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Posts Tagged ‘Guillena’

Irgendwann in aller Frühe startet der Radfahrer, der gestern schon in der Nacht gekommen ist. Er scheint es wirklich eilig zu haben. Ansonsten liegt der kleine Raum aber noch in tiefstem Schlaf, erkennbar an den wirklich unglaublichen Schnarchgeräuschen. Ich möchte die ruhige Stimmung nicht durch frühes Rascheln unterbrechen und bleibe brav liegen, bis endlich die ersten aktiv werden.

Bei Helligkeit kurz vor 8 mache ich mich heilfroh endlich auf den Weg. Meine beiden Schokomuffins von gestern esse ich im Gehen – und schon nach wenigen hundert Metern stehe ich ratlos vor dem Camino, der direkt in einen breiten Fluss mündet. Mein Buch sagt dazu nichts; ich erinnere mich an eine Informationstafel gestern, auf der ich aber nur für die Anleitung zur Herberge richtig Interesse hatte. Ich entscheide mich für die Autobrücke links vom Weg; irgendwie werde ich von dort dann schon wieder auf den Camino kommen, der nach dem Flussbett weiterzugehen scheint. Ich frage einen einsamen Herren am frühen Morgen. So ganz verstehe ich wie immer nicht, was er mir alles erzählt, aber er scheint die Brücke eine gute Idee zu finden sowie die anschließende Rückkehr am Flussufer. Auf der Brücke bietet sich so ein schöner Blick auf den noch nebelverhangenen Fluss, dass ich für ein Foto die Fahrbahn überquere. Leider mit einem etwas zu optimistischen Kalkül meiner Geschwindigkeit. Wie aus dem Nichts taucht ein großer Lastwagen auf, sodass ich recht überstürzt einen Sprung über die Leitplanke mache. Mein rechter Oberschenkel dankt es mir nicht wirklich.

Nach der Brücke schlage ich mich mal wieder wild durch Gestrüpp und Geröll. Auf der anderen Seite kommen schon die nächsten Pilger, probieren die Überquerung und entscheiden sich dann auch für die Brücke. Kaum habe ich die Stelle erreicht, wo der Camino wieder aus dem Wasser kommt, führt der Weg gerade wieder zurück Richtung Straße. Meine Nachfolger haben das wohl geahnt und laufen gleich Fahrstraße. Ich dagegen besteche mal wieder durch beharrliches Laufen auf dem Camino ohne jeglichen Verstand.

Durch ein kleines Industriegebiet geht es endlich in ruhigere Gefilde, und nach einer Weile durchquere ich das erste Viehgatter. Zur rechten an einem Steinpfosten kündigt „Dehesa“ die erste Viehweide an, und kaum habe ich diese betreten, fühle ich mich schlagartig wie in einer anderen Welt. Von einem Meter auf den anderen bin ich plötzlich inmitten von moosigem Grün, unter knorrigen Bäumen und umgeben von einer seltsam verwunschenen Ruhe. Ich bin hin und weg. Dann tauchen auch noch die ersten Kühe auf. Braun und mit riesigen Hörnern, irgendwie beeindruckend, einschüchternd und würdevoll. Die ganze Weide wirkt beeindruckend und lässt mich mir sehr klein und vergänglich erscheinen. Die Steinmauern und das Moos und die Bäume wirken, als wären sie schon immer hier. Und ich, die ich hier ein paar Minuten durchlaufe, falle ausgesprochen wenig ins Gewicht.

Nach den ersten Kühen und einigen weiteren Gattern wird die Landschaft wilder und rauer. Der Weg wird felsiger und die Flora struppiger und robuster. Irgendetwas verbreitet einen ganz speziellen Geruch (mein Führer suggeriert Rosmarin) – und schon wieder ein ganz spezielles Gefühl. Ich fühle mich in kompletter Einsamkeit und Ruhe. Ich treffe Vögel und ganz kleine Kaninchen am Weg, die mich interessiert anschauen und nicht einmal flüchten.

Ich mache eine entspannte Pause in dieser einmaligen Umgebung, als ich plötzlich schwere Schritte höre. Wie aus dem Nichts kommt ein Pilger gestampft, und kaum ist er vorbei, ein zweiter. Ein paar Minuten später stampft es zwar weniger, dafür plappert es umso lauter auf Holländisch. Die beiden Pilger aus der Herberge kommen in leichtfüßigem Sturmschritt entlanggeprescht. Mit meiner schönen Ruhe und Einsamkeit ist es mit einem Schlag vorbei, sodass ich mich etwas frustriert wieder auf den Weg mache.

