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Archive for Mai 2011

Wie bei so einer atmosphärenreichen Herberge und so liebevoll gestalteten Stockbetten nicht anders zu erwarten, schlafe ich exzellent. Die Luft ist am Morgen kühl und frisch, so, als hätten wir draußen geschlafen. In meinem Schlafsack plus einer Wolldecke hatte ich es aber durchweg warm.

Um 8 Uhr soll es Frühstück geben. Eigentlich bin ich um diese Zeit schon unterwegs, und Gruppenfrühstück ist auch nicht mein Ding. In Anbetracht dieser grandiosen Herberge mache ich aber eine Ausnahme.

Der große Holztisch ist schon liebevoll gedeckt. Es gibt sogar für jeden ein eingetütetes Pain au chocolat. Au chocolat, wie ich leidgeprüft feststelle. Ich leite es an die Koreanerin neben mir weiter. Auch der Kaffee sieht wieder unnötig lecker aus. Meinen nächsten Camino werde ich auf nach Ostern und auf nach die Fastenzeit legen. So schaufle ich eben bergeweise Baguette mit Marmelade in mich hinein. Ich habe keinerlei Vorräte mehr, im worst case muss es bis Santander reichen.

Zu der besonderen Atmosphäre, die ich gar nicht beschreiben kann, kommt noch der Sonnenaufgang, der durch die weit geöffnete Tür hereinstrahlt und die Frühstücksrunde in ein wärmendes Licht taucht. Paradiesisch.

Irgendwie belasse ich diese friedliche Atmosphäre am liebsten wieder so, bevor sie sich in morgendlichen Gesprächen zerredet, und mache mich zu meinem Rucksack auf, der schon gepackt vor der Tür des Haupthauses steht. Ich suche nur noch Padre Ernesto, der zwischenzeitlich beobachtend am Tisch präsent war.

Der Sonnenaufgang ist schlicht, aber bewegend. Das Pferd von gestern grast auch am Morgen ähnlich ruhig und bedächtig, zur Rechten vor dem Haus liegt der riesige Kalbshund friedlich vor seiner Hundehütte. Durch die Blumenbeete kommt dann auch wie auf Kommando Padre Ernesto gewandelt. Ich bedanke mich für den Aufenthalt und gebe ihm das Armbändel, das ich gestern gemacht habe, für den Piano-Spieler aus Salamanca. Für „buen suerte en la vida“. Ernesto schaut wie immer recht unbeweglich und nachdenklich unter seiner weißen Haarpracht hervor, starrt auf das Bändel und wiederholt abwesend „buen suerte en la vida“, sodass ich schon einen kleinen Moment panisch werde, was ich da jetzt wieder für eine spanische Wortkreation verbrochen haben könnte. Dann strahlt er plötzlich, wiederholt andächtig „una pulsera para buen suerte en la vida de la chica de Suiza de la montaña“ und wünscht mir auch viel Glück im Leben. Und er denkt, dass ich das haben werde. Er wedelt mich nochmal zurück in den großen Raum, wo am Eingang zwei Körbe mit Wegzehrung stehen. Mein Scannerblick detektiert treffsicher zweimal Schokoladengehalt. Der Padre lässt sich gleich nochmal zu einem Lächeln hinreißen, er findet diese Disziplin gut. Dafür bekomme ich dann noch einen Apfel und eine Orange, worüber ich im Moment wirklich sehr dankbar bin.

Ein Stück weit mit schwerem Herzen und gleichzeitig auch wie auf Wölkchen mache ich mich dann auf den Weg. Eine magische Herberge und dann noch ein Lächeln vom Padre- was könnte man mehr brauchen zum Glücklichsein.

Die magischen Wölkchen machen mich mal wieder derartig langsam, dass mich nach einer Weile auch die länger frühstückenden Pilger eingeholt haben. Nur die Deutsche mit Hund hat entschieden, sich in Anbetracht ihrer Beinschmerzen einen Tag Auszeit zu gönnen – wo könnte man das auch besser als in Güemes.

Ich finde es fast schon ein wenig befremdlich, in welch einem Pilgerpulk ich plötzlich unterwegs bin. Vor und hinter mir pilgert es, soweit das Auge reicht. Wir erreichen den ersten Ort, an dem wir nun einem „playa“-Pfeil folgen sollen, um ja nicht dem Camino zu folgen, sondern dem Ernesto-Spezial-Küstenweg. Der „playa“-Pfeil kommt vor dem Zentrum des Ortes. Eigentlich wollte ich hier ja einen Supermarkt aufsuchen, aber nach großem Umweg ist mir dann doch nicht. So folge ich den vielen Rucksäcken nach rechts Richtung gefühlte Küste.

Diese erreichen wir dann wirklich bald, und ich bin hin und weg. Laut Ernesto 70m über dem Meer geht es zwischen grünen Weiden und der Steilküste entlang, mit beeindruckenden Blicken auf das Meer. In riesigen Wellen schieben sich die Wassermassen kraftvoll und doch gleichzeitig irgendwie ruhig und mächtig an der Küste entlang. Das berührt mich so grundlegend, dass ich mich eine Weile ins Gras setze und das Ganze auf mich wirken lasse. Auch, um die Pilgerkolonne etwas Abstand gewinnen zu lassen. Diese wunderbare Stimmung möchte ich auf keinen Fall zerplappern.

Als ich gerade wieder auf den Weg zurückgehe, kommt mir ein kleiner Lieferwagen entgegen, der ein paar Häuser weiter hält, um Brot abzuliefern. Ich stelle mich etwas schüchtern dazu und erstehe ein tolles, ofenfrisches Ciabatta-Brot. Kein Vergleich zu den sonstigen brettharten Baguettebroten – und ein Segen für meinen leeren Rucksack und meine „ich-könnte-ja-verhungern“-Sorgen.

Der Weg könnte ewig so weiter gehen, und ich bin fast etwas traurig, als irgendwann Santander in Sicht kommt – mit einem beeindruckenden Strand und, noch beeindruckender, den Picos de Europa mit ihren schneebedeckten Gipfeln im Hintergrund.

Als wäre der Tag heute nicht schon eindrucksintensiv genug und kaum zu überbieten, überwältigt mich der anschließende Strand so richtig. Im Gegensatz zu Noja mit grauen Wolken scheint heute strahlende Sonne bei gleichzeitig wild krachenden Wellen. Während ich in Castro Urdiales begeistert drei Muscheln gefunden habe, ist der Strand hier absolut übersät mit Muscheln, ich kann nicht einmal einen Schritt machen, ohne nicht knirschend etwas von dieser Pracht zu zertreten.


Ich treffe die Koreanerin, die begeistert barfuß durch die Wellen stapft. Ich lasse brav wie immer meine Stiefel an. Sonst gibt es ja hinterher am aufgeweichten Fuß leichter Blasen, ich könnte in eine Qualle oder eine Glasscherbe treten, und in Anbetracht meiner komplizierten Kompressionsstrümpfe ist das auch zu viel Aufwand. Zum Glück ist der Strand endlos lang und lässt genug Zeit, es mir doch noch anders zu überlegen. Die heutige Etappe ist nur 15 km lang, genau richtig für einen derart meditativen Tag und derart eindrucksvolle Landschaft. So ziehe ich dann doch noch meine Schuhe aus und laufe begeistert durch die kalten Fluten. Ich knipse bestimmt hundert besonders schöne Wellen und mache begeistert Serien von Selbstauslöserfotos. Und den ein oder anderen spritzenden Sprint mit den Wellen an Land, wenn eine ungeplante Riesenwelle an Land rollt und meinen Rucksack mit aufbalanciertem Fotoapparat zu umspülen und umzuspülen droht. Ich vertrödele sicher zwei Stunden damit, mich an meinen Fußspuren im trockenen oder im feuchten Sand zu erfreuen, an den Wellen und Muscheln- und an der Tatsache, dass ich bis auf ein paar Surfer und ein paar Hunde völlig allein hier bin und das Gefühl habe, dass es sowas wie Zeit gar nicht gibt.

Es ist seit langem mal wieder ein Tag von „I can reach heaven from here“.

Irgendwann ziehe ich meine Stiefel wieder an – ähnlich schweren Herzens, wie ich heute morgen Güemes und später die Steilklippen verlassen habe. Die Skyline von Santander rückt immer näher, irgendwann am Ende des Strandes müsste die Fähranlegestelle kommen, mit der es dann direkt nach Santander geht.

In einiger Entfernung vor mir stolziert ein wackerer Schwimmer in die Fluten – hüllenlos, wie ein Blick auf den Hintern offenbart. Ich bin moderat begeistert bei der Aussicht, dass er sicher gerade in dem Moment wieder herausstolziert, wenn ich dran vorbeilaufe. Zum Glück springt er erstaunlich schnell auch wieder aus dem Wasser (bei den Temperaturen eigentlich kein Wunder) und verschwindet in den Dünen, bevor ich in unangenehmer Nähe wäre. Kaum komme ich auf dieser Höhe vorbei, ruft es dann leider prompt doch von links. Ich laufe mit Blick geradeaus stur weiter, ich werde da jetzt sicher nicht neugierig interessiert nach dem Rufer schauen. Es ruft und ruft, „hola“, „hey“, „pst“, „heh“, ich stoffele zielstrebig flugs geradeaus. Leider kommt das Rufen immer näher, und als der gute Mann schon fast direkt an meinem Ohr ist, entschließe ich mich dann doch lieber zu einer Konfrontation – allerdings mit Blick stur auf Höhe Brust aufwärts. Wider Erwarten erspähe ich aus den Augenwinkeln ein lila Handtuch in Hüfthöhe, was mich fürs erste halb beruhigt. Ob ich nach Santiago wolle, dann wäre ich ja auf dem falschen Weg, schon viel zu weit. Aber es gäbe eine Abkürzung, direkt durch die Dünen, ich soll mitkommen, er könnte sie mir zeigen. Ich bedanke mich höflich für den Hinweis, ziehe aber den Strand vor. Er diskutiert herum, dass das aber falsch wäre und viel zu weit, ich solle doch mitkommen. Irgendwann dämmert ihm dann wohl doch auch durch meine vordergründige Höflichkeit meine pampige Beharrlichkeit, sodass er fluchend allein in den Dünen verschwindet.

Nice try, sonst noch Wünsche. Kopfschüttelnd laufe ich weiter am Strand lang, zücke aber nach ein paar Minuten doch noch interessehalber zum ersten Mal am heutigen Tag meinen Führer. Heute laufe ich ja nicht auf dem offiziellen Camino und erwarte mir daher auch keine hilfreichen Erkenntnisse. Ich habe nur die Karte von Padre Ernesto im Kopf, wonach es sehr einfach und logisch den ganzen Tag möglichst nah am Meer entlang geht, bis man ebenso logisch irgendwann auf die Anlegestelle stoßen muss. Ein früherer Blick in den Führer hätte nicht schaden können; es stellt sich heraus, dass ich gar nicht so panisch den unausgeschilderten Geheimtipp von Padre Ernesto hätte gehen müssen – mein Führer beschreibt ohnehin ganz offiziell diese Variante. Während ich noch nach der Textpassage mit der Schiffsanlegestelle den Text durchforste, spricht mich eine freundliche ältere Dame an, ob ich nach Santiago wolle. Ich wäre da falsch und hätte bereits bei der Stadt zur Linken vor ein paar Minuten abbiegen sollen. Könnte nun aber noch quer durch die Dünen zum Schiffsanlegesteg.

Ich bedanke mich und starre nochmal in Ruhe meine Karte an. Der Wegverlauf ist sehr eindeutig, eben nicht endlos am Strand entlang. Wäre ich da wirklich einfach am Meer entlang gelaufen, hätte ich einen Riesenumweg gemacht. Ich bekomme ein akut schlechtes Gewissen dem Herrn Nacktbader gegenüber, während ich mich schuldbewusst verstohlen durch die Dünen schlage.

Am Bootssteg tuckert gerade eine Fähre davon, ich nutze also die verbleibende halbe Stunde für einen kleinen Abstecher in den Ort von Somo, vielleicht findet sich ja doch noch ein Supermarkt. Tut es nicht, dafür aber eine Bäckerei mit Konditorei-Anteil und wunderbar lecker aussehenden Schnittchen und Stückchen. Neben einer nahrhaften Puddingschnecke gönne ich mir zur Feier des heutigen Tages ein Cremetörtchen, welches ich mit einem winzigen Gäbelchen auf einem silbernen Papptablett liebevoll und luxuriös verpackt bekomme. Während ich auf dem Rückweg das Puddingteilchen vertilge, zelebriere ich mein Törtchen in aller Ruhe ordentlich entspannt im Schatten des Wartehäuschens. Meine Sorte sieht aus wie mit Heidelbeerglasur und soll Orujo enthalten (was auch immer das ist). Der Glamour wird höchstens dadurch etwas getrübt, dass Orujo zumindest in Cremeschnittchenform wie Terpentin schmeckt.

Nach zu schnell gegessener Schnecke und charismatischem Orujo- Nachgeschmack wird mir etwas flau in Anbetracht der Fährüberfahrt, nachdem mir eh schon immer bei jedem noch so kleinen Geschaukele abgrundtief schlecht wird. Aber ich habe Glück und überstehe die Überfahrt schadlos.

Irgendwie bin ich heute dann doch etwas platt und zerzaust, als ich in Santander wieder recht erfolglos versuche, auf dem Camino zu bleiben. Irgendwann schlage ich mich dann auf gut Glück zur Kathedrale durch, in deren Nähe die Herberge sein soll. Ich kann den Führer mal wieder drehen und wenden, wie ich will, so richtig schlauer werde ich nicht. Ich frage mich wieder überall durch, bin derweil den morgigen Camino schon eine Viertelstunde abgelaufen und kenne alle Sträßchen um die Kathedrale in- und auswendig, bis ich dann doch noch an einem unscheinbaren (und moderat anheimelnden) Häuserblock das Herbergsschild entdecke. Durch ein Treppenhaus lande ich an einer Tür mit „bitte kräftig Klopfen“, was ich auch minutenlang erfolglos probiere. Irgendwann wird doch noch die Tür aufgerissen – von einer Hospitalera, so charismatisch wie mein Orujo-Schnittchen. Sie schnattert überherzlich und völlig überdreht und konfus vor sich hin, willkommen, nimm doch erstmal Platz, nein, Dein Credencial, nein, sorry, fühl dich wie zu Hause, hoppla, dann doch lieber erst einchecken, nein, Deinen Rucksack hier, entspann Dich. Mir raucht der Kopf, wozu nicht zuletzt das Erscheinungsbild beiträgt. Wer jeden Nachmittag in blauen Gummischuhen in der gleichen Trekkinghose und dem gleichen schlabbrigen XXL-Billiganbieter-Fleecepulli herumschlurft, ist vielleicht nicht prädestiniert, modische Kritik anzubringen. Trotzdem: der Ganzkörpersack aus lila Samt, garniert mit maisfarben blondierten Haaren und silbernem Augenmakeup, ist in Kombination mit der sehr rundlichen Figur ein modischer Alptraum. Bei jeder Bewegung erwarte ich zudem intuitiv das Auftauchen einer Wahrsagerkugel.

Die Herberge ist eher düster und ziemlich vollgestellt mit Betten. Dass Esmeralda ständig hilfreich um mich herumspringt, schafft auch nicht gerade mehr Platz. Die Koreanerin ist auch schon da und verschwindet gerade zum Duschen im einzigen Damenbadezimmer. Ich beschließe spontan, die Wartezeit zu nutzen und zum ersten Mal auf diesem Camino das Internet zu nutzen. Ich frage Esmeralda, ob sie mir meine 2-Euro-Münze automatentauglich wechseln kann. Sofort wuselt und walzt sie begeistert zu ihrer Rezeption, um mir strahlend und hilfsbereit leider nur einen Euro anbieten zu können. Den zweiten kriege ich dann später. Ach, nein, nein, ich solle meine 2 Euro noch behalten und ihr nachher einfach noch einen bringen. Auch gut. Ungefähr zehnmal erklärt sie mir etwas agitiert das weitere Vorgehen in Sachen fehlender Euro, während ich warte, bis der Computer hochgefahren ist. Mittlerweile ist sie zufrieden dabei angekommen, dass ich ihr nachher also noch 3 Euro schulde. 3? Ja, weil meine 2 hätte sie mir ja schon zurückgegeben. Ich erkläre ihr, dass das ja auch meine waren, damit sie mir in Folge minutenlang gütig darlegt, warum es jetzt 3 sind. Es ist ja fast albern, hier ein Drama wegen 3 Euro zu machen, aber die Frau ist schon der Knüller. Sie will es mir immer weiter erklären, und wir schließen dann einvernehmlich damit, dass ich ihr jetzt nochmal meine 2 Euro gebe, damit ich dann später einen von ihr zurück bekomme. Hauptsache, sie ist weg. Das Internet funktioniert ewig nicht. Sie meint, es würde eben einfach langsam gehen. Der Computer hat irgendeinen anderen kapitalen Schaden, aber das diskutiere ich lieber gar nicht erst. Als irgendwann endlich das Internet aufgeht, stelle ich zu meiner Freude fest, dass 90% der Tasten nicht funktionieren – es sei denn, man parkt den Finger eine halbe Minute darauf. Das Eingeben meines Passwortes ist ein minutenlanger Hochgenuss sondergleichen. Nach einer halben Stunde bin ich zumindest beim Posteingang angekommen und stelle befriedigt fest, dass keine Stornierungsmail bezüglich meiner Busfahrt und meines Rückfluges vorliegt. Mehr verkraften meine Nerven heute wirklich nicht.

Während ich in der spärlichen Neonröhrenbeleuchtung mit meinem Waschtäschchen warte, kriege ich höchst unmeditative Zustände angesichts dieses Computers und des allgegenwärtigen Traums in lila Samt, der mittlerweile immerhin ohne weitere Diskussionen und Erklärungen einen Euro für mich abliefert. Die Koreanerin ist nach einer halben Ewigkeit endlich fertig mit Duschen, fängt nun aber („5 Minuten!“) noch an, ihre Wäsche im Waschbecken zu waschen. Ich drehe noch durch.

Nach dem Duschen hänge ich meine Wäsche etwas skeptisch aus dem Fenster in einen taubenbevölkerten Innenhof. Wenn hier etwas von der Leine fliegt, liegt es auf einem unerreichbaren Vordach. Ich mobilisiere alle meine Sicherheitsnadeln.

Die Herberge hat keine guten Schwingungen, daher ergreife ich die Flucht und gehe auf Supermarktsuche. An der Rezeption laufe ich Chrissie und Maike in die Arme. Ich kann mir ein amüsiertes Grinsen nicht verkneifen angesichts der Vorstellung, wie Chrissie diese liebevolle, chaotische Betüttelung wohl schätzen wird.

Es gäbe einen Carrefour, paradiesisch. Leider finde ich den nicht und renne wieder die gleiche Straße zehnmal auf und ab. Santander scheint mir nicht so recht zu liegen. Als ich den Laden dann doch gefunden habe, fällt mein erster Blick auf einen Mann, der sich begeistert alle möglichen Tütchen in die weite Jogginghose stopft und damit dann etwas sperrig zum Ausgang schlendert. Ich bin so beeindruckt baff, ob der das ernsthaft klauen will, dass ich keinen vernünftigen Gedanken zustande bringe.

Während ich begeistert meine Vorräte wieder auffülle und endlich auch wieder frische Artikel wie Salat, Erdbeeren und Zucchini erstehe, fällt mir mit schlechtem Gewissen ein, dass ich jetzt schon wieder nicht mit Maike und Chrissie koche und einfach irgendwie hoffnungslos unsozial bin. Aber noch zwei Stunden länger warten in der Herberge, bis die beiden sich in dem einen Badezimmer dann geduscht und ihre Wäsche gewaschen hätten, das hätte ich sicher auch nicht überstanden.

Zum vollkommenen Glück fehlen mir heute noch Postkarten. Endlich habe ich ja mal eine kurze Etappe, viel Zeit und beste infrastrukturelle Voraussetzungen. Leider finde ich nur einen Kiosk mit Postkarten, und die Auswahl ist indiskutabel. Irgendwas mit dem Camino brauche ich ja schon, wenigstens eine Strandansicht oder eine Kuhweide. Ich kann doch nicht irgendeine Kirchenansicht nach Hause schicken, die ich noch nie gesehen habe. Andererseits tun mir die Füße weh, ich schleppe wieder einmal viel, viel zu viel Einkauf, und meiner angespannten Grundstimmung tut das Entlangrennen an der Hauptstraße auch nicht gut. Ich habe schon 4 Karten in der Hand, ist doch wurst, ob das Motiv nun gut ist oder nicht. Im letzten Moment stecke ich sie dann doch zurück. Der eh schon dünne Karton ist vom Regen gewellt, auf den Vorderseiten hat es Abdrücke der Linien der vorigen Karten, das bringe ich einfach nicht übers Herz. Also doch weiter die Straße entlang. Ich frage Passanten, ugh, oh, anscheinend sind Postkarten ein Ding der Unmöglichkeit. Oder die vom Kiosk. Eine Frau guckt mich verständlicherweise etwas böse an, als ich entnervt frage, ob es denn hier gar keine schönen Postkarten gibt. Durch das Schaufenster eines Buchladens erspähe ich im Inneren einen Steller mit Postkarten. Das Personal guckt zwar etwas befremdet von seinen edlen Schreibgeräten auf, als ich zielstrebig durch den Laden stürme, aber die Karten sind der Hammer. So genial, dass ich gut eine halbe Stunde unentschlossen davor stehe (und die Damen und Herren vermutlich schon in misstrauische Panik versetze, dabei trage ich doch gar keine weite Jogginghose). Die Karten sind nur alle Oversize, sodass ich einen Herrn frage, ob das denn irgendwie kompliziertes Überporto kostet. Vermutlich ist er distinguiertere Fragen gewohnt und braucht erst einmal ein paar Sekunden, um sich zu sammeln. Nein, es wäre selbstverständlich kein Problem, und ich würde ja ohnehin Umschläge für die Karten bekommen. So trabe ich dann stolz wie Oskar mit vier Panoramakarten und gefütterten, vermutlich handgeschöpften Umschlägen aus dem wunderbaren Laden. Würde ich in Santander wohnen, würde ich vermutlich jede freie Minute dort verbringen. Nein, vermutlich würde ich bei Padre Ernesto abhängen oder Klavierspiel lauschen.

