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Posts Tagged ‘Monte de Gozo’

Die Nacht ist erstaunlich warm. Eigentlich habe ich gestern in weiser Voraussicht nach einer Decke gefragt, aber die Hospitalera (oder der fehlenden Pilgerseele nach nenne ich sie mal Herbergsverwalterin) meinte nur, es gäbe nicht genug für alle. Okay, ob ich trotzdem eine haben könnte. Das müsse man um 21.30 dann mal sehen. Die Logik bleibt mir verborgen, und um diese Zeit schlafe ich ja eh schon. Soll sie eben die 20 Decken in ihrem Schrank vergammeln lassen.

Hier ist nicht nur der Schlafraum ordentlich beheizt, auch der Frühstücksraum ist morgens mollig warm. Das ist nun wirklich fast unnötiger Luxus, kommt mir aber entgegen. Die nebligen Morgen sind immer ein etwas schwieriger Start.

Mein Bein ist heute der Horror. Die Druckstellen merke ich kaum mehr, aber das linke Bein fühlt sich vom Knie abwärts an wie ein einziger Krampf. Bei jedem Schritt spüre ich ein Gefühl wie ein Reißen und bin etwas ratlos. Ich habe gelernt, auf den Caminos auf meinen Körper zu hören, ich weiß, dass es sich rächt, wenn man das nicht tut. Aber zwei Tage vor Santiago passt mir das mal rein gar nicht, und das sage ich meinem Bein auch recht deutlich. Ich biete ihm freundliche Kooperation an. 5 Stunden Laufen, und dann pflege und schone ich es klaglos den ganzen Nachmittag. Aber bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt.

Jegliche etwaige Schönheit des Weges bleibt auf der Strecke, ich fühle nur den blöden Schmerz, denke zu viel darüber nach und sehne die Herberge herbei. Wieder gibt es kaum Brunnen, und als ich endlich einen sehe und freudig den letzten Rest aus meiner Flasche trinke, muss ich feststellen, dass er nicht funktioniert.

Ich erreiche die Herberge mit Ach und Krach kurz vor dem Öffnen. Der Supermarkt hat noch offen, und so gehe ich noch schnell einkaufen. Ich kaufe erstmal nur für den Mittag, denn Marco und Sanne haben so grob anklingen lassen, dass sie den letzten Abend mit endlich wieder einer tollen Küche gerne nochmal zelebrieren wollen.

Wieder drängeln sich alle in die fürchterlichen Duschen, während ich heimlich das Luxusbadezimmer, die Tür direkt neben der Treppe, in Beschlag nehme. Frisch geduscht wasche ich noch schnell und setze mich dann für den Rest des Nachmittags zur Erholung bereit vor die Herberge. Ich freue mich auf Sanne und Marco, und irgendwie spüre ich fast, dass heute auch Kristian hier stoppen müsste. Eigentlich müssten hier alle stoppen, die nicht wirklich einen ganzen Tag vor mir liegen. An Arco/Pedrouzo gibt es eigentlich kein Vorbeikommen. 5 Stunden vorher ist die letzte Herberge, und bis Santiago sind es nochmal grob 5 Stunden.

Ich genieße meinen Tintenfisch, fast einen ganzen Laib Brot, Joghurt und meine erste Coladose auf dem ganzen Camino. Mein Bein wird gecremt und hochgelegt. Ich fühle mich gut und entspannt angesichts des kommenden Nachmittags.

Die sieben Spanier von gestern treffen mit großem Hallo ein und posieren für ein Foto. Als ich mit Blick auf ihre Digicam zufrieden meine „sehr schön!“, kommentieren sie es mit „kein Wunder, so schön wie wir sind“. Lustige Gestalten.

