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Posts Tagged ‘Güemes’

Wie bei so einer atmosphärenreichen Herberge und so liebevoll gestalteten Stockbetten nicht anders zu erwarten, schlafe ich exzellent. Die Luft ist am Morgen kühl und frisch, so, als hätten wir draußen geschlafen. In meinem Schlafsack plus einer Wolldecke hatte ich es aber durchweg warm.

Um 8 Uhr soll es Frühstück geben. Eigentlich bin ich um diese Zeit schon unterwegs, und Gruppenfrühstück ist auch nicht mein Ding. In Anbetracht dieser grandiosen Herberge mache ich aber eine Ausnahme.

Der große Holztisch ist schon liebevoll gedeckt. Es gibt sogar für jeden ein eingetütetes Pain au chocolat. Au chocolat, wie ich leidgeprüft feststelle. Ich leite es an die Koreanerin neben mir weiter. Auch der Kaffee sieht wieder unnötig lecker aus. Meinen nächsten Camino werde ich auf nach Ostern und auf nach die Fastenzeit legen. So schaufle ich eben bergeweise Baguette mit Marmelade in mich hinein. Ich habe keinerlei Vorräte mehr, im worst case muss es bis Santander reichen.

Zu der besonderen Atmosphäre, die ich gar nicht beschreiben kann, kommt noch der Sonnenaufgang, der durch die weit geöffnete Tür hereinstrahlt und die Frühstücksrunde in ein wärmendes Licht taucht. Paradiesisch.

Irgendwie belasse ich diese friedliche Atmosphäre am liebsten wieder so, bevor sie sich in morgendlichen Gesprächen zerredet, und mache mich zu meinem Rucksack auf, der schon gepackt vor der Tür des Haupthauses steht. Ich suche nur noch Padre Ernesto, der zwischenzeitlich beobachtend am Tisch präsent war.

Der Sonnenaufgang ist schlicht, aber bewegend. Das Pferd von gestern grast auch am Morgen ähnlich ruhig und bedächtig, zur Rechten vor dem Haus liegt der riesige Kalbshund friedlich vor seiner Hundehütte. Durch die Blumenbeete kommt dann auch wie auf Kommando Padre Ernesto gewandelt. Ich bedanke mich für den Aufenthalt und gebe ihm das Armbändel, das ich gestern gemacht habe, für den Piano-Spieler aus Salamanca. Für „buen suerte en la vida“. Ernesto schaut wie immer recht unbeweglich und nachdenklich unter seiner weißen Haarpracht hervor, starrt auf das Bändel und wiederholt abwesend „buen suerte en la vida“, sodass ich schon einen kleinen Moment panisch werde, was ich da jetzt wieder für eine spanische Wortkreation verbrochen haben könnte. Dann strahlt er plötzlich, wiederholt andächtig „una pulsera para buen suerte en la vida de la chica de Suiza de la montaña“ und wünscht mir auch viel Glück im Leben. Und er denkt, dass ich das haben werde. Er wedelt mich nochmal zurück in den großen Raum, wo am Eingang zwei Körbe mit Wegzehrung stehen. Mein Scannerblick detektiert treffsicher zweimal Schokoladengehalt. Der Padre lässt sich gleich nochmal zu einem Lächeln hinreißen, er findet diese Disziplin gut. Dafür bekomme ich dann noch einen Apfel und eine Orange, worüber ich im Moment wirklich sehr dankbar bin.

Ein Stück weit mit schwerem Herzen und gleichzeitig auch wie auf Wölkchen mache ich mich dann auf den Weg. Eine magische Herberge und dann noch ein Lächeln vom Padre- was könnte man mehr brauchen zum Glücklichsein.

Die magischen Wölkchen machen mich mal wieder derartig langsam, dass mich nach einer Weile auch die länger frühstückenden Pilger eingeholt haben. Nur die Deutsche mit Hund hat entschieden, sich in Anbetracht ihrer Beinschmerzen einen Tag Auszeit zu gönnen – wo könnte man das auch besser als in Güemes.

Ich finde es fast schon ein wenig befremdlich, in welch einem Pilgerpulk ich plötzlich unterwegs bin. Vor und hinter mir pilgert es, soweit das Auge reicht. Wir erreichen den ersten Ort, an dem wir nun einem „playa“-Pfeil folgen sollen, um ja nicht dem Camino zu folgen, sondern dem Ernesto-Spezial-Küstenweg. Der „playa“-Pfeil kommt vor dem Zentrum des Ortes. Eigentlich wollte ich hier ja einen Supermarkt aufsuchen, aber nach großem Umweg ist mir dann doch nicht. So folge ich den vielen Rucksäcken nach rechts Richtung gefühlte Küste.

Diese erreichen wir dann wirklich bald, und ich bin hin und weg. Laut Ernesto 70m über dem Meer geht es zwischen grünen Weiden und der Steilküste entlang, mit beeindruckenden Blicken auf das Meer. In riesigen Wellen schieben sich die Wassermassen kraftvoll und doch gleichzeitig irgendwie ruhig und mächtig an der Küste entlang. Das berührt mich so grundlegend, dass ich mich eine Weile ins Gras setze und das Ganze auf mich wirken lasse. Auch, um die Pilgerkolonne etwas Abstand gewinnen zu lassen. Diese wunderbare Stimmung möchte ich auf keinen Fall zerplappern.

Als ich gerade wieder auf den Weg zurückgehe, kommt mir ein kleiner Lieferwagen entgegen, der ein paar Häuser weiter hält, um Brot abzuliefern. Ich stelle mich etwas schüchtern dazu und erstehe ein tolles, ofenfrisches Ciabatta-Brot. Kein Vergleich zu den sonstigen brettharten Baguettebroten – und ein Segen für meinen leeren Rucksack und meine „ich-könnte-ja-verhungern“-Sorgen.

Der Weg könnte ewig so weiter gehen, und ich bin fast etwas traurig, als irgendwann Santander in Sicht kommt – mit einem beeindruckenden Strand und, noch beeindruckender, den Picos de Europa mit ihren schneebedeckten Gipfeln im Hintergrund.

Als wäre der Tag heute nicht schon eindrucksintensiv genug und kaum zu überbieten, überwältigt mich der anschließende Strand so richtig. Im Gegensatz zu Noja mit grauen Wolken scheint heute strahlende Sonne bei gleichzeitig wild krachenden Wellen. Während ich in Castro Urdiales begeistert drei Muscheln gefunden habe, ist der Strand hier absolut übersät mit Muscheln, ich kann nicht einmal einen Schritt machen, ohne nicht knirschend etwas von dieser Pracht zu zertreten.


Ich treffe die Koreanerin, die begeistert barfuß durch die Wellen stapft. Ich lasse brav wie immer meine Stiefel an. Sonst gibt es ja hinterher am aufgeweichten Fuß leichter Blasen, ich könnte in eine Qualle oder eine Glasscherbe treten, und in Anbetracht meiner komplizierten Kompressionsstrümpfe ist das auch zu viel Aufwand. Zum Glück ist der Strand endlos lang und lässt genug Zeit, es mir doch noch anders zu überlegen. Die heutige Etappe ist nur 15 km lang, genau richtig für einen derart meditativen Tag und derart eindrucksvolle Landschaft. So ziehe ich dann doch noch meine Schuhe aus und laufe begeistert durch die kalten Fluten. Ich knipse bestimmt hundert besonders schöne Wellen und mache begeistert Serien von Selbstauslöserfotos. Und den ein oder anderen spritzenden Sprint mit den Wellen an Land, wenn eine ungeplante Riesenwelle an Land rollt und meinen Rucksack mit aufbalanciertem Fotoapparat zu umspülen und umzuspülen droht. Ich vertrödele sicher zwei Stunden damit, mich an meinen Fußspuren im trockenen oder im feuchten Sand zu erfreuen, an den Wellen und Muscheln- und an der Tatsache, dass ich bis auf ein paar Surfer und ein paar Hunde völlig allein hier bin und das Gefühl habe, dass es sowas wie Zeit gar nicht gibt.

Es ist seit langem mal wieder ein Tag von „I can reach heaven from here“.

Irgendwann ziehe ich meine Stiefel wieder an – ähnlich schweren Herzens, wie ich heute morgen Güemes und später die Steilklippen verlassen habe. Die Skyline von Santander rückt immer näher, irgendwann am Ende des Strandes müsste die Fähranlegestelle kommen, mit der es dann direkt nach Santander geht.

