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Posts Tagged ‘El Real de la Jara’

Irgendwann mitten in der Nacht weckt mich meine Blase. Ich will mich gerade auf den Weg zur Toilette machen, als ich aus dem Hauptzimmer nebenan Geräusche höre. Soweit ich das mit nächtlicher Verpeiltheit und ohne Brille einschätzen kann, schleicht dort jemand mit der Taschenlampe umher. Für einen Toilettengang schleicht er deutlich zu lange, und einen Frühaufsteher würde ich auch ausschließen. Ich kenne die Pilger hier, der einzige eventuelle Frühaufsteher ist Lieke, und die liegt noch im Bett neben mir. Es zieht auch ziemlich kalt, d.h. die Herbergstür ist offen. Soweit es mein verschlafener Zustand ermöglicht, bin ich hochalarmiert und wittere einen Einbrecher. Ich krame nach meiner Stirnlampe und werfe sicherheitshalber einen Blick auf die Uhr – und kriege einen kompletten Schreck. Es ist bereits kurz vor 8 !!!

In Anbetracht dieser Tatsache ist die Geräuschkulisse dann doch eher erklärbar. Ich traue mich aus dem Zimmer- im Flur bepackt die kleine Bayerin ihr Fahrrad, etwas verschüchtert, wann wir denn immer so aufstehen würden. Sie kennt das morgendliche Geraschel vom Camino Frances und hat wie ich ein schlechtes Gewissen, den friedlichen Rentnerschlaf hier zu stören.

Ich mache mich schnell auf den Weg. Ich komme an einer geöffneten Panaderia vorbei und bin in freudiger Erwartung eines leckeren, ofenfrischen Schokocroissants. Der zur frühen Morgenstunde moderat heitere Bäcker zerstört meine Träume, nix Schoko, nix Süß. Und das Brot, das ich dann kaufe, ist auch wieder typisch für hier. Weiß und trocken. Ein klein wenig geknickt und frustriert bin ich dann doch. Nichts erhellt einen Morgen für mich mehr als ein leckeres süßes Stückchen oder ein ofenfrisches, luftig knackiges Ciabattabrot. Dass es hier extra eine Bäckerei gibt und der Mann nichts anderes fertigbringt als trockene, weiße Brote mit einer Kruste, mit der man Fenster einschlagen könnte…

Die fröhliche Radpilgerin kommt an mir vorbeigestrampelt. Schade, ich werde sie nicht mehr wiedersehen. Ihr trockener Humor und ihre unverwüstliche Art waren erfrischend.

Dafür komme ich schon nach ein paar Minuten an die Grenze von Andalusien und der Extremadura – und zu einem persönlichen landschaftlichen Highlight. Hinter einem zu überquerenden Flüsschen erhebt sich eine malerische Burgruine, das Castillo de las Torres. Davor weiden friedlich Schafe inmitten von Rapsfeldern.

Die Sonne ist mir heute nicht besonders hold. Hinter dicken Wolken kommt sie zwar für ein paar Momente hervor, aber nicht dort, wo ich sie gern hätte bzw. dann, wenn ich meinen Foto parat habe. Wie so oft ist es also wieder ein beeindruckender Moment, den es im Herzen zu behalten gilt und der sich nicht auf Fotopapier bannen lassen will.

Genauso auch der weitere Weg. Die morgendliche Sonne im Kampf mit den zunehmenden Wolken schafft beeindruckende Farbspiele. Ich könnte endlos Bilder in den Himmel und auf die Blütenpracht auf den Feldern am Weg machen. Durch die Linse sieht es aber gleich halb so lebendig und kraftvoll aus.