Gut gesättigt und sonnengetankt tappe ich dann wieder in die Herberge, wo ich mein Bett überziehe und den Schlafsack ausbreite. Eher zufällig komme ich mit der Hospitalera ins Gespräch und frage noch zufälliger, ob hier nicht zufällig mal ein Norweger war. Sie fragt begeistert nach, ob ich so einen Dunklen meine. Hm, nein, eigentlich nicht, ich lächele freundlich und will schon wieder gehen. Sie springt aber schon zu ihrem Schränkchen und holt einen furchtbar dicken Stapel mit den Namen vom Vortag heraus, die sie alle liebevoll mit mir durchgeht. Alles sind Spanier oder ganz andere Nationalitäten, und ich überlege, wie ich bei Pilger 60 so langsam sagen kann, dass es gut ist. Da stolpere ich plötzlich über die beiden Dänen. Und während es in meinem Kopf langsam zu arbeiten anfängt, fällt mein Blick direkt drunter auf „Norwegen“ und auf „Kristian“. Ich bin wie gelähmt, einerseits muss ich ja damit gerechnet haben, sonst hätte ich nicht gefragt, aber gleichzeitig war ich so sicher, dass er hinter mir wäre. Und nun ist er einen ganzen Tag vor mir… die Hospitalera guckt mich mit großen Augen an und fragt wohl schon zum wiederholten Male, ob es der wäre, nach dem ich suche. Ich gucke immer noch wie ein hypnotisiertes Kaninchen ganz geschockt auf die Liste und sage irgendwann „ich muss weiter“. Sie schaut mich etwas besorgt an, ich brauche nochmal eine ganze Weile, bevor ich lächeln muss, ihr nochmal gleichzeitig danke und mich entschuldige und nur „continuar“ stammele.

Ich sammle meine Sachen hektisch zusammen und stopfe sie unsortiert in den Rucksack. Ich stelle irritiert fest, dass ich ja meine Nachmittagsgarnitur anhabe, so einen Sonnenbrand kriege und dann nichts Frisches mehr zum Wechseln habe. Ich laufe zur Wäscheleine und ziehe mich direkt dort um, hinein in das patschnasse Trekkinghemd. Meine Bettnachbarinnen schauen auch etwas konsterniert, aber mein Kopf ist nur noch „continuar“.

Ich bin wieder auf der Strecke, als mir einfällt, dass mein Bein ja ziemlich hinüber ist. Aber bevor mein Verstand zum Zug kommt, breitet sich schon wieder „continuar“ aus. Im kleinen Wäldchen kommt mir eine bekannte Silhouette entgegen, es ist Sanne. Sie schaut irritiert, ich radebreche mein „ich muss weiter“ und dass ich jetzt einfach die Leute wiedersehen muss, dass mein Herz das jetzt einfach verlangt, ich kann nichts dafür. Sie fragt, ob Marco bei mir in der Herberge gewesen sei, sie ist sich nicht sicher, wo er ist. Er wäre morgens ganz früh los. Sie hat den Verdacht, dass er auch bis Santiago durch will. Ich habe ihn nicht gesehen und kann ihr nicht weiterhelfen.

Ich laufe gut eine halbe Stunde, als ich mich eher zufällig umdrehe. Ich erschrecke fast. Hinter mir läuft Sanne. Ich bin komplett überrascht, aber sie sagt nur unter Tränen, dass da etwas in meinen Worten gewesen wäre, was ihr Herz berührt hätte, und für sie würde es sich auch richtig anfühlen. Ich bin irgendwie überglücklich, zum ersten Mal laufe ich mit Sanne, wir haben die Endorphine der Verrückten, wir leben nach unseren Gefühle und Intuitionen, und wahrscheinlich wollen wir beide einfach die Männer wiedersehen, mit denen uns entgegen jeglicher Logik etwas ganz Starkes verbindet. Wir verstehen uns ohne Worte. Ein ganz klein wenig reden wir dann doch, und ein Missverständnis lässt sich klären. Statt „Norwegian“ hat Sanne immer „Novizian“ verstanden. Vor ihrem inneren Auge sehne ich mich also nach einem Ordensmann, was mich anlässlich der Realität doch sehr schmunzeln lässt.