In einiger Entfernung vor mir stolziert ein wackerer Schwimmer in die Fluten – hüllenlos, wie ein Blick auf den Hintern offenbart. Ich bin moderat begeistert bei der Aussicht, dass er sicher gerade in dem Moment wieder herausstolziert, wenn ich dran vorbeilaufe. Zum Glück springt er erstaunlich schnell auch wieder aus dem Wasser (bei den Temperaturen eigentlich kein Wunder) und verschwindet in den Dünen, bevor ich in unangenehmer Nähe wäre. Kaum komme ich auf dieser Höhe vorbei, ruft es dann leider prompt doch von links. Ich laufe mit Blick geradeaus stur weiter, ich werde da jetzt sicher nicht neugierig interessiert nach dem Rufer schauen. Es ruft und ruft, „hola“, „hey“, „pst“, „heh“, ich stoffele zielstrebig flugs geradeaus. Leider kommt das Rufen immer näher, und als der gute Mann schon fast direkt an meinem Ohr ist, entschließe ich mich dann doch lieber zu einer Konfrontation – allerdings mit Blick stur auf Höhe Brust aufwärts. Wider Erwarten erspähe ich aus den Augenwinkeln ein lila Handtuch in Hüfthöhe, was mich fürs erste halb beruhigt. Ob ich nach Santiago wolle, dann wäre ich ja auf dem falschen Weg, schon viel zu weit. Aber es gäbe eine Abkürzung, direkt durch die Dünen, ich soll mitkommen, er könnte sie mir zeigen. Ich bedanke mich höflich für den Hinweis, ziehe aber den Strand vor. Er diskutiert herum, dass das aber falsch wäre und viel zu weit, ich solle doch mitkommen. Irgendwann dämmert ihm dann wohl doch auch durch meine vordergründige Höflichkeit meine pampige Beharrlichkeit, sodass er fluchend allein in den Dünen verschwindet.

Nice try, sonst noch Wünsche. Kopfschüttelnd laufe ich weiter am Strand lang, zücke aber nach ein paar Minuten doch noch interessehalber zum ersten Mal am heutigen Tag meinen Führer. Heute laufe ich ja nicht auf dem offiziellen Camino und erwarte mir daher auch keine hilfreichen Erkenntnisse. Ich habe nur die Karte von Padre Ernesto im Kopf, wonach es sehr einfach und logisch den ganzen Tag möglichst nah am Meer entlang geht, bis man ebenso logisch irgendwann auf die Anlegestelle stoßen muss. Ein früherer Blick in den Führer hätte nicht schaden können; es stellt sich heraus, dass ich gar nicht so panisch den unausgeschilderten Geheimtipp von Padre Ernesto hätte gehen müssen – mein Führer beschreibt ohnehin ganz offiziell diese Variante. Während ich noch nach der Textpassage mit der Schiffsanlegestelle den Text durchforste, spricht mich eine freundliche ältere Dame an, ob ich nach Santiago wolle. Ich wäre da falsch und hätte bereits bei der Stadt zur Linken vor ein paar Minuten abbiegen sollen. Könnte nun aber noch quer durch die Dünen zum Schiffsanlegesteg.

Ich bedanke mich und starre nochmal in Ruhe meine Karte an. Der Wegverlauf ist sehr eindeutig, eben nicht endlos am Strand entlang. Wäre ich da wirklich einfach am Meer entlang gelaufen, hätte ich einen Riesenumweg gemacht. Ich bekomme ein akut schlechtes Gewissen dem Herrn Nacktbader gegenüber, während ich mich schuldbewusst verstohlen durch die Dünen schlage.

Am Bootssteg tuckert gerade eine Fähre davon, ich nutze also die verbleibende halbe Stunde für einen kleinen Abstecher in den Ort von Somo, vielleicht findet sich ja doch noch ein Supermarkt. Tut es nicht, dafür aber eine Bäckerei mit Konditorei-Anteil und wunderbar lecker aussehenden Schnittchen und Stückchen. Neben einer nahrhaften Puddingschnecke gönne ich mir zur Feier des heutigen Tages ein Cremetörtchen, welches ich mit einem winzigen Gäbelchen auf einem silbernen Papptablett liebevoll und luxuriös verpackt bekomme. Während ich auf dem Rückweg das Puddingteilchen vertilge, zelebriere ich mein Törtchen in aller Ruhe ordentlich entspannt im Schatten des Wartehäuschens. Meine Sorte sieht aus wie mit Heidelbeerglasur und soll Orujo enthalten (was auch immer das ist). Der Glamour wird höchstens dadurch etwas getrübt, dass Orujo zumindest in Cremeschnittchenform wie Terpentin schmeckt.

Nach zu schnell gegessener Schnecke und charismatischem Orujo- Nachgeschmack wird mir etwas flau in Anbetracht der Fährüberfahrt, nachdem mir eh schon immer bei jedem noch so kleinen Geschaukele abgrundtief schlecht wird. Aber ich habe Glück und überstehe die Überfahrt schadlos.

Irgendwie bin ich heute dann doch etwas platt und zerzaust, als ich in Santander wieder recht erfolglos versuche, auf dem Camino zu bleiben. Irgendwann schlage ich mich dann auf gut Glück zur Kathedrale durch, in deren Nähe die Herberge sein soll. Ich kann den Führer mal wieder drehen und wenden, wie ich will, so richtig schlauer werde ich nicht. Ich frage mich wieder überall durch, bin derweil den morgigen Camino schon eine Viertelstunde abgelaufen und kenne alle Sträßchen um die Kathedrale in- und auswendig, bis ich dann doch noch an einem unscheinbaren (und moderat anheimelnden) Häuserblock das Herbergsschild entdecke. Durch ein Treppenhaus lande ich an einer Tür mit „bitte kräftig Klopfen“, was ich auch minutenlang erfolglos probiere. Irgendwann wird doch noch die Tür aufgerissen – von einer Hospitalera, so charismatisch wie mein Orujo-Schnittchen. Sie schnattert überherzlich und völlig überdreht und konfus vor sich hin, willkommen, nimm doch erstmal Platz, nein, Dein Credencial, nein, sorry, fühl dich wie zu Hause, hoppla, dann doch lieber erst einchecken, nein, Deinen Rucksack hier, entspann Dich. Mir raucht der Kopf, wozu nicht zuletzt das Erscheinungsbild beiträgt. Wer jeden Nachmittag in blauen Gummischuhen in der gleichen Trekkinghose und dem gleichen schlabbrigen XXL-Billiganbieter-Fleecepulli herumschlurft, ist vielleicht nicht prädestiniert, modische Kritik anzubringen. Trotzdem: der Ganzkörpersack aus lila Samt, garniert mit maisfarben blondierten Haaren und silbernem Augenmakeup, ist in Kombination mit der sehr rundlichen Figur ein modischer Alptraum. Bei jeder Bewegung erwarte ich zudem intuitiv das Auftauchen einer Wahrsagerkugel.

Die Herberge ist eher düster und ziemlich vollgestellt mit Betten. Dass Esmeralda ständig hilfreich um mich herumspringt, schafft auch nicht gerade mehr Platz. Die Koreanerin ist auch schon da und verschwindet gerade zum Duschen im einzigen Damenbadezimmer. Ich beschließe spontan, die Wartezeit zu nutzen und zum ersten Mal auf diesem Camino das Internet zu nutzen. Ich frage Esmeralda, ob sie mir meine 2-Euro-Münze automatentauglich wechseln kann. Sofort wuselt und walzt sie begeistert zu ihrer Rezeption, um mir strahlend und hilfsbereit leider nur einen Euro anbieten zu können. Den zweiten kriege ich dann später. Ach, nein, nein, ich solle meine 2 Euro noch behalten und ihr nachher einfach noch einen bringen. Auch gut. Ungefähr zehnmal erklärt sie mir etwas agitiert das weitere Vorgehen in Sachen fehlender Euro, während ich warte, bis der Computer hochgefahren ist. Mittlerweile ist sie zufrieden dabei angekommen, dass ich ihr nachher also noch 3 Euro schulde. 3? Ja, weil meine 2 hätte sie mir ja schon zurückgegeben. Ich erkläre ihr, dass das ja auch meine waren, damit sie mir in Folge minutenlang gütig darlegt, warum es jetzt 3 sind. Es ist ja fast albern, hier ein Drama wegen 3 Euro zu machen, aber die Frau ist schon der Knüller. Sie will es mir immer weiter erklären, und wir schließen dann einvernehmlich damit, dass ich ihr jetzt nochmal meine 2 Euro gebe, damit ich dann später einen von ihr zurück bekomme. Hauptsache, sie ist weg. Das Internet funktioniert ewig nicht. Sie meint, es würde eben einfach langsam gehen. Der Computer hat irgendeinen anderen kapitalen Schaden, aber das diskutiere ich lieber gar nicht erst. Als irgendwann endlich das Internet aufgeht, stelle ich zu meiner Freude fest, dass 90% der Tasten nicht funktionieren – es sei denn, man parkt den Finger eine halbe Minute darauf. Das Eingeben meines Passwortes ist ein minutenlanger Hochgenuss sondergleichen. Nach einer halben Stunde bin ich zumindest beim Posteingang angekommen und stelle befriedigt fest, dass keine Stornierungsmail bezüglich meiner Busfahrt und meines Rückfluges vorliegt. Mehr verkraften meine Nerven heute wirklich nicht.

