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Archive for Januar 2009

Der morgendliche Blick aus dem Fenster verspricht wie immer Regen, woran wir uns mittlerweile aber schon klaglos gewöhnt haben. Während ich mich in meine Regengarnitur schäle, kommt der Däne nochmal kurz zu mir und meint, dass er sich mit den Etappen doch vertan hätte, er hätte die einsame Strecke verwechselt. Die wäre er doch nicht gelaufen, und das wäre ihm jetzt bei diesem Wetter und den wenigen Pilgern auf der Strecke auch zu riskant. Halleluja. Meine ganze Planung bricht zusammen, und ich entschließe mich, dann eben doch zähneknirschend die langweilige Variante entlang der Straße zu laufen, allerdings bis El Burgo Ranero, 30 km, was mir die Möglichkeit lässt, dann morgen bis León durchzulaufen. Zwar sind das dann 37 km und weit mehr, als ich die vergangenen Tage mit José heruntergeleiert habe, wohl auch mehr, als ich jemals gelaufen bin, aber nachdem mir das jetzt schon lange ein kleiner Dorn im Auge ist, dass mir das keiner zutraut und ich langsam schon selber nicht mehr so ganz sicher bin, kommt mir das gerade gelegen.

José kommt aus dem Bad und ich eröffne ihm, meine Planung umgestellt zu haben. Ich meine damit, dass ich zwar den gleichen Weg gehen werde wie er, aber 7 km weiter als sein geplantes Etappenziel. Wie zu erwarten war, überredet er mich nicht zu einer kürzeren Version und erst recht denkt er nicht über eine längere Etappe seinerseits nach, sodass es jetzt unser endgültiger Abschied ist. Er umarmt mich eine Millisekunde lang, sagt „adios“ und dass wir uns bestimmt bald wieder sehen werden. Ich denke „rutsch mir doch den Buckel runter“.

Ich stapfe durch den morgendlichen Nebel und Regen, und meine Stimmung ist genauso wolkenverhangen. Meine Gedanken drehen sich völlig unsteuerbar im Kreis, ich bin wütend, enttäuscht, alles zusammen, so recht weiß ich eigentlich gar nicht, warum. Im Wesentlichen wohl, weil mir José mehr bedeutet als ich ihm und sich das schwer mit meinem Ego und Stolz vereinen lässt.

Da taucht zum ersten Mal auf diesem Camino ein Sonnenstrahl auf, mitten im frühen Morgendunkel, strahlend hell – und er beleuchtet mal wieder nur mich. Überrascht schaue ich mich um – und meinen Weg überspannt ein Regenbogen. Nach einer Minute ist das Schauspiel auch wieder vorbei, aber das besondere Gefühl bleibt. Hier wollte jemand meine trüben Gedanken aufheitern. Was er mir genau sagen wollte, weiß ich nicht. Ob er nur bei mir ist oder ob meine Entscheidung die Richtige war… auf alle Fälle bin ich wieder entspannt und versöhnt.

Prompt verlaufe ich mich ein bisschen, es scheint zwei Möglichkeiten zu geben, und nachdem meine an der Straße entlang geht, gehe ich wieder zurück zur Kreuzung, weil die andere Variante sicher spannender ist. Ich treffe auf José, der seine morgendlichen 6 km/h herunterspult, er läuft die Straßenvariante – und ich denke „super, so viel zum Thema endgültiger Abschied“.

Ich mache mir ein paar Gedanken über die zurückliegenden Tage. Normalerweise bin ich ja hier, um weiser zu werden, Stärke zu entwickeln und mich besser kennenzulernen. Statt dessen habe ich die letzte Woche kein bisschen nachgedacht. Ein Teil von mir ist wütend, dass die intensive Zeit mit José ein Ende finden muss, aber ich bekomme einen zweiten Regenbogen, als mir dämmert, dass ich vielleicht dankbar sein sollte für das, was ich erleben durfte, anstatt mich in Gramstimmung über den Verlust zu befinden. Außerdem freue ich mich so langsam wie auf ein neues Leben auf meinen neuen Camino, wieder allein, wieder neue Leute kennenlernend, wieder eigenständig.

Kaum habe ich meinen Frieden gefunden, taucht kurz vor Sahagún José wieder auf, und so langsam frage ich mich, was der Veranstalter da oben für mich auf dem Programm hat. Ich bin hier im Minutentakt am Verluste verarbeiten, die sich dann doch nicht als Verluste herausstellen, und am endgültige Abschiede nehmen, die 10 Minuten später doch nicht endgültig sind. Ich beginne, es anstrengend zu finden.

Sahagún ist die erste größere Stadt in der Meseta mit immerhin 3000 Einwohnern. Ich freue mich auf einen Supermarkt, nachdem meine Vorräte aufgebraucht sind und das meiner Stimmung wenig zuträglich ist. José freut sich auf eine Bar zwecks Frühstück. Der Supermarkt kommt zuerst, sodass ich kurz abbiege. Wir denken wie immer, dass sich unserer Wege automatisch wieder kreuzen werden – und so verläuft der endgültige Abschied, ohne dass es uns bewusst wird.

Ich laufe nach Calzada del Coto, wo sich noch ein letztes Mal die Chance bietet, den einsamen, spannenden Weg einzuschlagen. Schweren Herzens gehe ich an der Fahrstraße entlang weiter. Ich erreiche Bercianos del Real Camino, Josés Etappenziel. Das Örtchen sieht nett aus, und erst recht die Herberge, um die sich viele nett aussehende Pilger tummeln. Sie strahlen eine Atmosphäre des Angekommen Seins aus, und es fällt mir noch einmal schwerer, meinen Weg fortzusetzen.

Die folgenden knapp 2 Stunden werden die Schwersten meines bisherigen Caminos. Zwar ist der Weg eben und an der Fahrstraße entlang, der Regen hat aufgehört und es scheint sogar die Sonne, aber in mir macht sich eine endlose Müdigkeit breit. Ich habe konstant das Gefühl, im Gehen einschlafen zu können, zweimal stolpere ich über meine eigenen Füße und kann mich erst im letzten Moment fangen. Jeder Schritt ist unglaublich mühsam und anstrengend.

Ich erreiche El Burgo Ranero und fühle mich emotional total leer. Die Herberge ist hübsch und komplett in Adobe – Bauweise aus einer Art Lehmziegeln gebaut. Der ältere Hospitalero trägt automatisch als Ausgangsort „Sahagún“ ein und ist überrascht, dass ich von weiter komme. Bisher sind nur drei ältere Deutsche da. Sie kommen aus Sahagún und haben die Zeit derweil mit ordentlich Alkohol überbrückt. Der ältere Mann freut sich mit gläsernen Augen und tierischer Fahne sehr über meine Anwesenheit. Ich bekomme glücklicherweise ein anderes Zimmer und haue mich auf mein Bett.

Als ich wieder aufwache, tut mir alles tierisch weh. Mein Rücken, mein Nacken ist komplett verspannt, und als ich auftrete, lassen sich meine Füße überhaupt nicht mehr abrollen. Ich komme kaum mehr die Treppe runter, geschweige denn zum Mercado. Zu meinem emotionalen Vakuum gesellt sich noch ein Körper, der irgendwie in Streik getreten zu sein scheint.

