gesicht langsam ziemlich schält, kreisen meine Gedanken auch darum. Obwohl ich beruflich eigentlich Kosmetikexpertin bin, stehe ich sehr verloren vor dem Regal. Die spanischen Fachbegriffe verstehe ich nicht, die Marken sagen mir nichts, und nachdem es ja doch so leicht wie möglich sein soll, fällt ein Glastiegel auch flach. Ich hole mir schlussendlich eine perfekt gestylte Verkäuferin zu Hilfe, die mich recht süss und ein wenig hilflos berät. Auf Pilgerbedürfnisse ist sie wohl nicht so recht eingestellt.

Kaum habe ich den Laden verlassen, haue ich mir meine Feuchtigkeitscreme mit Aloe vera in dicker Schicht ins Gesicht. Um ehrlich zu sein habe ich mich vom sehr pflegeproduktbewussten José leiten lassen, der mir immer einen Vortrag gehalten hat, wie wichtig Gesichts-, Hand- und Fußpflege ist – und eben mit Aloe vera. Das Cremchen fühlt sich toll an, sodass ich es zurück in der Herberge auch gleich noch um meine Knöchel herum schiere. Da sieht die Haut nämlich langsam von den scheuernden Stiefelschäften auch schon etwas merkwürdig aus.

Ich mache mich in der riesigen Küche breit, leider gibt es weit und breit kein Öl. Ich frage die Betreuerin, die aber auch nur mitleidig lächelt (vielleicht habe ich statt Öl ja auch wieder Essig oder etwas ganz anderes gesagt). Ein kleines Männchen im Blaumann, der den Damen gerade Wechselgeld bringt, wedelt allerdings vielsagend mit den schmutzigen Händen und schleppt mir eine Flasche Öl an – ich bin selig. Ich koche mit zwei Spaniern, die sich ein atemberaubendes (und sehr gesundes) Menü schnitzeln, und habe direkt ein schlechtes Gewissen, als sie meine schön aussehende Tortilla loben. Tortilla ist gut, ich habe 4 Eier verquirlt.

Beim Wäschewaschen hinter dem kleinen Kirchlein treffe ich Helmut wieder, der mir dröhnend seine letzten Tage zusammenfasst. Eine Amerikanerin wäscht auch mit, und nachdem sie fusslahm ist, hat sie heute eine Minietappe von Molinaseca hingelegt. Ich erkundige mich begeistert, ob sie in der alten Herberge war und Alfredo getroffen hat. Hat sie der Beschreibung nach. Schön.

In meinem Zimmer lagert eine silberhaarige ältere Dame dahingestreckt auf ihrem Bett und moniert den Ausblick. Ich bin heute in Superstimmung und denke also nur „wozu aufregen, ich muss ja nicht mit ihr reden“. Statt dessen erkunde ich die große Herberge und den Lesesaal, einen riesigen Raum mit verstreuten Sesseln und Sofas und einem Bücherregal voller zumeist gläubig angehauchter Bücher in allen möglichen Sprachen. In den Sesseln sitzen frischgeduschte grauhaarige Männer und lesen in Bibeln – ein unbeschreiblicher Frieden, und welch ein Balsam für meiner Seele.

Weiter hat es zwei Computer mit Internet, und nachdem ich meiner Mutter schon lange kein Lebenszeichen mehr geschickt habe, eigentlich seit vor León nicht mehr, logge ich mich ein. In meinem Postfach ist eine Mail von José, was mich total überrascht. Dass er sich melden würde, hätte ich eh nicht unbedingt gedacht, und vor allem nicht, während ich noch unterwegs bin. Er ist ein Verfechter von Abgeschiedenheit und liest seine Mails unterwegs nie.

Die Mail füllt den Monitor, und noch einige Seiten mehr. José schreibt mir alles, was ich vielleicht während des Caminos gerne gehört hätte, und noch viel mehr. Es beginnt damit, dass er ständig an mich denken muss und dass ich das Beste gewesen wäre, was ihm auf diesem Camino passiert wäre. Ich hätte ihm das Vertrauen zurückgegeben, dass es auf dieser Welt noch Frauen mit Werten, Prinzipien, Glauben und Schönheit hätte, die es zu suchen lohnt. Meine beschriftete Tüte hätte er zu Hause in ein Schmuckkästchen gelegt, denn für ihn wäre sie ein Juwel. Er wäre den einen Tag extra 27 km gelaufen, um mich einzuholen, in Mansilla de las Mulas hätte er rumgefragt, und eine Hospitalera hätte mich vorbeilaufen sehen. Das hätte ihn beruhigt. Offensichtlich dachte er, ich wäre den einsamen Weg gelaufen, und hatte sich Sorgen gemacht. In León hat er dann auch gleich noch die Herbergen abtelefoniert und sich gefreut, dass ich demnach gut auf dem Weg bin.