Während ich in der spärlichen Neonröhrenbeleuchtung mit meinem Waschtäschchen warte, kriege ich höchst unmeditative Zustände angesichts dieses Computers und des allgegenwärtigen Traums in lila Samt, der mittlerweile immerhin ohne weitere Diskussionen und Erklärungen einen Euro für mich abliefert. Die Koreanerin ist nach einer halben Ewigkeit endlich fertig mit Duschen, fängt nun aber („5 Minuten!“) noch an, ihre Wäsche im Waschbecken zu waschen. Ich drehe noch durch.

Nach dem Duschen hänge ich meine Wäsche etwas skeptisch aus dem Fenster in einen taubenbevölkerten Innenhof. Wenn hier etwas von der Leine fliegt, liegt es auf einem unerreichbaren Vordach. Ich mobilisiere alle meine Sicherheitsnadeln.

Die Herberge hat keine guten Schwingungen, daher ergreife ich die Flucht und gehe auf Supermarktsuche. An der Rezeption laufe ich Chrissie und Maike in die Arme. Ich kann mir ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen angesichts der Vorstellung, wie Chrissie diese liebevolle, chaotische Betüttelung wohl schätzen wird.

Es gäbe einen Carrefour, paradiesisch. Leider finde ich den nicht und renne wieder die gleiche Straße zehnmal auf und ab. Santander scheint mir nicht so recht zu liegen. Als ich den Laden dann doch gefunden habe, fällt mein erster Blick auf einen Mann, der sich begeistert alle möglichen Tütchen in die weite Jogginghose stopft und damit dann etwas sperrig zum Ausgang schlendert. Ich bin so beeindruckt baff, ob der das ernsthaft klauen will, dass ich keinen vernünftigen Gedanken zustande bringe.

Während ich begeistert meine Vorräte wieder auffülle und endlich auch wieder frische Artikel wie Salat, Erdbeeren und Zucchini erstehe, fällt mir mit schlechtem Gewissen ein, dass ich jetzt schon wieder nicht mit Maike und Chrissie koche und einfach irgendwie hoffnungslos unsozial bin. Aber noch zwei Stunden länger warten in der Herberge, bis die beiden sich in dem einen Badezimmer dann geduscht und ihre Wäsche gewaschen hätten, das hätte ich sicher auch nicht überstanden.

Zum vollkommenen Glück fehlen mir heute noch Postkarten. Endlich habe ich ja mal eine kurze Etappe, viel Zeit und beste infrastrukturelle Voraussetzungen. Leider finde ich nur einen Kiosk mit Postkarten, und die Auswahl ist indiskutabel. Irgendwas mit dem Camino brauche ich ja schon, wenigstens eine Strandansicht oder eine Kuhweide. Ich kann doch nicht irgendeine Kirchenansicht nach Hause schicken, die ich noch nie gesehen habe. Andererseits tun mir die Füße weh, ich schleppe wieder einmal viel, viel zu viel Einkauf, und meiner angespannten Grundstimmung tut das Entlangrennen an der Hauptstraße auch nicht gut. Ich habe schon 4 Karten in der Hand, ist doch wurst, ob das Motiv nun gut ist oder nicht. Im letzten Moment stecke ich sie dann doch zurück. Der eh schon dünne Karton ist vom Regen gewellt, auf den Vorderseiten hat es Abdrücke der Linien der vorigen Karten, das bringe ich einfach nicht übers Herz. Also doch weiter die Straße entlang. Ich frage Passanten, ugh, oh, anscheinend sind Postkarten ein Ding der Unmöglichkeit. Oder die vom Kiosk. Eine Frau guckt mich verständlicherweise etwas böse an, als ich entnervt frage, ob es denn hier gar keine schönen Postkarten gibt. Durch das Schaufenster eines Buchladens erspähe ich im Inneren einen Steller mit Postkarten. Das Personal guckt zwar etwas befremdet von seinen edlen Schreibgeräten auf, als ich zielstrebig durch den Laden stürme, aber die Karten sind der Hammer. So genial, dass ich gut eine halbe Stunde unentschlossen davor stehe (und die Damen und Herren vermutlich schon in misstrauische Panik versetze, dabei trage ich doch gar keine weite Jogginghose). Die Karten sind nur alle Oversize, sodass ich einen Herrn frage, ob das denn irgendwie kompliziertes Überporto kostet. Vermutlich ist er distinguiertere Fragen gewohnt und braucht erst einmal ein paar Sekunden, um sich zu sammeln. Nein, es wäre selbstverständlich kein Problem, und ich würde ja ohnehin Umschläge für die Karten bekommen. So trabe ich dann stolz wie Oskar mit vier Panoramakarten und gefütterten, vermutlich handgeschöpften Umschlägen aus dem wunderbaren Laden. Würde ich in Santander wohnen, würde ich vermutlich jede freie Minute dort verbringen. Nein, vermutlich würde ich bei Padre Ernesto abhängen oder Klavierspiel lauschen.

Wenn schon, denn schon, gönne ich mir zwecks Briefmarken auch gleich die Hauptpost. Ich bin nicht mehr so überzeugt von dieser Idee, als ich mir ein Nümmerchen ziehen muss und mit riesiger Einkaufstüte meine Errungenschaften so jongliere, dass die Erdbeeren nicht vermatschen, während um mich herum lauter Geschäftsmänner vermutlich nicht Briefmarken kaufen. Da blinkt schon meine Nummer, ich wedele etwas zweifelnd mit meinen Umschlägchen. Na klar gibt es hier Briefmarken, die Größe des Umschlags ist auch prima, und ich bekomme drei farbenfrohe Schmetterlingsmarken. Ich stammle begeistert, dass die ja toll wären. Die Frau am Schalter guckt etwas verwundert, klar wären die toll. Es wären ja schließlich auch mariposas, Schmetterlinge. Hm.

Ich bin eine Mischung aus begeistert und fertig, als ich endlich wieder in der Herberge bin. Ich habe gerade noch Zeit, drei Karten herunterzuschreiben, als auch schon die Messe ruft. Offensichtlich hatte ich etwas falsch im Kopf, ich komme gerade zum Ende der Messe in die Kathedrale. Aber eine halbe Stunde später gibt es nochmal eine in einer Nebenkapelle. Derweil werfe ich meine Briefe ein – auch eine dumme Idee an der Hauptpost, an der die ganze Front mit etwa zehn verschiedenen Briefkästen für die unterschiedlichen Bestimmungsorte verziert ist. Ich verpasse fast meine zweite Messe, bis ich endlich irgendetwas wie „Ausland“ finde.

Der Raum für die Messe ist beeindruckend, eine Etage unter der Kathedrale, überall umgeben von sehr altem, verzierten Stein. Auch ist sie verhältnismäßig gut besucht. Trotzdem kommt bei mir auch diesmal einfach rein überhaupt kein Gefühl auf. Ich bin einen Hauch von resigniert, obwohl es mich nicht weiter überrascht. Zwei Damen hinter mir strahlen mich überaus warm an, ich müsste doch die Tochter von sonstwem sein. Eher unwahrscheinlich, aber ich lächle warm zurück.

In der Herberge ist großer Trubel, es sind mindestens 30 Leute da, dazu noch eine große Gruppe Radpilger, die ihre Räder noch in den eh schon verwinkelt engen Schlafsaal mitgenommen haben. Ein älteres, deutsches Trio hat sich um mein Bett herum niedergelassen. Ich konnte den Ansturm noch nicht vorhersehen und habe unbedachterweise einige Sachen auf dem oberen Stockbett deponiert, welches jetzt ein ziemlich faltiger Drache bevölkert. Irgendwie verstehe ich natürlich, dass sie genervt meinen überall ausgebreiteten Krempel unters Bett gefeuert hat, so richtig zur herzerfrischenden Wohlfühlstimmung trägt es aber doch nicht bei.