Neben mir weiden vereinzelt Pferde, die auch interessiert und neugierig aufschauen. Ich passiere die beiden Pilger mit den schweren Schritten, die auch gerade Pause gemacht haben. Eine Weile laufen wir recht gleichschnell umeinander herum, und ich bin fasziniert, wie man so schwer auftreten kann. Ich habe wohl einen guten Tag heute, ich befinde mich in annäherndem Schwebemodus, und mein einziges Geräusch sind die Steine, die unter mir knirschen und wegrollen. Die beiden Herren dagegen atmen und trampeln und stampfen wie eine Dampfwalze. Ich bin froh, ihnen beim nächsten Fotostop einen ausreichenden Vorsprung und Abstand geben zu können. So kommt für mich kein entspannendes Pilgern auf.

Mit der großen Entspannung hat es sich für den Moment sowieso. Wir laufen asphaltierte Landstraße. Aufgeheitert dadurch, dass häufig Autofahrer hupen und winken, was mich immer unheimlich freut.

Gegen Mittag erreiche ich mein heutiges Etappenziel Castilblanco de los Arroyos, eine als wunderschön weiß beschriebene Stadt. Für den Moment interessiert mich nur die Herberge. Dort lärmt es ohrenbetäubend. Offensichtlich ist ein Behindertenheim direkt angeschlossen, und gerade ist ausgelassene Pausenstimmung. Ich bin fast erleichtert, als ich mich in den ersten Stock durchgewurstelt habe und eine ruhige, noch menschenleere Herberge antreffe. Es gibt in verschiedenen Räumen verschachtelt haufenweise Betten, und in Anbetracht des gestrigen Schnarchkonzerts entscheide ich mich dankbar für einen kleinen Vorraum mit nur zwei Stockbetten. Schnell springe ich nochmal auf die Straße und in einen kleinen Laden, bevor die Siesta beginnt. Ich bekomme Brot und Chorizo und Artischockenherzen, und die Inhaberin fragt mich interessiert, ob ich denn alleine unterwegs wäre. Sie schaut ungläubig; ob ich denn nicht Angst hätte, so alleine. Bisher nicht.

In der Herberge dusche ich in einer lustigen Dusche, bei der mir der halbe Duschkopf entgegenfällt. Zudem flute ich das halbe Badezimmer, weil der Ablauf komplett verstopft ist. Mein Bein hat von der heutigen Leitplanke eine schicke Schürfung und entwickelt einen beeindruckenden Bluterguss. Beim pflichtbewussten Versuch, die Fensterluke zu öffnen, muss ich auf das WC steigen und stürze fast ab. Halleluja.

Die Herberge verfügt über zwei riesige Dachterrassen, auf denen ich meine Wäsche im soeben einsetzenden Sonnenschein aufhängen kann. Ich fühle mich beschwingt und wunschlos glücklich. Die beiden Holländer treffen ein, sie waren noch erst in einer Bar. Einer der beiden erinnert mich ziemlich an Rudi Carrell. Er scheint ähnlich wie die Spanierin im Laden das Gefühl zu haben, dass ich alleine auf der großen Via de la Plata ziemlich verloren aussehe. Er fragt wie auch schon unterwegs heute, ob es mir gutgehe und würdigt sehr wohlwollend meinen Essensbeutel. „Ja ja, die Essen ist sehr wichtig!“.

Mit meiner sehr wichtigen Kalorienzufuhr und meinem Tagebuch (alias diversen Ausdrucken, deren Rückseiten ich gewichtssparend recycle) setze ich mich vor der Herberge in ein kleines Steinrondell mit römisch anmutendem Torbogen, das irgendwie eine sehr geborgene Stimmung verbreitet. Ich creme liebevoll meine Füße und bin sehr froh, heute fuß- und beintechnisch kein weiteres Zwicken gespürt zu haben. Ich fühle mich auch wieder eher eins mit meinem Körper und habe nicht wie gestern das Gefühl, das meine Beine mir keinerlei Rückmeldung geben und einfach irgendwann streiken. Heute melden sie mir einen Hauch von Erschöpfung, aber ich bin ja auch schon brav und ruhig in der Herberge.

