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Posts Tagged ‘Llanes’

Meinen letzten Tag starte ich früh- und zum ersten Mal so, wie ich mir den Camino del Norte im Vorfeld intuitiv vorgestellt hatte: in leichtem Frühnebel. Es ist Sonntag, kein Mensch auf den Straßen und dazu ist alles noch so leise, watteweich, verwunschen. Einzig ein Postbote ist mit seinem Auto unterwegs; sicherheitshalber frage ich ihn gleich nach dem Weg. Ich bin richtig und bekomme noch alles Gute für meinen Weg nach Santiago mit auf die Reise. Ich werde doppelt wehmütig.

Meine Wegfindungssicherheit lässt heute schwer zu wünschen übrig, was vielleicht auch daran liegt, dass es heute reichlich Wegalternativen gibt. Schon am Morgen soll ein Abzweig zum Küstenweg E9 abzweigen, den ich mir auf keinen Fall entgehen lassen will. Nachdem der Camino an der Straße entlang geht, darf ich also ausnahmsweise nicht blind den Pfeilen nachtrotten. Mein kleiner Kartenabschnitt macht mich komplett meschugge; wirklich schwierig ist eigentlich nichts, aber ich habe es am Morgen noch nicht so im Griff mit den Distanzen und durch welchen Ort ich nun schon durch bin. Inmitten meiner Unsicherheit kommt mir hupend und winkend der Postler von Colombres entgegengefahren, ja, ja, richtiger Weg für Santiago.

Mir wird fast warm ums Herz, als es für eine Weile auf der vielbefahrenen Nationalstraße weitergeht. Ein Schild bittet um Achtung wegen der N634. Die drei Zahlen und diese Nationalstraße werde ich seit der Etappe vor Castro Urdiales nicht mehr vergessen. Und wohl auch nicht dieses beruhigende, heimelige Gefühl, das sich damit automatisch bei mir einstellt.

Ich verlasse die N634, dafür laufe ich jetzt neben Bahngleisen. Ich erinnere mich an den Satz in meinem Führer, dass sich auf dieser letzten Etappe Pilger, Bahn und Autos den engen Streifen zwischen dem Meer und den Bergen teilen. Intuitiv bin ich vorbereitet auf einen engen Fußweg, links die Autobahn, rechts die Schienen oder umgekehrt. Und ich bin mir gar nicht sicher, ob das so ein guter Abschluss ist.

Vorerst geht es aber durch liebliches Hinterland mit rustikalen Steinhäusern inmitten von endlosem Grün, heute alles verziert mit einem ganz kleinen Hauch Nebel. Ich bin ergriffen, und irgendetwas rührt wie in meinem Herzen.

Nach einem letzten Schlenker geht es dann wieder in die Nähe der rauschenden Nationalstraße. Trotz Straße und Bahnstrecke ist der erste Blick atemberaubend, die Bahn fährt hier allen Ernstes in Steinwurfnähe zum Meer entlang – umrahmt von ganz viel gelbem Ginster und ganz vielen glücklichen Kühen, denen die Seeluft um die Nase weht.

Das „Eingezwängtsein“ hatte ich mir deutlich schlimmer vorgestellt. Während ich noch auf Fotojagd bin, überholt mich von hinten ein Pilgerpulk. Ich erkenne die Kanadierin, Miguel und den Spanier mit Macho und bin etwas überrascht, wo die jetzt herkommen. Aber vor allem froh, dass Macho wieder mit seinem Pilgerrucksäckchen und demnach geheilter Pfote unterwegs ist.

Wir laufen ein wenig die Straße entlang, und ich werde immer unsicherer wegen des kommenden Abzweigs. In einem Ort, der vermutlich La Buelna sein könnte, wird es demnach ernst. Mein Führer bringt mich komplett zur Verzweiflung, irgendwie liest sich heute mal wieder alles wie böhmische Dörfer. Ich muss mir Mühe geben, Satz um Satz einzeln zu lesen (und das trotzdem alle paar Minuten). Eine Bar in La Buelna, wo ein Wegzeiger sein soll. Bar. Bar. Wegzeiger. Bar. Vor allem sehe ich zwei Polizisten, die eher desinteressiert in Leuchtwesten am Weg stehen. Als ich einen kleinen Moment zögere, winken sie schon weitausholend geradeaus. Ich hüpfe quer über die Straße, wedele mit meinem Kärtchen und erkläre, dass ich ja aber nicht den Camino will, sondern den Spezialweg. Ja, ja, da immer geradeaus. Aber ich suche doch die Bar, von der es im Ort abgehen soll. Ja, ja, immer der Straße entlang, da würde es dann nach ein paar hundert Metern rechts abgehen.