Ich bin abgrundtief verzweifelt. Die alkoholisierten Pappnasen passen mir nicht, und ich vermisse José ganz unendlich. Die vage Hoffnung, er könnte wegen mir bis hierher laufen, habe ich mittlerweile restlos begraben. Ich kann nicht glauben, dass ich freiwillig hierher weitergelaufen bin, nur wegen meinem Stolz, anstatt José noch drei weitere kostbare Tage zu genießen. Und die Etappe war definitiv zu lang, ich bin völlig kaputt und habe meine Grenzen überschritten. Ich kann nicht einschätzen, ob sich diese ganzen Verspannungen in absehbarer Zeit jemals wieder geben oder ob meine Caminoplanung generell hinfällig ist. Eins ist mir auf alle Fälle klar: morgen werde ich auf José warten und mit ihm die Mini-Etappen laufen, sofern meine Füße bis dahin wieder mitmachen. Und von León nach Astorga werde ich einfach einen Bus oder Zug nehmen, dann habe ich ganz stressfrei 2 Tage wieder hereingeholt. Die Idee, morgen 37 km zu laufen, war einfach komplett absurd und eine Selbstüberschätzung sondergleichen. Im Moment kann ich kaum zur Tür humpeln.

Ich koche mir ein schönes, warmes Essen aus Nudeln, Zucchini, Auberginen und der berühmten spanischen Tomatensoße, von der ich zwar nicht weiß, was sie beinhaltet, aber alles, was man mit ihr kocht, schmeckt immer hervorragend. Am Tisch sitzen auch schon die Deutschen, aber wider Erwarten sind sie ganz brauchbar. Der Alkoholseelige hatte vor ein paar Tagen einen fiesen Krampf in der Wade und kann seither nicht mehr laufen. Er nimmt jeden Tag den Bus, und seine zwei Kollegen laufen die Etappe. Einer von ihnen, eigentlich jung und sportlich, abonniert nicht direkt meine Sympathien. Den Camino würde er nie zweimal laufen, also wirklich, da gibt es dann auch Spannenderes zu sehen, und also wenn das Wetter morgen wieder so ein Müll ist, dann setzt er sicher keinen Fuß vor die Tür, dann nimmt er samt seinem fußlahmen Kollegen den Zug, das geht nämlich eh viel schneller. Der Fußlahme fixiert derweil sehnsüchtig mein Essen, sodass ich freundlich „compartire“. Im Gegenzug will er mich nachher zur ihrer Kneipentour einladen, was ich aber dankend ablehne.

In der Herberge gibt es einen Computer mit Internetanschluss, und zum ersten Mal surfe ich bestimmt eine Stunde. Ich suche die Verbindungen von León nach Astorga heraus, klage meinen Lieben in Deutschland mein Leid und lasse mich mental wieder ein wenig aufbauen. Und morgen habe ich dann meinen kleinen Spanier wieder.

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Zu recht früher Stunde werden wir geweckt – allerdings sehr stimmungsvoll mit christlichen Liedern von zarten Frauenstimmen. Während die anderen sich Richtung Bad oder ans Packen machen, gehe ich den Klängen nach, die diesmal aber nur aus einem Lautsprecher kommen. Trotzdem sind sie für mich so bewegend, dass ich mir ein paar Decken schnappe und mich auf den Boden vor dem Lautsprecher setze – und heultechnisch da weitermache, wo ich gestern aufgehört habe.

Folglich verlasse ich auch als eine der letzten die Herberge, und José ist schon früh alleine los. Wie zu erwarten war, ist das Wetter schlecht. Es regnet konstant, und der Regen ist nah am Schnee. Ich trage schon seit Tagen morgens alle meine Kleidung auf einmal am Körper, und trotzdem ist es eine fröstelige Angelegenheit. Mir fehlt ein dickes Halstuch, ein Schal oder Handschuhe.

Normalerweise laufe ich als eine der ersten los, und nachdem ich wenig Pausen mache, komme ich auch als eine der ersten an und habe somit Einsamkeitsfeeling pur. Heute laufe ich auf einen Pulk nach dem anderen auf. Ich treffe einen älteren Dänen von gestern wieder, der übersetzt passenderweise Donner heißt. Er ist sehr spirituell und ein „Pilger“ mit allen Eigenschaften und Gedanken, wie ich es mir vorstelle. Dazu passt natürlich auch, dass er nach ein paar Minuten dann lieber alleine weiterläuft, weil er heute Input von oben erahnt.

Dafür heftet sich eine ebenfalls ältere Dänin an meine Fersen und bespaßt mich recht hartnäckig mit lapidaren Allerweltsthemen. Sie ist aber tendenziell eine Nette, so dass es mir wieder ein bisschen leid tut, ihr irgendwann „ich geh dann mal alleine ein bisschen schneller“ übermitteln zu müssen.

Vielleicht wäre der Weg ähnlich schön wie zu Beginn der Meseta, wenn denn das Wetter schöner wäre. So sehe ich unter meiner Kapuze aber nur den Schotterweg und rechts und links eigentlich wenig. Es regnet in Schnüren und windet noch zudem. Meine Rucksackregenhülle rattert schon lange im Wind, aber jetzt muss ich im ersten Moment direkt ironisch auflachen, denn der Wind wirft mich jede Sekunde mit voller Wucht in eine andere Richtung. Ich muss meine Stöcke voll einsetzen, um halbwegs auf Kurs zu bleiben. Trotzdem laufe ich ordentlich Schlangenlinien.

Merkwürdigerweise legt sich in diesem Moment irgendein Schalter in meinem Kopf um. Vorher noch die hochgezogenen Schultern und das aus der Kapuze Schielen sowie eine gewisse Resignation, jetzt plötzlich bin ich geradezu kampflustig. Versuch’s doch, puste doch noch mehr, ich laufe auch weiter, selbst wenn Du mich in den Graben schmeißt, durchnäss mich doch, Du hältst mich nicht von meinem Camino ab. Vor allem aber kriegst Du mich nicht klein.

Und mit einem Mal fühlt sich der Sturm nicht mehr wie ein Feind an, sondern ich spüre nur die ungeheuere Energie – und bin ein Teil von ihr. Ich fühle mich unheimlich stark, mächtig und glücklich. Ich beginne zu singen, oder besser gegen den Wind zu schreien. Die heutige Etappe ist mit 27 km verhältnismäßig lang, und doch vergeht sie wie im Flug. Ich mache keine Pause und bin gegen Mittag an der Herberge, die allerdings noch geschlossen hat. Auch sonst ist kein Pilger weit und breit. José habe ich wahrscheinlich irgendwo zwischendurch an einer Bar überholt, es hätte mich auch gewundert, wenn er so lange vor mir geblieben wäre.

Ich sitze im Regen vor der nicht überdachten Herberge, die einfach nicht aufmacht, obwohl sie laut Führer sollte. Ich werde etwas unruhig, weil mir kalt wird, mir die Idee kommt, dass sie vielleicht wenn nicht jetzt, auch später nicht mehr aufmacht, und mir kommt der Gedanke, dass ich José verloren haben könnte. So genau kenne ich sein heutiges Etappenziel nicht, vielleicht ist er doch schon weiter. Wenn ich nun aber weiter gehe und er ist hinter mir, dann verliere ich ihn auch.

Umso erleichterter bin ich, als nach einer halbe Stunde ein wehender dunkelblauer Regenponcho am Horizont auftaucht. José strahlt schon aus 50 Metern Entfernung und sagt, er wäre so froh, mich zu sehen. Wahrscheinlich ist er auch einfach froh, dass ich wieder die Alte bin und weder schmolle noch heule. Vor lauter Begeisterung umarmt er mich erstmal. Das Ganze ist sehr feucht, und nicht etwa Wasser, sondern Schweiß, wie er stolz betont. Aha. Im nächsten Moment schimpft er wie ein Rohrspatz auf diesen scheiß Tag. Das scheiß Wetter, und diese endlose Etappe. Ich bin ganz überrascht, denn ich bin voller Energie, Adrenalin und Endorphinen.