Wenn schon, denn schon, gönne ich mir zwecks Briefmarken auch gleich die Hauptpost. Ich bin nicht mehr so überzeugt von dieser Idee, als ich mir ein Nümmerchen ziehen muss und mit riesiger Einkaufstüte meine Errungenschaften so jongliere, dass die Erdbeeren nicht vermatschen, während um mich herum lauter Geschäftsmänner vermutlich nicht Briefmarken kaufen. Da blinkt schon meine Nummer, ich wedele etwas zweifelnd mit meinen Umschlägchen. Na klar gibt es hier Briefmarken, die Größe des Umschlags ist auch prima, und ich bekomme drei farbenfrohe Schmetterlingsmarken. Ich stammle begeistert, dass die ja toll wären. Die Frau am Schalter guckt etwas verwundert, klar wären die toll. Es wären ja schließlich auch mariposas, Schmetterlinge. Hm.

Ich bin eine Mischung aus begeistert und fertig, als ich endlich wieder in der Herberge bin. Ich habe gerade noch Zeit, drei Karten herunterzuschreiben, als auch schon die Messe ruft. Offensichtlich hatte ich etwas falsch im Kopf, ich komme gerade zum Ende der Messe in die Kathedrale. Aber eine halbe Stunde später gibt es nochmal eine in einer Nebenkapelle. Derweil werfe ich meine Briefe ein – auch eine dumme Idee an der Hauptpost, an der die ganze Front mit etwa zehn verschiedenen Briefkästen für die unterschiedlichen Bestimmungsorte verziert ist. Ich verpasse fast meine zweite Messe, bis ich endlich irgendetwas wie „Ausland“ finde.

Der Raum für die Messe ist beeindruckend, eine Etage unter der Kathedrale, überall umgeben von sehr altem, verzierten Stein. Auch ist sie verhältnismäßig gut besucht. Trotzdem kommt bei mir auch diesmal einfach rein überhaupt kein Gefühl auf. Ich bin einen Hauch von resigniert, obwohl es mich nicht weiter überrascht. Zwei Damen hinter mir strahlen mich überaus warm an, ich müsste doch die Tochter von sonstwem sein. Eher unwahrscheinlich, aber ich lächle warm zurück.

In der Herberge ist großer Trubel, es sind mindestens 30 Leute da, dazu noch eine große Gruppe Radpilger, die ihre Räder noch in den eh schon verwinkelt engen Schlafsaal mitgenommen haben. Ein älteres, deutsches Trio hat sich um mein Bett herum niedergelassen. Ich konnte den Ansturm noch nicht vorhersehen und habe unbedachterweise einige Sachen auf dem oberen Stockbett deponiert, welches jetzt ein ziemlich faltiger Drache bevölkert. Irgendwie verstehe ich natürlich, dass sie genervt meinen überall ausgebreiteten Krempel unters Bett gefeuert hat, so richtig zur herzerfrischenden Wohlfühlstimmung trägt es aber doch nicht bei.

Ich verdrücke mich in die kleine Küche, in der es wie wild kocht. Chrissie lernt seit ein paar Tagen sehr engagiert Spanisch von Maike, sitzt nun gerade mit ihrem kleinen Tagebuch da und schreibt säuberlich Deklination um Deklination herunter. Ich umschiffe vorsorglich heikle Themen, sodass wir uns nett unterhalten. Sie möchte anschließend noch Wäsche in der Maschine waschen. Diese ist allerdings noch belegt, und wie man das nun zeitlich koordiniert bekommt, versetzt die Hospitalera mal wieder in höchste Panik. Sie springt alle 2 Minuten in die Küche, um Chrissie zu unterrichten, wie das nun von statten geht, und es ist ähnlich schlüssig wie die drei-Euro-Theorie. Man könnte ja auch einfach die Wäsche wechseln, sobald die Maschine fertig ist, aber dann hätte ja eine besorgte Hospitalera gar nichts zu werkeln. Für die nächsten Wochen ist auch schon ein weiterer Hospitalero in den Startlöchern, ein Routinier, der seine schlauen Theorien auch jedem ungefragt aufdrängt. Morgen müsse man nach Santillana, unbedingt. Ich gehe morgen sicher nicht fast 40km, ganz unbedingt. Ich gucke wohl schon wieder ähnlich feindselig wie beim Dünenmann.

Als sich die Kochschar lichtet, brate ich mir schnell ein delikates Gemüse zusammen, welches mit meinem Klippen-Ciabatta sehr gut mundet. Die Erdbeeren hinterher sind fast schon zu viel. Ich will gerade meinen Käse für morgen in den Kühlschrank stellen, als mir mein Salatpäckchen ins Auge sticht. Das hab ich ja komplett vergessen. Also noch Salat direkt aus der Plastikfolie zum Abschluss.

Außer einem netten radelnden Québécois sitze ich noch mit Maike, Chrissie und Kathrin in der Küche, irgendwie ist es heute eine sehr nette, angenehme Truppe. Morgen wollen die meisten nach Santillana. Ich nur bis Polanco, diese Ruhe habe ich mir nun ja extra herausgearbeitet.

Als ich um 9 an meinem Bett bin, mache ich noch Bekanntschaft mit einem weiteren deutschen Exemplar. Halb vorwurfsvoll, halb jammerlappig moniert er, ob ich denn jetzt endlich mal das Licht (welches schon die ganze Zeit brennt) ausmachen könnte, er wolle ja schließlich schlafen. Ich schalte verzagt meine abgedunkelte Taschenlampe ein und ziehe meinen Waschbeutel unterm Bett hervor. Die impulsive Lady über mir reißt sich daraufhin theatralisch den Schafsack über die Ohren. Mamma mia. Da laufe ich morgen doch gern erst recht nur bis Polanco.

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Ich schlafe denkbar schlecht. In unserem Zimmer ist es viel zu warm und stickig, noch dazu sirrt mir eine Stechmücke ums Ohr. Ich ziehe kurzerhand die Bettdecke über den Kopf, was der Wärme, Stickigkeit und dem Weichspülerduft naheliegenderweise den Rest gibt.

Mein innerer Rhythmus lässt mich um 8 auf die Uhr leuchten. Wie üblich kriege ich einen Schreck. Ich sammle alles schnell zusammen und packe in einer Sofaecke vor der Küche. Der Rest meines Zimmers schläft noch tief und fest, kein Wunder bei den heruntergelassenen Rollos.

Unten auf der Straße ruft es plötzlich nach mir. Ich schaue zu unserem Zimmer hoch, aber Fehlanzeige. Ich laufe weiter, es ruft noch immer. Vermutlich hat mein Ohr eine schlechte räumliche Orientierung, ich brauche Ewigkeiten, um endlich am Ende der Straße zwei Pilger auszumachen, die mit ihren Stöcken wedeln. Es ist das schwäbische Pärchen, welches ich seit Gernika nicht mehr gesehen habe. Irgendwie ist es nett, sie wiederzusehen, und ich bin froh, mit jemandem über die Fährproblematik sprechen zu können. Sie sind überrascht, dass da nichts fahren soll. Ich mache wieder fröhliches Passantenkonsultieren, werde davon aber auch nicht richtig schlauer. Eine alte Frau meint „ja, ja“, da gäbe es eine Fähre, und ob die fährt, könnte ich doch am besten bei den Busfahrern erfragen. Ich stehe ziemlich direkt vor dem Busbahnhof, insofern eine gute Idee. Heike möchte erst noch einen Kaffee trinken gehen, sodass sich unsere Wege trennen.

Ein Bus nach Santoña lässt gerade den Motor an. Alles geht ein bisschen schnell. Am Einstieg steht unschlüssig ein bekanntes Gesicht, die kleine Pilgerin aus Orió. Ich frage gleichzeitig sie und den Busfahrer nach der Fähre. Sie möchte eh abkürzen, ob es nun eine Fähre hat oder nicht, ist ihr egal. Der Busfahrer guckt schon ungeduldig in den Rückspiegel, der nächste Bus fährt erst in einer Stunde. Ich kann überhaupt keinen klaren Gedanken fassen. Eigentlich wollte ich die Stunde am Strand von Laredo entlanglaufen, und falls es wirklich keine Fähre gibt, dann eben den Bus nehmen. Aber wie es aussieht, gibt es dort keine Haltestelle, ich müsste wieder die Stunde zurück zu diesem Busbahnhof oder ähnlich weit hinunter nach Colindres. So springe ich dann doch in letzter Minute an Bord, bin aber völlig zerrissen, als es mit dem schnellen Überlandbus die Straße entlang geht, an Caminomarkierungen vorbei. Für mich geht das einfach überhaupt nicht.

Kathrin sieht das viel entspannter. Sie ist bisher viel mit dem Bus unterwegs gewesen, ihr Camino endet übermorgen in Santander, und nachdem sie nicht gern läuft und manche Orte gerne sehen will, fährt sie halt immer wieder irgendeine Strecke. Dass ich seit Orió alles zu Fuß gelaufen bin (von den 15 km Metro hinter Bilbao abgesehen), versetzt sie in ungläubig bewunderndes Staunen. Generell ist sie mir heute um Welten sympathischer. Sie hat eine langsame, verträumte, etwas abwesende Art, die aber irgendwie gut passt.

Wir düsen eine halbe Stunde durch die Gegend, ich habe das Gefühl, dass ich hier den halben Camino verpasse. Ich tröste mich, dass wir eben einfach einen großen Bogen fahren müssen und ich wirklich nur den Strand von Laredo verpasse. Trotzdem finde ich erst einen gewissen Frieden, als ich im Führer von der Möglichkeit lese, direkt von Santoña den Monte Buciero zu umrunden. Mein Führer schreibt von spannenden Ausblicken auf die Küste und Waldpfaden durch dichte Steineichenwälder – und endlich einem Leuchtturm. Vor allem aber wäre ich mit diesen 6 km extra wieder quitt mit dem, was ich per Bus abgekürzt habe.

In Santoña steigen wir etwas orientierungslos aus dem Bus. Mit gelben Pfeilen passieren wir sonst mühelos selbst Großstädte wie Bilbao, aber ohne den Weg ist man selbst in kleinen Orten etwas aufgeschmissen. Für Kathrin frage ich in einer Bar nach der Richtung zum Camino (zum Glück, denn meine Intuition hätte genau in die Gegenrichtung geführt) und für mich nach dem Abzweig zum Monte Buciero. Der Barmann guckt mich finster an, nein, nein. Peligroso, gefährlich, schließlich hätte es doch geregnet, das könnte ich heute nicht gehen. Ich stehe etwa bedröppelt auf der Straße, irgendwie geht mir heute alles zu schnell. Der Mann hat sich aufgeführt, als wollte ich ein Lawinengebiet oder einen gerade ausbrechenden Vulkan durchqueren, eigentlich möchte ich doch nur einen ebenen Waldweg entlangtraben. Ich bin immer noch nicht ganz überzeugt, da kommt er nochmal extra aus der Bar heraus, um uns nochmal die Richtung zum Camino zu zeigen. Zu mir sagt er nochmal etwas freundlicher, dass ich wirklich besser da langgehe, er macht Zeichen, als ob nach einem Regenwetter da Äste und ganze Bäume vom Himmel fallen oder sich der ganze Berg steinschlagtechnisch abträgt. Na gut.

Ich bin durcheinander und auch noch nicht wirklich wieder in Pilgerstimmung. Es geht eine Straße mit wenig Pfeilen entlang, ich bin die ganze Zeit etwas unentschlossen und unsicher. Die kleine Kanadierin überholt mich mit einem verbissenen, kurz angebundenen „hola“ und ihrem typischen, schnellen Rascheln der aneinanderreibenden Regenhose.

In Berria führt der Weg parallel zum Strand entlang. Ich entschließe mich zu einem Abstecher ans Meer und lasse mich von den rauschenden Wellen wieder etwas erden.

Am Ende des Strandes geht es einen kleinen Hügel hoch – auf einem noch kleineren, lehmigen Weg. Zeitenweise muss ich mich ziemlich ducken bzw. sehr schmal machen, um mit meinem Rucksack zwischen den Felsen und Ästen vorbeizukommen.

Mit schöner Aussicht geht es zwischen gelbem Ginster, weidenden Ziegen und Blick aufs Meer in die Höhe, bis ich plötzlich auf dem lehmigen Untergrund ausrutsche. Ich kann mich im letzten Moment fangen, aber bin noch eine ganze Weile wie geschockt. Mit einem Mal überkommt mich eine Mischung aus Respekt und Angst, was diese Küstenwege angeht. Zwar trennen mich hier noch einige Meter, einige Ginsterbüsche (und einige Ziegen) vom Meer, trotzdem lässt mich der Gedanke, nochmal ausrutschen zu können, nicht los. Und ich bin dem Barmann sehr, sehr dankbar, mich von der geplantem Umrundung abgehalten zu haben.

Ich laufe sehr viel achtsamer mein lehmiges, glitschiges Weglein entlang und bin heilfroh, dass der Abstand zum Meer immer einige Meter bleibt. Nach ein paar Minuten ist der höchste Punkt schon erreicht – und gibt fast überraschend den Blick auf den langen Sandstrand von Noja frei. Trotz des verhangenen Wetters beeindruckend und gewaltig.

Auch hier gönne ich mir sicher wieder eine halbe Stunde nur am Übergang vom Strand zum Meer. Es windet wild, die Wellen rauschen, und außer ein paar Spaziergängern mit Hund in weiter Ferne bin ich komplett allein. Von zu Hause habe ich ein kleines Metalldöschen mitgenommen mit Asche von Dingen, die ich für andere und für mich hinter mir lassen will, deren Schicksal ich ein Stück weit in die Hände von Gott zurückgeben will. Ich hatte mir dafür eine Steilküste vorgestellt, habe aber nun hier in dieser Einsamkeit und mit diesem rauen Wind das Gefühl, dass es ein guter Ort ist. Die Asche ist eigenwillig, der Wind bläst sie statt aufs Meer auf den Sand, aber nachdem das Ganze hier eh ein einziger Kreislauf ist, kommt es darauf wohl auch nicht mehr an.

Der Strand von Noja erdet mich einmal mehr.

Der Ort Noja selbst dagegen ist verwirrend. Wie die meisten Sommerurlaubsorte wirkt er im Moment wie ausgestorben, es hat mehr „se vende“-Schilder als sonst etwas. Und auch wenig gelbe Pfeile. Anstatt wie sonst schlafwandlerisch zielstrebig unterwegs, stehe ich hier alle paar Meter dumm in der Landschaft. Ich konsultiere meinen Führer, der aber heute Unmengen von Varianten erwähnt, die mich irgendwie verwirren. Ich kann keinen Satz im Kopf behalten und stehe an der nächsten Kreuzung schon wieder ratlos. Auf einem Platz bin ich komplett verloren, das ganze „leicht links“, dann wieder „scharf rechts“ könnte überall sein. Ich probiere sicher drei Varianten von leicht links und scharf rechts und werde schon sowas von gereizt und übellaunig, dass ich am liebsten in das höhnische Tourismusbüro stürmen und die mal zur Schnecke machen würde, warum sie nicht in der Lage sind, manierliche Pfeile anzubringen.

Glücklicherweise findet sich dann doch irgendwann ein Weg. An einer Kreuzung mache ich zur Gemütsberuhigung erstmal ein frühes Mittagspäuschen. Eigentlich hatte ich auf einen Supermarkt in Noja gehofft; nun dämmert mir, das sich meine Vorräte in Grenzen halten. Ich vertilge sämtliches Brot mit Schinken und habe für den Nachmittag nur noch ein paar Snacks. Zum Glück soll es in Güemes ja Abendessen und Frühstück geben.

Irgendwie ist heute der Wurm drin, auch nach Noja finde ich nicht zu meiner gewohnten Caminosicherheit zurück. Ständig taucht eine Kreuzung ohne wirkliche Pfeile auf. Naheliegenderweise könnte man einfach geradeaus weiterlaufen, aber heute verunsichert mich jede Kreuzung. Wenn ich dann doch geradeaus laufe und nicht nach ein paar Minuten ein gelber Pfeil auftaucht, bin ich am Zögern, Stehenbleiben und fast schon wieder Zurückgehen. Vielleicht habe ich ja doch einen offensichtlichen Abzweig einfach übersehen. Ich will schon wieder an einer Stelle zurückgehen, als mich eine Spanierin von ihrem Balkon fast schon anschreit, wo der Weg langgehen würde. Sie schimpft, dass hier immer Pilger rumstehen und den Weg nicht finden würden. Da, da, da, geradeaus. Ich laufe los, stehe an der nächsten Kreuzung ohne Pfeile dann doch wieder unschlüssig. Aus gut 100m Entfernung höre ich die Spanierin erst recht noch schimpfen, warum diese blöde Pilgerin jetzt nicht einfach geradeaus läuft, sondern immer noch zögert. Zufriedener ist sie mit dem Paulo Coelho- Verschnitt, der ohne eine Miene zu verziehen zielstrebig geradeaus läuft. Ich bin fast froh, nicht mehr ganz allein im Nichts zu sein. Wegen eines Fotos bleibe ich zurück, um beim Weiterlaufen dann geradeaus Paulo zu sehen, nach rechts aber endlich mal wieder einen dicken, gelben Pfeil. Ich pfeife und rufe, aber er hört nichts. Ich habe ein etwas schlechtes Gewissen.

Ich laufe reichlich entnervt kleine Weglein mit sporadischen Pfeilen und sehr viel Ungewissheit entlang und bin eigentlich gerade etwas versöhnt, als ein Auto neben mir hält und mich eine schüchterne, freundliche Frau drauf aufmerksam macht, dass ich falsch bin. Die gelben Pfeile wären irgendwie weiter hinten. Ich laufe wieder ein paar Meter zurück, finde aber auch nichts Schlaues. Ich beschließe, einfach mal zur der Kirche vor mir zu gehen, die hat ja auch die temperamentvolle Balkonspanierin als Fernziel gezeigt. Paulo mit seiner neongrünen Rucksackhülle sehe ich auf der Autostraße ähnlich verloren vermutlich den gleichen Plan verfolgen.

An der Kirche hat es endlich mal wieder einen heimeligen Pfeil, danach schreibt dann aber selbst mein Führer moderat ermutigend, dass es „weglos über die Wiese“ geht. Ich rege mich ziemlich auf, wie soll ich denn bitte einen weglosen Weg finden. Irgendwo leitet dann ein hübscher, gelber Holzpfeil mit „Santiago“ wirklich deutlich mitten in eine Wiese, in deren Grün schon Paulo steht. Ich habe ziemlich die Krise, was ist das heute für eine schnapsideeliche Ausschilderung.

Wir entscheiden uns zu einem Querfeldeinschlag zu einer Straße hin, und nach einer Viertelstunde präsentiere ich Paulo jubelnd einen Pfeil an einem Ortsschild. Ab da wird es wieder einen Hauch von besser (und es gibt einfach weniger Abzweigungen). Ich habe immer noch meinen Führer hin der Hand und wühle mich abwechselnd durch den variantenreichen Textdschungel und die Landkarte, die allerdings auch vor roten und rotgestrichelte Wegen wimmelt. Vermutlich kann man heute überall rumstehen und auf „dem“ Camino sein.

Mir brummt der Kopf vor lauter „wir gehen rechts und gleich wieder links (oder links und gleich wieder rechts)“, und ich bin heilfroh, dass sich der Variantendschungel langsam, aber sicher seinem Ende zuneigt. Ich mache eine weitere Stehpause und esse meine Vorräte komplett auf, selbst eine Packung Tuc-Kekse, die ich bestimmt schon seit über einer Woche mit mir herumschleppe. Jetzt muss dann wirklich irgendwann die Herberge kommen.

Sehnsuchts- und hoffnungsvoll betrachte ich jedes Haus in der Ferne und versuche mich damit anzufreunden, dass das die sagenumwobene Herberge von Güemes ist. Ausnahmsweise teile ich die kritische Grundhaltung von Maike, dass solche Wunderherbergen ihr etwas suspekt sind. Leider geht es ohne Herbergsschild an zahlreichen möglichen Herbergen vorbei (und mir kommt langsam schon der erschreckende Gedanke, dass ich vielleicht schon vorbei bin). Irgendwann kommt dann doch eine Kreuzung, an der sich der gelbe Caminopfeil und der gelbe Alberguepfeil trennen. An einem Brunnen tanke ich nochmal Wasser und Energie für den letzten Aufstieg.

Wenn das einzelne weiße Haus, auf das ich zusteuere, wirklich die Herberge ist, übertrifft es meine bisherigen ambitionierten Herbergsmutmaßungen wirklich. Kurz vorher betrete ich noch eine Weide mit einem Haflinger-Pony, welches sich wie eine Statue nicht von der Stelle rührt und mich nur beobachtet. Vermutlich lacht es sich innerlich halb tot, nachdem ich das zweite Gatter zum Verlassen der Weide nicht aufbekomme. Ich zerre und schiebe und schlage minutenlang an dem Riegel herum, der Mechanismus ist mir eigentlich klar, aber ich bin einfach zu schwach. Ich spiele schon mit dem Gedanken, einfach drüberzuklettern, als ein südländisch aussehender kleiner Mann aus der Herberge kommt und mir lachend bei dem Riegel hilft. Mir ist das ja reichlich peinlich, aber glücklicherweise muss selbst er ein paarmal probieren.