Er bedankt sich tausendmal für meine Gesellschaft auf dem Camino und mein großes Herz, dass alle um mich herum mit Liebe überschüttet (offensichtlich verwechselt er da etwas. Ich erinnere mich nur, dass ich so richtig viel gezickt habe). Und der Knüller in zwei Zeilen am Schluss: egal, wo ich am Wochenende bin, er kommt mich besuchen. Ich bin platt und sprachlos und sprachlos und platt.

Zu der Freude, ihn demnach wiederzusehen, und dem versöhnlichen Gefühl, dass nicht nur er mir einseitig etwas bedeutet hat, mischt sich aber auch etwas wie Panik und Widerwillen. Ich habe mich so mühsam freigekämpft, bin gerade dabei, wieder eigene Kraft und Eigenständigkeit zu entwickeln und zu genießen. Zudem erdrückt mich diese Erwartungshaltung. Ich bin kein guter Mensch, erst recht nicht die Reinkarnation von Werten und Großherzigkeit. Sollte man das Märchen nicht vielleicht lieber im besten Moment auf dem Höhepunkt der Illusion beschließen? So fällt meine Rückmail an José dann wohl auch etwas zurückhaltend aus.

Ich schwebe beschwingt auf einem Wattewölkchen die Treppe hinunter, wo ich voll in die beiden Dänen aus Astorga laufe. Auch heute sind sie wieder geduldig und lächeln mich schweigend und freundlich an, während ich ihnen mein Melodram von gestern schildere, das nach dem dritten Erzählen langsam an Schrecken verliert und sich wohl der objektiven Realität annähert, nämlich dass ich eine Nacht allein in einer Herberge verbringen musste, was nicht ganz so unterhaltsam war wie sonst, und dass es kalt war und ich mich deswegen nicht bis spät in die Nacht sonnen konnte.

Ich besuche die Messe in der kleinen Kapelle, in der der kleine Mann im Blaumann schon geschäftig die Lichter anzündet und rückt und richtet. Trotz vergleichsweise vielen Pilgern in der Herberge kommen nicht einmal 10 zu der Messe. Helmut ist wieder mit dabei, sowie die beiden Jungspunde aus Astorga, die (ich habe es mir fast gedacht) nicht viel mit Gott am Hut haben und die ganze Zeit nur Kichern und sich über alles lustig machen. Ich bin schon fast geneigt, sie rauszuwerfen, meine Messe ist mir heilig, aber zum Glück beginnt die Predigt. Vielmehr fängt der kleine Blaumann an, einen Segen zu sprechen und zu erklären, dass er sich nicht umzieht, wenn es recht ist, man hat ja so viel zu werkeln. Ich bin baff.

Er strahlt große Begeisterung für seinen Beruf aus, ebenso wie für die Gestaltung des Gottesdienstes. Wir lassen eine Kerze durch die Reihen gehen, bei der jeder etwas dazu singen oder beten oder auch nur denken kann. Alle denken. Dann sollen wir ein Liedchen singen, jeder irgendwas. Der Pfarrer rudert ermutigend mit den Händen (er spricht nur Spanisch und ich bin die einzige, die ihn zumindest ganz rudimentär versteht). Glücklicherweise setzt Helmut dröhnend und erstaunlich wohlklingend zu ein paar sehr passenden Kirchenliedern an. Nach dem Gottesdienst sind wir eingeladen, noch in der Kirche zu verweilen, der gute Pfarrer lässt auch extra noch das Licht und die Heizung an. In einem Buch können wir unsere Gebete eintragen, und die betet der Pfarrer dann für uns bis zum angegebenen Datum. Ich fühle mich in der Kirche sehr wohl, schreibe für alle Fälle mein Gebet auf und halte die Kerze nochmal in aller Ruhe in der Hand; ich habe recht viel auf dem Herzen, das ich verbeten will, wenn hier gerade mal so eine gute Atmosphäre ist.

In meinem Zimmer liegt die Silberhaarige immer noch an der gleichen Stelle in ihrem Bett, sodass ich sie doch anspreche. Sie kommt aus Neuseeland und hat etwas sehr erhabenes. Zu den perfekt gepflegten Haaren trägt sie Perlenohrringe. Aber entgegen meinem ersten Eindruck ist auch sie eine gute Pilgerin, wenn auch im Moment vielleicht etwas verzweifelt, da am Ende der Kräfte und wohl etwas allein. Sie hört gar nicht mehr auf zu erzählen, offensichtlich hat sie in der Herberge hier keine Freunde und vielleicht auch sonst nicht viel Gelegenheit zum Austausch. Der Camino erfüllt sie mit einer großen Ehrfurcht. Mit Tränen in den Augen und ungläubigem Kopfschütteln erzählt sie mir von immer neuen Erlebnissen, davon, dass ihr Einheimische einen Kaffee oder einen Stuhl angeboten hätten, dass ihr ein Pilger in den Bergen ihr Gepäck abgenommen hätte und die schweren Sachen schon mal in El Acebo für sie deponiert hätte. Sie kann es gar nicht glauben, sie ist so erschüttert von so viel Zuneigung ohne eigene Gegenleistung, dass selbst ich die ein oder andere Träne kaum zurückhalten kann. Das ist der Camino, die Magie und die unglaubliche Schönheit.

