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Archive for the ‘Jakobsweg September 2008’ Category

Epilog 09/08

Zu Hause habe ich keine Ruhe gefunden, bis die Karte, die sich auf dem Camino vor meinem geistigen Auge gebildet hatte, zu Papier gebracht und nach Santiago geschickt war. Ein komischer und doch auch irgendwie schöner Gedanke, dass einige meiner lieben Pilgerbekanntschaften zeitgleich noch auf ihrem Weg nach Santiago waren.

Eine von Herzen kommende Mail habe ich recht bald aus Brasilien erhalten. João hat es allen Ernstes geschafft, in 22 Tagen Santiago zu erreichen. Er hat dabei 14 Kilo verloren, dreimal Fieber gehabt und verständlicherweise seine körperlichen Grenzen erreicht. Aber aus seinen Worten strahlt ein unglaublicher Enthusiasmus und eine Euphorie; er erzählt, dass er alles so erlebt hat, wie ich ihm in Cirauqui meine Magie des Caminos erklärt habe. Er hat das Gefühl erlebt beim Anblick des Botafumeiros, das Gefühl, den ganzen Camino geschafft zu haben, und er hat Gott getroffen. Auch auf eine sehr ähnliche Weise wie ich. Nicht nur das verbindet uns sehr tief. Für ihn bin ich immer noch wicca, für ihn war unsere Begegnung ein Wunder. Seine Mail hat mich mit einer großen Zufriedenheit erfüllt. Das Gefühl, dass weit weg in Brasilien jemand voll entflammt ist vom Camino, von Gott, von dem Glauben an Wunder und an sich selber, dass jemand leuchtet und strahlt, das lässt auch in mir ein kleines Caminokerzchen flackern und leuchten.

Mit dem Sonnenscheinschwaben habe ich auch 2 Jahre später noch Kontakt. Seine Erfahrungen waren und sind etwas weniger abgehoben und entrückt, aber auch bei ihm leuchtet und strahlt etwas aus jeder Mail und verbreitet einen Hauch von Caminostimmung.

So auch dieses Bild, das die drei Herren für mich gemacht haben. Empfangsbestätigung und Dank in einem.

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Beim ersten Klappern bin ich schon wieder hellwach und kurz darauf auf den Beinen. Wie üblich ist es natürlich auch noch stockdunkel; ich verlaufe mich erstmal und trotte ziemlich ziellos in Atapuerca hin und her, bis sich noch andere Pilger aufmachen und es ein paar überzeugte Ideen mehr hat für eine Richtung, bei der ich mir nicht so ganz sicher bin.

Ich laufe durch unberührten Morgennebel und durch eine noch halb schlafende Kuhherde. Spätestens, nachdem mit mir eine Horde spanischer Radpilger entlang gekommen sind, ist es mit dem Schlaf dann wohl vorbei.

Ebenfalls beeindruckend ist eine längergezogene Ebene, auf der in Spiralform Steine angeordnet sind. Verbunden mit dem dunkel aufziehenden Himmel hat es etwas mystisches und ergreifendes.

Die letzten Kilometer geht es in Burgos durch ein Industriegebiet, das ich aber nicht als allzu schlimm empfinde. Ein Stück weit tut es vielleicht sogar gut, es erleichtert den Übergang von Camino zurück zur Realität. Trotzdem ist es ein komisches Gefühl, diesmal nicht Santiago als Ziel zu haben, keinen krönenden Abschluss. Wenn ich so nachdenke, ist es generell eine lustige Stimmung unter den Pilgern. Die allerwenigsten gehen bis Santiago durch, viele wollen wie ich nur bis Burgos, schnuppern zum ersten Mal ein bisschen Caminoluft und sehen es auch eher als Wandertour. Spirituelle Offenbarungen sind selten, ebensowenig religiöse Motivation. Zum Glück kann ich an mich halten, aber würde ich hier jemandem vorschwärmen, wie wunderbar es ist, in Santiago anzukommen, den Botafumeiro zu bekommen, in der Messe seinen Namen zu hören, „es geschafft zu haben“… ich glaube, die wenigsten würden mich verstehen. Die meisten der Burgos-Stopper finden, dass 2 Wochen zur Erholung ja reichen und es langsam auch reicht mit dem ständigen Laufen, langsam freuen sie sich auch wieder auf ihren Luxus zu Hause. Ich bin ein bisschen wehmütig, wenn ich an Gespräche kurz vor Santiago zurückdenke, mit Pilgern von den SJPDP oder von noch weiter her. Ihr Resümee der letzten Wochen, ihre leuchtenden Augen, ihre ehrliche Erschöpfung, ihre durchlittenen Höhen und Tiefen, ihre vielen Erlebnisse, ihr wirkliches Verlangen, nun endlich ankommen und den Abschluss erleben zu wollen, auf den sie seit Wochen hinarbeiten. Umgekehrt aber auch das Zögern, die Welt des Pilgerns wieder zu verlassen. Zurück in die alte Welt, aber mit all den Veränderungen der vergangenen Wochen. Ich bin wehmütig und fühle mich ein bisschen leer.

In Burgos warten schon einige Pilger am Camino vor einer neuen Großherberge, die ich noch nicht kenne. Sie soll in einer halben Stunde öffnen, und so beschließe ich zu warten. Das Gebäude ist riesig und modern, und während sich manche Pilger begeistert zeigen, ist es mir deutlich zu steril. Architektonisch wertvoll sind die Betten in Kabinen à 4 Betten angeordnet, eine Seite an der Wand, mit Blick auf den nächsten Kabinenblock. An den Seiten pro Block ein Waschbecken und eine Dusche. Ich neble mit meinem heißen Duschen also gleich mal fröhlich den ganzen Schlafsaal ein, aber es geht wohl nicht anders. Zwar bietet die Bettenanordnung größtmögliche Intimität, andererseits bekommt man auch von sonst niemandem etwas mit. Keine Ahnung, wer in den anderen Kajüten versorgt ist. Ich denke sehnsuchtsvoll an Schlafsäle à la Nájera, wo man mit einem Blick die 50 anwesenden Pilger in den unteren Betten und mit einem weiteren Blick den Rest in den oberen Betten überblicken konnte.

So ergreife ich auch recht schnell die Flucht und gehe auf Stadttour. Ich mache ein paar Erinnerungsfotos und durchquere die halbe Stadt auf der Suche nach einem schönen Supermarkt und Vorräte für morgen. Kaum habe ich die in der Herberge abgeladen, tippele ich wieder eigentlich in die gleiche Richtung zum Busbahnhof, um schon mal mein Ticket für morgen zu sichern. Auf dem Platz vor der Kathedrale (der es mir analog zu Santiago wieder angetan hat) treffe ich auf den Rotschopf von gestern mit seinen Kollegen, die sich gerade einen krönenden Kaffee mit Blick auf die Türme schmecken lassen. Cafe-erprobt, wie ich neuerdings bin, setze ich mich dazu.

Den Nachmittag bin ich aus unerfindlichen Gründen auch immer am Rumrennen, ich bin ziemlich unkoordiniert und irgendwann frustriert, dass ich fast mehr rumlaufe als an einem normalen Pilgertag. Irgendein Erinnerungsstück würde ich schon auch noch kaufen, Kitsch fällt allerdings flach. Viel anderes hat nicht geöffnet, es ist wie üblich spanische Siesta. Postkarten finde ich zum Glück (und springe zurück zum Hauptplatz, um sie dort zu schreiben), aber Briefmarken hat es dazu nicht. Ich suche und renne eine halbe Stunde auf der Suche nach einem Tabakwarengeschäft, das dann aber nicht aufmacht. Frustriert suche ich ein anderes, lande aber eine halbe Stunde später unverrichteter Dinge doch wieder bei dem Laden, bei dem dann doch endlich noch jemand gelangweilt die Tür öffnet. In einem kultigen Einrichtungsladen erstehe ich dann wenigstens noch einen kleinen Bilderrahmen, der zwar rein gar nichts mit Burgos oder dem Camino zu tun hat, aber das muss er ja zum Glück eigentlich auch nicht.

Ich möchte zum Abschluss die Messe in der Kathedrale hören, aber dort findet nur etwas in einem kleinen Seitenräumchen statt, was mich nicht wirklich erfüllt. So rase ich noch schnell zur zeitversetzt beginnenden Messe unterhalb meiner alternativen Burgos-Herberge, aber auch dort finde ich nicht die gewohnte Ruhe. Sehr wahrscheinlich liegt es daran, dass ich heute nicht am Pilgern, sondern am Rasen bin.

Recht lauffrustriert, erschöpft und mit dem Gefühl, nun wirklich alles erledigt zu haben, gehe ich endgültig zurück in die Herberge. Im riesigen Saal im Erdgeschoss hat es zwar Tische, leider aber keine Küche, sodass die zahlreichen Pilger alle recht unkoordiniert aus irgendwelchen Tüten essen. Nichts schafft mir so ein heimeliges Gefühl, als mit ein paar anderen Pilgern in einer Küche am werkeln zu sein. Immerhin hat es hier einen Überblick à la Nájera, so sehe ich z.B. die beiden netten Jungspunde von gestern wieder. Ich setze mich in meine Kajüte und mache noch ein letztes Bändel fertig, aber als ich wieder unten bin, sehe ich sie nicht mehr. Ich durchstreife die verschiedenen Stockwerke, aber die Kajüten sind wirklich blickdicht, es sei denn, man marschiert direkt hinein, und dabei habe ich zu so einer verlassenen Zeit dann auch ein eher unwohles, halbkriminelles Gefühl.