Leider läuft Sanne unheimlich schnell. Schneller, als ich sonst laufen würde, und vor allem viel zu schnell für mein Bein, mit dem ich wahrscheinlich besser humpeln sollte. Bzw. eigentlich definitiv gar nicht mehr laufen. Ich blende es komplett aus. So schnell, wie wir laufen und nur Santiago und das Wiedersehen im Kopf haben, spüre ich meinen Körper überhaupt nicht mehr.

Unsere Flaschen sind leer, als wir auf Höhe des Flughafens schnurstracks in einem feinen Hotel auf die Toilette stürmen und Wasser nachtanken. Das wieder Anlaufen nach dem kurzen Stehen ist die Hölle. An einem kleinen Bach möchte Sanne kurz ihre Füße baden. Ich gehe dankbar schon voraus, ganz langsam.

Ich erreiche erleichtert den Monte de Gozo und sehe Santiago; ich werde es schaffen. Aber ich bin zu erschöpft, um auch nur zum Denkmal zu gehen oder stehenzubleiben. Ich steuere die Herberge an. Ich habe mit Sanne überlegt, wo sich unsere Männer aufhalten könnten, und wir mussten lachen, dass sie beide wohl immer die billigste Herberge ansteuern würden.

Vor dem riesigen Herbergskomplex in der Sonne liegt, an einem Grashalm kauend, Marco. Er lächelt mich wenig erstaunt an. Ob er hier bleibt oder nicht, versucht er gerade zu erspüren. Ich spreche kurzerhand eine in der Sonne sitzende Pilgerin an, ungeachtet dessen, dass sie gerade ein halbes Brot im Mund zu haben scheint. Sie kennt Kristian nicht, und auch in der Rezeption bekomme ich ein eindeutiges Kopfschütteln. Als ich mich wieder auf den Weg mache, biegt gerade Sanne um die Ecke, und ich bekomme gerade noch mit, wie da wieder Energien synergistisch aufleuchten. Stimmt, es ist ja auch wieder Abendsonne. Sie rufen mir noch viel Glück nach, bevor sie wahrscheinlich gemeinsam in sich hineinspüren und den richtigen Ort für die Nacht erfühlen.

Ich erreiche Santiago und muss am Ortsschild kurz vor Dankbarkeit weinen. Ich habe 46 km geschafft. Mein Bein hat es geschafft. Aber nicht einvernehmlich, sondern ich habe Gewalt gebraucht.

Ich checke die nächste Herberge, die leider unendlich viele Treppenstufen abseits vom Weg liegt. Auch hier kein Norweger, und mir kommen so langsam Zweifel. Meine geplante Herberge, die einzige, die ich sonst noch kenne, kostet 10 Euro, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Kristian dort nächtigt. Was, wenn er irgendwo mit seinem Zelt campiert? Da finde ich ihn nie.

Ich erreiche völlig k.o. die Kathedrale, wo ich mich auf den Boden plumpsen lasse. Weit und breit kein bekanntes Gesicht, kein Kristian, keine Dänen, keine Amber oder sonst jemand. Zum ersten Mal seit dem Mittag schaue ich auf die Uhr. Ich habe keine Ahnung, wann ich losgelaufen bin und wie spät es jetzt ist. Ich rechne mit 18, aber es ist schon kurz vor 19 Uhr. Mein letzter Gedanke ist das Pilgeressen im Parador; falls Kristian davon weiß, ist er sicher dort anzutreffen. Ich gehe die paar Meter, bis man Blick auf die wartende Gruppe vor der Garageneinfahrt hat. Und schon von weitem erkenne ich gegen die Sonne Kristian an seiner charakteristischen Frisur.