Wieder im Flur laufe ich Angelo in die Arme, der mit verklärt lächelndem Blick unter seinem hellblauen Ohrenwärmer hervorstrahlt. Er ist erschöpft und gerade angekommen – um 20.00. Er scheint seinen Weg bis ins kleinste Detail zu genießen und auszukosten. Ich freue mich unheimlich; auch wenn wir gar nichts reden, ist seine Anwesenheit einfach nur schön. Mit seinen dunklen Augen strahlt er mich einfach in Zeitlupentempo an, bringt nach einer Minute vielleicht ein „meine Peregrina“ heraus, strahlt noch mehr und strahlt noch weiter. Ein faszinierender Mann.

Zwei Meter weiter hält mich eine junge Frau an. Sie spricht Englisch, und vielleicht bin ich noch im Bann von Angelos Langsamkeit, jedenfalls raffe ich überhaupt nichts. Sie redet von Hospitalero und Molinaseca und Freundin und Amerika. Langsam verstehe ich, dass sie die Freundin von der Amerikanerin vom Waschen ist, die ihr wiederrum erzählt hat, dass ich Alfredo kenne, der da wäre. Da wäre? Ich verstehe nichts. Sie schiebt mich etwas nachdrücklich in den großen Aufenthaltsraum und lenkt meinen Blick an den Hospitaleratisch, als ob ich schwer von Begriff wäre (bin ich ja auch). Und Tatsache, da steht Alfredo. Der Groschen fällt, und ich bedanke mich bei ihr wieder in normaler Geschwindigkeit, was sie offensichtlich erleichtert. Lustigerweise hätte ich vorher nicht mehr sagen können, wie Alfredo überhaupt aussieht, aber jetzt, wo ich ihn vor mir sehe, ist alles wieder da.

Wie ich von José gelernt habe, ein guter Spanier bespaßt immer die Hospitaleras, so natürlich auch Alfredo. Als ich mich nähere, wird er plötzlich stutzig und hält mitten im Satz inne. Offensichtlich geht es ihm ähnlich, und mit einem Schlag kommt eine Erinnerung zurück. (Für einen Moment spukt mir panisch durch den Kopf, ob ich ihm letztes Jahr nicht vielleicht doch eine Bettwanze eingeschleppt habe, die sich dann explosionsartig vermehrt hat, und vielleicht hat er mein Gesicht auf einem imaginären „wanted-dead or alive“-Plakat in seinem Gedächtnis). Als der Groschen bei ihm fällt, bricht er in dröhnendes Lachen aus (also doch keine von mir verschuldete Bettwanzeninvasion) und lacht sich kaputt, dass ich Verrückte schon wieder auf dem Camino bin und mich noch an ihn erinnere. Lustigerweise hat er mich nicht an meiner charakteristischen Gestalt erkannt (doppelt so lang und dreifach so dünn wie die typische Pilgerin), sondern an den Augen. Nach dem frisch diagnostizierten großen Herz wundert mich jetzt auch das nicht mehr.

Ich rede ein paar Minuten mit ihm, er erzählt von einer Herberge in Finisterre, die er plant, und ich buche mich als die erste Hospitalera ein, wenn das Ding dann wirklich mal steht. Alfredo ist ein ganz faszinierender Mensch (wer hier eigentlich nicht?), einerseits fühlt man sich bei ihm wie bei einem Pilger mit Leib und Seele (was er ja auch immer wieder ist), andererseits hat er im Gegensatz zu José und Angelo etwas sehr lebensnahes, und seine sehr intensiven, dunklen Augen können sicher auch eine starke männliche Faszination versprühen.

Ich muss mich ins Bett sputen, es ist schon 22.00 und damit offizielles Lichterlöschen. Im Bett bin ich noch überhaupt nicht müde. Ich fühle mich so sicher und so wohl, in dieser wunderschönen Herberge, nach dieser sehr persönlichen Messe, nach diesem sonnigen Tag wie neugeboren. Ich habe die Dänen wieder, Angelo, Helmut, irgendwie auch José, Alfredo wiedergesehen, und dank der Lady im Bett unter mir habe ich auch wieder die unglaubliche Magie des Caminos verdeutlicht bekommen. Warum auch immer der liebe Gott mich gestern scheinbar verlassen hat, heute ist er wieder sehr, sehr nah.