Glücklicherweise kommt Bewegung in den verlassenen kleinen Ort – eine Dame nähert sich der Herberge und lässt uns einchecken. Zwar gibt es keine Küche (und ohnehin keinen Supermarkt, was mir Selbstversorger nicht sehr entgegen kommt), dafür sind die Räume superschick. Keine Stockbetten, nur jeweils 4-6 Betten, Heizung zum Trocknen unserer doch recht durchweichten Sachen – und natürlich wieder das komplette Wäscheprogramm für José.

Die Herberge scheint auch einen großzügigen Heißwassertank zu haben (bzw. wir sind diesmal natürlich auch wieder die ersten und einzigen), jedenfalls kann ich minutenlang brühend heiß duschen. Leicht störend ist nur wieder mein kleiner Spanier, der neben mir duscht und – das scheint sich langsam für einen guten Spanier einfach zu gehören – ächz und stöhnt und prustet. Ich lasse ihm etwas Vorsprung zum sich in Ruhe Anziehen, aber die nutzt er natürlich nicht, sondern beglückt mich mit dem Anblick seines nicht gerade durchtrainierten Oberkörpers. Lustigerweise findet er sich mager und quasi „a shadow of the man he used to be“, seit er im Vergleich zu früher abgenommen hat. Damals, so erzählt er stolz, stand er noch vor dem Spiegel und hat sich gedacht „wow, ich bin ein echter Mann!“. Ich kann dazu nicht viel sagen, denn auch als für seinen Geschmack halbe Portion ist er einfach noch massiv übergewichtig, und vermutlich jeder andere würde vor Gram und Scham vergehen.

Nachdem geduscht, Wäsche gewaschen und der Rest überall zum Trocknen ausgebreitet ist, widmen wir uns wieder der leidigen Etappenplanung. José beendet diesen Camino in León und möchte sich für die 67 km natürlich wieder 3 Tage Zeit lassen. Vor allem möchte er morgen entlang der Strasse gehen ( als „unspektakulär bis eintönig“ beschrieben), während ich mich schon seit zu Hause auf  „die  sehr einsame Variante“, „ein ganz spezielles Erlebnis“ und auf das „gänzlich allein Fühlen bis hin zu dem Gefühl, man könnte nie wieder auf eine Ortschaft stoßen“ über Calzadilla de los Hermanillos freue. José hängt wieder den Besserwisser raus, da hat es nämlich Wölfe. Das steht so in seinem Führer. Als ich das sehen will und da etwas von Mittelalter steht, wird er zickig und behauptet, die wären jetzt eben neu wieder am Kommen. Und er als Jäger weiß das natürlich besser als ich. Und er findet es überhaupt Irrsinn, dass ich in diese Herberge dort will, wo sonst kein Mensch ist. So sehr mich seine Selbstherrlichkeit mal wieder aufregt, die Sache mit der Herberge allein im Nichts verzückt mich ehrlich nicht gerade. Trotzdem, ich muss wirklich an meinen Zeitplan denken, und schließlich trennen sich unsere Wege in spätestens 3 Tagen eh unwiderruflich. Diesmal bleibe ich hart und beharre auf meiner Etappe. José meint, ich soll mich dann eben von ihm verabschieden, wenn wir uns trennen. Das bestätigt mich nur in meiner Entscheidung.

Quasi zum Abschied verbringen wir die obligatorische Siesta gemeinsam auf seinem Bett, jeder brav in seinen Schlafsack eingemummelt. Der dänische Donner ist mittlerweile auch eingetroffen und gerade am Auspacken, so dass ich eh nicht schlafen kann, zumal José schon wieder schnarcht, dass das ganze Bett wackelt. Ich wechsle noch ein paar kurze Worte mit dem Dänen, der auch komplett euphorisch von dem heutigen Tag und den Naturgewalten ist. Er will morgen auch in die einsame Herberge, die hat er vor ein paar Jahren schon einmal angesteuert, und das wäre prima. Das beglückt mich natürlich erst recht.

Plötzlich höre ich ein Klingeln und renne wie von der Tarantel gestochen in meiner einzig trockenen Garnitur und Flipflops auf die Straße, in der Hoffnung, dass es sich um ein Bäckerauto handelt und ich doch noch etwas zu essen bekomme. Leider sehe ich weit und breit keins und laufe suchend durch den sehr überschaubaren Ort. Es klingelt nochmals, und am anderen Ende des Ortes sehe ich den Fahrer gerade die Tür zuschlagen. Ich renne ohne Rücksicht auf Verluste quer durch irgendwelchen Matsch, als der Wagen sich schon in Bewegung setzt. Glücklicherweise erspäht mich noch eine ältere Spanierin, die ihm Zeichen gibt. Er öffnet extra nochmal für mich und mein Brot. Zwar habe ich eiskalte, verspritze Füße und bin leicht eingeregnet, aber dafür habe ich ein Brot. So triumphal hat sich sicher nicht mal Cäsar unter seinem Lorbeerkranz jemals gefühlt.

Den Nachmittag verbringe ich mit intensiven Gesprächen mit José in der Bar, wo er sich ein Bierchen nach dem anderen genehmigt, die er sich für seinen Geschmack heute redlich verdient hat. Eine gewisse Wehmut macht sich bei mir schon breit. Die wenigen Tage mit ihm kommen mir wie eine Ewigkeit vor, wir sind trotz aller Wutanfälle meinerseits ein eingespieltes Dreamteam geworden, und nachdem der Däne schon anklopft, bevor er unser gemeinsames Zimmer betritt („weil man ja nie weiß“) und zu unserem letzten Tag meint „ja, ja, für die große Liebe muss man halt notfalls mal eine längere Etappe machen“, scheint unsere Seelenverbundenheit auch nach außen hin eine (wenn auch andere) Verbundenheit widerzuspiegeln. Eine Vorstellung, die mich durchaus erheitert. Zwar halten wir uns manchmal im Arm oder an den Händen, aber das hat mehr mit südländischer Herzlichkeit als mit leidenschaftlicher Hingabe zu tun.

Als José zum Abendessen in die Bar geht und ich mich wieder vorsatzgetreu meinem (diesmal zwar sehr frischen, aber unbelegtem) Brot widme, überkommt mich nach all der Energie des Tages eine drückende Schwermut. Die Zweifel wegen der Etappe morgen und die Entscheidung, mich von José zu lösen, das überfordert mich in meinem einfachen Pilgerleben einfach schon wieder. Ich kann ewig nicht einschlafen, aber als José meine Sorgen mit seinem typischen „don’t worry, be happy“ und einem dröhnenden Lachen abtut, weiß ich, dass meine Entscheidung richtig ist.

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Aprilwetter ist offensichtlich auch in Spanien wechselhaft. Meine Sorgen wegen zu wenig Sonnenmilch liegen weit zurück, in letzter Zeit friere ich einfach. Und heute sieht der Himmel erstmals auch nach Regen aus.

Untypischerweise starte ich heute schon gleich mit José. Im Vergleich zu den ersten Tagen in der Meseta mit endlosem Grün, blauem Himmel und Sonnenschein, die ich ewig in mich aufsaugen könnte, hat der Weg hier eher weniger zu bieten, so dass ich wenig Gewissensbisse habe, in Gesellschaft zu laufen.

