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Posts Tagged ‘Frómista’

Ich schlafe in leichter Alarmbereitschaft, denn heute sollte ich zeitig los. Der einzige Bus des heutigen Tages fährt um 12.50 ab Carrión de los Condes. Für alle Fälle habe ich mein Ticket vorher im Internet gebucht – und einen Riesenschreck bekommen, dass 2 Wochen vorher an den beiden darauffolgenden Tagen nur noch 1 bzw. 2 Plätze frei waren. Sollte ich also meinen Bus heute verpassen, habe ich ein Problem.

Gegen 6 rappelt es zum ersten Mal, Jean macht sich schlurfend ans Packen. So früh traue ich mich dann doch nicht mehr los und schlafe nochmal weiter. Nächstes Augenöffnen um 7 erfüllt mich dann aber fast schon wieder mit Panik.

Ich düse gut vorbereitet los. Den Weg habe ich gestern sicherheitshalber schon auskundschaftet, und um nicht wieder fürchterlich zu frieren, trage ich heute gleich vorbeugend die ganze Montur, inklusive Regenhose und 2 Fleecepullis unter der Regenjacke. Leider ist es heute nur halb so kalt.

An die heutige Strecke habe ich keinerlei Erinnerungen, zumindest keine besonders guten. Laut Führer soll es auch immer an der Straße entlanggehen. Das tut es wirklich in sehr faszinierender Weise. Eigentlich ist das Wegchen dadurch eh idiotensicher, trotzdem hat es alle 50 Meter nicht nur einen, sondern gleich 4 Wegsteine. In guten Momenten habe ich Ausblick auf gleichzeitig etwa 20 Steinquader. Nach dem gestrigen Verirren ist das fast schon Hohn.

Den Sonnenaufgang ignoriere ich heute weitgehend. Entweder, es ist wirklich ein Stück weit die Gewöhnung. Oder die Tatsache, dass ich zwar begeistert Fotos mache, aber jeden Abend fast alles wieder löschen muss, weil ich nur eine Speicherkarte habe und diese so etwa 250 Fotos zu fassen scheint. 20 Bilder pro Tag. Die ersten Tage in der Meseta habe ich so viel geknipst, und selbst bei bestem Willen kann ich nicht auf 20 reduzieren. Ich hoffe ein Stück weit auf einen ausgleichenden Regentag – oder einen unspektakulären Tag an der Straße, so wie heute. Vor allem bin ich heute aber auch eindeutig gestresst, unter Strom und überhaupt nicht Pilger. Meine Gedanken sind nur bei den Busverbindungen und was mich in Astorga erwarten mag.

Trotz Zeitdruck mache ich irgendwann eine kleine Pause, um mich aus meinen Regensachen zu schälen bzw. diverse wärmende Fleeceartikel einzupacken. Heute ist es wirklich nicht übermäßig kalt.

Wie üblich überkommt mich ein warmes, ziehendes Gefühl, als ich zum ersten Mal bewusst ein Schild mit „Santiago“ und Kilometerangabe inmitten des Steinquadermeers wahrnehme. Im nächsten Moment schüttele ich mich, diese Kilometer gelten für alle, nur nicht für mich. Ich bin ja heute Pilgerabschaum und nehme den Bus.

Carrión de los Condes erreiche ich Punkt 12, fast eine Stunde zu früh. Direkt am Weg hat es einen kleinen Camino-Informationsstand, wo ich nach dem Busbahnhof frage. Die junge Frau guckt mich erstmal kritisch an und meint, wir könnten auch deutsch sprechen, sie käme aus Österreich. Und der Bus würde immer direkt gegenüber an einer kleinen Bar halten. Ich möchte lieber zum Busbahnhof, sicher ist sicher. Sie ist recht gereizt, ich könnte schon auch irgendwo anders hinlaufen, aber da käme auch nicht wirklich ein Busbahnhof. Ich bin etwas durcheinander und verunsichert. Sie kriegt verständlicherweise zunehmend die Krise mit mir, die sicher noch 10 x nachfragt, ob der Bus auch wirklich vor dieser komischen kleinen Bar anhält.

Ich mache mich zum Supermarkt im Stadtkern auf. So richtig viel kaufen macht keinen Sinn, sollte ich doch Astorga zu Ladenöffnungszeiten erreichen. Ein Jammer in Anbetracht des schönen Ladens. Ich schiele ein wenig zu den Kosmetikartikeln. Der Lippenpflegestift ist diesmal beim akribischen Rucksack-Durchwiegen dem Rotstift zum Opfer gefallen. Die Mischung aus Sonne, Kälte und Wind der letzten Tage lässt mich meine Lippen schon in Scheibchen abnagen. Ich finde nichts, stehe vermutlich vor dem falschen Regal, kann das ja aber in Astorga in Ruhe angehen.

Ich trabe zurück zu der großen Kathedrale am Ortseingang, die im Moment leider von Bauarbeiten und ohrenbetäubendem Lärm erschüttert wird. Meine über alles geliebte Herberge mit den Nonnen macht leider auch erst um 1 auf. Irgendwie hätte ich gerne nochmal dort vorbei geschaut. Ich tröste mich damit, das man wunderbare Erinnerungen auch einfach als solche belassen kann.

Ungeachtet der kathedralischen Presslufthämmer setze ich mich auf eine wie immer eiskalte Bank in die Sonne, um wenigstens im Geiste nochmal im Einzugsbereich der Herberge zu sein. Unter misstrauischen Blicken der Einheimischen breite ich meinen halben Rucksack aus, dekantiere Olivenwasser in die Grünanlagen und teile mein altes Brot begeistert mit den Vögeln (die plötzlich peinlicherweise keinen Hunger mehr haben, als ich einen halben Laib auf einmal ausgestreut habe). Ich habe mal wieder gerade einen viel zu großen Happen im Mund, als mir plötzlich halb das Herz stehen bleibt. Der atemberaubende Beau aus Burgos schlendert allen Ernstes zu mir her, in Begleitung eines anderen Pilgers. Er fragt irgendwas, ob ich auch hier wäre, worauf ich ja wirklich auch nicht sehr viel sinnvolleres antworten könnte als „hm-hm“, selbst wenn ich nicht Backen wie ein Hamster hätte. Offensichtlich dämmert ihm schnell, dass ich immer noch nicht in sein Beuteschema passe, und er trollt sich ziellos. Noch mehr als mein suboptimales Auftreten (ich schnipse mir betreten eine ordentliche Schicht aus Brotkrümeln und Mehl von der Brust) schockt mich die Tatsache, dass dieser kraftvolle, athletische Superpilger nicht bereits kurz vor Santiago ist, sondern ein ähnliches Schleichtempo drauf hat wie ich. Und mittags um 12 nichts besseres zu tun hat, als noch nicht mal den Pfeilen zu folgen. Ich kann ihn enttäuscht unter „mehr Schall als Rauch“ abhaken.

Eine halbe Stunde zu früh trabe ich zu der ominösen Bar zurück, und nachdem sich auch um 1 noch nichts tut, bin ich hin und hergerissen, ob ich nochmal die Österreicherin nerven soll oder mich irgendwo heulenderweise hinsetzen und überlegen, wie ich nun meinen Camino ohne Busetappe arrangiere.

Glücklicherweise kommt wirklich ein riesiger Bus die viel zu kleine Straße entlang. Ich winke wohl etwas zu theatralisch. Der Buschauffeur meint bei meinem wedelnden Ticket nur „ja, ja, steig mal ein“ und hat wohl das Gefühl, dass ich einen Vollschuss habe. Das könnte ich aktuell nicht einmal leugnen. Nun sitze ich zwar wohlbehalten im Bus, Weiterfahrt gesichert, aber nachdem der Chauffeur den Motor ausgestellt hat, ausgestiegen ist und wenig Anstalten macht, bald weiter zu fahren, überkommt mich jetzt eine richtiggehende Panik, nachdem gerade Jean den Weg entlang kommt. Wenn ich nicht gerade einen Frühstart hinlege, ist er der sichere Indikator für das Eintreffen des Pilgerpulks in den nächsten Minuten. Ich sehe nicht nur Domingo begeistert lächelnd „alles klar?!“ neben mir in den Sitz fallen, sondern am besten noch die Horde Franzosenehepaare. Und die neu-finnische Spezialtruppe. Ich muss wirklich leicht traumatisiert sein, ich atme erst wieder normal, als die Türen endlich schließen und wir losfahren.

Zum ersten Mal mache ich mich in einem spanischen Bus nicht gleich schlafbereit. Ich bin zu fasziniert von der Tatsache, dass wir fast die ganze Zeit am Camino entlang fahren. Auf den Schildern passieren wir die altbekannten Ortsnamen voller Erinnerungen, am Horizont sehe ich immer wieder Pilgergrüppchen, irgendwo radelt mühsam die kleine Spanierin auf ihrem frisch gesäuberten Fahrrad. Ich halte Ausschau nach bekannten Gesichtern, vor allem nach David. Irgendwie ein ganz komisches und unwirkliches Gefühl, an allem vorbeizufahren.