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In meinen Planungen der kommenden Tage und Wochen verspricht der heutige Tag ruhig und unspektakulär zu werden. Keine Berge, keine lange Strecke. Auf Ponferrada mit der Templerburg freue ich mich; leider erreiche ich die Stadt bereits nach weniger als 2 Stunden; die Geschäfte haben zwar schon offen, die Burg öffnet aber erst um 11 ihre Tore. 2 Stunden warten möchte ich nicht, und so laufe ich nach ein paar Fotos weiter.

Dafür finde ich einen tollen Supermarkt. Eigentlich ist es völlig egal, ob ein Laden 50 Artikel hat oder 50 000, denn meine Einkäufe sind eh immer gleich praktisch und limitiert. Trotzdem erfreue ich mich fast eine halbe Stunde an der Auswahl, erstehe statt des üblichen Baguettes ein tolles Kürbisbrötchen, das sogar innen kürbis-orange ist, und kaufe statt des billigsten abgepackten Käses heute an der Bedienungstheke. Die Verkäuferin ist sehr nett und zuvorkommend, ich lasse mir einen beliebigen Käse von ihr empfehlen, wir fuchteln beide wild mit den Armen bei der Auswahl, ob er viel oder wenig Aroma haben soll. Meine einkäuflichen Tageshighlights sind meine Dosen, je nach Laune Kás, Cola, Schweppes, Tonic…

Der Weg geht durch die Stadt; wie in León bin ich unsicher und folge lieber den Rucksäcken vor mir als den Anschluss zu verlieren und nach den Markierungen laufen zu müssen, die ich schon seit der Templerburg nicht mehr so wirklich sehe.

Bis zu meinem heutigen Etappenziel Cacabelos geht es für mein Empfinden nur an asphaltierten Straßen entlang. Ich bin etwas unleidig und enttäuscht.

Die Herberge ist faszinierend; um eine Kirche herum sind lauter kleine 2-Bett-Zimmerchen gebaut. Ich muss an meinen Freund denken und wie schön es gewesen wäre, wenn wir auf unserem Camino so eine Privatsphäre gehabt hätten. Statt dessen teile ich mein Zimmer mit einer Französin aus der Großgruppe von gestern und fühle mich rein gar nicht wohl. So schön ein Zweibettzimmer mit jemand Bekannten ist, so beklemmend empfinde ich es jetzt mit jemand Fremden. Mein Französisch ist völlig eingerostet, ich kann mich überhaupt nicht ausdrücken und fühle mich total idiotisch. Wie immer langweile ich mich, weil noch nicht viele Leute da sind und die wenigen in ihren Zimmerchen sind. Die, die herauskommen, sind Deutsch und sitzen auf den Bänken im Hof, als säßen sie zu Hause auf dem Sofa. Ich frage mich, ob alle Pilger ähnliche Themen haben. Für den Moment habe ich jedenfalls das untrügliche Gefühl, dass keiner so einen Blödsinn verzapft wie die Deutschen, und ich bin mir nicht sicher, ob das nur daran liegt, dass ich die anderen Sprachen nicht so gut verstehe.

Endlich sehe ich ein bekanntes Gesicht; einen Spanier, mit dem ich in Rabanal kurz gesprochen habe. Auch er spricht nur Spanisch, und während ich beim ersten Treffen irgendwie nie wusste, was er jetzt gesagt oder gefragt hat, haben wir heute mit etwas mehr Ruhe eine tolle Verbindung. Er erzählt von seinem Beruf und seinem Psychologie-Studium nebenher. Wahrscheinlich hat er dabei etwas von seinen Zuhörerqualitäten abbekommen. Er schaut mich ermutigend, ruhig und freundlich an, während ich mit meinem 50-Worte-Wortschatz wild vor mich hinpuzzle, um mich verständlich zu machen. Er wartet, bis ich selber zufrieden mit meinem Satz und meiner Aussage bin, anstatt mir hilfreich Worte in den Mund zu legen. Aber trotz der Mühen des Studiums nebenher arbeitet er nicht als Psychologe, was ich nicht recht verstehe. Es gibt zu wenig Geld, erklärt er. Ob er das nicht vorher gewusst hätte, will ich wissen. Doch. Ich bin etwas ratlos und frage, ob es denn wenigstens ihm etwas gebracht hat, ob man mit so einem Studium schlauer ist und sich und andere Menschen besser verstehen kann. Er lächelt mich weiterhin auf seine etwas schiefe Weise an, zieht seinen Pullover an den Armen etwas hoch und zeigt mir die Innenseiten. Im nächsten Augenblick ist er aufgestanden, macht ganz oft verlegen „pst“ und ist weg. Ich bin etwas überrascht; mein erster Gedanke ist, dass ich schon schlimmere Schnibbler gesehen habe und bei ihm ja eigentlich gar nicht viel war. Im selben Moment dämmert mir aber, dass es pro Seite exakt eine große Narbe war, diese dafür riesig und voll über die Pulsadern.

