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Archive for März 2011

Bevor ich meinen Herbstcamino auch in getippter Form endlich zu einem Ende bringe, geht es für mich in den nächsten Tagen auf ein weiteres Camino-Abenteuer, diesmal auf den Camino del Norte. Ich bin gespannt, was Wetter, Pilgeraufkommen, Herbergen, Etappenlängen und das kleine Quentchen *Schwer-in-Worte-zu-fassen* diesmal für mich bereithalten.

Wer auch gespannt ist, ist hier ab in einigen Wochen zum Lesen herzlich eingeladen, :-)!

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Die Nacht ist erwartungsgemäß wenig erholsam. Irgendwie ist es zu warm, sodass ich zwischenzeitlich meine Füße aus dem Schlafsack strecken muss. Die Spanier sind in Feierstimmung und erst weit nach Mitternacht etwas ruhiger. Und ich schaue alle halbe Stunde panisch auf mein Handy, ob ich nicht vielleicht doch verschlafen habe.

Mein Wecker klingelt kurz nach 4, zu einer völlig gestörten Zeit. Ich schleppe alles unten in den Essensraum und packe, um mich um 4.30 auf den Weg zu machen. Ich fühle mich in der Herberge wie der letzte Alien, und um diese Zeit loslaufen ist natürlich auch wieder gegen mein Wohlgefühl und nicht unbedingt beruhigend. Während ich nachts alle halbe Stunde geschaut habe, ob ich schon aufstehen muss, schaue ich nun alle halbe Stunde auf mein Handy, um zu überprüfen, wie ich in der Zeit liege und ob alles hinkommt. Laut Führer habe ich 5 1/4 Stunde vor mir, ich will noch einen kleinen Abstecher zu den Statuen auf dem Monte de Gozo machen und muss in Santiago vor der Messe um 12 meine Compostela abholen und einige Einkäufe machen. Mir brummt der Kopf, ich bin in Gedanken bereits die Straßen von Santiago ablaufen und überhaupt nicht mehr im hier und jetzt. Was aber auch nicht weiter schlimm ist, zum einen ist es eh noch dunkel, zum anderen ist die letzte Etappe entlang der Rundfunkanstalten auch nicht so furchtbar malerisch.

So gestresst, wie ich durch die Gegend presche, liege ich natürlich super in der Zeit. Die morgendliche Dunkelheit wird heute leider abgelöst von einer ziemlich grauen Nebelsuppe, die pünktlich zum Monte de Gozo auch noch in einen leichten Nieselregen mündet. So ist auch dieser Moment dann wieder völlig anders und neu, von Freude keine Spur. Die Denkmäler wirken im Regen recht trostlos, weit und breit keine anderen Pilger, und mir fehlt natürlich auch die Ruhe und innere Einstellung, um mich davon so richtig berühren oder bewegen zu lassen.

Santiago ist noch regnerisch verschlafen, der sonst so touristisch bevölkerte Kathedralenplatz ist leer. In einer Ecke wird die Bühne vom gestrigen Papstbesuch abgebaut, eine komische Stimmung. Auf meinem Weg zum Pilgerbüro laufe ich plötzlich in den strahlenden Blondschopf Markus 1 hinein, den ich eigentlich nur einmal bisher in Ruitelán gesehen habe. Er ist schon seit 2 Tagen da, ist bis Santiago mit dem anderen Markus gelaufen und hat gestern nun so richtig den Papstbesuch genossen. Sie haben ab dem frühen Morgen auf dem Platz ausgeharrt, 8 Stunden, um dann auch ja einen guten Blick zu haben. Und er wäre dann so nah am Papst dran gewesen, ein Erlebnis für die Ewigkeit. Markus sieht eigentlich so aus, als würde er eher in schicki-micki-Clubs abhängen und sich höchstens über eine Beförderung in die Chefetage oder einen neuen Porsche freuen. Umso sympathischer ist mir sein grenzenloser Enthusiasmus über das gestrige Erlebnis. Markus 2 ist bereits nach Finisterre aufgebrochen. Schade, ich hätte ihn sehr gern nochmal gesehen. Gleichzeitig bin ich aber auch seltsam ergriffen und berührt. Plötzlich ist mir unser Gespräch beim O Cebreiro wieder lebhaft vor Augen, von seiner Verzweiflung – oder doch schon eher Entschlossenheit -, diesmal etwas fertig bringen zu wollen, diesmal den Camino zu beenden und in Finisterre sein altes Leben hinter sich zu lassen. Ich habe nie dran gezweifelt, aber es war irgendwie noch Zukunftsmusik. Und nun ist er 2 Tage vor seinem Ziel, ich kann fast erspüren, welche Gefühlsregungen sich nun in ihm abspielen müssen.

Die Begegnung mit Markus tut unheimlich gut, er ist so strahlend verwandelt und strahlt so viel Glück und Freude aus. Trotzdem rattert mir mein Zeitplan im Kopf herum, und ich verabschiede mich erstmal zum Compostela-Holen. Anschließend trage ich mich mit dem Gedanken, die heilige Pforte zu durchqueren. Nachdem ich schon den Papst verpasst habe, wäre das eine weitere Gelegenheit, etwas zu erleben, was es so schnell nicht wieder gibt. Aber die Schlange ist mehrere hundert Meter lang. Wenn ich  mich dafür entscheide, verpasse ich wohl die Messe. Ich beschließe, dass es solche „Formalitäten“ nicht braucht, um sich als Pilger zu fühlen.