Wir fahren den Kreisel vor León, ich erinnere mich an das hupende Auto und den freundlichen, jaguarfahrenden Wegweiser. Gespannt halte ich Ausschau nach meiner Autobahnüberquerungs-Sprintstrecke. Zu meiner Erleicherung hat es dort eine quietschblaue Faltbrücke. Irgendwie hätte es mich auch gewundert, wenn ich da als einzige Bedenken gehabt hätte.

In León spuckt mich der Bus auf dem wenig einladenden Busbahnhof aus. Mein erster Gedanke gilt einem WC. Zuerst suche ich ein WC mit Papier. Ich reduziere die Ansprüche und hätte zumindest gerne etwas mit funktionierender Klospülung statt eingetretenem Spülkasten. Letztlich sehe ich über diverse Gucklöcher in der Wand hinweg, aber nachdem auch alle Schlösser herausgebrochen sind, stellt sich bei mir akuter Harnverhalt ein, und ich streiche das Unternehmen WC todesmutig.

In der Wartehalle wuselt es nur von Pilgern. Ich komme mir, ähnlich wie in Burgos, wie ein Fremdkörper vor. Mich schüchtert ihre selbstverständliche Pilgerausstrahlung ein, verstärkt durch die Sorge, auf wieviele Pilger ich hier wohl treffen mag, wenn schon der Busbahnhof derart geflutet ist.

Mein Anschlussbus stellt mich in meiner aktuell wenig sortierten Stimmung schon wieder vor unlösbare Probleme. Es hat keine Anzeigetafel, wo genau welcher Bus abfährt, und nachdem es etwa 30 Stellplätze hat, an der laufend Busse aus- und einfahren, habe ich Sorge, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Ein älterer Spanier beruhigt mich nett, dass ich einfach abwarten solle, wo mein Bus einfährt. Er ist selber schon mehrfach den Camino gelaufen, allein das beruhigt mich. Ich stelle mich ziellos in einen größeren, wartenden Pulk, während die geplante Abfahrtszeit immer näher rückt. Mit einem Mal kommen etwa 6 Busse auf einmal, alle um mich herum laufen erleichtert zu irgendwelchen Türen. Nirgends steht etwas von Astorga, Kunststück, sehr wahrscheinlich ist das wieder nicht der Endbahnhof. Die ersten Türen schließen sich schon wieder, die ersten Busse fahren schon wieder ab (und ich würde mich am liebsten intuitiv heulend auf den Boden werfen). Da kommt noch ein weiterer Bus eingefahren. Irgendwas mit Ponferrada lässt mich neue Hoffnung schöpfen, und der Busfahrer scheint mit meinem Ticket auch wirklich etwas anfangen zu können. Madre mia. Bin ich froh, wenn ich diesen Tag hinter mir habe. Ich habe den Eindruck, dass mich pilgerische Herausforderungen wie Minusgrade, Wassermangel oder Mammutetappen weitaus weniger aus der Fassung bringen.

Noch einmal geht es im sonnigen Abendwerden an bekannten Orten vorbei, Abzweigungen nach Villar de Mazarife und Hospital de Orbigo, ich kann sogar die markanten Wassertürme sehen und werde von Erinnerungen förmlich überrollt.

Bei der Einfahrt in Astorga bin ich gespannt, wo ich wohl herausgelassen werde. Zu meiner Freude direkt am Gaudi-Palast und meiner geplanten Herberge. Und im Vorbeifahren erspähe ich sogar noch einen El Arbol Supermarkt.

Ich bin heilfroh und unendlich erleichtert, als ich zum ersten Mal astorgischen Boden unter den Füßen habe und ab jetzt endlich wieder normale, richtige Pilgerin bin. Sofort kommt auch die übliche Sicherheit zurück, während ich zielstrebig und mit weitausholendem Schritt zur Herberge strebe.

Dort werde ich heute schon wieder deutsch (und recht resolut) empfangen. Die Hospitalera drückt gönnerhaft ein Auge zu und lässt mich einchecken; nachdem die Herberge ja kommerziell ist, würden auch Buspilger genommen. Das beleidigt mich dann doch wieder einen Hauch in meinem Pilgerstolz. Bin ich heute doch brav meine normale Etappenlänge gelaufen.

Ich gehe schnell auf Einkaufstour; der Supermarkt ist Luxus, und ich erstehe meine favorisierten grünen Minipaprika sowie einen Beutel Mischsalat. Nach dem vielen Weißbrot mit Chorizo der letzten Tage lechze ich förmlich nach etwas aus der Rubrik „gesund und frisch“. Ich kaufe auch Kiwi und Sharon, höchstens etwas gebremst durch die vage Erinnerung an einen ordentlich gefüllten Beutel mit Mandarinen, den ich schon viel zu lange mit mir herumschleppe und vielleicht zuerst konsumieren sollte.

Nur einen Lippenpflegestift finde ich wieder nicht. Einen einzigen hat es, aber der hat Lichtschutzfaktor (so einen weißen habe ich selber) und ohnehin Inhaltsstoffe, die eher nach Deo oder irgendwie gesundheitsschädlich klingen. Ich stehe schon wieder ein wenig geknickt auf der Straße, als mir auf der anderen Straßenseite eine Drogerie Parfumerie ins Auge sticht. Vermutlich nicht mein Preisklasse, aber für alle Fälle spähe ich mal durch das Schaufenster, und nachdem es Waschmittelregale à la dm-Markt hat, wage ich mein Glück. Sofort springt eine alarmierte Horde von Verkäuferinnen auf mich zu (ich passe zugegebenermaßen doch nicht so ganz zum Ambiente), werde aber lieb durch den halben Laden zu den Lippenpflegestiften geleitet (ich bin begeistert von meiner spanischen Umschreibung, die offensichtlich gar nicht so schlecht war). Stolz wirft sich die Verkäuferin in Positur, es gibt Vaseline oder Labello blau oder Labello rosé. Punkt. Während ich noch geschockt schaue, guckt sie mich schon begeistert erwartungsvoll an. Vor meinem geistigen Auge öffnen sich heimische Schubladen mit 20 verschiedenen Sorten diverser namhafter französischer Kosmetikhersteller, gefolgt von Erklärungen, warum Vaseline und Labello rein gar nicht gut sind für die Lippen. Ich schüttele mich zurück in die Gegenwart. In einem letzten kläglichen Versuche frage ich, ob die denn gut sind, was die Gute weitausholend begeistert bejaht, als wäre ich taubstumm. Ich nehme schicksalsergeben Labello blau. Ob ich nicht lieber rosé möchte, der hätte noch zusätzlich Rose drin – und wäre „offerta“! Mir geistert eine Millisekunde „dumme Nuss, der ist einfach rosa eingefärbt“ durch den Kopf, lächele dann aber freundlich und dankbar. Draußen werfe ich einen Blick auf die Inhaltsstoffe – es hat tatsächlich Rose drin und stattlich viel Jojobaöl. Und das Ding duftet und schmeckt ganz göttlich. Ich fühle mich peinlich berührt wegen der „dummen Nuss“.

Ich wende mich endlich wieder dem Camino zu und betrachte die Lage. In der Herberge ist es ausgesprochen leer, von befürchteten Pilgermassen keine Spur. Nur das Wetter ist etwas moderat, wolkig bedeckt. Bin ich etwa meinem strahlenden Sonnenschein davongefahren?

Diesmal ist nicht nur der Gaudi-Palast wie immer geschlossen, sondern auch die Kirche. Dafür sondiere ich eine Messe für den Abend. Natürlich wieder nicht in der großen Kirche, aber in einem kleinen Konvent direkt gegenüber. Vorher gehe ich noch ein bisschen Stadtbummeln, wenn ich heute eh schon Buspilger bin. In einem Pilgerladen hat es meine Muschelanhänger. Eigentlich wollte ich sie wie vor 2 Jahren in der Herberge in Castrojeriz kaufen. Da diese aber geschlossen hatte, bin ich heute froh darum. Der Verkäufer ist nett, bemüht sich um Small Talk mit den Pilgern und schenkt mir einen Pilgermagnet. „Für den Kühlschrank“. Hm.

Die schönen Backwaren in den Schaufenstern sind verführerisch, ich habe aber wieder das Gefühl, eher das Ambiente zu stören, sodass ich mich lieber auf die Suche nach der Messe mache. Ich umrunde das Areal fast zweimal, bis ich endlich den recht versteckten Eingang finde. Hinter dem Kirchenschiff hat es dicke Gitterstäbe, dahinter erstreckt sich nochmal ein ähnlich großer Raum mit Bänken und auf den ersten Blick sehr vielen Nonnen. Vermutlich ist interessiertes Umdrehen und Hinstarren nicht angebracht, sodass ich es bei dem speziellen Gefühl belasse, vor einem Haufen Nonnen hinter Gittern zu sitzen.