Ich bin nur noch am Strahlen, seit 5 Stunden habe ich mich auf diesen Moment gefreut. Kristian hängt cool mit drei ebenso coolen Gestalten gegen die Wand gelehnt und lässt sich im letzten Moment herab, zwei Schritte auf mich zuzugehen, mich kurz zu umarmen und nach einem „nice to see you“ wieder an der Wand abzuhängen. Dafür attackieren mich bestimmt vier kleinwüchsige, hysterische Hühner, dass ich hier nicht essen könnte, es wären schon 10 und bok- book- boooook. Will ich doch auch gar nicht. Ich habe Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren und die Situation zu bewerten, als sich vor mir strahlend Nadine umdreht. Soweit arbeitet mein Hirn dann wieder, ich merke mit einem Mal magische Energien, die sich um Nadine und Kristian ranken, und mir leuchtet seine abweisende Art ein. Das Teufelchen in meinem Kopf lacht sich halb tot und rammt mir seinen Dreizack im Sekundentakt in den Kopf. Mir wird schlagartig so einiges klar. Nadine redet freundlich lächelnd wie ein Wasserfall auf mich ein, von der Überwältigung beim Ankommen, dass sie mich da total versteht, dass sie noch schauen muss, wo sie schläft, die Herberge gefällt ihr nicht. Kristian schläft dort, und ich denke nur „scheinheilige Kuh, natürlich wirst Du auch dort landen“.

Ich bin komplett leer. Den Weg zurück zur Kathedrale schaffe ich gerade noch, dann macht mein Bein aber komplett nicht mehr mit. Keine Endorphine mehr, die den Schmerz überdecken und mich zur Höchstleistung anspornen. Nur ein sich kugelnder kleiner Teufel in meinem Kopf, und er hat ja so recht.

Ich setze mich zwei Minuten in die leere Kathedrale, hole meine Compostela und etwas zu essen im Supermarkt. Ich brauche fast eine ganze Stunde zur Herberge. Dort frage ich nach den beiden Dänen. Sie sind nicht da.

Ich pfeife auf meine Vorsätze in Sachen „dem Schicksal überlassen“ und schreibe meinem Belgier eine SMS, dass ich in Santiago bin. Er ist zwei Etappen hinter mir.

Ich sehe Kristians Sachen auf einem Bett. Der Teufel in meinem Kopf lacht nicht mal mehr, überall Leere, und so schreibe ich einen kurzen Zettel, dass seine Email nicht funktioniert hat und schreibe ihm meine auf. Mir war die ganze Zeit über klar, dass ein Wiedersehen ein Risiko darstellt. Aber es hat mich so verzweifelt gemacht, eventuell nie schreiben zu können, selbst falls jemand wollte, und das nicht erklären zu können. Das habe ich hiermit getan. Es fühlt sich jetzt wieder sortierter an, und ich kann das Thema abschließen.

Ich setze mich noch kurz in den Aufenthaltsraum und schaue den Sonnenuntergang an. Meine ewigen Engel kommen in die Herberge. Zum Glück fragt Sanne nichts. Wahrscheinlich spürt sie es. Beide sind glücklich und wollen heute mit mir feiern. Ich würde wirklich gern, die beiden waren mein Camino 2009, mein stiller Halt und meine Kontinuität. Aber mein Bein, das ich mir jetzt zum ersten Mal besehen habe, ist doppelt so dick wie sonst, fühlt sich an wie kurz vor dem Platzen, wie mit Wasser gefüllt und denkbar beunruhigend. Damit laufe ich keinen Schritt mehr. Marco bietet begeistert an, hier zu kochen, aber es gibt nur eine Mikrowelle, und Sanne sieht auch so aus, als ob sie den Abend gerne mit einem Glas Wein feiern würde. Das sehe ich auch so, mir ist wichtig, dass sie einen schönen Abschluss haben. So schicke ich sie gerne ohne mich zurück in die Stadt.

Ein Japaner, den ich in Fonfría gesehen habe, hat das Bett neben mir. Ich will eigentlich schon schlafen, aber er plaudert noch. Er plant einen Abgang um 5 Uhr morgens. Ich frage, ob er nicht zur Messe will, seinen Namen hören. Er kennt weder Messe noch den Brauch, dass die Nationalitäten der Pilger vorgelesen werden. Ich erkläre ihm, dass es das Beste am ganzen Camino ist, das „heute erreichte uns ein Japaner, gestartet in SJPDP“. Ihm dämmert, dass ihm das gefallen könnte und versinkt zu meinem Schrecken in einen Monolog voller Selbstvorwürfe. Fehlt nur noch, dass er anfängt, sich selber zu schlagen. Ich rudere schnell zurück und meine, so wichtig wäre das auch nicht, eigentlich doch nur ein einziger Satz, aber er kann sein Unglück gar nicht fassen.