Wegen dem heiligen Jahr gibt es diesmal strengere Sicherheitskontrollen. Man darf die Kathedrale nicht mit Tasche oder Rucksack betreten, sodass ich mein Monstrum an einer Gepäckverwahrung abgebe. Ein komisches Gefühl, meine Messe ohne meinen Rucksack.

Ich stürze mich in die Souvenirläden, ich brauche einen Rosenkranz für einen krebskranken Bekannten und möchte das Kartenset kaufen, das es auf dem Camino in jeder zweiten Herberge gab. Mit Bildern vom Camino und vom Pilgern und darunter vielen weisen Sprüchen und Lebensweisheiten, die mich teilweise sehr berührt haben. Das mit dem Rosenkranz ist schon unheimlich schwierig, ich habe sehr klare Vorstellungen, Rosenholz mit Rosenduft, so wie ich selber einen habe. Überall gibt es nur Plastik mit Plastikduft, was jetzt irgendwie gar nicht geht. Auch meine Karten finden sich nirgends. Ich bin frustriert und genervt, dass es hier 50 gleichartige Souvenirläden gibt, aber jeder nur den gleichen Scheiß hat. Irgendwo finden sich dann doch die Karten, allerdings auf Deutsch. Ich suche weiter, bis ich sie irgendwo doch noch wie gewünscht auf Spanisch erstehe. Ein weiteres Häkchen auf meiner „Mission Heimkommen“-Checkliste.

Langsam trudeln die ersten Pilger, die in Arca normal losgelaufen sind, ein. Als erstes sehe ich die Grinsekatze, die mich anstrahlt und voller Santiago-Euphorie ist, mich beglückwünscht und jetzt vor allem in Feierlaune ist. Ich ziehe mich mit einem pauschalen „ja, ja“ aus der Affaire. Ich bleibe ja eh nicht für die ausgelassenen Feiern am Abend, und das erfüllt mich im Moment auch nicht mit Reue. Wenig später treffe ich Matthias. Er ist wie üblich nicht ganz so ausgelassen und überschäumend. Eigentlich haben wir verhältnismäßig viel Zeit zusammen verbracht, sind uns eigentlich seit Astorga jeden Tag begegnet. Er weiß, dass ich heute schon fliege, sodass für einen Moment eine komische Abschiedsstimmung zwischen uns steht. Ich sollte nun etwas Herzliches sagen, ihn zum Abschied umarmen oder ihm ein Bändel geben, ich sehe förmlich vor mir, wie souverän und überschäumend Anke das jetzt gestalten würde. Aber ich kriege es nicht hin, wir drucksen ein komisches „Tschüss dann“, und ich bin wieder recht frustriert und niedergeschlagen von meiner sozialen Gesamtleistung.

Ein paar Meter weiter laufe ich in Lucia hinein. Die Kommunikation ist wie üblich etwas erschwert davon, dass sie statt Englisch lieber undefinierbare Grunzlaute von sich gibt. Aber auch sie ist happy, hat den Papstbesuch noch erwischt und sich damit einen riesigen Traum erfüllt. Wenigstens hier schaffe ich es, mich ordentlich zu verabschieden und ihr mein Bändel zu geben. Ähnlich wie nach dem Haargummi ist sie völlig von der Rolle und bricht schier in Tränen aus.

Ich kämpfe mich weiter in Richtung Kathedrale durch, man trifft nun wirklich alle 20 Meter auf eilige, begeisterte Pilger, die den Sprint von Arca gemacht haben, nun noch schnell die Compostela abholen und dann in die Messe wollen. Die letzten Tage hatte ich das Gefühl, niemanden mehr zu kennen, aber nun tauchen doch plötzlich noch alle möglichen Bekannten von entlang des Wegs auf. Typisch für Santiago.

Im Kathedralenshop kann ich ein weiteres Häkchen setzen. Der Rosenkranz ist zwar nicht der, den ich haben wollte, aber immerhin auch aus Rosenholz. Recht erleichtert, so ziemlich alles erledigt zu haben, steht nun nur noch „Spitzenplatz im Seitenschiff Sichern“ auf dem Programm. Ich habe Glück und finde einen Platz direkt am Gang in der zweiten Reihe.

Die Kathedrale ist proppenvoll, vor allem mit Touristen. Die Gänge sind gestopft voll mit laut erklärenden Führern und ihren Schirmchen, ständig wird geknipst und geblitzt, die Geräuschkulisse ist gewaltig – und wenig stimmungsvoll. Oder vielleicht liegt es an mir. Zu viele Häkchen und Abfahrtszeiten im Kopf.

Die Messe berührt mich wenig, diesmal bin ich ja ohnehin nicht so gut darin, Gott in Kirchen zu begegnen. Als der Botafumeiro geschwenkt wird, versuche ich von meinem tollen Platz aus, ein gutes Foto zu schießen bzw. versuche sogar ein Video. Ernüchtert stelle ich später fest, dass ich zum einen kein scharfes Foto erhalten habe, erst recht nicht die Stimmung darauf festhalten konnte und jegliche Stimmung eigentlich dadurch verpasst habe, dass ich die ganze Zeit wie wild an irgendwelchen Knöpfen gedreht habe und den kleinen Monitor im Blick hatte.