Am Nachmittag wird mir doch wieder etwas langweilig. Ich gehe Richtung Kirche, in der Hoffnung auf ein paar beeindruckend weiße Fotos. So richtig fotogen sind die Straßen aber doch nicht, außerdem windet es trotz der Sonne ziemlich und ist etwas ungemütlich. In der Herberge sehe ich zu meiner Freude Lieke wieder; mit weniger Freude registriere ich, dass sich der suspekte Spanier das Bett neben mir gesichert hat. Ansonsten füllt sich gegen Abend die Herberge mit neuen Gesichtern. Ein weißhaariger Pilger bietet mir seine Fußstütze zum Sitzen an. Ich verneine dankend auf Spanisch und frage, wo er herkommt. Er sagt „Irlandia“, und mir entfleucht ein erleichtertes „oh, English“. Er guckt verbiestert „no! Irish!“. Ja, ja, ich dachte ja nur, dass er dann ja Englisch spricht. Aber auch das ist natürlich falsch. „Irish!“. Die weitere Konversation rückt mich auch nicht gerade in ein besseres Licht. Sean ist vor seiner Rente ein hohes Tier in der Regierung gewesen, spricht irgendwie jede nur erdenkliche Sprache, kennt jedes Land und jeden Ort von irgendeinem Kongress oder einer Messe oder einer Ausstellung. Dass ich nicht mal in meinem Geburtsort jedes Kunstmuseum kenne, scheint ihn nicht sehr zu amusen. Ich ziehe mich ein wenig eingeschüchtert in eine andere Ecke des Balkons zurück. Ich fühle mich ein bisschen verloren und denke reumütig an den Camino Frances zurück. Ich erinnere mich an lustiges gemeinsames Blasenaufstechen am Abend, heiter-besorgten Austausch über Konditionszweifel, Wegfindung und allgemeine Unsicherheit. Hier hat niemand Blasen, heiter-besorgt ist auch niemand, und Zweifel und Unsicherheit gibt es erst recht nicht. Die (zumeist männlichen und im Rentenalter befindlichen) Pilger hier sind alle schon mindestens von zu Hause aus gepilgert, haben eine stoische Ruhe und sind meist auch perfekt vorbereitet. Die beiden schnellen Holländer laufen seit einem Jahr zweimal pro Woche 20km mit 15 Kilo Probegepäck. Ich fühle mich immer kleiner und unbedarfter und unsicherer.

Eine Schwäbin (außer Lieke und mir die einzige Frau hier) hat mein Gespräch mit Sean mitgehört und stellt sich vor. Wir haben nicht die gleiche Wellenlänge, aber wenigstens ist sie auch nicht superdurchtrainiert, sondern kommt direkt von der Arbeit und hat keine Ahnung, was sie kann.

Am Abend laufe ich nochmal zur Messe in die Stadt. Die Kirche ist verschlossen. Als ich frage, erhalte ich Schulterzucken. Messe ist, falls die Glocken klingen. Ich soll darauf warten. Ich warte ein Viertelstündchen, mache mich dann aber auf den Heimweg. Kaum bin ich nach einer Viertelstunde wieder in der Herberge, klingeln zwar Glocken, aber nochmal sprinte ich da nicht mehr hin.

Ich bin ein bisschen geknickt, als zwei spanische, vergleichsweise junge Radpilger etwas Leben in die Herberge bringen (schon allein dadurch, dass sie ihre vollbeladenen Räder die Treppe in den ersten Stock in die Zimmer hochschleppen). Einer scheint scharfsinnig erkannt zu haben, dass ich noch die eheste Chance bin, sich mit seinem männlichen Charme zu profilieren. Er redet ganz furchtbar viel, offensichtlich ist auch ihm etwas einsam zumute. Er ist immerhin lustig, erklärt mir mit Händen und Füßen von seiner Musikalität, dass er Trompete und Horn und Gitarre spielt. Er trommelt mit Fingernägeln, Fingerspitzen, Fingerknöcheln und Handflächen auf dem Stromverteilerkasten zwischen uns herum, und ich muss anerkennend zugeben, dass ein Schlagzeuger nichts dagegen ist. Er fragt, ob ich mit etwas essen komme. Ich habe schon gegessen, scheitere aber mit der Verständigung, weil mir keinerlei spanische Vergangenheitsform einfällt und er auch nicht wirklich die Ruhe mitbringt, mal mehr als zwei Wörter in Ruhe zuzuhören. Etwas enttäuscht macht er sich erstmal zum Duschen auf.