Dafür treffe ich zurück im Esssaal den wie immer unglücklich hinkenden Belgier, der mich etwas schief anlächelt. So bekommt er mein vorletztes Bändel. Er ist dermaßen ergriffen und berührt, das mir fast selber die Tränen kommen.

Auf alle Fälle fühle ich mich danach wirklich endlich richtig abgeschlossen und ein Stück weit versöhnt mit mir und meinem Camino September 08.

Am nächsten Tag geht es mit dem Bus nach Madrid und per Flieger über Genf wieder nach Hause.

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Gleich zu Beginn des Tages stehen die Montes de Oca auf dem Programm, einige Stunden ein Hauch von Wildnis ohne menschliche Besiedlung. In früheren Zeiten nicht ganz ungefährlich, ein Wald voller Wegelagerer und Wölfe. Ein ganz kleines bisschen habe auch ich Respekt, als ich am frühen Morgen im Nebel durch die völlige Einsamkeit laufe. Der Nebel hält sich hartnäckig den ganzen Morgen, es ist eher feucht und kühl, sodass ich den Weg ziemlich unbesehen langpresche. Der Weg wird eingerahmt von Heidekraut und knorrigem, kleinen Gebüsch – und endlos vielen Spinnennetzen, die bei dem feuchten Wetter tautropfig bestens sichtbar sind. Fast zu schnell ist eine Anhöhe erreicht und die Vegetation ändert sich; statt des pittoresken Strauchtums geht es ein breite, rote Piste entlang, die beiderseits von Wald gesäumt wird. Laut meines Führers wurde sie als Brandschneise angelegt, und ich komme nicht umhin, mir vorzustellen, wie es sich hier im Brandfall für einen Pilger anfühlen würde.

Nach 2 Stunden geht es durch einen an Schweden erinnernden Nadelwald auf San Juan de Ortega zu. Als sich der Wald endlich lichtet und den Blick freigibt auf den Turm der Kirche, kann ich fast die Erleichterung der früheren Pilger nachvollziehen, diese Waldpassage überstanden zu haben. San Juan de Ortega ist leider auch ziemlich neblig verhangen verlassen, sodass ich mich gleich weiter auf den Weg mache. Wie üblich komme ich also viel zu früh an meinem heutigen Tagesziel in Atapuerca an.

Allerdings gerade rechtzeitig, um das Klingeln eines fahrenden Bäckers zu hören. Nachdem ich gestern schon nicht gerade opulent eingekauft habe und es auch heute keine Einkaufsmöglichkeit auf dem Weg hatte, trifft sich ein Brot ganz hervorragend. Etwas anderes hat der Bäcker leider ohnehin wieder nicht, obwohl ich für einen Moment die vage Hoffnung auf irgendetwas Süßes, Klebriges, Fruchtiges hege. Neben mir hält mit quietschenden Bremsen ein Peregrino mit Rennrad, und nachdem es nur Riesenbrote hat, einigen wir uns spontan, ein Brot zu teilen.

Dann stehe ich auch schon wieder allein in einem weitgehend ausgestorbenen Örtchen, mein halbes Baguette in der Hand. Ich entschließe mich spontan, doch nochmal einer Bar einen Besuch abzustatten. Während ich mir mühsam einen cafe con leche auf Spanisch abbreche, meint der Inhaber ziemlich ungerührt, ich könnte ja auch Deutsch sprechen. Er ist auch Deutscher. Ich sitze etwas unwohl in der Bar, während in einer Ecke ein Rudel deutscher Pilger laut kichernd und erzählend eine Riesengaudi hat. Irgendwie fühle ich mich wohler mit meinem Rucksack irgendwo wandernd in der Wildnis.

Der Inhaber ist auch nicht so ganz mein Ding, seine kurz angebundene, sarkastische Art irritiert mich in meiner momentanen Verunsicherung zusätzlich. Er ist überrascht, dass ich meinen Kaffee schon runtergestürzt habe und meint, ich solle ja nicht in die große Herberge gehen. Eine Straße weiter hätte es eine Frau, die ganz, ganz urige Unterkünfte vergibt, allerdings nicht so ganz offiziell, weil sie nicht den großen Ansturm will. Deswegen würde auch kein Schild dranstehen. Mit diesem Geheimtip mache ich mich also frohen Mutes auf die Suche. An der dortigen Gartenpforte steht allerdings „heute geschlossen“. Ich tappe noch ein wenig unentschlossen in Atapuerca herum, bevor ich mich nochmal zu einem (diesmal gleich) Milchkaffee und einem Pain au Chocolat hinreißen lasse, um zu vermelden, dass das besagte Schmuckstück heute nicht offen hat. Doch, doch, das würde sie immer hinschreiben. Oft würde sie einfach erst später aufmachen oder sich erstmal in Ruhe aus ihrem Garten aus anschauen wollen, was für Pilger da denn so Interesse haben. Ich solle einfach noch etwas abwarten, so wie auch die eingeschworene, heitere Pilgermeute, die immer noch in seinem Cafe sitzt und auch auf Öffnung dieser Unterkunft spekuliert.

Ich probiere nochmal mein Glück, aber nachdem sich immer noch nichts regt, ist es mir irgendwann auch zu dumm, mich stundenlang davor rumzudrücken und auf eine gnädige Eingebung zu warten. Zumal ich eh nicht weiß, ob ich mich in einer kleinen, wunderschönen Herberge mit der Gruppe aus dem Cafe so wohl fühlen würde.

Ich checke in der großen Herberge ein, es hat viele Zimmer und viele Bäder und ist generell sehr sauber und chic. Dafür fehlt natürlich fast schon wieder der anheimelnde Pilgercharme und die „Seele“ der Herberge. Ich bin bisher die einzige, ich dusche und wasche in Ruhe und langweile mich ein bisschen. Ich blättere im Gästebuch der Albergue und stoße durch Zufall auf eine Eintragung von meinem Pilgerfreund José vom Frühling. Es ist so ganz typisch er, mal wieder voller Glaube an Gott und Vertrauen an die Wunder des Caminos, dass ich das Gefühl habe, ihn neben mir zu haben. Irgendwie wird mir ganz komisch bei dem Gedanken, dass das ein halbes Jahr her ist und er dann einen Tag später in Burgos auf mich getroffen ist. Mir wird ganz wehmütig und schwermütig bei dieser Erinnerung.

Mitten in meine zuviel sentimientos kommt ein Pilger in die Herberge, ein spanischer junger Mann mit schlechter Laune. Sein Bein will nicht mehr so richtig, und er geht jetzt verdammt noch mal zu einem verdammten Doktor und der soll im verdammte Tabletten verschreiben. Er macht jetzt verdammt nochmal einen kurzen Tag heute, und dann hat es morgen verdammt nochmal aber wieder volles Tempo weiterzugehen. Nicht ganz das Kaliber von José.

Ich flüchte lieber aus der Herberge, zumal sich draußen auch endlich der Nebel verzogen hat und die Sonne strahlend scheint. Just in diesem Moment kommen die beiden Koreanerinnen wie üblich schrill kreischend und kichernd mit in die Luft gereckten Stöcken die Straße heraufgerannt. Ich bin wohl völlig konsterniert und verstehe gar nichts. Sie strahlen mich an und stochern mit ihren Stöcken. Endlich kapiere ich es. Sie tragen meine Armbändel und wollen mir die in die Luft gereckt zeigen. Zum Glück hat sich dabei niemand die Augen ausgestochen. Sie bedanken sich nochmal überschwänglich für alles (quasi für meinen nicht nötig gewordenen Telefonanruf) und machen sich weiter auf den Weg nach Burgos, wo dann irgendwie doch noch der Koreaner für den Reiseführer ist und alles gut wird. Ich muss irgendwie innerlich grinsen. Die beiden waren eine sowohl bemerkens- als auch liebenswerte Begegnung.

Ich setze mich auf der anderen Straßenseite gegenüber der Herberge in eine kleine Sitzgruppe, wie üblich mit meiner Bändelwolle, meinem Tagebuch und zum letzten Mal meinem Führer. Schon ein paar Minuten später werde ich auf einen Pilger aufmerksam, der mit suchendem Blick in die Herberge schaut. Wir erkennen uns gegenseitig sofort als bekannt, aber ich muss erst einen Moment nachdenken, um ihn einordnen zu können. Er gehört zu der Gruppe der 4 Deutschen ganz vom Anfang aus Zubiri, und obwohl ich mit ihm selber nicht viel zu tun hatte, freut es mich unheimlich, ihn nach 10 Tagen plötzlich wiederzusehen. Ich frage nach den anderen. Die weibliche Komponente hätte direkt in Pamplona auch schon wieder aufgehört, ihr Ding wäre es nicht gewesen. Aber mein Rotschopf, ja klar, der wäre noch mit dabei. Zwar knielädiert und am Jammern, aber der käme jetzt sicher auch gleich. Ich gehe begeistert mit ihm hinunter an die Straßenkreuzung, und wirklich, ein paar Minuten später haben wir ein freudiges und unerwartetes Wiedersehen. Er ist wirklich ziemlich am Jammern und nicht in der besten Stimmung, aber auch für sie geht es ja nur bis Burgos, und das wird er schon noch hinbekommen. Ich überreiche ihm ein Bändel, auch wieder sehr froh, ihn dazu nochmal getroffen zu haben. Irgendwie war er mein erster Sonnenschein und Rettungsanker des Caminos.