Ich verdrücke mich in die kleine Küche, in der es wie wild kocht. Chrissie lernt seit ein paar Tagen sehr engagiert Spanisch von Maike, sitzt nun gerade mit ihrem kleinen Tagebuch da und schreibt säuberlich Deklination um Deklination herunter. Ich umschiffe vorsorglich heikle Themen, sodass wir uns nett unterhalten. Sie möchte anschließend noch Wäsche in der Maschine waschen. Diese ist allerdings noch belegt, und wie man das nun zeitlich koordiniert bekommt, versetzt die Hospitalera mal wieder in höchste Panik. Sie springt alle 2 Minuten in die Küche, um Chrissie zu unterrichten, wie das nun von statten geht, und es ist ähnlich schlüssig wie die drei-Euro-Theorie. Man könnte ja auch einfach die Wäsche wechseln, sobald die Maschine fertig ist, aber dann hätte ja eine besorgte Hospitalera gar nichts zu werkeln. Für die nächsten Wochen ist auch schon ein weiterer Hospitalero in den Startlöchern, ein Routinier, der seine schlauen Theorien auch jedem ungefragt aufdrängt. Morgen müsse man nach Santillana, unbedingt. Ich gehe morgen sicher nicht fast 40km, ganz unbedingt. Ich gucke wohl schon wieder ähnlich feindselig wie beim Dünenmann.

Als sich die Kochschar lichtet, brate ich mir schnell ein delikates Gemüse zusammen, welches mit meinem Klippen-Ciabatta sehr gut mundet. Die Erdbeeren hinterher sind fast schon zu viel. Ich will gerade meinen Käse für morgen in den Kühlschrank stellen, als mir mein Salatpäckchen ins Auge sticht. Das hab ich ja komplett vergessen. Also noch Salat direkt aus der Plastikfolie zum Abschluss.

Außer einem netten radelnden Québécois sitze ich noch mit Maike, Chrissie und Kathrin in der Küche, irgendwie ist es heute eine sehr nette, angenehme Truppe. Morgen wollen die meisten nach Santillana. Ich nur bis Polanco, diese Ruhe habe ich mir nun ja extra herausgearbeitet.

Als ich um 9 an meinem Bett bin, mache ich noch Bekanntschaft mit einem weiteren deutschen Exemplar. Halb vorwurfsvoll, halb jammerlappig moniert er, ob ich denn jetzt endlich mal das Licht (welches schon die ganze Zeit brennt) ausmachen könnte, er wolle ja schließlich schlafen. Ich schalte verzagt meine abgedunkelte Taschenlampe ein und ziehe meinen Waschbeutel unterm Bett hervor. Die impulsive Lady über mir reißt sich daraufhin theatralisch den Schafsack über die Ohren. Mamma mia. Da laufe ich morgen doch gern erst recht nur bis Polanco.

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Ich schlafe denkbar schlecht. In unserem Zimmer ist es viel zu warm und stickig, noch dazu sirrt mir eine Stechmücke ums Ohr. Ich ziehe kurzerhand die Bettdecke über den Kopf, was der Wärme, Stickigkeit und dem Weichspülerduft naheliegenderweise den Rest gibt.

Mein innerer Rhythmus lässt mich um 8 auf die Uhr leuchten. Wie üblich kriege ich einen Schreck. Ich sammle alles schnell zusammen und packe in einer Sofaecke vor der Küche. Der Rest meines Zimmers schläft noch tief und fest, kein Wunder bei den heruntergelassenen Rollos.

Unten auf der Straße ruft es plötzlich nach mir. Ich schaue zu unserem Zimmer hoch, aber Fehlanzeige. Ich laufe weiter, es ruft noch immer. Vermutlich hat mein Ohr eine schlechte räumliche Orientierung, ich brauche Ewigkeiten, um endlich am Ende der Straße zwei Pilger auszumachen, die mit ihren Stöcken wedeln. Es ist das schwäbische Pärchen, welches ich seit Gernika nicht mehr gesehen habe. Irgendwie ist es nett, sie wiederzusehen, und ich bin froh, mit jemandem über die Fährproblematik sprechen zu können. Sie sind überrascht, dass da nichts fahren soll. Ich mache wieder fröhliches Passantenkonsultieren, werde davon aber auch nicht richtig schlauer. Eine alte Frau meint „ja, ja“, da gäbe es eine Fähre, und ob die fährt, könnte ich doch am besten bei den Busfahrern erfragen. Ich stehe ziemlich direkt vor dem Busbahnhof, insofern eine gute Idee. Heike möchte erst noch einen Kaffee trinken gehen, sodass sich unsere Wege trennen.

Ein Bus nach Santoña lässt gerade den Motor an. Alles geht ein bisschen schnell. Am Einstieg steht unschlüssig ein bekanntes Gesicht, die kleine Pilgerin aus Orió. Ich frage gleichzeitig sie und den Busfahrer nach der Fähre. Sie möchte eh abkürzen, ob es nun eine Fähre hat oder nicht, ist ihr egal. Der Busfahrer guckt schon ungeduldig in den Rückspiegel, der nächste Bus fährt erst in einer Stunde. Ich kann überhaupt keinen klaren Gedanken fassen. Eigentlich wollte ich die Stunde am Strand von Laredo entlanglaufen, und falls es wirklich keine Fähre gibt, dann eben den Bus nehmen. Aber wie es aussieht, gibt es dort keine Haltestelle, ich müsste wieder die Stunde zurück zu diesem Busbahnhof oder ähnlich weit hinunter nach Colindres. So springe ich dann doch in letzter Minute an Bord, bin aber völlig zerrissen, als es mit dem schnellen Überlandbus die Straße entlang geht, an Caminomarkierungen vorbei. Für mich geht das einfach überhaupt nicht.

Kathrin sieht das viel entspannter. Sie ist bisher viel mit dem Bus unterwegs gewesen, ihr Camino endet übermorgen in Santander, und nachdem sie nicht gern läuft und manche Orte gerne sehen will, fährt sie halt immer wieder irgendeine Strecke. Dass ich seit Orió alles zu Fuß gelaufen bin (von den 15 km Metro hinter Bilbao abgesehen), versetzt sie in ungläubig bewunderndes Staunen. Generell ist sie mir heute um Welten sympathischer. Sie hat eine langsame, verträumte, etwas abwesende Art, die aber irgendwie gut passt.

Wir düsen eine halbe Stunde durch die Gegend, ich habe das Gefühl, dass ich hier den halben Camino verpasse. Ich tröste mich, dass wir eben einfach einen großen Bogen fahren müssen und ich wirklich nur den Strand von Laredo verpasse. Trotzdem finde ich erst einen gewissen Frieden, als ich im Führer von der Möglichkeit lese, direkt von Santoña den Monte Buciero zu umrunden. Mein Führer schreibt von spannenden Ausblicken auf die Küste und Waldpfaden durch dichte Steineichenwälder – und endlich einem Leuchtturm. Vor allem aber wäre ich mit diesen 6 km extra wieder quitt mit dem, was ich per Bus abgekürzt habe.

In Santoña steigen wir etwas orientierungslos aus dem Bus. Mit gelben Pfeilen passieren wir sonst mühelos selbst Großstädte wie Bilbao, aber ohne den Weg ist man selbst in kleinen Orten etwas aufgeschmissen. Für Kathrin frage ich in einer Bar nach der Richtung zum Camino (zum Glück, denn meine Intuition hätte genau in die Gegenrichtung geführt) und für mich nach dem Abzweig zum Monte Buciero. Der Barmann guckt mich finster an, nein, nein. Peligroso, gefährlich, schließlich hätte es doch geregnet, das könnte ich heute nicht gehen. Ich stehe etwa bedröppelt auf der Straße, irgendwie geht mir heute alles zu schnell. Der Mann hat sich aufgeführt, als wollte ich ein Lawinengebiet oder einen gerade ausbrechenden Vulkan durchqueren, eigentlich möchte ich doch nur einen ebenen Waldweg entlangtraben. Ich bin immer noch nicht ganz überzeugt, da kommt er nochmal extra aus der Bar heraus, um uns nochmal die Richtung zum Camino zu zeigen. Zu mir sagt er nochmal etwas freundlicher, dass ich wirklich besser da langgehe, er macht Zeichen, als ob nach einem Regenwetter da Äste und ganze Bäume vom Himmel fallen oder sich der ganze Berg steinschlagtechnisch abträgt. Na gut.

