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Archive for Juni 2009

Epilog April 2009

Das Gefühl, von Engeln getragen und begleitet zu werden, hat zum ersten Mal auch nach dem Camino nicht nachgelassen.

Als ich zu Hause meine Emails abgerufen habe, war der Camino direkt in meiner Wohnung.

Ganz besonders gefreut habe ich mich über eine Mail von Sanne. Als ich ihr zurückgeschrieben habe, wurde daraus ungewollt eine seitenlange Mail, und das Gleiche kam von ihr zurück. Auf dem Camino haben wir wortlos ein gewisses Verständnis gefühlt – und dass es kein trügerisches Gefühl war, hat sich hinterher bewahrheitet. Wir befinden uns wohl auf einer ähnlichen Suche.

Von Sanne weiß ich, dass Marco gleich nochmal einen Camino drangehängt hat. Immer noch auf der Suche nach der Antwort auf seine Frage. Und wahrscheinlich immer noch grashalmkauend und in sich hineinspürend. Es würde mich nicht wundern, wenn sich ihm die Antwort irgendwann in Form eines gemeinsam strahlenden Sonnenuntergangs zeigen würde. Ich denke, er wird mir irgendwann schreiben, wenn er seinen Flow gefunden hat. Und ich freue mich darauf; ich weiß, er wird ihn finden.

Von Kristian habe ich direkt danach eine kurze Mail bekommen, dass er nun gerade in Madrid ist und ihm erst dort aufgefallen ist, was der Camino an ihm bewirkt hätte, „wow“. Ich habe bis heute nicht erfahren, was ihm nun aufgefallen ist. Aber es wäre ja auch einfach nicht Kristian, wenn er nicht chaotisch, unberechenbar und etwas verplant wäre. Er wird immer einen Platz in meinem Herzen haben, und ich wünsche ihm von ganzem Herzen, dass er irgendwann sein girl und seine Kinder und seinen Platz im Leben findet.

Jelle ist nach wie vor mein Fels in der Brandung. Letztes Jahr hat er seine und meine Rucksackmuschel zusammengebunden und an meinem Lieblingsplatz in Muxía dem Meer übergeben. Er glaubt, dass uns das für immer eine besondere Verbindung haben lässt. Ich glaube nicht, dass wir dafür Muscheln brauchen.

Zu guter Letzt habe ich bei meiner Heimkehr auch von meinem Chef eine Mail vorgefunden – mit der etwas irritierten Frage, ob ich denn wie geplant wieder zum Arbeiten komme. Über die Homepage hätte sich jemand gemeldet mit „Schöne Grüße aus der Notaufnahme in Santiago, wollte mich nach dem Zustand der Patientin erkundigen“. Zwei Tage später hatte ich dann auch noch einen süßen handgeschriebenen Brief im Briefkasten, mit der Frage, wie es denn meinem Bein geht und wie ich die lange Rückreise überlebt habe. Mein Bein hat sich wunderbar entwickelt, aber ich schreibe immer noch täglich mit meinem Engel aus der Notaufnahme. Ich habe keine Ahnung, warum, aber es fühlt sich an wie Camino pur –  bewegend, wunderschön und magisch…

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Ich wache vor 7 auf und treffe Sanne im Waschraum. Sie hat mir gestern von ihrem Santiagokoller erzählt und dass sie heute einfach ganz früh auf den Flughafen will und schauen, ob sie bereits heute hier wegkommt. Ihr Flieger geht offiziell erst in 2 Tagen, und ich verstehe sie nur zu gut. Auch ich bin sehr ungern in Santiago. Zu schnell verblasst das Pilgern und rücken die Touristenbusse, die Läden mit „No pain, no glory“-T-Shirts und die Feierstimmung in den Vordergrund. Die ganze Magie, das persönliche Erleben weicht ein bisschen einem Gefühl, mit dem zumindest ich nichts anfangen kann.