Ich bin ganz berauscht von dem trotz verhangenen Himmel schönen Weg. Ich bin definitiv ein Fan von den Viehweiden. Diese ruhig grasenden Kühe mit den imposanten Hörnern, die gedrungenen Eichen und die moosbewachsenen Steinmäuerchen, alles strahlt so eine Ruhe und Beständigkeit aus. Ich komme kaum umhin, mich nicht geerdet zu fühlen. Zugleich fühlen sich die täglichen Sorgen und Gedanken sehr vergänglich an. Heute laufe ich hier durch, und in einigen Monaten und Jahren und Jahrzehnten und Jahrhunderten läuft wahrscheinlich irgendein anderer Pilger mit ganz anderen Problemen hier durch ganz genau das gleiche Setting. Ich muss an den Satz „Es wird immer wieder Morgen“ denken. Irgendwie beruhigend.

Viel zu schnell wird die Landschaft plötzlich weiter. Die Viehherden werden größer, die Weiden baumloser, und die schönen Steinmäuerchen ersetzt ein klassischer Elektrozaun. Ich bin wehmütig.

Während zur meiner Rechten eine riesige Kuhherde mit vielen Kälbern gerade geschlossen in meine Gegenrichtung marschiert, gucken mich zur Linken etwa 30 Kühe wütend an und beginnen ein furchterregendes Gemuhe. Bei näherer Betrachtung sind das alles Stiere, und ich bin recht froh, dass sie sich nicht weiter für mich interessieren. Dieser kleine Elektrozaun überzeugt mich in dem Moment nicht so wirklich.

Hinter mir in der Ferne taucht der Turbanpilger auf; statt Weiden leistet dem Weg jetzt eine mehrspurige Nationalstraße Gesellschaft. Die Pfeile sind schwer zu finden, und ich fühle mich ganz prima, mitten auf Verkehrsinseln oder auf Randstreifen. Die Lastwagenfahrer gucken mich verständnislos an – entweder, dass ich überhaupt wandere oder ob mir nicht dämmert, dass ich mich verlaufen habe. In Sichtweite hinter mir macht der Turban auch keine viel bessere Figur.

Umso erleichterter bin ich, als es endlich wieder gelbe Pfeile hat und auch wieder einen kleinen Pfad durch den Wald. Mit seinen Eucalyptusbäumen erinnert er an Galicien, allerdings stört die vielbefahrene Autobahn doch recht merklich die Idylle. Es beginnt wieder ziemlich zu regnen, aber heute ist mir nicht nach Unterstellen. Monesterio müsste in greifbarer Nähe sein.

Auf Höhe einer Siedlung kommt ein Hund in meine Richtung getrabt. Mit recht viel Respekt und Furcht ausgestattet, pflege ich wie üblich mein vor allem für mich selber beruhigendes „ja, bist ein guter Hund, gehst schön an mir vorbei, ja, ganz prima, wir stören uns gar nicht“ zu sagen und möchte schon erleichtert aufatmen, als er mir plötzlich von der anderen Seite seinen Kopf entgegenstreckt. Wirklich aggressiv und furchterregend wirkt er nicht, eher sehr erwartungsvoll. Und er läuft mir voll vor die Füße. So umlaufe ich ihn einfach – damit er ein paar Sekunden später schon wieder fröhlich von der Seite angeschielt kommt. Ich scheitere wohl sehr kläglich in Sachen „bestimmtes Auftreten“, als ich ihm jedes Mal versichere, dass ich nichts für ihn habe und doch auch weiterlaufen muss. Ich bin schon nah am Verzweifeln, als er mehrere hundert Meter nicht von meiner Seite weicht, ich immer wieder stehenbleiben und hinter ihm vorbeilaufen muss, nur damit er mich wieder fröhlich umrundet und interessiert anlächelt. Als er dann irgendwann etwas geknickt stehenbleibt und davontrottet, habe ich fast ein schlechtes Gewissen.

Wegen des Regens laufe ich weitgehend mit gesenktem Kopf. So habe ich genügend Zeit, die Fußspuren im Boden vor mir zu studieren. Seit heute auch durchsetzt von Hufabdrücken. Ich erinnere mich an einen Blog, den ich vor meiner Abreise noch gelesen habe. Ein Deutscher mit Esel soll unterwegs sein, und nachdem der recht langsam sein soll, habe ich mich schon gefreut, ihn wahrscheinlich irgendwann zu treffen.