Generell mache ich mir allerdings schon viele Gedanken um diese Art des Caminos. Ich fühle mich reichlich unruhig; zum einen, weil ich niemanden kennenlerne und ich das Gefühl habe, dass mir interessante Bekanntschaften entgehen. Ich habe das Gefühl, nicht wirklich abschalten zu können und für göttlichen Input empfänglich zu sein, statt dessen bin ich hier zickig, empfindlich und leicht beleidigt wie ich es sonst gar nicht von mir kenne. Charakterlich bin ich mit José eine höchst explosive Mischung. Er ist vielleicht nicht gerade ein Frauenversteher, er hat kein Händchen dafür, kleine Verstimmungen bei mir zu entdecken (geschweige denn zu beschwichtigen). Manchmal treibt mich seine Selbstzufriedenheit und Rücksichtslosigkeit in den Wahnsinn. Ernste Gespräche von seiner Seite sind wunderschön, ernste Gespräche von meiner Seite hört er sich geduldig an, um dann standardmäßig „don’t worry, be happy“ zu radebrechen, was mich absolut auf die Palme bringt, denn was anderes hat er wirklich nicht auf Lager. Schlussendlich ist unsere Etappenplanung jeden Tag aufs Neue ein heikles Thema. Nach seiner mehrstündigen Siesta jeden Tag wirft José einen selbstzufriedenen Blick in seinen Führer und hat nach einigen Sekunden ähnlich selbstzufrieden das Ziel für den nächsten Tag beschlossen, das dann auch immer in sehr überschaubaren 20 km liegt. Für mich stellt sich dann immer das (jeden Tag größer werdende) Riesenproblem, dass ich so unmöglich meinen Zeitplan einhalten kann. Ich muss 25-30 km pro Tag machen, um Santiago zu erreichen, und mit jedem Tag, den ich wegen José verbummele, rechnet mein Unterbewusstsein beunruhigt, wo ich eventuell später noch 5 km pro Tag wieder reinholen kann. Der Versuch, José diese Problematik näherzubringen bzw. ihn eventuell mir zuliebe ein paar Kilometer weiter zu bewegen, erstickt er selbstzufrieden im Keim. Er läuft seine 20 km, und wenn ich meine, weiter zu müssen, dann muss ich das machen. „Don’t worry, be happy“, harharharharhar. Ich komme mir wie eine Schmeißfliege vor, die an ihm klebt und nicht von ihm loskommt.

Heute gibt es ausnahmsweise Balsam für die Schmeißfliegenseele; José äußert gegen 10 leicht verzweifelt, dass er jetzt wirklich in der nächsten Stadt mal etwas essen muss. Ich bin erstaunt, ob er denn nicht gefrühstückt hätte. Nein, schließlich hätte er mich dann doch nicht mehr eingeholt. So viel Zuneigungsbezeugung überrascht mich direkt.

José steuert eine Bar an, und ich biete an, auf ihn zu warten. Ich erzähle ihm von meinen diversen merkwürdigen kleinen Camino-Vorsätzen, zu denen eben unter anderem gehört, mein Essen mitzutragen und nicht essen zu gehen. (Derweil essen wir jetzt beide statt in der Bar auf einer Bank). Seinen Schokoriegel lehne ich auch dankend ab, schließlich habe ich auch so eine Art Süssigkeitenvorsatz. Baff erstaunt ist er dann noch über den Alkoholvorsatz und Handwäschevorsatz; letzterer wäre wohl der größte Verzicht für meinen kleinen Pascha. Ich kenne keinen Pilger außer ihm, der wirklich jeden Tag Waschmaschine und Trockner in Anspruch nimmt (was ja meist schon mehr kostet als die Übernachtung an sich). Mir soll es ja recht sein, so riecht er wirklich immer sehr angenehm in seiner Wolke aus Weichspüler, was man von manch anderem Pilger nicht sagen kann.

Wir laufen recht eintönig einen langen Weg an einer Straße entlang, und außer Pilgern kommt hinter uns auch ein Mann mit zwei Hunden. Die springen begeistert um uns herum, was meiner Angst vor Hunden nicht direkt entgegen kommt. Ich drehe mich nach dem Herrchen um und will einen bösen Blick loswerden, da erkenne ich, dass es sich auch um einen Pilger handelt und die Hunde definitiv nicht zu ihm gehören – und auch sonst zu niemandem. Einer der beiden Hunde ist riesengroß, eine Mischung aus Bernhardiner und Kalb, und hinter sich her schleift er gut 3 Meter einer dicken Metallkette. José kommentiert ungewöhnlich besorgt, dass das nicht gut ist, und auch mir dämmert, dass es sich hier um die berühmten wilden Hunde handelt. Glücklicherweise sind sie zwar herrenlos, aber nicht wirklich wild vom Temperament, und trotten bereits ein paar Meter vor uns her. Sie wechseln der Einfachheit halber auf die wenig befahrene Fahrstraße, und mein sonst so gelassener José ist komplett beunruhigt. Er ist ein großer Hundeliebhaber und macht sich riesige Sorgen, zumal immer wieder Autos auf der Straße auftauchen und erst im letzten Moment ausweichen. José brüllt Leuten vor uns zu, dass sie Steine werfen sollen, um die Hunde von der Straße zu bringen, und wir sind mittlerweile halb am Joggen, um sie einzuholen. Weder Autos noch Steine bringen die beiden Hunde aus der Ruhe, und kaum haben wir sie eingeholt, werden wir Zeuge, wie der kleinere Hund voll gegen ein Auto läuft. José schreit und mir wird überhaupt ganz schlecht. Der Hund rappelt sich jedoch erstaunlich unbeschadet wieder auf, und sie verschwinden seitlich in die Felder.

Mir ist danach wirklich ganz anders; dieser fast überfahren wordene Hund, José völlig außer Fassung, ganz generell der Gedanke, dass überall auf dem Camino solche Hunde rumlaufen könnten und ich morgens um 7 allein auf weiter Flur vielleicht doch kein so unbesorgtes Gefühl haben sollte… dazu beginnt es jetzt noch zu regnen. Heute stellt sich für meinen unruhigen Planungsgeist ein weiteres Mal nicht die Frage, ob ich meine Etappen einhalten soll oder meinen Stolz mal wieder an den Nagel hängen und um einen weiteren Tag an der Seite des kleinen Spaniers betteln.

Wir suchen uns eine Herberge, die von Schwestern geleitet wird. Wir bekommen Tee angeboten, für den Abend einen Pilgersegen offeriert, und die Nonne spricht sogar perfekt Deutsch. Die Herberge verfügt über eine ganz unglaubliche Küche, so dass ich kurz vor 1 noch schnell losziehe, um etwas für ein warmes Mittagessen einzukaufen.

Ich finde einen ebenso unglaublichen Supermarkt und kaufe für Ratatouille und Paella ein. Das viele Gemüse stellt eine Herausforderung dar. Man muss selber wiegen und dazu Tasten betätigen, auf denen keine Nummer, sondern nur die spanische Bezeichnung steht. Mit den kleinen Läden komme ich gut klar, da gibt es eh nur 5 Sorten Obst und 5 Sorten Gemüse, und die beherrsche ich mittlerweile verständlich. Das Supersortiment hier mit Auberginen und Zucchini und Paprika und speziellen Zwiebeln führt dagegen dazu, dass ich am Ende so ziemlich jeden anwesenden Mitarbeiter zweimal um Rat gefragt habe.

José sitzt frisch geduscht, die Wäsche fröhlich bereits im Trockner rotierend, wie immer selbstzufrieden in der Herberge und ist neugierig, was ich ihm da Schönes kochen werden. Aha. Ich werkele noch ungeduscht allein in der Küche herum, und José kommt nur ab und zu vorbei, um sich an meinem „Chaos cooking“ zu ergötzen (ich gehe das ja etwas spontaner und flexibler an als er) und anzumerken, dass er nachher gern ein paar meiner Tüten hätte. Aha.