Noch dazu verschwindet die bekannte Pilgerfamilie von einem Tag auf den anderen. Ein oder zwei Tage in Santiago sind herrlich. Man kann auf der Plaza sitzen und trifft im Minutentakt Leute wieder, die man vielleicht vor 2 Wochen mal gesehen hat. Aber schon am dritten Tag treffen völlig fremde Gesichter ein, liegt der eigene Camino zu weit zurück. Man fühlt sich ausgeschlossen und überflüssig.

Zwischen Haarbürste und Zahnpasta schaut mich Sanne mit großen Augen an und sagt ehrfurchtsvoll „Dein Freund stinkt aber echt!!!“. Da bin ich froh, dass das endlich auch mal jemand so sieht. Mit genauso leuchtenden Augen fragt sie dann, ob ich ihn denn gesehen hätte. Ich erinnere mich an den gestrigen Fußgeruch im benachbarten Schlafsaal (heute morgen hatte ich für einen Moment auch den Hauch einer Erinnerung in der Nase) und nicke. Sie meint, nein, bei uns im Schlafsaal. Hoppla, das ist mir neu. Sie meint, in der Nacht! Er hätte an meinem Bett gesessen. Schreck lass nach, das ist mir nun wirklich entgangen. Sie erklärt, dass sie davon aufgewacht sei, wie er plötzlich an ihrem Bett gesessen hätte und auf sie eingeredet hätte. Irgendwann hätte sie ihre Ohrstöpsel herausgenommen und ihn angeschaut, da hätte er sich entschuldigt, dass er das falsche Bett hätte und gefragt, wo denn die „chica“ sei. Sanne hätte vermutet, dass er damit mich meint und auf das Bett gegenüber gezeigt. Er wäre dann dort hinüber gezogen. Sie hätte ihn eine Weile aus den Augenwinkeln beobachtet, etwas besorgt, was er im Schilde führt. Er hätte mit mir gesprochen und dann noch etwa eine halbe Stunde einfach an meinem Bett gesessen. Zu schade, dass ich davon kein bisschen mitgekriegt habe.

Zurück im Schlafsaal bei beginnender Helligkeit sehe ich die lustige Bettenkonstellation der Nacht. Links von mir hatte sich Sanne das Bett genommen, Jelle rechts von mir. Und direkt daneben liegt eine Wolldecke chaotisch übereinandergetürmt, aus der unten ein dicker, einbandagierter Fuß ragt.

Jelle ist schon wach. Ich habe ihm schon vor dem Camino gesagt, dass ich diesen Camino allein machen will. So weiß er auch, dass ich den Tag jetzt nicht mit ihm verbringen werde. Es tut mir zwar sehr leid, dass er seine Pilgerclique extra wegen mir kurz vor Ende verlassen hat und nun noch keine Menschenseele hier kennt, aber ich weiß auch, dass er mich versteht. Und wir wissen beide, dass ein Tag mehr oder weniger unsere Freundschaft nicht beeinträchtigt. Wir frühstücken gemeinsam, dann geht er mit seinem gesamten Gepäck Richtung Kathedrale, um seine Freunde willkommen zu heißen. Er ist den ganzen Camino in einer festen Gruppe von 7 Leuten gelaufen, die sich am ersten Tag zufällig gefunden haben. Seitdem sind sie jeden Tag zusammen gelaufen, haben in der gleichen Herberge geschlafen, zusammen gekocht und anscheinend sehr viel Spaß gehabt. Jelle strahlt ununterbrochen über beide Ohren, insofern war es für ihn genau das richtige. Ich dagegen bin froh über meine eher ruhige, besinnliche Variante.