Dann stehe ich in dem riesigen Raum der Herberge, zur Linken hat es Sitzpolster für gut 50 Leute, und an einem großen Holztisch vor mir sitzen zu meiner moderaten Freude schon die Kanadierin und der lustige Spanier aus Castro Urdiales mit seinem umtriebigen Macho, der natürlich gleich wieder bellend an mir herumspringt. Aber Macho macht der Schlauheit der Bordercollies alle Ehre und erkennt nach wenigen Sekunden, dass er mich schon kennt (und bestimmt schon eine halbe Nacht beschnüffelt hat, uah). Auch die Kanadierin ist heute erstaunlich gelöst und freundlich. Beide sitzen vor einigen Tellern am Essen. Der Hospitalero fragt mich, ob ich schon gegessen hätte. Ich bin unentschlossen, denn eigentlich habe ich um halb 12 ja wirklich theoretisch Mittag gegessen. Die Kanadierin greift hilfsbereit in mein langes Schweigen ein; vermutlich denkt sie, dass ich kein Spanisch verstehe, denn sie übersetzt mir, ob ich „hungry“ wäre. Das kann ich nun mit gutem Gewissen mit eifrigem Nicken bestätigen. Ich soll mich hinsetzen und auf das Essen warten.

Die beiden beenden gerade eine Art Hühnersuppe, um sich einem riesigen Teller voller Linsensuppe zu widmen. Ich bekomme ebenfalls ein Schälchen Hühnersuppe, die eine völlig andere Kategorie wie das Süppchen im Kloster von Zenarruza ist. Die Linsensuppe sieht auch mehr als lecker aus, und ich hoffe inständig, dass ich so einen Teller auch noch bekomme. Vielleicht muss ich einfach noch ein bisschen hungriger aussehen. Es klappt, ich bekomme eine wunderbare, dunkelbraune Pampe, die die Kanadierin auch gleich mit der Gabel statt mit dem Löffel isst. Drin sind diverse Fleischstücke versteckt, und es ist alles in allem einfach göttlich.

Während der Hospitalero draußen den eh schon sauberen Eingangsbereich fegt, kommt ein älterer Mann mit wallender, weißer Lockenpracht hereingeschwebt. Anhand seiner Aura vermute ich spontan, dass es sich um den vielgepriesenen Padre Ernesto handelt. Dieser ist moderat überschäumend freundlich. Er begutachtet uns und konstatiert, dass wir essen. Und fragt, ob es denn gut wäre. Hm hm. Dann beschließt er, ein Foto von uns zu machen. Ich bin erst recht moderat begeistert, habe ich doch Fotos nicht übermäßig gern, und erst recht nicht, wenn ich eine halbe Scheibe Baguette in der Backe habe. Ich darf das Resultat auf der Kamera begutachten, was soll ich dazu sagen. Ich sehe aus wie eine abgekämpfte Pilgerin mit Matschfrisur und Brot in der Backe. Meinen mäßigen Enthusiasmus deutet er dahingehend, dass er noch ein paar weitere Bilder von mir beim Essen machen soll. Hilfe. Eines seiner Werke entlockt seinem regungslosen Gesicht dann aber direkt einen Hauch von wohlwollendem Lächeln. Er tätschelt mir die Schulter und schlurft wieder hinaus. Ich bin etwas verunsichert.

Ein lustiger Mann mittleren Alters mit einem riesigen Hund kommt zu Besuch. Mein erster Gedanke bezüglich des Hundes ist „kalbsgroß“, aber selbst das wäre untertrieben. Das Tier sieht aus wie eine Mischung aus Golden Retriever und einer ausgewachsenen Kuh- und ist noch ein ganz kleiner, noch nicht einmal ein Jahr, wie der Spanier lachend erklärt. Er lacht sich erst recht halb tot, als ich frage, ob er denn noch größer wird, ja, und wie. Ich frage, ob er ein großes Haus hätte. Er lacht und meint, ja, und macht eine weitausholende Geste über die Herberge. Vom Temperament hat das gute Hundchen viel von der Kuhlinie geerbt, trotz Größe habe ich nicht einmal wie üblich Angst. Was allerdings gar nicht geht, ist die Zusammenführung mit Macho. Beide jungen Männchen bekläffen sich wie wild (wobei einem bei dem Kalb schier die Ohren abfallen). Sämtliche Erklärungen und erzieherischen Maßnahmen der Herrchen schlagen fehl, das Kalb muss zur Wahrung des Lärmpegels vor die Tür. Dort tröstet ihn sein Herrchen, indem er sich zu ihm auf den Boden kniet. Auf gleicher Kopfhöhe schlabbert ihm der Hund dann mit seiner riesigen Zunge sabbernd quer durchs Gesicht – und das Herrchen lacht sich dabei wie üblich glücklich halb tot.

Nachdem wir (bzw. aktuell ich) fertiggegessen haben, dürfen wir bei einer lateinamerikanisch anmutenden jungen Frau einchecken und werden dann vom Hospitalero zu den Schlafräumen geleitet. Ich bin überaus erleichtert, dass Macho ein Extrazimmer im Erdgeschoss bekommt und die Kanadierin gleich mit dort logieren will. Ich werde eine Etage höher geführt, wo mir sofort wieder die Mail von Patrick in den Sinn kommt, dass ich unbedingt nach Güemes müsste und die dreistöckigen Betten sehen. Nachdem mich die letzten dreistöckigen Betten in Deba nicht direkt mit grenzenlosem Enthusiasmus erfüllt haben, habe ich keine allzu hohen Erwartungen.

Das Zimmer hier ist aber der Hammer, es hat endlos viel Platz, die Matratzen sind hübsch blau überzogen, und die Art von Stockbetten erinnert mich an einen Kindheitstraum von einem Heuschober, bei dem man von hohen Holzbalken springen kann. Ich liebäugle wirklich mit dem obersten Stockbett, entscheide mich dann angesichts meines vielen Krimskrams aber doch für ein ebenerdiges. Bzw. eigentlich belege ich gleich zwei. Irgendwie sind die liebevoll angefertigten Einbaubetten nicht für Pilger über 180 cm konzipiert.

Während Machos Herrchen fröhlich am Duschen ist, macht Macho derweil die Damenwaschräume unsicher und stellt sich höchst begeistert daneben, als ich Wäsche waschen will. Ich lasse gerade heißes Wasser mit Duschgel in die riesigen Waschbecken, als er mir schier hineinspringt. Ich habe es nicht so mit Hundekommunikation. Er lauscht zwar gespannt meinen Ausführungen, dass das gar nicht gut für ihn zum Trinken ist, springt aber sofort wieder nach dem Wasserhahn, sobald ich das Wasser wieder andrehe. Ich verschiebe das Unternehmen Wäschewaschen zugunsten von Macho Wässern. An einem zweiten Hahn mit kaltem Wasser überbrücke ich mit beiden Händen so weit, dass Macho auf zwei Beinen und sehr langer Zunge schlabbernd zu seinem Getränk kommt. Ich bin sehr dankbar, dass er mich nicht irgendwie beißt, in den Trog springt und auch soweit durstgestillt ist, bevor mir von dem kalten Wasser die Hände abfrieren.

Die Herberge füllt sich nun schlagartig. Außer dem älteren, spanischen Paar trifft Kathrin ein sowie Chrissie und Maike. Ich habe wohl Glück gehabt, gerade noch zur erweiterten Mittagessenszeit (gegen 16.00) eingetroffen zu sein, für die aktuellen Neuankömmlinge gibt es nur noch Kekse. Die beiden Spanier logieren ebenfalls in meinem Zimmer, und wie sich herausstellt, sind sie heute morgen mit der Fähre gefahren. Ich bin überrascht, dass sie nun doch gefahren ist. Sie bestätigen, dass die Touristeninformation gesagt hätte, dass nicht, aber sie hätten irgendwo angerufen. Und den positiven Bescheid auch Miguel gestern am frühen Abend noch mitgeteilt. Dieser hätte mit ihnen dann auch ganz brav die erste Fähre um 9 genommen. Ich bin etwas sprachlos. Zum einen ärgere ich mich grün und blau, nun die schöne Fährüberfahrt verpasst zu haben (und ganz umsonst ein weiteres Mal gemogelt zu haben), zum anderen bin ich ungläubig wütend auf Miguel, der demnach gestern Abend definitiv schon wusste, dass doch eine Fähre fahren würde. Ich bekomme das Ganze digital nachgezeigt. Plötzlich kommt mir auch ein schlechtes Gewissen bezüglich der beiden Schwaben, ich hoffe, dass sie auch auf der Fähre waren und nun nicht wegen meiner Fehlinformation auch den Bus genommen haben. Nein, die wären nicht auf der Fähre gewesen, nur der Deutsche, so ein älterer mit einem charakteristischen Gang, und eben diese Deutsche mit dem Hund. Lauter Deutsche, die ich beim besten Willen noch nie gesehen habe.

Vor den Waschräumen läuft mir dann zumindest besagter Hund entgegen, zu meiner Erleichterung guckt er genauso verunsichert wie ich. Die Frau, die danach um die Ecke kommt, lacht herzlich, als ich konstatiere, dass sie dann wohl die Deutsche mit Hund wäre. Deutsch wäre sie, aber als „die Deutsche mit Hund“ geht eine andere durch.

Ich bin ziemlich angetan von diesem unerwarteten Pilgertrubel und setze mich in dem großen Raum abwartend an einen wunderbaren, offenen Kamin, während Miguel und Paulo eintreffen sowie sehr spät die Koreanerin, die ja eigentlich schon gestern nur 20 km laufen wollte. Ich bin fröhlich begeistert. Sie guckt mich an, macht eine halsabschneidende Handbewegung und krächzt tonlos „I am dead!“. Dead, aber extrem beachtlich am Laufen.

Ich flechte mein zweites Bändel, während mich das offene Feuer toll durchwärmt. Der Mann mit Hund schaut alle Viertelstunde nach dem Rechten, legt tonnenweise Holz nach und unterhält alle strahlend lachend. Auch der Weißhaarige kommt ab und zu vorbei, allerdings verzieht er meist keine Miene, was mich wie üblich etwas verunsichert. Kathrin belehrt mich, dass der Mann mit Hund Padre Ernesto wäre. Ich favorisiere intuitiv definitiv den Weißhaarigen, aber jeder Pilger hat eine andere Theorie. Dafür halte ich den Mann mit Hund intuitiv für den Sohn des Padre. Glücklicherweise behalte ich diese Intuition für mich. Ein paar Momente später dämmert mir, dass diese Idee nicht allzu intelligent ist in Anbetracht der Tatsache, dass der Padre ja ein katholischer Priester ist.

Ich knüpfe vor mich hin, während ich den interessanten (rein deutschen) Konversationen rund um das Kaminfeuer lausche. Die besagten Deutschen sind nun auch eingetroffen. Die Besitzerin der schüchternen Hündin, die eine Mischung aus Husky und Wolf oder Fuchs zu sein scheint, hat sich wohnungslos auf die Reise gemacht, nachdem sie vor ein paar Jahren schon einmal mit einem VW-Bus durch die Welt gereist ist. Momentan tun ihr die Füße weh, ihr Rucksack samt Zelt ist viel zu schwer, und eigentlich wollte sie eh auf den Hauptweg. Allerdings haben sich nach der Zugfahrt nach Spanien die Busfahrer geweigert, ihren Hund zu transportieren. So ist sie kurzentschlossen auf dem Camino del Norte geblieben. Während sie recht verzweifelt wirkt, ist ihre temporäre Weggefährtin ein quasselnder und sprudelnder Jungbrunnen. In wildestem bayrisch-hessischen Dialekt legt sie uns fröhlich plappernd ihr halbes Leben dar, unter anderem, dass sie letztes Jahr überraschend ihren Mann verloren hat und dann so durch den Wind war, dass gar nichts mehr ging. Sie ist dann den Camino Frances gelaufen, und der hätte sie so wunderbar gestärkt, dass sie jetzt einfach nochmal zurückkommen musste. Wunderbar gestärkt und voller positiver Energien wirkt sie wirklich. Ich bin mechanisch vor mich hinknüpfend fasziniert, zum einen von dieser Lebensfreude, zum anderen von dieser Offenheit. Mir wird bewusst, wie meilenweit ich von so etwas entfernt bin. Wie auch jetzt hülle ich mich meistens in ein schüchtern lächelndes Schweigen. Jede weitere Chrissie in meinem Leben macht mir nur noch deutlicher bewusst, dass meine Motivation nicht jeder versteht. Erklären kann ich sie schwer – und ich will es auch einfach nicht.

So bin ich dann doch etwas überrascht, dass der ältere Deutsche, der neben mir sitzt, allein durch sein stilles Sitzen irgendwie meinen Schutzwall zu durchdringen vermag. Er erzählt mir von seinen Pilgererfahrungen, und ich bin erstaunlich offen und fühle mich wohl. Zwischen seinen einfachen Sätze schwingt recht viel „Pilger“ mit, sodass ich mit einer einfachen Bejahung und einem zustimmenden Lächeln viel von meiner Pilgermotivation teilen kann. Vielleicht fühle ich mich auch deswegen so wohl, weil ich hier zum ersten Mal auf erfahrene Pilger stoße, bzw. einfach Menschen, die schon mal etwas von der Faszination des Caminos erlebt haben und nicht nur den schönen Weg genießen. Beziehungsweise ich bin sicher, dass die wunderbare Herberge einen großen Teil dazu beiträgt, denn aus ihr strömt mit jedem Detail, mit jedem wärmenden Holzscheit, liebevoll geschreinerten Bett, leckeren Essen, mit jedem ruhigen Pferd, kalbsgroßen Hund, lachenden Mann, umsorgenden Hospitalero und Padre einfach ganz, ganz viel Camino. Wunderbar, bewegend und magisch, nun doch noch.

Um 8 werden wir in die Bibliothek gebeten, wo wir erst um einen Tisch sitzen und Stapel von laminierten Fotos anschauen. Manche zeigen Gruppen, manche völlig durchschnittliche Pilger mit einer kurzen Geschichte, manche beeindruckende Pilger. Mich berühren die Collagen über Langstreckenpilger mit vielen tausend Kilometern in den Beinen, Familien mit kleinen Kindern und eine afrikanische Frau mit lustigen Perlenzöpfchen. Etwas weniger wohlig wird mir bei der Vorstellung, dass der Padre nächste Woche eifrig eine ähnliche Collage bastelt mit einer zerzausten Pilgerin mit Hamsterbacken und Baguettekrümeln beim Suppe-Essen.

Danach sollen wir uns alle vor einer Landkarte versammeln. Padre Ernesto kündigt uns für die nächste Stunde einen Vortrag an über den Camino, die Strecken, die wir vor und hinter uns haben, sowie über die Herberge und ihre Geschichte. Die Kanadierin macht die Übersetzerin. Wir lernen über die karitativen Projekte und die Hilfe von zahllosen Freiwilligen in dieser Herberge, allein 70 Leute aus der Umgebung helfen lachend und strahlend. Der Padre beleuchtet kritisch die Gefahren des Eukalyptusanbaus und der vielen Straßen sowie des Sommertourismus. Die Kanadierin übersetzt sehr talentiert und lustig, zumal der Padre sich manchmal minutenlang in seinen Gedanken verliert und die Arme vermutlich ein ganz rotierendes Hirn bekommt. Nachdem ich sowohl sein Spanisch als auch ihre englische Übersetzung verstehe, erhalte ich auch Einblicke in ihre ähnlich sorgsam versteckte Pilgermotivation. Manchmal dichtet sie strahlend einen Caminoenthusiasmus dazu, den der Padre so gar nicht erwähnt hat.

Ich bin komplett fasziniert von der Ausstrahlung von Padre Ernesto. Im Gegensatz zu dem strahlenden Umarmungsmönch von Zenarruza ist er weit weniger herzlich und verzieht auch nie eine Miene zu einem Lächeln. Uns wird fast schon ein wenig unwohl, als er mit versteinerter Miene erklärt, dass diese Herberge nun wirklich keine Pilgerherberge wäre, schon seit 100 Jahren bestehen würde und der erste Pilger gerade einmal vor 13 Jahren hier aufgetaucht wäre. Sie wäre offen für alle Arten von Menschen und Gruppen und Interessensgemeinschaften. Das stolze und glückliche Pilgerkollektiv schaut etwas eingeschüchtert und bedröppelt aus der Wäsche.

Danach erklärt er uns noch die kommenden Etappen. Morgen hätte es zwei Wegalternativen, die wir aber beide nicht nehmen sollten, sondern einen kleinen Umweg direkt an der Küste entlang. Wir nicken alle sehr ernsthaft und versuchen, uns die entsprechenden Abzweigungen zu merken. Fernab der Markierungen zu laufen gehört zwar definitiv nicht zu meinen Lieblingsbeschäftigungen, Steilküste 70 m über dem Meer ist aber definitiv mein Ding. Und sein Umweg sieht auf der Karte auch wirklich idiotensicher aus. Die Etappe einen Tag später mit über 45 km entschärft er auch gleich, es gäbe eine gangbare Abkürzung, bei der man gleich 5 km sparen könnte, indem man verbotenerweise über eine Eisenbahnbrücke geht. (Ich bin mal wieder so beeindruckend informiert, dass ich von dieser beunruhigend langen Etappe gar nichts weiß.) Die ganz Schlauen würden warten, bis der Vorortzug alle 20 Minuten durch wäre – und die ganz Ängstlichen würden einfach direkt den Vorortzug nehmen. Da hebt sich selbst beim Padre für ein paar Sekunden ein Mundwinkel.

Um 9 geht es dann endlich in den Speisesaal. Die erste Suppe kenne ich in ähnlicher Form schon, danach gibt es noch einen leckeren Kartoffeleintopf. Wir bekommen die kolumbianische Köchin, ihren Bruder und ihren Mann vorgestellt, die aktuellen guten Seelen der Herberge. Padre Ernesto erzählt zwischendurch von seinen Arbeitseinsätzen in den Fabriken und Minen Lateinamerikas, alles ist einfach zutiefst beeindruckend.

Mir gegenüber sitzt ein Mann, der mir erst nach der Bibliotheksstunde aufgefallen ist und der kein Pilger zu sein scheint. Irgendwie erinnert er mich an den zu groß geratenen Hund. Er ist auch riesengroß, ohne wirklich beängstigend zu wirken. Aktuell wirkt er ein wenig unbeholfen in unserer Pilgermeute, die ja größtenteils auch noch munter deutsch plaudert. Nachdem er sich das Essen über gepflegt auf Englisch mit der in England lebenden Kathrin unterhalten hat, stehe anschließend ich auf dem Programm. Er kommt aus Salamanca, was mich natürlich sofort in Via de la Plata-Verzückung versetzt. Zu meiner Enttäuschung ist er als guter Spanier aber weder die Via noch sonst irgendeinen Camino jemals gepilgert. Wir kommen auf Berufe zu sprechen, er ist Musiker, Pianist, um genau zu sein. Das haut mich ziemlich vom Hocker, irgendwie hätte ich seinem Erscheinungsbild und seinen riesigen Pranken eher Schlachter oder Holzfäller zugeordnet. Während er bei näherer Betrachtung nicht einfach nur unwohl, sondern auch ziemlich traurig aussieht, bekommen seine Augen ein unglaubliches Strahlen, wenn er von einem Klavier spricht. Ich frage, ob er denn auch privat gern spielt, wenn er es doch den ganzen Tag schon beruflich macht. Natürlich, er strahlt, jede freie Minute. Es wäre seine Passion. Ich bin beeindruckt und nachdenklich. Nichts gegen meinen Job, aber derart begeistert könnte ich wohl höchstens den Camino als meine Passion bezeichnen. Wir unterhalten uns rein auf Spanisch, was mal wieder davon erschwert wird, dass ich es nie richtig gelernt habe. Noch dazu nuschelt der Herr Pianist für seinen Größe ziemlich schüchtern vor sich hin. Ich versuche zu rekonstruieren, ob er nun also in Salamanca Klavier spielt. Nein, er wäre Pianist auf den kanarischen Inseln gewesen. Ich bin etwas verwirrt und verstehe nicht, warum er nicht mehr Klavier spielt, wenn es doch so seine Passion ist. Ich mutmaße Geld- oder Stellenmangel, nein, nein. Ich frage immer weiter und verstehe immer weniger. Seine genuschelte Begründung verstehe ich auch ewig nicht, bis er mir die fünften Wiederholung schon fast entgegenbrüllt. „Chica“ verstehe ich dann sogar mit meinem rudimentären Spanisch. Seine gute Angebetete findet Pianist keinen manierlichen Beruf, und nachdem sie in England lebt, ist er mit Salamanca dann in eine mittlere Nähe gezogen. So ganz sympathisch ist mir so ein Drache, der ihm sein geliebtes Klavier verbietet, nun nicht gerade, aber wenigstens habe ich die komplizierten Zusammenhänge endlich verstanden. Ich schließe, dass sie demnach jetzt zusammen in der goldenen Mitte von England und kanarischen Inseln in Salamanca leben, und frage, ob er nun hier auf Urlaub ist. Nein, er würde hier in der Nähe wohnen, nur ein paar Kilometer weg. Und nachdem er mit dem Padre irgendwie verwandt ist, kommt er hier abends oft zum Essen (was ich sehr gut verstehen kann). Wieso er jetzt hier und nicht in Salamanca wohnt, verstehe ich dagegen schon wieder rein gar nicht. Auch akustisch und Spanisch stehe ich schon wieder auf dem Schlauch, sodass er mir auch schon wieder quer über den Tisch „no hay chica!“ entgegenbrüllen muss. Das zieht mir jetzt (obwohl ich ihn eigentlich nicht kenne) den Boden unter den Füßen weg. Die Lady hat ihn nicht nur umziehen und Beruf wechseln lassen, sondern ihn dann nach drei Jahren auch noch verlassen. So wunderschön begeistert, wie seine Augen strahlen können, können sie nun auch zu Boden zerstört und enttäuscht schauen. Mit einem Mal verstehe ich seinen rundum traurigen Gesamteindruck, und es berührt einfach kolossal mein Herz.

