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Posts Tagged ‘Villamayor de Monjardin’

Ich verbringe eine sehr behütete Nacht. Vielleicht liegt es an dem sanften Schnorcheln meiner Herren zwischen 50 und 80 Jahren. Ich hätte nicht gedacht, dass ich Schnarchen jemals als angenehm empfinden könnte oder dass man gefühlt „gepflegt“ schnarchen kann.

Heute habe ich mich zu einer weiteren Kurzetappe entschlossen, nur 20 km bis Torres del Río. Folglich habe ich alle Zeit der Welt, und als wahrscheinlich gegen 6 der Wecker der beiden Schweizer klingelt, mache ich es mir nochmal gemütlich.

Trotzdem bin ich schon wieder im Dunkeln auf dem Weg, nachdem die meisten anderen noch ausgiebig Frühstück in der Herberge genießen. Auf meinem ersten Camino habe ich mich hier gehörig verlaufen, insofern kenne ich jetzt den Weg mit seinen nächtlichen Feinheiten und unerwarteten Abzweigungen. Trotzdem ist mir heute unwohl bei den leuchtenden Augen in Gebüschen und auf Feldern, die von meiner Stirnlampe reflektiert werden. Meist sind es wohl Katzen.

An einer Abzweigung finde ich beim besten Willen keine Markierung, meine Erinnerung versagt auch, und ich bin recht unleidig. Auf den vollen Sonnenaufgang will ich auch nicht warten, so gehe ich einfach mit ungutem Gefühl in eine Richtung weiter. Ich habe Glück, nach ein paar hundert Metern beleuchtet mir der Sonnenaufgang einen der liebgewonnenen gelben Pfeile.

Heute ist mein Kopf ziemlich rege, wenn auch nicht gerade überschäumend optimistisch. Mein Fuß beschäftigt mich. Diese Flut von Blasen verstehe ich nicht. Ich wandere nicht zum ersten Mal, weiß eigentlich, an welchen Stellen ich Blasen bekomme und wie sie geartet sind. Dass sich hier die ganze Haut ablöst, was soll das. Ich werfe meinen Wanderschuhen einen wütenden Blick zu. Sie sind ein billiges No-Name Fabrikat, eigentlich bequem, aber die Farbe und Form hat mir von Anfang nicht gefallen. Wir sind keine Freunde, ergänzen uns nicht, super. Auch von meinen Füßen verspüre ich wenig Freundschaft; ich habe fröhlich am Gewicht gespart und hätte nicht im Traum daran gedacht, dafür eine Fußcreme mitzuschleppen. Vermutlich nehmen sie jetzt dafür Rache. In der nächsten Stadt werde ich als allererstes eine Fußcreme kaufen.

Zu meiner reumütigen Stimmung passend muss ich, wie auch die vergangenen Tage immer wieder, an Marek denken und an seinen Wutausbruch. Auch da fühle ich mich ziemlich klein und schuldbewusst. Rege ich mich doch selber gerne auf, wenn jemand allwissend und besserwisserisch meint, die Wahrheit für sich gepachtet zu haben und zu wissen, dass so wie er lebt und erlebt, es jedem gehen muss.

Alles in allem fühle ich mich heute einfach sehr schuldbewusst und wie ein Anfänger, der gerade gehörig die Leviten gelesen bekommen hat und dem dämmert, dass er allein und mit seinem Willen rein gar nichts ist.

Los Arcos erreiche ich eine halbe Stunde vor 9. Die Geschäfte haben noch geschlossen, aber ich positioniere meinen Rucksack und mich schon mal reumütig vor der dortigen Apotheke. Und konsultiere mein Mini-Wörterbuch, was „Hirschtalg“ heißt. Das findet sich natürlich nicht, aber „ciervo“ heißt immerhin Hirsch. So verbringe ich also noch eine Viertelstunde mit ciervociervociervociervo… derweil erstehe ich noch in einer Bäckerei  „Engelshaar“ und eine Apfeltasche sowie ein leckeres Brot. Glücklicherweise, ohne dass mir das allgegenwärtige „ciervo“ über die Lippen rutscht.

Eine etwas unmotivierte Apothekerin öffnet missgelaunt um kurz nach 9. Der „ciervo“ interessiert sie recht wenig, zum Thema Fuss haut sie mir eine Tube Voltaren auf den Tisch. Das habe ich selber, zögerlich radebreche ich also nochmal mein Anliegen. Doppelt missgelaunt bewegt sie sich vorwurfsvoll an ein hinteres Regal, um mir ein Generikum von Voltaren zu präsentieren. Offensichtlich ist sie der Ansicht, ein Pilger hat das zu brauchen und damit basta. Mit Kopfschütteln und deutlicher Missbilligung offeriert sie dann noch eine Neutrogena Fußcreme. Wir kommen der Sache schon näher, allerdings soll die Minitube über 20 Euro kosten, was ich bei aller Liebe für den Einzelhandel im fernen Spanien nicht so ganz gutheißen kann. Schlussendlich verlasse ich den Laden wenig überzeugt mit einer Tube Vaseline.