Nach dem Essen geht er erstmal Siesta machen, während ich mir noch reichlich verfroren einen warmen Tee mache. Ich nehme einen Kuli zur Hand und gestalte eine Art Abschiedsgeschenk für José – ich beschrifte die von ihm gewünschte Plastiktüte. Obwohl wir erst ein paar Tage zusammen laufen, haben sich da schon reichlich viele Insider angesammelt, und viele Dinge, für die ich ihm dankbar bin.

Das Frieren bessert sich dadurch nicht, also versuche ich es mit einer warmen Dusche, aber zum ersten Mal auf diesem Camino hat es für mich kein warmes Wasser mehr. Die eiskalte Dusche,  obwohl mir eh schon kalt war, ist keine gute Idee. Ich verziehe mich in den Schlafsaal, der verhältnismäßig gut gefüllt ist. Viele Deutsche sind da, und ich ertappe mich dabei, beim Spanisch und Englisch mit José zu bleiben und zu hoffen, dass man mich für alles hält, nur nicht für Deutsch.

Über mir lagert eine Französin, die hellauf begeistert ist, dass ich Französisch verstehe. Sie kann sonst keine Sprache, hat seit einer Woche mit niemandem geredet, und zu allem Überfluss war sie gestern ganz allein in einer Herberge, die generell so schlecht besucht zu sein scheint, dass sich in den Decken in Seelenruhe Bettwanzen vermehrt haben – und sich begeistert auf ihr Opfer gestürzt haben. Sie hat so schweren Ausschlag, dass sie beim Arzt war. Sie sitzt gerade nur in einem T-Shirt von den Nonnen auf ihrem Bett, selbst alle Unterhosen sind in der Wäsche, um wanzenfrei zu werden. Leider liegt mein aktives Französisch Jahre zurück, und nach Spanisch mit José verwechsle ich alles ganz fürchterlich, so dass ich wenig Unterstützendes zu entgegnen habe. Mir wird nur auch wieder ganz eng beim Gedanken, ob jetzt die letzten Residualbettwanzen vielleicht gerade auf meinen Rucksack umsiedeln, und außer der Aussicht auf wilde Hunde hab ich jetzt auch noch die Vorstellung im Kopf, dass man eine dumme Herberge erwischen kann, in der man allein ist (die arme Französin konnte die Tür nicht abschließen und hat die ganze Nacht panische Angst gehabt).

Als José endlich seinen Dornröschenschlaf beendet, nimmt er ungerührt meine liebevoll gestaltete Tüte entgegen mit dem lapidaren Kommentar, ich hätte etwas draufgeschrieben. Meine Verzweiflung über die kalte Dusche kommentiert er belehrend, dass das erste, was man in einer Herberge machen muss, Duschen ist. Er hatte nämlich eine viertel Stunde eine wunderbar heiße Dusche (und mir wird klar, warum der Heißwassertank anschließend leer war). Ich beglücke ihn mit einer Gardinenpredigt über „compartir“, und dass ich mal für ihn durch Kälte und Regen gedüst bin, um ein Mittagessen für ihn einzukaufen, während er das heiße Wasser weggeduscht hat. Er trägt es mit Fassung.

Abends gehen wir wieder zusammen in die Messe in der Kirche neben der Herberge. Es ist nicht nur wirklich eisig kalt, sondern es regnet auch seit Mittag, und nachdem ich meine beiden Fleecepullis anhabe und brauche, bin ich froh, dass der Weg so kurz ist und ich meine Kleidung wieder trocken heimrette.

Ich widme mich dem Paella-kochen, während neben mir am Herd ein etwas wild aussehender Spanier werkelt. Leider verstehe ich ihn überhaupt nicht, er spricht sehr schnell und offensichtlich einen anderen Dialekt, als ich sonst gewöhnt bin. José dolmetscht mir die ein oder andere Information. Er ist Koch, kocht gerade Abendessen für 10 Leute, das macht er öfter, die Leute kennt er eigentlich auch nicht näher, aber sie bezahlen die Zutaten und er kocht. Mir gibt er auch den ein oder anderen fachkundigen Ratschlag in Sachen Paella, aber ich verstehe ihn einfach nicht und bin eher konfus.

Derweil habe ich die 497. Krise in Sachen José; nicht nur, dass ich alleine für ihn koche, sondern ich darf auch allein abspülen. Und als er wieder einen Seelenkummer meinerseits nicht ernst nimmt, sondern ungläubig begeistert seine frisch weichgespülte Wäsche hypnotisiert, schmolle ich.

Schmollen ist bei José leider denkbar ineffizient, denn er reagiert einfach nicht darauf. Vor 21:00 sitzen wir wartend in der bitterkalten Eingangshalle in Erwartung des Pilgersegens. José hat eine Decke, aber nachdem ich ja schmolle, friere ich lieber. Die fünf Nonnen kommen pünktlich die Treppe heruntergeschwebt (etwas unromantisch, aber praktisch mit mehreren Schichten Fleece- und Strickjacken bekleidet). Eine hat eine moderne Gitarre dabei, und alle strahlen tierisch, dabei sind wir gerade mal jämmerliche zwei Anwesende (und eine davon schmollt noch und weiß nicht, wie sie da wieder herauskommen soll). Eine junge Peruanerin fängt einfach mal unglaublich strahlend an, die Gitarre zu bearbeiten, und so kommen dann doch noch ein paar weitere neugierige Pilger aus dem Schlafsaal (und unter ihren warmen Decken) hervorgekrochen.

Es ist der Hammer. Die Nonnen singen durchaus moderne Lieder, sie singen unheimlich gut, und vor allem strahlen sie. Nicht nur optisch, sondern mein Herz fühlt sich an wie auf einer Wärmeplatte. Die koordinierende Nonne lädt uns ein, uns kurz vorzustellen, wer wir sind, was wir hier machen… sie beginnen bei sich selbst, und es ist schon allein sehr faszinierend, dass alle (allesamt ungefähr in meinem Alter) bis vor wenigen Jahren noch ganz normal gelebt, studiert, Beziehungen geführt haben – und nun ihren Frieden bei Gott gefunden haben. Und alles was recht ist, dass sie ihren Frieden gefunden haben, das sieht man ihnen wirklich an.

Der spanische Koch redet wie immer zu schnell, aber ich bekomme doch noch mit, dass er gerade die Kurzfassung seines verkorksten Lebens voller Drogen, Alkohol und Arbeitslosigkeit zum Besten gibt. Eine Deutsche in der Runde bricht beim Erzählen über ihr Arbeitsleben in Tränen aus, sie ist offensichtlich ziemlich mit den Nerven am Ende. Die Nonnen strahlen sie einfach unheimlich intensiv und zugleich geduldig lächelnd an, und ich fühle mich an Science Fiction Filme erinnert, in denen Menschen mit ihren Augen Feuer machen können oder ähnliches. Es wirkt hier, als ob die Damen sich wortlos einig wären „komm, diese Pilgerin hier müssen wir mal ordentlich mit Energie aufladen“. Wobei ich wieder an José und seine „Energie, Glaube, Kraft, Glücklichkeit“ denken muss, die er hier sammelt, um sie weitergeben zu können.

Den Pilgersegen singen uns die Nonnen mit Gitarrenbegleitung, und als eine Nonne herumgeht und jeden Einzelnen segnet und auch noch einen selbstgebastelten Stern dazu verteilt, bin ich nur noch am Heulen. Wenn ich grad mal was durch die satte Tränenschicht sehe, dann die 24-jährige Peruanerin an der Gitarre, die so wunderschön singt und so unendlich viel Kraft und Freude in den Augen (und in der Stimme) hat. Diese Nonnen scheinen Gott ganz eng bei sich zu haben, und das dürfen wir verirrte Pilgerschäfchen an diesem Abend auch spüren. Ich fühle mich, als würde mich Gott hier und jetzt aus 5 Augenpaaren anlächeln und sagen „hey, Du schaffst alles, ich bin bei Dir“. Und das überfordert mich im Moment emotional ein wenig.