Ich bin durcheinander und auch noch nicht wirklich wieder in Pilgerstimmung. Es geht eine Straße mit wenig Pfeilen entlang, ich bin die ganze Zeit etwas unentschlossen und unsicher. Die kleine Kanadierin überholt mich mit einem verbissenen, kurz angebundenen „hola“ und ihrem typischen, schnellen Rascheln der aneinanderreibenden Regenhose.

In Berria führt der Weg parallel zum Strand entlang. Ich entschließe mich zu einem Abstecher ans Meer und lasse mich von den rauschenden Wellen wieder etwas erden.

Am Ende des Strandes geht es einen kleinen Hügel hoch – auf einem noch kleineren, lehmigen Weg. Zeitenweise muss ich mich ziemlich ducken bzw. sehr schmal machen, um mit meinem Rucksack zwischen den Felsen und Ästen vorbeizukommen.

Mit schöner Aussicht geht es zwischen gelbem Ginster, weidenden Ziegen und Blick aufs Meer in die Höhe, bis ich plötzlich auf dem lehmigen Untergrund ausrutsche. Ich kann mich im letzten Moment fangen, aber bin noch eine ganze Weile wie geschockt. Mit einem Mal überkommt mich eine Mischung aus Respekt und Angst, was diese Küstenwege angeht. Zwar trennen mich hier noch einige Meter, einige Ginsterbüsche (und einige Ziegen) vom Meer, trotzdem lässt mich der Gedanke, nochmal ausrutschen zu können, nicht los. Und ich bin dem Barmann sehr, sehr dankbar, mich von der geplantem Umrundung abgehalten zu haben.

Ich laufe sehr viel achtsamer mein lehmiges, glitschiges Weglein entlang und bin heilfroh, dass der Abstand zum Meer immer einige Meter bleibt. Nach ein paar Minuten ist der höchste Punkt schon erreicht – und gibt fast überraschend den Blick auf den langen Sandstrand von Noja frei. Trotz des verhangenen Wetters beeindruckend und gewaltig.

Auch hier gönne ich mir sicher wieder eine halbe Stunde nur am Übergang vom Strand zum Meer. Es windet wild, die Wellen rauschen, und außer ein paar Spaziergängern mit Hund in weiter Ferne bin ich komplett allein. Von zu Hause habe ich ein kleines Metalldöschen mitgenommen mit Asche von Dingen, die ich für andere und für mich hinter mir lassen will, deren Schicksal ich ein Stück weit in die Hände von Gott zurückgeben will. Ich hatte mir dafür eine Steilküste vorgestellt, habe aber nun hier in dieser Einsamkeit und mit diesem rauen Wind das Gefühl, dass es ein guter Ort ist. Die Asche ist eigenwillig, der Wind bläst sie statt aufs Meer auf den Sand, aber nachdem das Ganze hier eh ein einziger Kreislauf ist, kommt es darauf wohl auch nicht mehr an.

Der Strand von Noja erdet mich einmal mehr.

Der Ort Noja selbst dagegen ist verwirrend. Wie die meisten Sommerurlaubsorte wirkt er im Moment wie ausgestorben, es hat mehr „se vende“-Schilder als sonst etwas. Und auch wenig gelbe Pfeile. Anstatt wie sonst schlafwandlerisch zielstrebig unterwegs, stehe ich hier alle paar Meter dumm in der Landschaft. Ich konsultiere meinen Führer, der aber heute Unmengen von Varianten erwähnt, die mich irgendwie verwirren. Ich kann keinen Satz im Kopf behalten und stehe an der nächsten Kreuzung schon wieder ratlos. Auf einem Platz bin ich komplett verloren, das ganze „leicht links“, dann wieder „scharf rechts“ könnte überall sein. Ich probiere sicher drei Varianten von leicht links und scharf rechts und werde schon sowas von gereizt und übellaunig, dass ich am liebsten in das höhnische Tourismusbüro stürmen und die mal zur Schnecke machen würde, warum sie nicht in der Lage sind, manierliche Pfeile anzubringen.

Glücklicherweise findet sich dann doch irgendwann ein Weg. An einer Kreuzung mache ich zur Gemütsberuhigung erstmal ein frühes Mittagspäuschen. Eigentlich hatte ich auf einen Supermarkt in Noja gehofft; nun dämmert mir, das sich meine Vorräte in Grenzen halten. Ich vertilge sämtliches Brot mit Schinken und habe für den Nachmittag nur noch ein paar Snacks. Zum Glück soll es in Güemes ja Abendessen und Frühstück geben.

Irgendwie ist heute der Wurm drin, auch nach Noja finde ich nicht zu meiner gewohnten Caminosicherheit zurück. Ständig taucht eine Kreuzung ohne wirkliche Pfeile auf. Naheliegenderweise könnte man einfach geradeaus weiterlaufen, aber heute verunsichert mich jede Kreuzung. Wenn ich dann doch geradeaus laufe und nicht nach ein paar Minuten ein gelber Pfeil auftaucht, bin ich am Zögern, Stehenbleiben und fast schon wieder Zurückgehen. Vielleicht habe ich ja doch einen offensichtlichen Abzweig einfach übersehen. Ich will schon wieder an einer Stelle zurückgehen, als mich eine Spanierin von ihrem Balkon fast schon anschreit, wo der Weg langgehen würde. Sie schimpft, dass hier immer Pilger rumstehen und den Weg nicht finden würden. Da, da, da, geradeaus. Ich laufe los, stehe an der nächsten Kreuzung ohne Pfeile dann doch wieder unschlüssig. Aus gut 100m Entfernung höre ich die Spanierin erst recht noch schimpfen, warum diese blöde Pilgerin jetzt nicht einfach geradeaus läuft, sondern immer noch zögert. Zufriedener ist sie mit dem Paulo Coelho- Verschnitt, der ohne eine Miene zu verziehen zielstrebig geradeaus läuft. Ich bin fast froh, nicht mehr ganz allein im Nichts zu sein. Wegen eines Fotos bleibe ich zurück, um beim Weiterlaufen dann geradeaus Paulo zu sehen, nach rechts aber endlich mal wieder einen dicken, gelben Pfeil. Ich pfeife und rufe, aber er hört nichts. Ich habe ein etwas schlechtes Gewissen.

Ich laufe reichlich entnervt kleine Weglein mit sporadischen Pfeilen und sehr viel Ungewissheit entlang und bin eigentlich gerade etwas versöhnt, als ein Auto neben mir hält und mich eine schüchterne, freundliche Frau drauf aufmerksam macht, dass ich falsch bin. Die gelben Pfeile wären irgendwie weiter hinten. Ich laufe wieder ein paar Meter zurück, finde aber auch nichts Schlaues. Ich beschließe, einfach mal zur der Kirche vor mir zu gehen, die hat ja auch die temperamentvolle Balkonspanierin als Fernziel gezeigt. Paulo mit seiner neongrünen Rucksackhülle sehe ich auf der Autostraße ähnlich verloren vermutlich den gleichen Plan verfolgen.

An der Kirche hat es endlich mal wieder einen heimeligen Pfeil, danach schreibt dann aber selbst mein Führer moderat ermutigend, dass es „weglos über die Wiese“ geht. Ich rege mich ziemlich auf, wie soll ich denn bitte einen weglosen Weg finden. Irgendwo leitet dann ein hübscher, gelber Holzpfeil mit „Santiago“ wirklich deutlich mitten in eine Wiese, in deren Grün schon Paulo steht. Ich habe ziemlich die Krise, was ist das heute für eine schnapsideeliche Ausschilderung.

Wir entscheiden uns zu einem Querfeldeinschlag zu einer Straße hin, und nach einer Viertelstunde präsentiere ich Paulo jubelnd einen Pfeil an einem Ortsschild. Ab da wird es wieder einen Hauch von besser (und es gibt einfach weniger Abzweigungen). Ich habe immer noch meinen Führer hin der Hand und wühle mich abwechselnd durch den variantenreichen Textdschungel und die Landkarte, die allerdings auch vor roten und rotgestrichelte Wegen wimmelt. Vermutlich kann man heute überall rumstehen und auf „dem“ Camino sein.