Der unheimliche Spanier steht wieder einsam rauchend auf der Terrasse herum. Er überschüttet mich mit einigen Wortschwallen, meint es vermutlich auch gut. Mich ärgert aber seine Art, mir nie zuzuhören und immer dieses „hach, sie versteht wieder nichts“ anzubringen. Ich suche mein Heil mal wieder im Schlafengehen. Als hätte er das geahnt, beendet er sein Rauchen schnell und liegt wieder in die Gegend starrend auf seinem Bett. Nachdem „die Gegend“ gerade mein Bett ist, gehe ich zum T-Shirt-Wechsel ins Bad. Danach lauert er leider immer noch; ich bin geneigt, in Trekkinghose zu schlafen. Ich ringe mich durch, ihm keine böse Absicht zu unterstellen, wechsle möglichst schnell in den Schlafsack und beende mit meinen Ohrstöpseln für heute den Tag.

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Gegen 6 Uhr wache ich auf und kann nicht mehr einschlafen. Aufstehen kommt so früh noch nicht in Frage, aber solange der Rest des Hostals schläft, kann ich ja in Ruhe Duschen und Haarewaschen. Und mich dann nochmal 2 Stunden hinlegen und die Haarpracht trocknen lassen.

Im T-Shirt und mit Waschbeutel tapse ich in die Duschräume. 10 Minuten später tapse ich zurück und drehe an meinem Türknauf, ohne dass sich etwas tut. Schlagartig dämmert mir, dass wir hier ja nicht in einer normalen Herberge sind, sondern in einem Hostal, und hier die Türen automatisch zu sind, sobald man sie vom Gang ins Schloss zieht. Und mein Schlüssel lagert fröhlich innen auf dem Nachttisch. Ich kriege einen Riesenschreck; soll ich jetzt hier 2 Stunden im T-Shirt auf dem Gang bibbern, bis sich der spanische Rezeptionist aus dem Bett schält? Ich gehe zur Rezeption und sehe ihn gerade noch das Haus verlassen. Er versteht wohl nur die Hälfte meiner panischen Schilderung, schließt mir aber zumindest wieder auf. So ein Glück, dass ich es hier mit einem Frühaufsteher zu tun habe.

Um 8 dringt schon wieder das aufdringliche englische Geschnattere durch meine Ohrstöpsel. Ich packe meinen Sachen zusammen und beginne meinen Camino. Ein mehr fremdes als erhabenes Gefühl.

Mein erster Blick auf das Tageslicht verheißt nichts Gutes. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, erstmal noch ausführlich Sevilla anzuschauen, zumal die heutige Etappe nicht sehr lang ist. Allerdings ist heute der Himmel grau, es sieht fast nach Regen aus, und das geschäftige Treiben auf den Straßen erinnert schlicht an morgendlichen Berufsverkehr, und nicht an die spezielle gestrige Stimmung. Ich beschließe spontan, nur noch einen Supermarkt zu suchen und dann loszugehen. Nach ein paar Metern in die Gegenrichtung (in der es nicht nach Supermarkt aussieht) gehe ich doch wieder durch den Park Richtung Kathedrale. Ab dort soll die Via de la Plata beginnen. Ich gucke mehr in meinen Führer als auf die Stadt. Normalerweise folge ich den gelben Pfeilen und konsultiere den Führer maximal abends, um die folgende Etappe zu planen, mich auf eine Einkaufsmöglichkeit und eine gut bewertete Herberge zu freuen. An jeder Straßenecke stehe ich hilflos, suche Straßennamen im Führer und an den Hauswänden, versuche, rechts und links Straßen zu deuten. Gelbe Pfeile oder Muscheln hat es wenig, ich verlaufe mich an jeder Straßenecke, habe bald sicher 20 Einheimische befragt und finde es ziemlich mühsam. Mittlerweile tröpfelt es auch, ich packe meine Rucksackhülle und die Regenjacke aus.