Etwas zögerlich trabe ich also der Straße entlang, nicht, ohne nach 50 Metern wieder in meinen Führer zu schauen. Eine Seite vor „Bar. Wegzeiger“ wird der normale Camino beschrieben, der noch ein bisschen der Straße folgt und nach ein paar hundert Metern dann nach rechts abgeht. Die haben mich doch auf den Camino geschickt. Ich laufe entschlossen zurück, wo die Herren schon fast ausfällig werden, warum ich ihnen nicht glaube. Mit ihrem wilden Gestikulieren und Geschrei im Hintergrund laufe ich störrisch zu einer Tafel, versichere mich der Bar daneben und folge „Schild Pendueles“. Nächste Zeile „Bahnlinie überqueren“, alles im Plan. Dann wird auch schon der Blick frei auf atemberaubende Küste. Ich platziere meinen Rucksack an einen Weidezaun und klettere über die lustige Holzkonstruktion, um vom Ende der Weide aus einen Topblick auf das Meer zu haben – mit heute ganz unglaublichen Wellen, die gut 10 Meter hoch gegen die Felsen klatschen und sprühen.

Derweil staut es sich auf dem Weg, den ich gekommen bin, denn ein Bauer treibt seine riesige Kuhherde vom Auto aus den Weg hinunter. Verdächtig in meine Richtung, sodass ich etwas panisch zurücklaufe und mich über das Gatter rette. So allein auf einer Weide an der Steilküste mit 50 Kühen, das brauche ich am Morgen noch nicht. Ich schaffe es vor den ersten Kühen wieder auf den Weg.

Einen Moment später ergibt sich der gleiche Blick auf die Wellen von einem weitaus weniger halsbrecherischen Strand aus. Ich bin verzaubert.

Ein bisschen entzaubert werde ich von einer Weide im Anschluss. Dort steht ein riesiger Stier mit unglaublich viel Muskeln überall. Das gute Kerlchen wirkt auch etwa dreifach so groß wie eine normale Kuh. Er guckt mich unverwandt an und beginnt rhythmisch zu schnauben. Das ist mir sehr, sehr unwohl, zumal der Stier mir nicht so aussieht, als ob ihm das dünne, stromgeladene Zaunbändchen allzusehr imponieren würde. Ich widerstehe dem Wunsch, dieses Bodybuilder-Prachtexemplar fotografisch festzuhalten. Man muss sein Schicksal ja nicht herausfordern.

Ich erreiche Pendueles, wo das leidige Führerschauen schon wieder losgeht. Konzentration, keine Bar und Tafel mehr, sondern hier der Platz mit Brunnen, nach dem es nach rechts Richtung Llanes gehen soll, während der Camino wieder geradeaus weitergeht. Platz mit Brunnen. Rechts. Llanes. Platz. Brunnen. Ich passiere einen Wegzeiger nach Llanes, nein, nein, erst Platz. Brunnen. Dann Llanes. Ich komme mir vor wie bei einer Schnitzeljagd oder Schatzsuche. Ich laufe sehr viel lieber den gelben Pfeilen nach anstatt gegenpfeilig.

Ich treffe ein Brünnchen und mache dort erstmal erschlagen Rast. Hinterher findet sich brav rechts der Pfeil Richtung Llanes, und ich kann mich fürs erste wieder entspannen und den Führer im Rucksack verstauen. Mal wieder überraschend und dadurch erst recht begeisternd findet sich trotz Sonntag ein offener Laden. Meinen Vorsatz vom letzten Camino, nicht mehr so viel Essen mitzuschleppen, habe ich hier elegant komplett auf Eis gelegt. Es gibt nichts Schöneres als einen dicken Beutel voller Fressalien. Ich denke legitimierend an die Dänen aus Gernika mit ihren Plastikkanistern im Rucksack. Ob man nun 13 oder 14 kg schleppt, macht ja schließlich auch nichts mehr aus. Ich schleppe ja sogar hoffentlich im einstelligen Bereich, was macht da ein halbes Kilo mehr oder weniger.