Mir brummt der Kopf vor lauter „wir gehen rechts und gleich wieder links (oder links und gleich wieder rechts)“, und ich bin heilfroh, dass sich der Variantendschungel langsam, aber sicher seinem Ende zuneigt. Ich mache eine weitere Stehpause und esse meine Vorräte komplett auf, selbst eine Packung Tuc-Kekse, die ich bestimmt schon seit über einer Woche mit mir herumschleppe. Jetzt muss dann wirklich irgendwann die Herberge kommen.

Sehnsuchts- und hoffnungsvoll betrachte ich jedes Haus in der Ferne und versuche mich damit anzufreunden, dass das die sagenumwobene Herberge von Güemes ist. Ausnahmsweise teile ich die kritische Grundhaltung von Maike, dass solche Wunderherbergen ihr etwas suspekt sind. Leider geht es ohne Herbergsschild an zahlreichen möglichen Herbergen vorbei (und mir kommt langsam schon der erschreckende Gedanke, dass ich vielleicht schon vorbei bin). Irgendwann kommt dann doch eine Kreuzung, an der sich der gelbe Caminopfeil und der gelbe Alberguepfeil trennen. An einem Brunnen tanke ich nochmal Wasser und Energie für den letzten Aufstieg.

Wenn das einzelne weiße Haus, auf das ich zusteuere, wirklich die Herberge ist, übertrifft es meine bisherigen ambitionierten Herbergsmutmaßungen wirklich. Kurz vorher betrete ich noch eine Weide mit einem Haflinger-Pony, welches sich wie eine Statue nicht von der Stelle rührt und mich nur beobachtet. Vermutlich lacht es sich innerlich halb tot, nachdem ich das zweite Gatter zum Verlassen der Weide nicht aufbekomme. Ich zerre und schiebe und schlage minutenlang an dem Riegel herum, der Mechanismus ist mir eigentlich klar, aber ich bin einfach zu schwach. Ich spiele schon mit dem Gedanken, einfach drüberzuklettern, als ein südländisch aussehender kleiner Mann aus der Herberge kommt und mir lachend bei dem Riegel hilft. Mir ist das ja reichlich peinlich, aber glücklicherweise muss selbst er ein paarmal probieren.

Dann stehe ich in dem riesigen Raum der Herberge, zur Linken hat es Sitzpolster für gut 50 Leute, und an einem großen Holztisch vor mir sitzen zu meiner moderaten Freude schon die Kanadierin und der lustige Spanier aus Castro Urdiales mit seinem umtriebigen Macho, der natürlich gleich wieder bellend an mir herumspringt. Aber Macho macht der Schlauheit der Bordercollies alle Ehre und erkennt nach wenigen Sekunden, dass er mich schon kennt (und bestimmt schon eine halbe Nacht beschnüffelt hat, uah). Auch die Kanadierin ist heute erstaunlich gelöst und freundlich. Beide sitzen vor einigen Tellern am Essen. Der Hospitalero fragt mich, ob ich schon gegessen hätte. Ich bin unentschlossen, denn eigentlich habe ich um halb 12 ja wirklich theoretisch Mittag gegessen. Die Kanadierin greift hilfsbereit in mein langes Schweigen ein; vermutlich denkt sie, dass ich kein Spanisch verstehe, denn sie übersetzt mir, ob ich „hungry“ wäre. Das kann ich nun mit gutem Gewissen mit eifrigem Nicken bestätigen. Ich soll mich hinsetzen und auf das Essen warten.

Die beiden beenden gerade eine Art Hühnersuppe, um sich einem riesigen Teller voller Linsensuppe zu widmen. Ich bekomme ebenfalls ein Schälchen Hühnersuppe, die eine völlig andere Kategorie wie das Süppchen im Kloster von Zenarruza ist. Die Linsensuppe sieht auch mehr als lecker aus, und ich hoffe inständig, dass ich so einen Teller auch noch bekomme. Vielleicht muss ich einfach noch ein bisschen hungriger aussehen. Es klappt, ich bekomme eine wunderbare, dunkelbraune Pampe, die die Kanadierin auch gleich mit der Gabel statt mit dem Löffel isst. Drin sind diverse Fleischstücke versteckt, und es ist alles in allem einfach göttlich.

Während der Hospitalero draußen den eh schon sauberen Eingangsbereich fegt, kommt ein älterer Mann mit wallender, weißer Lockenpracht hereingeschwebt. Anhand seiner Aura vermute ich spontan, dass es sich um den vielgepriesenen Padre Ernesto handelt. Dieser ist moderat überschäumend freundlich. Er begutachtet uns und konstatiert, dass wir essen. Und fragt, ob es denn gut wäre. Hm hm. Dann beschließt er, ein Foto von uns zu machen. Ich bin erst recht moderat begeistert, habe ich doch Fotos nicht übermäßig gern, und erst recht nicht, wenn ich eine halbe Scheibe Baguette in der Backe habe. Ich darf das Resultat auf der Kamera begutachten, was soll ich dazu sagen. Ich sehe aus wie eine abgekämpfte Pilgerin mit Matschfrisur und Brot in der Backe. Meinen mäßigen Enthusiasmus deutet er dahingehend, dass er noch ein paar weitere Bilder von mir beim Essen machen soll. Hilfe. Eines seiner Werke entlockt seinem regungslosen Gesicht dann aber direkt einen Hauch von wohlwollendem Lächeln. Er tätschelt mir die Schulter und schlurft wieder hinaus. Ich bin etwas verunsichert.

Ein lustiger Mann mittleren Alters mit einem riesigen Hund kommt zu Besuch. Mein erster Gedanke bezüglich des Hundes ist „kalbsgroß“, aber selbst das wäre untertrieben. Das Tier sieht aus wie eine Mischung aus Golden Retriever und einer ausgewachsenen Kuh- und ist noch ein ganz kleiner, noch nicht einmal ein Jahr, wie der Spanier lachend erklärt. Er lacht sich erst recht halb tot, als ich frage, ob er denn noch größer wird, ja, und wie. Ich frage, ob er ein großes Haus hätte. Er lacht und meint, ja, und macht eine weitausholende Geste über die Herberge. Vom Temperament hat das gute Hundchen viel von der Kuhlinie geerbt, trotz Größe habe ich nicht einmal wie üblich Angst. Was allerdings gar nicht geht, ist die Zusammenführung mit Macho. Beide jungen Männchen bekläffen sich wie wild (wobei einem bei dem Kalb schier die Ohren abfallen). Sämtliche Erklärungen und erzieherischen Maßnahmen der Herrchen schlagen fehl, das Kalb muss zur Wahrung des Lärmpegels vor die Tür. Dort tröstet ihn sein Herrchen, indem er sich zu ihm auf den Boden kniet. Auf gleicher Kopfhöhe schlabbert ihm der Hund dann mit seiner riesigen Zunge sabbernd quer durchs Gesicht – und das Herrchen lacht sich dabei wie üblich glücklich halb tot.

Nachdem wir (bzw. aktuell ich) fertiggegessen haben, dürfen wir bei einer lateinamerikanisch anmutenden jungen Frau einchecken und werden dann vom Hospitalero zu den Schlafräumen geleitet. Ich bin überaus erleichtert, dass Macho ein Extrazimmer im Erdgeschoss bekommt und die Kanadierin gleich mit dort logieren will. Ich werde eine Etage höher geführt, wo mir sofort wieder die Mail von Patrick in den Sinn kommt, dass ich unbedingt nach Güemes müsste und die dreistöckigen Betten sehen. Nachdem mich die letzten dreistöckigen Betten in Deba nicht direkt mit grenzenlosem Enthusiasmus erfüllt haben, habe ich keine allzu hohen Erwartungen.

Das Zimmer hier ist aber der Hammer, es hat endlos viel Platz, die Matratzen sind hübsch blau überzogen, und die Art von Stockbetten erinnert mich an einen Kindheitstraum von einem Heuschober, bei dem man von hohen Holzbalken springen kann. Ich liebäugle wirklich mit dem obersten Stockbett, entscheide mich dann angesichts meines vielen Krimskrams aber doch für ein ebenerdiges. Bzw. eigentlich belege ich gleich zwei. Irgendwie sind die liebevoll angefertigten Einbaubetten nicht für Pilger über 180 cm konzipiert.

