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Posts Tagged ‘Villafranca Montes de Oca’

Gleich zu Beginn des Tages stehen die Montes de Oca auf dem Programm, einige Stunden ein Hauch von Wildnis ohne menschliche Besiedlung. In früheren Zeiten nicht ganz ungefährlich, ein Wald voller Wegelagerer und Wölfe. Ein ganz kleines bisschen habe auch ich Respekt, als ich am frühen Morgen im Nebel durch die völlige Einsamkeit laufe. Der Nebel hält sich hartnäckig den ganzen Morgen, es ist eher feucht und kühl, sodass ich den Weg ziemlich unbesehen langpresche. Der Weg wird eingerahmt von Heidekraut und knorrigem, kleinen Gebüsch – und endlos vielen Spinnennetzen, die bei dem feuchten Wetter tautropfig bestens sichtbar sind. Fast zu schnell ist eine Anhöhe erreicht und die Vegetation ändert sich; statt des pittoresken Strauchtums geht es ein breite, rote Piste entlang, die beiderseits von Wald gesäumt wird. Laut meines Führers wurde sie als Brandschneise angelegt, und ich komme nicht umhin, mir vorzustellen, wie es sich hier im Brandfall für einen Pilger anfühlen würde.

Nach 2 Stunden geht es durch einen an Schweden erinnernden Nadelwald auf San Juan de Ortega zu. Als sich der Wald endlich lichtet und den Blick freigibt auf den Turm der Kirche, kann ich fast die Erleichterung der früheren Pilger nachvollziehen, diese Waldpassage überstanden zu haben. San Juan de Ortega ist leider auch ziemlich neblig verhangen verlassen, sodass ich mich gleich weiter auf den Weg mache. Wie üblich komme ich also viel zu früh an meinem heutigen Tagesziel in Atapuerca an.

Allerdings gerade rechtzeitig, um das Klingeln eines fahrenden Bäckers zu hören. Nachdem ich gestern schon nicht gerade opulent eingekauft habe und es auch heute keine Einkaufsmöglichkeit auf dem Weg hatte, trifft sich ein Brot ganz hervorragend. Etwas anderes hat der Bäcker leider ohnehin wieder nicht, obwohl ich für einen Moment die vage Hoffnung auf irgendetwas Süßes, Klebriges, Fruchtiges hege. Neben mir hält mit quietschenden Bremsen ein Peregrino mit Rennrad, und nachdem es nur Riesenbrote hat, einigen wir uns spontan, ein Brot zu teilen.

Dann stehe ich auch schon wieder allein in einem weitgehend ausgestorbenen Örtchen, mein halbes Baguette in der Hand. Ich entschließe mich spontan, doch nochmal einer Bar einen Besuch abzustatten. Während ich mir mühsam einen cafe con leche auf Spanisch abbreche, meint der Inhaber ziemlich ungerührt, ich könnte ja auch Deutsch sprechen. Er ist auch Deutscher. Ich sitze etwas unwohl in der Bar, während in einer Ecke ein Rudel deutscher Pilger laut kichernd und erzählend eine Riesengaudi hat. Irgendwie fühle ich mich wohler mit meinem Rucksack irgendwo wandernd in der Wildnis.

Der Inhaber ist auch nicht so ganz mein Ding, seine kurz angebundene, sarkastische Art irritiert mich in meiner momentanen Verunsicherung zusätzlich. Er ist überrascht, dass ich meinen Kaffee schon runtergestürzt habe und meint, ich solle ja nicht in die große Herberge gehen. Eine Straße weiter hätte es eine Frau, die ganz, ganz urige Unterkünfte vergibt, allerdings nicht so ganz offiziell, weil sie nicht den großen Ansturm will. Deswegen würde auch kein Schild dranstehen. Mit diesem Geheimtip mache ich mich also frohen Mutes auf die Suche. An der dortigen Gartenpforte steht allerdings „heute geschlossen“. Ich tappe noch ein wenig unentschlossen in Atapuerca herum, bevor ich mich nochmal zu einem (diesmal gleich) Milchkaffee und einem Pain au Chocolat hinreißen lasse, um zu vermelden, dass das besagte Schmuckstück heute nicht offen hat. Doch, doch, das würde sie immer hinschreiben. Oft würde sie einfach erst später aufmachen oder sich erstmal in Ruhe aus ihrem Garten aus anschauen wollen, was für Pilger da denn so Interesse haben. Ich solle einfach noch etwas abwarten, so wie auch die eingeschworene, heitere Pilgermeute, die immer noch in seinem Cafe sitzt und auch auf Öffnung dieser Unterkunft spekuliert.