Vor mir kommt plötzlich eine Gruppe spanischer Pilger aus einer Gasse gesprungen. Alle sind klein, haben ebenso kleine Rucksäcke, riesige Pilgerstäbe, schnattern laut und fröhlich und sind vor allem superschnell. Und mindestens zu siebt. Mir rutscht irgendwie das Herz in die Hose. Ich hadere hier mit meinem großen Rucksack und meinen klobigen Stiefeln und schleppe mich suchend durch die Gegend. Und der Camino ist wahrscheinlich schon überflutet mit 200 schnellen Pilgern vor mir.

Leider ist das Grüppchen auch genauso schnell wieder weg, wie es gekommen ist. Und ich stehe wieder suchend an jeder Hausecke. Nach einer Brücke kommt immerhin eine Markthalle, wo ich ein Brot und ein Schokocroissant erwerbe. Wenigstens verhungern werde ich also nicht. Irgendwann kommt sogar ein Dia-Supermarkt in Sicht, wo ich Chorizo, noch ofenwarmes Brot, Schokomuffins und zwei kleine Wasserflaschen für die Seiten meines Rucksacks einkaufe. Das Problem wäre also gelöst. Langsam wird auch entweder der Weg besser ausgeschildert oder ich ruhiger, es läuft jedenfalls immer besser, je weiter ich aus Sevilla herauskomme. Es geht auf eher einsameres Gelände mit viel Schutt und Müll. Viel vertrauenserweckender wird es auch nicht, als immer mehr Menschen dort auftauchen. Alles Zigeuner, die am Flussufer ihre Zelte aufgeschlagen haben und dort um Lagerfeuer herum sitzen. Wohlgemerkt bei recht ordentlichen Außentemperaturen. Mir ist ziemlich mulmig und ich sehe mich schon ohne Wertsachen in dem dreckigen Fluss treiben. Meine Fantasie am frühen Morgen ist überwältigend.

Ich bin froh, als der Fluss mit den Schutthalden hinter mir liegt und es wieder auf eine Siedlung zugeht. Dort empfangen mich auch gleich die gewohnten gelben Pfeile – und eine mir entgegenkommende, weißhaarige Pilgerin, als solche ersichtlich am Gang und an der Brusttasche mit diversen Pilgermotiven. Als wir uns begegnen, fragt sie „are you going to Santiago?“ und ich bin etwas konsterniert. Dachte ich eigentlich schon, aber nachdem sie das auch tut, bin ich wegen der Richtung etwas irritiert. Sie erklärt, dass sie den Weg nicht mehr findet. Noch sehe ich hier laufend Pfeile und bin daher frohen Mutes. Zusammen laufen wir nochmal in die normale Richtung. Sie sagt, sie wäre diesen Kilometer jetzt schon vier mal hoch und runter gelaufen, irgendwo wäre einfach Schluss mit den Pfeilen und sie käme nicht weiter. Da bin ich ja mal gespannt.

Sie heißt Lieke, ist Holländerin und ein echter Pilgerroutinier. Sie ist schon von zu Hause mit dem Rad nach Santiago gepilgert und in Gegenrichtung zu Fuß bis Pamplona. Gegenrichtung stelle ich mir ungleich schwerer und einsamer vor, aber da lacht sie nur dröhnend. Überhaupt ist sie ein recht sonniges Gemüt.

Irgendwann kommt die Stelle, wo sie sich mit den Pfeilen nicht mehr sicher ist und wo die Einheimischen immer „todo recto“ gesagt hätten. Der Kreisel zu einer befahreneren Straße sieht aber nicht wirklich einladend aus, und ganz ohne Pfeil fühle ich mich da auch nicht besonders angesprochen. So lassen wir die Blicke etwas schweifen und finden wirklich einen gelben Pfeil, der scharf rechts in das Örtchen einbiegt. Lieke ist erleichtert, und ich nicht minder.

Wir laufen zusammen weiter. Obwohl Lieke kleiner (und deutlich älter) ist als ich, hat sie einen ganz schönen Schritt drauf. Die Strecke ist ausgesprochen wenig ansprechend, wie im Führer angedeutet geht es durch Industriegebiet. Neben uns rauscht der Verkehr, ständig müssen wir auf die Straße, weil parkende Autos im Weg stehen, es ist anstrengend und nicht schön.