Wir haben plötzlich eine gewisse Herzverbindung, und unser anschließendes Gespräch über Berufe, Passionen, Caminos und Suchen im Leben ist beeindruckend. Nicht nur, dass wir uns ohne jemals nochmal nachfragen zu müssen und ohne, dass ich jemals nach Worten suchen müsste, in einer Sprache unterhalten, die ich eigentlich gar nicht kann. Ich kann plötzlich ohne jegliche Vorsichtswälle über meine Caminobegeisterung, meine Zweifel und Suchen reden. Er lächelt dazu verstehend mit seinen traurigen Augen. Mir zerfließt das Herz, wenn er von seiner Klavierbegeisterung erzählt, und er versteht jeden meiner verrückten Caminogedanken.

Diese Herberge hat definitiv etwas ganz und gar Besonderes. Ich schaffe es über eine Woche nicht, jemandem auch nur zu erzählen, dass ich schon einmal einen Camino gelaufen bin. Und kann mich bei dem einzigen Menschen weit und breit verstanden fühlen, der noch nie auch nur einen Schritt als Pilger gemacht hat.

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Die Nacht ist gelinde gesagt ein Horror. Im Bett neben mir liegt der Spanier, der auch am Abend schon recht viel vor sich hingeredet hat. Er redet auch die halbe Nacht im Schlaf – und in was für einer Lautstärke! Noch dazu kläfft alle halbe Stunde Macho. Freilaufende Hunde in der Nacht sind rein gar nicht mein Ding.

Während mir sonst die Ohrstöpsel im Lauf der Nacht aus dem Ohr fallen und ich beim ersten Rascheln wach werde, habe ich sie mir diese Nacht in Anbetracht der Geräuschkulisse wohl etwas zu tief ins Ohr geschoben – ich werde erst wach, als alles um mich herum schon am Packen ist. Eigentlich muss ich ja nirgends zeitig ankommen und bin eh nicht schnell, trotzdem gehe ich ungern als letzte los.

Vor der Herberge treffe ich das Paar, welches ich gestern auf dem Camino von weitem gesehen habe. Ich bin überrascht, wo sie herkommen. Ihnen geht es ähnlich. Sie hätten bei der Polizei gefragt, wo denn die Herberge wäre und die Auskunft bekommen, dass es keine Herberge gäbe. Entsprechend sind sie nun etwas konsterniert, dass Pilger um Pilger aus der kleinen, gelben Herberge kommt.

Wie auch gestern ist das Wetter heute regnerisch trüb. Die kleine Kanadierin überholt mich wortlos. Sie ist vermutlich halb so groß wie ich, hat aber eine mindestens doppelt so hohe Schrittfrequenz. Und wir können uns wohl beide nicht so recht leiden. Sie weiß einfach alles und hat zu allem etwas zu sagen. Spätestens ihr morgendliches Gequake, wieso ich ohne Frühstück starte, hat mir den Rest gegeben. Ich versuche, in mich hineinzuhören, was genau mich stört. Vielleicht sind wir uns letztlich einfach zu ähnlich.

Eine weitere Eingebung vernehme ich von jenseits meines arbeitenden Verstandzentrums: eine grundlegende Entscheidung über die Art meines Caminos. Auch heute gibt es wieder die Möglichkeit, mit der Fahrstraße abzukürzen. Mein Führer sagt offiziell 32 km bis Laredo, auf dem Wegzeiger stehen dagegen 37 km. Die Abkürzung mit 25 km wirkt eigentlich denkbar vernünftiger. Ich habe gestern mit Maike die Wegalternativen begutachtet, und sie hat sich sehr selbstverständlich ein weiteres Mal für die Fahrstraße entschieden – ihre Beine sind ein bisschen am Ziepen, da scheint ihr das vernünftiger. Geradlinige Denkweise. Meine Beine ziepen auch, aber vor allem bin ich mir sehr sicher, dass ich ab jetzt wieder normal den Camino laufen will. Ich habe die Metro genommen, um eine Übernachtung zu finden, und ich habe gestern abgekürzt, um die lange Etappe und einen Tag Vorsprung herauszuarbeiten. Aber von nun an muss es einfach passen. Keine Abkürzungen mehr. Ab jetzt sollte ich die Etappen schaffen, und wenn nicht, dann gehe ich einfach nicht bis Llanes. Je mehr ich überhaupt mit den Gedanken an Abkürzungen spiele, desto mehr schwindet sonst mein Pilgergefühl.

Durch meinen späten Start heute laufe ich die erste Zeit in einem ungewohnten Pulk, alle 50 m läuft ein Pilger. Ich denke fast etwas sehnsüchtig an die ersten Tage zurück. Pause mitten auf dem Weg machen und für Fotos an die unmöglichsten Stellen turnen, ohne ständig freundlich grüßen oder smalltalken und kommentieren zu müssen.So fotografiere ich heute mit der Koreanerin begeistert Ziegen, lasse mir von dem spanischen Pärchen ein verirrtes Pferd vom Weg schieben und erhalte ein mystisches, regungsloses Nicken vom Paulo Coelho-Verschnitt, der eines meiner Fotomotive gutzuheißen scheint.

Einerseits ist es ein bisschen schade, dass vor lauter Wolken auch das Meer ein recht unspektakuläres Dunkelgraublau aufweist; andererseits sind die kurzen Momente von Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke dadurch ein viel größeres Geschenk.

Ich lasse das ganze hektische Pilgertreiben passieren und verfalle dann wieder ungestört in meinen ultralangsamen Trott und laufe verträumt durch Weiden, Wälder und am Wasser entlang. Ohne zu zögern schlage ich auch den Originalweg ein, als der Abzweig zur Nationalstraße in Sicht kommt. Überraschenderweise taucht irgendwann in einem kleinen Örtchen ein Supermarkt auf (noch stilvoll mit einer „feliz navidad“-Leuchtreklame dekoriert), sodass sich mein Proviant unverhofft etwas verführerischer upgraden lässt. Ich will gerade schon wieder loslaufen, als ich Maike und Chrissie in die Arme laufe, kurz darauf läuft auch die Koreanerin vorbei. Angesichts der Tatsache, dass Maike die kurze Strecke nehmen wollte und die Koreanerin immer so um die 20 km läuft, bin ich etwas irritiert. Sie haben den Abzweig übersehen und laufen nun wohl oder übel die lange Strecke. Chrissie kämpft mit einem Navigationssystem, welches sie von ihrem österreichischen Pilgerverein mitbekommen hat zur Überprüfung der korrekten GPS-Daten. Immer, wenn sie einen bewussten Umweg macht oder sich verläuft, muss sie es hinterher eintragen. Der Schnörkel durch die Ladenregale wird somit auch gewissenhaft markiert, um nicht unnötige Verwirrung zu stiften.

Die nächsten Stunden überholen wir uns immer wieder gegenseitig. Ich laufe deutlich langsamer, mache aber vermutlich weniger ausgiebige Pausen. Chrissie hat ganz professionell eine Isomatte dabei, nur um sich bei Pausen darauf zu setzen. Ich bin etwas nachdenklich bezüglich meiner Einzelkämpfer-Einstellung. Theoretisch könnten wir vermutlich ein lustiges Dreierteam bilden, aber irgendetwas lässt mich immer in einer freundlichen Abwehrhaltung verharren. Kaum, dass wir uns treffen, verabschiede ich mich auch schon wieder „bis später“. Die beiden finden die langen Etappen etwas ermüdend und die Konversation derweil durchaus zeitvertreibend. Ermüdung stellt sich bei mir bisweilen auch ein, allerdings sind diese Momente erfahrungsgemäß recht bereichernd und interessant, und unbedingt den ganzen Tag fröhlich verplappern möchte ich gar nicht. Ich bin mir nicht einmal sicher, was ich eigentlich will, auch nach recht vielen Caminos noch nicht.

Ein weiteres Mal überhole ich meine beiden Weggefährtinnen, die recht optimistisch vor dunklen Wolken picknicken. In einem Eukalyptuswald verliere ich für einen Moment die Wegführung. Auf einer großen Lichtung ist rein alles abgeholzt, sodass an den Verzweigungen keine Chance auf einen gelben Pfeil mehr besteht. Glücklicherweise arbeiten zwei einsame Waldarbeiter auf der Lichtung, die nichts Spannenderes zu tun haben, als den wenigen Pilgern nachzuschauen. Als ich mich irgendwann etwas hilfesuchend umdrehe, sind sie demzufolge auch schon voll im Bilde und wedeln mir die richtige Richtung.

Nach dem Wäldchen ergibt sich plötzlich ein atemberaubender Blick in ein weites Tal voller unterschiedlicher Grünschattierungen. Bis auf einige kleine Höfe grüne Hügel, soweit das Auge reicht, unterbrochen von einigen rauen, grauen Felsen. Die Landschaft erinnert mich an „Herr der Ringe“ und ist trotz oder gerade wegen den dunklen Wolken von einer ergreifenden Schönheit, die sich allerdings leider nicht wirklich auf meinen Foto bannen lassen will.

Ein ganz feiner Nieselregen setzt ein, sodass ich meine wunderbaren Supermarkteinkäufe in Form eines Vanillecreme-Blätterteigstückchens und einer Birne mal wieder im Laufen esse.

Ich bin fast etwas reumütig, diese wunderbare Atmosphäre hinter mir zu lassen. Im nächsten Örtchen gönne ich mir zum Nachspüren eine ausgiebigere Essenspause und lüfte meine Füße. Die heutige Etappe ist ja doch auch wieder etwas länger, und vor allem bei regnerischem Wetter neige ich zu stundenlangem Laufen ohne Pause. Ich bin gerade mittendrin im Vorrätedezimieren, als Chrissie und Maike auftauchen. Eigentlich haben sie ja schon vor einer Stunde ausgiebig gecampt, aber sie setzen sich doch nochmal auf meine etwas fragile Bank. Ich bin fast ein bisschen erleichtert, dass wir nicht zum zehnten Mal grüßend aneinander vorbeirauschen. Chrissie findet meine Wanderstiefel so kultig, diesen Retrostyle, diese uralten Lederschuhe. Ich bin etwas irritiert. Aus braunem Leder sind sie wirklich, aber das mit dem uralt ist eher relativ. Vor 2 Jahren standen sie noch brandneu in einem Schuhladen, und ich neige vermutlich einfach nicht zu einem allzu pfleglichen Umgang. Aktuell habe ich nicht nur ein schlechtes Gewissen meinen oft vernachlässigten Beinen und Füßen gegenüber, sondern auch meinen Stiefeln, die mich Camino um Camino treu und blasenfrei tragen, deren Leder ich aber noch nie auch nur irgendwie gepflegt habe. Vermutlich müsste ich dazu erstmal viele Schichten von zarter Camino del Norte- Dreckbrühe, trockenem Camino Frances-Staub und fiesem, hartnäckigem Via de la Plata-Matsch abtragen.

Wir laufen einträchtig gemeinsam weiter, ich gebe mir Mühe, nicht wieder in meinen Schleichtrott zu verfallen. Chrissie möchte einen Kaffee trinken gehen, aber erst im nächsten Ort. Dieser lässt auf sich warten, und nachdem es danach noch eine Stunde bis Laredo sein soll, bin ich zurückhaltend begeistert ob meiner heutigen, bis dahin problemlosen Verfassung. Irgendwann taucht in der Ferne ein Ort auf, der Laredo sein könnte. Ich bin skeptisch, das wäre doch etwas früh; ich fürchte, dass es erst Hazas ist. Es ist aber wirklich schon Laredo, den geplanten Kaffeeort für Chrissie haben wir irgendwie einfach überlaufen. Ich bin überrascht, wie schnell diese Etappe verflogen ist. Mit Blick auf die Uhr ist es allerdings wirklich auch schon fast 17.00.

Auf der Suche nach der Herberge konsultieren wir dann doch unseren Führer. Ich lese immer gern den Text, während Chrissie recht optimistisch nach der Karte geht (die auf einer Seite die ganze Etappe zeigt und daher nicht allzu feingliedrig ist). Wir sind schon an den beiden Herbergen vorbei, fragen wieder munter die Einheimischen und werden wieder zurückgeschickt. Während ich interessiert begeistert irgendwelchen Straßen folge, bleibt Chrissie mittlerweile schon an der Hauptstraße stehen und setzt sich erst wieder in Bewegung, nachdem wir wirklich die Herberge gefunden haben und aufmunternd winken. Die Kombination aus langer Etappe und fehlendem Kaffee setzt ihr etwas zu.

Wir stehen vor einer verschlossenen Tür mit Sprechanlage, und zum Glück haben wir Maike mit ihrem lupenreinen Spanisch, die sehr wortgewandt uns drei Pilgerinnen ankündigt. Wir bekommen aufgesummt und stehen in einem etwas beklemmenden Empfangsraum aus blitzendem, dunklen Holz voller Jesusstatuen (schließlich ist es eine von Franziskanerinnen geführte Herberge). Alles ist etwas zu sauber und edel, als dass wir uns lehmverschmiert und etwas abgekämpft so richtig zu Hause fühlen würden. Mit dem Aufzug kommt eine kleine Frau angefahren, die uns anschaut, erschreckt „drei Pilgerinnen?!“ stammelt und gleich wieder entschuldigend im Aufzug verschwindet. Wir warten weiter etwas verunsichert, bis eine weitere kleine Frau uns resolut erklärt, dass es für Pilger nur noch ein Vierbettzimmer hätte und da nun eben bereits ein Mann drin logiert. Intuitiv vermute ich, dass es sich um Miguel handelt und versichere, dass wir ihn vermutlich eh kennen und das schon okay ist.

Wir quetschen uns zu viert in den winzigen Aufzug. Maike entschuldigt sich höflich scherzend für unseren Pilgergeruch . Die kleine Dame meint etwas säuerlich, das wäre halt immer so. Es geht durch dunkle, enge Gänge zu einem Zimmer, in dem wirklich erwartungsgemäß Miguel logiert. Er sieht moderat begeistert von der Invasion deutschsprechender Chicas aus. Die kleine Spanierin erklärt uns stolz und geschäftig jede Einzelheit des Zimmers, während die müde und gereizte Chrissie schier aus den Latschen kippt. Wir bekommen eine Führung zu den Waschräumen und zur Küche. Da nur Maike schön Spanisch spricht, bekommt sie alles erklärt und lächelt zu allem auch sehr geduldig und höflich. Ich breche irgendwann in prustendes Lachen aus, als sie uns bereits 5 Minuten erklärt, dass und wie wir Spaghetti kochen können. Ich rette mich in einen missglückten Hustenanfall.

Wie die Betreuung, so ist auch der Raum ein Hauch von „too much“ und Betüttelung. Die Bettüberwürfe sind rosenverziert, überall stehen kleine, putzige Kinderstühlchen, und in Anbetracht der Wanddekoration kann ich mir gedanklich ein kindisches Spiel nicht verkneifen, bei dem man möglichst viele Kreuze oder Jesusbilder zählen muss.

Wie üblich schaltet mein Körper nach einem langen Tag in einen „letzte- Reserven- mobilisier- Modus“, der mich adrenalingeladen Richtung Supermarkt treibt. Mein fröhlich motivierter Vorschlag, schon mal geschwind einkaufen zu gehen und den beiden Damen den Vortritt mit Duschen zu lassen, erntet ein ziemlich bissiges „darf ich mich vorher noch 5 Minuten hinsetzen?!“ von Chrissie. Sie ist wohl wirklich müde.

Ich erstehe wieder gefühlte 5 kg Fressalien, unter anderem eine Tiefkühlgemüsepfanne mit Crevetten, wenn es denn schon mal eine Kochgelegenheit gibt. Maike und Chrissie wollen nach dem langen Tag schön essen gehen. Zurück in der Herberge dusche ich in einem leicht erdrückenden Badezimmer. Glücklicherweise hat es diesmal keinen Jesus, dafür einen Haufen Porzellanblüten und Porzellanvögelchen.

Die Damen betreiben frischgeduscht fröhliche Blasenpflege. Chrissie hat einen Flachmann mit einem Kräuterschnaps dabei, den sie sich pauschal desinfizierenderweise über den Fuß gießt. Dass sie dabei die Überdecke gleich noch mit einem großen, hellbraunen Fleck verziert, kommentiert sie ungerührt damit, dass die hier für die horrenden 13 Euro ja ruhig auch etwas zu waschen haben können. Wie so oft trennen uns auch hier wieder grundlegende Einstellungen, die mich resignieren lassen.

Maike schlägt vor, dass wir ja zusammen kochen könnten. In Anbetracht der Küche haben sie wohl doch umdisponiert. Ich finde es soweit eine gute Idee, allerdings offenbart mir ein Blick in den Führer eine Messe um 20.00. Die Aussicht auf singende Nonnen hat eine magische Anziehungskraft auf mich, und auch generell verspüre ich ein gewisses Bedürfnis, meinen Camino kirchennäher zu gestalten. Auf dem Hauptweg war die abendliche Misa fast eine Selbstverständlichkeit und meist ein erhebender Abschluss einen intensiven Tages. Hier fühle ich Gott bisher sehr selten und müsste dem wohl auch einfach mehr Raum geben.

So bin ich etwas hin- und hergerissen zwischen geselligem Abendessen und der Misa. Ich entscheide mich für letzteres. Vermutlich denken sich die beiden ihren Teil. Vermutlich finden sie mich eh schon einen etwas seltsamen Vogel, dass ich so gern den ganzen Tag allein bin. Und dann noch der Glaube, spätestens Chrissie scheint das höchst, höchst suspekt zu finden.

Ganz entspannt ist mein Kochen und Essen nicht wirklich, die Zeit läuft mir davon. In der blitzsauberen Küche voller Häkeldecken und Porzellanschwammhaltern habe ich eh das Gefühl, alles nur dreckig zu machen. Außerdem bleibt mir bei all den dunklen, engen Gängen langsam die Luft weg. Das Fenster der Küche lässt sich auch nur in einen engen Lüftungsschacht öffnen, aus dem es noch wärmer und stickiger kommt. Zwar verfügt die Herberge über einen extra Essraum, allerdings fühle ich mich auch dort ohne Fenster und in der sterilen Sauberkeit (voller Häkeldecken, Porzellanfiguren und Jesus) nicht wohl.

Ich hüpfe in letzter Minute in den Gottesdienst. Es hat wirklich wie erhofft Nonnen, allerdings auf eine etwas bedrückende Art. Auf einer Seite des Altars ist ein dickes, schwarzes Metallgitter, hinter dem zwischendurch zum Hostienempfang eine Hand kommt. Die restlichen Nonnen residieren einen Stock höher hinter einer Glaswand. Eine junge Nonne liest mit sehr schöner Stimme einen Text, während beim Singen selbst eine vermutlich 90-Jährige mit überaus brüchiger Stimme ein Solo singen darf. Vielleicht eher faszinierend als ein musikalischer und spiritueller Hochgenuss.

Zurück in der Herberge sitzt Miguel etwas rastlos im sonst leeren Zimmer. Er verkündet mir, dass morgen nicht wie geplant eine Fähre von Laredo nach Santoña fährt. Er hätte im Tourismusbüro gefragt. Er ist aufgewühlt ratlos, nun müssen wir morgen wohl oder übel die andere Wegalternative nehmen. Ich bin langsam ähnlich aufgewühlt, denn das kommt für mich überhaupt nicht in Frage. Morgen steht er endlose Sandstrand von Noja auf dem Programm, den ich keineswegs gegen die Etappe durchs Hinterland eintauschen will. Ich beruhige mich damit, dann eben den Bus bis Santoña zu nehmen. Dadurch verpasse ich den Strand von Laredo und fühle mich schon wieder ein Stück wie ein Kilometerschummler, aber es gibt ja wirklich keine andere Alternative.

Miguel scheint richtig beschissene Stimmung zu haben, er telefoniert den halben Abend und beschwert sich dort recht verzweifelt, gerade in einem Zimmer mit drei deutschen Hühnern zu sitzen. Ich erleichtere ihm die Situation, indem eines der Hühner schon mal friedlich still schlafen geht.

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Nachdem gestern schon ein kühleres Windchen geweht hat, ist es heute wirklich frischer. Und während ich aus Portugalete hinauslaufe, beginnt es sogar zum ersten Mal zu nieseln. Ich packe begeistert mein gutes Kilo Regenequipment aus, Regenjacke, Regenhose, Rucksackhülle und den Schirm, von dem ich mich ja nun doch noch nicht getrennt habe.

Mit dirndlschwingendem Oktoberfest-Motiv auf dem Schirm sehe ich wohl ähnlich faszinierend aus wie mit Hannah Montana letzten Herbst. Allerdings ist mein aktueller Schirm immerhin brandneu und nicht kaputt – und der einzige, den ich mit guten Gewissen mitnehmen und bei Nichtgebrauch ohne Gewissensbisse entsorgen könnte.

Der Weg geht etwas unkoordiniert an der Straße entlang. Neben mir ist Rush Hour. Irgendwer hupt und ruft etwas von Santiago. Ich drehe mich um, sehe aber im beginnenden Tageslicht nur ganz, ganz viele Autos. Erst, als ich es aufgebe und weiterlaufe, sehe ich, wie ein paar Autos vor mir jemand begeistert winkt. Ein kleines bisschen verunsichert es mich dann doch immer. Die Chancen stehen ja nicht schlecht, dass jemand nicht nur ermunternd hupt, sondern hupt, weil ich gerade begeistert in die völlig falsche Richtung laufe. Ich muss an Maike denken, die gestern resigniert gemeint hat, dass die Lastwagen sie immer von der Straßen hupen würden, dabei könnte sie doch auch nichts dafür, dass der Weg da lang geht. Ich musste sie erst aufklären, dass die meisten Hupen freundliche Aufmunterungen sind – eben höchstens unterbrochen von Hinweishupen, dass man gerade auf die Autobahn einläuft, seinen Rucksackinhalt verliert oder zwar nach Pilger aussieht, aber nicht mehr auf dem Camino ist.