Während Machos Herrchen fröhlich am Duschen ist, macht Macho derweil die Damenwaschräume unsicher und stellt sich höchst begeistert daneben, als ich Wäsche waschen will. Ich lasse gerade heißes Wasser mit Duschgel in die riesigen Waschbecken, als er mir schier hineinspringt. Ich habe es nicht so mit Hundekommunikation. Er lauscht zwar gespannt meinen Ausführungen, dass das gar nicht gut für ihn zum Trinken ist, springt aber sofort wieder nach dem Wasserhahn, sobald ich das Wasser wieder andrehe. Ich verschiebe das Unternehmen Wäschewaschen zugunsten von Macho Wässern. An einem zweiten Hahn mit kaltem Wasser überbrücke ich mit beiden Händen so weit, dass Macho auf zwei Beinen und sehr langer Zunge schlabbernd zu seinem Getränk kommt. Ich bin sehr dankbar, dass er mich nicht irgendwie beißt, in den Trog springt und auch soweit durstgestillt ist, bevor mir von dem kalten Wasser die Hände abfrieren.

Die Herberge füllt sich nun schlagartig. Außer dem älteren, spanischen Paar trifft Kathrin ein sowie Chrissie und Maike. Ich habe wohl Glück gehabt, gerade noch zur erweiterten Mittagessenszeit (gegen 16.00) eingetroffen zu sein, für die aktuellen Neuankömmlinge gibt es nur noch Kekse. Die beiden Spanier logieren ebenfalls in meinem Zimmer, und wie sich herausstellt, sind sie heute morgen mit der Fähre gefahren. Ich bin überrascht, dass sie nun doch gefahren ist. Sie bestätigen, dass die Touristeninformation gesagt hätte, dass nicht, aber sie hätten irgendwo angerufen. Und den positiven Bescheid auch Miguel gestern am frühen Abend noch mitgeteilt. Dieser hätte mit ihnen dann auch ganz brav die erste Fähre um 9 genommen. Ich bin etwas sprachlos. Zum einen ärgere ich mich grün und blau, nun die schöne Fährüberfahrt verpasst zu haben (und ganz umsonst ein weiteres Mal gemogelt zu haben), zum anderen bin ich ungläubig wütend auf Miguel, der demnach gestern Abend definitiv schon wusste, dass doch eine Fähre fahren würde. Ich bekomme das Ganze digital nachgezeigt. Plötzlich kommt mir auch ein schlechtes Gewissen bezüglich der beiden Schwaben, ich hoffe, dass sie auch auf der Fähre waren und nun nicht wegen meiner Fehlinformation auch den Bus genommen haben. Nein, die wären nicht auf der Fähre gewesen, nur der Deutsche, so ein älterer mit einem charakteristischen Gang, und eben diese Deutsche mit dem Hund. Lauter Deutsche, die ich beim besten Willen noch nie gesehen habe.

Vor den Waschräumen läuft mir dann zumindest besagter Hund entgegen, zu meiner Erleichterung guckt er genauso verunsichert wie ich. Die Frau, die danach um die Ecke kommt, lacht herzlich, als ich konstatiere, dass sie dann wohl die Deutsche mit Hund wäre. Deutsch wäre sie, aber als „die Deutsche mit Hund“ geht eine andere durch.

Ich bin ziemlich angetan von diesem unerwarteten Pilgertrubel und setze mich in dem großen Raum abwartend an einen wunderbaren, offenen Kamin, während Miguel und Paulo eintreffen sowie sehr spät die Koreanerin, die ja eigentlich schon gestern nur 20 km laufen wollte. Ich bin fröhlich begeistert. Sie guckt mich an, macht eine halsabschneidende Handbewegung und krächzt tonlos „I am dead!“. Dead, aber extrem beachtlich am Laufen.

Ich flechte mein zweites Bändel, während mich das offene Feuer toll durchwärmt. Der Mann mit Hund schaut alle Viertelstunde nach dem Rechten, legt tonnenweise Holz nach und unterhält alle strahlend lachend. Auch der Weißhaarige kommt ab und zu vorbei, allerdings verzieht er meist keine Miene, was mich wie üblich etwas verunsichert. Kathrin belehrt mich, dass der Mann mit Hund Padre Ernesto wäre. Ich favorisiere intuitiv definitiv den Weißhaarigen, aber jeder Pilger hat eine andere Theorie. Dafür halte ich den Mann mit Hund intuitiv für den Sohn des Padre. Glücklicherweise behalte ich diese Intuition für mich. Ein paar Momente später dämmert mir, dass diese Idee nicht allzu intelligent ist in Anbetracht der Tatsache, dass der Padre ja ein katholischer Priester ist.

Ich knüpfe vor mich hin, während ich den interessanten (rein deutschen) Konversationen rund um das Kaminfeuer lausche. Die besagten Deutschen sind nun auch eingetroffen. Die Besitzerin der schüchternen Hündin, die eine Mischung aus Husky und Wolf oder Fuchs zu sein scheint, hat sich wohnungslos auf die Reise gemacht, nachdem sie vor ein paar Jahren schon einmal mit einem VW-Bus durch die Welt gereist ist. Momentan tun ihr die Füße weh, ihr Rucksack samt Zelt ist viel zu schwer, und eigentlich wollte sie eh auf den Hauptweg. Allerdings haben sich nach der Zugfahrt nach Spanien die Busfahrer geweigert, ihren Hund zu transportieren. So ist sie kurzentschlossen auf dem Camino del Norte geblieben. Während sie recht verzweifelt wirkt, ist ihre temporäre Weggefährtin ein quasselnder und sprudelnder Jungbrunnen. In wildestem bayrisch-hessischen Dialekt legt sie uns fröhlich plappernd ihr halbes Leben dar, unter anderem, dass sie letztes Jahr überraschend ihren Mann verloren hat und dann so durch den Wind war, dass gar nichts mehr ging. Sie ist dann den Camino Frances gelaufen, und der hätte sie so wunderbar gestärkt, dass sie jetzt einfach nochmal zurückkommen musste. Wunderbar gestärkt und voller positiver Energien wirkt sie wirklich. Ich bin mechanisch vor mich hinknüpfend fasziniert, zum einen von dieser Lebensfreude, zum anderen von dieser Offenheit. Mir wird bewusst, wie meilenweit ich von so etwas entfernt bin. Wie auch jetzt hülle ich mich meistens in ein schüchtern lächelndes Schweigen. Jede weitere Chrissie in meinem Leben macht mir nur noch deutlicher bewusst, dass meine Motivation nicht jeder versteht. Erklären kann ich sie schwer – und ich will es auch einfach nicht.

So bin ich dann doch etwas überrascht, dass der ältere Deutsche, der neben mir sitzt, allein durch sein stilles Sitzen irgendwie meinen Schutzwall zu durchdringen vermag. Er erzählt mir von seinen Pilgererfahrungen, und ich bin erstaunlich offen und fühle mich wohl. Zwischen seinen einfachen Sätze schwingt recht viel „Pilger“ mit, sodass ich mit einer einfachen Bejahung und einem zustimmenden Lächeln viel von meiner Pilgermotivation teilen kann. Vielleicht fühle ich mich auch deswegen so wohl, weil ich hier zum ersten Mal auf erfahrene Pilger stoße, bzw. einfach Menschen, die schon mal etwas von der Faszination des Caminos erlebt haben und nicht nur den schönen Weg genießen. Beziehungsweise ich bin sicher, dass die wunderbare Herberge einen großen Teil dazu beiträgt, denn aus ihr strömt mit jedem Detail, mit jedem wärmenden Holzscheit, liebevoll geschreinerten Bett, leckeren Essen, mit jedem ruhigen Pferd, kalbsgroßen Hund, lachenden Mann, umsorgenden Hospitalero und Padre einfach ganz, ganz viel Camino. Wunderbar, bewegend und magisch, nun doch noch.

Um 8 werden wir in die Bibliothek gebeten, wo wir erst um einen Tisch sitzen und Stapel von laminierten Fotos anschauen. Manche zeigen Gruppen, manche völlig durchschnittliche Pilger mit einer kurzen Geschichte, manche beeindruckende Pilger. Mich berühren die Collagen über Langstreckenpilger mit vielen tausend Kilometern in den Beinen, Familien mit kleinen Kindern und eine afrikanische Frau mit lustigen Perlenzöpfchen. Etwas weniger wohlig wird mir bei der Vorstellung, dass der Padre nächste Woche eifrig eine ähnliche Collage bastelt mit einer zerzausten Pilgerin mit Hamsterbacken und Baguettekrümeln beim Suppe-Essen.