Als ich irgendwann einen Blick in meinen Führer werfe und sehe, dass wir erst 2 Stunden haben, klappt meine Motivation komplett zusammen. Dieses Gesuche in Sevilla und hier das lange Straßegehen haben mich ziemlich angestrengt und mürbe gemacht. Und das war erst ein Drittel? Wie sollen da nur die nächsten Etappen werden, wenn ich an so einer Einsteigeretappe schon am liebsten jetzt Schicht für heute machen würde?

Als wir endlich Santiponce erreichen und damit angeblich schönere Gefilde, nutze ich die Chance, mich wegen einer Esspause zurückfallen zu lassen. Lieke ist mir für meine momentane Erschöpfung zu schnell, noch dazu ziept mein Bein sehr beunruhigend. Seit dem letztjährigen Muskelfaserriss bin ich nicht mehr länger gelaufen, ich misstraue dem Bein und habe keine Ahnung, wie haltbar und belastbar es nun ist. Meine Füße tun weh, ich fühle mich groggy, lasse mich auf eine Bank plumpsen, ziehe Schuhe aus und esse erstmal ausgiebig. Nahrung für Körper und wahrscheinlich noch mehr für die Seele.

Hinterher läuft es sich wie wundersamerweise viel besser. Vor mir taucht ein weiterer Pilger auf, ein älterer Mann, der sich suchend im Kreis dreht. Bzw. er läuft einfach unheimlich langsam und mühsam und schleppend. Mir ist es fast schon peinlich, so ausgeruht an ihm vorbeizupreschen. Habe ich die Energie ja auch nicht schon immer.

Ich gehe kurz in die offene Kirche in Santiponce und versuche mit Gott in Verbindung zu treten. Mit moderatem Erfolg.

Die Ruinen von Itálica sind heute, montags, fast glücklicherweise geschlossen. Ich bin erleichtert, so automatisch ohne Gewissensbisse einfach daran vorbeilaufen zu können. Sightseeing ganz am Anfang kommt mir irgendwie ungelegen, ich möchte mich erst wieder als Pilger fühlen und beweisen und kann nicht überall einen Fotostop und das Touristenprogramm einlegen.

Weit vor mir läuft Lieke, aber wie es auf dem Camino so ist, schon 100 Meter Abstand sind sehr schwer einzuholen. Darüber bin ich auch ganz froh.

Vor uns taucht die berühmte überschwemmte Senke auf, von der ich im Vorfeld schon gehört habe. Ich sehe Lieke nach links verschwinden, dann nach rechts, um nach einer langen Suche auf der anderen Seite wieder aufzutauchen. Ich schaue mir kurz die trübe Brühe an, Durchwaten schließe ich recht schnell aus. Rechts sollen irgendwo Baumstämme liegen, ich bin stolz auf meine informierten Geheimtipps und laufe unbeirrt in das Gebüsch zur Rechten. Zwei spanische Radpilger stehen ebenfalls etwas ratlos. Baumstämme hat es dort wirklich, aber die versinken auf halber Strecke. An einer anderen Stelle hat es dann wirklich eine recht langen Baumstamm, über den ich mich halsbrecherisch hangele. Auf der anderen Seite warten riesige Brombeerbüsche. Ich bin schon nah dran, mich dornröschenprinzengleich hindurchzuschlagen, glücklicherweise überdenke ich es dann doch nochmal und schlage mich auf der anderen Seite durch zumindest dornenfreies Unterholz. Wild zerzaust komme ich stolz wieder am Weg heraus – wo mich der eine Radpilger ziemlich entgeistert anschaut. Er steht auch schon auf der richtigen Seite, auf einem wasserfreien, meterbreiten Weg, den gerade mal eine dünne Matschschicht bedeckt. Ich habe hier also wohl etwas umsonst den melodramatischen Helden markiert.

Der Weg geht über einsame Felder an blühendem Mohn und Margariten vorbei. Irgendwann an einer kleinen Senke mit einem zu überquerenden Fluss treffe ich dann auch Lieke wieder, sie macht gegenseitiges Beweisfoto mit zwei anderen Pilgern. Ich gehe erstmal weiter, ich will endlich ankommen.

In Guillena empfängt uns ein Schild, dass wir wegen der Herberge bei der Polizei vorstellig werden sollen. Ich bin dann doch wieder ganz dankbar, dass Lieke direkt nach mir auftaucht. In couragiertem Spanisch sagt sie „hola“ und „albergue“, während mich die Polizeistation an sich schon etwas einschüchtert. Aber der süße Polizist erklärt uns freundlich die Richtung der Herberge, wir bekommen unseren ersten Stempel und sind gespannt.