Und wie es er Zufall so will, plötzlich fällt mein Blick auf eine kleine Senke neben dem Weg, wo ein Mann mit großem, roten Regenponcho steht – und mit ihm ein schwarzer Esel. Er grüßt, und ich lasse mich zu einem kleinen halsbrecherischen Abstieg den Hang hinunter hinreißen. Es ist wirklich der Mann mit Esel aus dem Blog, allerdings ist er im Moment wenig glücklich. Der Esel scheint nicht nur störrisch, wie es sich gehört, sondern ist auch noch etwas neurotisch und im Moment krank. Er hat durch das Gepäck einen Rundrücken, läuft jetzt nur noch mit Alibigepäck („dass sich die Spanier nicht totlachen, dass da einer mit leerem Esel rumläuft“), und das Herrchen ist verzweifelt, weil alles so furchtbar umständlich ist und lange dauert. Durch Wasser läuft das gute Tier nie, und Angst macht ihm alles, vom flatternden Regencape über Straßen bis hin zu anderen Tieren. Frauenstimmen und Städte scheinen ihn allerdings in seinem Ehrgeiz zu wecken, da würde er laufen wie eine Eins. So machen wir uns dann auf die letzten Meter nach Monesterio – und zumindest für die kurze Zeit und ohne zu überquerende Bäche bin ich hin und weg von dem guten Tier. Eberhard erzählt mir, dass für heute ein Hotel reserviert ist sowie ein Ruhetag geplant ist. Normalerweise würden sie sich einen schönen Platz irgendwo in einem Industriegebiet zum Zelten aussuchen. Da werde ich jetzt zur Abwechslung mal ganz neurotisch. Ob ihm das denn keine Angst macht? Er lacht herzlich. Irgendjemand würde ja wohl schon auf ihn aufpassen. Ich gucke wohl etwas fragend. Er meint, ihn hätte schon so oft jemand beschützt. Sympathisch.

In Monesterio trennen sich unsere Wege. Ich muss erkennen, dass es hier wirklich keine Pilgerherberge gibt. Normalerweise laufe ich begeistert mit meinem alten Führer, denke bei jeder Widrigkeit „ach, das werden die in den letzten Jahren sicher irgendwie gelöst haben“- und habe auch immer wunderbar recht damit. Heute eben leider nicht. Ich muss in eine Pension, die mit 12 Euro zwar auch nicht wirklich teuer ist, mir aber einfach vom Pilgergefühl nicht so ganz passt.

Die Pension soll am Ortsausgang liegen, sodass ich kurz vor 14.00 noch schnell einen wunderschönen Supermarkt leerkaufe. Heute ist mir irgendwie nach Verwöhnen und Ausprobieren, ich kaufe Erdbeeren, einen Mischsalat, meine erste Kas-Limonade seit Jahren und eine „cerveza sin“, alkoholfreies Bier. Meinen Versuch, etwas Typisches und Frisches an der Fleisch- und Käsetheke zu erstehen, begrabe ich vorzeitig. Wie so häufig in den Geschäften hier genießen Pilger nicht das allerbeste Ansehen. Die Verkäuferinnen schauen einfach mehr oder weniger durch mich hindurch und wischen erstmal in aller Seelenruhe fertig oder lassen sich in ihrem Gespräch mit der Kollegin nicht unterbrechen. Kommt eine Spanierin, stehen sie sofort parat. Ein paarmal mache ich dieses Spiel mit, kaufe dann aber frustriert und ein wenig niedergeschlagen einen eingefolten Käse.