Ich bin froh, als es auf den angekündigten „roten Radweg“ geht, der einen aus der Großstadt hinausbringen soll. Irgendwie ist es ein merkwürdiger Weg. Beidseitig meterhoch mit Plexiglas eingefasst, führt er brückenartig über ein Meer von Autobahnen. Ungewöhnlicherweise wird mir fast etwas unwohl in diesem Schlauch, zumal um diese Zeit noch nicht viel los ist. Von Joggern und Hundebesitzern abgesehen habe ich bei fast jedem ein komisches Gefühl und bin froh, wenn er wieder außer Sichtweite ist. Großstadt-Paranoia.

Irgendwann wird es ruhiger, grüner und wieder schlauchfrei. Dafür ist der Radweg extrem befahren, es vergeht keine Minute, dass nicht irgendwo ein Radler auftaucht. Der Nieselregen ist so schwach, dass mir ein Schirm schon fast albern vorkommt. Kaum, dass ich ihn verstaut habe, setzt dann prompt wieder ein etwas stärkeres Nieseln ein. Ich bin bestimmt 10 x am Wechseln. Man kann das Meer fast schon wieder ahnen. Ich bin voller Vorfreude in Anbetracht der Waldetappen der vergangenen Tage. Nur ist das Wetter nicht gerade traumhaft, sondern so, wie ich es auf dem Camino del Norte eigentlich häufiger erwartet hätte: grau, verhangen und regnerisch.

Zwischenzeitlich nieselt es ziemlich fies. Kombiniert mit dem ordentlichen Wind kommt der Regen waagerecht von vorne, sodass ich meinen Schirm wie ein Schutzschild vor mich halte. Leider sehe ich dadurch dann nichts mehr und muss alle paar Meter sichernd drumrumschauen, ob mir etwas entgegenkommt. Und das Schirmchen ist nicht gerade wind- und wettererprobt, sondern stülpt sich zu sehr interessanten Formationen um.

Am Ortseingang von Pobeña fülle ich an einem Brunnen meine Flaschen und verstaue schon wieder einen Teil meiner Regenmontur, sodass ich zum Glück nicht mehr ganz so abenteuerlich aussehe, als Maike und Miguel ein paar Sekunden nach mir (deutlich schneller) angelaufen kommen. Miguel hat es irgendwie eilig und düst vorbei, während Maike erstmal Kaffeetrinken gehen will.

Ich inspiziere derweil den Strand (der so grau in grau dann doch etwas ernüchternd aussieht) und gelange dann über ein paar Stufen nach oben auf einen touristisch hübsch ausgeschilderten Küstenpfad. Es stürmt recht kraftvoll und beeindruckend. Ich mache eine denkwürdige Essenspause, bei der mir so ziemlich alles außer dem Taschenmesser mehrmals wegfliegt.

Irgendwie zieht sich der Weg reichlich in die Länge, vielleicht auch, weil die ganze Zeit Spaziergänger um mich herumlaufen, was mich meistens etwas von meinem pilgerischen Flow abhält. Beziehungsweise mir ebenfalls ein eher touristisches Kurzetappengefühl vermittelt, nur wieder ein bisschen schlechter angezogen.

Recht erleichtert habe ich irgendwann Ontón erreicht, Ort um Ort arbeite ich mich voran. Als ich nach einem kleinen Anstieg auf der Autostraße stehe, sehe ich im gleichen Moment einen gelben Pfeil nach rechts auf dem Boden und etwa 50 m weiter links ein großes Caminozeichen. Dieses sieht mir an sich vielversprechender aus. Während ich noch etwas unschlüssig stehe, winkt schon ein älterer Spanier aus seinem Hauseingang die Straße entlang nach rechts. Camino, Camino. Ich radebreche, ob das denn der richtige Camino wäre oder die Abkürzung auf der Straße. Er schnaubt verächtlich, dass der der Straße entlang viel besser wäre. Ich belehre ihn, dass der vielleicht einfacher ist, ich aber als gute Pilgerin lieber den richtigen laufen will.

An der Abzweigung nach links verordne ich mir erstmal wieder eine Pause. Der Wegzeiger zeigt 16 km an, was mich ehrlichgesagt doch ein bisschen schockt. Das sind bei meinem Tempo schlappe 5 Stunden, und es ist bereits 13.00. Ich konsultiere wieder meinen Führer, in dem das auch nicht wirklich viel kürzer aussieht. Ich fühle mich, als müsste ich nochmal eine ganze Tagesetappe machen (was ja auch ziemlich hinkommt), und dafür bin ich definitiv nicht mehr taufrisch genug. Mein rechter Ballen brennt etwas, sodass ich mir die Mühe mache, schon mal schützend ein Pflaster anzubringen. Ich fuhrwerke gerade halsbrecherisch mit meinen Kompressionsstrümpfen und quietschenden Gummihandschuhen, als aus der nahegelegenen Kirche das halbe Dorf kommt. Ich habe schon mal würdevoller ausgesehen.

Während ich schon wieder etwas snacke und hoffnungsvoll Kalorien mit neuer Energie gleichsetze, sehe ich in der Ferne zwei Pilger nach kurzem Zögern zielsicher rechts die Fahrstraße nehmen. Ich bin verunsichert. Mein Führer empfiehlt eindeutig die schönere Variante durchs Hinterland, statt wegen 7 km abzukürzen. Allerdings fühle ich mich einfach schon wieder bedenklich erschöpft, der brennende Fuß stimmt erst recht nicht lauffreudig, und ich habe etwas Sorge, dass vielleicht alle die Straße gehen und ich mich als ehrgeiziger Idiot alleine verausgabe.

Schweren Herzens gebe ich mir einen Ruck und mache mich zu den 16 km auf. Schließlich bin ich ein richtiger Pilger. Schon am ersten Abzweig bin ich mir nicht nur dessen nicht so ganz sicher, sondern auch des Wegverlaufs. Ich komme zu einem Hof, wo mich ein Rudel nicht ernstzunehmender Minihunde wild ankläfft. Markierungen sehe ich aber auch keine und habe ein wenig das Gefühl, vielleicht doch gerade auf einem Privatgrundstück zu sein. Kurzentschlossen werte ich es als Zeichen für die Straßenvariante.

Etwas verschämt schleiche ich am Haus des Spaniers vorbei, dem ich gerade noch großspurig erklärt habe, dass ich ja schließlich peregrina bin. Zum Glück ist er nicht da. Der Weg ist auch wirklich gelb bepfeilt, was mich ein wenig beruhigt. Er ist vielleicht eher als Wegalternative zu sehen und nicht wirklich als verwerfliche Abkürzung.

Dafür ist er recht spärlich bepfeilt, und ich tappe zuweilen etwas unsicher durch die Gegend. Ich werde entlang der Straße an endlos vielen Abzweigungen den Berg hochgeleitet. Pfeile hat es schon lange keine mehr, aber nachdem ich ja wohl kaum auf eine Autobahn auflaufen soll, gehe ich dann einfach geradeaus weiter. Gleichzeitig bin ich aber denkbar unentschlossen und unzufrieden mit mir. Und ich werde immer unsicherer mit meiner Straßenvariante, weil ich jetzt nicht 2 Stunden ohne irgendeine Markierung laufen will. Irgendwann stehe ich vor der Option, in Gegenrichtung in eine Autobahn zu laufen oder eine Nationalstraße nach Santander zu wählen. Ich gucke ratsuchend in die Karte in meinen Führer, laut der eine A8 ganz elegant an Castro Urdiales vorbeiführt. Das fehlt mir gerade noch, auf irgendeiner Straße entlangzulaufen, von der ich die nächsten 80 km nicht einmal mehr herunterkomme. Es ärgert mich unheimlich, aber so weiterlaufen macht keinen Sinn. Ich beschließe, doch die 15 km zu gehen. Mit Blick auf die Uhr könnte ich fast schon heulen, nachdem ich hier gesamt eine weitere Stunde verbummelt habe. Und so richtig zum Heulen wird mir zumute, als ich nicht einmal mehr zurückfinde. Ich schaue auf ein wild verzweigendes Straßennetz, unter mir rauscht die Autobahn, und ich erinnere mich überhaupt nicht mehr, diesen Weg schon mal hochgekommen zu sein. Ich bekomme so richtig Panik. Mitten im Straßengewühl komme ich irgendwann zu einem Häuschen mit gepflegtem Garten, in dem ein Mann arbeitet. Ohne Rücksicht auf Privatgrund stapfe ich seinen Privatweg hoch und störe ihn beim Rosenschneiden. Glücklicherweise ist er freundlich und recht verständnisvoll angesichts meiner etwas aufgelösten Erscheinung und moderat gefestigten Stimme. Ich kiekse, wo es denn den Camino hätte. Er muss im früheren Leben entweder Engel oder Hospitalero gewesen sein, jedenfalls guckt er mich abgeklärt und sehr sortiert sehr ruhig an. Mit tiefer Stimme doziert er, dass es da drei Möglichkeiten gäbe. Die erste wäre irgendwo da unten ein Abzweig, aber der wäre schlecht zu finden (ich erinnere mich, die beiden Pilger vor mir irgendwo wild im Buschwerk gesehen zu haben); dann gäbe es den Weg da hinten, aber der wäre sehr lang (ich nicke sehr zustimmend). Und dann (plötzlich wird alles 2 Nuancen heller und freundlicher) gäbe es da die dritte Variante einfach der Straße nach, 8 km bis Castro Urdiales. 8 km klingt nach 2 Stunden und damit sehr, sehr göttlich. Ich krächze, dass es da oben aber nicht weitergeht vor lauter Straßen und die Hauptstraße an Castro Urdiales vorbeiführt. Er schüttelt ruhig den Kopf, ich solle einfach der enne- seis- tres- cuatro folgen, die würde ganz sicher nach Castro Urdiales führen. Einfach enne- seis- tres- cuatro, nur 8 km, einfach enne- seis- tres- cuatro.

Ich bin halb hypnotisiert und voller neuer Hoffnung mit meiner neuen Freundin N634. N634, und alles wird gut.

An der Kreuzung von vorhin schlage ich also begeistert „Santander“ ein, schließlich ist es ja N634. Erfreulicherweise ist die N634 auch wirklich hervorragend ausgeschildert. Auto begegnet mir kein einziges, nur ab und zu ein paar der allgegenwärtigen Rennradler (die ja beruhigenderweise wahrscheinlich auch nicht von Santander kommen). Ich hangle mich begeistert auf meiner N634 unter und um die rauschende Autobahn herum und bin plötzlich völlig zuversichtlich und geerdet.

Als mein Sträßchen einen umwegigen Schlenker macht und an einen Ort führt, taucht plötzlich fast schon höhnisch ein gelber Pfeil auf, der mich nach rechts in die Vegetation leiten will. Ich bin recht misstrauisch. Schließlich vertraue ich seit einer Stunde nur noch der N634. Ich folge dann doch dem gelben Pfeil, mache schon wieder eine Snackpause und wandere durch einen netten Park, in dem auf Schautafeln die regionalen Fabelwesen erklärt werden (wozu mir im Moment allerdings die Ruhe fehlt). Spärlich beschildert laufe ich dann an vielen Stellen einfach wieder geradeaus, um irgendwann an der Küste wieder auf einen touristisch gestalteten Lehrpfad zu kommen. Ich studiere die Schautafeln und kriege eine Krise, da der Weg zwar ewig lang am Ufer entlang führt, dann aber am Schluss einfach bei einer Mine aufhört. Ich will schon wutentbrannt wieder umkehren, als zwei ältere Leute aus ihrem Auto springen. Nein, nein, ich solle da weitergehen. Ich sage, dass es da doch aufhört. Nein, nein, es sähe so aus, aber es hätte da so ein paar Treppen. Na gut.

Ich laufe den Minenlehrpfad entlang auf eine rostige Eisenbahnbrücke zu, die von einem Pfosten recht beängstigend mitten ins Meer ragt. Wie ich im Vorbeigehen lerne, ist es keine halb eingestürzte Brücke, sondern ein Förderkran ins Meer, von dem aus direkt Schiffe beladen werden konnten. Irgendwie hat dieser rostige Stahlkoloss, der laut Führer 120 m lang ist und bis zu 22 m über dem Meer schwebt, etwas gespenstisch Trauriges an sich. Der Blick am Ende der verschiedenen Schachttunnel durch die rostigen Pfeiler hinein ins Nichts des Meeres hat erst recht etwas Gruseliges, sodass ich schnell nach links weitergehe – wo elegant ein abgesperrter, weiterer Tunnel ist. Sackgasse. Ich kriege schon wieder die Krise, schon wieder ewig lang für nichts irgendwo hingelaufen zu sein. Ich will schon frustriert umkehren, als mir die escaleras, die Treppen des alten Paares in Erinnerung kommen. Und wirklich, kurz vor dem Förderarm führt ein kleines Wegchen nach unten und nach dem Förderarm wieder steil bergauf. Mit moderater Schwindelfreiheit, dafür aber umso größerer Abstürzfantasie ausgestattet, wird mir ziemlich mulmig, als ich ein kleines Trampfelpfädchen recht steil den Berg hochkracksle, noch immer nicht recht überzeugt, wo das hinführen mag.

Ich bin recht erleichtert, als ich lebend auf einer ebeneren Wiese lande, auf der sich der Pfad zwar schmal, aber beharrlich fortsetzt. Zum ersten Mal traue ich mich auch wieder, Fotos zu machen. Es windet ziemlich heftig, aber mit sicherem Abstand zum Abgrund ist es ein tolles Gefühl. Der Wind zerrt an mir und den Gräsern und Blumen. Plötzlich fühle ich mich nicht mehr einsam unsicher allein auf falschem Weg, sondern fühle es wieder von der positiven Seite. Allein in Ruhe inmitten dieses gewaltigen Naturschauspiels.

Ein letztes Mal für heute könnte ich heulen, diesmal aber vor Erleichterung, als irgendwann vor mir Castro Urdiales auftaucht. Nach so viel gefühltem Verlaufen habe ich meine Angstetappe doch noch hinter mich gebracht (wenn auch nicht mit läuferischer Vollleistung).

Während ich mich an den Strand durchwurstele, kommt mit einem mal plötzlich die Sonne heraus. Von einer Minute auf die anderen stehe ich an einem friedlichen, hellen Strand, durchwärmt von strahlender Sonne. Ich bin so erleichtert und glücklich, dass ich die nächstbeste Telefonzelle nutze, meinen ersten Telefonanruf an meine Mutter zu tätigen. Wann konnte ich bisher so voller Überzeugung sagen, dass ich bei tollem Wetter rundum glücklich an einem schönen Strand stehe.

Ich verlasse die Markierungen zugunsten des kleines Strandes, den ich wie üblich nach Muscheln absuche. Und zum ersten Mal finden sich heute wirklich drei hübsche Exemplare mit definitiv guten Energien.

Den Camino habe ich durch meinen Abstecher weitgehend verloren und trabe mit meinem Führer in der Hand die Uferpromenade entlang. Hinter der Kirche bin ich dann etwas verloren. Ich frage mal wieder ungeniert ein älteres Ehepaar nach der Stierkampfarena, bei der ja die Herberge liegen soll. Sie verstehen meine „Arena del Torre“ rein überhaupt nicht, mein zurechtgeschustertes Spanisch ist mal wieder ein false friend und bedeutet „Sand des Turmes“, wie ich später erfahre. Nachdem die beiden hilfsbereit sind, helfe ich eben mit reichhaltiger Gestik und Mimik etwas nach. Nachdem ich mit angedeuteten Hörnern wild den Weg entlangrenne und mich gleichzeitig filigran mit zur Seite geschwungenem Tuch zur Seite ducke, haben die beiden zumindest etwas zu lachen und verstehen, was ich meine. Immer geradeaus bis zu einem Krankenhaus.

Das Krankenhaus finde ich zwar nicht, dafür aber die Herberge. Ein winziges, gelbes Häuschen, in das ich zögerlich eintrete. Einen Hospitalero hat es nicht, dafür kommt mir Maike strahlend und frisch geduscht entgegen. Die Herberge ist schon gut belegt. Neben einigen neuen Gesichtern ist auch Miguel da. Im Gegensatz zu Maike, die auch die Straße gelaufen ist, ist er natürlich den langen Weg gelaufen, und es wäre sowas von wunderschön gewesen. Milagroso. Maravilloso. Bonito. Fantástico. Precioso. Wunderbar weiche Böden, perfekt ausgeschildert und solch eine atemberaubende Landschaft. Er hört gar nicht mehr auf, was ich da alles verpasst habe. Ich bin moderat erfreut.

Aber es überwiegt die Erleichterung, es einfach geschafft zu haben. Ich dusche, während es vom Tisch im kleinen Vorraum ungewohnt gesellig plaudert. Neben der immer kommunikativen Maike, einer Koreanerin und einem Spanier hat es eine kleine, kurzhaarige Pilgerin schwer zuzuordnender Nationalität, die sowohl auf Spanisch als auch auf Englisch zu allem sehr viel zu sagen hat. Und vor allem sehr laut.

Ich zentrifugiere wieder begeistert einen halben Liter Wasser aus meinen Sachen, die ich kaum mühsam aufgehängt habe, als ich sie auch schon wieder abhänge, nachdem die Trocken-Regen-Wahrscheinlichkeit nicht allzu verlockend ist.

Der kleine, massive Tisch mit seinen beiden Bänken ist ein wahrer Geselligkeitsmagnet. Zum ersten Mal auf diesem Camino sitzen alle zusammen und reden wild durcheinander. Eine kleine blonde Österreicherin trifft ein sowie ein junger Spanier mit einem Bordercollie. Obwohl dieser nicht gerade einen aggressiven Eindruck macht, bin ich absolut nicht angetan bei der Idee, dass der hier schlafen soll. Der gute Hund ist ein einjähriger Macho, wie sein Herrchen sehr schnell und strahlend erzählt. Ich bin erleichtert, dass selbst Maike, die gut Spanisch kann, ihn kaum versteht. Während Herrchen in der Dusche weilt, rennt Macho aufgeregt 10 x ums Tischbein, bis seine Leine so kurz ist, dass er sich schier erwürgt. Er beginnt minutenlang wild zu kläffen. Ich fühle mich so richtig wohl mit meiner Hundeangst.

Die Österreicherin Chrissie ist ähnlich erschlagen wie ich, allerdings ist sie auch die lange Route gelaufen. Sie beschwichtigt mich aber. Soooooo toll wäre das dann auch nicht gewesen. Sie gewinnt sofort 85 Sympathiepunkte bei mir. Sie erzählt, gerade 5 Tage in Bilbao bei einer Freundin pausiert zu haben. Eigentlich bei einer Freundin einer Freundin, aber nachdem sie sich so gut verstanden haben, wären aus einem kurzen Treffen eben gleich 5 Tage mit gemeinsamen Unternehmungen geworden. Ähnlich verloren und reizüberflutet, wie ich mich in Bilbao gefühlt habe, fühlt sich Chrissie offensichtlich in dieser Herberge. Sie sagt, es wäre das erste Mal, dass sie mit anderen Pilgern in einer Herberge ist. Und bisher hat sie auf ihrem Camino ab Frankreich gerade einmal exakt 3 Pilger überhaupt getroffen. Schwer vorstellbar, aber es leuchtet mir schon ein. Sehr viele Herbergen haben seit Anfang April geöffnet. Nach Abzug ihres Bilbao-Besuchs ist sie demnach schon in der letzten Märzwoche gestartet.

Trotz Sonntag scheint es einen kleinen Laden zu haben. Mit Maike und der Koreanerin spurte ich geschwind durch den Nieselregen. „Kleiner Laden“ trifft es wirklich. Vor allem das Sortiment dreht sich beeindruckend um Chips und Schokolade und Chips und Chips. Ich kaufe alles übrige – ein Baguette, eine Dose Thunfisch und einen Beutel Magdalenas.

Der Abend am geselligen Holztisch ist nett, wenn auch etwas laut und wirr. Macho kläfft und rennt wie wild, sein Herrchen redet strahlend und schnell wie ein Maschinengewehr wirres Zeug, ein anderer Spanier redet immer wieder vor sich hin, die kleine Kanadierin mit portugiesischen Wurzeln steuert zu allem politische Verschwörungstheorien bei, und ein etwas älterer Spanier mit irgendwie versteinertem, wissendem Blick und einer Aura à la Paulo Coelho macht wortlos mit einer riesigen Kamera von allen Fotos für seinen youtube-Kanal.

Maike und Chrissie sind sympathisch und in meinem Alter. Irgendwie kommt das Gespräch auf den Hauptweg und warum mein Herz daran doch irgendwie so sehr hängt. Ich komme ins Schwärmen über die richtigen Pilgerherbergen und das Pilgergefühl. Chrissie guckt mich skeptisch an, was denn bitteschön für mich ein richtige Pilgerherberge wäre. Ich erzähle von richtigen Hospitaleros, die nicht einfach nur zum Kassieren oder in diesem Fall hier nur zum Aufräumen vorbeikommen, sondern sich um die Pilger und ihre Probleme kümmern. Sie schaut mich spöttisch und abschätzig an und meint, dass dann zumindest sie keinen richtigen Hospitalero braucht, der ihr „komm, Mädchen, erzähl mir doch mal von Deinen Sorgen“ sagt. Ich widme mich daraufhin meinem Tagebuch. Schon seit längerem neige ich dazu, meine spirituelle Caminobegeisterung für mich zu behalten. Und einmal mehr bin ich davon überzeugt, dass ich das auch besser weiterhin so machen sollte.

Ich gehe wie üblich zeitig schlafen; der Tag war wieder einmal recht anstrengend in allen Aspekten. Es ist schon fast eine Wohltat, als sich meine Ohrstöpsel ausdehnen und ich den scheppernden Ausführungen über die Drogenkriminalität in Toronto entgehe.

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Vor lauter Bauchweh und Sorgen schlafe ich fast überhaupt nicht. Irgendwann um 4 Uhr morgens kommt mir die geniale Idee, dass es sich statt einer fulminanten Magen-Darm-Infektion auch einfach um ein monatlich wiederkehrendes Problem handeln könnte. Dieses lässt sich dann erstaunlich einfach mit einer Schmerztablette aus der Welt schaffen, sodass ich dann doch noch drei Stunden beruhigt zum Schlafen komme.