Ich widme mich meinem Camino und setze mich zu dem Deckenknäuel ans Bett. Mir ist schleierhaft, wie Kristian atmet, denn die Decke schließt hermetisch um seinen Kopf ab. Ich ziehe und zerre eine Weile. Kristian reagiert, wie man auf der Straße wohl reagiert, wenn jemand einem im Schlaf die Decke wegzieht, er ist von einer Sekunde auf die andere hellwach und kampfbereit. Er scheint mich aber zu erkennen, allerdings macht er unwillig gleich wieder die Augen zu und zieht die Decke über den Kopf. Ich suche unter der Decke nach seiner Hand, aber er ist offensichtlich übellaunig. Irgendwann fragt er extrem verkatert, warum ich gestern gegangen wäre. Ich hatte ihm eigentlich extra noch ein Briefchen geschrieben, mich für meinen Abgang entschuldigt und erklärt, dass ich mit ihm unter Alkohol einfach nicht klarkomme. Und hoffe, dass wir heute noch einen schönen letzten Tag zusammen haben können. Er trennt sich irgendwann von seiner Decke, starrt bockig und abgrundtief enttäuscht an mir vorbei, fragt noch mehrmals „why?!“, weiß nicht, ob er jetzt noch etwas mit mir machen will und streift gedankenverloren mein Bändel ab. Er weiß auch nicht, ob er das jetzt noch tragen will. Das wiederum macht nun mich ziemlich geschockt und betroffen. Ich wollte ihm doch nicht weh tun. Er faucht mich an, ich soll ihn jetzt doch einfach mal zwei Minuten in Ruhe lassen. Er knallt mir 10 Euro und seinen Ausweis hin, ich soll ihn nochmal für eine Nacht einbuchen.

Mache ich brav, und als ich wiederkomme, schaut er mir schon wieder in die Augen und lächelt verschmitzt wie immer. Er ist abmarschbereit, und meine vorsichtige Frage, ob er nicht mal duschen will, verwundert ihn zutiefst. Nicht nur sein Fuß riecht jenseits von Gut und Böse, er riecht mal wieder versoffen und verraucht, und mittlerweile riecht auch seine Hose höchst wechselbedürftig. Mit Andeutungen komme ich wohl nicht weiter, aber selbst als ich ihn plastisch drauf anspreche, schnüffelt er nur gelenkig und interessiert an seinem Unterschenkel, um mit ehrlichem Erstaunen und freudigem Lächeln zu sagen, dass er da nichts riecht. Wie könnte ich ihm jemals böse sein.

Ich schließe meinen Rucksack bei ihm im Schrank ein, und wir gehen Richtung Kathedrale. Auf Parador hat er wieder keine Lust, er möchte etwas Herzhaftes. Ein Glück, dass ich gerade wieder Salami und Baguette dabei habe. Wir frühstücken im Park vor der Herberge, reichlich ungemütlich, denn es ist bewölkt und nieselt. Kein Traumwetter in Anbetracht der Tatsache, dass ich mich bis zum Abend draußen rumtreiben sollte.

Kristian liefert heute nochmal das volle Programm an erheiterndem Wahnsinn. Sein Blick schweift routiniert an den Straßengräben entlang, und ich bemerke sein freudiges Zucken beim Anblick einer denkbar verwitterten, offenen und zugegebenermaßen immerhin mit einer bräunlichen Flüssigkeit halb gefüllten Colaflasche unter einem Mülleimer. Glücklicherweise lacht selbst er, wenn ich ihn davon wegzerre und sage, dass er nicht so fucking eklig sein soll.

An einer Straßenecke gibt es dann kein Halten mehr, er hat mit Kennerblick einen Müllsack als Altkleidersack identifiziert und wühlt begeistert darin. Grässliche abgewetzte, bunt karierte Söckchen bietet er, ganz gentleman, zuerst mir an. Ich gucke ihn wohl etwas entgeistert an, woraufhin er sie schulterzuckend in seiner Tasche verschwinden lässt. Er findet noch einen Strickpullover mit braunen Streifen, den er sich begeistert über den Kopf zerrt. Mit viel Gewalt bringt er ihn fast bis zu seinem Gürtel. Beim Loslassen schnappt er wieder auf kurz unter Brusthöhe zurück. Kristian strahlt unendlich glücklich und stolz – und wird nur durch meinen Blick aus der Bahn geworfen. Er interpretiert ihn dahingehend, dass er den Pulli erst mir hätte anbieten können, dabei bin ich noch total unschlüssig zwischen Schock, Verzweiflung und Staunen. Ich entscheide mich letztlich wie so oft dafür, dass ich meinen kleinen Chaoten einfach über alles liebe und er einfach wunderbar ist.