Obwohl die meisten heute weiterlaufen, füllt es sich gegen Nachmittag dann doch noch. Eine sehr beeindruckende Begegnung habe ich mit zwei sehr jungen Deutschen von nicht einmal 20 Jahren, die sich zu meiner Bank setzen. Mein erster Blick verheißt nichts Gutes, der eine sieht gestylt aus wie für eine Raveparty. Wir kommen ins Gespräch, und ich bin total baff. Die beiden haben einen Tiefgang und ein christliches Selbstverständnis, wie ich es sonst nicht einmal bei dreifach so alten Pilgern antreffe. Völlig selbstverständlich plaudern sie von Taizé und ihren Suchen im Leben und was ein guter Pilger so mitbringen sollte und was sie alles berührendes bisher erlebt haben. Sie haben definitiv den Blick und das Herz eines Pilgers. Ich unterhalte mich sicher eine Stunde und bin hinterher spirituell und seelisch erfrischt und belebt wie selten zuvor.

Irgendwie schließt sich heute ein Kreis nach dem anderen. Kaum sitze ich wieder allein, kommt schon wieder ein vage bekanntes Gesicht an meine Bank gehumpelt. Das Humpeln ist das gleiche wie die langen Kilometer in Pamplona vor mir. Leider hat sich auch an der Stimmung noch nicht viel gebessert, er ist immer noch unsicher und leise und irgendwie ziemlich jämmerlich. Kein Wunder, wenn er sich seit 2 Wochen mit Schmerzen den Camino entlangschleppt. Er spricht es nicht direkt aus, aber ich habe den Eindruck, dass er bisher noch keine Antworten und Erfüllung gefunden hat, er wirkt ein ganz kleines bisschen einsam und verzweifelt und hoffnungslos. Irgendwie tut er mir sehr leid. Ich habe ja auch ab und zu meine Hoffnungslosigkeit oder meine Blasenprobleme, aber vergleichsweise doch sehr durchsetzt von Momenten, in denen ich schwebe oder mich himmelhochjauchzend beseelt fühle. Meist kommt doch postwendend nach jeder blöden Stimmung irgendein Pilger in meine Reichweite, der mich wieder aufheitert oder bereichert oder mir Kraft spendet. Der Belgier hier scheint in den zwei Wochen noch so gut wie keinerlei Kontakte geknüpft zu haben, was mir schleierhaft ist, da er gut Englisch spricht und als aktuell in Spanien lebend ja wohl auch Spanisch. Dass ich ab und zu jämmerlich, graugesichtig und mager einen Jammerlappen abgebe, erscheint mir nur natürlich, aber einen muskulösen 2-Meter-Schrank von 40 Jahren dermaßen eingeschüchtert zu sehen, tut mir in der Seele weh.

In meinem Zimmer entdecke ich begeistert ein Handy in der Steckdose laden, das genau mein Ladekabel trägt. Ich habe praktischerweise keins mitgenommen, weil ich dachte, es würde die 2 Wochen überstehen. Gestern vor den Oca-Bergen muss es aber derart wild nach Empfang gesucht haben, dass es sich völlig verausgabt hat. Das Ladekabel gehört dem netten Pilger mit Rave-Optik und ich darf im Anschluss laden.

Abends esse ich mit dem Großteil der Pilger die von der Herberge angebotene Paella. Es schmeckt gut, ist aber eine recht kommerziell geprägte Abfertigung. Ich habe (wie auch generell noch sehr oft) das Essen bei Acacio und Orietta im Hinterkopf und bin natürlich ein bisschen enttäuscht. Ich bin wohl generell eher gemacht fürs Selberkochen oder gemeinsam mit den Hospitaleros Kochen und Essen.

Heute schlafe ich sehr zufrieden und irgendwie glücklich abgeschlossen ein. Dafür, dass ich einen Camino ohne Freunde gehe, waren es heute doch sehr viele bekannte Gesichter und schöne Begegnungen.

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Meine Nachtruhe verläuft unruhig. Ich lebe generell in ständiger Angst, hemmungslos zu verschlafen. Normalerweise beruhigt mich ein Blick auf die Uhr aber wieder schnell und lässt mich beruhigt einige Stunden weiterschlafen. Hier hat der Schlafsaal kein Tageslicht, ich kann auf der Uhr überhaupt nichts erkennen und verbringe wahrscheinlich ab 3 Uhr morgens die Nacht in einem unruhigen Halbschlaf.

Gegen 7 mache ich mich mit dem Deutschen aufbruchbereit. Orietta ist extra wegen uns aufgestanden, dabei hat sie gestern sicher länger gearbeitet als wir. Sie bringt jeden persönlich zur Tür und verabschiedet uns. Ich bin beeindruckt und berührt. Ein Stück weit auch irgendwie beseelt; heute läuft es sich wieder sehr gut.

Mir kreist eine kleine Schnapsidee durch den Kopf; sobald ich zu Hause bin, möchte ich eine Karte an das Pilgerbüro in Santiago schreiben und diejenigen grüssen, die ich auf dem Weg kennengelernt habe und die die gesamte Strecke gehen. Wenn ich Revue passieren lasse, wer mir da alles einfällt, stimmt es mich fast schon wieder versöhnlich. Ein bisschen hadere ich ja doch jeden Tag mit meinen Minietappen und den fehlenden Freunden und der fehlenden Familie. Ich muss an die vielen besinnlichen Gedichte in der Herberge denken; an die Stelle in meinem Lieblingsgedicht „aprendí que de nada sirve ser luz sí no vas a iluminar el camino de los demás“ – „es macht keinen Sinn, Licht zu sein, wenn man nicht den Weg für die nach einem erhellt“. Wenn auch mein eigener Camino nicht in jedem Moment von großen Glücksmomenten bestimmt ist, vielleicht habe ich wenigstens für manch Pilger entlang des Weges eine Funktion gehabt. Manch einer hat sich Ballast von der Seele geredet, und mit etwas Glück läuft ein dicker Brasilianer Santiago entgegen in dem Gefühl, dass es Engel (und vermutlich wichtiger) einen Gott gibt.

Auf Villafranca Montes de Oca freue ich mich nicht besonders. Ich habe es in Erinnerung als Durchgangsstraße mit unendlich vielen Lastwagen. Auch diesmal macht der letzte Kilometer entlang der Straße nicht viel Spaß. Den meisten Camino über laufen wir ohne Straße, und wenn, ist sie wenig befahren, und die vereinzelten Fahrer wechseln rücksichtsvoll in weitem Bogen auf die Gegenspur, oft noch von einem ermutigenden Winken oder Hupen begleitet. Hier donnert der Schwerlastverkehr die kleine Landstraße entlang, die Straße reicht kaum für zwei sich entgegenkommende Lastwagen, an Ausweichen gar nicht zu denken. Ich bin ziemlich froh, als ich vor der Herberge stehe.

Diese ist auch wieder romantisch direkt an der Straße und hat den unleugbaren Charme eines ehemaligen Schulhauses. Hospitalero hat es nicht, sodass ich einfach mal den Geräuschen nach in den ersten Stock tappe. Dort hat es für die Tageszeit bereits überraschend viele Pilger, und zwei davon kommen auch gleich schon wild kreischend auf mich zugestürmt. Es sind zwei Koreanerinnen, mit denen ich in den vergangenen Tagen wohl mal ein paar Worte gewechselt habe. Seit ich „Sonnenblume“ in ihrer Landessprache gesagt habe, habe ich offensichtlich einen Stein im Brett. Heute sind sie so, so froh mich zu sehen, ich muss ihnen helfen. Die Ladies sind schier in Tränen aufgelöst und mit den Nerven halb am Ende. Sie haben mal zwischendurch einen koreanischen Pilger getroffen (vermutlich den, bei dem ich in Cizur Menor Sonnenblumen-Stein-gebrettet habe), der ihnen seinen Führer ausgeliehen hat. Sie haben vergessen, ihn zurückzugeben, und nun ist der Koreaner weit voraus, wohl schon in Burgos, und oh weh, sie haben ja noch seinen Führer. Soweit verstehe ich es, nur das Drama erschließt sich mir nicht so ganz. Ich vermute, dass das patente Kerlchen entweder ohne Führer klarkommt oder sich einen Neuen gekauft hat oder im worst case ohne Führer völlig in der spanischen Wildnis verschollen ist, aber dann ist er jetzt ja wohl auch kaum in Burgos. Jegliche Beruhigungs- und Beschwichtigungsversuche bringen nichts, vermutlich geht es um ein mentalitätsspezifisches Stolzgefühl, so verspreche ich also, für sie den Dolmetscher zu machen und die Herbergen in Burgos nach dem Koreaner abzutelefonieren.