Der kleine Kiosk hat frisches Brot im Angebot. Lecker aussehendes Ciabatta, riesengroß. Ich frage schüchtern nach etwas kleinerem. Der Inhaber verneint bedauernd, springt aber schon an die Fleischtheke auf der Suche nach einem Messer. Ich versichere, dass ich schon das Ganze nehmen kann, ich bin ja hungrig. Im Laden steht noch ein anderer Pilger mit einem sperrigen Rucksack und dem typischen, gewichtsplanenden Pilgerblick. Als ich vor der Tür meine Errungenschaft in meinen großen Rucksack stopfe (und mir auch gleich eine dicke Scheibe in den Mund), fällt mir plötzlich ein, dass es der Pilger mit Laute sein muss, von dem mir der Sachse gestern erzählt hat. Ich überfalle ihn also begeistert an der Türe mit meiner Mutmaßung, ob er der junge Vegetarier mit Laute wäre, der vor zwei Tagen in San Vicente mit dem Sachsen übernachtet hätte. Er trägt es mit erstaunlich viel Fassung (auch in Anbetracht der Tatsache, dass ich das halbe Brot im Mund habe). Er erzählt, dass er auch in Colombres übernachtet hätte, in der Sporthalle, wo ja so ziemlich alle gewesen wären. Zum Beispiel Macho und Co. Das erklärt ihr morgendliches Auftauchen. Ich bin etwas enttäuscht, resigniert in der Freizeitherberge abgestiegen zu sein in der Vorstellung, alle anderen wären weit weg Richtung Llanes. Einzig Helmut hat anscheinend konsequent die Etappen eingehalten, die 34,5km nach San Vicente und die 42,4km nach Llanes. Und das mit 70 Jahren. Wie auch Frans vom Anfang werde ich Helmut wohl nicht mehr sehen, es sind aber die Pilger, vor denen ich den meisten Respekt habe und die mir am meisten am Herzen liegen. Und bei denen ich mich etwas restunwohl fühle. Ich habe in den vergangenen Jahren so viele Armbändel geflochten, dass es für mich selbst etwas wie ein Abschluss geworden ist. Liebgewonnenen Pilgern übergebe ich mein Armbändel voller ausgesprochener und unausgesprochener guten Wünsche. Danach fühle ich mich meist irgendwie frei und abgeschlossen und „sortiert“. Bisher fühle ich mich folglich noch sehr unsortiert und bin zumindest froh, Maike und Chrissie heute nochmal in Llanes zu treffen – und gestern flechtaktiv gewesen zu sein.

Der nette Jungpilger neben mir verabschiedet sich mitten im Gespräch plötzlich unvermittelt, er will ja eigentlich nicht so viel sprechen. Ich bin zwar etwas irritiert, verstehe es aber recht gut, nachdem ich solche lustigen Einfälle ja auch häufig habe.

Entlang des Weges weiden unter anderem Ziegen. Zwei ganz kleine kommen neugierig an den Zaun – was vermutlich die Mutterziege in Panik versetzt. Diese blökt wie wild und möchte den Kleinen zu Hilfe eilen, nimmt aber eine falsche Abzweigung auf der verwinkelten Weide und hat nun plötzlich einen Zaun zwischen sich und dem Nachwuchs. In wilder Verzweiflung versucht sie, mit Gewalt durch den engmaschigen Zaun zu kommen. Ich bin hin und hergerissen, ob ich die Kleinen zu ihr herüberlotsen soll oder sie um den Zaun herum. Letztlich beschließe ich, dass es vermutlich besser ist, wenn ich einfach weitergehe, vielleicht entspannt sich die Lage dann soweit, dass die Mutterziege einfach 10m weiter rechts um den Zaun herumläuft. Ich bin trotzdem erleichtert, als mir nach ein paar Minuten ein Auto mit vermutlich dem Bauern entgegenkommt, der eventuell verhedderte Ziegen befreien kann.