Nach der Messe mache ich mir mein Abendessen. Leider sind die Paprikas absolut ungenießbar scharf, zumindest einige von ihnen. Nach der ersten brennt mir derart der Mund, dass ich auch kaum mehr beurteilen kann, ob die weiteren gut oder ähnlich höllisch sind. Ich esse tapfer ungefähr die Hälfte davon, aber ein Genuss ist es wirklich nicht. Auch meinem Salat fehlt es an einer zündenden Soße, er schmeckt einfach nach ziemlich schlecht abgetropft. Ich bin ziemlich bedröppelt von meinem Werk.

Die Hospitalera gesellt sich zu mir. Sie bekommt jeden Tag das Essen vom Gaudi-Restaurant geliefert und erfreut sich aktuell einer deutlich appetitlicher aussehenden Fischsuppe. Sie erzählt mir vom Hospitalera-Alltag und den Bettwanzenproblemen. Mir wird schon ganz eng, und es juckt mich fast prophylaktisch. Vor allem, weil in den Betten neben mir zwei wild verstochene Pilgerinnen sind, die sich die Wanzen in Sahagun geholt hätten. Ich habe ganz dezente Sorge, ob in den wenige Tagen seither schon alle Wanzen komplett beseitigt sind und lagere meine gesamten Sachen schon etwas paranoid an die Wand gedrängt. Meine Sorgen schürt die Hospitalera leider eher noch. Auch lacht sie sich kaputt über meine Mandarinenvorräte. Wenn ich noch Essen mit mir rumschleppen würde, wäre ich wohl einfach noch nicht lange genug gepilgert. Das kränkt nun erst recht meinen Stolz (sie hat natürlich Recht) und ich beschließe, ab morgen rigoros meine Vorräte zu dezimieren.

Neben den zwei Verwanzten kommt noch ein Deutscher an den Tisch, den ich am Busbahnhof in León schon getroffen habe. Er ist nicht besonders kommunikativ. Irgendwie tut ihm überall irgendetwas weh, deswegen hat er auch abgekürzt, was ihm nun aber auch zu schaffen macht. Als noch vermutlich seine Eltern auf dem Handy anrufen und sich über die Busnahme erstaunt zeigen, bekommt er fast schon einen Wutanfall, dass er daran jetzt ja auch nichts ändern kann.

Den Rest des Abends beschränke ich mich weitgehend aufs Zuhören und Bändelknüpfen. Ich bin ziemlich matschig, habe mich heute zu oft dem Heulen nahe gefühlt, bin nicht richtig gepilgert – und durch meine Gehirnwindungen krauchen zu viele kleine schwarze Käferchen.

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Pünktlich mit dem ersten Rascheln wache ich auf, es ist gerade mal 6:30. Bei der langen Dunkelheit morgens noch keine gute Zeit zum Aufstehen. Der Ire neben mir legt einen beeindruckenden Start hin. Nachdem er sich ja nicht umgezogen hat und nichts ausgepackt hat, liegen bei ihm nur wenige Sekunden zwischen Aufwachen und Wegsein. Meine beiden Spanier am anderen Ende des Schlafsaals sind auch schon wach; es verwundert mich langsam nicht mehr, dass sie einfach das Licht einschalten und in völlig normaler Lautstärke vor sich hinplaudern – während etwa 30 Pilger noch im tiefsten Schlaf liegen. Das regt mich schon wieder auf, genauso wie der leuchtende Euro, den der Ire auf seiner Matratze gelassen hat. Dafür, dass er jetzt ausgiebig im Vorraum vom Donativo-Frühstück Gebrauch macht.

Ich bin heute etwas schlecht gelaunt und bin vor allem nicht übermäßig sozialverträglich. Daher beschließe ich, schon mal loszugehen und mein Frühstück auf der Hochebene einzunehmen. Angel sitzt bereits im Vorraum. Er hat einen Platz in meinem Herzen, daher ist der Abschied komisch. Ich wünsche ihm alles Gute; er guckt wie üblich zur Seite, schnaubt verächtlich und sagt „lauf, lauf“. Es ist wohl unsere Form von wenig gefühlsduseligem Abschied.

In mir verbleibt ein trauriges Gefühl, als ich mich im Stockdunklen auf den Weg mache. Der Ortsausgang ist nach wenigen Minuten erreicht, es geht wieder ins Nichts. Mir ist wie üblich mulmig, und wohl zum 87. Mal erinnere ich mich, dass ich eigentlich nicht mehr im Dunkeln laufen wollte. Ich scheine ein klarer Fall für die Bachblüte Chestnut Bud zu sein – ich lerne nicht gerade schnell aus Fehlern.

Mein kleines Taschenlämpchen wirkt ziemlich verloren gegen die Dunkelheit, auch wenn ich wild von links nach rechts leuchte. Ich bleibe oft stehen und schaue hinter mich. Irgendwann taucht das sehr helle Licht einer Stirnlampe weit hinter mir auf, und ich bin etwas beruhigt. Heute ist es unheimlich kalt, trotz gesamter Wärmemontur friere ich ordentlich. Auf einem kleinen Bach, den ich überquere, ist die Oberfläche bereits gefroren gezackt. Ich komme an eine Abzweigung, an der es links einen steilen Weg nach oben geht. Irgendwie ist es mir heute wirklich sehr unheimlich, irgendwie wittere ich Hunde oder andere Tiere um mich herum und leuchte alle paar Meter panisch irgendeinen Busch an, der sich irgendwie lebendig angefühlt hat. Sehnsüchtig schaue ich zurück, wo der andere Pilger mit der Lampe bleibt. Ich sehe ihn gerade an der Abzweigung einen Moment innehalten – bis er zügig nach rechts weiterläuft. Er ist auf dem falschen Weg, aber uns trennt sicher ein halber Kilometer. Ich winke mit meinem Lichtkegel, aber der ist vermutlich viel zu klein. Und nachdem ich meistens im Dunkeln laufe und die Lampe nur nach Bedarf anknipse, weiß der andere Pilger wohl nicht einmal, dass vor ihm jemand läuft.

So laufe ich allein auf die Hochebene Alto de Mostelares; selbst der steile Anstieg macht es nicht viel wärmer. Oben stelle ich erfreut fest, dass in den letzten Jahren eine Art Unterstand gebaut wurde, unter dem ich es mir jetzt sehr schön windgeschützt bequem mache, bis die Sonne aufgeht. Ich mache ein paar erste Fotos, aber mir frieren fast die Finger ab. Ich krame mein leichtes Fleece und mein Schlafshirt heraus, um mich drauf zu setzen, aber es wird kein bisschen wärmer. Wo ich eben noch ein paar Fotos gemacht habe und wo ein paar Mülleimer stehen, rappelt es plötzlich lautstark. Nachdem ich eh schon Hundeangst habe, ist mein erster Gedanke, dass da in dem Mülleimer ein wilder Hund sein Unwesen treibt, der jetzt gleich herausgesprungen kommt. Ich scanne etwas panisch den Unterstand und ob ich mich dort irgendwo kletternderweise in Sicherheit bringen könnte. Ich kauere mich mittlerweile sehr frierend auf der Bank zusammen; mit zunehmendem Licht erkenne ich, dass überall um mich herum eine zentimeterdicke Schicht aus Reif liegt.

Es ist schade um den wirklich beeindruckenden Sonnenaufgang vor wolkenlosem Himmel, aber ich beschließe, mein Unternehmen abzubrechen. Der rappelnde Mülleimer macht mir Angst, und ich bin nah am Erfrieren. Während ich möglichst schnell weiterlaufe, klappern meine Zähne im Rhythmus zu meinen recht einsilbigen Gedanken, die nur noch aus „kalt, kalt, kalt“ bestehen.

Sicher eine Viertelstunde kreisen meine Gedanken nur um die eisige Kälte. Erst, als es wieder ein wenig den Berg hinunter geht und die Sonne hervorkommt, bin ich wieder soweit bei Vernunft, dass ich meine Regenhose auspacken kann und dadurch etwas windgeschützter bin. Plötzlich kommen hinter mir auch haufenweise Pilger. Unter anderem auch Domingo, der couragiert einen neuen Anlauf startet, mit mir zu laufen. Ich lasse mich extra zurückfallen, aber er trödelt recht gekonnt immer in meiner Nähe. Es regt mich auf.

Irgendwann bin ich wieder weitgehend allein auf weiter Flur und kann so richtig den Morgen genießen. Es ist nicht mehr so eisig kalt. Auf den Feldern hat es zwar noch eine zarte Reifschicht, aber von hinten scheint mächtig die Sonne vom mal wieder wolkenlosen Himmel und erfüllt mit Zuversicht. Wie üblich finde ich die Meseta mit ihrer Weite und ihren Kornfeldern atemberaubend schön, es bleibt mir fast keine andere Wahl, als mich glücklich und frei zu fühlen.