Ich bin mal wieder total geplättet und durcheinander; auf diesem Camino passieren laufend Sachen, auf die ich noch keine eingeübte oder durchdachte Reaktion auf Lager habe. Ich habe das Gefühl, gerade etwas mitgeteilt bekommen zu haben, was noch nicht oft weitergegeben wurde. Ich weiß nicht, warum er es gerade mir mitgeteilt hat. Ich bin tief bewegt, und meine Gebete, die mir mittlerweile schon wie selbstverständlich über die Lippen kommen, widme ich heute ganz eindeutig diesem Spanier.

Am anderen Ende meiner Bank lässt sich die Oregano-Koreanerin nieder. Sie scheint wie ich lieber die Supermärkte als die Restaurants unsicher zu machen und packt lustige Spießchen und eine Dose mit dubiosen Meeresfrüchte aus. Ich kann mir doch nicht verkneifen, sie zu fragen, was das ist. Sie schaut die Dose interessiert an, zuckt mit den Schultern und gibt ein fragendes „Hm?“ von sich. Sie weiß es selber nicht, aber sie kauft halt immer mal irgendwas. Ob es denn dann auch schmeckt, will ich wissen. Wieder sinniert sie, bevor sie „maybe?!“ sagt. Ich stelle fest, dass sie gar nichts gegen mich haben muss, sie ist nur einfach ziemlich schüchtern, sehr unsicher mit ihrem spärlichen Englisch und ganz abgesehen davon einfach ein cooles Persönchen. Sie ist gerade mal 23 Jahre alt, von der Statur nicht unbedingt zum Pilgern geboren und ganz schön weit weg von zu Hause. Ob ich nun frage, ob sie da keine Angst vorher hatte oder Bedenken oder ob es hier anders ist oder ob das Laufen anstrengend ist, immer lächelt sie etwas in sich hinein, scheint nachzudenken und fabriziert dann ein „maybe?!“, „mhm, why not?“ und „mhm, yeah“. Sie ist echt abgebrüht, durch nichts aus der Ruhe zu bringen und vor allem ein hemmungsloser Optimist. Meine Routenplanung liegt wie jeden Tag ausgebreitet vor mir, ich wälze jeden Abend 3 Führer und denke die nächsten 2 Wochen in allen Eventualitäten durch (und werde dabei natürlich auch nicht wirklich schlauer). Der morgige Tag bereitet mir auch super Kopfzerbrechen. Als ich sie frage, wo sie denn langgeht und was sie davon denkt und mit welchem Führer sie plant, guckt sie entgeistert. Sie hat eigentlich gar keinen Führer, und eine resolute Spanierin hat ihr mal eine kopierte Seite in die Hand gedrückt, damit sie wenigstens weiß, wo Herbergen sind. Aber sie sieht mir so aus, als ob ihr eigentlich schon das nicht wirklich notwendig erscheint. Sie läuft halt mal so, und wenn eine Herberge kommt, schön, und wenn keine kommt, dann geht mal halt bis zur nächsten weiter. Unsere Lebensmodelle und Herangehensweisen unterscheiden sich aufs Extremste, aber zumindest für den Moment erscheinen mir ihre deutlich vernünftiger.

Irgendwann finden wir uns auf ernstem Terrain wieder. Sun lächelt zwar immer noch auf die gleiche reservierte Art und ihr Gesichtsausdruck ist immer der gleiche, aber auf einmal sieht sie nicht mehr nur cool und mit einem sonnigen Gemüt gesegnet aus. Was ihre Familie dazu sagt, dass sie so allein in der Ferne pilgert (wo doch schon meine Mutter aus dem Häuschen ist). Sie würden nichts dazu sagen, es wäre ihnen egal. Vermissen würde sie sie auch nicht, ihren Bruder würde sie gar nicht mögen. Ich halte es für dahingesagt, aber sie beharrt darauf, er wäre nicht nett zu ihr. Ich erhalte einen kurzen Einblick in eine Familie, in der eine Tochter wenig zählt und in der man sie wissen lässt, dass sie unwichtig, unerwünscht und ein Nichts ist. Sun steht mit verschränkten Armen, trotzigem Gesichtsausdruck und etwas glasigem Blick vor mir im Innenhof der Kirche, und mir tut es in der Seele weh. Da fühle ich mich oft allein oder benachteiligt, aber ich habe eine Familie zu Hause, die mich liebt, wie ich bin, obwohl ich oft enttäusche. Die mich mein Leben lang unterstützt und aufgebaut hat und hinter mir steht. Ganz vage habe ich einen Eindruck vor Augen, wie sich Sun seit zwei Jahrzehnten allein mit den verschränkten Armen und dem trotzigen Gesichtsausdruck durchs Leben kämpft und wie sie seit Jahren ununterbrochen auf Reisen ist. Vielleicht nicht nur aus Spaß und Freude am Reisen, sondern weil sie etwas sucht.