Auf dem sonst menschenleeren Camino laufe ich immer wieder Peter und dem Vegetarier mit Laute über den Weg, mal macht der eine Pause, mal trödelt der andere. Peter ist heute deutlich schneller unterwegs, und bei dem anderen Pilger bin ich einfach etwas verunsichert. Bei ihm scheint es sehr häufig zu schwanken zwischen Gesprächigkeit und Schweigemoment.

Ich schaue schon fast wieder verunsichert in meinen Führer, um die Bufones de Arenillas nicht zu verpassen – Wasserfontänen, die optisch einem Geysir ähnlich mitten aus dem Boden sprühen. Zeitlich müsste ich sie eigentlich schon erreicht haben, es sei denn, ich bin heute mal wieder superlangsam. Peter macht schon seine Mittagspause. Ich kippe zwar auch schon fast um, würde aber gern in Ruhe bei den Fontänen essen.

Ich habe Glück, ein paar 100m später kommen die Schautafeln (und einige Touristen) in Sicht. Momentan ist wirklich Ebbe, es sprüht nichts besonders viel aus dem Premiumkrater. Dafür stehen Macho und seine Truppe ziemlich direkt interessiert im Krater. Es rauscht und faucht recht beeindruckend, und Macho gibt mal wieder alles und kläfft, als wäre da ein Riesenrudel Hunde zu verbellen.

Ich verbummele sicher eine Stunde, habe dann aber irgendwann schon so einen Blick für die Wellen, dass ich ahne, wann es ein bisschen sprühen könnte.

Kaum habe ich mich wieder aufgerafft, in der stattlichen Mittagshitze weiterzulaufen, da komme ich schon an eine Kreuzung, die ungewöhnlicherweise nicht ausgeschildert ist. Die Fahrstraße biegt scharf nach links ab, nach rechts an der Küste entlang führt ein gut ausgebauter Trampelpfad. Meine lustige Karte hat zwar einige Schlenker im Angebot, aber mal nach rechts und mal nach links, was weiß ich, wo ich mich gerade befinde. Ich grübele minutenlang herum, was denn logischer ist. Im Zweifelsfall geht es immer geradeaus. Hier geht ja einfach nichts geradeaus. Also der größeren Straße folgen. Aber wenn es eine Fahrstraße ist? Ich entscheide mich, dass die Straße nach links vielleicht nur der Tourizubringer ist und ich weiter an der Küste entlanglaufe. Mir kommt eine Gruppe Radler entgegen, schön, dann muss es da ja irgendwo hingehen. Pünktlich zum letzten Wandertag verheddere ich mich in einem Kuhgatter und reiße mir ein sattes Loch in meinen Allzweckfleecepulli.

Der Weg geht sehr hübsch auf weichem Grasboden durch Ginster und Eukalyptus. So ganz sicher bin ich mir aber immer noch nicht, ob ich richtig bin. Irgendwann kommt vor mir ein Meerarm in Sicht. Durch das verhältnismäßig enge Flussbett donnern spritzend die meterhohen Wellen. Mein immer schmaler werdender Trampelpfad formt sich zu wenigen Zentimetern, die steil hinunter zum Wasser führen. Ich kriege einen halben Wutanfall. Da hangele ich mich jetzt sicher nicht die Felswände entlang, ob das so gedacht ist oder nicht. Vielleicht führt er im Trockenen vorbei, vielleicht ist irgendwann Ende, vielleicht schnappt einen irgendwann eine hohe Welle, vielleicht rutscht man aber auch einfach so ab. Ich bin frustriert, rege mich über den Umweg auf, über meinen zerrissenen Fleecepulli, über die fehlende Ausschilderung, darüber, dass ich trotz langem Nachdenken den falschen Weg gewählt habe. Dass ich heute den halben Tag in meinem Führer hänge, daraus aber auch nicht schlauer werde. Egal, ob ich in den Text oder auf die Karte schaue, vor meinen Augen flackern nur lauter Alternativen, die mich ganz wirr machen.