Ich bin eine Mischung aus „Totalschaden“ und „zutiefst bewegt“, als ich ins Bett gehe. José ist ungewöhnlich besorgt über meine Darbietung und lässt sich sogar zu einem versöhnlichen „Gute Nacht“ hinreißen, obwohl ich ja immer noch schmolle.

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In dieser Nacht wird mir schmerzlich bewusst, dass mein wunderbarer 9-Euro-Schlafsack mit 800g zwar eine ganz tolle Investition für den Camino im Herbst war, es jetzt im April aber deutlich andere Temperaturen hat. So wache ich mitten in der Nacht reichlich verfroren auf. Gut eine halbe Stunde bleibe ich liegen und überlege, ob ich aufstehen und von den anderen leeren Betten eine Decke holen soll. Nachdem mein Bett gewaltig quietscht, bin ich aber versucht, mich erst einmal mit autogenem Training warm zu denken, um den friedlich schnarchenden José nicht aufzuwecken.

Irgendwann siegt die Vernunft, ich springe möglichst mit nur einmal Quietschen aus dem Bett und schnappe mir, wenn schon, denn schon, gleich drei Decken. Mit denen schläft es sich nach einer Weile auch schön warm, auch wenn das Gesäge aus dem Nebenbett eher hinderlich ist.

Gegen 7 Uhr morgens dämmert nicht nur der Tag, sondern auch mir dämmert, dass ich eventuell etwas zu rücksichtsvoll geartet bin. Kaum ist José nämlich wach, gähnt und reckt und streckt er sich lautstark ächzend, um dann (nach 2 Minuten quietschend im Bett Herumwälzen) fluchend nach seinen Schlappen zu suchen. Dass man Füße auch anheben kann, ist wohl noch nicht zu ihm durchgedrungen; er schlurft höchst geräuschvoll zur Tür, um mit brachialer Gewalt den Türgriff herunterzuknallen, die Tür aufzureißen und wieder zuzuknallen und ähnlich in den nebengelegenen Waschräumen zu verfahren. Ich bin nicht nur hellwach, sondern auch komplett wütend.

Ich beginne, meine Sachen ähnlich brachial in den Rucksack zu stopfen, um möglichst schnell hier weg zu kommen. José versteht die Welt nicht mehr, aber das kümmert mich jetzt auch nicht. Ich verabschiede mich kurz und prägnant und schließe dieses Kapitel mit ziemlich viel Wut im Bauch ab. Heute plane ich 40 km, und den rücksichtslosen kleinen Spanier sehe ich nie wieder.

Ich bin als eine der ersten unterwegs, und der Weg ist wieder unheimlich schön. Auch wenn es noch eher kalt ist, scheint die Sonne bereits. Alles ist komplett einsam und still, und die leichte Anhöhe, die vor mir liegt, lässt meine Füße schon freudig zucken. Endlich wieder aufwärts Wandern.

Ein Pilger von gestern überholt mich. Er läuft immer über 40 Kilometer und hat sich gestern abend auch wie immer 2 Schmerztabletten eingeworfen – damit wenn Muskelkater kommt, er ihn nicht spürt. Er plaudert ein wenig hektisch und kramt überall da hektisch seine Kamera aus, wo er mich von weitem ein Foto hat machen sehen. Hektisch freut er sich, dass ich dann ja vielleicht auch sein Mammutpensum laufe, und in zackigem Tempo stürmt er das Berglein hinauf. Mir ist das irgendwie zu blöd. Ich bin hier zum Pilgern, Relaxen und Genießen, und der Knabe hier hat für mich die falschen Schwingungen. So lasse ich ihn dann gerne alleine ziehen und gehe den Hügel in meinem Tempo an.

Oben ist es wunderschön, man hat einen weiten Blick über die halbe Meseta und auf Castrojeriz. Ich hole mein Frühstück nach und genieße ganz bewusst meine Ruhe, dass ich mich nicht hetzen muss und mein eigener Chef bin. So inmitten der frühen Sonnenstrahlen überkommt mich auch plötzlich eine Ruhe und Gelassenheit, die mir seit gestern ein wenig gefehlt hat, und meine Wut auf José lässt von Minute zu Minute nach.

Als ich von meinem Ausguck einen einzelnen Pilger die Steigung hochkommen sehe, bin ich so weit, dass ich hoffe, dass es José ist.

Er ist es wirklich, aber er hält nur kurz an, weil er die morgendliche Gunst der Stunde nutzen muss. Da rennt er seine 6 km/h, weil er weiß, dass er gegen Mittag einbricht. Komische Theorie. Ich laufe lieber immer gleichmäßig, manchmal vielleicht etwas bedächtiger, aber eigentlich in einem Tempo, in dem ich ewig weiterlaufen könnte.

Im nächsten Dorf strahlt mir nach zwei Stunden von der Veranda der einzigen Bar mein kleiner Spanier entgegen, der mal wieder ausgiebig frühstückt, seine Füße liebevoll einpudert (den Moment des Lufttrocknens habe ich diesmal wohl schon verpasst) und jetzt aber auch schon wieder aufbruchbereit ist. Man könnte meinen, er hätte auf mich gewartet.

Wie abgesprochen laufen wir von da an wieder zusammen weiter. Meine 40 km habe ich für heute verbannt. Ich denke zwar immer noch, dass ich sie laufen könnte, aber für heute fehlt mir der aggressive Ehrgeiz, mir oder José etwas beweisen zu müssen. Ich freue mich einfach über das Kichern und Gackern mit José. Allein schon das Reden über Musik ist ein Angriff auf die Lachmuskeln, weil er alles Englische so katastrophal falsch ausspricht, dass es langes Rätselraten braucht, bis ich Pruss Pinkstinn oder Dipp Pöppel zuordnen kann.

In Fromista angekommen nehmen wir Platz auf dem Rasen vor der weitbekannten und berühmten Kirche, auf der wie überall Störche nisten und klappern. Die Herberge öffnet erst später, und da Sonntag ist, halten sich auch die Einkaufsmöglichkeiten in Grenzen.

José kramt mal wieder in seiner Schublade der großen dunklen Augen, der tiefen Stimme und den göttlichen Schwingungen, als er mir eine Abhandlung über den Sinn des Pilgerns offenbart. Im Wesentlichen geht es um das Schöne am „compartir“, am Teilen. Und das liegt gerade nahe, nachdem er sich faul in Bars zu ernähren pflegt und ich mit krankhaftem Hamstertrieb immer Vorräte für 2 Tage im Rucksack mitschleppe. Die dezimieren wir jetzt rasant gemeinsam.

Endlich macht die Herberge auf, und außer uns wartet eine stattliche (durchweg männliche) Pilgerschar. Vielleicht fällt mir deswegen diesmal so deutlich auf, welche Vorzüge getrennt geschlechtliche Badezimmer haben. Hier ist dem nicht so, die Pinkelbecken sind plakativ direkt neben den Waschbecken und nicht zu übersehen. Auch der keusche Blick in die andere Richtung bringt dank Spiegel wenig Erleichterung. Der männliche Pilger an sich scheint eng verwandt mit meinem José, auch hier wird ausgiebig geächzt und gestöhnt. Die zwei Duschen sind heiß begehrt, sodass man sich schon vor dem Vorhang wartend auszieht, für die Herren der Schöpfung kein Problem, man ist ja quasi unter sich. Auch wenn ich sonst wenig heikel bin, das trägt nicht zur inneren Ausgeglichenheit bei.