Nach Itero de la Vega und dem überaus malerischen Río Pisuerga kann ich dann bereits stoppen, um mich ordentlich mit Sonnenmilch einzureiben, es ist wirklich wunderbar sonnig mittlerweile. Die Neuseeländerin mit dem Minirucksack überholt mich. Ich komme an eine Stelle mit mehreren Markierungen, wo ich recht selbstverständlich den Weg gerade aus nehmen. Ich laufe schon einige Kilometer, ohne weitere Wegzeichen, und immer mehr kommen mir Zweifel, ob es der richtige Weg war. Zwar hatte es einen gelben Pfeil geradeaus, aber die Muschel auf dem Markierungsstein hat eigentlich nach links gezeigt, wenn man es genau nimmt. Außerdem erinnere ich mich an einen zweiten Wegstein auf der linken Seite – warum hätte es den haben sollen, wenn es geradeaus weitergehen würde? Ich kann einige Kilometer vor mir überblicken, es hat keine Menschenseele. So schnell kann die Neuseeländerin doch gar nicht gelaufen sein. Ich bin unsicher und beschließe, sicherheitshalber umzudrehen und mir nochmal den Weg nach links anzuschauen. Es ist ein weiter Weg zurück und ich begegne einem Haufen Pilger, die teils auch verunsichert sind. Domingo beschließt, den Weg geradeaus weiter zu gehen, einige stoppen und warten ab, während ich und der schlurfende Franzose zurück zur Weggabelung gehen. Dort hat es 10 Meter weiter links auf dem abzweigenden Weg wirklich nochmal einen Wegstein, allerdings ohne Muschel. Der Franzose ist irgendwie übermotiviert, er ist immer gleich so euphorisch. „Ah, es hat einen Wegstein, der Weg ist also richtig!“, „oh, aber ohne Markierung, er ist also falsch!“. Ich entdecke das zerschlagene Muschelemblem am Fuß der Markierung. „Ah, dann ist es also doch der Weg“. Mir geht das zu schnell, ich finde es alles komisch. Mein Begleiter ist rastlos, er versteht nicht, warum ich noch überlege. Ich bin mir nicht so recht sicher, laufe aber probehalber mit. Einige hundert Meter später hat es wirklich wieder einen brandneuen Wegstein, diesmal auch mit Muschelemblem. Jean ist hochzufrieden „eben, es ist der Weg. Alle laufen falsch“. Wir laufen eine gute Viertelstunde weiter, es hat weiter Markierungen, aber irgendwas stimmt für mich nicht. Außer uns läuft niemand diesen Weg, der Weg geradeaus scheint jedem viel wahrscheinlicher. Auf dem Weg geradeaus bin ich einem Traktor begegnet. Hätte mir der Fahrer nicht gesagt, wenn der Weg falsch gewesen wäre? Und diese zerschlagene Muschel, vielleicht war das Absicht, damit man diesen Weg nicht gehen soll? Ich kann mich auch überhaupt nicht an die Wegführung erinnern. Ich neige dazu, zurück ins Dorf zu gehen und zu fragen, diese Ungewissheit nervt mich. Selbst Jean wechselt seine Überzeugung mal wieder wie ein Fähnchen im Wind, sodass wir erleichtert sind, als auf dem Feld vor uns ein Traktor auftaucht. Jean schlurft sofort begeistert in dessen Richtung. Der Bauer hält aber nicht ab. Auch ich winke, damit er stehen bleibt. Er fährt eine Runde zu Ende, um dann herunterzuspringen und uns in einer rauchenden Lehmwolke eingehüllt zuzuhören. Er wedelt wild irgendetwas, dass der Weg hier nichts wäre. Wir zeigen ihm die Wegsteine mit dem Muschelzeichen, die wir dann nicht verstehen, aber die kennt er gar nicht. Wir sind uns nicht sicher, ob er überhaupt so richtig versteht, wo wir hinwollen. Da kommt ein Rudel Hunde den Weg entlanggerannt, gefolgt von einem kleinen, weißen Auto. Der Spanier darin kommt entschlossen zu uns herüber und wedelt uns ebenso entschlossen in die andere Richtung. Diese Markierungen wären ein Mist, die wären gebaut worden im Zuge von irgendwelchen neuen Umstrukturierungen, aber da wäre noch nie ein Camino gewesen und sie hätten auch nichts mit dem Camino zu tun. Er schüttelt den Kopf über uns, noch nie hätte sich hier jemand verlaufen. Während Jean schon wieder beharrlich querfeldein Richtung richtigem Weg schlappt, läuft der Mann mit mir mit, um mir zu zeigen, wie ich am besten zurück komme. Zaghaft frage ich, ob das Hunderudel ihm gehört und bin sehr beruhigt, als er bejaht. Es stellt sich heraus, dass er der Besitzer der Herberge im nächsten Ort ist. Die Herberge kenne ich aus Führern und Empfehlungen, sie soll sehr schön sein, und der Spanier hat trotz einer leicht ruppigen Art eine sehr angenehme Aura. Sehr gern würde ich als Dank für seinen Einsatz bei ihm übernachten, aber es liegt zeitlich nicht drin.

Kurz vor der Einmündung zurück auf den Weg treffe ich noch auf einen größeren Graben. Ich beschließe einen wagemutigen Sprung. Zwar lande ich auf der anderen Seite, allerdings auf allen Vieren, und ein Finger fängt gleich an, zu bluten. Der Haufen Lehm im Nagelbett macht mich nicht gerade glücklich, sodass ich erstmal ordentlich Betadine darauf balanciere. Schätzungsweise bin ich eine interessante Erscheinung für die Pilger auf dem mittlerweile viel frequentierten Weg. Erst komme ich irgendwo aus dem Nichts über den Berg, um dann elegant eine Bruchlandung hinzulegen, um abschließend einen halben Emergency Room in der Wildnis der Meseta zu etablieren.

Kaum bin ich ein paar Meter gelaufen, erkenne ich mit einem Mal auch schlagartig eine gewisse Baumformation wieder. Ich trage mein Stündchen Umweg mit Fassung – bzw. mit jodgetränktem Pflaster.

Auf dem Schotterweg kommt hinter mir irgendwann das Rudel Hunde angerannt, gefolgt vom Wagen des Hospitaleros. Es scheint seine Form des Gassigehens zu sein. Während 6 Hunde vorne kraftvoll vor sich hinrennen, trottet einer hinter dem Auto her. Das Auto wird langsamer, unter etwas Schlangenlinienfahren wird die Beifahrertür aufgetreten, und nachdem der müde Hund sich mit einem Sprung hineingerettet hat, schließt sich die Tür auch wieder mit Hilfe einer geübten, schwungvollen Schlangenlinie.

Vor mir sehe ich bummelnderweise Domingo entlangschlendern, was mich zu einer spontanen, ausgiebigen Mittagspause im Stoppelfeld veranlasst.

Boadilla del Camino ist ein einladendes Städtchen; irgendwie würde ich gerne dort bleiben, aber es steht ja wirklich nicht zur Debatte, und außerdem ist das Wetter heute herzallerliebst. Ich laufe weiter. Eben noch umgeben von haufenweise Pilgern, bin ich plötzlich völlig allein. Vielleicht haben doch einige Boadilla als Etappenziel genommen. Intuitiv bin ich erleichtert darüber, ich würde mich auf einen Abend ohne die Franzosen, das neu-finnische Rudel und auch ohne Domingo freuen.

Nach dem Ort geht es durch eine wunderschöne Allee; die goldgelbe Herbstfärbung vor strahlend blauem Himmel lässt mich mal wieder ein Foto nach dem anderen schießen.

Bald geht es parallel zum Canal de Castilla ähnlich wunderschön weiter. Ich bin merkwürdig glücklich und frei und genieße sehr diese Ruhe, keinen anderen Pilger weit und breit um mich zu haben. Auf dieser Strecke kommen auch noch mehr als sonst Erinnerungen an meinen früheren Camino und an José hoch. An jedem zweiten Baum habe ich ein Deja-vu und erinnere mich, wie er mir an dieser Stelle von seinen Hobbies erzählt hat, mich mit meiner Trinkflasche bespritzt hat oder gejammert hat, dass nun endlich Frómista kommen könnte. Ein Hauch von Melancholie begleitet diese durchweg schönen Erinnerungen.