Sie sind so dankbar (mir ist das alles sehr schleierhaft), dass ich gleich zum Essen eingeladen werde. Aus der Tupperdose mit Zwischenstation Mikrowelle gibt es ein Omelette mit Meeresfrüchten, das sie gestern selber gebastelt haben. Ich esse es im todesmutigen Vertrauen auf meine gesunde Darmflora und lasse mich von den beiden Damen bespaßen. Trotz Weltzusammenbruch wegen unterschlagenem Reiseführer sind sie nicht allzu traditionell koreanisch. Beide sind um die 40 und arbeiten als Reiseleiterinnen. Europa kennen sie daher schon in- und auswendig, und erzählen kichernd und gackernd von ihrer Arbeit, z.B., dass man da natürlich schon ganz schön schreien muss, wenn man 40 Leute durch die Stadt zu treiben hat. Beide sehen aus wie 20 und als könnten sie kein Wässerchen trüben. Die eine ist mit einem Schwaben verheiratet und lebt auch in Deutschland. Statt Englisch reden wir einen Moment Schwäbisch – ein skurriles Gefühl.

Anschließend ist Siesta angesagt. Zumindest für den Großteil der Pilger. Nicht so für eine ziemlich dicke und ziemlich laute Pilgerin, die im Schlafsaal ihr Essen einnimmt und die beiden ebenfalls am Tisch sitzenden Pilger lautstark beschallt. Es geht über eine halbe Stunde so, und vermutlich ruhe ich heute nicht besonders gut in meinem Chi, ich könnte jeden Moment explodieren.

Glücklicherweise entscheide ich mich für den friedlicheren Weg und begrabe einfach meine Siestapläne. Ich setze mich mit an den Tisch, schreibe mein Tagebuch und widme mich wieder meiner Nachmittag-Standard-Beschäftigung und knüpfe Armbändel. Die junge Finnin gegenüber guckt mich etwas belustigt an und meint „so, so, mein Ruf würde mir ja vorauseilen“. Ich bin etwas irritiert, vermute aber, dass es um mein ständiges Bändelflechten geht. Die Andeutung versteht sie aber überhaupt nicht. Als ich nachfrage, meint sie, ich wäre doch dieses Sprachgenie. Ich muss lachen, da verwechselt sie mich dann wohl. Nein, nein, sie hat das selber gesehen. Sie rechnet mir den Abend in Santo Domingo minutiös vor; als sie gekommen wäre, hätte ich Spanisch und Englisch gesprochen. Später Französisch. Italienisch könnte ich auch (bezugnehmend auf meine Konversation mit einem Italiener, der wie ich auf das Heißwerden seines Wassers warten musste und zu dessen Gemüse im Wasser ich effektvoll „ah, Minestrrronnne!“ überbrückt habe). Zum Glück hat sie nicht meine koreanische Sonnenblume und mein „jag pratar svenska“ zu dem schwedischen Prof gehört. Ich fühle mich sehr geschmeichelt, habe ehrlichgesagt aber eher das Gefühl, annehmbar Englisch zu sprechen, mich radebrechend auf Spanisch verständlich machen zu können und damit das Soll schon erfüllt zu haben.

Die Koreanerinnen haben in der Zwischenzeit einen Supermarkt gefunden und sind kichernd begeistert von einer Flasche Rotwein. Offensichtlich haben sie noch irgendwo einen Koreaner aufgetrieben, der das Buch jetzt auch irgendwie noch mitnehmen kann, sodass die Welt auch ohne Anrufversuche nach Burgos wieder in Ordnung ist. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Und die Koreanerinnen verschwinden schon wieder kichernd, allerdings die Form wahrend und mit der Rotweinflasche diskret in einer Tüte unter einem T-Shirt versteckt.

Ich finde es etwas trostlos und seelenlos in dieser Herberge direkt an der Straße. Ich suche den Supermarkt, auch dieser ist etwas weltfremd bestückt. Ein deutschsprechender Mann sucht hilflos mit seiner Mutter nach etwas. Ich zeige ihm die richtige Dose, woraufhin er mit leuchtenden Augen fragt, ob ich denn zufällig „so eine Pilgerin“ wäre. Er hätte davon ja gelesen und das wäre ja spannend und so. Seine Mutter um die 80 wird auch gleich noch dazugerufen, die wollte schon auch immer mal „so eine Pilgerin“ sehen. Wir plaudern nett (und ich gebe mir Mühe, ein gutes Bild abzugeben); sie wollen wissen, in welchen Hotels wir denn so schlafen und wie das mit dem Gepäcktransport so klappt. So süß sie auch sind, aber da ist es noch ein langer Weg zum Pilger.

In der Herberge ist es irgendwie kühl; als ich zum Kochen in den Verschlag auf dem Pausenhof gehe, weht erst recht ein kühler Wind. Ich esse sehr schnell fröstelig meine Linsensuppe, während sich ein deutscher Pilger recht penetrant neben mich setzt und mich ebenso penetrant in ein Gespräch verwickelt. Wir haben gar keine guten Schwingungen, er ist mir rundum unsympathisch. Alles läuft nur darauf heraus, wie gut und erfolgreich er ist. Seine Witzchen betreffen meistens wirklich hochgestochene Themen, bei denen ich nicht mitreden kann (und eigentlich auch nicht will). So spüle ich schnell ab, sammle meine Wäsche von der Leine und lasse ihn recht unhöflich allein sitzen. Ganz mein Stil ist das eigentlich nicht, aber irgendwie ist heute nicht mehr drin. Generell bin ich mit den Gedanken schon weitgehend bei Burgos und dem Abschluss. Ganz so tief in neue Pilgerbeziehungen eintauchen will ich innerlich wohl einfach nicht mehr. Ich fühle mich gar nicht mehr so richtig verwurzelt im Pilgern, der donnernde Schwerlastverkehr tut sein übriges.

Ich knüpfe noch meine zwei Bändel fertig und lege sie den Koreanerinnen aufs Kopfkissen.

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Gegen 6 rumort der früh startende Kanadier in meinem Schlafabteil, sodass auch ich mich früh aufmache. Unterwegs treffe ich ihn und wechsle ein paar Worte mit ihm. Er spricht nur französisch und ist kein Mann unnötiger Worte, aber es scheint durch, dass er im Leben so ziemlich alles erreicht hat. Auf die Frage, wie es ihm auf dem Camino so gefällt, lacht er wie befreit und meint „fantastique“. Und er geht den Weg „pour apprendre à m’aimer“, um sich lieben zu lernen. Ich lasse ihn allein weiterlaufen, weil mir sein Tempo zu hoch ist, aber ich denke noch ziemlich lange über ihn nach. Und über diese Aussage. Manchmal sprechen Bilder mehr als 1000 Worte, und so glücklich und befreit wie er wirkt, scheint er mit dem Camino und dieser Feststellung einen Schlüssel dazu gefunden zu haben, worauf es im Leben ankommt. Und worin man wahres Glück findet.

Pünktlich zur normalen Startzeit bin ich wie so oft einen Ort weiter in Grañón, wo ich fast schon wie verabredet die Schwaben treffe. Für sie ist auch Schluss in Burgos, allerdings wollen sie sich ein wenig beeilen, um dann noch einen Tag zum Party machen zu haben. Nachdem ich heute wieder einen üblichen 4-Stunden-Mini-Tag einlege, werden sich hiermit also unsere Wege trennen.

Sie erzählen sehr begeistert von ihrer Übernachtung in der Kirche von Grañón, das hätte mir vermutlich auch gefallen. Heute beschließe ich spontan, auf Marek zu warten und mich zum Abschied ordentlich von ihm zu verabschieden. Wir sprechen uns in ein paar wenigen Sätzen aus, im Endeffekt haben wir wohl beide ein ähnlich schlechtes Gewissen einander gegenüber. Über mein Bändel ist er fast schon gerührt, er lässt es sich sogar anlegen. Alle zusammen machen wir noch ein paar Erinnerungsfotos; mein Lieblingsschwabe verspricht, sie mir zu schicken und notiert dazu meinem Email in seinem Tagebuch. Ich muss lachen, als ich ein paar Zeilen davon lese. Er hat eine lustige Art, alles festzuhalten, und seine Kommentare zu meiner Person sind recht erheiternd.

Als sie weg sind, bin ich reichlich schwermütig. Wieder einmal fühle ich mich daran erinnert, dass ich anders als sonst nicht wochenlang in ein und derselben Pilgerfamilie mitschwimme, sondern fast jeden Tag die bekannten Gesichter ziehen lassen muss. Ich vermisse Vertrautheit und Freunde. Dafür habe ich eine neue riesengroße Blase am Fuß, ich bin ein Stück weit frustriert und resigniert. Irgendetwas will mir der Camino damit sicher sagen. Im Moment habe ich das Gefühl, dass es ist „Du sollst nicht immer wieder hierherkommen und die gleichen Wunder wie die Male zuvor erwarten“. Und mir liegt ungut im Magen, dass ich für alle möglichen Pilger ein Bändel geknüpft habe, aber für meine beiden Sonnenscheinchen nicht.