Danach sollen wir uns alle vor einer Landkarte versammeln. Padre Ernesto kündigt uns für die nächste Stunde einen Vortrag an über den Camino, die Strecken, die wir vor und hinter uns haben, sowie über die Herberge und ihre Geschichte. Die Kanadierin macht die Übersetzerin. Wir lernen über die karitativen Projekte und die Hilfe von zahllosen Freiwilligen in dieser Herberge, allein 70 Leute aus der Umgebung helfen lachend und strahlend. Der Padre beleuchtet kritisch die Gefahren des Eukalyptusanbaus und der vielen Straßen sowie des Sommertourismus. Die Kanadierin übersetzt sehr talentiert und lustig, zumal der Padre sich manchmal minutenlang in seinen Gedanken verliert und die Arme vermutlich ein ganz rotierendes Hirn bekommt. Nachdem ich sowohl sein Spanisch als auch ihre englische Übersetzung verstehe, erhalte ich auch Einblicke in ihre ähnlich sorgsam versteckte Pilgermotivation. Manchmal dichtet sie strahlend einen Caminoenthusiasmus dazu, den der Padre so gar nicht erwähnt hat.

Ich bin komplett fasziniert von der Ausstrahlung von Padre Ernesto. Im Gegensatz zu dem strahlenden Umarmungsmönch von Zenarruza ist er weit weniger herzlich und verzieht auch nie eine Miene zu einem Lächeln. Uns wird fast schon ein wenig unwohl, als er mit versteinerter Miene erklärt, dass diese Herberge nun wirklich keine Pilgerherberge wäre, schon seit 100 Jahren bestehen würde und der erste Pilger gerade einmal vor 13 Jahren hier aufgetaucht wäre. Sie wäre offen für alle Arten von Menschen und Gruppen und Interessensgemeinschaften. Das stolze und glückliche Pilgerkollektiv schaut etwas eingeschüchtert und bedröppelt aus der Wäsche.

Danach erklärt er uns noch die kommenden Etappen. Morgen hätte es zwei Wegalternativen, die wir aber beide nicht nehmen sollten, sondern einen kleinen Umweg direkt an der Küste entlang. Wir nicken alle sehr ernsthaft und versuchen, uns die entsprechenden Abzweigungen zu merken. Fernab der Markierungen zu laufen gehört zwar definitiv nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, Steilküste 70 m über dem Meer ist aber definitiv mein Ding. Und sein Umweg sieht auf der Karte auch wirklich idiotensicher aus. Die Etappe einen Tag später mit über 45 km entschärft er auch gleich, es gäbe eine gangbare Abkürzung, bei der man gleich 5 km sparen könnte, indem man verbotenerweise über eine Eisenbahnbrücke geht. (Ich bin mal wieder so beeindruckend informiert, dass ich von dieser beunruhigend langen Etappe gar nichts weiß.) Die ganz Schlauen würden warten, bis der Vorortzug alle 20 Minuten durch wäre – und die ganz Ängstlichen würden einfach direkt den Vorortzug nehmen. Da hebt sich selbst beim Padre für ein paar Sekunden ein Mundwinkel.

Um 9 geht es dann endlich in den Speisesaal. Die erste Suppe kenne ich in ähnlicher Form schon, danach gibt es noch einen leckeren Kartoffeleintopf. Wir bekommen die kolumbianische Köchin, ihren Bruder und ihren Mann vorgestellt, die aktuellen guten Seelen der Herberge. Padre Ernesto erzählt zwischendurch von seinen Arbeitseinsätzen in den Fabriken und Minen Lateinamerikas, alles ist einfach zutiefst beeindruckend.

Mir gegenüber sitzt ein Mann, der mir erst nach der Bibliotheksstunde aufgefallen ist und der kein Pilger zu sein scheint. Irgendwie erinnert er mich an den zu groß geratenen Hund. Er ist auch riesengroß, ohne wirklich beängstigend zu wirken. Aktuell wirkt er ein wenig unbeholfen in unserer Pilgermeute, die ja größtenteils auch noch munter deutsch plaudert. Nachdem er sich das Essen über gepflegt auf Englisch mit der in England lebenden Kathrin unterhalten hat, stehe anschließend ich auf dem Programm. Er kommt aus Salamanca, was mich natürlich sofort in Via de la Plata-Verzückung versetzt. Zu meiner Enttäuschung ist er als guter Spanier aber weder die Via noch sonst irgendeinen Camino jemals gepilgert. Wir kommen auf Berufe zu sprechen, er ist Musiker, Pianist, um genau zu sein. Das haut mich ziemlich vom Hocker, irgendwie hätte ich seinem Erscheinungsbild und seinen riesigen Pranken eher Schlachter oder Holzfäller zugeordnet. Während er bei näherer Betrachtung nicht einfach nur unwohl, sondern auch ziemlich traurig aussieht, bekommen seine Augen ein unglaubliches Strahlen, wenn er von einem Klavier spricht. Ich frage, ob er denn auch privat gern spielt, wenn er es doch den ganzen Tag schon beruflich macht. Natürlich, er strahlt, jede freie Minute. Es wäre seine Passion. Ich bin beeindruckt und nachdenklich. Nichts gegen meinen Job, aber derart begeistert könnte ich wohl höchstens den Camino als meine Passion bezeichnen. Wir unterhalten uns rein auf Spanisch, was mal wieder davon erschwert wird, dass ich es nie richtig gelernt habe. Noch dazu nuschelt der Herr Pianist für seinen Größe ziemlich schüchtern vor sich hin. Ich versuche zu rekonstruieren, ob er nun also in Salamanca Klavier spielt. Nein, er wäre Pianist auf den kanarischen Inseln gewesen. Ich bin etwas verwirrt und verstehe nicht, warum er nicht mehr Klavier spielt, wenn es doch so seine Passion ist. Ich mutmaße Geld- oder Stellenmangel, nein, nein. Ich frage immer weiter und verstehe immer weniger. Seine genuschelte Begründung verstehe ich auch ewig nicht, bis er mir die fünften Wiederholung schon fast entgegenbrüllt. „Chica“ verstehe ich dann sogar mit meinem rudimentären Spanisch. Seine gute Angebetete findet Pianist keinen manierlichen Beruf, und nachdem sie in England lebt, ist er mit Salamanca dann in eine mittlere Nähe gezogen. So ganz sympathisch ist mir so ein Drache, der ihm sein geliebtes Klavier verbietet, nun nicht gerade, aber wenigstens habe ich die komplizierten Zusammenhänge endlich verstanden. Ich schließe, dass sie demnach jetzt zusammen in der goldenen Mitte von England und kanarischen Inseln in Salamanca leben, und frage, ob er nun hier auf Urlaub ist. Nein, er würde hier in der Nähe wohnen, nur ein paar Kilometer weg. Und nachdem er mit dem Padre irgendwie verwandt ist, kommt er hier abends oft zum Essen (was ich sehr gut verstehen kann). Wieso er jetzt hier und nicht in Salamanca wohnt, verstehe ich dagegen schon wieder rein gar nicht. Auch akustisch und Spanisch stehe ich schon wieder auf dem Schlauch, sodass er mir auch schon wieder quer über den Tisch „no hay chica!“ entgegenbrüllen muss. Das zieht mir jetzt (obwohl ich ihn eigentlich nicht kenne) den Boden unter den Füßen weg. Die Lady hat ihn nicht nur umziehen und Beruf wechseln lassen, sondern ihn dann nach drei Jahren auch noch verlassen. So wunderschön begeistert, wie seine Augen strahlen können, können sie nun auch zu Boden zerstört und enttäuscht schauen. Mit einem Mal verstehe ich seinen rundum traurigen Gesamteindruck, und es berührt einfach kolossal mein Herz.

Wir haben plötzlich eine gewisse Herzverbindung, und unser anschließendes Gespräch über Berufe, Passionen, Caminos und Suchen im Leben ist beeindruckend. Nicht nur, dass wir uns ohne jemals nochmal nachfragen zu müssen und ohne, dass ich jemals nach Worten suchen müsste, in einer Sprache unterhalten, die ich eigentlich gar nicht kann. Ich kann plötzlich ohne jegliche Vorsichtswälle über meine Caminobegeisterung, meine Zweifel und Suchen reden. Er lächelt dazu verstehend mit seinen traurigen Augen. Mir zerfließt das Herz, wenn er von seiner Klavierbegeisterung erzählt, und er versteht jeden meiner verrückten Caminogedanken.

Diese Herberge hat definitiv etwas ganz und gar Besonderes. Ich schaffe es über eine Woche nicht, jemandem auch nur zu erzählen, dass ich schon einmal einen Camino gelaufen bin. Und kann mich bei dem einzigen Menschen weit und breit verstanden fühlen, der noch nie auch nur einen Schritt als Pilger gemacht hat.

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