Um 7 sind die Dänen schon am Packen. Ich entscheide mich für das reichhaltige Frühstücksbuffet. Ich mache mich auf die Suche nach dem frischen Brot, welches gerade in dem Moment mit quietschenden Reifen geliefert wird, als ich durch die dunkle Rezeption tappe. Wieder einmal schränken meine Fastengrundsätze das Frühstück ziemlich ein. Heute tut es doppelt weh, denn es hat sogar eine richtig edle Espresso-Maschine. So esse ich eben Unmengen Baguette mit Marmelade und trinke zwei Schalen voll Tee. Hier in Gernika ist zum ersten Mal so richtiger Pilgertrubel, gut 10 Leute packen und frühstücken schon in aller Frühe. Und auch die diversen längeren Gespräche am Nachmittag waren irgendwie wohltuend.

Ich mache mich als erste auf den Weg. Irgendwie habe ich keine Peilung, in welche Richtung es überhaupt weitergeht, so ganz am Camino scheint die Herberge gar nicht zu liegen. Ich frage die wenigen Spanier, bis sich ein älterer Herr findet, der irgendetwas vor sich hinbrummelt und in eine bestimmte Richtung zeigt. Ich bedanke mich, aber er grummelt und läuft mit. Alle 10 m erklärt er, dass es da weiter geht, dass der Camino ihn aber also wirklich nicht interessiert. Ich sage immer wieder, dass ich dann jetzt glaube ich schon klarkomme, aber er hört gar nicht zu und grummelt nur, dass also der Camino, nein, ihn wirklich nicht interessiert. Irgendwann grummelt er zum Glück, dass er da jetzt in eine Bäckerei geht, was mich erleichtert.

Irgendwie habe ich heute Probleme mit der Ausschilderung. Ich laufe mit meinem Führer in der Hand und lese an jeder Straßenecke nach, was es auch nicht viel besser macht und irgendwie eine gewisse Unruhe hineinbringt. Gestern bin ich ja gleich am Ortseingang zur Herberge abgebogen und habe den Ortskern von Gernika überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Ich habe einen Hauch von schlechtem Gewissen, an allen Sehenswürdigkeiten und historischen Orten einfach so vorbeizupilgern. Und lieber begeistert Mikrowellentee zu trinken oder Supermärkte zu bestaunen, als am Nachmittag noch ein bisschen Kultur zu genießen.

Der Weg führt mal wieder stundenlang durch halbschattige Wälder, und zum wiederholten Male denke ich darüber nach, ob ich diese Art von Camino wirklich noch brauche zum Glücklichsein. Es ist nicht schlecht, aber irgendwie ist es auch nicht direkt besonders. Wie immer laufe ich allein. Einerseits schätze ich die Ruhe und Freiheit, andererseits kommt mir der Gedanke, dass es vielleicht auch deswegen ein wenig langweilig ist. Irgendwie ist niemand dabei, mit dem ich jetzt gerne stundenlang zusammen laufen würde (vielleicht von Frans abgesehen, wobei ich befürchte, dass er irgendwo mit größeren Knieproblemen hinter mir ist). Ich überlege, ob es an den Pilgern liegt oder ob sich einfach in den letzten Jahren meine Ansprüche etwas hochgeschraubt haben. Wer nicht gleich im ersten Moment mein Herz und meine Sympathien erobert, fällt fast schon durch mein Aufmerksamkeitsraster. Mir fallen die Bachblüten Beech und Water Violet ein. Beech, die auf Grund von kleinen Unzulänglichkeiten schnell ein kritisches Urteil fällt und eigentlich schon ziemlich arrogant das Gefühl hat, alles besser und richtiger zu machen. Und Water Violet, das hübsche Blümchen, welches in der Mitte eines Sees wächst, an einem langen Stiel, alle anderen Pflanzen überragend. Welches seine Ruhe und Privatsphäre schätzt und gar nicht unglücklich über eine gewisse Distanz ist – sich dann aber manchmal doch etwas einsam und allein in seiner elitären Einzelstellung fühlt. Ich muss an Maike denken, die einfach mit jedem hier auf dem Camino ein Gespräch anfängt, auf jeden Menschen zugeht und die die unterschiedlichen Bekanntschaften als Bereicherung empfindet, unabhängig davon, ob es nun ihre besten Freunde werden oder sie bahnbrechende Sympathien verspürt. Eigentlich ist das doch gerade das Schöne und Besondere am Camino. Ich bin etwas nachdenklich. Ich könnte nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, ob ich gerne eine Water Violet wäre oder lieber im Einheitsgrün unter tausenden anderen Grünpflanzen am Ufer wachsen wollen würde. Und ich weiß erst recht nicht, was eine kritische, arrogante Beech-Water Violet- Mischung anstellen könnte, um sich in dem Einheitsgrün ganz ehrlich und von Herzen wohl zu fühlen.

Auf einer Wiese trennt sich plötzlich der Weg. Zwischen den Abzweigen liegt der typische steinerne Wegzeiger auf dem Boden. Würde er stehen, würde der Pfeil nach links zeigen. So, wie er nun liegt, zeigt der Pfeil geradeaus, also eher auf den rechten Weg. Ich bin ein wenig unentschlossen. Nachdem der Stein aber nicht umgefallen aussieht, sondern so, als würde er schon seit Monaten so liegen, beschließe ich, dass es sich bei dem Pfeil nach links um eine Fehlmarkierung gehandelt hat und man den Stein deswegen einfach um 90° gedreht hat. So laufe ich also den rechten Weg weiter. Ich bin etwa eine halbe Stunde unterwegs, als ich an eine Straße mit Wegzeigern komme. So richtige Caminozeichen hat es nicht, und der Ort, der in ein paar Kilometern kommen soll, findet sich auch nicht wirklich auf meiner Karte. Irgendwann finde ich ihn dann doch – zu meinem Schrecken absolut fern des Caminos, irgendwo zurück in Richtung Gernika. Nicht nur, dass ich den falschen Weg genommen habe, ich befinde mich auch nach ein paar Stunden gerade noch in der oberen rechten Ecke meiner Karte. Ich habe ungefähr 1 cm der heutigen 15 cm bis nach Bilbao geschafft. Ich laufe meinen Weg zurück. Ein junger Mann begegnet mir, nein, nein, der Camino wäre das nicht. Es hätte da so eine Abkürzung mit einer Markierung. Du Witzbold. Zurück an der Markierung steht der Stein plötzlich wieder aufrecht, und in der Ferne sehe ich etwa 5 Pilger wie Perlen auf einer Schnur. Ich ärgere mich ziemlich über mich selber und warum ich gerade an einem langen Tag wieder Extrarunden drehen muss.

Trotzdem bin ich heute erstaunlich schnell unterwegs. Zwischendurch überhole ich die Dänen mit den Essigkanister-Rucksäcken, die wild schnarchend in einem Feld am Weg schon wieder Siesta halten. Meine größere Pause verschiebe ich auf Lezama nach offiziellen 5 1/2 Stunden. Unter Einberechnung meines kleinen Extratrips bin ich heute gar nicht so viele Stunden wie sonst über der Zeit. Wie üblich lüfte ich meine Füße, befrage meine Beine zu ihren Wünschen und konsultiere meinen Führer. Heute gibt es seit langem mal wieder etappentechnische Entscheidungen zu treffen. Wie schon seit Wochen im Voraus sind mir die Etappen hinter Bilbao ein unlösbares Rätsel. Die Herbergen in Portugalete (nach 3 Stunden) und in Pobeña (nach 6 Stunden) machen erst später im Jahr auf. Und hinter Pobeña hat es 6 1/2 Stunden bis Castro Urdiales keine Herberge mehr. Portugalete verfügt immerhin über Pensionen. Somit kreisen mir recht wild lauter wenig verführerische Varianten im Kopf herum. Um eine 36 km Etappe von Portugalete bis Castro Urdiales scheine ich nicht herumzukommen. Eine milde Variante wäre, heute in Lezama zu stoppen und morgen nach Portugalete zu gehen, um meinen Rückstand am Tag drauf dann wieder einzuholen. Wobei mich diese 36 km irgendwie jetzt schon absolut überfordern und mich halb weinerlich machen. Und so richtig stressen mich die drei Etappen zum Schluss meiner zwei Wochen, 38, 34 und 42 km. Die 42 km mit veranschlagten 12 Stunden treiben mir definitiv die Tränen in die Augen, ich schaffe das einfach nicht und habe mal wieder nur Angst. Als eine rettende Variante hat sich in den letzten Tagen die Option etabliert, dem Rat von meinem irischen Mitpilger Patrick zu folgen, ab Bilbao die Metro nach Portugalete zu nehmen, es wäre eh nur hässliches Industriegebiet. Und wenn ich hinterher noch die Hammeretappe nach Castro Urdiales schaffe, habe ich einen Tag aufgeholt und sehr viel Druck weniger. Allerdings weiß ich nicht, ob morgen (Sonntag) überhaupt eine Metro fährt – und was mache ich, wenn vielleicht erst um 11 eine fährt. Mein Hirn rotiert wie wild lauter unerfreuliche Optionen und Varianten. Die beruhigende Stimme in mir, die mich erinnert, dass ich hier ja aus Freude auf dem Camino bin und mich überhaupt nichts und niemand zwingt, auch nur irgendein Zeil zu erreichen, wird völlig überrollt.

Die beiden Dänen überholen mich wieder, sie wollen in Lezama bleiben und suchen die Pension. Ich verkünde motiviert, noch bis Bilbao zu wollen. Sofern überhaupt noch Gedanken in meinem Kopf Platz haben, dämmert mir aber spätestens am Ortsausgang, dass es eine Schnapsidee ist. Es ist recht heiß, und meine Beine sind rein überhaupt nicht mehr frisch. Sie sagen bereits jetzt „Überforderung, Paaaaause“. Der Weg geht absolut stupide am Randstreifen einer endlosen, staubigen Straße entlang. Ich fühle mich wie in einem Western, während ich mich in brütender Hitze in praller Sonne mühsam an um diese Zeit menschenleeren Orten vorbeischleppe. Erschwerenderweise verläuft direkt neben der Straße eine Schienenstrecke. Alle paar Minuten laufe ich an einer Haltestelle vorbei, an der verführerisch „Bilbao“ ausgeschildert ist. Alle Viertelstunde tuckert ein Vorortzug an mir vorbei, und in meinem Kopf festigt sich nun der Gedanke, warum ich nicht einfach den Zug nehme. Dummerweise kämpfe ich nicht nur gegen Bequemlichkeit und fehlende Motivation, sondern auch mein Verstand favorisiert diese Möglichkeit. Laut meinem Führer kommt vor Bilbao nochmal ein hübsches Hügelchen, und das ist einfach Wahnsinn in Anbetracht meiner jetzt schon sehr nachhaltig ziehenden Waden. In Zamudio passiere ich völlig unentschlossen eine letzte Haltestelle, aber wie so oft, wenn ich keinen klaren Gedanken fassen kann, laufen meine Füße einfach mechanisch weiter. An einer Kirche betanke ich nochmal alle drei Flaschen mit Wasser, überquere die Autobahn und bin dann schon wieder in kompletter hügeliger Einsamkeit.

Ich habe einen totalen Overflow von Gedanken, während mein Körper einfach weitergeht. Ich bin ein Stück weit geschockt, wie mich eine Metro überhaupt so in Versuchung führen kann. Die morgige Metro, gut, die liegt entschuldbar in den fehlenden Herbergen begründet. Aber wie kann es so weit kommen, dass mir plötzlich gar kein logischer Grund in den Sinn kommt, der dagegen spricht, eine ungemütliche Etappe einfach abzukürzen?

Ich brauche wieder eine Pause, vertröste mich aber immer auf „dann oben auf dem Berg“, was sich natürlich wieder endlos zieht. Irgendwann habe ich dann endlich Blick auf Bilbao – einen höchst demotivierenden Blick. Die Unmengen Häuser liegen in einem diesigen Dunst, und vor allem liegen sie unheimlich tief. Ich bin schon viel zu lange gelaufen, der Berg war schon anstrengend genug, und nun auch noch ein langer Abstieg. Ich bin ziemlich überzeugt, dass ich damit alles ruiniere, aber wie so oft, das mechanische Weiterlaufen übernimmt die Steuerung. Ich mache nochmal eine lange Pause und hypnotisiere meinen Führer in der Hoffnung auf irgendwelche ungeahnten guten Neuigkeiten. Statt dessen lese ich, dass die Herbergen nicht am Weg liegen und man irgendwelche Busse nehmen muss. Also morgen nicht nur eine späte Metro nach Portugalete, sondern vermutlich erst noch ein später Bus zur Metro. Mir kommt der glänzende Gedanke, mich nicht erst mit einem Bus durch Bilbao zu wühlen, sondern gleich heute noch die Metro nach Portugalete zu nehmen. Diese Aussicht beruhigt schon ganz viele andere Szenarien und gibt mir wieder einen Hauch von Sicherheit.

Den Berg hinunter schaffe ich in bekannter grenzenloser Langsamkeit und habe dann unten in Bilbao keinerlei Plan, wo ich denn nun überhaupt hin soll und wo es eine Metro geben könnte. Ich trabe wieder einfach endlos den gelben Pfeilen nach, passiere eine Kirche und erreiche eine Art großen Platz. Heute habe ich überhaupt keinen Nerv für Fotos, dabei ist Bilbao unerwartet hübsch und fotogen. Die Straßen quellen über von Spaniern in fröhlicher Wochenendlaune und haufenweise Jugendlichen, die alle wie Tokio Hotel aussehen. Ich fühle mich ähnlich ansprechend wie ein Ratte, während ich ziellos in meinen verkrusteten Schuhen durch die Gegend stolpere. Plötzlich ist es auch recht windig, sodass ich trotz Sonne meine Fleecejacke anziehe. Vor allem hier in so einer größeren Stadt fühle ich mich erst recht unpassend und absolut unwohl.

Ich frage eine ältere Frau nach einer Metro. Sie guckt mich völlig entgeistert an und wiederholt ungläubig „Metro?Metro?!“, sodass ich schon den Eindruck bekomme, dass es dieses Wort auf Spanisch gar nicht gibt. Irgendwann strahlt sie dann doch und sagt, klar, Metro, zum Beispiel gleich hier auf dem Platz hätte es so eine XYZ, und sie macht eine Handbewegung, als würde es sich bei einer Metrostation um eine Telefonzelle handeln. Ich umrunde den Platz einmal und halte nach irgendeiner Kabine Ausschau, als wäre es ein Harry Potterscher Portschlüssel. Naheliegenderweise finde ich nichts, weiß aber auch nicht so recht, was ich machen soll, sodass ich schon wieder ziellos im Automodus einfach irgendwelche Straßen entlanglaufe, in der vagen Hoffnung, irgendwann auf etwas zu treffen, was mich schlauer macht und mir irgendeinen Ansatz bietet. Aktuell hoffe ich, irgendwann auf den Fluss zu treffen, an dem es dann irgendwo eine Touristeninformation geben soll. Den Fluss habe ich irgendwann, aber eine Touri-Office finde ich nicht. Also frage ich lieber mal wieder einen Passanten. Er meint, puh, ja, Portugalete. Wo soll er mich da jetzt hinschicken. Nach reiflicher Überlegung erklärt er mir einen Weg durch die Gassen, an dem ich irgendwann an einem Platz rauskommen würde, wo es die passende Metrostation hätte. Es überrascht mich nicht wirklich, als ich nach fast einer Stunde Irrwegen durch Bilbao wieder an dem ursprünglichen Platz lande, den ich nun wohl oder übel nochmal unter die Lupe nehmen muss. Und wirklich, plötzlich sehe ich ein Metrozeichen auf einem langen Metallpfahl und dahinter wirklich auch den Eingang zu einer Unterführung. Ich studiere die Fahrpläne, und zu meiner Begeisterung gibt es wirklich eine Linie, die direkt nach Portugalete fährt. Ich kann mein Glück kaum fassen. Der Automat kann sogar Deutsch, und ich muss auch nicht mal irgendwelche Zonen wissen, sondern kann bequem „Portu“ eintippen. Für 1.60 spuckt er mir ein Ticket aus, und auf dem Bahnsteig zeigt die Leuchttafel gerade mal 3 Minuten an. Ich bin immer noch in Trance, aber wenigstens geht es Schritt für Schritt irgendwie voran.

In der Metro kriege ich dann erst recht meinen Großstadtkoller. Ohne Wind ist es nun erst recht recht heiß, aber ich traue mich nicht, meinen Fleece auszuziehen. Zum einen hat es wenig Platz, zum anderen rieche ich wohl auch irgendwie eher nach Pilger als die größtenteils ausgehfertigen Einheimischen. Ich fühle mich total idiotisch mit meinem schiefen Wanderstock in einer Metro. Wie ein Neandertaler ins Jahr 2011 gebeamt.

Nach fast einer halben Stunde bin ich auf wackeligen Knien in Portugalete und folge schon wieder automatisch dem Menschenstrom, mal wieder ohne jeglichen Plan, wie es jetzt weitergehen soll. Da sehe ich vor mir einen Rucksack mit Isomatte zielstrebig auf die Rolltreppe zustürmen. Irgendwie sieht das ganz eindeutig nach Pilger aus; ich lege schnell den Turbo ein und sehe es als meine einzige Chance, vielleicht zu einer Pension zu finden. Bei näherer Betrachtung ist es nicht nur wirklich eine Pilgerin, sondern ich erkenne sie sogar wieder als die schwäbische Freundin von Peter. Ich bin überglücklich, in diesem überfordernden Großstadttrubel wieder ein Gefühl von Heimat bekommen zu haben. Offensichtlich ist sie heute nicht gemeinsam mit Peter gelaufen, er wäre vermutlich schon in der Herberge. Und wo die genau wäre, würde sie jetzt halt per SMS abklären. Währenddessen suche ich die Umgebung nach einer Eingebung ab, als plötzlich aus dem Metroschacht ein Haufen Rucksäcke kommt – und ich sofort Maike, Miguel und Peter erkenne. Irgendwie ist das skurril, dass wir alle in der gleichen Metro waren – und dass ich das Gefühl hatte, nun völlig allein in die Einsamkeit zu fahren, und alle anderen auch die Metro genommen haben. Ich bin fast ein bisschen beruhigt, dass nicht nur ich mich ziemlich schlecht und schuldbewusst fühle, abgekürzt zu haben. Auch die anderen sehen einen Hauch von ertappt aus. Allerdings waren sie deutlich fleißiger als ich: sie sind brav zur Jugendherberge in Bilbao, die allerdings restlos ausgebucht war. Wegen eines hochkarätigen Fußballspiels heute wäre ganz Bilbao hoteltechnisch dicht. Als nächste Anlaufstelle hätte ihnen die Touristeninformation (die sie auch gefunden haben, wie ich neidvoll feststellen muss) nicht allzu hilfreich eine Liste mit ein paar hundert Hotels in die Hand gedrückt. Auf die Frage, welches denn nah oder billig oder wohl noch am ehesten frei wäre, hätten sie mit den Schultern gezuckt, man müsste halt durchtelefonieren. Welch ein Horror anlässlich meiner Telefonangst und meines Prepaid-Handies mit moderatem Guthaben. Da hätten sie dann naheliegenderweise beschlossen, nach Portugalete rauszufahren.

Während wir eine Straße hinaufpreschen (Miguel scheint den Weg zu kennen), merke ich eine gewisse ungute Stimmung in der Gruppe. Die vier haben reserviert, und irgendwie scheint ihnen unwohl zu sein, dass ich mich da so einfach mit dranhänge und reindränge. Maike vermittelt, dass sie eigentlich zwei Doppelzimmer gebucht haben, aber sich da ja für mich vielleicht schon etwas findet. Mir ist das auch unangenehm, und ich will sicher nichts durcheinanderbringen. Ich hoffe einfach nur, dass die Pension nicht auch ausgebucht ist und es noch irgendein Zimmer für mich hat. Ob Einzel- oder Doppelzimmer ist mir heute sowas von egal.

Ein älterer Spanier steht schon vor der Tür und winkt uns herein. Während wir uns mit unseren Rucksäcken im Gang drängen und er die ersten Zimmer zeigt, frage ich seine Frau, ob es denn auch etwas für mich gäbe, ich wäre nicht angemeldet. Sie öffnet mir sofort ein Einzelzimmer, welches nun eben etwas teurer wäre, 22 Euro statt die Hälfte von 32 im Doppelzimmer. Das ist absolut fein für mich, und ich bin überglücklich, nun endlich doch noch irgendwo angekommen zu sein und ein Bett zu haben. Ich will mich schon einrichten, als die anderen am Diskutieren sind. Miguel bietet an, dass ich ja auch mit Maike in ein Doppelzimmer könnte, ihm wäre das egal. Mir eigentlich nicht, ich freue mich heute unheimlich auf meine Ruhe und will wirklich auch keine Unruhe in die geplante Konstellation bringen. Die Schwaben schauen eh schon etwas vorwurfsvoll, und Miguel scheint es auch eher aus Höflichkeit angeboten zu haben. Ich favorisiere also mein Einzelzimmerchen, bis Maike recht deutlich zu verstehen gibt, dass sie ein Doppelzimmer mit mir entspannter fände. Ich erinnere mich, wie unentspannt ich eine Nacht mit Miguel in einem großen Klosterschlafsaal fand und überlasse also Miguel das Einzelzimmer.