Mein Kopfwirrwarr ist wieder gut, nur mein Bein ist der Horror. Allein die Berührung mit der Matratze lässt mich schon jubilieren. Ich nehme eine Schmerztablette und male mir schon aus, morgen das Krankenhaus aufzusuchen.

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Das morgendliche Rumoren heute ist lauter und intensiver und früher als sonst. Während ich mir die Ohrstöpsel nochmal nachdrücke und gemütlich den Schlafsack über die Ohren ziehe, verstehe ich, dass diese Pilger die 12-Uhr-Messe anstreben. Als ich mich gegen 8 auf den Weg mache, bin ich folglich auch eine der letzten. Aber nachdem mein Tagesziel ohnehin nur Monte de Gozo ist, habe ich heute alle Zeit der Welt.

So fühlt sich das Laufen heute auch anders an als sonst. Nicht mehr die Weite des Caminos, die fast Unendlichkeit bis zum Ziel dominiert, sondern es geht schon durch die Vororte von Santiago, entlang an unzähligen Rundfunkgebäuden. Dadurch, dass ich nicht zügig laufe, um die Strecke sicher zu schaffen und einen Platz in der Herberge zu haben, kommt mir heute alles wie in Zeitlupe und in Watte gepackt vor.

Trotzdem bin ich sehr schnell am Monument des Papstes auf dem berühmten Freudenberg. Aber zum einen gefällt mir das klotzige Monument überhaupt nicht, ich bringe es nicht einmal fertig, ein Foto dieses wichtigen Ortes zu machen. Und die Kathedrale sehe ich leider auch nicht. Das heisst, ich sehe so viele Kirchturmspitzen, dass ich nicht wirklich weiss, welches jetzt nun diejenige Welche ist, über die ich Freudenschreie ausstossen soll.

Bärbel trifft ein, wir vespern einträchtig ein paar Kekse, bevor sie Richtung Santiago weiterzieht, während ich mir noch einige Minuten gebe, bevor ich meine Herberge hier oben vor dem eigentlichen Ziel in Augenschein nehme. Der Komplex ist riesig, fast ein bisschen schick. Ich überblicke nicht so recht, welcher der vielen identischen Blöcke jetzt die Herberge ist. Auf alle Fälle öffnet alles erst in 2 Stunden, sodass ich noch durch das kleine Einkaufszentrum bummele (das aber auch noch im Dornröschenschlaf liegt und eher Automaten und Kioske als Pilgerselbstversorgernahrung nach meinem Geschmack bietet).

Plötzlich überkommt mich ein ganz merkwürdiges Gefühl, ich stürme regelrecht von der Anlage weg und suche hektisch die Wiederaufnahme des Caminos. So schön meine eigenständigen Pläne auch waren, so gern ich mich immer zurückgelehnt habe und mich auf meine langangelegte Planung berufen habe, so deutlich wird mir nun auch, dass man manchmal auch spontan die Pläne ändern muss. Für den Moment kann ich mir einfach absolut nicht vorstellen, in Steinwurfweite von Santiago zu übernachten, in einer seelenlosen Anlage, während das Herz und die Seele bereits so stark von Santiago angezogen werden, dass es weh tut.

Ich überschreite eine Eisenbahnbrücke, als auf der anderen Strassenseite ganz unspektakulär das Ortschild von Santiago auftaucht. Viele Autos befahren die Strasse, ich bin der einzige Pilger weit und breit, und doch ist das hier das Strassenschild, das ankündigt, dass ich da bin, dass ich an meinem Ziel angekommen bin?!