Wir stehen im Nieselregen, als ihm einfällt, dass er mir seine Lieblingslieder verraten will. Die wären so persönlich, dass er sie erst nach einem halben Jahr überhaupt mal jemandem verraten hätte. Und ich wäre es wert, sie zu erfahren. Sie sind offensichtlich so exotisch, dass er sie mir aufschreiben muss, und zu diesem Zweck verschwindet er kurz in einem Geschäft. Ich suche mir einen trockenen Unterstand und warte und warte. Kristian taucht nicht mehr auf, ich finde ihn auch in keinem Geschäft und nirgends in den Straßen. Zu Bedauern mischt sich allerdings auch eine gewisse Frustration und Genervtheit. Mit Kristian unterwegs sein ist höllisch anstrengend, er geht ständig verloren, sieht irgendeinen Mülleimer, hat irgendeine Eingebung, steht geistesabwesend mit Blick an eine Mauer oder bleibt sehr gerne mitten auf der Straße selig lächelnd stehen, weil er gerade ein Kind sieht und Kinder über alles liebt… ein Sack Flöhe lässt sich definitiv einfacher hüten.

Ich gehe in die Kathedrale, und unglaublich, dort hängt auch bei genauerem Hinschauen noch der mächtige Botafumeiro. Ich kann mein Glück kaum fassen und suche Kristian, den ich auch wirklich in einer Seitenstraße zufällig erwische. Ich trommele ihm vor Begeisterung strahlend den halben Brustkorb ein. Sein erster Tipp ist „Du bist schwanger?“, gefolgt von „Du heiratest?“. An Stelle drei rangiert dann schon der Botafumeiro. Aber statt sich zu freuen, verzieht er das Gesicht, guckt an mir vorbei und meint abwesend, dass er nicht glaubt, dass er da mitgeht. Ich verstehe gar nichts, merke nur, dass mein Enthusiasmus in Sekundenschnelle zusammengebrochen ist. Er hat das Gefühl, dass das eh eher was für mich ist.

Er möchte mir etwas im Internet zeigen, so humpeln wir ewig suchend durch den Nieselregen. Als wir endlich ein Internetcafe gefunden haben, liest er erstmal minutenlang seine Mails. Ich komme mir irgendwie doof vor, ich kann noch nicht mit der Enttäuschung auf seine Reaktion umgehen. Ich verabschiede mich Richtung Kathedrale, er weiß ja, wo er mich findet.

Jelle sitzt schon auf dem gleichen Platz wie letztes Jahr. Damals haben wir uns an den Händen gehalten, während der Botafumeiro rauchend und gewaltig an uns vorbeigeschwungen ist. Es war mit einer der emotionalsten Momente unserer Freundschaft, und ich werde mich dieses Jahr sicher nicht wieder an den gleichen Platz setzen.

Ich setze mich auf die gegenüberliegende Seite in die erste Reihe im Seitenschiff, Gangplatz, absoluter Premiumplatz für den Weihrauchkessel. Ich bin erleichtert, als die beiden Dänen kommen, die Jelle hier zum ersten Mal wiedersehen. Sie setzen sich zu ihm, und ich weiß ihn gut aufgehoben. Ich schaue mich ständig um, wo Kristian denn bleibt. Mit Blick auf den Weihrauchkessel, wie er so in der Höhe hängt, muss ich an Sanne denken, die jetzt sicher schon hoch über Santiago in einem Flieger nach Hause sitzt. Kaum habe ich den Gedanken zu Ende gedacht, kommt sie mir strahlend entgegen. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Sie war morgens auf dem Flughafen, aber es hätte keinerlei Flüge mehr gehabt, und da hätte sie eben (mal wieder!) gespürt, dass sie doch noch in Santiago bleiben soll. Und das tut sie jetzt ohne jede Bitterkeit. Sie strahlt, dass wir nun doch noch den Botafumeiro bekommen.