Draußen hat sich mittlerweile doch ein bisschen die Sonne durchgesetzt. Ich habe noch etwa eine Stunde, bevor ich zum Busbahnhof muss, so versuche ich, noch ein bisschen die Stimmung zu genießen. Plötzlich steht Joaquin vor mir, ich brauche ewig, bevor ich es kapiere. Er wollte doch eigentlich heute früh mit seiner Mutter nach Portugal abfahren, deswegen habe ich ihn überhaupt nicht mehr auf meiner Liste der hier zu erwartenden Gesichter. Er fliegt mir begeistert um den Hals und drückt mich eine halbe Ewigkeit, was mich etwas perplex macht. Da ruft auch schon ein Rudel kleiner Spanier seinen Namen, als wäre er ein Promi. Nun ist er etwas perplex, er scheint sie nicht wiederzuerkennen. Doch, doch, er wäre doch der mit der Glatze. Sie haben mit Anke übernachtet, und sie hat ihnen das Video von seinem Friseurbesuch vorgespielt. Vorauseilende Prominenz. Joaquin begrüßt seine neuen Fans gewohnt offen und herzlich und stellt mich auch gleich mal als eine liebgewonnene Freundin vor, die ihn die letzte Zeit auf dem Camino begleitet hat und wo er jetzt so von der Rolle ist, mich nochmal zu sehen.

Kurz darauf gesellt sich eine kleine Frau zu uns, die sich als seine Mutter herausstellt. Ich werde wieder ähnlich blumig und überschwänglich vorgestellt, bin aber einfach sehr neben der Kappe. Hier geht mir gerade alles etwas zu schnell bzw. ich bin nicht in meinem üblichen, sortierten, langsamen Peregrina-Frieden. Joaquins Mutter ist auch so ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hätte. Sie ist überaus normal und höflich und unauffällig, ich hätte mir eigentlich ein paar Alfalfa-Tabletten oder zumindest eine Hippie-Frisur vorgestellt. Beide fragen mich begeistert, ob ich nicht noch den Nachmittag mit ihnen verbringen will, sie wollen gerade in eine Ausstellung im Parador. Ich bin froh, dass ich so oder so verneinen muss. Ich werde mit einer weiteren langen Umarmung wehmütig entlassen, gehe meinen Rucksack abholen, setze einen weiteren Haken unter „Santiago-Torte-Kaufen“ und mache mich dann doch sehr wehmütig auf in Richtung Busbahnhof. Ich kehre der Kathedrale nur ungern den Rücken, und auch diesen vielen Menschen, mit denen ich die letzte Woche verbracht habe. Ich treffe noch die Kanadierin von Villafranca del Bierzo, es ist unglaublich, wie viele Begegnungen ich eigentlich schon vergessen hatte und nun wiedererkenne. Ich kann mich auch eines Gefühls vieler verpasster Chancen nicht erwehren.

Am Busbahnhof überkommt mich eine große Melancholie. Die Begegnung mit Joaquin hat mich sehr aus der Bahn geworfen. Den ganzen Camino über hatte ich das Gefühl, ihm ziemlich auf den Geist zu gehen, Anke und er waren weniger Freunde für mich, als vor allem Denkanstöße, die mich immer wieder über mich selbst nachdenken haben lassen. Mir kommt eine Strophe aus „Weit wie das Meer“ in den Sinn:

***

Und doch sind Mauern zwischen uns und andern, wir sehn einander nur durch Gitter an.

Unser Gefängnis ist das eigne Wesen und seine Mauern nichts als unsre Angst.

***

Meine Flüge klappen reibungslos, um 19 Uhr bin ich in Madrid, um 22 Uhr in Zürich, kurz nach Mitternacht zu Hause. Ich bin ziemlich erschlagen, zum einen von den vielen Eindrücken und Lehren, die ich erstmal verarbeiten und verinnerlichen muss, zum anderen von diesem übervollen Tag. Am Morgen noch zu Pilgern und abends schon wieder zu Hause zu sein, das ist ein ziemlich abruptes Ende für eine entschleunigte Pilgerreise.

Irgendwie entschleunigt bin ich aber trotz allem irgendwie, und hinter einem Haufen wirrer Gedanken und viel Material macht sich eine solide Gelassenheit breit.

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Ich schlafe schlecht, ich bin innerlich in planerischer Panik wegen den kommenden beiden Tagen, die ich schnell laufen muss. Den letzten, um pünktlich in die Messe und auf meinen Flieger zu kommen, den heutigen, um sicher meinen Platz in der Herberge von Arca zu bekommen. Mit mir übernachten hier über 50 Leute, und in Arzúa mit einer guten halben Stunde Vorsprung sicher das Vierfache. Ich werde wieder von meiner alten Herbergspanik heimgesucht.

Ich frühstücke im Aufenthaltsraum meine klebrige Schneckennudel aus Mélide und vernichte einen halben Liter Orangensaft. Danach ist mir so schlecht, dass ich das süße Brot von gestern lieber gleich in der Herberge lasse. Direkt neben mich hat sich noch eine Koreanerin platziert, die völlig ungerührt Blasenchirurgie betreibt und ihr Betadine und ihre Kanülen fröhlich zwischen meinem Frühstück ablegt. Heute bin ich wohl zart besaitet.

Meine erste halbe Stunde habe ich in Ruhe, treffe in Arzuá dann aber wie zu erwarten auf Unmengen Pilger in Aufbruchsstimmung. Es ist ein Pulk sondergleichen, und ich bin ständig am die Lage nach hinten Checken für ein WC-Päuschen. Es dauert bestimmt eine halbe Stunde, bis sich endlich eine kleine Lücke ergibt.

Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass heute unheimlich viel „billiges Fußvolk“ unterwegs ist. Das meiste sind nicht einmal 100km-Pilger, sie laufen ganz ohne Gepäck oder mit Minirucksack. Und unheimlich schnell. Vermutlich wollen sie die kommenden beiden Etappen in einer machen und dann zum Papstbesuch in Santiago eintreffen. Während ich vor mich hintrotte, denke ich sehnsüchtig daran, wie leichtfüßig auch ich gestern ohne meinen Rucksack und meine Wanderschuhe durch die Gegend geflogen bin.

Sicherheitshalber sammle ich auf den letzten 100km zwei Stempel täglich, sodass ich heute ausnahmsweise irgendwo zwischendrin in einer Bar einen Stempel holen gehen muss. Vor mir erstürmt schon eine Gruppe die Location, in der bereits ein Haufen Pilger ein wildes Gewurstel am Tresen veranstaltet. Es ist eine Geschiebe und Gedränge und Credencialgefalte und -verstauen sondergleichen. Die Spanierin vor mir packt sogar ein vorgefaltetes Kunstwerk aus ihrem Umhängeklarsichtbeutel, fast 10 Credenciales so zusammengefaltet, dass sie sie im Akkord stempeln kann. Dann rennt sie auch schon wieder unter Ellenbogeneinsatz aus der Bar hinaus, wahrscheinlich, um ihre Gruppe wieder einzuholen. Der Großteil der Credenciales wurde wohl für Leute gestempelt, die den Camino überhaupt nicht zu Fuß begehen.

Der Inhaber der Bar lächelt etwas mühsam gequält. Wahrscheinlich erlebt er das täglich rund um die Uhr. Ich bin ja schon ganz verdattert von diesem kurzen Moment und stempele bedächtig mein Werk, als endlich einmal alle weg sind.

Kurz nach Mittag und gefühlte 1000 schnelle Pilger später biege ich angstvoll um die Ecke zur Herberge, wo aber erst erstaunliche 5 Pilger auf Einlass warten. Also habe ich die schnellen Pilger wohl intuitiv richtig eingeschätzt.

Die Herberge in Arca war wirklich jedes Mal ein Etappenziel von mir, ich fühle mich ein Stück weit schon zu Hause in den Gängen, der Küche, meinem Privatbadezimmer und dem kleinen Supermarkt. Und doch ist jedes Mal völlig anders, andere Stimmung, anderes Setting, andere Leute, andere Gedanken. Heute erscheint mir die Herberge sehr schmutzig und trostlos, was mich nicht weiter wundert. Ich fühle mich überhaupt nicht mehr wie eine Pilgerin, komme mir wie ein Fremdkörper vor in dem rasant zunehmenden Trubel. Alle scheinen sich zu kennen, alle lechzen nach Ankommen und nach Santiago, sind fast high. Ich dagegen bin völlig sachlich abgeklärt, habe den ersten Schritt meiner „Mission Heimkommen“ hinter mich gebracht und meinen Schlafplatz gesichert. Nun muss ich noch Internet finden, um meine Flüge zu überprüfen. Morgen um diese Zeit bin ich nicht selig am Ziel meiner Träume in Santiago, sondern bereits auf dem Heimflug. Ein bisschen traurig macht es mich, dass sich heute oder schon gestern die peregrina unbemerkt verabschiedet hat, aber andererseits bin ich auch erstaunlich gelassen. Nach meinem dicken Bein haben sich auch die verträumten Santiago-Illusionen mit einem Schlag verabschiedet; ich bin froh, dass ich es nun überhaupt zu Fuß in einem Stück nach Santiago schaffen werde.

Internet finde ich in einer privaten Herberge, wo ich auch Matthias treffe. Er logiert dort mit der Grinsekatze, und ich muss mich schon fast über mich selber wundern, dass ich fast ein bisschen traurig über meine Herbergswahl bin, wo ich nun wirklich gar keinen kenne. Meine Herberge ist fest in spanischer Hand, während sich hier sämtliche Koreaner und Nichtspanier zurückgezogen haben. Aber allein die Tatsache, dass der Empfang an einen Bankschalter erinnert, erwärmt mir nicht gerade das Herz.

Ich koche mir eine Abschlußpaella, die heute aber irgendwie eine merkwürdige Konsistenz hat, komisch schmeckt und sich nicht allzu grandios anfühlen will. Ich fühle mich unter all den Spaniern irgendwie unwohl. Sie reden untereinander so schnell und laut und hektisch, dass ich nichts verstehe. Aus unerfindlichen Gründen fühle ich mich ausgestellt und beobachtet, weil ich nicht so recht zur Masse gehöre. Ein Phänomen, welches ich sonst typischerweise nur vom ersten Tag auf dem Camino kenne.

Ich stelle meine Schuhe und Socken schon im Gang parat und aktiviere mein Handy, um für morgen früh den Wecker zu stellen. Morgen das Finale der „Mission Heimkommen“.