Ich durchquere die Strassen Richtung Innenstadt, und es fühlt sich weiter unwirklich an. Hier bin ich nicht nur im Pilgerziel Santiago, hier hat nicht alles seinen rührseligen Höhepunkt, sondern hier ist vor allem eine grosse Stadt, ein kulturelles Ballungszentrum, ganz viele Leute – und die kümmern sich überhaupt nicht um Pilger. Während am Weg alles auf Pilger ausgerichtet ist, aus Pilgern, deren Herbergen, Einkaufs- und Einkehrmöglichkeiten zu bestehen scheint und man sich fühlt, als wäre man mindestens einige hundert Jahre in der Zeit zurückversetzt, befinde ich mich hier einfach wieder in der Jetztzeit, im normalen Leben. Kein „buon camino!“, kaum mehr gelbe Pfeile, kein Gefühl mehr, als würde man auf einer riesigen Welle aus Pilgern hin und her getragen. Zudem überfordert mich diese grosse Stadt mit ihrem normalen Gang der Dinge, ich habe Mühe, den Weg und die Herbergen zu finden.

Gegen 1 Uhr habe ich nach vielem Fragen die Herberge in einem ehemaligen Priesterseminar gefunden; heute verwundert mich auch nicht weiter, dass es sich um einen riesigen (durchaus schicken) Kasten handelt, der von einem Metallzaun umzäunt ist, und dessen Tor nach Klingeln und Videokamerakontrolle wie von Geisterhand aufgeht.

Ich dusche mich schnell und mache mich auf Richtung Kathedrale. Kurz vor der Herberge kommt mir der Franzosenclan entgegen, rundum verschwitzt, verausgabt, aber fast irre vor Freude, in der Hand die Compostelas, frisch von der Messe. Sie gratulieren mir überschwänglich zum Erfolg und sind so aus dem Häuschen, dass ich mich einfach nur richtig leer und fremd und ausgestossen fühle. Hab ich doch noch nicht mal die Compostela, bin ich schon frisch geduscht, ohne meinen Rucksack… wo bin ich denn noch Pilger, ich fühle mich wie ein Tourist.

Ich finde die Kathedrale und fühle mich weiterhin verloren. Die Kirche ist gestopft voll von Touristengruppen mit Führern, die wild mit Regenschirmen in die Höhe recken und mit lauten Rufen die anderen Führungen überschreien. Als ich eine Bank gefunden habe und wie üblich beten will, beäugen mich neugierig zahlreiche Touristen. Mir gelingt keinerlei Verbindung zu Gott, ich kann noch nicht mal für etwas danken oder bitten. Und Tränen vergiessen will ich zur Freude der interessierten Pilgerzoobesucher auch nicht.

Ich reihe mich in die lange Schlange vor dem goldenen Jakobus ein, um meine Pilgerreise mit dem Fussküssen zu beenden. Leider gibt es da weit und breit keinen Fuss, ich habe da wohl etwas verwechselt, und bevor ich noch dazu komme, zu überlegen, was man dann an der Statue machen könnte, drängt schon die wartende Masse von hinten weiter. Es passt prima zu meinem heutigen Gesamtgefühl.

Ich gehe meine Compostela im Pilgerbüro abholen und dann erstmal auf die Suche nach einem Supermarkt, der mir wie üblich wieder ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt und meine Laune hebt. Mit vollen Taschen und Compostela lasse ich mich auf dem Platz vor der Kathedrale nieder und fühle mich schon eher wieder wie ein Pilger und als hätte ich meine Bodenhaftung wieder etwas gefunden.

Ich bitte einen Italiener, ein Foto von mir vor der Kathedrale zu machen. Er macht eine fürchterliche Wissenschaft draus, es möglichst perfekt zu arrangieren. Ich werde immer weiter weg dirigiert, und zwar ist dann die Kathedrale perfekt zu sehen, dafür ich nicht mehr. Ich erinnere mich an den 100-km-Stein mit der gütigen Deutschen und ihrem entrüsteten „ach, das wichtigste bist doch Du!“. Der Mann ist eben kein Pilger, und ich bin nicht mehr im dicht gewobenen Netz der Camino-Wunder, der Magie und des speziell behüteten und geborgenen Gefühls.