In mir macht sich immer mehr Leere breit; ich halte nach Kristian Ausschau, erst mit der Sorge, wohin er sich setzen soll, nachdem nun Sanne auf seinem Platz sitzt und sich die Kirche massiv füllt. Viele Leute stehen sogar schon. Mit Beginn der Messe überwiegt aber dann das Gefühl, dass er einfach gar nicht kommt. Auf eine gewisse Weise ist es ein Herzenswunsch, in der Kathedrale mit meinen Liebsten den Weihrauchkessel zu erleben. Das weiß er, und er erfüllt ihn mir nicht.

Die Messe ist ein würdiger Abschluss, die Kathedrale ist zum Bersten gefüllt, Sanne neben mir schnieft würdig ergriffen schon bei der Messe, und als dann noch die bekannten 8 Männer zu den schweren Seilen gehen und den Kessel kraftvoll in Schwingungen bringen, bis er in Wahnsinnstempo an uns vorbei bis unter die Decke der Kathedrale saust und raucht, ist die Stimmung perfekt.

Für mich bleibt es vor allem eine Messe ohne Kristian.

Ich möchte allein sein und ziehe mich unter die Torbögen gegenüber der Kathedrale zurück. Warum liegen auf dem Camino Schmerz und Freude immer so nah beieinander.

Wie auf Kommando erscheint Kristian strahlend vor mir. Er war im Parador Mittagessen und ist sehr zufrieden mit sich und der Welt. Als ich ihn frage, ob er nun genügend Rache für gestern Abend genommen hat, zuckt er etwas schuldbewusst die Schultern. Er meint aber lapidar, dass es so für mich besser gewesen wäre. Vermutlich hat er recht.

Direkt auf dem Kathedralenplatz bekomme ich mein versprochenes Lied. Es ist ein norwegisches Lied, ein Lied von Sehnsucht und Sorge, welches Seefahrer wieder zu ihren Liebsten heimführen soll.

Danach will Kristian weg aus dem Zentrum, und so laufen wir im Nieselregen ziellos durch die Gegend. Eigentlich sollten wie beide besser unsere Beine schonen, und ich habe meine einzig trockene Ausrüstung an, die Regenjacke lagert praktisch in der Herberge. Wir frieren in einem Park und unter einer Art Wohnwagen (immerhin trocken), und ich bin irgendwann einfach zu müde. Müde von der eher schlaflosen Nacht, müde von dem schmerzenden Bein, müde von der zu langen Zeit in Santiago, aber auch müde von zu viel Zeit mir Kristian. Langsam sehne ich mich wieder nach einem Stückchen Kontinuität, Verlässlichkeit und Vorhersehbarkeit. Mir brummt der Kopf vor lauter seinen Einbrüchen in Gefängnisse, weil das interessant ist, seinen Freunden, die Polizisten in die Beine beißen, dass er nachts gern Alpträume hat, weil es spannender ist.

Nachdem Kristian ohnehin nochmal ins Internet will, verabschiede ich mich schweren Herzens in die Herberge. Zwar sind es die letzten Stunden mit ihm, aber wir gehen uns nur auf den Geist, und ich bin im Moment auch alles andere als spritzig spannend interessant. Mit schlechtem Gewissen mogele ich mich durch den Eingangsbereich, offiziell bin ich ja kein zahlender Gast mehr. Aber das sieht man mir offensichtlich nicht an.

In der Herberge ist großes Hallo, Jelle hat seine Clique gefunden und sie überzeugen können, kollektiv in dieser Herberge abzusteigen. Sie haben definitiv sehr viel Spaß und sind ordentlich laut.

Ich schlafe ein bisschen. Als ich wieder aufwache, ist auch Kristian aus der Stadt zurück. Er bemerkt, dass er glaubt, dass wir nicht heiraten werden.