Die Herberge finde ich problemlos, allerdings ist die Tür verschlossen und wird geziert von einem Schild mit einer Telefonnummer. Mein Camino-Alptraum. Schon im Vorfeld hat mich die Vorstellung am meisten beunruhigt, für die Herberge irgendwelche Nummern zu wählen und auf Spanisch in ein Telefon irgendwas sagen zu müssen. Ich komme mit meinem Spanisch prima klar, aber vor allem in Kombination mit meinem hilflosen Gesicht und meiner ausladenden Gestik. Bisher hatte ich Glück, immer gab es den Schlüssel bei Menschen aus Fleisch und Blut abzuholen.

Ich sitze recht verzweifelt. Da muss ich jetzt wohl durch, wenn ich nicht den ganzen Nachmittag hier sitzen möchte. Zumal es wieder wunderbar nieselt. Da taucht wie durch ein Wunder Jorge aus der Bar nebenan auf – und zum ersten Mal freue ich mich aus tiefstem Herzen, ihn zu sehen. Er hört sich ja unheimlich gern reden, insofern freut er sich auch richtiggehend in Anbetracht des bevorstehenden Telefonates. Ein kleines Mädchen kommt angerannt und erklärt atemlos und etwas wirr etwas. Er soll nicht anrufen, ihr Papa ist der Inhaber, er ist auf der Straßenseite gegenüber und hat uns schon gesehen. Prima.

Weniger froh bin ich, als wir in der Bar der Herberge bezahlen und unsere Personalien eingetragen werden. Jorge quasselt in einem Fort, ich verstehe unter anderem nur, dass er das junge Fräulein an seiner Seite als seine Freundin vorstellt, die aber leider kein Wort Spanisch versteht. Ich sehe mich in einem Doppelzimmer mit Jorge landen und überlege panisch, wie ich da jetzt wieder herauskomme. Erlöst werde ich von einem Schatten, den ich durch das Milchglas wahrnehme, der stockt und zurück zum Eingang kommt. Im nächsten Moment ist die neongelbe Rucksackhülle von Lieke ebenfalls in der Bar, und ich bin ganz unendlich froh. Der Spanier scheint zu verstehen, dass ich auch sehr gern ein Zimmer mit Lieke teilen würde. Er fragt, ob ein Zimmer mit Grand Lit gehen würde. Das suggeriert, dass es auch ein Doppelzimmer mit Einzelbetten geben würde, was er uns dann zähneknirschend überlässt.

Ich bin soweit überglücklich, auch weil das Zimmer sehr sauber, hell und einladend ist. Wir haben ein eigenes Bad, und die Betten sind mit einem blütenweißen, seidenen Überwurf bedeckt. Genau richtig für uns nasse, matsch- und lehmverzierte Pilger. Nach wenigen Minuten dämmert mir, dass Pensionen wirklich nichts für mich sind. Ich fühle mich irgendwie beklommen, hin- und hergerissen zwischen „muss ich was sagen?“, „rede ich zu viel?“, „will Lieke ihre Ruhe?“, „dusche ich zu lang?“, „bin ich höflich genug?“… ich versuche einen Abstecher nach draußen zum Essen, aber es regnet und ist wirklich kalt. Zudem haben wir nur einen Schlüssel, und durch die Haupttür kommt man sogar auch nur mit Schlüssel hinaus. Brandtechnisch begeisternd.

So schreibe ich mein Tagebuch und mache ein eher frustriertes Verlegenheitsschläfchen. Gegen Abend bin ich froh, wegen Kirche und Internet, zum ersten Mal seit einer Woche, aus der Enge des Zimmers flüchten zu können. In der Officina de Turismo frage ich nach dem Centro Social, indem es gratis Internet geben soll. Der Herr am Schalter lacht herzlich. Es wäre nicht im Centro Social, sondern in irgendwas furchtbar langem definitiv anderem. Aber offensichtlich kommen hier am Tag 20 Pilger vorbei und fragen hilfesuchend aus dem gleichen Grund nach dem Centro Social.