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Die erkältete Spanierin neben mir schnarcht, dass die Wände wackeln, und als sie morgens im Schlaf auch noch herzhaft ungebremst Nies- und Hustenattacken bekommt, flüchte ich kurz vor 7. Ich warte brav bis 7.30, bevor ich mich auf den Weg mache. Heute ist es klar, kein Nebel, dafür ein bisschen Wind. Die ersten Stunden bleibt es ruhig, ich werde nur sehr vereinzelt von Pilgern überholt. Ich bin in einer komischen Stimmung, eine Mischung aus traurig, niedergeschlagen, resigniert oder ernüchtert. Anke ist weit hinter mir, Joaquin weit vor mir, ich werde sie nicht mehr treffen. Und sonst kenne ich eigentlich niemand. Auch Santiago weckt keine allzugroße Vorfreude in mir. Durch meine Stückelung fühle ich mich ein bisschen wie ein Kurzstreckenpilger, nicht so gewachsen, als wäre ich 3 Wochen lang jeden Meter auf mein Ziel hingelaufen. Und mein letzter Tag wird wohl weniger langsames, besinnliches In-mich-Hineinfühlen, sondern eher eine koordinatorische Meisterleistung, um rechtzeitig auf meinen Flieger zu kommen.

In Mélide mache ich einen feierlichen Großeinkauf in meinem Stammsupermarkt und breite mich ebenfalls an meinem Stammplatz am Ortsausgang vor einer Kirche aus. Zu Schafskäse und edlem Lomo habe ich mir leider versehentlich ein süßes Rosinen-Nuss-Brot gekauft, was das stimmige Gesamtkonzept etwas ins Wanken bringt.

Heute habe ich mal wieder wunderbares Wetter und fühle mich mit Zitronenbäumen und Weinreben sicher nicht wie November. Typisch für Galizien wimmelt es von den Hórreos, den Kornspeichern. Zum ersten Mal stehen einige offen und sind auch wirklich mit corn, mit Mais bestückt.

Heute bin ich ziemlich unschlüssig bezüglich meines Tageszieles. In Ribadiso bin ich viel zu früh, sonst ist noch niemand da, und nach der gestrigen Nacht möchte ich einfach mal wieder einen Haufen Pilger um mich haben und ein bisschen Trubel. Ich setze mich erstmal in den Schatten auf die Brücke und warte ab.

Ein paar nett aussehende Spanier stürmen die Herberge und halten ihre Füße in den kühlen Bach. Ich entscheide mich spontan, auch hierzubleiben. Kaum habe ich eingecheckt, packen sie auch schon wieder zusammen. Sie haben nur mal kurz die Füße erfrischt und laufen nun natürlich noch weiter. Ich bin leicht verzweifelt.

Die Herberge ist eigentlich wirklich wunderschön. Abgesehen von dem tollen Bach faszinieren mich die hellblauen Pferdestalltüren und der verschachtelte, über mehrere Ebene verteilte Schlafsaal. Zum absoluten Wohlgefühl würden einfach ein Supermarkt, eine eingerichtete Küche und nette, bekannte Gesichter fehlen.

Ersteres nehme ich kurzentschlossen mal wieder in Angriff, ich laufe nach Arzúa. Ich fühle mich ausgesprochen leicht und beschwingt, was sicher am fehlenden Rucksack und dem Wissen um die kurze Strecke liegt. Und daran, dass ich langsam die Sorgen um meine Beine und Vorsicht und Schonung abgelegt habe.

Ich kaufe wie üblich viel zu viel, zwei riesige Tüten, es ist schon fast schwer zu tragen (und im Nachhinein weiß ich immer gar nicht mehr, wie ich das alles essen soll). Unter anderem habe ich mir auch eine Tüte Schokobons gegönnt, die ich während meines Rückwegs schon einmal anbreche. Mir kommen die ersten Pilger entgegen, völlig abgekämpft vom Berg, dem langen Tag, der Verzweiflung, wann denn endlich Arzúa auftauchen könnte. Beim Anblick einer Pilgerin mit Supermarkttüten schöpfen sie neue Hoffnung, und es ist schön, ihnen versichern zu können, dass hinter der nächsten Biegung wirklich schon der Ort ist. Ich drücke jedem noch ein Schokobon in die Hand und mache mich noch etwas beschwingter als eh schon auf meinen Weiterweg in Gegenrichtung.

Das mit den Schokobons war eine lustige Idee, und ich beschließe, jeden weiteren Pilger auf seinen letzten Metern damit zu beschenken. Viele kenne ich vom Sehen, manche kenne ich auch gar nicht, aber jede Begegnung ist ein Highlight, innerhalb weniger Sekunden Überraschung, ein paar Worte, Freude und ein Strahlen. Zurück in Ribadiso ist meine Tüte leer, aber ich bin erstaunlich erfüllt und beseelt von meiner kleinen Aktion. Vielleicht weniger vom Schokoladeverteilen an sich, sondern von dem Gefühl, dass man sich gleich besser fühlen kann, wenn man offen auf andere Menschen zugeht bzw. sich nicht um sich, sondern um seine Mitmenschen sorgt. Eigentlich keine neue Erkenntnis, aber es kommt mir vor wie eine kleine Lektion von oben, ein kleiner Reminder.

Passend dazu, wie eine kleine Belohnung, ist Ribadiso bei meiner Rückkehr mit einem Schlag recht belebt und mit Trubel erfüllt. Trotz meiner Lektion in Sachen Offenheit ist mir nicht danach, mich voll ins Kennenlernen zu stürzen. Dafür ist dieser Camino vielleicht schon zu weit fortgeschritten oder diesmal einfach auch mit anderen Lehren und Erfahrungen gefüllt. Ich sitze in der Abendsonne bei lauter Caminodelikatessen wie Artischocken aus der Dose, Crema Catalana, einer Kaki und Schweppes Lemon, plaudere den ein oder anderen kurzen Smalltalk, bin aber eigentlich sehr zufrieden mit meinem freundlichen Trubel um mich herum, ohne voll darin eintauchen zu müssen.