Ich laufe die Fahrstraße, auch nicht so wirklich sicher, ob die nun irgendwohin führt oder ob der nette kleine Felsenweg gedacht gewesen wäre (ich befinde mich hier ja nicht auf dem eigentlichen Camino, sondern auf dem E9). Irgendwann erreiche ich ein kleines Brückchen über den mittlerweile höhnisch beruhigten Fluss sowie später den Ort Andrín. Ich bin also richtig. Mein Wasser ist ziemlich zu Ende, es ist heiß, aber so auf die Schnelle sehe ich keinen Brunnen und habe auch nicht mehr so viel Lust auf Suchen. Ich bereue es schon fast, als ich mich an den fröhlichen Aufstieg zur Passhöhe mache. Umso beeindruckender ist der Ausblick – und glücklicherweise ist auch Llanes nicht mehr weit. Wasser in greifbarer Nähe, ebenso das heutige Etappenziel. Die heutigen 25km, die ich eigentlich als gemütliches Ausspannen im Kopf hatte, sind nochmal eine echte Herausforderung.

Die letzten Kilometer nach Llanes ziehen sich nochmal so richtig. Ich nehme natürlich trotzdem noch jede Extravariante mit und laufe recht endlos auf einem Bergrücken entlang. Ich bin schon halb an Llanes vorbei und verliere fast schon die Hoffnung, dass es irgendwann wieder runter geht.

In Llanes angekommen grinst mir schon der Sachse entgegen, der mich irgendwo überholt haben muss. Ich bin heilfroh, angekommen zu sein, er dagegen will noch einen Ort weiter. Die nächste Etappe ist mit 34km auch schon wieder lang, was mich ja allerdings nicht mehr zu tangieren braucht. In Llanes gibt es zwei Herbergen, ich weiß noch nicht so recht, in welche ich gehen soll. Möglichst in Busbahnhofnähe; gleichzeitig versuche ich zu eruieren, welche Maike und Chrissie wohl wählen könnten.

Recht am Ortseingang treffe ich auf den verlassen daliegenden Busbahnhof. Um meinen kleinen Heimreise-Verfolgungswahn zu beruhigen, tappe ich an den (ebenfalls verlassenen) Schalter, wo ich etwa 5 Minuten warte, bis eine Mitarbeiterin peinlich berührt angestürmt kommt. Sie hat derweil draußen Kaffee getrunken. Ich zeige ihr meinen Ausdruck, frage, ob das so recht ist und der Bus auch wirklich fährt. Sie ist sehr nett, tut so, als ob sie alles nochmal gewissenhaft kontrollieren würde und gibt mir ein strahlendes Okay. Ich bin erleichtert.

Llanes selber ist erschlagend. Ich verliere den Camino und bin mitten in der (sonntäglich völlig überfüllten) Innenstadt. Ich entschließe mich zu einem feierlichen Abschiedseis und bin einmal mehr erstaunt, dass sich die Auswahl an Eissorten auf Zitrone und Erdbeer zusammenstreicht, wenn man sowohl Kaffee als auch Schokolade vermeiden will. Ich bestelle also eine moderat spannende Kugel Erdbeereis. Die etwas füllige Bedienung versinkt schwer atmend in der Tiefe einer Kühltruhe, nicht, ohne zwischendurch wieder aufzutauchen und sich mit dem Handrücken die Nase abzuwischen. Mein Eistütchen sieht schon völlig erschlagen von Eiskugeln aus, sie taucht aber nochmal ab und pflastert gewissenhaft 4 weitere Kugeln drumrum. So eine Kugel Eis habe ich noch nie gesehen, es sind mindestens 8 Kugeln, mir fällt schier der Arm ab, und ich habe richtig Schleckstress.

Ich bin unschlüssig, ob ich mich hier und jetzt auf Sightseeingtour machen soll oder erst die Herberge suchen. Ich irre absolut ziellos durch die Straßen in der Hoffnung auf irgendeine erleuchtende Ausschilderung. Meine geplante Herberge soll in einem alten Bahnhof sein, aber den kennt niemand. In einem Türmchen der Stadtmauer hat eine Information noch geöffnet, und ein sehr netter Herr gibt mir einen Stadtplan und eine Wegbeschreibung. Plötzlich bin ich wieder auf Kurs und finde sogar die gelben Pfeile wieder – und vor der Herberge einen Park mit Brunnen.