Auf einem Sportplatz erwartet uns in einem containerartigen Gebäude unsere erste Schlafgelegenheit. Im Führer als „unkomfortabel“ und mit Sportmatten auf dem Boden beschrieben, hätte ich mich eigentlich auf diese ehemalige Umkleidekabine einstellen können. Es gibt sogar fünf Stockbetten sowie Duschen, trotzdem bin ich etwas desillusioniert. Lieke feiert ein großes Hallo mit zwei Landsmännern, und ich verschwinde schnell in die (ausschließlich) kalten Duschen. Lieke lacht wieder dröhnend anlässlich meines verfrorenen Gesichtsausdrucks und meines Kommentars einer „refreshing experience“.

In der Herberge gibt es nichts zu tun, außer einem schwarz gekleideten, dauerrauchenden Spanier und den Holländern ist auch sonst niemand da. Ich setze mich auf den Sportplatz in die Sonne und versuche, das Gute an dieser Untätigkeit zu sehen. Spontan hätte ich mir vielleicht einen tollen Supermarkt oder eine große zu erkundende Herberge oder einen Haufen spannender Mitpilger gewünscht, aber ich sehe ein, dass diese verordnete Ruhe sicher auch ihr Gutes hat.

Bis zum Abend und eventueller Ladenöffnungszeiten tingele ich zwischen Sportplatz und Herberge her, mal mit Essen, mal mit Tagebuch und Führer. Zum ersten Mal ist mir in einer Herberge unwohl. Der Spanier ist mir höchst suspekt; wenn er nicht raucht, liegt er auf seinem Bett und schaut an die Decke. Mir ist unwohl beim Gedanken, ihn so allein mit meinem Rucksack zu lassen. Die Toiletten tragen auch zum Unwohlsein bei. Sie werden durch kleine westernartige Schwingtüren abgetrennt, nach oben und unten mit viel Luft. Irgendwie hat man Direktanschluss zu den Pilgern auf ihren Betten, und ohne Klopapier ist das auch nichts.

Gegen 5 machen Lieke und ich uns auf zur Supermarktsuche. Jemand empfiehlt uns einen „großen Supermarkt“ immer geradeaus. Groß ist der kleine Tante Emma-Laden zwar nicht, aber für die übliche Grundausstattung (sowie Klopapier) reicht es. Beim Nachhauseweg komme ich auf eine Hauptstraße mit großem Trubel, vielen Restaurants und auch wirklich größeren Läden. Nun ja. Ich verlaufe mich ziemlich, meine Orientierung ist noch moderat, komme aber durch eine rasante Abkürzung über eine Weide wieder erleichtert zum „polideportivo“.

In der Herberge ist mittlerweile auch der langsame Pilger von Santiponce angekommen, es ist ein ganz netter Franzose (der natürlich auch schon ganz Frankreich und Spanien durchpilgert hat) und vor seiner Rente die Triebwerke von Ariane 5 konstruiert hat. Auch mit dem Spanier beginne ich ein kurzes Gespräch, vielleicht wird er mir dadurch ja sympathischer. Leider ist eher das Gegenteil der Fall. Er spricht unheimlich schnell und schwer verständlich, vielleicht auch, weil er Katalane ist, hängt an seine Worttiraden gerne mal ein „schau einer an, das arme Mädchen versteht ja kein Wort davon“, unterbricht meine kläglichen spanischen Versuche sofort und schürt zudem noch meine Rucksackbesorgnis, indem er mich aufklärt, dass die Jugend hier sehr suspekt ist, drogas, sabes, und man da seine Sachen nie aus den Augen lassen darf. Von der Jugend weiß ich zwar nichts, aber dass ich nichts mehr aus den Augen lasse, das leuchtet mir ein.

So gehe ich dann auch gleich gegen 20.00 ins Bett. Manchmal ist Schlafen und auf einen neuen, besseren Tag warten die beste Lösung. Irgendwann höre ich durch meine Ohrstöpsel aus dem Rucksack mein Handy klingeln, irgendwann läuft der Polizist suchend und fluchend durch den Raum, und später im Stockdunkeln wummert es an der Tür. Anscheinend ist es ein sehr spät eintreffender Radpilger, den der Spanier noch schnell einlässt.

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