Ich probiere nochmal mein Glück, aber nachdem sich immer noch nichts regt, ist es mir irgendwann auch zu dumm, mich stundenlang davor rumzudrücken und auf eine gnädige Eingebung zu warten. Zumal ich eh nicht weiß, ob ich mich in einer kleinen, wunderschönen Herberge mit der Gruppe aus dem Cafe so wohl fühlen würde.

Ich checke in der großen Herberge ein, es hat viele Zimmer und viele Bäder und ist generell sehr sauber und chic. Dafür fehlt natürlich fast schon wieder der anheimelnde Pilgercharme und die „Seele“ der Herberge. Ich bin bisher die einzige, ich dusche und wasche in Ruhe und langweile mich ein bisschen. Ich blättere im Gästebuch der Albergue und stoße durch Zufall auf eine Eintragung von meinem Pilgerfreund José vom Frühling. Es ist so ganz typisch er, mal wieder voller Glaube an Gott und Vertrauen an die Wunder des Caminos, dass ich das Gefühl habe, ihn neben mir zu haben. Irgendwie wird mir ganz komisch bei dem Gedanken, dass das ein halbes Jahr her ist und er dann einen Tag später in Burgos auf mich getroffen ist. Mir wird ganz wehmütig und schwermütig bei dieser Erinnerung.

Mitten in meine zuviel sentimientos kommt ein Pilger in die Herberge, ein spanischer junger Mann mit schlechter Laune. Sein Bein will nicht mehr so richtig, und er geht jetzt verdammt noch mal zu einem verdammten Doktor und der soll im verdammte Tabletten verschreiben. Er macht jetzt verdammt nochmal einen kurzen Tag heute, und dann hat es morgen verdammt nochmal aber wieder volles Tempo weiterzugehen. Nicht ganz das Kaliber von José.

Ich flüchte lieber aus der Herberge, zumal sich draußen auch endlich der Nebel verzogen hat und die Sonne strahlend scheint. Just in diesem Moment kommen die beiden Koreanerinnen wie üblich schrill kreischend und kichernd mit in die Luft gereckten Stöcken die Straße heraufgerannt. Ich bin wohl völlig konsterniert und verstehe gar nichts. Sie strahlen mich an und stochern mit ihren Stöcken. Endlich kapiere ich es. Sie tragen meine Armbändel und wollen mir die in die Luft gereckt zeigen. Zum Glück hat sich dabei niemand die Augen ausgestochen. Sie bedanken sich nochmal überschwänglich für alles (quasi für meinen nicht nötig gewordenen Telefonanruf) und machen sich weiter auf den Weg nach Burgos, wo dann irgendwie doch noch der Koreaner für den Reiseführer ist und alles gut wird. Ich muss irgendwie innerlich grinsen. Die beiden waren eine sowohl bemerkens- als auch liebenswerte Begegnung.