Ich mache mich gegen 17.00 nochmal auf den Weg zur Kathedrale. Ich möchte noch ein letztes Mal von dem Platz davor Abschied nehmen, ein letztes Mal im Parador essen, und dann zu meinem Bus gehen, der um 21.00 startet. Außerdem suche ich Jelle, um mich von ihm zu verabschieden. Kristian will wieder alles 5 Minuten anders, sodass ich einfach alleine losgehe. Ich habe tierisch Santiago-Koller, bin genervt, gereizt und mürbe. Es tut mir leid, dass er das nun abkriegt.

Gegen 6 sitze ich wieder am Garagentor vor dem Parador, ich bin die erste. Allerdings kommt ein paar Minuten später eine Gruppe von recht lauten und größtenteils recht deutschen Männern. Sie sind zu neunt, das heißt, wir sind komplett. Irgendwas an ihrer Art passt mir nicht, und ohne irgendein bekanntes Gesicht will ich eh nicht Abendessen. Sanne kommt kurz darauf, sie ist auch ziemlich enttäuscht, dass es nun nicht mehr wird mit unserem Abendessen. Selbst Kristian kommt zu einer an sich ausreichenden Zeit. Ich biete ihm kurzentschlossen meinen Platz an, aber er hat heute wieder seinen Weltverbesserertag und möchte jemanden essen lassen, der es nötiger hat. Er humpelt schon wieder ohne weiteres Kommentar davon, ich kriege hier noch die Krise. Mein Bein möchte endlich seine Ruhe und hochgelegt werden, und statt dessen muss ich jetzt halb Santiago abrennen, um meine Leute zu finden und zumindest „tschüss“ zu sagen.

Kurzerhand buche ich Sanne zum Abendessen ein, es scheint ihr nichts auszumachen, mit dieser komischen Truppe zu essen. Ich sage ihr, dass ich an der Kathedrale auf sie warten werde, bevor ich auf den Bus gehe. Kaum habe ich Kristian fast wieder eingeholt, erspähe ich Jelle mit seinem Harem.

Zum Abschied setzen wir uns nochmal auf meinen Lieblingsplatz, mitten auf dem Platz, zu der Steinmuschel im Boden. Jelle strahlt einfach überglücklich, er hat seine Freunde wieder, er hatte einen wunderschönen Camino, er hat mich wieder. Und wie immer hat er eine entwaffnende Art, er ist der geborene aufmerksame Zuhörer. So breche ich nach ein paar Sätzen in Tränen aus und schütte ihm mein ganzes Herz aus, meine ungelösten und ungeklärten zwischenzeitlichen Eingebungen, meinen Santiagokoller, dass ich einfach endlich heimwill, wieder Normalität, dass Kristian mich überfordert und mir grade insgesamt alles zu viel ist. Und ebenfalls wie so oft darf ich ihm die Schulter vollheulen, er hält mich im Arm und sagt mit der schönsten Überzeugung, dass er an mich glaubt. Mein Fels in der Brandung.

Ich entscheide mich spontan, schon jetzt zum Busbahnhof zu gehen. Ich erwische Sanne noch kurz vor dem Essen. Sie versteht mich absolut ohne Worte.

Fehlt nur noch Kristian zum Verabschieden, aber er ist mal wieder weg, und ich habe überhaupt keinen Nerv mehr, jetzt noch die Stadt und die Herberge nach ihm abzusuchen. Ganz ohne Abschied geht aber definitiv auch nicht. Während ich noch Gewitterwölkchen produziere, warum man mit ihm nie mal was absprechen oder koordinieren kann, entdecke ich ihn friedlich an der Kathedrale sitzend. Er ist mal wieder in Gesellschaft von zwei anderen sehr relaxten Pilgern und sehr cool, sodass ich mich eher kurz und bündig verabschiede.