Nachdem in meinem Vorratsbeutel Ebbe herrscht und morgen ja zudem Sonntag ist, frage ich die Wirtin, ob es vielleicht trotz Samstag abend noch irgendwo ein kleines Lädchen hätte. Ja, ja, grad die Straße entlang. Ungeachtet meiner üblichen „sobald ich in der Herberge bin, lege ich nur noch meine Füße hoch“-Vorsätze mache ich mich also noch kurz zum Einkaufen auf, nachdem ich den anderen ohnehin erst einmal Duschvorrang lassen will. Das Lädelchen direkt am Ende der Straße entpuppt sich als Rieseneinkaufszentrum am Ende von etwa 5 langen Straßen geradeaus. Es hat einen Eroski-Hypermarché mit circa 25 Kassen und allem vom Schlauchboot hin zum Bürostuhl. Ich irre fast eine halbe Stunde zwischen den riesigen Regalen herum, bis ich meine Nussmischung, ein Brot, Wasser, ein Säftchen und Obst gefunden habe. Heute gibt es sogar noch einen Joghurt, nachdem ich gestern mit Maike darüber getrauert habe, dass es in Spanien ja leider immer nur die Viererpacks gibt.

Danach bin ich dann wirklich restlos fix und fertig und reizüberflutet. Dafür ist das Badezimmer ein absoluter Traum. Zu blitzenden weißen Kacheln hat es einen kussfrischen, zartrosa Duschvorhang, und überall hat es Ablagen. Nachdem alle anderen schon geduscht haben, lasse ich mir herrlich entspannt alle Zeit der Welt – und gönne mir den Spaß, meinen bescheidenen Waschbeutelinhalt überall auf den Tablaren auszubreiten.

Unser Zimmerchen ist einfach, aber gemütlich. Wir krümeln auf unseren Betten zu Abend, und ich bin erleichtert, dass Maike auch früh schlafen gehen will. Sie ist durch und durch nett, aber heute ist mir einfach nicht nach Plaudern. Ich bin eindeutig körperlich und mental ziemlich fertig.

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Ich schlafe so tief und fest wie noch nie, vielleicht klösterlich behütet. Als Miguel um kurz nach 7 zu rumoren beginnt, kriege ich mit Blick auf die Uhr fast auch schon wieder einen kleinen Schreck. Schließlich kann ich mein Frühstück nachher ja nicht im Nachthemd in Empfang nehmen.

Ich packe schon mal soweit zusammen. Punkt halb 8 kommt der liebgewonnene Mönch hereingestrahlt, bringt Kaffee, heiße Milch und Baguette. Ein bisschen hoffe ich, dass er noch eine Fuhre bringt mit vielleicht Marmelade oder irgendetwas Nettem, aber wir bleiben klösterlich schlicht. Für mich gibt es also nur warme Milch mit Baguette. Dafür unterhält uns der Mönch noch ein bisschen, erzählt von den vielen Sprachen, die er kann, und von den Klöstern in Portugal und in Frankreich, wo er auch schon war. Und dass sie dort irgendwo immer um 4 aufgestanden sind. Hier scheint es entspannter zu sein, er ist erst seit 2 Stunden wach. Er muss dann aber auch schon wieder los, Morgengebet und ganz viel anderes. Zum Abschied gibt es nochmal eine Umarmung und ein Küsschen. Ein sehr beeindruckender Mönch und Aufenthalt.

Ich fühle mich ausgesprochen ausgeruht, geerdet und mit neuen Energie betankt, als ich mich in einem dazu passend wunderschönen Sonnenaufgang wieder auf den Weg mache. Die übliche Ruhe auf dem Weg wird noch dadurch intensiviert, dass ich alle anderen Pilger zwei Stunden hinter mir weiß.

Wieder plätschert der Weg durch idyllisches Hinterland, an kleinen Dörfchen mit hübschen Häusern und noch sehr viel hübscheren Gärten vorbei. Ich komme mir fast vor wie ein Tourist, weil ich alle 10 m begeistert ein anderes Blümchen fotografiere.

Ich freue mich an jeder Weide, jedem einzelnen Esel, jedem Kälbchen und jeder Schafherde. Vielleicht macht es das Fehlen von anderen Pilgern, dass ich ab und zu das Gefühl habe, mit jemandem sprechen zu müssen. Mit Hunden spreche ich mittlerweile sehr routiniert, um mir auch selber ein bisschen die Angst vor ihrem couragierten Kläffen zu nehmen. Mit Pferden klappt es auch schon recht gut, sie schauen mich zumindest interessiert an und spielen mit den Ohren. Meine Idee, sie für Gesang zu begeistern, war allerdings nicht von Erfolg gekrönt. Esel habe ich besonders gern. Meinen durchschlagendsten Erfolg habe ich allerdings heute an einer Schafweide. Als ich mich ihr nähere, schaut die Herde nicht nur aufmerksam auf, sondern beginnt nach kurzem Überlegen mit wehendem Fell, auf mich zuzurennen. Mir tut es immer leid, im Gegenzug kein Leckerli oder wenigstens ein Streicheln anbieten zu können.

Die heutige 17 km – Minietappe ist erwartungsgemäß kein Problem, und mangels Druck bin ich auch deutlich sonniger eingestellt als gestern. Heute klappt alles hervorragend. Irgendetwas veranlasst mich zum Beispiel, in Marmiz kurz vor Gernika in meinen Führer zu schauen (was ich sonst normalerweise nicht mache) – und genau im richtigen Moment lese ich, dass man dem verblichenen Pfeil nach rechts nicht folgen soll, sondern der Weg vorher abgeht. Heute umspannen mich wohl wieder feine rosa Zuckerwattefäden.

In Gernika fällt mein Blick auf eine Leuchtanzeige, die 13.45 anzeigt. Auch das ist wieder perfektes Timing, nachdem die Jugendherberge laut Führer um 14.00 erstmal wieder siestatechnisch schließt. Glücklicherweise sticht mir auch gleich ein gelber Albergue-Pfeil ins Auge, und 100 m später stehe ich vor meinem heutigen Quartier. Vor einer verschlossenen Glastüre, die dann aber doch noch per Summer geöffnet wird. Hinter einer Rezeption teilt mir eine Frau eher unwillig mit, dass das jetzt etwas ungünstig wäre, sie würden nämlich um 14.00 schließen (und sich wahrscheinlich 10 Minuten vorher schon mal geistig drauf einstimmen). Wenn ich unbedingt wollte, könnte ich meinen Rucksack ja schon mal dalassen. Ich sehe wohl komplett entgeistert aus bei der Vorstellung, mich jetzt ungeduscht 2 Stunden vor der Herberge rumzudrücken, sodass sie schicksalsergeben meint, ich solle ein paar Minuten Geduld haben. Habe ich natürlich. Während sie Ordnung macht und an ihrem Computer rumhackt, inspiziere ich den Eingangsbereich. Alles sieht einfach ganz fürchterlich nach Jugendherberge aus. Auf einem Plakat wird groß Frühstück von 9-10 angekündigt, sehr pilgerfreundlich. Und auf den vielen Stühlen sehe ich vor meinem inneren Auge schon in wenigen Stunden kreischende Teeniegruppen sitzen.

Irgendwann winkt mich die Dame heran, anscheinend darf ich nun doch gleich wohnen bleiben. Mit über 20 Euro ist es die bisher weitaus teuerste Unterkunft, und in Anbetracht der fortgerückten Stunde soll ich bitte der Einfachheit halber mit Karte zahlen. Nachdem ich Pilger ohne Kreditkartenbenützung bin, bekommt sie eben fast ähnlich einfach mein gesamtes Kleingeld passend zusammengestückelt. Zum Thema Frühstück winke ich ab, dass ich da schon losmüsste. Sie ist etwas irritiert, nein, nein, das von 9-10 wäre nicht für Pilger. Sie würden das schon am Vortag richten, und wir müssten dann nur um 7.00 das frische Baguette aus einem Beutel vor der Tür reinholen. Ich bin hocherfreut und bedanke mich überschwänglich für alles.

Nicht sehr standesgemäß nehme ich für den zweiten Stock den Aufzug. Zur Linken fällt mir gleich ein Schild mit „Botas“ auf. Während ich meine reichlich verdreckten Schuhe ausziehe, kommt mir die Idee, ob der zweite Stock vielleicht für Pilger reserviert ist und ich gar nicht mit einer spanischen Jugendgruppe mein Zimmerchen teilen muss. In „meinem“ Zimmer, dass ich sehr offiziell mit „meinem“ Schlüssel aufschließe, sind zwei Betten schon belegt, eindeutig von Pilgern (von Pilgern mit sehr viel Gepäck). Ich bin begeistert, wider Erwarten so eine tolle Unterkunft gefunden zu haben. Der Raum ist total gemütlich, hat 3 Stockbetten aus Holz und dazu blütenweiße, duftende Bettwäsche. Das gab es ja noch nie. Der Boden ist auch aus Holz, die Vorhänge sind dunkelblau, die Wände farbig gestrichen.

Ich entscheide mich trotz Höhenangst ausnahmsweise für ein oberes Stockbett. Bei dem verbleibenden langen Nachmittag sitzt es sich da einfach freier, und die Herausfallsicherung wirkt auch sehr viel vielversprechender als in Deba.

Ich dusche in sympathischen Waschräumen und finde eine riesige Terrasse zum Wäsche aufhängen. Zum strahlenden Sonnenschein weht ein kräftiger Wind und trocknet meine Sachen im Nu. Im Frühstücksraum hat es Krüge mit Wasser, Geschirr sowie ein reichhaltiges Sortiment an Tee und Kaffee, sodass ich mir höchst zufrieden heißes Wasser für meinen Mandarin-Grüntee mache und vor lauter Begeisterung gleich noch einen Pfefferminztee hinterhertrinke.

Nachdem meine beiden Zimmergenossen in der Zwischenzeit eingetroffen sind und in tiefster Siesta weilen, gebe auch ich mich möglichst lautlos und mache ein Schläfchen. Nicht allzu lang, denn die männliche Komponente hat recht aufschreckende Schnarchanfälle, und nach einer halben Stunde unterhalten sich die beiden ohnehin lautstark auf Dänisch. Sie haben sich heute einen Ruhetag gegönnt. Der Schnarcher ist caminoerprobt und bereits letztes Jahr durch Frankreich und Spanien gelaufen. Seine Frau schnuppert nun ein bisschen mit ihm Caminoluft, fliegt aber bereits in 2 Tagen von Bilbao wieder nach Hause. Man merkt ihnen an, dass sie auch viel in Skandinavien wandern gehen. Ihre Ausrüstung orientiert sich weniger an foren-erprobtem Leichtgewicht, sondern beide tragen um die 14 kg in riesigen Rucksäcken. Und ausgesprochen lustig verpackt in kleinen Plastikkistchen, welche abgesägte Essigkanister wären. Diese stapeln sich sehr ordentlich zwei unten, zwei oben. Ich bin beeindruckt, und der Mann ist schon fast an der Tür, um mit mir zur nächsten Tankstelle zu laufen und ein paar Ölkanister abzusägen. Ich lehne dankend ab. So viel Krempel habe ich ja zum Glück nicht. Auf die linke Seite meines ebenfalls sehr großen Hauptfachs kommt mein Schlafsack, auf die rechte Seite in regelmäßiger Reihenfolge Regenmontur, zweite-Tageshälfte-Fleece, Nachtshirt und der Einkaufsbeutel für den Duschgang mit Handtuch und meiner Nachmittagsgarnitur. Formvollendet von meinem Essensbeutel quer obendrüber. Und ich bin jeden Morgen erleichtert, wie leicht es mir so fällt, Ordnung zu halten. Getreu Feng Shui bedingt äußere Ordnung wohl innere Ordnung.

Eine weitere Pilgerin kommt in unser Zimmer. Vermutlich veranlasst mich ihr bekannter gelber Reiseführer zur Frage, ob sie deutsch wäre. Ist sie, sie kommt aus Norddeutschland. Im Gegensatz zu mir, die hier schon seit Stunden luxuriös herumgammelt, ist Maike ziemlich kaputt. Sie erzählt, dass sie zwei Tage in Zenarruza verbracht hätte, um von einer Magen-Darm-Grippe und einer Erkältung gleichzeitig zu genesen. Sie ist immer noch reichlich verschnupft, ansonsten aber auf dem Weg der Besserung. Ich bin heilfroh, bisher weitgehend von Krankheiten verschont geblieben zu sein. Manche Etappen schlauchen mich ja schon bei bester Gesundheit. An Fieber oder Durchfall gar nicht zu denken.

Ich setze mich ein bisschen auf die sonnige Terrasse und flechte mein erstes Armbändel auf diesem Camino. Ich möchte es für Frans machen, den ich aber seit Deba nicht mehr gesehen habe. Maike hat ihn auch schon getroffen; auch sie ist sehr beeindruckt von ihm und seiner bedächtigen Gangart. Als sie ihn das letzte Mal gesehen hat, hatte er gerade mobilfunklich heißlaufende Drähte mit seiner Frau. Vermutlich ist sie nicht ganz so überzeugt wie er, dass sie zu Hause alle Probleme allein bewältigen kann. Ich wünsche ihm vom Herzen, dass sich diese Probleme lösen und seine Knie nicht zu einem ernsthaften Problem werden.

Ich sitze ein Weilchen mit Maike. Obwohl ich in Spanien nicht so gerne deutsch spreche, ist es sehr angenehm. Sie ist eine lustige, etwas unkonventionelle Person, vor allem sehr offen und kommunikativ. So kennt sie natürlich auch schon jeden Pilger näher, der mir jemals auf dem Camino begegnet ist. Sie erzählt sehr erheiternd von ihrem Krankenaufenthalt in der privaten Herberge von Zenarruza, von lustigen Fieberhalluzinationen und liebevoller Umsorgung. Wie die meisten geht sie den Camino recht frei von spiritueller Erwartung. Daran habe ich mich mittlerweile allerdings schon gewöhnt. Etwas Ruhe in schöner Landschaft zu haben, steht für den Großteil im Vordergrund. Auch die dänischen Geschwister planen, von Bilbao nach Gijón zu fahren, um dann lieber noch etwas Zeit zu haben, um Freunde zu besuchen. Immerhin, Maike will auch bis Santiago.

Hier in Gernika kommt heute gefühlt alles zusammen, was so auf dem Camino unterwegs ist. Neben Miguel ist auch das schwäbische Pärchen aus Deba angekommen. Peter prügelt sehr eindrucksvoll das Wasser aus seiner Wäsche (dabei trocknet bei diesem Wind und der Sonne vermutlich eh alles in wenigen Stunden), um mich dann im Anschluss ein wenig unter die Lupe zu nehmen. Ich hätte ja schon ein sehr gemächliches Tempo, wenn er das so sagen dürfte. Er empfiehlt mir Stöcke, dann würde das bestimmt auch bei mir besser. Ich sage da lieber nicht viel dazu. Immerhin läuft er (auf Jahre verteilt) bereits ab von der Haustür, was mich doch beeindruckt und mir einen gewissen Respekt vor seinen Ratschlägen verschafft.

Zwecks Abendessen finde ich einen kleinen Laden, in dem ich sicher wieder eine halbe Stunde unschlüssig vor den Regalen stehe. Intuitiv habe ich wie so oft das Gefühl, dass mich andere mitleidig anschauen, weil ich mir jede Kleinigkeit so lange überlegen muss und ewig sehnsüchtig vor einem Regal stehe, ohne etwas zu kaufen. Manchmal muss ich mich fast selbst erinnern, dass ich in meinem schlabbrigen Sitzkissen-Kopfkissen-XXL-Fleecepulli und mit meinem halbleeren Einkaufskorb hoffnungsloser aussehe, als ich eigentlich bin. Und einfach Gewicht kalkulieren muss.

Dank Nähe zur Herberge gibt es heute wieder ein Luxusmahl mit gebratenen Paprika in Öl, frischen Tomaten und Kiwis. Vor lauter Weißbrot und Chorizo erscheint mir der Gedanke an egal welches frische Gemüse manchmal schon wie eine Oase für einen Verdurstenden. Und heute ist wirklich Luxus, es gibt einen manierlichen Speisesaal, Essig und Öl und richtiges Geschirr – welches man nachher einfach zum späteren Spülen in einer Plastikwanne versenken darf.

Auch die dänischen Geschwister treffe ich im Zimmer nebenan. Ich bin fast schon überrascht, als die Schwester mich freiwillig von sich aus anspricht und meint, sie hätten mich ja gestern schon vermisst. Allerdings schwingt weniger Sorge mit als ein leiser Vorwurf, schließlich hätte ich doch gesagt, es gäbe keine Herberge zwischendrin, und dann wäre ich nicht aufgekreuzt. Ich stehe etwas auf dem Schlauch, nachdem sie ja in Markina übernachtet haben und ich schon immer nach Zenarruza wollte. Es klärt sich, dass sie auch nicht in Markina übernachtet haben, sondern dort die Telefonnummer der private Herberge von Zenarruza angerufen haben, die an jedem zweiten Laternenpfahl hing. Sie wurden dann in Markina mit dem Auto abgeholt, und ich habe sie nicht fertig geduscht in Flipflops gesehen, sondern schon mal in Flipflops, auf den Transport wartend. Wie sich herausstellt, war die private Herberge dank Abholservice gut gefüllt – während Miguel und ich in unserem Kloster das Gefühl hatten, in Zenarruza allein zu sein.

Mit zum ersten Mal schon am Abend „rucksacktrockener“ Wäsche und der Aussicht auf ein wunderbar duftiges Bettlaken und Kissen gehe ich wieder recht früh schlafen. Der Tag war unglaublich entspannend und erholsam, wenn auch auf eine andere Art als der gestrige Klosteraufenthalt. Ich bin überaus dankbar, so eine angenehme Unterkunft gefunden zu haben – von lärmenden Teenies keine Spur, heute hat es hier nur Pilger und die Atmosphäre einer einfach recht edlen Pilgerherberge. Und die heutige Kuscheletappe von 17 km lässt die Überforderung von vor gerade einmal zwei Tagen vergessen. Allerdings tut mir seit dem Essen der Bauch ein bisschen weh. Plötzlich habe ich die fixe Idee, mich bei Maike mit ihrem rätselhaften Virus angesteckt zu haben. Eine Inkubationszeit von wenigen Stunden erscheint mir zwar etwas unwahrscheinlich, trotzdem höre ich sofort wieder zu achtsam auf beunruhigende Gluckergeräusche. Mein Bauch tut auch jenseits von reichhaltigem Vorstellungsvermögen wirklich weh. Mit der Erinnerung, morgen dann doch wieder eine lange Etappe vor mir zu haben und diese vielleicht mit Durchfall und Fieber bewältigen zu müssen, schlafe ich naheliegenderweise dann doch nicht allzu beruhigt ein.

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Nachdem wir heute alle gezwungenermaßen einen langen Tag vor uns haben, ist früher Aufbruch angesagt. Die Dänen rascheln um 7, ich schließe mich dem Rascheln an. Nur Frans, der eigentlich wegen seines gemächlichen Tempos auch sehr früh loswollte, schläft noch tief und fest in seiner 3. Etage.

Ich schleppe mein Hab und Gut geräuscharm vor die Tür und packe erst auf dem Gehweg ordentlich. Heute ist es richtiggehend kühl, was Hoffnung für die Etappe macht. Ich trinke am Brunnen in der Allee nochmal einen Liter Flüssigkeitsstartkapital und habe 2 1/2 Liter im Rucksack. Hoffentlich reicht das für den langen Tag. Grundsätzlich wohler wäre mir auch mit etwas Kalorienkapital, nachdem ich ja gestern mein Baguette schon ganz aufgegessen habe. Ich spiele mit dem Gedanken, doch noch nach einer Bäckerei Ausschau zu halten, als mir die Dänen über den Weg laufen. Die forsche Blondine instruiert mich gleich, dass es eine Bäckerei gleich um die Ecke hätte, die zu dieser frühen Stunde schon geöffnet hätte. Super. Und was für eine Bäckerei. Schokoladenfrei hat es immer noch eine sehr nahrhaft aussehende Pudding-Rosinenschnecke und ein zartes Apfelstückchen. Letzteres esse ich gleich noch im Park, das Schneckchen bleibt für später.

Während ich noch Richtung Bahnhof zurücktrabe und mich auf einen dritten Aufzug gefasst mache, den ich gestern mit einem gelben Pfeil und einer Schlange davor gesehen habe, stelle ich fest, dass der Camino nebenbei vorbeigeht und es auch nicht wirklich ein Aufzug ist, sondern schlicht und ergreifend ein WC, welches mir nach meiner Trinkkur aber gerade recht kommt. Allerdings steht irgendetwas mir Unverständliches an der Tür. Irgendetwas von 5 Minuten verstehe ich. Drinnen ist alles von der Decke bis zum Boden patschnass, und während ich ein trockenes Plätzchen für meinen Rucksack suche, kommt mir der erschreckende Gedanke, das die gute Örtlichkeit sich vielleicht nach 5 Minute automatisch rundum selbst zu reinigen beginnt. Recht hektisch positioniere ich meinen Rucksack dann doch in einer feuchten Ecke, nur um gleich darauf einen dicken, schönen Metallhaken an der Wand zu sehen.

Ich unterbiete glücklicherweise die 5 Minuten, mache mir allerdings langsam Gedanken um meine hygienische Zusammensetzung. Am Schuh klebt tote Ratte, am Fleecepulli wahlweise fremde Kopfschuppen und Waldbodendreck, und mein Rücken wird gerade sanft durchfeuchtet von WC-Bodenwasser.

Es geht recht schnell auf einem einsamen Waldweg in die Höhe. Diese Wege sind so mit meine Lieblingsabschnitte. Kein nerviger Trubel in einer Stadt, kein eintöniges Geradeaus- oder Bergabtraben, wobei ich eh nur dran denke, was mir jetzt schon wieder weh tun könnte.