Mein heutiges Tagesziel heißt Viloria de Rioja, ein verschlafenes Nest, in dem mir meine Pilgerfreundin Bärbel eine Herberge wärmstens empfohlen hat. Sie war dort 2 Wochen vorher bei Acacio und Orietta, und ihre kurze Nachricht auf die Schnelle zwischen ihrem Heimkommen und meinem Losgehen war „da musst Du unbedingt hin“.

Laut Führer ist die Herberge klein, 12 Betten, und man wohnt direkt mit den beiden Inhabern. Spannendes Konzept. Am meisten lässt es allerdings mein Herz in die Höhe schlagen, als ich im dortigen allgemein zugänglichen Wohnzimmer Marek am Rechner sitzen sehe. Er hat die Schwaben schon mal weitergehen lassen, schreibt noch kurz seiner Familie und macht sich dann auch wieder auf den Weg. Die Lösung für zumindest meine Bändelunzufriedenheit liegt in greifbarer Nähe, allerdings habe ich gerade jetzt keinen üblichen Vorrat in der Tasche. Ich lasse meinen Rucksack auf das Bett plumpsen, wühle panisch nach Wolle und Sicherheitsnadel und flechte in zittriger Eile ein erst halbfertiges Bändel weiter. Es ist nur ein völlig belangloses Bändel, aber irgendwie habe ich mal wieder das Gefühl, dass ich das jetzt noch rechtzeitig fertig bekommen muss.

Fast schon im Hechtsprung springe ich zurück ins Wohnzimmer, wo Marek auch wirklich gerade seinen Rucksack aufzieht und sich zum Losgehen anschickt. Ich drücke ihm atemlos meine Bändel (Marke „in der Eile mehr gewollt als gekonnt“) in die Hand und bitte ihn, sie seinen Kumpanen weiterzuleiten. Danach fühle ich mich absolut erleichtert und befreit und kann endlich in Ruhe ankommen und duschen.

Für die nur 12 Betten hat es einen riesigen, schicken Nassbereich in sehr liebevoller Ausstattung. Bisher bin ich die einzige Pilgerin (kein Wunder, es ist gerade mal Mittag), und so erkunde ich neugierig die Herberge und das Betreiberehepaar.

Küche, Esszimmer und Wohnzimmer teilen sie mit den Pilgern. Es hat rund um die Uhr Kaffee, und ebenso rund um die Uhr kommen Pilger für eine kurze Pause vorbei, setzen sich in die Sessel um den Kaminofen, lesen in den ausliegenden Büchern und Heften und ziehen wieder weiter.

Acacio sitzt die meiste Zeit vor dem Computer; der Ort wäre so klein, da müsste man auf diese Weise Kommunikation mit anderen Hospitaleros und Freunden führen. Überall hängen Fotos von gemeinsamen Treffen, und lustigerweise erkenne ich einige davon, z.B. Alfredo aus Molinaseca. Er erzählt mir sein Konzept dieser Herberge. Für ihn und seine Frau war es ein Traum, eine Herberge zu haben, und momentan sind sie noch am Umbauen, bis es irgendwann seinen Vorstellungen genügt. Es soll schöner und gemütlicher werden – nur größer sicher nicht. Ich bin fast etwas verwundert, so viel Aufwand für so wenig Pilger. Aber ihnen ist es wichtig, sich um die Pilger kümmern zu können und nicht nur einen Massenbetrieb aufrecht zu erhalten. Ich erzähle ihm, dass Bärbel mir seine Herberge empfohlen hat. Er kann mit dem Namen nichts anfangen und lässt sie sich beschreiben. Sehr schnell kann er sie wieder einordnen, auch seine Frau weiß gleich, wen er mit „die mit den besonderen Augen“ meint. Ja, das wäre eine gute Pilgerin gewesen.

Trotz allem fühle ich mich ein ganz klein wenig unwohl. Vermutlich fühlt es sich eben einfach so an, wenn man stundenlang in einem fremden Wohnzimmer herumsitzt.

Ich vertiefe mich in die Sammlungen von Klarsichthüllen voller Gedichte und Weisheiten. Zwei Gedichte auf Spanisch treffen mich ein Stück weit mitten ins Herz, ich könnte heulen, wenn ich das jetzt nicht doppelt unpassend in einem fremden Wohnzimmer finden würde. Irgendwie fühle ich mich einsam und fehl am Platz, aber gleichzeitig auch herrlich getröstet durch die Gedichte, die so viel Wahres für mich beinhalten.

Auch wenn es nicht einmal fürchterlich kalt ist, macht Acacio den kleinen Ofen an. Ich sitze in einem wunderbaren Großvaterstuhl, neben mir leuchtet und knistert und wärmt ein loderndes Feuerchen, während ich die Texte abschreibe.

Im Laufe des Nachmittags kommen zwei weitere Pilger, ein junger Deutscher und ein sehr alter Amerikaner, der sich erst einmal hinlegt.

Der Deutsche setzt sich irgendwann zu mir. Er hat eine furchtbar unruhige und hibbelige und unsichere Ausstrahlung. Er ist sicher schon über 30, aber es vergehen keine 2 Minuten, dass ihm nicht einfällt „oh Gott, das schaffe ich sicher alles gar nicht“, „ich habe bestimmt die falsche Ausrüstung“, „ich bin sicher nicht trainiert genug“, „ich mache sicher alles falsch“. Er springt ständig auf und läuft im Kreis, um sich wieder rastlos für ein paar weitere Minuten hinzusetzen. Ich bin fast ein bisschen belustigt und versuche ihm zu versichern, dass das schon alles gut wird und gar nicht so schwierig ist. Erleichtert lächelt er dann ein paar Sekunden, damit ihm danach schon wieder eine Schreckensvision einfällt. Ich versuche ihn damit zu beruhigen, dass mir meine Probleme zu Beginn des Caminos meist auch riesengroß erscheinen und ich unsicher bin, sich das aber meist auch wieder schnell relativiert, wenn ich zum einen meine eigene Stärke kennenlerne, zum anderen mit den anderen Pilgerschicksalen aber auch aufgezeigt bekomme, dass es anderen viel schlechter geht und sie mit viel größeren Problemen und Sorgen zu Streich kommen. Ich erzähle ihm Beispiele von Pilgern, die den Weg laufen, um über Verluste geliebter Menschen hinwegzukommen oder die sich mit einer schweren Krankheit konfrontiert sehen.

Interessanterweise wird er plötzlich ruhiger, aber mir zieht es dafür schier die Socken aus, als er nachdenklich und besinnlich meint, ja, ja, seine Tochter sei mit einem schweren Herzfehler auf die Welt gekommen. Sie haben die ersten 3 Jahre nur in Krankenhäusern und auf Intensivstationen verbracht. Er erzählt ruhig und ohne größere emotionale Regung, während ich immer kleiner mit Hut werde. Ich bin heilfroh und sehr erleichtert, als er irgendwann damit schließt, dass sie das jetzt soweit überstanden hat und es ihr gut geht und sie einer ganz normalen Kindheit entgegensieht. Ich wittere uns gerade wieder auf einem sicheren Terrain, als er wieder recht ruhig und unbeteiligt meint „ja, und dann hat mich meine Frau verlassen“. Er erzählt sicher zwei Stunden lang, er scheint viel auf dem Herzen zu haben. Und ich könnte eh kein Wort sagen, ich bin wie schon so oft erschlagen und fühle mich sehr, sehr naiv.

Gegen Abend hat der Deutsche eine gewisse Ruhe gefunden. Er ist selber zu dem Schluss gekommen, dass so arg viel mehr eigentlich nicht schiefgehen kann und man es eh nicht in der Hand hat. Bob, der 84-jährige Amerikaner, kommt zu uns an den Kamin gehinkt. Vorsichtig frage ich, woher er kommt und wie weit er will, so ganz fit sieht er nicht aus. Ehrlichgesagt überrascht es mich heute nicht mehr, dass er zwar diesmal nicht so weit will, aber letztes Jahr 2000 km ab Frankreich gepilgert ist. Er ist eine sehr beeindruckende, charismatische Persönlichkeit mit viel Pilgerweisheit. Fast schon etwas zu viel, ich habe den Eindruck, dass er auf all meine Überlegungen und ungestellten Fragen die Antwort eigentlich in sich schon weiß.

Zum Abendessen kommen noch zwei Freunde von Acacio, wir sind eine kleine Gruppe um einen mit Schüsseln und Töpfen vollgeladenen Tisch. Orietta spricht ein sehr bewegendes Tischgebet, sie dankt dem lieben Gott dafür, dass sie heute und jeden Tag Pilger beherbergen dürfen und ihnen heute das Geschenk zuteil wird, mit Bob, dem Deutschen und mir ihr Essen teilen zu dürfen. Interessante Sichtweise.