Nach den Gesprächen mit dem Spanier und Sun habe ich das Gefühl, als wäre die Engländerin aus der Messe in Rabanal in meinem Kopf. Nur schmettert sie diesmal wutentbrannt „so who are you to complain?!“.

Ich gehe abends in die Messe (so bequem direkt vor der Tür hatte ich es schon lange nicht mehr) und gehe früh schlafen. Im Waschraum höre ich wieder die Engländerin in meinem Kopf, als ich eine Pilgerin sehe, die sich abschminkt und dazu auch ihre Perücke abgenommen hat. Auch treffe ich eine Deutsche wieder, die ich in Astorga kurz getroffen habe und die in Molinaseca in der gleichen Herberge war und vor lauter Bauchkrämpfen ziemlich hoffnungslos war, überhaupt einen Schritt weiter gehen zu können. Ich freue mich für sie, dass sie trotzdem diese ordentliche Etappe geschafft hat. Ihr Rucksack bereitet ihr Kopfzerbrechen, und sie plant für morgen eine komplett andere Lastenverteilung.

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Der Morgen beginnt etwas unerfreulich. Gestern noch ein kleiner morgendlicher Käfer, heute der ein oder andere juckende rote Fleck. Aus Erfahrung ahne ich, dass es sich um Bettwanzen handelt. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, aber solange die Herrschaften in dem Bett geblieben sind und sich nicht in meinem Rucksack verkrochen haben, soll es mir kein Drama sein.

Ab Rabanal geht es ordentlich den Berg hoch, durch einsame Dörfer, umrankt von Schauergeschichten von Hape Kerkeling über wilde Hunde. Vor Hunden habe ich so oder so schon ziemlichen Respekt, trage meiner straffen Gewichtsplanung zum Trotz einen Pfefferspray mit mir herum und sehe dem großen Abenteuer mit gemischten Gefühlen entgegen. Bei Sonnenaufgang überwiegt dann aber doch die Freude auf die Berge, dort bin ich richtig zu Hause, dort bin ich belastbar und kann meinem Körper voll vertrauen und mich auf meine Kondition verlassen.

Auf der Straße richten die beiden Belgierinnen ihre Satteltaschen, Leuchtwesten und Helme. Wir wünschen uns herzlich einen guten Weg, und ich denke noch einige Minuten darüber nach. Pilger sind höflich und man wünscht jedem einen guten Weg, aber selten hatte ich das Gefühl, dass so viel in den Worten mitschwingt.

Einen guten Weg wünsche ich schweren Herzens auch meiner kleinen Kanadierin. Schon gestern konnte sie abends kaum mehr auftreten. Bei diesem Abschied weiß ich, dass ich sie abends nicht mehr in der Herberge treffen werde und wir uns nicht mehr wiedersehen werden. Ich bringe nicht den Mut auf, sie nach ihrer Email zu fragen und damit zuzugeben, wie ich ihren Zustand einschätze und dass ich nicht auf sie warten werde. Ich bin sicher, dass sie sich notfalls auf den Händen nach Santiago durchkämpfen wird. In meinem Herzen trage ich sie immer bei mir als meinen Engel der ersten Tage.

Bei strahlendem Sonnenschein stapfe ich munter den Berg hoch. Es ist noch kühl und einfach schön. Nach einiger Zeit radelt es auf der Straße parallel zu meinem Weg – es sind die Belgierinnen, und wir winken uns begeistert zu. Unsere Wege kreuzen sich noch oft auf dem Aufstieg, wir winken wie die Weltmeister und holen wahrscheinlich alles nach, was die Mädels in den vergangenen Tagen an überraschenden Wiedererkennungen auf dem Weg vermisst haben. Und es ist ein beflügelndes Gefühl, ebenso schnell wie die Fahrräder den Berg hinauf zu fliegen.