Dazu rächt sich mal wieder, dass ich seit meiner Ankunft in Spanien entgegen meiner sonstigen Prinzipien nur mit einer Person zusammenhänge. Ich kenne keinen Menschen hier, und der gute Spanier widmet sich intensiv seinem Lieblingshobby namens Hospitaleras bespaßen. Ich entdecke untrüglich Eifersucht bei mir, und das geht ja überhaupt nicht.

Die Stimmung hebt sich nicht enorm, nachdem ich auch keinen Supermarkt finde, mich meine leeren Vorräte hibbelig machen, meine Gesprächspartner heute alle irgendwie der Prototyp meines persönlichen Antipilgers sind, es reichlich kalt windet und sich in der Herberge mittlerweile so etwa 40 Männer für meinen Geschmack daneben benehmen.

José trollt sich frohgemut in ein Restaurant zum Abendessen, während ich eine Messe suche. Leider hat eine weitere Kirche zwar offen, aber Messe ist Sonntag Abend definitiv nicht mehr. Dafür entdecke ich eine wunderbare Bäckerei, die wie durch ein Wunder geöffnet hat. Ich bekomme frisches Brot und sogar ein Vanillegebäck für den nächsten Morgen, und auf dem Rückweg erstehe ich noch gebrannte Mandeln auf einem kleinen Jahrmarkt.

Ich bin schon wieder völlig mit der Welt im Lot, als in der Herberge zwei durchaus knackige Radpilger das Bett neben mir bevölkert haben. Sie sind aus Italien, und wie sich nach wenigen Sätzen herausstellt, sind sie unheimlich lustig und unterhaltsam. Einer spricht sehr gutes Englisch, der andere eher ein bisschen weniger, dafür Spanisch, und sie machen sich eine Spaß daraus, mit mir ganz schnell kleine Gemeinheiten über den anderen auszuplaudern und sich gegenseitig auf die Schippe zu nehmen.

Als mein kleiner Spanier vom Essen kommt, wird der in diesem aufgedrehten Stil auch gleich mitbehandelt. Leider denkt der eine Italiener, dass José kein Englisch versteht, José dagegen fühlt sich sicher, auf Spanisch seinen Unmut über diese für seinen Geschmack unangebrachte Gesellschaft zu äußern. Mir ist das völlig wurst, als ich die Parteien aufkläre, dass jeder alles verstanden hat; ich bin einfach völlig entspannt und glücklich, wie gewohnt Kontakte zu knüpfen, Sprachen zu radebrechen und nette Menschen mit strahlenden Gesichtern und voller Energie um mich zu haben.

Und dass die beiden keine allzu verachtenswerten Gigolos sind, sieht selbst José ein, als sie sich mit ihren Digitalkameras zu mir aufs Bett setzen, um mir ihre Familien zu zeigen. Ich bekomme stolzgeschwellt etwa 400 Bilder Francesca gezeigt, und der Papa ist so stolz, dass er selbst Tränen in die Augen bekommt, wenn es sich nur um Francescas Fuß oder Francesca von hinten handelt. Als dann auch noch das Telefon klingelt und der Papa gar nicht merkt, wie er mit voller Wucht gegen das obere Stockbett kracht, sondern gleich weiter in den Gang sprintet, wo er auf und ab läuft und ungefähr 20 x einfach nur vor Freude „Francesca!!!“ in den Hörer brüllt, ist selbst José versöhnt, denn Familie bedeutet ihm alles, und wem es genauso geht, der kann wohl kein schlechter Mensch sein.

Während ich noch die netten Italiener genieße, bevor sie auf ausgedehnte Kneipentour gehen wollen, macht sich José schon bettfertig und legt wortlos einen Packen mit drei Decken an mein Fußende, die er bei den Hospitaleras organisiert hat, weil ich doch so friere. Das finde ich jetzt wieder unheimlich süß, sodass ich die beiden Herren verabschiede und mich noch zu José ans Bett setze. Wir reden über Familie und Charakter und Lebensziele; man kann einfach wunderbar mit ihm reden.

So schlafe ich nach einem reichlich durchwachsenen Tag voller kleiner Wutanfälle und Frustrationen und kleiner Kämpfe mit mir selber noch völlig ausgeglichen und ausgesöhnt ein.

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Zu Sonnenaufgang ist schon wieder reges Hufescharren. Ich will gerade los, da steht Raspelkurz vor mir, lacht entspannt und herzlich und eröffnet mir, dass sie heute gerne mit mir gehen würde. In meinem Gehirn ist Kurzschluss, und leider ist alles, was ich herausbringe ein „nein danke, ich gehe meine Tagesetappen gerne immer allein“. Sie trägt es mit Fassung und marschiert alleine los. Ich habe schon ein etwas schlechtes Gewissen, zumal ich gar nicht weiß, ob ich wirklich lieber alleine gehen will. Wenigstens von José möchte ich mich verabschieden, aber als ich mich durch die lärmende Männermannschaft im oberen Schlafraum durchwühle, ist sein Bett schon sauber gemacht und verlassen.

So laufe ich dann zwar mutterseelenallein, aber in meinen Gedanken schwirren die beiden doch recht vehement herum. Umso ungläubiger und begeisterter bin ich, als ich in einem Dörfchen vor einer Bar José wiedersehe, der selbstgefällig grinst, seine Socken lüftet und es sich gutgehen lässt. Er will heute auch nach Castrojeriz, und das stimmt mich irgendwie glücklich.

Auf diese Irrungen und Wirrungen genehmige ich mir nach dem Dörfchen erstmal einen Snack und wurstele meinen Sonnenhut heraus, nachdem auch heute wieder ordentlich Sonne angesagt ist. Leider habe ich mir gerade zeitsparend eine halbe Banane auf einmal in den Mund geschoben und sehe mit meinem hellblauen Schlapphut ohnehin herzerweichend aus, als José mich schon eingeholt hat und beschließt, jetzt mit mir zu laufen.

Es ist superlustig, ich spreche Spanisch mit ihm, was ich eigentlich nicht kann, und er versucht es im Gegenzug mit Englisch, was er sicher besser kann, nur hat er eine herzallerliebste Aussprache. Vermutlich kommunizieren wir wieder eher über unsere Augen und Energien.

Der Weg ist wunderschön, sonnig, es geht eine endlos lange Allee entlang, die zu einem verfallenen Kloster führt. Ich habe das untrügliche Gefühl, dass wenn ich jemals eine Herberge in Spanien aufmachen würde, dann hier.

Einen Nachteil hat die ungewohnte Gesellschaft allerdings doch, José macht keine Fotos und legt eh ein ziemliches Tempo an den Tag. Gegen Mittag und kurz vor Castrojeriz ist es dann vorbei mit seinem kraftvollen Gang und seiner Contenance, er jammert wie ein Kleinkind, wann wir denn endlich da sind. So verschiebe ich das Traumfoto von Castrojeriz mit Festung und blühenden Apfelbäumen auf nach dem Einchecken. Die geplante Herberge hat geschlossen, und José winselt mittlerweile schon, ob ich nicht seinen Rucksack für ihn tragen möchte.

Zum Glück findet sich bald eine Ersatzherberge mit einem sehr netten, zuvorkommenden Hospitalero, der mich in liebevoll auswendig gelerntem Deutsch fragt, ob er meinen Rucksack aufs Zimmer tragen darf. Ich lehne natürlich dankend ab, José dagegen ist begeistert.