Recht bald und erstaunlich mühelos erreiche ich Frómista. Eins weiß ich sicher, ich möchte nicht mehr in die bekannte, städtische Herberge. Ich habe recht ungute Erinnerungen daran, zudem lockt mich heute die Aussicht auf eine schöne Dusche und etwas nettes Ambiente mehr denn je. Mit aller Zeit der Welt recherchiere ich in meinem diversen Führermaterial und finde auch eine sehr luxuriös anmutende Herberge fast am Ortsende. Durch einen gepflegten Minigarten geht es zu einem dunkelrot angestrichenen Bau, wo mein Blick auf 7 Euro fällt; das Ganze wirkt recht paradiesisch. Ich bleibe im Türrahmen stehen und streiche einen Vorhang aus Fäden zur Seite. Eine Familie sitzt etwas entfernt an einem Tisch. Ich grüße freundlich. Sie grüßen moderat freundlich zurück, schauen mich an und kauen weiter. Ich stehe bestimmt eine halbe Minute wie bestellt und nicht abgeholt im Türrahmen, irgendwie weiß ich nicht, ob ich da jetzt so einfach hineinlaufen soll. Intuitiv warte ich wohl darauf, dass einer von ihnen aufsteht und mich fragt, ob ich hier schlafen will. Nachdem nichts dergleichen geschieht, packt mich irgendwann ein Rappel und ich verlasse das Gelände wieder schnurstracks. Ich setze mich auf die nächstbeste Bank und krame wieder meinen Führer heraus, ob es noch etwas anderes gibt. Mittlerweile hat sich offensichtlich doch einer der Inhaber bequemt, nach mir zu schauen, er schaut verwundert die Straße entlang. Aber jetzt bin ich schon beleidigt.

Ich verbringe fast eine Viertelstunde damit, in mich hineinzuhören und im Einklang mit meiner inneren Stimme eine Entscheidung zu treffen. Die innere Stimme sträubt sich komplett gegen die Luxusherberge, sie hat es nicht nötig, sich aufzudrängen. Mein Verstand versucht ihr zu vermitteln, dass die Leute ja immerhin beim Essen waren und ich ja auch einfach hätte hineingehen können oder nochmal nachfragen. Und stellt die Frage, ob es der zweifelhafte Stolz wert ist, nur deswegen in der versifften städtischen Herberge abzusteigen. Etwas anderes mischt sich aus der Tiefe meiner Gefühle zur Entscheidungsfindung – wie sehr möchte ich den Luxus und meine Ruhe? Bin ich nicht extra auf dem Camino, um Menschen um mich zu haben? Möchte ich wirklich einen Tag damit verschwenden, recht allein in einer Herberge zu sitzen, nur weil ich schön duschen wollte? So oft wie ich heute an José gedacht habe, so fällt mir auch jetzt sein lapidarer Kommentar ein, dass er immer in die städtischen Herbergen geht, ganz egal, ob sie gut sind oder nicht. Da würde einfach das ursprüngliche Pilgerleben stattfinden.

So finde ich mich letztendlich beim Einchecken in die städtische Herberge wieder – mit einem letzten kleinen Kampf der inneren Stimmen, als es auch hier 7 Euro kostet. Ich gehe duschen. Wieder fällt mein erster Blick auf die einladenden Pinkelbecken an der Wand, und neben mir keucht und stöhnt mal wieder ein vermutlich südländisches Pilgerexemplar unter der Dusche. Ich nehme es mit einer gewissen Gelassenheit, Schicksalsergebenheit und sogar Belustigung. Ich habe mich ja reiflich genug dafür entschieden.

Ich wasche schnell meine Wäsche mit eiskaltem Wasser im Hof und schreibe mein Tagebuch unter einer kleinen Pergola mit rotem Weinlaub, während die Sonne versöhnlich strahlt. Ich creme meine Füße hingebungsvoll mit Pflegecreme und ertaste meine schmerzenden Stellen am Fuß und an den Beinen und therapiere sie ähnlich liebevoll mit Arnikasalbe. Das Reißen an der Fußsohle von der Pelotte hat nachgelassen, dafür schmerzen nun die Fußknochen und ein Knie. Ich bin unerklärlich zufrieden mit meiner Entscheidung, während sich die Herberge mit bekannten Gesichtern füllt. Allein die Franzosen hört man schon wieder aus mehreren hundert Metern Entfernung, aber ich wollte es ja so.

Um 5 erkunde ich den örtlichen Supermarkt und bin hellauf begeistert von meinem opulenten Abendessen, das ich mit Blick auf die Kirche von Frómista im leicht kühlen Wind einnehme.

In der Herberge hat etwas Englischsprachiges im Bett über mir eingecheckt. Der Mann mittleren Alters sitzt bereits mit seiner deutlich jüngeren Begleiterin im Hof; duschen und waschen scheint nicht so das seinige zu sein. Statt dessen hat er sein verschwitztes T-Shirt, das bereits Ränder in allen Schattierungen zwischen gelb und hellbraun aufweist, sorgfältig auf seinem Bett ausgebreitet. Das Ding stinkt absolut atemberaubend nach Buttersäure, ganz, ganz schlimm. Ich halte es kaum mehr in dem Zimmer aus. Kurz spreche ich mit einer Koreanerin, die etwas verloren auf ihrem Hochbett sitzt und sorgenvoll ihre Füße studiert. Sie spricht sehr schlecht Englisch, wiederholt meine Sätze einfach fragend mehrere Male, scheint aber auch dadurch nicht weiter zu kommen. Ich entlocke ihr, dass sie erst vor 2 Tagen in Burgos gestartet ist, es wohl recht ambitioniert angeht, sie an beiden Fersen Riesenblasen hat und kaum mehr laufen kann (was sie aber nicht weiter zu stören scheint). Der einzige Satz, den ich lückenlos verstehe, ist, dass ihr in der Metro in Barcelona ihr Handy im Wert von 500 Euro gestohlen wurde. Sie trägt das Ganze mit einer gewissen asiatischen Gelassenheit und Freundlichkeit.

Bevor ich mich zur Messe aufmache, treffe ich noch eine Spanierin, die gerade liebevoll ihr Fahrrad mit einem Bürstchen vom festgetrockneten Lehm befreit. Radpilger hat es hier bisher wenige. Sie weiß zu berichten, dass es in Burgos heute morgen -3°C hatte. Es erklärt ein wenig mein frühmorgendliches Zähneklapperkonzert.

In der Kirche treffe ich auf die italienische Pilgerin der vergangenen Abende. Ohne sie näher zu kennen, ist es schön, den Gottesdienst mit einer Pilgerin neben mir zu erleben. Nach der Kirche ist es bereits dunkel, vor allem aber auch schon wieder eisig kalt, sodass ich in der Herberge recht direkt ins Bett und in meinen wunderbar warmen Schlafsack krieche. Hier ist niemand, den ich über alle Maßen gern habe, und nachdem ich morgen eh den Bus nehme und niemanden mehr wiedersehe, muss ich mich jetzt auch mit niemandem mehr anfreunden.

Heute ist diese Einsamkeit irgendwie in Ordnung und befreiend.

Was allerdings nicht in Ordnung ist, ist dieses unglaublich stinkende T-Shirt über mir. Ich habe die reinsten Aggressionen, warum man nicht wenigstens seine Wäsche waschen oder eine Waschmaschine benützen kann, wenn man denn schon solche Ausdünstungen aussendet. Wie es die junge Frau mit ihm aushält, ist mir rätselhaft. Ich bin total verzweifelt mit diesem Geruch und überlege, ob ich meine Matratze irgendwo in den Flur verlegen soll. Oder dieses Ding abflammen oder zum Fenster rausschmeißen. Ich buddele mich in die Tiefen meines Schlafsacks ein und atme nur noch Schlafsackinhalt, der mich zum Glück nicht derart aggressiv macht. Während ich noch überlege, ob ich damit bis morgen erstickt bin, schlafe ich auch schon ein.

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Aprilwetter ist offensichtlich auch in Spanien wechselhaft. Meine Sorgen wegen zu wenig Sonnenmilch liegen weit zurück, in letzter Zeit friere ich einfach. Und heute sieht der Himmel erstmals auch nach Regen aus.

Untypischerweise starte ich heute schon gleich mit José. Im Vergleich zu den ersten Tagen in der Meseta mit endlosem Grün, blauem Himmel und Sonnenschein, die ich ewig in mich aufsaugen könnte, hat der Weg hier eher weniger zu bieten, so dass ich wenig Gewissensbisse habe, in Gesellschaft zu laufen.