Die einsame Stadt voller Ruinen und wilder Hunde ist natürlich gar nicht einsam, und einmal kommen mir zwar große Hunde entgegen, sie trotten aber völlig ungerührt den Weg entlang und nehmen nicht mal Notiz von mir, die respektvoll einen Meter zur Seite tritt. Trotzdem ist Foncebadón beeindruckend und mystisch, und von der Höhe hat man eine schöne Aussicht.Der Weg ist wunderschön einsam, ich sehe vor und hinter mir niemanden. Hohes, weißgelbes Gras wogt um den schmalen Pfad, Heidekraut und Ginster setzen Farbakzente. Ich fliege dahin, schwinge kraftvoll die Flügel, ich lebe.

Ich erreiche das Cruz de Ferro, einen Punkt, auf den ich mich im Vorfeld auch sehr gefreut habe. Das Gebet, welches man am Kreuz und Steinhaufen mit Beiträgen aus aller Welt zu beten hat, während man seinen Stein niederlegt, lautet: „Herr, möge dieser Stein, Symbol für mein Bemühen auf meiner Pilgerschaft, den ich zu Füßen des Kreuzes des Erlösers niederlege, dereinst, wenn über die Taten meines Lebens gerichtet wird, die Wagschale zugunsten meiner guten Taten senken. Möge es so sein“.

Das Kreuz ist gut besucht, jeder Pilger scheint dort Rast zu machen, lässt das berühmte Foto von sich machen und legt seinen Stein nieder. Trotz des Trubels kann ich mich konzentrieren und meine Gedanken an den lieben Gott richten. Das Gebet bewegt mich sehr, ebenso das Kreuz an sich. Neben einigem Plunder hängen viele Fotos und tiefchristliche Bitten. Ich kann mir vorstellen, welch Sorgen sich um manche der Personen auf den Fotos ranken und mit welch schwerer Last hier viele gestanden haben. Viele, die wirklich das Gefühl hatten, diesen Stein ablegen zu müssen, um glücklich zu werden und um Glück zugeteilt zu bekommen. Viele, die darin Vertrauen setzen. Die glauben, dass an diesem exponierten Pfahl, unter diesem Kreuz, der Herr näher ist und ihre Bitten besser hören kann. Die keinen anderen Ausweg mehr sehen, als Gott um Hilfe zu bitten und ihre Geschicke lenken zu lassen.

Und in diesem Moment erscheint mir das rein überhaupt nicht abwegig. Vor einem Jahr bin ich den Weg sportlich und kulturell motiviert gelaufen, und hier stehe ich nun, mir laufen die Tränen und ich bin tief bewegt. Schon seit Tagen kann ich in guten Momenten meine Gedanken an Gott richten, aber mein Leben lang habe ich sie wie als Kind in den endlosen, schwarzen Himmel geschickt. Hier stehe ich nun und denke meine Gedanken, als säße Gott keine 2 Meter von mir entfernt. Ich sehe ihn gefühlsmäßig vor mir, wie er mir zuhört und mich wortlos anschaut, vielleicht schmunzelt und mir sagen will „wie konntest Du denn an mir zweifeln?“ oder „hey, ich bin doch immer bei Dir, wenn Du mich brauchst“.

Freudenschreie reißen mich aus meinen Gedanken. Die Nachzüglerschwester ist mittlerweile eingetroffen und hat einen Zettel von ihren Schwestern gefunden. Sie sind einen Tag vorher hier vorbeigekommen, und sie ist komplett aus dem Häuschen, dass sie nur einen Tag vor ihr liegen, in greifbarer Nähe, und an sie denken.

Die Belgierinnen kommen angeradelt, ich nehme ihr Erinnerungsfoto auf. Obwohl es anschließend abwärts geht und sich unsere Wege definitiv trennen, wollen sie noch meinen Namen wissen. Ich bekomme wieder ein sehr herzliches „buon camino“, diesmal mit meinem Namen, und bin rundum glücklich wie schon lange nicht mehr.

Der Abstieg wird beschwerlich. Es ist heiß, man steigt über Felsen und Geröll, meine Vorräte gehen zur Neige und ich werde unkonzentriert. Mit jedem Abstieg spüre ich meine Knie, ich denke an die Kanadierin und die gehunfähigen Frauen in Astorga. Ich gebe mir Mühe, meine Stöcke einzusetzen und mich zu konzentrieren, aber der Weg ist endlos, und ich bin sehr froh, als ich wieder die ersten Dörfer erreiche, ohne gestürzt zu sein. Ein Mercado hat offen, ich kaufe glücklich meine Standardkost, eine große Wasserflasche, 2 Bananen, Brot und Käse.

Ich bin ziemlich erledigt, als ich nach fast 30 Kilometern samt Bergüberquerung mein Ziel Molinaseca erreiche. Aber zum ersten Mal habe ich das Gefühl, auch wirklich etwas geleistet zu haben.

Ich tätige meinen Standardanruf zu Hause, 50 Cent, um zu hören, dass bei meiner Familie alles okay ist, und um meine besorgte Mutter zu beruhigen. Mit gutem Gewissen kann ich meinen eh schon beschlossenen Standardsatz bringen „bin gesund, Wetter fein, ganz viele nette Leute, niemand Gefährliches, Laufen problemlos“.