Die Herberge sieht moderat einladend aus. Irgendwie wieder nicht direkt nach kleiner Pilgerherberge. Ich frage den Mann an der Rezeption, ob hier auch Pilger wären, was er begeistert bejaht. Ich bekomme einen Schlüssel für mein Zimmer und durchquere eine riesige ehemalige Wartehalle, die nun mit dunklen Tischen einen Essraum darstellt. Generell ist mir alles ein bisschen zu groß, zu dunkel und zu verraucht, als dass ich mich wohlfühlen würde.

Mein Zimmer ist soweit noch leer. Moderat begeistert stelle ich fest, dass ich kurz vor der Herberge noch in Hundedreck getreten sein muss. Ein Königreich für eine Bürste. Ich putze mit feuchtem Klopapier daran herum, aber dieses löst sich sofort auf. Ein Meer aus Hundekot-Papierröllchen, halleluja.

Mit der Herberge und den Pilgern werde ich nicht so recht warm, ich kenne keinen von ihnen. Jeder verschwindet in seinem hellhörigen Zimmer, eigentlich will ich gar nicht so versteckt mithören. Mittlerweile ist es fast 19 Uhr, von Maike und Chrissie keine Spur. Ich kann mir nicht vorstellen, dass sie noch kommen, vermutlich sind sie in der anderen Herberge am Ortseingang untergekommen. Ich packe meine beiden Bändel ein und mache nochmal einen Ausflug dorthin. Die Herberge gehört zu einem eleganten Hotel, sodass ich eine gepflegte ältere Frau aus ihrem Rezeptions-Sessel schrecken muss. Als ich nach den beiden frage, guckt sie ganz entgeistert, die wären nicht hier. Vermutlich ist gar kein Pilger hier.

Ich bin niedergeschlagen. Alle bekannten Gesichter sind einen Ort weiter gegangen, und Chrissie und Maike haben es vermutlich einfach nicht bis Llanes geschafft. Falls sie gestern wie geplant in Serdio übernachtet haben, wären es heute 35km gewesen. Eigentlich war es utopisch, so sicher zu sein, dass wir uns in Llanes wiedersehen. Es fühlt sich doppelt „incomplete“ an. Dass ich heute hier nicht in einer wunderbaren Herberge mit allen lieben Pilgern versammelt bin, ist verzeihlich und nicht weiter schlimm. Dass ich mich nun aber rein gar nicht von den beiden verabschieden konnte, ist schade.

Derweil verabschiede ich mich von meinem treuen Begleiter, meinem Wanderstock. Ich suche ihm mühevoll ein schönes Plätzchen am Camino, in der Hoffnung, dass ihn vielleicht jemand weiter bis Santiago mitnimmt.

Auf den letzten Tag habe ich meine Kulturpanik und habe das dringende Gefühl, diesmal doch noch etwas von der Stadt anschauen zu müssen. Ich wandere die beeindruckende Hafenmauer entlang, an der die meterhohen, bemalten Cubos de la Memoria liegen. Ohne das wilde Geschnatter der vielen Touristen in den Bars und Restaurants ist es hier draußen am Meer völlig ruhig. Ein feiner Dunstschleier verhüllt Llanes und das „Danach“. Den Abend ausklingen lasse ich im Parque de San Pedro, einer Parkanlage mit Blick auf die Küste, die Möwen und den Sonnenuntergang.

Ich bin mit einer unheimlichen Wehmut erfüllt, ich habe das Meer und die Küste, die grünen Wiesen und Nebel so liebgewonnen.

Vielleicht ist es ganz gut, dass wenigstens die Herberge meine Wehmut nicht noch weiter nährt. Alle paar Stunden fährt ein Zug in den Bahnhof ein, was die ganze Herberge wackeln lässt. Grelle Neonbeleuchtung und ein markerschütterndes Tuten bei der Abfahrt sind das Sahnehäubchen an Wohlfühlstimmung. In meinem Zimmer bin ich immer noch allein, was praktisch ist; so kann ich morgen in aller Ruhe für meinen frühen Abgang packen. Mein Bus geht um 7 Uhr.

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