Generell mache ich mir allerdings schon viele Gedanken um diese Art des Caminos. Ich fühle mich reichlich unruhig; zum einen, weil ich niemanden kennenlerne und ich das Gefühl habe, dass mir interessante Bekanntschaften entgehen. Ich habe das Gefühl, nicht wirklich abschalten zu können und für göttlichen Input empfänglich zu sein, statt dessen bin ich hier zickig, empfindlich und leicht beleidigt wie ich es sonst gar nicht von mir kenne. Charakterlich bin ich mit José eine höchst explosive Mischung. Er ist vielleicht nicht gerade ein Frauenversteher, er hat kein Händchen dafür, kleine Verstimmungen bei mir zu entdecken (geschweige denn zu beschwichtigen). Manchmal treibt mich seine Selbstzufriedenheit und Rücksichtslosigkeit in den Wahnsinn. Ernste Gespräche von seiner Seite sind wunderschön, ernste Gespräche von meiner Seite hört er sich geduldig an, um dann standardmäßig „don’t worry, be happy“ zu radebrechen, was mich absolut auf die Palme bringt, denn was anderes hat er wirklich nicht auf Lager. Schlussendlich ist unsere Etappenplanung jeden Tag aufs Neue ein heikles Thema. Nach seiner mehrstündigen Siesta jeden Tag wirft José einen selbstzufriedenen Blick in seinen Führer und hat nach einigen Sekunden ähnlich selbstzufrieden das Ziel für den nächsten Tag beschlossen, das dann auch immer in sehr überschaubaren 20 km liegt. Für mich stellt sich dann immer das (jeden Tag größer werdende) Riesenproblem, dass ich so unmöglich meinen Zeitplan einhalten kann. Ich muss 25-30 km pro Tag machen, um Santiago zu erreichen, und mit jedem Tag, den ich wegen José verbummele, rechnet mein Unterbewusstsein beunruhigt, wo ich eventuell später noch 5 km pro Tag wieder reinholen kann. Der Versuch, José diese Problematik näherzubringen bzw. ihn eventuell mir zuliebe ein paar Kilometer weiter zu bewegen, erstickt er selbstzufrieden im Keim. Er läuft seine 20 km, und wenn ich meine, weiter zu müssen, dann muss ich das machen. „Don’t worry, be happy“, harharharharhar. Ich komme mir wie eine Schmeißfliege vor, die an ihm klebt und nicht von ihm loskommt.

Heute gibt es ausnahmsweise Balsam für die Schmeißfliegenseele; José äußert gegen 10 leicht verzweifelt, dass er jetzt wirklich in der nächsten Stadt mal etwas essen muss. Ich bin erstaunt, ob er denn nicht gefrühstückt hätte. Nein, schließlich hätte er mich dann doch nicht mehr eingeholt. So viel Zuneigungsbezeugung überrascht mich direkt.

José steuert eine Bar an, und ich biete an, auf ihn zu warten. Ich erzähle ihm von meinen diversen merkwürdigen kleinen Camino-Vorsätzen, zu denen eben unter anderem gehört, mein Essen mitzutragen und nicht essen zu gehen. (Derweil essen wir jetzt beide statt in der Bar auf einer Bank). Seinen Schokoriegel lehne ich auch dankend ab, schließlich habe ich auch so eine Art Süssigkeitenvorsatz. Baff erstaunt ist er dann noch über den Alkoholvorsatz und Handwäschevorsatz; letzterer wäre wohl der größte Verzicht für meinen kleinen Pascha. Ich kenne keinen Pilger außer ihm, der wirklich jeden Tag Waschmaschine und Trockner in Anspruch nimmt (was ja meist schon mehr kostet als die Übernachtung an sich). Mir soll es ja recht sein, so riecht er wirklich immer sehr angenehm in seiner Wolke aus Weichspüler, was man von manch anderem Pilger nicht sagen kann.

Wir laufen recht eintönig einen langen Weg an einer Straße entlang, und außer Pilgern kommt hinter uns auch ein Mann mit zwei Hunden. Die springen begeistert um uns herum, was meiner Angst vor Hunden nicht direkt entgegen kommt. Ich drehe mich nach dem Herrchen um und will einen bösen Blick loswerden, da erkenne ich, dass es sich auch um einen Pilger handelt und die Hunde definitiv nicht zu ihm gehören – und auch sonst zu niemandem. Einer der beiden Hunde ist riesengroß, eine Mischung aus Bernhardiner und Kalb, und hinter sich her schleift er gut 3 Meter einer dicken Metallkette. José kommentiert ungewöhnlich besorgt, dass das nicht gut ist, und auch mir dämmert, dass es sich hier um die berühmten wilden Hunde handelt. Glücklicherweise sind sie zwar herrenlos, aber nicht wirklich wild vom Temperament, und trotten bereits ein paar Meter vor uns her. Sie wechseln der Einfachheit halber auf die wenig befahrene Fahrstraße, und mein sonst so gelassener José ist komplett beunruhigt. Er ist ein großer Hundeliebhaber und macht sich riesige Sorgen, zumal immer wieder Autos auf der Straße auftauchen und erst im letzten Moment ausweichen. José brüllt Leuten vor uns zu, dass sie Steine werfen sollen, um die Hunde von der Straße zu bringen, und wir sind mittlerweile halb am Joggen, um sie einzuholen. Weder Autos noch Steine bringen die beiden Hunde aus der Ruhe, und kaum haben wir sie eingeholt, werden wir Zeuge, wie der kleinere Hund voll gegen ein Auto läuft. José schreit und mir wird überhaupt ganz schlecht. Der Hund rappelt sich jedoch erstaunlich unbeschadet wieder auf, und sie verschwinden seitlich in die Felder.

Mir ist danach wirklich ganz anders; dieser fast überfahren wordene Hund, José völlig außer Fassung, ganz generell der Gedanke, dass überall auf dem Camino solche Hunde rumlaufen könnten und ich morgens um 7 allein auf weiter Flur vielleicht doch kein so unbesorgtes Gefühl haben sollte… dazu beginnt es jetzt noch zu regnen. Heute stellt sich für meinen unruhigen Planungsgeist ein weiteres Mal nicht die Frage, ob ich meine Etappen einhalten soll oder meinen Stolz mal wieder an den Nagel hängen und um einen weiteren Tag an der Seite des kleinen Spaniers betteln.

Wir suchen uns eine Herberge, die von Schwestern geleitet wird. Wir bekommen Tee angeboten, für den Abend einen Pilgersegen offeriert, und die Nonne spricht sogar perfekt Deutsch. Die Herberge verfügt über eine ganz unglaubliche Küche, so dass ich kurz vor 1 noch schnell losziehe, um etwas für ein warmes Mittagessen einzukaufen.

Ich finde einen ebenso unglaublichen Supermarkt und kaufe für Ratatouille und Paella ein. Das viele Gemüse stellt eine Herausforderung dar. Man muss selber wiegen und dazu Tasten betätigen, auf denen keine Nummer, sondern nur die spanische Bezeichnung steht. Mit den kleinen Läden komme ich gut klar, da gibt es eh nur 5 Sorten Obst und 5 Sorten Gemüse, und die beherrsche ich mittlerweile verständlich. Das Supersortiment hier mit Auberginen und Zucchini und Paprika und speziellen Zwiebeln führt dagegen dazu, dass ich am Ende so ziemlich jeden anwesenden Mitarbeiter zweimal um Rat gefragt habe.

José sitzt frisch geduscht, die Wäsche fröhlich bereits im Trockner rotierend, wie immer selbstzufrieden in der Herberge und ist neugierig, was ich ihm da Schönes kochen werden. Aha. Ich werkele noch ungeduscht allein in der Küche herum, und José kommt nur ab und zu vorbei, um sich an meinem „Chaos cooking“ zu ergötzen (ich gehe das ja etwas spontaner und flexibler an als er) und anzumerken, dass er nachher gern ein paar meiner Tüten hätte. Aha.

Nach dem Essen geht er erstmal Siesta machen, während ich mir noch reichlich verfroren einen warmen Tee mache. Ich nehme einen Kuli zur Hand und gestalte eine Art Abschiedsgeschenk für José – ich beschrifte die von ihm gewünschte Plastiktüte. Obwohl wir erst ein paar Tage zusammen laufen, haben sich da schon reichlich viele Insider angesammelt, und viele Dinge, für die ich ihm dankbar bin.

Das Frieren bessert sich dadurch nicht, also versuche ich es mit einer warmen Dusche, aber zum ersten Mal auf diesem Camino hat es für mich kein warmes Wasser mehr. Die eiskalte Dusche,  obwohl mir eh schon kalt war, ist keine gute Idee. Ich verziehe mich in den Schlafsaal, der verhältnismäßig gut gefüllt ist. Viele Deutsche sind da, und ich ertappe mich dabei, beim Spanisch und Englisch mit José zu bleiben und zu hoffen, dass man mich für alles hält, nur nicht für Deutsch.

Über mir lagert eine Französin, die hellauf begeistert ist, dass ich Französisch verstehe. Sie kann sonst keine Sprache, hat seit einer Woche mit niemandem geredet, und zu allem Überfluss war sie gestern ganz allein in einer Herberge, die generell so schlecht besucht zu sein scheint, dass sich in den Decken in Seelenruhe Bettwanzen vermehrt haben – und sich begeistert auf ihr Opfer gestürzt haben. Sie hat so schweren Ausschlag, dass sie beim Arzt war. Sie sitzt gerade nur in einem T-Shirt von den Nonnen auf ihrem Bett, selbst alle Unterhosen sind in der Wäsche, um wanzenfrei zu werden. Leider liegt mein aktives Französisch Jahre zurück, und nach Spanisch mit José verwechsle ich alles ganz fürchterlich, so dass ich wenig Unterstützendes zu entgegnen habe. Mir wird nur auch wieder ganz eng beim Gedanken, ob jetzt die letzten Residualbettwanzen vielleicht gerade auf meinen Rucksack umsiedeln, und außer der Aussicht auf wilde Hunde hab ich jetzt auch noch die Vorstellung im Kopf, dass man eine dumme Herberge erwischen kann, in der man allein ist (die arme Französin konnte die Tür nicht abschließen und hat die ganze Nacht panische Angst gehabt).