Ich setze mich auf der anderen Straßenseite gegenüber der Herberge in eine kleine Sitzgruppe, wie üblich mit meiner Bändelwolle, meinem Tagebuch und zum letzten Mal meinem Führer. Schon ein paar Minuten später werde ich auf einen Pilger aufmerksam, der mit suchendem Blick in die Herberge schaut. Wir erkennen uns gegenseitig sofort als bekannt, aber ich muss erst einen Moment nachdenken, um ihn einordnen zu können. Er gehört zu der Gruppe der 4 Deutschen ganz vom Anfang aus Zubiri, und obwohl ich mit ihm selber nicht viel zu tun hatte, freut es mich unheimlich, ihn nach 10 Tagen plötzlich wiederzusehen. Ich frage nach den anderen. Die weibliche Komponente hätte direkt in Pamplona auch schon wieder aufgehört, ihr Ding wäre es nicht gewesen. Aber mein Rotschopf, ja klar, der wäre noch mit dabei. Zwar knielädiert und am Jammern, aber der käme jetzt sicher auch gleich. Ich gehe begeistert mit ihm hinunter an die Straßenkreuzung, und wirklich, ein paar Minuten später haben wir ein freudiges und unerwartetes Wiedersehen. Er ist wirklich ziemlich am Jammern und nicht in der besten Stimmung, aber auch für sie geht es ja nur bis Burgos, und das wird er schon noch hinbekommen. Ich überreiche ihm ein Bändel, auch wieder sehr froh, ihn dazu nochmal getroffen zu haben. Irgendwie war er mein erster Sonnenschein und Rettungsanker des Caminos.

Obwohl die meisten heute weiterlaufen, füllt es sich gegen Nachmittag dann doch noch. Eine sehr beeindruckende Begegnung habe ich mit zwei sehr jungen Deutschen von nicht einmal 20 Jahren, die sich zu meiner Bank setzen. Mein erster Blick verheißt nichts Gutes, der eine sieht gestylt aus wie für eine Raveparty. Wir kommen ins Gespräch, und ich bin total baff. Die beiden haben einen Tiefgang und ein christliches Selbstverständnis, wie ich es sonst nicht einmal bei dreifach so alten Pilgern antreffe. Völlig selbstverständlich plaudern sie von Taizé und ihren Suchen im Leben und was ein guter Pilger so mitbringen sollte und was sie alles berührendes bisher erlebt haben. Sie haben definitiv den Blick und das Herz eines Pilgers. Ich unterhalte mich sicher eine Stunde und bin hinterher spirituell und seelisch erfrischt und belebt wie selten zuvor.

Irgendwie schließt sich heute ein Kreis nach dem anderen. Kaum sitze ich wieder allein, kommt schon wieder ein vage bekanntes Gesicht an meine Bank gehumpelt. Das Humpeln ist das gleiche wie die langen Kilometer in Pamplona vor mir. Leider hat sich auch an der Stimmung noch nicht viel gebessert, er ist immer noch unsicher und leise und irgendwie ziemlich jämmerlich. Kein Wunder, wenn er sich seit 2 Wochen mit Schmerzen den Camino entlangschleppt. Er spricht es nicht direkt aus, aber ich habe den Eindruck, dass er bisher noch keine Antworten und Erfüllung gefunden hat, er wirkt ein ganz kleines bisschen einsam und verzweifelt und hoffnungslos. Irgendwie tut er mir sehr leid. Ich habe ja auch ab und zu meine Hoffnungslosigkeit oder meine Blasenprobleme, aber vergleichsweise doch sehr durchsetzt von Momenten, in denen ich schwebe oder mich himmelhochjauchzend beseelt fühle. Meist kommt doch postwendend nach jeder blöden Stimmung irgendein Pilger in meine Reichweite, der mich wieder aufheitert oder bereichert oder mir Kraft spendet. Der Belgier hier scheint in den zwei Wochen noch so gut wie keinerlei Kontakte geknüpft zu haben, was mir schleierhaft ist, da er gut Englisch spricht und als aktuell in Spanien lebend ja wohl auch Spanisch. Dass ich ab und zu jämmerlich, graugesichtig und mager einen Jammerlappen abgebe, erscheint mir nur natürlich, aber einen muskulösen 2-Meter-Schrank von 40 Jahren dermaßen eingeschüchtert zu sehen, tut mir in der Seele weh.