Monesterio hat sogar einen eigenen Stadtplan, indem er mir liebevoll die nächste Straße markiert. Dort trapse ich begeistert bei vier Damen in ein Büro. Die haben zwar kein Internet für mich, liefern mich aber (dank meines verzweifelten Gesichtsausdrucks) persönlich in der Bibliothek ab. Dort wird mir liebevoll ein Rechner zugewiesen und ein Passwort zugereicht. Sehr liebevolle Betreuung. Ich schreibe zwei Mails nach Hause, bin dann aber auch wieder sehr froh, das Internet für die nächste Zeit auf Eis legen zu können. Die wenigen Mails in meinem Posteingang haben mich schon wieder furchtbar in Planungen und Überlegungen und Sorgen gestürzt. Ich bin doch hier auf dem Camino und habe ein Recht auf meine gedankliche Entspannung.

Die Bibliothekarin erklärt gerade ein paar Spaniern liebevoll, wie ein Kreuzworträtsel zu machen ist und wie ein Bild auszumalen ist. Eine schöne Atmosphäre. Ich bedanke mich für die Internetnutzung, sie strahlt überschwänglich und freudig. Da könnten sich die Damen an der Frischetheke mal ein Scheibchen abschneiden.

Ich gehe zur Herberge zurück, wo ich glücklicherweise gerade die Schwäbin mit Begleiter treffe, die mir die Tür aufschließen können. Ich mache mit Lieke Picknick auf dem Bett, wir krümeln ordentlich die schönen Handtücher voll. Sie ist wirklich nett, trotzdem sehne ich mich nach besserem Wetter, um irgendwann mehr draußen sein zu können, sowie nach einer richtigen Herberge, wo man unbeobachtet in der Masse untergehen kann.

Um 20.00 mache ich nochmal einen Versuch durch den Regen zu einem Gottesdienst. Ich bin nicht sehr überrascht, dass die Kirche wieder abgeschlossen ist. Frustriert vom Regen und den verschlossenen Kirchen mache ich mich im Anschluss auf ins Bett. Zum ersten Mal ohne Jorge im gleichen Zimmer, zum ersten Mal ohne Ohrstöpsel.

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Nach der gestrigen doch etwas längeren Etappe bin ich heute ganz froh über die geplante Minietappe mit 15 km. Meine Hüften fühlen sich ziemlich steif und eingerostet an, und einen Totalschaden will ich auf keinen Fall riskieren.

Die lauten englischen Radpilger rascheln morgens vor 7 in voller Lautstärke, ich habe es geahnt. Ich schäle mich gekonnt aus meiner Schlafnische, räume alles in meinen Schlafsack und verlagere mich in den Frühstücksraum. Meine Wäsche ist zum Glück weitgehend getrocknet. Heute ist das Pilgerkollektiv irgendwie unruhiger als sonst, Pilger um Pilger kommt in den Raum und packt wohl so sorgsam wie noch nie alles schön bei Licht und mit Platz in seinen Rucksack. Als ich kurz nach 7 gehe, ist im Schlafsaal schon die Deckenbeleutung an.

Vorbei an einer kleinen Stierkampfarena geht es in ländliche Gefilde. Mein Führer kündigt etwas von einer Umleitung wegen einer privaten Finca an, ich bin also gespannt. Zuerst fängt es aber erst einmal zu nieseln an, während ich im vernebelten Morgengrauen an Weiden und durch die typischen Eichenwälder wandele. Nach einer Weile führt das idyllische Wegchen auf eine asphaltierte Straße, auf der ich einen Spanier aus der Herberge treffe, der nach eigenen Aussagen so 50-60km am Tag läuft. Er trägt einen sehr lustigen Regenschirm, der irgendwie nicht zu seiner sonstigen hartgesottenen Art passt.

Auf Höhe einer Farm mit vielen Schafen setzt plötzlich so starker Regen ein, dass ich mich kurzfristig lieber unterstelle. Die dicke Eiche bedeckt zwar gut meinen Kopf, aber an den Schultern läuft dann doch alles an mir herunter. Statt einem kurzen Schauer wie so oft regnet es gut eine Viertelstunde wie aus Kübeln. Die Schafe stehen wie festgeklebt regungslos auf ihrer Weide, und ich tue es ihnen unter meiner Eiche nach, während um mich herum ziemliche Bäche vorbeiziehen.