In der Herberge fragt der Herbergsvater (auch wieder ein überzeugter Nur-Spanisch-Sprecher) nach Blasen. Ich weiß nicht so recht, ob man mit Blasen keinen Einlas bekommt oder Socken tragen muss oder warum er es wissen will. Ich zeige meine zwei kleinen Bläschen und er stürzt begeistert davon. Nur 5 Minuten mit dem Auto zu seiner anderen Herberge. Ich kapiere nichts und hoffe nur, jetzt nicht irgendwas angerichtet zu haben. Er kommt wieder mit einem riesigen Verbandskasten und beginnt, Kanülen in meine Blasen zu stecken und Jodlösung hineinzubugsieren. Er erzählt, dass er die Herberge seit 15 Jahren hat und der Experte ist im Blasen heilen. (Aha, ein medizinisch Bewanderter also). Er hat auch noch die schicke Herberge auf der anderen Straßenseite, aber er mag lieber den Spirit hier, das Puristische, das Echte. Obwohl mir gerade mehr als schlecht wird mit all den Kanülen in den Füßen, ist er mir sehr sympathisch. Nicht jeder versteht meine Gefühle, meine Gedanken, meine Faszination. Ich denke an den aktienverrückten Superman und den bayrischen Informatiker und weiß, dass ich selbst in 4 Wochen Camino keinerlei Seelenverwandtschaft entdecken könnte. Aber der Herbergsvater hier ist selber 20 Mal den Weg gelaufen und hängt furchtbar gern unter den Pilgern ab.

Als ich ihm interessehalber meine roten Stellen zeige und wissen will, ob es Flöhe oder Wanzen sind, wird er sehr unruhig und verlangt sofort meine Sachen zu sehen. Er inspiziert akribisch den gesamten Rucksack, jede Socke, jede Naht des Schlafsacks, will wissen, was ich wann getragen habe und ob irgendwo noch mehr ist. Mir wird überaus mulmig und ich hoffe nur, dass er nichts findet und vollends in Panik ausbricht. Auch die interessierten Mitpilger in der Herberge gucken mich schon ganz und gar unfreundlich an. Aber er findet nichts, ist erleichtert (und ich erst!) und erzählt, dass in den letzten Tagen schon mehr dieser Art passiert wäre. Er will genau wissen, wo ich war und wo nicht und will herumtelefonieren, damit die entsprechenden Herbergen desinfizieren und sich die Wanzen nicht weiter verteilen. Ich verstehe seine sehr plastische Schilderung mit wilder, verzweifelter Gestik, dass mit nur einer Bettwanze nach ein paar Wochen Hunderte, Tausende, Millionen schlüpfen. Trotz grünem Licht für meinen Rucksack ist mir jetzt ordentlich mulmig. Weder will ich seine geliebte Herberge verwanzt haben noch freue ich mich auf Hunderte, Tausende, Millionen in meiner Wohnung in Deutschland.

Mein heutiges Dosengerichtchen ist supereklig, und in der Herbergsküche macht sich eine große Gruppe breit. Alle sind nett, kennen sich aber untereinander, haben genug Kontakt mit sich selbst und sind also nicht so recht offen für neue Kontakte. Ich bin eingeschüchtert und fühle mich etwas fehl am Platz. Der Hospitalero kommt abends noch, setzt sich zu mir auf die Stufen und erzählt vom Pilgern, seinen Idealen, der Faszination. Es ist wunderschön, und vor allem toll, dass ich doch eigentlich kaum Spanisch verstehe, ich aber das Wesentliche voll erfasse.

Ebenso nicht zu der großen Gruppe gehören zwei bildhübsche Italienerinnen. Erstaunlicherweise sind sie höchst erfreut über meine Kontaktaufnahme und unheimlich nett. Bzw. eine kann leider kein Englisch und auch sonst wieder nichts außer Italienisch. Sie sitzt höflich freundlich lächelnd dabei, aber versteht ja kein Wort. Mir ist das furchtbar unangenehm, aber sie wirkt schicksalsergeben und nicht unglücklich.

Ich bekomme etwas Kopfweh und mache mich zeitig auf in den gemütlichen und wirklich urigen Schlafsaal. Beim Zähneputzen erwischt mich der allgegenwärtige Chef des Hauses besorgt und erkundigt sich, ob alles okay ist. Sofort will er wieder den Koffer holen gehen, um mich mit Kopfschmerztabletten zu versorgen. Ich bin gerührt über so viel Engagement für die Pilger und schlafe heute sehr zufrieden und wie immer sehr „reich“ ein.

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