Mit derselben Wehmut und Traurigkeit sitze ich lange auf dem Platz und sehe Pilgerscharen ankommen. Manche rennen die letzten Meter, viele fallen sich überglücklich in die Arme, werfen sich auf den Boden, samt Rucksack, und schauen erst einmal die Kathedrale in aller Pracht an. Sie entdecken Freunde, sie rufen und lachen ausgelassen, man kann schon fast von einer Pilgerhysterie sprechen. Und ich sitze frisch geduscht fern von meinem Rucksack und meinen Freunden da.

Irgendwann, als ich schon auf dem Weg zu den vielen Souvenirläden bin, entdecke ich Bärbel inmitten der Menschenmengen. Ich freue mich unsagbar und klage ihr mein gesamtes unzufriedenes Seelenleben. Sie meint recht lapidar, aber durchaus berechtigt, dass mein Camino bewusst allein angelegt war, sodass dieses Ende nun auch so stimmig ist und ich kein Recht habe, mich wegen mangelndem „mit Freunden überglücklich in die Arme fallen“ zu beklagen.

Trotzdem freue ich mich, sie getroffen zu haben, und als dann auch noch  Sun aus dem Nichts auftaucht, bin ich erst einmal glücklich. Aber anders als auf dem Camino haben hier nicht mehr alle ein Ziel, sondern Bärbel will Klamotten kaufen, Sun braucht erst einmal eine Herberge, ich will Souvenirs schauen, und wenn ich es mir recht überlege, wäre ich jetzt am liebsten eigentlich wieder allein mit mir und meinem Rhythmus. So stosse ich mal wieder Bärbel vor den Kopf, schleuse Sun in die Herberge und ergreife die Flucht, während sie eincheckt und duscht.

In der Innenstadt finde ich mich unerklärlicherweise mit schlafwandlerischer Sicherheit zurecht und fühle mich erstaunlich heimisch. Die Touristenmeile besteht aus bestimmt 40 reichlich identischen Läden mit einem definitiv identischen Sortiment, ich kaufe meine Postkarten und Kacheln mit gelben Pfeilen und Muscheln nach langem Überlegen bei den freundlichsten Ladeninhabern. Neben diesen Kacheln liegt mir ein Rosenkranz für meinen Freund sowie ein silberner Muschelanhänger für mich sehr am Herzen; ich weiss noch nicht genau, was ich mir vorstelle, aber so wie das, was es gibt, stelle ich es mir definitiv nicht vor.

In den Strassen entdecke ich Andi – wie soll es anders sein, sitzt er in einem Café. Und anstatt die gewonnene Zeit dafür zu nutzen, schon mal wie geplant nach Finisterre zu laufen, hat er beschlossen, 3 Tage in Santiago rumzulümmeln, um dann mit mir zusammen das Finale angehen zu können. Mein erster Gedanke ist wenig begeistert, ich suche schliesslich die tiefschürfenden, bewegenden Momente und Erfahrungen alleine, während Andi die Bocadillos und das leibliche Wohl sucht und jeden Hauch von Spiritualität und dem Besonderen gekonnt im Keim erstickt.

Der Tag ist merkwürdig, ich fühle mich irgendwie um meinen grossen Abschluss betrogen. Statt des Höhepunktes an Gefühlen, Gottesnähe und Glücksgefühl fühle ich mich entwurzelt, allein und unwirklich. Zwar geht es für mich glücklicherweise noch weiter, eigentlich war von Anfang an das Meer, Finisterre mein Abschluss und Ziel, aber auch da will im Moment nicht so die grosse Freude aufkommen. Meine lieben Freunde Sun und Bärbel bleiben in Santiago und fliegen zurück, Andi gluckt mir zu viel, und ansonsten fühlen sich auch nur eher zwiespältige Bekanntschaften dazu berufen, mir mitzuteilen, dass sie ja auch nach Finisterre wollen, wie schön. Vor allem habe ich den Eindruck, dass es derer bereits an die 100 sind, und nachdem es maximal 30 – 40 Plätze in den Herbergen gibt, schwant mir auf die letzten Tage nochmal ein grosses Hauen und Stechen.

So erlebe ich am Höhepunkt der Pilgerreise meinen persönlichen emotionalen Tiefpunkt.

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