Gegen Abend zieht Nebel auf, sodass ich mich recht bald in den Schlafsack verziehe. Die Südafrikanerin aus Sarria kommt jetzt erst angepilgert. Etwas aufgedreht erzählt sie, dass sie ja die letzten Tage mit diesen „party people“ verbracht hätte, und da hätten sie heute vor lauter Feiern dann die Zeit vergessen. Die party crew hat dann ein Taxi nach Arzúa genommen, aber soweit geht ihre Partybegeisterung dann doch nicht, sie ist doch noch so lange gelaufen, wie sie etwas sehen konnte.

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Um 6 wache ich zum ersten Mal auf. Um 7 bin ich dann endgültig wach und ergreife auch recht zügig die Flucht, bevor die ganzen Mädels wieder zu schnattern beginnen.

Wie üblich ist es bescheuert, im Stockdunkeln zu laufen. Ich bin wieder einen Hauch von neurotisch, höre überall Geräusche und habe Angst vor Hunden. Ich bin wirklich erleichtert, als es heller zu werden beginnt. Auch heute hat es wieder sehr dichten Nebel, alles ist watteweiß.

Ich bin wieder in aufgeregter Fotografierlaune. Nicht nur blauer Himmel und strahlender Sonnenschein lassen mein Herz höher schlagen, mittlerweile habe ich auch meine Freude an Nebelspielen und Wassertropfen, Spinnweben und kleinen Details wie einer wunderschönen Passionsblumenblüte (und ich bin ehrlich erstaunt, was ich Anfänger mit meiner Digitalkamera alles zustande bringe). Wieder faszinieren mich auch die Hórreos, die galizischen Getreidespeicher. Es sind nur Speicher für Maiskolben, aber die Version meiner Pilgerfreundin Bärbel, dass die Leute da ihre Toten drin aufbewahren, geht mir vor allem in diesem stillen Morgennebel auch nicht ganz aus dem Kopf.

Nach einer Weile ist der kurze Moment gekommen, in dem die Wattewolken mit der Sonne kämpfen. Ich mache es mir auf einer Leitplanke gemütlich, esse meine gestern eingekauften Cremeschnittchen und trinke meine Tetrapaks Kakao.

Hinter mir lichtet sich der Nebel bereits und gibt den Blick frei auf einen strahlend blauen Himmel. Der Weg, den ich gekommen bin, liegt dagegen noch komplett im Nebel. Ich bin früh losgelaufen und habe bisher keine Menschenseele getroffen. Dass vermutlich alle das morgendliche Hellerwerden abgewartet haben und eine halbe Stunde nach mit gestartet sind, wird mir nun bewusst, als fast im Sekundentakt ein Pilger durch die Nebelwand bricht. Mich passieren unglaubliche Massen unglaublich schneller, hektischer und betriebsamer Pilger, es ist fast etwas unwirklich.

Ich lasse den größten Schwung passieren. Als es wieder ruhiger wird, mache ich mich wieder auf den Weg, immer noch mitten an der Grenze zwischen Nebel und Sonne. Auf der anderen Straßenseite sieht irgendetwas merkwürdig aus, seltsam blendend hell. Die Gruppe Spanier, die hinter mir entlanggestoben kommt, ruft sich hektisch „arco iris!“ zu. Ein Regenbogen, der direkt auf dem Acker vor mir endet, und den ich als solchen erst richtig sehe, als ich ein paar Schritte zurücktrete.

Meine Stimmung schwankt  zwischen fasziniert von der beeindruckenden Schönheit des Wegs und etwas desillusioniert von den Pilgerscharen. Es geht recht eintönig an der Straße entlang, vor und hinter mir hat es hektische Pilgergrüppchen, soweit das Auge reicht. Ich kenne so gut wie niemanden von ihnen, und sie sind unheimlich schnell und gestresst und laut. Ich muss schon wieder an Bärbel denken – dass man als Pilger nach ein paar Wochen nicht mehr geht (oder gar hetzt), sondern schreitet. Ich vermisse dieses bedächtige, nachdenkliche, ruhige, in sich gekehrte Schreiten, das ich die vergangenen 2 Wochen beobachten durfte.

Irgendwann ist alles Schnelle an mir vorbei, und ich laufe lustigerweise auch wieder in kompletter Ruhe und Einsamkeit.

Irgendwann holt mich Joaquin ein. Heute ohne Anke. Er möchte oder muss sich beeilen, er will seine Mutter bereits am Samstag in Santiago treffen, Sonntag früh geht ihr Bus nach Portugal. Die Mutter ist offensichtlich irgendwie auch auf dem Camino (oder auch wieder nicht, mit dem Bus, Joaquin ist klar auskunftsfreudig wie immer), er will heute bis Mélide. Anke dagegen hat beschlossen, dass es ihr nichts bringt, so früh anzukommen, sie hat ja ihren Mann ein oder zwei Etappe hinter sich. Nachdem sie „ihr Santiago“ schon im Frühling hatte, will sie es ihrem Mann offen lassen, ob er „sein“ Santiago lieber allein erlebt oder ob sie gemeinsam die letzte Etappe gehen wollen. Und dann vielleicht gemeinsam bis ans Ende der Welt.