Acacio erklärt auf Englisch, dass es so bei ihnen Brauch ist, dass jeder sich vor dem Essen kurz vorstellt, und zwar in seiner Landessprache. Auch ein sehr interessantes Konzept. Ich verstehe zum Glück ein paar Brocken Spanisch, aber auch so ist es ein faszinierender Moment, einfach den Klang der Worte, die Mimik und Gestik auf sich wirken zu lassen. Der Deutsche neben mir ist allerdings wieder voll in seinem nervösen und unsicheren Element. Ich kann förmlich spüren, wie er sich während den anderen Vorstellungen seinen Text zurechtlegt. Er ist nervös, als müsse er eine Präsentation darbieten, vor allem ist er nicht davon abzubringen, immer wieder auf Englisch zu wechseln, obwohl Acacio ihn immer wieder freundlich anlächelt und zur deutschen Sprache einlädt. Auf eine Weise kann ich ihn sehr gut verstehen und mit ihm fühlen; ich wünsche ihm nur von Herzen, dass der Camino ihn eine gewisse Ruhe spüren lässt. Und ihn von der Stärke überzeugt, die er ja sehr offensichtlich besitzt.

Das Essen ist superlecker, und ich bin sehr gerührt und bewegt von der familiären Atmosphäre. Den Nachmittag habe ich mich wie in einem fremden Wohnzimmer gefühlt, aber in dem Esszimmer fühle ich mich nun wie zu Hause.

Anschließend nimmt Orietta bereitwillig mein Angebot an, den Abwasch zu machen. Sie erzählt, dass eine Pilgerherberge zwar schön, aber fürchterlich viel Verwaltungsarbeit und Papierkram wäre. Sie wäre meist bis in die Nacht beschäftigt mit irgendwelchen Auflagen, und es wäre schon auch sehr anstrengend.

Die verbleibende Stunde verbringen wir lesend an dem wunderbaren Kamin. Orietta und Acacio haben ein tolles Bücherregal voller Pilgerbücher in allen möglichen Sprachen. Ein Großteil stammt von Paulo Coelho, einem Freund des Hauses, wie Acacio sehr stolz betont. Ich lese ein bisschen Shirley MacLaine, habe aber den Eindruck, dass ich mit ihr noch deutlich weniger anfangen kann als mit Hape Kerkeling und Paulo Coelho. Zumindest scheine ich nicht die einzige zu sein, die auf dem Camino ab und an ein bisschen spinnt.

Während Bob konzentriert am Esstisch im Schein der Lampe seine 11 Tabletten für den Abend und 18 Tabletten für den Morgen richtet, gebe ich dem Deutschen meine Fertigung des Nachmittags, mit sehr vielen persönlichen Wünschen in jedem Knoten. Er bedankt sich und meint, da würde sich seine Tochter sicher drüber freuen. Na ja, die kann die guten Wünsche ja sicher auch gebrauchen.

Ein sehr ruhiger Tag mit endlosen Stunden am Kaminfeuer, ein Tag voller bewegender Erkenntnisse – vor allem der Erkenntnis, dass ich noch sehr, sehr viel zu lernen habe.

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Den gestrigen Vorsätzen zum Trotz starte ich wieder in aller Frühe. Meine erste Hürde meistere ich problemlos – nämlich den Hund eines Mitpilgers, der nicht mit in die Herberge durfte und der die ganze Nacht friedlich auf der Türschwelle zur Herberge gewartet hat. Entsprechend gut erzogen guckt er mich jetzt also auch nur verwundert an, als ich zittrig über in drüberstapfe (und jeden Moment damit rechne, dass er mich wild kläffend in die Herberge zurücktreibt).

Zum Sonnenaufgang bin ich in Azofra, wo sich vor der dortigen Herberge schon die startbereiten Pilgersilhouetten abheben. Ich treffe auch wieder die beiden Schwaben, die noch etwas verschlafen ihre erste Zigarette des Tages rauchen, während ihr tschechischer Mitpilger noch oben am Packen ist. Ganz generell freue ich mich schon, überhaupt bekannte Gesichter zu sehen, nachdem ich durch meine kleinen Etappen eigentlich alle immer ziehen lassen muss. Aber die beiden Schwaben sind darüber hinaus ein Fall für sich. Beide sind immer höflich, immer lustig, immer am Strahlen. Sie erinnern mich an den Sonnenaufgang über den Sonnenblumenfeldern, sie strahlen und leuchten und versprühen eine recht besondere Helligkeit. Ich bin mir nur nicht immer so ganz sicher, was sie von mir denken. Nach ein paar Minuten heiterem Plaudern überkommt mich immer die Ahnung, dass sie vielleicht einfach nur liebend gern in Ruhe ihre Zigarette fertig rauchen würden.

Bevor der Tscheche sich dazugesellt, mache ich mich somit wieder auf den Weg. Heute bin ich schnell unterwegs, seit langem floate ich mal wieder. Die gestrige lange Etappe hat gut getan und mir ein gewisses Vertrauen in meine Lauffähigkeit zurückgegeben. Die heutige Etappe ist kurz, knappe 20 km, sodass ich noch vor Mittag an meinem heutigen Tagesziel Santo Domingo de la Calzada ankomme. Das Laufen nach Vernunft und Plan frustriert mich ein bisschen, ich fühle mich immer wie mit angezogener Handbremse, aber wenn ich nicht viel zu früh in Burgos ankommen will, stehen jetzt einfach einige 20 km – Etappen auf dem Programm. Auch heute hadere ich damit, eigentlich noch etwas mehr laufen zu wollen. Die Herberge in Grañón, noch dazu mit Aussicht auf die Gesellschaft der Schwaben, ist reizvoll, aber dann hätte ich für den Folgetag etwas um die 15 km, und das geht wirklich gar nicht.

So begebe ich mich in die historische Herberge, mit deren riesigem Schlafsaal ich nicht die besten Erinnerungen verbinde. Der Hospitalero erklärt mir umständlich den Weg in den Schlafsaal, und ich möchte fast schon sagen, dass ich den Weg kenne, da fällt mir auf, dass es wo anders hin geht. Ich schraube mich zwei Etagen eine steinerne Wendeltreppe hinauf, es wird immer enger und verlassener, dass ich den Eindruck bekomme, irgendwie falsch zu sein. In luftiger Höhe kommt dann plötzlich doch noch ein Raum mit einem großen Tisch und einer kleinen Küche, unzähligen verwinkelten Holzbalken in der Dachschräge, und einem kleinen Schlafsaal, ebenfalls wieder halb unter der Dachschräge verborgen. Es hat lauter Einzelbetten, in kleine Abteile zu vier abgeteilt, und die Atmosphäre ist ganz speziell. Irgendwie sehr persönlich, historisch, verwinkelt und durch die Höhe auch irgendwie erhaben. Ausser mir ist schon ein kleiner, älterer Mann am Auspacken, den ich schon mehrfach gesehen habe. Er entpuppt sich als französischsprachiger Kanadier, der aber ziemlich schnell vor sich hinredet und ein klein wenig entrückt wirkt. Vor allem geht er sehr schnell und sehr früh los. Vor 12 ist er meistens da, und meist hat er um diese Zeit schon über 25 oder 30 km heruntergespult.

Ich spule aber erstmal den Weg zu einem Supermarkt herunter, bzw. frage mich munter durch. Nichts macht mehr leuchtende Augen, als wenn ich auf die zaghafte Frage, ob es wo einen Mercado hat, die blumige und weitausholende Richtungsweisung zu einem großen, großen Supermercado erhalte. So verbirgt sich auch hier hinter einem unscheinbaren Seiteneingang ein riesiger Eroski-Supermarkt, welcher mich mit seiner Auswahl wie üblich erschlägt und überfordert. Ich kaufe Eier, Thunfisch und die wunderbaren grünen Minipaprika; mir steht ein Festmahl wie selten zuvor bevor.

Ich koche in der kleinen Küche, in der es schon zu Mittag lebhafter wird. Eine junge Katalanin und ein holländischer Polizist versuchen sich auch etwas warmzumachen, eine lustige Schatzsuche nach Pfannen, Feuerzeugen, Dosenöffnern und Salz beginnt. Beide sind nett und unterhaltsam. Ich freue mich sehr, endlich mal jemand Spanischsprechendes zu treffen. Ich habe das Gefühl, bisher mehr Englisch und Deutsch gesprochen zu haben. Auch die Katalanin wirkt glücklich, sie erzählt etwas verschüchtert, dass sie eigentlich schon auch mehr Spanier hier erwartet hätte, sie hätte noch nie einen spanischen Pilger getroffen, den ganzes Weg bisher.

Ich fühle mich unerklärlicherweise ziemlich wunderbar in dieser Herberge, über den Dächern der Stadt, mit den vielen verwinkelten Holzbalken, auf dieser massiven, schweren Holzbank. Es ist ein reges Kommen und Gehen von Pilgern, es hat anscheinend noch mehrere kleine Schlafzimmer, die nun bevölkert werden. Viele Gesichter kommen mir ein Stück weit bekannt vor, wir haben uns irgendwo schon mal gesehen. Wieder einmal bin ich beeindruckt von der Unberechenbarkeit des Caminos. Der erwartete Schlafsaal scheint gar nicht mehr in Gebrauch bzw. im Umbau befindlich zu sein; statt dessen habe ich hier so ein kleines Juwel bekommen.