Irgendwann laufe ich dann doch weiter, nachdem mir das Wasser überall hineinläuft. Eine Regenhose hätte ich zwar in den Tiefen meines Rucksacks gehabt, aber so nass wie ich nun bin, macht das auch keinen Sinn mehr. Das Wasser von der Rucksackhülle scheint mir gekonnt hinten in die Hose hineingelaufen zu sein, und auch meine Schuhe sind nass. Juhu.

Bei dem Nieselregen bleibt ein wenig die Schönheit der Strecke und der interessanten Viehherden verborgen. Ich laufe mal wieder möglichst schnell und mit gesenktem Kopf an Schaf- und Ziegenherden vorbei- und an den beeindruckenden schwarzen Schweinen.

Auf einer leichten Anhöhe bietet sich ein beeindruckender Blick in die Weite und auf die unterschiedlichen Wetterfronten. Ganz in der Ferne ein Hauch von blauem Himmel, ansonsten aber viel Regen und dunkelstes Gewitter. Nichts wie weiter.

Ich bin froh über meinen Multifunktionsschlauch, den ich nun als Stirnband verwende. Es regnet und stürmt, und spätestens auf nasse Fransen im Gesicht kann ich gerade wirklich verzichten, wenn sonst schon alles nass und triefig ist.

Es geht wieder etwas bergab, und mit einem Mal entspannt sich auch das Wetter. Der Weg führt eine breite Straße entlang, kein Wind mehr, und auch der Regen hat aufgehört. Der Himmel ist immer noch reichlich bewölkt. Zum ersten Mal heute kann ich meinen Rucksack abnehmen und mir drei Brownies vom Vortag genehmigen, die mit etwas Regen ganz hervorragend schmecken.

Ich muss an die Messe am ersten Abend in Sevilla denken und an die beeindruckende Gläubigkeit der jungen Lateinamerikaner. Mir kommt das Bild in den Sinn, wie einer sehr selbstverständlich beim Vater Unser die Arme weit ausgebreitet hat. Danach ist mir jetzt auch. Nach wenigen Sekunden beleuchtet mich ein heller Sonnenstrahl. Ich drehe mich ungläubig um und denke „Gott, jetzt nicht echt, oder?!“, aber da schiebt sich schon wieder die Wolkendecke zusammen. Seltsam.

Gegen Mittag erreiche ich eine Ortschaft, mein heutiges Etappenziel. Am ersten Haus entleert eine Frau enthusiastisch einen Putzeimer quer über die Straße; ich habe Glück, zu meiner Nässe nicht auch noch putzmitteliges Zitronenaroma abgekriegt zu haben. Beim näheren Hinsehen ist das auch gleich die Herberge. Zuerst muss ich aber in die Touristeninformation zum Bezahlen und Schlüsselholen. Und die ist „todo recto, todo recto“, man könnte meinen, mehrere Kilometer weit entfernt. Wie schön.

Auf dem Rückweg von dort kaufe ich gleich noch ein wenig Proviant ein. Mittlerweile ist der spanische Putzteufel verschwunden und ich schließe zum ersten Mal mit eigenem Schlüssel eine Herberge auf. Ein komisches Gefühl. Das kleine Gewölbe am Eingang beherbergt einen grossen Tisch. Zur Linken geht es in mein Zimmer mit zwei Stockbetten und reichlich verzierten Überwurfdecken. Ich erkunde die rechte Seite, immer mit eingezogenem Kopf, denn die Türrahmen sind nicht für meine Größe ausgelegt. Zwei schnuckelige Bäder, ein Kamin sowie zwei weitere, noch abgeschlossene Zimmer. Eine spannende Herberge, eine Mischung aus Hexenhäuschen und altenglischem Charme.