Zu meiner Überraschung steht er auf und begleitet mich noch ein Stück in die Richtung zu meinem Bus. Er versteht nicht, warum ich hier gerade eine Krise schiebe, er war doch die ganze Zeit da und hat mich unter Beobachtung gehabt. Und ich hätte ja offensichtlich „eine sehr gute Konversation“ gehabt, bei der er mich nicht hätte stören wollen.

Ich entschuldige mich für meine Launen in den letzten Tagen; er nimmt es nicht persönlich, sondern versteht, dass mir hier gerade einfach zu viel auf einmal zusammenkommt.

Ich bin recht überrascht, als Kristian mir auf die letzten Meter direkt noch den Arm um die Schultern legt. Er meint lapidar, dass er keine Abschiede mag und dann jetzt umdreht. Er denkt, er wird mir schreiben, sehr sicher sogar. Die wenigen Worte und die kurze Umarmung zum Abschied sind ein anderes Kaliber als mit Jelle, aber sie fühlen sich unendlich reich und intensiv an. Und es tut ordentlich weh, ihn zum letzten Mal davonhumpeln zu sehen.

Ich bin aber wieder erstaunlich sortiert und in Gedanken einfach nur noch auf dem Heimweg. Im Busbahnhof zeige ich auf gut Glück den Zettel von dem Notaufnahmearzt, dass ich mein Bein hochlegen sollte, aber die Dame hinter Glas meint nur ohne Gesichtsregung, der Bus wäre ausgebucht. Macht mir gar nichts, ich bin höchstens sehr froh, dass ich meiner Intuition gefolgt bin und mein Ticket bereits vor dem Camino reserviert habe. Die Zeit mit Kristian hat Spuren hinterlassen, ich packe ungerührt mitten in der Wartehalle meinen Schlafsack aus und verschwinde ausgiebig in den Waschräumen zum Zähneputzen, Frisieren und Kontaktlinsen Reinigen. Immerhin bin ich die nächsten 27 Stunden auf Heimreise.

Ich treffe noch einen Tschechen aus Fonfría wieder, der auch meinen Bus nimmt. Ich habe 10 Stunden Aufenthalt am Flughafen in Madrid, er relativiert mir das prächtig mit mehr als einem ganzen Tag. Wir haben nicht viel gemeinsam, aber es ist ein schönes, beruhigendes Gefühl, dass wir wechselweise auf unsere Sachen aufpassen können und uns zu unserem Bus durchschlagen.

Der Nachtbus hält etwa alle halbe Stunde irgendwo an, und das über 9 Stunden. Ich versuche manchmal, mein Bein über den Gang zu strecken, irgendwann lege ich mich kurzerhand mit meinem Schlafsack auf den Gangboden. Alle halbe Stunde tritt mir dann folglich jemand wahlweise auf Fuß oder Kopf, aber ich bin glücklich und ausgeglichen und störe mich an überhaupt nichts mehr.

Unsere Route führt ziemlich genau den Camino entlang. Im Dunkel der Nacht erkenne ich Vega de Valcarce, hier bin ich vor gerade mal einer Woche in Richtung La Faba vorbeigelaufen. Mir kommen plötzlich alle möglichen Momente in den Sinn, ich denke an die vielen Menschen, die ich eigentlich erst vor zwei Wochen getroffen habe, und die mich doch wieder so bereichert und bewegt haben. Alle Erfahrungen, auch die schwereren Momente waren wieder einmal so wertvoll und besonders, sie haben mir das Gefühl gegeben, intensiv zu leben und intensiv zu fühlen.

Die vielen Stunden auf dem Flughafen verbringe ich ungerührt mit meinem Schlafsack auf dem Boden und in der Kapelle, die ich zu meiner Freude auf dem hektischen und lauten Flughafen entdecke. Beim Einchecken frage ich nach einem Gangplatz für mein Bein, und wie ich erst im Flieger bemerke, habe ich sogar den einzig freien Platz in der riesigen Maschine neben meinem bekommen.

Ich habe so viele Engel getroffen, ich fühle mich, als würde ich heimgeleitet.

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