Ich schicke Joaquin voraus. Heute nicht einmal aus schlechtem Gewissen, irgendwie habe ich heute einfach keine Lust mehr auf seine gönnerhaften, allwissenden Kommentare, auf unsere „Gespräche“, die ja eh zu nichts führen.

Heute ist es so richtig warm, ich trödele mal wieder par excellence und spiele Schwamm, der die Eindrücke und Ruhe auf den letzten Kilometern vor Santiago aufsaugt. Gestern an der 100 km – Markierung habe ich die Kanadierin mit dem transportierten Müslirucksack getroffen. Sie war gemischter Gefühle. Weniger die Freude, den Camino bald geschafft zu haben, als eher eine Traurigkeit, dass sie nun 700 km unterwegs war und sich so daran gewöhnt hat – und es nun so bald schon zu Ende ist. Mir geht es (auch mit deutlich weniger Kilometern) einen Hauch von ähnlich. Die Stimmung ist Abschiednehmen.

Als ich eine kleine Anhöhe erklimme, sitzt auf einem Steinmäuerchen Joaquin. Er hat auf mich gewartet.

Ich bin weitgehend überrascht, aber wir laufen von da ab zusammen weiter, und es geht überraschend gut. Er hat eine recht unverwüstlich gute Laune, bleibt immer wieder stehen, um bedächtig eine Blume am Wegesrand zu inspizieren und liebevoll mit seinen filigranen Fingern an seinem Strohhut zu befestigen. Der Hut ist eh schon der Knüller, vor allem, seit er einen recht stattlichen Pilz aufgelesen hat. Ich nenne ihn neuerdings nur noch Mushroom-pilgrim.

Auf Höhe der ersten Riesenherberge von Palas de Rei treffen wir auf Lucia, die mal wieder mit merkwürdigen Geräuschen mit sich selbst beschäftigt ist. Irgendwas behagt ihr nicht an ihren Handschuhen, die sie wie die meisten Koreanerinnen gegen die Sonne trägt. Und täglich wäscht. Wir machen Erinnerungsfotos (den Mushroom-pilgrim hat sie trotz fehlender christlicher Aura ins Herz geschlossen), und sie fragt, ob wir zufällig ein Gummiband hätten. Sie hat ihres verloren, und die offenen Haare, ugh oh ah. Ich packe mitten auf dem Weg meinen Rucksack aus und suche ihr mein Haargummi aus dem Kulturbeutel. Sie bricht vor Freude erst recht in undeutliche Grunzlaute aus und ist kaum mehr zu beruhigen. Sie ist schon lustig mit ihren fast 60 Jahren. Vor allem will sie heute weit laufen. Bis Mélide, warum auch nicht. Sie will unbedingt den Papst sehen. Die Chance gibt es nur einmal, und dafür probiert sie alles. Da hat sie eigentlich recht.

Mich zieht es zielstrebig zu meinem Wunderbäcker in Palas de Rei, allerdings ist es genau 14:30, und die Läden beginnen zu schließen. Ich brauche auf alle Fälle etwas zu essen, sodass ich sicherheitshalber lieber in den nähergelegenen Supermarkt springe. Ich kaufe auf die Schnelle meinen geliebten Pulpo a la marinera, ein Brot und Mousse au Chocolat. Joaquin hat beschlossen, mit mir einkaufen zu gehen, wandelt aber verträumt zwischen den Regalen, ohne so wirklich weiter zu kommen. Die Verkäuferin wird wenig dezent ungeduldig, schließlich will sie den Laden schließen. Ich wecke Joaquin aus seinen Träumen, woraufhin er zerstreut bis an die Kühltruhe an der Kasse kommt und sinniert, dass er jetzt vielleicht ein Eis möchte. Er steht minutenlang regungslos vor der geöffneten Eistruhe. Irgendwann hat er sich für ein grünes Wassereis entschieden, ja, das glaubt er, will er. Es gibt es einzeln oder im Fünferpack. Er fragt nach dem Preis und rechnet in einer Endlosschleife, dass die Großpackung ja günstiger ist. Weitere Minuten vergehen, ich kann mir einen ungläubig grinsenden Blick mit der Verkäuferin nicht verkneifen.

Für einen von uns gibt es heute tatsächlich 5 Packungen grünes Wassereis zum Mittagessen.

Wir setzen uns mehr praktisch als idyllisch direkt auf eine Bank an der viel befahrenen Straße. Ich bin ungläubig begeistert von Joaquin. Ich kann ihn nicht so recht einschätzen, manchmal wirkt er mir einen Hauch von arrogant, aber vor allem ist er einfach tierisch verplant und verträumt.