In meinem Zimmer entdecke ich begeistert ein Handy in der Steckdose laden, das genau mein Ladekabel trägt. Ich habe praktischerweise keins mitgenommen, weil ich dachte, es würde die 2 Wochen überstehen. Gestern vor den Oca-Bergen muss es aber derart wild nach Empfang gesucht haben, dass es sich völlig verausgabt hat. Das Ladekabel gehört dem netten Pilger mit Rave-Optik und ich darf im Anschluss laden.

Abends esse ich mit dem Großteil der Pilger die von der Herberge angebotene Paella. Es schmeckt gut, ist aber eine recht kommerziell geprägte Abfertigung. Ich habe (wie auch generell noch sehr oft) das Essen bei Acacio und Orietta im Hinterkopf und bin natürlich ein bisschen enttäuscht. Ich bin wohl generell eher gemacht fürs Selberkochen oder gemeinsam mit den Hospitaleros Kochen und Essen.

Heute schlafe ich sehr zufrieden und irgendwie glücklich abgeschlossen ein. Dafür, dass ich einen Camino ohne Freunde gehe, waren es heute doch sehr viele bekannte Gesichter und schöne Begegnungen.

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Meine Nachtruhe verläuft unruhig. Ich lebe generell in ständiger Angst, hemmungslos zu verschlafen. Normalerweise beruhigt mich ein Blick auf die Uhr aber wieder schnell und lässt mich beruhigt einige Stunden weiterschlafen. Hier hat der Schlafsaal kein Tageslicht, ich kann auf der Uhr überhaupt nichts erkennen und verbringe wahrscheinlich ab 3 Uhr morgens die Nacht in einem unruhigen Halbschlaf.

Gegen 7 mache ich mich mit dem Deutschen aufbruchbereit. Orietta ist extra wegen uns aufgestanden, dabei hat sie gestern sicher länger gearbeitet als wir. Sie bringt jeden persönlich zur Tür und verabschiedet uns. Ich bin beeindruckt und berührt. Ein Stück weit auch irgendwie beseelt; heute läuft es sich wieder sehr gut.

Mir kreist eine kleine Schnapsidee durch den Kopf; sobald ich zu Hause bin, möchte ich eine Karte an das Pilgerbüro in Santiago schreiben und diejenigen grüssen, die ich auf dem Weg kennengelernt habe und die die gesamte Strecke gehen. Wenn ich Revue passieren lasse, wer mir da alles einfällt, stimmt es mich fast schon wieder versöhnlich. Ein bisschen hadere ich ja doch jeden Tag mit meinen Minietappen und den fehlenden Freunden und der fehlenden Familie. Ich muss an die vielen besinnlichen Gedichte in der Herberge denken; an die Stelle in meinem Lieblingsgedicht „aprendí que de nada sirve ser luz sí no vas a iluminar el camino de los demás“ – „es macht keinen Sinn, Licht zu sein, wenn man nicht den Weg für die nach einem erhellt“. Wenn auch mein eigener Camino nicht in jedem Moment von großen Glücksmomenten bestimmt ist, vielleicht habe ich wenigstens für manch Pilger entlang des Weges eine Funktion gehabt. Manch einer hat sich Ballast von der Seele geredet, und mit etwas Glück läuft ein dicker Brasilianer Santiago entgegen in dem Gefühl, dass es Engel (und vermutlich wichtiger) einen Gott gibt.

Auf Villafranca Montes de Oca freue ich mich nicht besonders. Ich habe es in Erinnerung als Durchgangsstraße mit unendlich vielen Lastwagen. Auch diesmal macht der letzte Kilometer entlang der Straße nicht viel Spaß. Den meisten Camino über laufen wir ohne Straße, und wenn, ist sie wenig befahren, und die vereinzelten Fahrer wechseln rücksichtsvoll in weitem Bogen auf die Gegenspur, oft noch von einem ermutigenden Winken oder Hupen begleitet. Hier donnert der Schwerlastverkehr die kleine Landstraße entlang, die Straße reicht kaum für zwei sich entgegenkommende Lastwagen, an Ausweichen gar nicht zu denken. Ich bin ziemlich froh, als ich vor der Herberge stehe.