Ich gönne meinem ziemlich feucht ausgekühltem Körper eine sehr heiße Dusche und wische anschließend pflichtbewusst mit dem Wischmop hinterher. Eine Duschkabine oder ein Duschvorhang haben schon ihre Vorteile.

Ich suche einen trockenen Platz für meine Wäsche, als draußen neongelb rucksackbehüllt Lieke vorbeitrabt. Ich rufe und erkläre ihr den Weg zur Officina de Turismo. Auch Jorge trifft hoch erfreut ein, kurz darauf die beiden Iren. Im Minutentakt kommt auch noch die Schwäbin und ihr Begleiter. Alle lassen ihre nassen Rucksäcke schon mal in dem kleinen Eingangsgewölbe.

Ich widme mich meinem schönen Mittagessen mit Partyspießchen und Aprikosenjoghurt zum Nachtisch. Ein ungewohnter Luxus und eine willkommene Abwechslung zu dem sonstigen Weißbrot mit Chorizo.

Gegen Nachmittag kommt fast ein bisschen die Sonne heraus. Prompt schleppen wir schnell die Stühle auf die Terrasse und breiten die Wäsche auf dem Geländer aus. Nachdem es alle halbe Stunde wieder zu einem kleinen Wolkenbruch ansetzt, kommt so zumindest keine Langeweile auf.

Eine kleine Radpilgerin aus Bayern trifft ein. Sie fährt auf einem gemütlichen Damenrad, ein lustiger Kontrast zu den sonstigen Radpilgern. Meist sind es junge, durchtrainierte spanische Männer auf Rennrädern mit entsprechenden Radlertrikots. Sie sieht einfach aus, als würde sie mit dem Rad zum Einkaufen fahren. Und als hätte sie ein Wolkenbruch erwischt.

Der Ire Sean überrascht mich, indem er sich plötzlich in Bügelfaltenhose, weißer Anzugjacke und schwarzen Lackschuhen auf den Weg zu seinem nachmittäglichen Bier macht. Es passt hervorragend zu seinem auch sonst sehr stilvollen Habitus, aber herrje, was trägt er nur alles. Nachdem ich meinen Rucksack auch wenig pfleglich behandele, ihn gern mal in irgendwelchem Matsch abstelle oder mich draufsetze oder -lege, würde so illustres Bekleidungsmaterial bei mir wohl auch nicht sehr lange überleben.

Nach einem kurzen Mittagsschlaf weiß ich, warum meine Hüften so weh tun. Es liegt nicht einmal an der Laufbelastung, sondern an den sehr weichen Matratzen. Seit dem Schläfchen tut mir nämlich sehr eindeutig die Seite weh, auf der ich gelegen habe. Beruhigend für meine weiteren Wanderpläne.

Wir verbringen einen entspannten Nachmittag auf der weitläufigen Terrasse mit Blick auf eine riesige Ziegenzucht und erleben sogar eine Geburt mit. Es bleibt viel Zeit zum Lesen und Schreiben und für Gespräche. Die Radfahrerin stöhnt über die rutschigen Wege und hat auch schon beachtliche Blessuren an den Beinen vorzuweisen. Lieke ist ziemlich geschafft von den heute zu durchquerenden Flüssen, bei einem hätte sie bis zu den Oberschenkeln im Wasser gestanden. Ich bin überrascht, ich habe keinen Fluss wahrgenommen, zumindest keinen, bei dem ich nass geworden bin. Vermutlich hatte ich durch meinen frühen Start das Glück, den Regen nur von oben mitzubekommen und nicht in Form der blitzartig angeschwollenen Bäche. Auch die angekündigte Umleitung wegen der Privatfinca habe ich nicht mitbekommen. Die Radpilgerin ist aktueller informiert; diese Problematik hat sich vor einigen Monaten wohl gelöst.