Ich bemühe mich sehr um Toleranz und halte meine Meinung zu dem vielen Wassereis recht vornehm zurück. Irgendwann kann ich mir einen Kommentar dann doch nicht verkneifen, ob ihm diese Farbstoffe denn keine Sorgen machen – so viel Chinolingelb würde dann nicht mal ich essen, dabei bin ich hier ja nicht der Alfalfa-Man. Er ist halb geschockt, dass das giftgrüne Zeug ungesund sein und künstliche Farbstoffe enthalten könnte. Am Ende von Eis Nummer 2 keimt ihm auch der Gedanke, dass er vielleicht doch nicht den ganzen Karton hätte kaufen müssen. Zu Beginn von Eis Nummer 4 ist er eine Mischung aus aggressiv, verzweifelt und mit den Nerven am Ende, ich soll nur ja meinen Schnabel halten, sonst kotzt er grad quer über den Platz. Am Ende von Eis Nummer 4 sieht er selber einen Hauch von grüngelb aus und erinnert sehr an ein Häufchen Elend. Wie ein rettender Engel kommt Matthias den Platz entlanggeschlendert. Wir bieten ihm ein erfrischendes Eis an, was er überrascht dankend annimmt. Joaquin sieht zwar noch grün, aber unendlich erleichtert aus.

Wir laufen zu dritt weiter, die Stimmung ist super. Beide Herren sind auf ihre Art recht erheiternd und lustig. Die Temperaturen klettern immer höher, zum ersten Mal wird es mir selbst im hochgekrempelten Trekkinghemd warm. Wir haben November.

Es geht durch haufenweise kleine Örtchen, wobei Matthias immer unruhiger wird. Er wollte vermutlich eh nur bis Palas de Rei, hat sich von uns da etwas anstecken lassen, und sein Horror ist nun recht deutlich, bis Mélide durchlaufen zu müssen. Die Herbergen in den kleinen Orten haben im November bereits geschlossen. Ich vertraue recht optimistisch auf Casanova/Mato.

Als wir den Ort passieren und auf der rechten Seite die (geöffnete) Herberge auftaucht, hoffe ich fast schon einen Moment, dass auch Joaquin hierbleibt. Er ist aber erstaunlich klar, nein, er möchte bis Mélide. Ich gebe zu bedenken, dass das noch gut zwei Stunden sind und wir schon späten Nachmittag haben. Das überrascht ihn zwar wieder, Mélide muss es aber trotzdem sein. „Wir sehen uns“ (nein, Herzchen, nicht, wenn Du bis Mélide prescht und Sonntag morgen schon abreist), „bleiben ja aber eh über Facebook in Kontakt“ (obwohl wir nur unsere Vornamen kennen). Er ist unendlich verplant, aber sympathisch verplant, wie ich leider feststellen muss, als ich allein in die recht einsame Herberge einchecke. Die Spanierin am Tisch ist kurz angebunden bis unfreundlich, sie wohnt in dem 5-Seelen-Ort gegenüber und bewegt sich schlurfend in die Herberge, wenn ihr kleiner Kläffer unmissverständlich das Eintreffen eines Pilgers ankündigt. Dass es hier keinen Mercado gibt, ist mir klar, aber auch auf die Frage nach einer Bar schüttelt sich völlig resolut den Kopf. Nicht hier und nicht in der Nähe.

Ich trapse etwas einsam im Herzen die Treppe hoch. Diese Herberge ist praktisch identisch mit den anderen kleinen Herbergen in den kleinen Orten. Eigentlich recht süß, sauber und modern, mit wunderbar dicken Matratzen, kleinen Schlafsälen und modernen Facilities, wie einem (immer verschlossenem) Raum mit WC extra nur für Behinderte im Erdgeschoss sowie einer ausladenden Küche (in der wie üblich jegliches Geschirr fehlt). Vermutlich könnten diese Herbergen ein kuscheliges Gefühl von Heimeligkeit vermitteln, wären sie von einem engagierten Hospitalero liebevoll betreut und mit Liebe und Leben versehen. So dagegen ist der Bau unheimlich seelenlos, und es wird auch nicht davon besser, dass der Schlafsaal ziemlich leer ist. Mich strahlt nur die Grinsekatze an, ein älteres spanisches Pärchen ist am Duschen. Die Matratze sieht irgendwie komisch aus, es hat lauter dunkle Krümel, sodass ich einen Bettwanzenkoller kriege. Die Deutsche springt mir (mit ihrer leidvollen Erfahrung) hilfsbereit zur Seite und versichert mir, dass Wanzen anders aussehen. Trotzdem bin ich dankbar für ihren Anti-Bettwanzen-Umgebungsspray, mit dem ich angewidert alles von Matratze über Rucksack bis hin zu meinen eigenen Füßen einsprühe.

Draußen ist es zugig und windig und kalt, zu Essen hat es auch nichts herzerfreuendes. Ich bin ziemlich einsam und leer, sitze am Küchentisch und versuche mir einen Pfefferminztee aus der Mikrowelle schönzureden, für den es nicht einmal eine Tasse, sondern nur einen Joghurtbecher hat.

Am späten Abend trifft noch eine Spanierin ein, die auf dem oberen Stockbett mit Bächen von Jodlösung ihre Füße bearbeitet. Mich schüttelt es ähnlich wie beim Anblick der sehr korpulenten Frau des Spanierpärchens. Ihrem Mann zuliebe schleppt sie sich seit SJPdP den Camino entlang; sie freut sich mit leuchtenden Augen sehr, sehr, sehr auf das Ankommen in Santiago, vermutlich einfach auf das Ende dieser Tortur. Sie ist schwer erkältet, und an ihren Füssen ist keine normale Haut mehr zu erkennen, alles ist entweder frische Blase oder verhornte Blase.

An diesem Abend finde ich in allen Aspekten keinerlei Wärme und Wohlgefühl. Um 9 verkrieche ich mich in meinem Schlafsack. Wenigstens der ist eine zuverlässige Bank in Sachen warm umschließende Geborgenheit.

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