Diese ist auch wieder romantisch direkt an der Straße und hat den unleugbaren Charme eines ehemaligen Schulhauses. Hospitalero hat es nicht, sodass ich einfach mal den Geräuschen nach in den ersten Stock tappe. Dort hat es für die Tageszeit bereits überraschend viele Pilger, und zwei davon kommen auch gleich schon wild kreischend auf mich zugestürmt. Es sind zwei Koreanerinnen, mit denen ich in den vergangenen Tagen wohl mal ein paar Worte gewechselt habe. Seit ich „Sonnenblume“ in ihrer Landessprache gesagt habe, habe ich offensichtlich einen Stein im Brett. Heute sind sie so, so froh mich zu sehen, ich muss ihnen helfen. Die Ladies sind schier in Tränen aufgelöst und mit den Nerven halb am Ende. Sie haben mal zwischendurch einen koreanischen Pilger getroffen (vermutlich den, bei dem ich in Cizur Menor Sonnenblumen-Stein-gebrettet habe), der ihnen seinen Führer ausgeliehen hat. Sie haben vergessen, ihn zurückzugeben, und nun ist der Koreaner weit voraus, wohl schon in Burgos, und oh weh, sie haben ja noch seinen Führer. Soweit verstehe ich es, nur das Drama erschließt sich mir nicht so ganz. Ich vermute, dass das patente Kerlchen entweder ohne Führer klarkommt oder sich einen Neuen gekauft hat oder im worst case ohne Führer völlig in der spanischen Wildnis verschollen ist, aber dann ist er jetzt ja wohl auch kaum in Burgos. Jegliche Beruhigungs- und Beschwichtigungsversuche bringen nichts, vermutlich geht es um ein mentalitätsspezifisches Stolzgefühl, so verspreche ich also, für sie den Dolmetscher zu machen und die Herbergen in Burgos nach dem Koreaner abzutelefonieren.

Sie sind so dankbar (mir ist das alles sehr schleierhaft), dass ich gleich zum Essen eingeladen werde. Aus der Tupperdose mit Zwischenstation Mikrowelle gibt es ein Omelette mit Meeresfrüchten, das sie gestern selber gebastelt haben. Ich esse es im todesmutigen Vertrauen auf meine gesunde Darmflora und lasse mich von den beiden Damen bespaßen. Trotz Weltzusammenbruch wegen unterschlagenem Reiseführer sind sie nicht allzu traditionell koreanisch. Beide sind um die 40 und arbeiten als Reiseleiterinnen. Europa kennen sie daher schon in- und auswendig, und erzählen kichernd und gackernd von ihrer Arbeit, z.B., dass man da natürlich schon ganz schön schreien muss, wenn man 40 Leute durch die Stadt zu treiben hat. Beide sehen aus wie 20 und als könnten sie kein Wässerchen trüben. Die eine ist mit einem Schwaben verheiratet und lebt auch in Deutschland. Statt Englisch reden wir einen Moment Schwäbisch – ein skurriles Gefühl.

Anschließend ist Siesta angesagt. Zumindest für den Großteil der Pilger. Nicht so für eine ziemlich dicke und ziemlich laute Pilgerin, die im Schlafsaal ihr Essen einnimmt und die beiden ebenfalls am Tisch sitzenden Pilger lautstark beschallt. Es geht über eine halbe Stunde so, und vermutlich ruhe ich heute nicht besonders gut in meinem Chi, ich könnte jeden Moment explodieren.