Kaum habe ich mein Bett belegt, schnappe ich mir Foto und Mittagessen und gehe mein Foto machen. Leider ist Castrojeriz das gefühlt längste Dorf am Camino, aber ich erreiche den Ortseingang noch zu besten Lichtverhältnissen.

Gerade esse ich mein Mittagessen, als die Lesebrille auch schon eintrifft. Zwar hebt es ihre Mundwinkel nicht, aber sie scheint erfreut zu sein, mich zu sehen und meint, dann könnten wir ja in der gleichen Herberge absteigen, sofern ich das denn möchte. Was soll ich denn da sagen.

Zurück in der Herberge entdecke ich unscheinbar neben dem Empfangstisch eine kleine Ausstellung an Pilgermuscheln und Anhängern – und sofort verliebe ich mich in einen silbernen Muschelanhänger, der ganz genau das ist, was ich letztes Jahr in Santiago gesucht und nicht gefunden habe. Ich bin überglücklich, verziehe mich auf das obere Stockbett und schreibe mein Tagebuch. Schräg unten hält der erschöpfte José seit Stunden seine Siesta, und es braucht ca. zwei Seiten gelangweilte Papierkügelchen, bevor er sich erwecken lässt.

Die Engländerin liegt mir noch ein wenig im Magen, ich fühle mich schlecht wegen der Ablehnung, und nachdem sie nur so kurze Etappen läuft, werden wir uns wohl nie mehr sehen. Umso mehr brechen wir beide in Freudenschreie aus, als sie plötzlich unsagbar strahlend im Zimmer steht. Sie checkt bei uns im Zimmer ein, und die gute Stimmung kriegt einen kapitalen Knacks, als sie nach meinem Tag fragt und mir herausrutscht, dass ich mit José gelaufen bin. Ich versuche die Situation mit einem gemeinsamen Stadtbummel zu retten, zu dem sie auch einwilligt.

Vor einer Bar sitzt Lesebrille, noch deutlich verdrießlicher als sonst. Sie fragt, ob wir Spaß hätten, und es ist durch und durch vorwurfsvoll. Sie macht sich große Sorgen wegen Problemen zu Hause, mir tut das auch wirklich leid, aber ich kann ihr nicht helfen; egal, was ich versuche, sie schmettert es ironisch ab und ich habe den Eindruck, alles nur noch schlimmer zu machen. Die Engländerin mag sie nicht, wenn, dann lässt sie auf Deutsch schnippische Kommentare ab, sodass ich da jetzt auch beim besten Willen kein Dreiergespann gründen kann.

Der Versuch, einzukaufen, gestaltet sich als schwierig. Alle Läden sind zu, keine Öffnungszeiten, und ab und an trifft man Einheimische, die versichern, dass der und der Laden schon noch aufmacht, aber jeder hat eine andere Version, tippt auf einen andere Laden – und erquicklicherweise soll man einfach irgendwo klingeln, dann würden die den Laden schon aufmachen. Aber nachdem keiner genau weiß, wo, und wir auch nicht einfach an wildfremden Türen klingeln wollen, verläuft das Ganze ziemlich unstrukturiert, chaotisch – und die Konversation erreicht nicht mehr die gestrige Tiefe.

Irgendwann klingeln wir dann doch irgendwo, uns wird auch wirklich ein Laden aufgemacht, und auf dem Rückweg hat sogar ein Metzger offen, dem die Engländerin einen Besuch abstatten will. Ich bin leider schon wieder zerrissen, ich wollte noch mit José in die Messe, das wird zeitlich knapp – und Abendessen mit der Engländerin muss ich leider auch wieder ablehnen, weil ich da ja mit Hospitalero José verabredet bin.

Mit diesem geht es dann im Eilschritt zur Kirche. Wir treffen die weibliche Dorfjugend, und als ich witzele, dass das ja durchaus attraktive Schnittchen für ihn wären, zeigt er nur auf mich und meint „sehr attraktiv, innerlich wie äußerlich“. Trifft mich eher unvorbereitet.

Castrojeriz ist nicht nur ein unheimlich langes Dorf, es hat auch eine unheimlich hohe Kirche, die einem fast etwas Respekt einflößt. Eine Frau mit Blättern geht durch die spärlich besetzten Reihen, und während ich unruhig werde und mich möglichst unsichtbar machen will, wird José ebenfalls unruhig. Er kräht dann durch die halbe Kirche, und die Dame ist hocherfreut und gibt ihm einen der Zettel, den er dann wohl während der Messe vorlesen soll. Ich soll auch gleich einen bekommen, aber gucke wohl erschreckt genug, sodass dieser Kelch nochmal an mir vorbeigeht.

Die Messe beginnt, und während des Eingangsgebets kommt die Dame nochmal und nimmt José nach kurzer Rücksprache sein Blättchen wieder ab.  Aha. Im Laufe der Messe lesen die einzelnen Besucher ihre Blätter mit kurzen Gebeten vor, und dass José ein Upgrade bekommen hat, dämmert mir, als er völlig selbstverständlich irgendwann nach vorne geht und vom Altar einen mehrminütigen Text aus der Bibel verliest. Eigentlich wäre das höchst faszinierend und beeindruckend, wenn mir nur gerade nicht alles etwas zu erdrückend würde. Ich fühle mich ein wenig überfordert mit der Lesebrille und Raspelkurz, jeder will was von mir, ich kann keinem gerecht werden und enttäusche nur. Und José ist irgendwie eine andere Welt, er findet sich in Kirchen blind zurecht, weiß immer, wann aufzustehen und wann was zu beten ist und hat ein göttliches Selbstverständnis (und ein sattes Selbstvertrauen), das das meinige irgendwie völlig überrollt.

Wie eine Eingebung kommt mir die Idee, in der Herberge noch so einen Muschelanhänger zu kaufen und ihn Raspelkurz zu verehren. Diese Idee beruhigt mich irgendwie, und ich bin wieder glücklich sortiert.

Zum Glück gibt es ihn noch, allerdings logiert die Engländerin nicht mehr in unserem Raum. Als ich sie suchen gehe, finde ich sie in einem anderen Stockwerk und schon schlafend, dabei ist es noch nicht mal 20.00. Ich vermute, ich habe sie sehr gekränkt. Ich lege ihr den Anhänger und einen Brief auf ihre Sachen.

Meine Stimmung ist etwas getrübt, und das Kochen mit José macht es auch nicht viel besser. Für mich ist Kochen Spaß und Chaos und Improvisation, Ausprobieren und Spontaneität, José dagegen guckt verbiestert und legt größten Wert auf akkurat gewürfelte Zwiebeln. Er ist offiziell auch nicht verbiestert, sondern nur konzentriert, aber nach einer Stunde konzentriertem an allem Herummeckern bin ich dann auch etwas genervt, zumal er bei so viel Konzentration etwas besser kochen könnte. So verkocht wie seine Pasta ist und so fetttriefend das Gemüse, das hätte ich auch entspannt und mit etwas weniger akribischer Verbissenheit hinbekommen.

Er ist hochzufrieden mit seinem Werk und vor allem mit sich selber, realisiert überhaupt nicht meine leichten Missstimmungen, schwadroniert begeistert, was wir uns dann nach dem Camino täglich für Emails schreiben und weiß auch genau, welche Etappe morgen machbar ist. Mehr als 25 km findet er nicht machbar, nicht für ihn und auch nicht für mich. Letzteres regt mich auf, und ich bin froh, als unser Essen beendet ist und ich mich schnell ins Bett verabschieden kann.

Morgen möchte ich ihn seine 25 km machen lassen und selber 40 km laufen. Ich bin nicht hier, um mir von einem selbstzufriedenen kleinen Weichei sagen zu lassen, was ich kann und machen werde.

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