Für den Moment nimmt eine höchst rüstige Vierergruppe von älteren Französinnen neben mir Platz. Sie bieten mir diverse Tees und Kekse an, alles in unzählige Plastikbeutel sauber verpackt. Sie haben sogar einen Tauchsieder und Cappuccinopulver dabei. Die eine meint lachend und entschuldigend, dass sie eben zu alt wären, alles selber zu tragen, und sich daher das Gepäck von einem Transport befördern lassen. Und wenn schon, dann richtig.

Ebenfalls französisch geht es weiter mit dem Besitzer des großen Hundes heute morgen auf der Schwelle der Herberge. Der Hund ist diesmal gut im Garten versorgt, und das Herrchen dazu in meinem Alter hat deutlich Redebedarf, zumal er nur französisch zu sprechen scheint und damit (und mit dem Hund) recht einsam ist. Zwar hatte ich lange Jahre in der Schule Französisch, nicht einmal mit schlechten Ergebnissen, aber alles liegt derart weit zurück, dass ich keinen halben Satz gerade herausbringe. Ich verstehe zwar ziemlich alles, aber meine Rückmeldungen sind derart holprig und dürftig, dass man sich das wohl schwer vorstellen kann. Jean-Philippe scheint diese seltene Vorstellungsgabe zu haben, er erzählt in aller Ruhe alles mögliche, und es ist ein lustiges Gefühl, plötzlich so ins Französische abzutauchen. Ich bekomme Einblicke in das Pilgern mit Hund, das bedeutend anstrengender ist, als ich mir vorgestellt hätte. Schlafplätze sind nicht einfach zu finden. Der Hund darf selten mit in die Herberge oder in einen Garten, und nicht einmal das Vor-der-Tür-Warten wie in Nájera wird überall erlaubt. Oft würden sie zusammen irgendwo draußen auf dem Feld übernachten. Sein Hund würde unheimlich viel Schlaf brauchen, bei jeder Trinkpause seines Herrchens würde er ein kurzes Tiefschlafhäppchen einbauen. Seine Pfoten wären empfindlich, man müsste immer viel Rücksicht nehmen. Vor allem fehlt Jean-Philippe der Austausch mit anderen Menschen; manchmal geht er tagsüber in eine Herberge und erst zur Nacht mit dem Hund einen Schlafplatz suchen, um wenigstens ein bisschen Ansprache zu haben. Ihn bewegen viele Gedanken, Sorgen und Überlegungen, er redet fast 2 Stunden ohne Unterbrechung. Ich kann alles sehr gut verstehen und nachempfinden. Leider kann ich es nicht in Worte fassen, aber ich hoffe, er versteht es vielleicht auch so.

Ein ungewöhnlicher Pilger sitzt schachspielend in der Ecke; mit langem Bart, langen Haaren und gut 2 Metern Körpergröße gibt er eine beeindruckende Erscheinung ab. Er erinnert mich nicht allzu entfernt an Hagrid aus Harry Potter, und für den Anfang soll ich mal mit ihm Schach spielen. Das habe ich zuletzt als gefühlt Vierjährige gemacht. Jedes Spiel war gleich, ich hatte alle Hände voll zu tun, die Figuren auseinander zu halten und die unterschiedlichen Bewegungsmöglichkeiten zu sortieren – und gegen die stundenlangen, taktischen Überlegungen meines älteren Bruders hatte ich natürlich ohnehin nie eine Chance. So hält sich jetzt meine Begeisterung auch in Grenzen. Die fachkundigen Kommentare einiger älterer Pilger bescheinigen mir wenig schmeichelhaftes, umso erstaunter bin ich, als ich nach einer halben Stunde völlig unerwartet einen Matchball zum Schach Matt habe. Ich bin überrascht; vor allem aber das norwegische Trumm von einem Mann ist völlig von der Rolle, wie er jetzt von einem unscheinbaren Mädchen mit der Taktik und dem Ernst einer Vierjährigen geschlagen werden konnte.

Im Lauf des Nachmittags treffe ich den Schweden aus Cirauqui wieder; er ist netter, als ich damals im ersten Moment vermutet hätte. Er ist Professor für diverse Sprachen, spricht fließend Deutsch und Englisch und war auch schon vielerorts auf der Welt zu Hause. Wir sitzen zu viert zusammen, die Katalanin, der Holländer, der Schwede und ich, eine lustige internationale Komposition.

Beim Abendessen sitzen auch die beiden blonden Grazien mit am Tisch, die ich am allerersten Abend in Roncesvalles so eindrücklich getroffen habe. Diesmal sind sie etwas leiser und bedrückter als damals. Ihr Camino ist morgen bereits zu Ende, und als mir ein typisches „schade!“ entweicht, drucksen sie etwas herum. So ganz schade wäre es  nicht, es wäre irgendwie der Wurm drin gewesen. Eine der beiden hatte Probleme mit den Schuhen und ist ab dem zweiten Tag in Crocs gelaufen. Vor allem aber wird deutlich, dass nicht beide das gleiche vom Camino erwartet oder zurückbekommen haben. Recht offen erzählt die eine, dass sie eben gern wandert und draußen ist, auch schon vorher mal auf dem Camino war. Jetzt hätte sie diese Erfahrung mit ihrer Freundin teilen wollen, aber diese ist eben nicht gleichermaßen aufgeblüht und begeistert gewesen. Sie sehnt sich mal wieder nach einem sauberen Hotel, nicht jeden Tag von neuem Wanderstress. Sie schauen ein bisschen aneinander vorbei, als die eine sagt, sie würde vielleicht in Zukunft doch lieber wieder in einem Hotel Urlaub machen. Beide wirken irgendwie jämmerlich und kleinlaut. Sie tun mir ein Stück weit leid, aber natürlich muss es auch das geben. Enttäuschungen oder einfach auch, dass der Camino und das Pilgern nicht für jeden das Höchste sein können.

Beim Kochen werkle ich noch mit einem Italiener und treffe eine kleine, sonnige Schweizerin aus dem Welschland. Sie ist irgendwie speziell, von ganz zarter Statur, frisch nach dem Abitur. Sie hat ein Gesicht voller Sommersprosse, blonde Haare wie eine Sonnenblume, sie lächelt schüchtern und leise und wandelt irgendwie ganz für sich durch die Pilgergemeinschaft, allerdings auch, ohne irgendwie einsam oder unwohl auszusehen. Ich spreche ein paar Minuten mit ihr. Sie ist aus der Schweiz zu Fuß gestartet, sie ist seit 3 Monaten unterwegs, und alles ist ganz still und ruhig und lächelnd und nachdenklich und schicksalsergeben. Es lässt sich schwer in Worte fassen, aber sie hinterlässt einen ganz starken, bleibenden Eindruck bei mir.

Der heutige Tag war eindrucksvoll. Unerwartet und unheimlich reich an vielen verschiedenen Kontakten. Ich gebe der Schweizerin ein Armbändel, worauf sie mich überraschenderweise umarmt. Auch die Katalanin freut sich. Ein Tag voller Unbekannter, die in meinem Leben aufgetaucht sind und morgen genauso schnell wieder verschwinden. Heute fühlt es sich ohne Wehmut an, es waren keine Kontakte für eine bleibende Freundschaft, meistens konnte ich mich ja nicht einmal sprachlich ausdrücken. Aber trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen auf so beeindruckende Weise) ein selten reicher Tag.

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Die Nacht ist moderat erholsam, da es unten auf der Straße noch von der Fiesta lärmt. So ganz erfasst habe ich den Zusammenhang aber noch nicht, als ich folglich kurz nach 6 auf der Straße stehe und die Tür hinter mir ins Schloss fällt. Ich bin es schon so gewöhnt, morgens ein kleines Städtchen zu verlassen und in der Weite der Felder den Sonnenaufgang zu erleben, dass mich nun die „Großstadt“ Logroño mit ihren über 100 000 Einwohnern kalt erwischt. Zum ersten Mal habe ich Angst, im Dunkeln durch die Stadt zu laufen, mit überall johlenden Betrunkenen um mich herum. Ich bin wütend auf mich selber. Was muss ich auch allein als junge Frau um 6 Uhr auf Spaniens Straßen machen.

Ich bin froh, als ich das Gröbste hinter mir gelassen habe und die Parkanlagen erreiche, die Richtung Naherholungsgebiet führen. Hier ist das Terrain übersichtlicher, ich sehe von weitem, wer mit mir unterwegs ist. So sehe ich von Weitem ein grölendes, sich halb prügelndes und halb umarmendes (und sicher sehr angeheitertes) Pärchen und mache im Geiste 5 Kreuze, als ich heil an ihnen vorbeigekommen bin. In der Unterführung, bevor es aus der Stadt herausgeht, sondiere ich nochmal die Umgebung. Leider hält sich (wie den ganzen Park schon) ein einzelner Mann hinter mir, und nachdem er weder Hund noch Rucksack bei sich hat, kann ich keine beruhigende Erklärung finden, wieso er mitten in der Nacht zum Stausee möchte. Je weiter ich gehe, desto mehr wird mir der Irrsinn bewusst. Ich gehe ins absolute Stockdunkel, es hat noch nicht mal mehr Straßenlaternen. Ich habe ziemlich Angst und greife zu meiner üblichen Taktik dagegen. Ich nehme meinen Rucksack ab, packe den Pfefferspray unter den langen Ärmel meines Fleecepullis und esse eine Alibibanane, während ich den Mann hinter mir voll im Blick habe. Der gute Herr im Frührentenalter grüßt mich freundlich zurück, wirkt aber mindestens ebenso verunsichert wie ich. Vermutlich kann er nicht nachvollziehen, warum jemand gehetzt durch die Dunkelheit rennt, um dann am Ortsausgang im Dunklen zu frühstücken.