Plötzlich stehe ich an einer Wegkreuzung, bei der es eigentlich zum ersten Mal keine eindeutigen, idiotensicheren Pfeile hat. Ein leicht verblichener Pfeil zeigt nach rechts, aber dort ist am nächsten Baum ein vermutlich weiterer Pfeil extra dick schwarz übermalt. Also laufe ich geradeaus, wo aber auch kein wirklich überzeugend gelber Pfeil kommt. Nach ein paar Minuten kehre ich um, laufe doch den rechten Weg, aber neben ganz frischen Pfeilen überwiegt doch vor allem das extra Übermalte. Nach ein paar Minuten laufe ich dann doch auch da wieder zurück, nachdem es zwar haufenweise Fußspuren hat, aber leider auch sehr viel in Gegenrichtung. Ich bin mir überhaupt nicht sicher, was das zu bedeuten hat und tendiere schon fast dazu, auf einen weiteren Pilger zu warten, der vielleicht einen schlaueren Führer hat. Die Dänen sind allerdings vermutlich schon durch, und so viel anderes (zumindest bereits waches) bleibt ja nicht mehr. Ich vertrödele bestimmt eine halbe Stunde, bis ich beschließe, statt gelben Pfeilen einfach den dicken, schwarzen Übermalungen zu folgen. Wo früher mal ein Camino hingeführt hat, wird ja wohl auch jetzt irgendein Weg hinführen – ob nun der Optimale oder nicht.

Je weiter ich laufe, verstärkt sich mein Eindruck, dass die schwarzen Übermalungen nicht freundliche Jakobswegneuausschilderung sind, sondern einfach ein Störversuch. Spätestens, als es an einigen Stellen schwarze Pfeile in beide Richtungen gibt, bin ich mir dessen sicher. Und ganz wohl fühle ich mich dabei nicht. Zu viel Fantasie am frühen Morgen.

Spätestens bei der Ermita del Calvario sind die Wegmarkierungen dann wieder wie gewohnt leuchtend dunkelgelb. Dafür mache ich bei meinem ersten Päuschen am heutigen Tag mal wieder eine Entdeckung, die mich völlig aus dem Konzept bringt. Mein Bein sieht mal wieder dicker aus als normal, und sofort spielen meine Gedanken verrückt. Dass die gestrige Etappe zu viel war, ist naheliegend. Wie ich nun mit einem eventuell kaputten Bein eine Riesenetappe schaffen soll, ist die andere Frage. Oder besser, noch ist wohl nicht viel kaputt, aber was wird daraus, wenn ich damit nun noch 9 Stunden weiterlaufe? Ich bin hin- und hergerissen, wieder kleinlaut nach Deba zurückzulaufen. Ehrlichgesagt kann ich aber auch nicht wirklich einschätzen, wie normal oder unnormal das jetzt überhaupt ist. Ich bin mittlerweile erfahrungsgemäß absolut paranoid, was eventuelle Schwellungszustände meines Beins angeht. Ich beschließe, mich nach der bewährten Methode des Hospitaleros von Ruitelán zu richten und weiterzulaufen, allerdings einfach mit Bedacht. So schleiche ich dann auch die Straße entlang, noch langsamer als sonst, und am liebsten auch bereits in der Ebene jeden Schritt mit meinem kläglichen Stöckchen entlastend.

Es geht recht ewig mit diversen Varianten durch den Wald. Dank des Schattens und der Frühe des Tages ist es weitaus weniger mühsam als gestern, dafür hält mich die ständige Sorge um mein Bein bei Laune. Vor allem ist mir höchst bewusst, dass ich ganz und gar selber dran schuld bin, ist mir doch wirklich ausführlich von der gestrigen Etappe abgeraten worden. Ich traue mich nicht einmal, zu beten, dass es wieder gut wird, irgendwie wäre das ja zu viel verlangt. Und leider kann ich auch nicht beten „mach, dass nur diese eine Etappe noch gut wird“, denn nach einer morgen etwas ruhigeren Etappe habe ich danach eine Ü30 nach Bilbao im Kopf mit einer weiteren folgenden Monsteretappe von über 40 km. Und die drei Etappen vor Llanes brillieren mit 10, 9.45 und 12 Stunden reiner Gehzeit, wobei ich diese Zeiten bei meinem Tempo um gut 2-3 Stunden überbiete – abgesehen davon, dass mir solche Etappen für mein Bein Wahnsinn erscheinen und ich eine 12-Stunden-Etappe auch beim besten Willen logisch nicht in einen Tag hineinbekomme. Vor meinem inneren Auge jagt eine Riesenetappe die nächste, und im Moment fühle ich mich bei dieser Vorstellung einfach restlos überfordert, gestreßt und verzweifelt. Burnout-Entstehung auf dem Jakobsweg. Während ich Stunde um Stunde mit ziependem Bein durch sonnigen Wald trotte und den nächsten Tagen mit unlösbarem Schrecken entgegensehe, stelle ich mir die Frage, warum ich mir das eigentlich antue. Nach Llanes zwingt mich eigentlich nichts, sehr wahrscheinlich würde sich auch vorher ein Bus zurück finden lassen. Zwar bin ich sonst immer gut mit den Etappenlängen meines Reiseführers gefahren, aber statt wie sonst 5- 7 Stunden sind die Etappen hier einfach viel länger. Selbst die Aussicht, stressfrei nur bis z.B. Santander zu gehen, reizt mich ehrlichgesagt auch nicht viel mehr. Das Meer nach Pasai Donibane war atemberaubend schön, aber seither tappe ich stundenlang durch Wälder und freue mich an Kühen und Schafen, aber das könnte ich gerade so gut zu Hause machen. Und müsste mir nicht noch ein Schlafen in solchen Kleinoden wie der Herberge von Deba antun, bei der ich null Privatsphäre habe und um mich herum lauter so sympathische Gestalten wie das recht spezielle Geschwisterpärchen. Ich denke an meine früheren Caminos, bei denen mich die Wunder und die Magie fasziniert haben. Hier ist von Wundern oder Magie keine Spur, geschweige denn von Gott. Keine ständigen Regenbogen und wunderbaren Pilger mit Strahleaugen und magischen Freundschaften oder Engelmissionen. Offiziell nach oben beschweren will ich mich aber dann doch auch nicht. Zu Beginn meiner Caminos hatte ich keinen Glauben, da hat es wohl etwas Feuerwerk gebraucht, um mich von der Existenz einer höheren Macht zu überzeugen. Von dieser bin ich nun ja überzeugt, da ist es eigentlich verständlich, dass die Regenbogen und die Sonderklasse-Level-2-Pilger zu anderen Pilgern geschickt werden, die es nötiger haben. Vermutlich habe ich auch Freundschaften und Bestätigung schon einmal mehr gebraucht als im Moment. Und nicht zuletzt bin ich selber schuld, ständig auf den Camino zurückzukehren, obwohl ich eigentlich schon lange gelernt habe, dass es kein Spanien braucht, um Gott zu spüren, Freundschaften zu erfahren und ein guter Mensch zu sein. Und dass mich die Etappen stressen, ist auch ein durchaus hausgemachtes Problem. Ich bin ein Stück weit versöhnt und grolle wenn, dann mit mir selbst.

Meine nächste Mittagspause mache ich ausnahmsweise recht zivilisiert an einem überdachten ehemaligen Waschplatzhäuschen, neben einer merkwürdigen Schafherde, die eng aneinandergepresst einfach grast. Während ich meine Schuhe und Socken in der Sonne lüfte und selber entspannt im Schatten sitze und meine Vorräte ausbreite, krabbelt eine kleine Spinne tapfer meinen Strumpf hoch. Ich lasse sie auf ein Papierstückchen krabbeln und inspiziere sie näher. Es handelt sich um eine Zecke, sodass ich das Papierchen in hohem Bogen möglichst weit zur Seite werfe. Im nächsten Moment scheint mir das keine so gute Idee gewesen zu sein. Das hartnäckige Tier krabbelt jetzt bestimmt in Höchstgeschwindigkeit zurück und in meinen Rucksack oder in meine Schuhe oder wohin sonst auch immer. Eine Zecke fehlt mir gerade noch, also schüttele ich alles kraftvoll und ergreife hektisch die Flucht.

Dann geht der Weg stundenlang auf kleine Wegen durch wechselnde Landschaft, aber komischerweise fühlt es sich weder nervig noch anstrengend an. Vielleicht hilft das unterschwellige Wissen, dass es heute einfach eine sehr lange Etappe ist, sodass ich gar nicht auf die Idee komme, mich mit einem quälend hoffnungsvollen Gedanken an „bin ich jetzt bald da?“ zu beschäftigen. Zum Hohn meiner Wasservorräte hat es alle halbe Stunde irgendwo ein Häuschen mit einem Wasserhahn. Mir dämmert erst jetzt, dass mein Führer im Gegensatz zum Camino Frances einfach generell keine Brunnen einzeichnet, und ein fehlendes Brunnenzeichen rein überhaupt nicht auf eine nachschublose Etappe hindeuten muss.

Teilweise versöhnt mich auch die wirklich liebliche Landschaft. Ich denke über den Einsamkeitsfaktor auf dem Camino del Norte nach. Heute bin ich außer an der Bäckerei noch keinem Pilger begegnet. Im Vorfeld hatte ich etwas Sorge, was die angekündigte „Einsamkeit“ angeht. In meinen kühnsten Horrorvorstellungen habe ich mich als einzigen Pilger in 2 Wochen gesehen, der sich in jedem Ort mühsam nach einer improvisierten Unterkunft durchfragen muss, wenn er nicht gerade wieder orientierungs- und markierungslos mit dem Buschmesser irgendwelche zugewachsenen Pfade freischlägt. Und das natürlich noch in strömendem Regen. Dafür habe ich es nun wirklich sehr gut. Vermutlich auf Grund des heiligen Jahres prangen überall mehr dunkelgelbe Pfeile als auf dem Hauptweg, es hat überall eine Pilgerherberge, die mit 4-7 Pilgern auch nicht wirklich einsamer ist als auf dem Hauptweg zur gleichen Zeit. Und die „Einsamkeit“ tagsüber ist keinesfalls von einer einsamen, alleinen, verlassenen Natur, sondern eher ein Luxus an Ruhe und Stille und Naturerlebnis.

So bin ich richtiggegend überrascht, als ich gegen 16.00 schon in Markina ankomme, ohne mich eigentlich so wirklich am Ende zu fühlen. Vor der riesigen Kirche schnappe ich mir einen (zeckensicheren) Riesenquader im Schatten, um auf Rosa-Rat hin nun eine sehr lange Pause zu machen, mit der Etappe gedanklich abzuschließen, bevor ich mich dann nochmal auf die letzten beiden Stunden mache, die nochmal nett den Berg hochgehen sollen. Dafür, dass diese Etappe die schlimmste des ganzen Caminos sein soll, bin ich zumindest nach offizieller Stunde 7.15 noch ganz guter Dinge. Ich verspeise die letzten Reste meiner umfangreichen Vorratstasche und bin überrascht, dass egal, wie satt ich bin, hinterher noch unbegrenzter Appetit auf meine Lieblingsnussmischung besteht, eine Komposition aus Haselnüssen, Mandeln, Pinienkernen, Rosinen und Papaya.

Nachdem die Sonne mittlerweile mein schattiges Steinchen zu bescheinen beginnt, ist es vermutlich Zeit zum Aufbruch. Markina entpuppt sich als größere Stadt voller belebter Kneipen und Cafés. Über den Marktplatz sehe ich von Weitem mit ihrem charakteristisch entschlossenen Sturmschritt die blonde Dänin in Flipflops eilen. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, ihnen gestern Angst eingejagt zu haben, dass es in Markina keine Unterkunft gäbe. So groß, wie der Ort ist, hat es zwar vielleicht noch keine geöffnete Pilgerherberge, aber dafür sicher haufenweise Pensionen. In einer davon scheinen die Dänen ja augenscheinlich untergekommen zu sein.

Für einen klitzekleinen Moment kommt mir die Idee, dann doch auch einfach hier übernachten zu können, dann würde ja auch die Riesenetappe wegfallen. Irgendwie habe ich mich jetzt mental aber schon so richtig auf nochmal 2 Stunden eingestellt, außerdem möchte ich heute ganz dringend in dieser Klosterherberge übernachten. Die letzten Stunden habe ich so eine innere Wandlung meiner Stimmung erfahren und konnte die Sorgen um mein Bein so weit zur Seite schieben, dass ich im Moment seit langem mal wieder einfach nur dankbar bin.

Kurz vor dem Ortsausgang findet sich noch ein richtiger Supermarkt, wo ich nochmal Vorräte auffülle. Meinen Stock, den ich immer sittsam am Eingang stehen lasse, vergesse ich dabei auch gleich, nachdem ich die ersten Minuten begeistert einen schönen, grünen Apfel kaue und mir meine rechte Hand erst danach seltsam untätig vorkommt. Ich bin unentschlossen, gehe aber doch nochmal zurück. Selbst wenn ich ihn nicht mehr wirklich brauche, so hat er sich heute ja schließlich auch einen ordentlichen Abschluss verdient.

Der weitere Weg ist wunderschön. Meist geht es durch Wiesen (vor der Zeckenentdeckung wäre ich vermutlich noch euphorischer), dann umspielt den Camino ein kleiner, plätschernder Bach. Vor einem Anwesen weist mich ein älterer Spanier drauf hin, dass der Weg jetzt ziemlich nass wäre. Ich kontere fröhlich „soy peregrina!“ und springe in den Matsch.

Irgendwo an einer kleinen Siedlung weist ein Pfeil plötzlich zurück in meine Richtung. Ich bin etwas unschlüssig und frage einen Bauarbeiter, der extra seine Arbeit unterbricht und mich anstrahlt, dass er mir da nicht helfen kann, er wäre nicht von da. Strahl. Strahl. Strahl. Irgendwann ruft er dann noch einen anderen Kollegen, der ein bisschen lateinamerikanisch aussieht und in höchsten Tönen quakt „Camino Santiago? SANTIAGO?! Aqui?!?!“. Vielleicht kommt er aus Santiago de Chile und hält mich naheliegenderweise für etwas zu intensiv besonnt. Der erste Arbeiter meint dann erstaunlich sortiert, dass wir ja mal die da hinten fragen könnten, die wären von hier. Er läuft mir voraus um ein Haus herum, wo er unter großer Kraftanstrengung eine Tür öffnet. Ich bin sehr gespannt, was sich dahinter verbirgt. Es scheint er Hintereingang zu einer Bar zu sein, in der mein guter Mann mit den Worten „schaut euch die Chica an“ sofort die gesamte Gesellschaft in den Türrahmen beordert. Die Herren 70 aufwärts können sich gar nicht einigen, wer mir nun den Weg weisen darf. Aha, es geht ein bisschen in Gegenrichtung die Hauptstraße zurück und dann im Bogen auf der anderen Seite weiter. Ich bin wieder einmal positiv überrascht von der liebevollen Unterstützung. Die Herren bleiben in der Tür stehen, bis ich auf der anderen Seite außer Sichtweite bin.

Die Pfeile leiten mich mitten in eine Kuhweide, die ich etwas ängstlich passiere. Ein größeres Problem als die Kühe an sich stellen ihre Wege dar. Ich wühle mich durch ziemlich spektakuläres Gelände und bin heilfroh, dass es zumindest trocken ist.

Ich konsultiere kurz meinen Führer und lese, dass es um 19.15 eine Messe hat, sodass ich meine Schritte etwas beschleunige. Überglücklich kommt gegen halb 7 ein schnuckeliges Dörfchen in Sichtweite, welches sich zu meinem Schrecken aber nicht als Zenarruza entpuppt. Am Ende des Dörfchens leitet dafür eine Holztafel mit „1,1 km, 30 Minuten“ den Berg hoch. Das wird ja eine Punktlandung.

Im Geiste rechne ich minutiös durch, ob ich das inklusive Duschen hinbekomme, zumal laut Führer die Duschen 100 m entfernt liegen sollen. Als dann links ein Wegweiser zur Albergue abgeht, bin ich dann doch ziemlich geschafft. Höher am Berg liegt das eigentliche Kloster, die Herberge scheint in dem Gebäudekomplex etwas tiefer zu sein. Ich tappe ewig drum herum, finde aber vor lauter Bar nicht so richtig die Klosterrezeption, an der ich mich melden soll. Ein Kellner winkt mich hinein, das wäre schon richtig. Ich frage nochmal nach, ob das die Klosterherberge wäre. Ja, ja. Ob es denn wirklich keine andere gäbe. Etwas missmutig meint er, es gäbe diese Klosterherberge und oben im Kloster nochmal eine. Ich verabschiede mich glücklich. Herrje, jetzt wäre ich um ein Haar noch in der falschen Herberge abgestiegen.

Das Kloster liegt wunderschön und verlassen. Auch hier umrunde ich alles ziellos, um an einem Souvenirkiosk zumindest eine Klingel zu finden, die ich dann mal betätige. Ich bekomme einen Riesenschreck, weil es plötzlich dauerklingelt und ich vielleicht die Klingel irgendwie arretiert habe. Nach einigen bangen Sekunden krächzt es aus der Sprechanlage, und ich krächze zurück, dass ich eine Peregrina bin und eine Albergue suche. Er kommt. Ich erwarte einen missmutigen Kioskbesitzer, als ein Mönch in kompletter Montur um die Ecke biegt. Er führt mich freundlich schweigend um ein paar Ecken und schließt mir einen großen Raum auf. Er meint schulterzuckend, ich wäre heute wohl die einzige. Die Herberge ist gelinde gesagt schlicht, aber ich bin überglücklich und fühle mich auch sehr wohl. Ich suche meine Duschsachen heraus, als ein kleines Männchen mit ausgebreiteten Armen zur Tür herein gesegelt kommt. Ich bin etwas unschlüssig, entscheide mich dann aber für eine Umarmung, wobei er mir noch einen Schmatzer auf die Wange gibt. Er heißt mich sehr herzlich willkommen, erklärt mir die Dusche einen Stock tiefer, erklärt mir, dass er mir um halb 9 ein Abendessen bringt und morgen Frühstück um halb 8, dass es um 19.30 eine Messe hat (und ich die Tür einfach kräftig drücken muss, sie wäre etwas schwergängig). Er erzählt schnell den ganzen Ablauf, wann was auf baskisch und was auf spanisch kommt und strahlt und wuselt und ist auch schon wieder weg, weil er noch in die Küche und in den Garten muss. Ein sehr herzlicher und freundlicher Gärtner.

Ich dusche blitzschnell und finde sogar noch Zeit, meine Sachen auszubreiten, ein Bett auszutesten und etwas zu kehren, bevor ich in die Messe gehe. Mit dem letzten Glockenschlag kommt auch der letzte der 7 Mönche hereingeschlurft – und mit einem gewissen Schrecken erkenne ich auch den vorigen Herrn Gärtner in einem Mönchsgewand wieder.

Außer mir sind nur zwei weitere Damen in den Kirchenbänken, es herrscht also eine heimelige Familienatmosphäre. An den Mönchen kann ich mich gar nicht sattsehen, es ist schon eine sehr lustige und charismatische Gruppe. Mein eben noch so überschwänglich strahlender Gärtner sieht vergleichsweise seriös aus, während der junge Mönch neben ihm ziemlich unschlüssig in seinen Liedtexten blättert und vermutlich einfach nicht lesen kann. Der nächste Mönch ist sicher weit jenseits der 80, sehr vornübergebeugt und vermutlich bei der Gelegenheit auch zwischenzeitlich einem Nickerchen nicht abgeneigt. Mein Herr Rezeptionist ist auch noch vergleichsweise seriös und gähnt zwischendurch nur herzhaft, während daneben ein riesiger Mönch steht, der aussieht, wie frisch aus einem Büro entwendet. Zudem ist er recht erkältet, niest im Minutentakt klangvoll und kramt dann plakativ in seinem weitausladenden Ärmel nach einem Taschentuch, das er nach ausgiebiger Betrachtung wieder ähnlich aufwendig in die Tiefen des Ärmels zurückkramt. Ein weiterer Mönch sieht sehr jung aus und irgendwie fremdländisch, ist aber vergleichsweise sehr ernsthaft bei der Sache. Seine blütenweißen Turnschuhe schauen höchst korrekt unter der Kutte hervor. Mein absoluter Favourite ist allerdings ein Mönch mit einer Art Schürze, der in karierten Pantoffeln zwischendurch immer wieder irgendwelche Lockerungsübungen macht und eine Stimme hat, die etwa 3 Oktaven tiefer ist als alles, was ich jemals gehört habe. Ich bin sehr fasziniert und beeindruckt, allerdings vielleicht eher von den Mönchen als von der göttlichen Stimmung.

Ich bin schon in freudiger Erwartung meines Essens, als statt des Mönchs plötzlich ein weiterer Pilger ans Fenster klopft. Es ist ein Spanier mittleren Alters, und im ersten Moment bin ich nicht so begeistert darüber. Zum einen habe ich mich so auf meine besinnliche Einsamkeit hier im Kloster gefreut, zum anderen habe ich auch zum ersten Mal ein mulmiges Gefühl, allein mit einem Mann zu übernachten. Irgendwas an Miguel gefällt mir nicht, er hat so ein rastloses Flackern in den Augen und ist generell eher hektisch und nervös. Bei einem Pilger wie Frans hätte ich da weit weniger Bedenken.

Der gärtnernde und kochende Mönch serviert strahlend unsere Suppe für den Abend, die auch recht klösterlich schlicht ist. Für heute passt es hervorragend, aber auf Dauer käme bei solch einer Verköstigung ein Leben im Kloster für mich nicht in Frage. Es ist keine Mahlzeit, auf die man sich Stunden vorher schon freuen kann – was vermutlich ja auch genau der Zweck ist.

Miguel steht vielleicht auch deswegen so unter Strom, weil er heute von Zumaia kommt, 40 km. Soviel zum Thema ich mit meiner Mammutetappe. Er leert die Fastensuppe hungrig bis auf den letzten Löffel, um dann duschen zu gehen. Ich nutze die Gelegenheit, mich schnell in mein Schlafshirt zu werfen und für den Rest des Abends schon sittlich schlafsackvertütet zu sein. Samt Schlafsack hüpfe ich dann doch noch ein Bett weiter. Mein Lattenrost hängt derart durch, dass ich mich sonst morgen sicher nicht mehr bewegen kann. Das andere Bett ist von einem Brett unterstützt, und darin schlafe ich dann auch sehr gut.

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