Der Pilger mit dem grünen Turban, von Jorge wenig respektvoll als “ el Taliban“ tituliert, schaut sich die Herberge an. Mir wird ganz anders, denn das Bett über mir ist noch frei. Er wirkt ein wenig irr, aber nett und freundlich, trägt aber sehr schmutzige, abgerissene Gewänder und riecht sehr gewöhnungsbedürftig. Nach etwa einer Stunde geht er plötzlich weiter. Als ich frage, ob er es sich anders überlegt hätte, meint er, er wäre Pilger ohne Geld und würde etwas weiter draußen sein Zelt aufschlagen.

Gegen Abend mache ich mich wieder einmal auf zu einer Messe, laut meinem Führer um 19.00. Wie schon so oft ist die Kirche abgeschlossen. Wieder erklärt mir eine freundliche Spanierin, dass sie vielleicht später aufmacht und ich einfach auf die campanas, die Glocken, hören soll. Das kenn ich ja schon. Ich laufe ein paarmal im Kreis, auf der Suche nach einem Supermarkt oder einem schönen Fotomotiv. Der Himmel ist ganz beeindruckend, voller gewaltiger Wolken und Abendsonne.

Ich treffe Patrick, der ebenfalls mit Foto bewaffnet unterwegs ist. Wir fachsimpeln ein wenig über Bilder, und er verspricht mir, mir einen Link zu seinen Picasa-Bildern zu schicken. Er lacht sich schlapp über das summende Geräusch, das mein noch nicht digitaler Foto von sich gibt. Er selber hat Hightech pur in Händen und macht beeindruckende Bilder. Wir laufen zusammen zum castillo, einer Burgfestung, hinauf. Es ist sehr lustig und erfrischend mit ihm. Eigentlich ist das das erste längere und ausgelassenere Gespräch, seit ich auf der Via unterwegs bin. Patrick ist zwar vermutlich auch fast doppelt so alt wie ich, glücklicherweise aber nicht mit der üblichen väterlichen Besorgnis ausgestattet, die ich hier so oft hervorrufe. Ich überreiche ihm ein Armbändel.

Zu seinem etwas speziellen Planungsverhalten mit den laminierten Plänen und Klebepunkten ist er auch ein interessanter Fotograf. Am liebsten geht er auf Einheimischenjagd in möglichst natürlichen Posen. Zu diesem Zweck stellt er einen Timer an seiner Kamera ein, hat diese um den Hals hängen und promeniert dann, interessiert in seinen Stadtplan schauend, an den Zielen seiner Begierde vorbei. Die gelungenen Bilder geben seinem ungewöhnlichen Vorgehen recht.

Gegen 20.00 probiere ich es ein letztes Mal mit der Messe, wieder ohne Erfolg. Dafür finde ich noch einen kleinen geöffneten Markt und tanke nochmal Joghurt und Schinken. Beim näheren Hinsehen ist der schon wochenlang über das Verfallsdatum hinaus. Ich darf ihn zwar umtauschen, die Verkäuferin legt mein Exemplar allerdings wieder ungerührt aus.

Es wird schon dunkel, als noch eine rastabezopfte junge Dänin vor der Herberge steht. Sie hat eine ziemliche Ruhe weg. Wir sind alle am Überlegen, wie sie jetzt noch ein Bett bekommen kann. Wir sind zu acht, beide Zimmer belegt, und für das dritte Zimmer bräuchte man wohl einen Schlüssel, den es aber nur in der mittlerweile geschlossenen Tourismusoffice gibt. Patrick probiert die Klinke – das Zimmer ist offen. Glück gehabt.

Während ich noch ein spätes Abendessen zu mir nehme, ereifert sich die Dänin mit Patrick über die Vorzüge verschiedener GPS-Systeme. Ich habe davon rein überhaupt keine Ahnung, finde es auch ausgesprochen überflüssig hier und bin recht froh, dass ich dann zeitnah in mein Zimmer verschwinden kann, wo Lieke schon seit langem schläft und Jorge ohrenbetäubend wie immer schnarcht.

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