Glücklicherweise entscheide ich mich für den friedlicheren Weg und begrabe einfach meine Siestapläne. Ich setze mich mit an den Tisch, schreibe mein Tagebuch und widme mich wieder meiner Nachmittag-Standard-Beschäftigung und knüpfe Armbändel. Die junge Finnin gegenüber guckt mich etwas belustigt an und meint „so, so, mein Ruf würde mir ja vorauseilen“. Ich bin etwas irritiert, vermute aber, dass es um mein ständiges Bändelflechten geht. Die Andeutung versteht sie aber überhaupt nicht. Als ich nachfrage, meint sie, ich wäre doch dieses Sprachgenie. Ich muss lachen, da verwechselt sie mich dann wohl. Nein, nein, sie hat das selber gesehen. Sie rechnet mir den Abend in Santo Domingo minutiös vor; als sie gekommen wäre, hätte ich Spanisch und Englisch gesprochen. Später Französisch. Italienisch könnte ich auch (bezugnehmend auf meine Konversation mit einem Italiener, der wie ich auf das Heißwerden seines Wassers warten musste und zu dessen Gemüse im Wasser ich effektvoll „ah, Minestrrronnne!“ überbrückt habe). Zum Glück hat sie nicht meine koreanische Sonnenblume und mein „jag pratar svenska“ zu dem schwedischen Prof gehört. Ich fühle mich sehr geschmeichelt, habe ehrlichgesagt aber eher das Gefühl, annehmbar Englisch zu sprechen, mich radebrechend auf Spanisch verständlich machen zu können und damit das Soll schon erfüllt zu haben.

Die Koreanerinnen haben in der Zwischenzeit einen Supermarkt gefunden und sind kichernd begeistert von einer Flasche Rotwein. Offensichtlich haben sie noch irgendwo einen Koreaner aufgetrieben, der das Buch jetzt auch irgendwie noch mitnehmen kann, sodass die Welt auch ohne Anrufversuche nach Burgos wieder in Ordnung ist. Mir fällt ein Stein vom Herzen. Und die Koreanerinnen verschwinden schon wieder kichernd, allerdings die Form wahrend und mit der Rotweinflasche diskret in einer Tüte unter einem T-Shirt versteckt.

Ich finde es etwas trostlos und seelenlos in dieser Herberge direkt an der Straße. Ich suche den Supermarkt, auch dieser ist etwas weltfremd bestückt. Ein deutschsprechender Mann sucht hilflos mit seiner Mutter nach etwas. Ich zeige ihm die richtige Dose, woraufhin er mit leuchtenden Augen fragt, ob ich denn zufällig „so eine Pilgerin“ wäre. Er hätte davon ja gelesen und das wäre ja spannend und so. Seine Mutter um die 80 wird auch gleich noch dazugerufen, die wollte schon auch immer mal „so eine Pilgerin“ sehen. Wir plaudern nett (und ich gebe mir Mühe, ein gutes Bild abzugeben); sie wollen wissen, in welchen Hotels wir denn so schlafen und wie das mit dem Gepäcktransport so klappt. So süß sie auch sind, aber da ist es noch ein langer Weg zum Pilger.

In der Herberge ist es irgendwie kühl; als ich zum Kochen in den Verschlag auf dem Pausenhof gehe, weht erst recht ein kühler Wind. Ich esse sehr schnell fröstelig meine Linsensuppe, während sich ein deutscher Pilger recht penetrant neben mich setzt und mich ebenso penetrant in ein Gespräch verwickelt. Wir haben gar keine guten Schwingungen, er ist mir rundum unsympathisch. Alles läuft nur darauf heraus, wie gut und erfolgreich er ist. Seine Witzchen betreffen meistens wirklich hochgestochene Themen, bei denen ich nicht mitreden kann (und eigentlich auch nicht will). So spüle ich schnell ab, sammle meine Wäsche von der Leine und lasse ihn recht unhöflich allein sitzen. Ganz mein Stil ist das eigentlich nicht, aber irgendwie ist heute nicht mehr drin. Generell bin ich mit den Gedanken schon weitgehend bei Burgos und dem Abschluss. Ganz so tief in neue Pilgerbeziehungen eintauchen will ich innerlich wohl einfach nicht mehr. Ich fühle mich gar nicht mehr so richtig verwurzelt im Pilgern, der donnernde Schwerlastverkehr tut sein übriges.

Ich knüpfe noch meine zwei Bändel fertig und lege sie den Koreanerinnen aufs Kopfkissen.

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