Ich bin supererleichtert und dankbar – und nehme mir nicht zum ersten Mal vor, nicht mehr so früh und so einsam zu starten.

Dafür habe ich wieder einen schönen Sonnenaufgang inmitten unberührter Natur – und nochmal einen kleinen Schreckmoment, als ich am Stausee einen Obdachlosen oder Pilger aus seinem Schlaf schrecke.

Der Stausee liegt wunderbar ruhig da, wunderschön und irgendwie magisch. Durchbrochen von einer ersten Schicht schneller Pilger aus Logroño, die laut stöckelnd an mir vorbeipreschen. Irgendwie bin ich nach den heutigen Schreckmomenten aber ganz froh, nun wieder in die Pilgerfamilie eingebettet zu sein.

Wegen der Fiesta gestern hatte in Logroño alles schon geschlossen, ich bin ohne meinen üblichen Proviant. Navarrete erreiche ich zu früh für einen Einkauf, es ist eh noch so kühl, dass ich keinen dringenden Bedarf sehe. Das ändert sich, als ich die schattenlosen Kilometer an der Autobahn entlang gehe und feststelle, dass ich dazu noch zu wenig Wasser habe – und nicht mehr viel mit Wasser bis Nájera kommt. Ich ringe mich zu einem Novum durch – und mache den Abstecher nach Ventosa und in eine Bar. Das macht mich fast noch nervöser als mein Morgen in Logroño, aber ich erstehe ein Bocadillo und bin überrascht, wie billig man sich das Leben etwas leichter machen könnte. Ich fülle noch meine gesammelten Wasserflaschen voll und bin sowohl provianttechnisch beruhigt als auch bartechnisch verwirrt.

Der Tag ist irgendwie trotzdem ziemlich lang und ziemlich heiß. Die heutigen über 30 km spüre ich, ich fühle mich so langsam richtig pilgerisch erschöpft. An einer Mauer zur Linken des Wegs taucht ein Gedicht auf.

Ausgiebig wird darin der Camino mit seinen Sehenswürdigkeiten beschrieben, aber am berührendsten sind mir die letzten beiden Strophen in Erinnerung geblieben:

All’ dies sehe ich im Vorbeigehen und all dies zu sehen ist ein Genuß,
doch die Stimme, die mich ruft, fühle ich viel tiefer in mir.

Die Kraft, die mich voran treibt. Die Macht, die mich anlockt,
auch ich kann sie mir nicht erklären. Dies kann nur ER dort oben!

Nur wenige Momente später treffe ich auf eine Art kleine Gartenlaube, in deren Schatten ein paar Pilger Zuflucht vor der großen Hitze gesucht haben. Intuitiv überkommt mich die Idee, dass es die Schwaben von Cizur Menor sein könnten, und ich habe recht. Ich freue mich total über das Wiedersehen, wir plaudern ein bisschen ausgelassen auf Deutsch. Sie fragen, ob ich heute mit nach Azofra komme. Sie sind heute auf halber Strecke gestartet und sehen ein, dass ich schon froh bin, überhaupt Nájera zu erreichen. Irgendwann schält sich der Tscheche unter seinem Sonnenhut aus seinem Mittagsschläfchen, und ich verabschiede mich eher hastig.

Den weiteren Weg denke ich wie schon oft viel über ihn nach. Ganz souverän war mein Auftritt da nicht, wir haben unhöflich auf Deutsch gesprochen und ich habe ihn wie Luft behandelt. Er mich zwar auch, aber so ganz passt das Ganze nicht in meine sonst so harmonische und ungetrübte Pilgerwelt.

Obwohl Sonntag ist, taucht am Ortseingang von Nájera ein kleiner Tante-Emma-Laden auf, der zu meiner Begeisterung geöffnet hat. Nachdem ich mich ja schon am Mittag mit einem Bocadillo über Wasser halten musste, kaufe ich nun begeistert wieder mein übliches Arsenal an Früchten, Schokolade, Brot, Saft und einem Muscheldöschen ein.

Nachdem ich bis auf die morgendlichen See-Klapperer die erste aus Logroño war und den ganzen Tag in beschaulicher Ruhe gelaufen bin, überraschen mich hier plötzlich wahre Pilgerhorden vor und hinter mir. Vielleicht ist es die Nachhut der Pilger mit Start von Navarrete, jedenfalls sind es komischerweise recht hektische und panische Exemplare. Die Hälfte blättert im Führer, gibt die Bettenzahlen durch und scheint sich auch noch extrabreit zu machen, um niemanden vorbeizulassen. Ich gönne mir den Spaß, den Camino nicht erst Richtung Stadt über die Brücke zu gehen und dann links zur Herberge, sondern die Abkürzung quer durch zu nehmen.

Während ich im Schatten am Ufer des Flusses gemütlich mein Essen auspacke, bis die Herberge erst später öffnet, bleibt genügend Zeit zum Studium der unterschiedlichen Pilgermentalitäten. Während ein Teil sich nach einem kurzen Blick auf die wartende Pilgerschar in aller Ruhe auf der Wiese niederläßt, gibt es Gruppen, die schon laut schreiend den Weg entlang kommen und hektisch ihren Rucksack ganz vorne in die Reihe einbugsieren. Ich erkenne viele Gesichter von der gestrigen Großherberge wieder und bin eine Mischung aus wehmütig und (wahrscheinlich überheblich) mitleidig.

Als endlich geöffnet wird, beginnt auch wirklich wieder das reinste Hauen und Stechen, dabei hat es fast 100 Betten und somit wirklich Platz für alle. Ein einsamer Pilger in vorderer Position versucht uns zu unseren Rucksäcken durchzuwinken, was wütende Diskussionen auslöst. Die meisten der frühen im-Schatten-Warter tragen es mit Gelassenheit, mich macht es höchstens wütend, dass ich beim Versuch, meinen Rucksack vom Eingang wegzubekommen, fast verdrückt werde. Ich reihe mich resigniert ohne wütende Diskussion hinten an, bereue es aber schon fast angesichts des wahrhaft beeindruckenden Hospitalera-Teams. Zwei Brasilianerinnen um die 60 Jahre legen ihr ganzes Herzblut in einen herzlichen Empfang. Während die eine liebevoll die Begrüßungs-Anamnese macht, zirkuliert die andere mit Melonenstücken und Tee durch die in der Hitze wartende Pilgerschlange. So süß und lieb das auch ist, im Moment hat jeder schweißübertrömt andere Sorgen und möchte nur endlich einchecken. Nach gut 1 1/2 Stunden bin ich endlich so weit, dass ich in den Schatten der Herberge komme und schon mal auf einer Bank sitzen darf. Bei aller Liebe sind nach ein paar Minuten alle fast am Ausrasten vom fröhlichen Gesäusel der Empfangshospitalera, die immer nochmal zu einem 5-minütigen Anekdötchen ausholt, oder nochmal ganz ein Päuschen macht, um zu überprüfen, ob es noch Tee und Melonen braucht. Nach über 2 Stunden darf ich endlich in den Schlafsaal, und zum ersten Mal hat es nur noch ein oberes Stockbett. Mir ist aber alles völlig egal, ich will nur noch duschen.

Nach etwas Entspannung und Erholung (auch nach 3 Stunden plappert es noch wohlig am Empfang) genieße ich den unverbauten Ausblick aus meinem Bett. Ich kenne so gut wie niemanden, nur der weise Holländer von gestern hängt auch ziemlich halblebig auf seinem Bett.

Ich hatte mich sehr auf Nájera gefreut und auf einen weiteren Gottesdienst in der kleinen Kirche mit den so beeindruckend singenden Nonnen, aber wie ich schon aus meinem Führer erahnt habe, sonntags sind die Messen am Morgen. Schade.

Ich setze mich ein bisschen in den kleinen Aufenthaltsraum, versuche ein Telefonat nach Hause (welches nicht klappt) und schreibe statt dessen eine Email. Ich fühle mich eine Mischung aus einsam, unzufrieden und rastlos. Ich merke, wie ich mich passiv zurückziehe. Ich sehe viele Pilger ebenso einsam und rastlos ziellos umherlaufen, ich spüre bei vielen Sorgen und den Wunsch nach einem Anker oder Ansatzpunkt in dieser hektischen, summenden, etwas anonymen Pilgerschar. Ich spüre, dass ich zu diesem Anker verhelfen könnte, aber heute ist diese Regung zu schwach, um sich den Weg nach außen zu bahnen. Ich bin zu zaghaft, zu unsicher, selber zu jämmerlich.

Ich bin nicht wirklich zufrieden mit mir, ich habe den Satz aus Zubiri im Kopf „what would you do if you knew you couldn’t fail“. Eigentlich weiß ich, dass nichts schiefgehen könnte, und trotzdem tue ich nichts. Ich gehe früh ins Bett, bete und schlafe erstaunlich gut.

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