Als José endlich seinen Dornröschenschlaf beendet, nimmt er ungerührt meine liebevoll gestaltete Tüte entgegen mit dem lapidaren Kommentar, ich hätte etwas draufgeschrieben. Meine Verzweiflung über die kalte Dusche kommentiert er belehrend, dass das erste, was man in einer Herberge machen muss, Duschen ist. Er hatte nämlich eine viertel Stunde eine wunderbar heiße Dusche (und mir wird klar, warum der Heißwassertank anschließend leer war). Ich beglücke ihn mit einer Gardinenpredigt über „compartir“, und dass ich mal für ihn durch Kälte und Regen gedüst bin, um ein Mittagessen für ihn einzukaufen, während er das heiße Wasser weggeduscht hat. Er trägt es mit Fassung.

Abends gehen wir wieder zusammen in die Messe in der Kirche neben der Herberge. Es ist nicht nur wirklich eisig kalt, sondern es regnet auch seit Mittag, und nachdem ich meine beiden Fleecepullis anhabe und brauche, bin ich froh, dass der Weg so kurz ist und ich meine Kleidung wieder trocken heimrette.

Ich widme mich dem Paella-kochen, während neben mir am Herd ein etwas wild aussehender Spanier werkelt. Leider verstehe ich ihn überhaupt nicht, er spricht sehr schnell und offensichtlich einen anderen Dialekt, als ich sonst gewöhnt bin. José dolmetscht mir die ein oder andere Information. Er ist Koch, kocht gerade Abendessen für 10 Leute, das macht er öfter, die Leute kennt er eigentlich auch nicht näher, aber sie bezahlen die Zutaten und er kocht. Mir gibt er auch den ein oder anderen fachkundigen Ratschlag in Sachen Paella, aber ich verstehe ihn einfach nicht und bin eher konfus.

Derweil habe ich die 497. Krise in Sachen José; nicht nur, dass ich alleine für ihn koche, sondern ich darf auch allein abspülen. Und als er wieder einen Seelenkummer meinerseits nicht ernst nimmt, sondern ungläubig begeistert seine frisch weichgespülte Wäsche hypnotisiert, schmolle ich.

Schmollen ist bei José leider denkbar ineffizient, denn er reagiert einfach nicht darauf. Vor 21:00 sitzen wir wartend in der bitterkalten Eingangshalle in Erwartung des Pilgersegens. José hat eine Decke, aber nachdem ich ja schmolle, friere ich lieber. Die fünf Nonnen kommen pünktlich die Treppe heruntergeschwebt (etwas unromantisch, aber praktisch mit mehreren Schichten Fleece- und Strickjacken bekleidet). Eine hat eine moderne Gitarre dabei, und alle strahlen tierisch, dabei sind wir gerade mal jämmerliche zwei Anwesende (und eine davon schmollt noch und weiß nicht, wie sie da wieder herauskommen soll). Eine junge Peruanerin fängt einfach mal unglaublich strahlend an, die Gitarre zu bearbeiten, und so kommen dann doch noch ein paar weitere neugierige Pilger aus dem Schlafsaal (und unter ihren warmen Decken) hervorgekrochen.

Es ist der Hammer. Die Nonnen singen durchaus moderne Lieder, sie singen unheimlich gut, und vor allem strahlen sie. Nicht nur optisch, sondern mein Herz fühlt sich an wie auf einer Wärmeplatte. Die koordinierende Nonne lädt uns ein, uns kurz vorzustellen, wer wir sind, was wir hier machen… sie beginnen bei sich selbst, und es ist schon allein sehr faszinierend, dass alle (allesamt ungefähr in meinem Alter) bis vor wenigen Jahren noch ganz normal gelebt, studiert, Beziehungen geführt haben – und nun ihren Frieden bei Gott gefunden haben. Und alles was recht ist, dass sie ihren Frieden gefunden haben, das sieht man ihnen wirklich an.

Der spanische Koch redet wie immer zu schnell, aber ich bekomme doch noch mit, dass er gerade die Kurzfassung seines verkorksten Lebens voller Drogen, Alkohol und Arbeitslosigkeit zum Besten gibt. Eine Deutsche in der Runde bricht beim Erzählen über ihr Arbeitsleben in Tränen aus, sie ist offensichtlich ziemlich mit den Nerven am Ende. Die Nonnen strahlen sie einfach unheimlich intensiv und zugleich geduldig lächelnd an, und ich fühle mich an Science Fiction Filme erinnert, in denen Menschen mit ihren Augen Feuer machen können oder ähnliches. Es wirkt hier, als ob die Damen sich wortlos einig wären „komm, diese Pilgerin hier müssen wir mal ordentlich mit Energie aufladen“. Wobei ich wieder an José und seine „Energie, Glaube, Kraft, Glücklichkeit“ denken muss, die er hier sammelt, um sie weitergeben zu können.

Den Pilgersegen singen uns die Nonnen mit Gitarrenbegleitung, und als eine Nonne herumgeht und jeden Einzelnen segnet und auch noch einen selbstgebastelten Stern dazu verteilt, bin ich nur noch am Heulen. Wenn ich grad mal was durch die satte Tränenschicht sehe, dann die 24-jährige Peruanerin an der Gitarre, die so wunderschön singt und so unendlich viel Kraft und Freude in den Augen (und in der Stimme) hat. Diese Nonnen scheinen Gott ganz eng bei sich zu haben, und das dürfen wir verirrte Pilgerschäfchen an diesem Abend auch spüren. Ich fühle mich, als würde mich Gott hier und jetzt aus 5 Augenpaaren anlächeln und sagen „hey, Du schaffst alles, ich bin bei Dir“. Und das überfordert mich im Moment emotional ein wenig.

Ich bin eine Mischung aus „Totalschaden“ und „zutiefst bewegt“, als ich ins Bett gehe. José ist ungewöhnlich besorgt über meine Darbietung und lässt sich sogar zu einem versöhnlichen „Gute Nacht“ hinreißen, obwohl ich ja immer noch schmolle.

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In dieser Nacht wird mir schmerzlich bewusst, dass mein wunderbarer 9-Euro-Schlafsack mit 800g zwar eine ganz tolle Investition für den Camino im Herbst war, es jetzt im April aber deutlich andere Temperaturen hat. So wache ich mitten in der Nacht reichlich verfroren auf. Gut eine halbe Stunde bleibe ich liegen und überlege, ob ich aufstehen und von den anderen leeren Betten eine Decke holen soll. Nachdem mein Bett gewaltig quietscht, bin ich aber versucht, mich erst einmal mit autogenem Training warm zu denken, um den friedlich schnarchenden José nicht aufzuwecken.

Irgendwann siegt die Vernunft, ich springe möglichst mit nur einmal Quietschen aus dem Bett und schnappe mir, wenn schon, denn schon, gleich drei Decken. Mit denen schläft es sich nach einer Weile auch schön warm, auch wenn das Gesäge aus dem Nebenbett eher hinderlich ist.

Gegen 7 Uhr morgens dämmert nicht nur der Tag, sondern auch mir dämmert, dass ich eventuell etwas zu rücksichtsvoll geartet bin. Kaum ist José nämlich wach, gähnt und reckt und streckt er sich lautstark ächzend, um dann (nach 2 Minuten quietschend im Bett Herumwälzen) fluchend nach seinen Schlappen zu suchen. Dass man Füße auch anheben kann, ist wohl noch nicht zu ihm durchgedrungen; er schlurft höchst geräuschvoll zur Tür, um mit brachialer Gewalt den Türgriff herunterzuknallen, die Tür aufzureißen und wieder zuzuknallen und ähnlich in den nebengelegenen Waschräumen zu verfahren. Ich bin nicht nur hellwach, sondern auch komplett wütend.

Ich beginne, meine Sachen ähnlich brachial in den Rucksack zu stopfen, um möglichst schnell hier weg zu kommen. José versteht die Welt nicht mehr, aber das kümmert mich jetzt auch nicht. Ich verabschiede mich kurz und prägnant und schließe dieses Kapitel mit ziemlich viel Wut im Bauch ab. Heute plane ich 40 km, und den rücksichtslosen kleinen Spanier sehe ich nie wieder.

Ich bin als eine der ersten unterwegs, und der Weg ist wieder unheimlich schön. Auch wenn es noch eher kalt ist, scheint die Sonne bereits. Alles ist komplett einsam und still, und die leichte Anhöhe, die vor mir liegt, lässt meine Füße schon freudig zucken. Endlich wieder aufwärts Wandern.

Ein Pilger von gestern überholt mich. Er läuft immer über 40 Kilometer und hat sich gestern abend auch wie immer 2 Schmerztabletten eingeworfen – damit wenn Muskelkater kommt, er ihn nicht spürt. Er plaudert ein wenig hektisch und kramt überall da hektisch seine Kamera aus, wo er mich von weitem ein Foto hat machen sehen. Hektisch freut er sich, dass ich dann ja vielleicht auch sein Mammutpensum laufe, und in zackigem Tempo stürmt er das Berglein hinauf. Mir ist das irgendwie zu blöd. Ich bin hier zum Pilgern, Relaxen und Genießen, und der Knabe hier hat für mich die falschen Schwingungen. So lasse ich ihn dann gerne alleine ziehen und gehe den Hügel in meinem Tempo an.

Oben ist es wunderschön, man hat einen weiten Blick über die halbe Meseta und auf Castrojeriz. Ich hole mein Frühstück nach und genieße ganz bewusst meine Ruhe, dass ich mich nicht hetzen muss und mein eigener Chef bin. So inmitten der frühen Sonnenstrahlen überkommt mich auch plötzlich eine Ruhe und Gelassenheit, die mir seit gestern ein wenig gefehlt hat, und meine Wut auf José lässt von Minute zu Minute nach.

Als ich von meinem Ausguck einen einzelnen Pilger die Steigung hochkommen sehe, bin ich so weit, dass ich hoffe, dass es José ist.

Er ist es wirklich, aber er hält nur kurz an, weil er die morgendliche Gunst der Stunde nutzen muss. Da rennt er seine 6 km/h, weil er weiß, dass er gegen Mittag einbricht. Komische Theorie. Ich laufe lieber immer gleichmäßig, manchmal vielleicht etwas bedächtiger, aber eigentlich in einem Tempo, in dem ich ewig weiterlaufen könnte.

Im nächsten Dorf strahlt mir nach zwei Stunden von der Veranda der einzigen Bar mein kleiner Spanier entgegen, der mal wieder ausgiebig frühstückt, seine Füße liebevoll einpudert (den Moment des Lufttrocknens habe ich diesmal wohl schon verpasst) und jetzt aber auch schon wieder aufbruchbereit ist. Man könnte meinen, er hätte auf mich gewartet.

Wie abgesprochen laufen wir von da an wieder zusammen weiter. Meine 40 km habe ich für heute verbannt. Ich denke zwar immer noch, dass ich sie laufen könnte, aber für heute fehlt mir der aggressive Ehrgeiz, mir oder José etwas beweisen zu müssen. Ich freue mich einfach über das Kichern und Gackern mit José. Allein schon das Reden über Musik ist ein Angriff auf die Lachmuskeln, weil er alles Englische so katastrophal falsch ausspricht, dass es langes Rätselraten braucht, bis ich Pruss Pinkstinn oder Dipp Pöppel zuordnen kann.

In Fromista angekommen nehmen wir Platz auf dem Rasen vor der weitbekannten und berühmten Kirche, auf der wie überall Störche nisten und klappern. Die Herberge öffnet erst später, und da Sonntag ist, halten sich auch die Einkaufsmöglichkeiten in Grenzen.

José kramt mal wieder in seiner Schublade der großen dunklen Augen, der tiefen Stimme und den göttlichen Schwingungen, als er mir eine Abhandlung über den Sinn des Pilgerns offenbart. Im Wesentlichen geht es um das Schöne am „compartir“, am Teilen. Und das liegt gerade nahe, nachdem er sich faul in Bars zu ernähren pflegt und ich mit krankhaftem Hamstertrieb immer Vorräte für 2 Tage im Rucksack mitschleppe. Die dezimieren wir jetzt rasant gemeinsam.

Endlich macht die Herberge auf, und außer uns wartet eine stattliche (durchweg männliche) Pilgerschar. Vielleicht fällt mir deswegen diesmal so deutlich auf, welche Vorzüge getrennt geschlechtliche Badezimmer haben. Hier ist dem nicht so, die Pinkelbecken sind plakativ direkt neben den Waschbecken und nicht zu übersehen. Auch der keusche Blick in die andere Richtung bringt dank Spiegel wenig Erleichterung. Der männliche Pilger an sich scheint eng verwandt mit meinem José, auch hier wird ausgiebig geächzt und gestöhnt. Die zwei Duschen sind heiß begehrt, sodass man sich schon vor dem Vorhang wartend auszieht, für die Herren der Schöpfung kein Problem, man ist ja quasi unter sich. Auch wenn ich sonst wenig heikel bin, das trägt nicht zur inneren Ausgeglichenheit bei.

Dazu rächt sich mal wieder, dass ich seit meiner Ankunft in Spanien entgegen meiner sonstigen Prinzipien nur mit einer Person zusammenhänge. Ich kenne keinen Menschen hier, und der gute Spanier widmet sich intensiv seinem Lieblingshobby namens Hospitaleras bespaßen. Ich entdecke untrüglich Eifersucht bei mir, und das geht ja überhaupt nicht.

Die Stimmung hebt sich nicht enorm, nachdem ich auch keinen Supermarkt finde, mich meine leeren Vorräte hibbelig machen, meine Gesprächspartner heute alle irgendwie der Prototyp meines persönlichen Antipilgers sind, es reichlich kalt windet und sich in der Herberge mittlerweile so etwa 40 Männer für meinen Geschmack daneben benehmen.

José trollt sich frohgemut in ein Restaurant zum Abendessen, während ich eine Messe suche. Leider hat eine weitere Kirche zwar offen, aber Messe ist Sonntag Abend definitiv nicht mehr. Dafür entdecke ich eine wunderbare Bäckerei, die wie durch ein Wunder geöffnet hat. Ich bekomme frisches Brot und sogar ein Vanillegebäck für den nächsten Morgen, und auf dem Rückweg erstehe ich noch gebrannte Mandeln auf einem kleinen Jahrmarkt.

Ich bin schon wieder völlig mit der Welt im Lot, als in der Herberge zwei durchaus knackige Radpilger das Bett neben mir bevölkert haben. Sie sind aus Italien, und wie sich nach wenigen Sätzen herausstellt, sind sie unheimlich lustig und unterhaltsam. Einer spricht sehr gutes Englisch, der andere eher ein bisschen weniger, dafür Spanisch, und sie machen sich eine Spaß daraus, mit mir ganz schnell kleine Gemeinheiten über den anderen auszuplaudern und sich gegenseitig auf die Schippe zu nehmen.

Als mein kleiner Spanier vom Essen kommt, wird der in diesem aufgedrehten Stil auch gleich mitbehandelt. Leider denkt der eine Italiener, dass José kein Englisch versteht, José dagegen fühlt sich sicher, auf Spanisch seinen Unmut über diese für seinen Geschmack unangebrachte Gesellschaft zu äußern. Mir ist das völlig wurst, als ich die Parteien aufkläre, dass jeder alles verstanden hat; ich bin einfach völlig entspannt und glücklich, wie gewohnt Kontakte zu knüpfen, Sprachen zu radebrechen und nette Menschen mit strahlenden Gesichtern und voller Energie um mich zu haben.

Und dass die beiden keine allzu verachtenswerten Gigolos sind, sieht selbst José ein, als sie sich mit ihren Digitalkameras zu mir aufs Bett setzen, um mir ihre Familien zu zeigen. Ich bekomme stolzgeschwellt etwa 400 Bilder Francesca gezeigt, und der Papa ist so stolz, dass er selbst Tränen in die Augen bekommt, wenn es sich nur um Francescas Fuß oder Francesca von hinten handelt. Als dann auch noch das Telefon klingelt und der Papa gar nicht merkt, wie er mit voller Wucht gegen das obere Stockbett kracht, sondern gleich weiter in den Gang sprintet, wo er auf und ab läuft und ungefähr 20 x einfach nur vor Freude „Francesca!!!“ in den Hörer brüllt, ist selbst José versöhnt, denn Familie bedeutet ihm alles, und wem es genauso geht, der kann wohl kein schlechter Mensch sein.

Während ich noch die netten Italiener genieße, bevor sie auf ausgedehnte Kneipentour gehen wollen, macht sich José schon bettfertig und legt wortlos einen Packen mit drei Decken an mein Fußende, die er bei den Hospitaleras organisiert hat, weil ich doch so friere. Das finde ich jetzt wieder unheimlich süß, sodass ich die beiden Herren verabschiede und mich noch zu José ans Bett setze. Wir reden über Familie und Charakter und Lebensziele; man kann einfach wunderbar mit ihm reden.

So schlafe ich nach einem reichlich durchwachsenen Tag voller kleiner Wutanfälle und Frustrationen und kleiner Kämpfe mit mir selber noch völlig ausgeglichen und ausgesöhnt ein.

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