Vor der dortigen Kirche creme ich hingebungsvoll meine Füße ein. Fettig ist das ja immerhin. Und mein Fuß fühlt sich wirklich besser an. Die Blase ist vermutlich die gleiche, aber nachdem mir noch das beruhigende, gütige Kopfschütteln meiner gestrigen Altherrenschaft in Erinnerung ist, dass das natürlich wieder besser wird, wenn ich nur ordentlich creme, bin ich frohen Mutes.

An meinem heutigen Tagesziel steuere ich die mir bereits bekannte Herberge an. Ich bin die erste und bekomme ein Bett in einem Trakt, von dessen Existenz ich noch gar nicht wusste; ich dusche und wasche genüsslich und mache mich auf zur nächsten Shoppingtour. Das kleine Dorf ist übervölkert von Kindern; vermutlich haben heute alle Schulen Spaniens Ausflugtag – und alle Lehrer haben beschlossen, den lieben Kleinen die Heilig-Grab-Kirche Iglesia del Santo Sepulcro näherzubringen. Für den Moment steht Sandwich und Getränk austeilen und auf dem Straßenboden sitzen auf dem Programm.

Ich stakse vorsichtig durch das Gewühl und erstehe in dem höchst spannenden Laden (man gibt seine Bestellung durch ein kleines Fenster durch) wieder einmal alles, was das Pilgerherz bzw. der Pilgermagen begehrt.

In der Küche der Herberge finden sich zwei Schränke voller Gewürze, und zusammen mit dem leckeren Brot aus Los Arcos schmeckt meine Gemüsepfanne mal wieder himmlisch.

Mit frisch gefetteten Füßen sitze ich völlig glücklich und entspannt auf einem Liegestuhl auf der großen, sonnendurchfluteten Terrasse und werkele an einem neuen Armbändel, als es von der Rezeption klingt, als wäre ein deutscher Reisebus eingetroffen. Nicht wirklich mit Erleichterung stelle ich fest, dass es nur zwei Deutsche sind – dafür aber zwei, die ich schon mehrmals gesehen habe und mit denen ich keinerlei Bedürfnis gespürt habe, ins Gespräch zu kommen. Meist habe ich sie viel zu laut mit einer Bierdose in der Hand gesehen. Einer von ihnen trägt allen Ernstes ein absolut schlimmes Hawaii-Hemd zu seiner schleimigen Gelfrisur. Aktuell beschäftigt sie die Tatsache, dass entgegen der Führerbeschreibung hier keine Massage angeboten wird, und so eine knackige Spanierin, das wäre es jetzt doch gewesen, hö hö hö. Vermutlich sieht man mir an, dass ich sie verstanden habe, jedenfalls identifizieren sie mich zielsicher als deutschsprachig und gesellen sich zu mir. Was ihnen denn weh tut, will ich wissen. Das Hawaiihemd alias Thomas hat eine Verspannung im Halsbereich. Fröhlich erkläre ich, dass das natürlich eine sehr heikle Stelle ist, die wirklich eines Experten bedarf. Ob es denn da Unterschiede gäbe. Für mich schon, einen Rücken würde ich mir gerade noch zutrauen, aber eben Hals, nein nein. Zu meinem Schrecken erklärt Thomas, dann würde er eben die Rückenmassage von mir nehmen.

Ich widme mich wieder meiner Bändelarbeit, während die Herren der Schöpfung in nicht unbedingt frauenwertschätzenden Überlegungen versinken. Ich versuche, zu meinen Gedanken ein konträr unbeteiligt freundliches Gesicht zu machen.

Jan entschwindet zum Duschen, während Thomas fragt, was denn nun aus der Massage wird. Ich entschuldige mich, dass ich grad leider keine Zeit habe und an dem Bändel bin.

Zwei Stunden später ist das Bändel leider fertig und Thomas sitzt immer noch wartend. Das sowie die mangelnde Macho-Konversation mit Jan machen ihn aber fast schon wieder sympathischer, sodass ich mich schicksalsergeben zur Massage aufmache. Seinen Vorschlag, dass ich mich auf ihn draufsetzen könnte, fege ich rigoros damit aus dem Weg, dass das für einen Pilgerrücken mal rein gar nicht angezeigt ist. Er scheint die Message zu verstehen und ist erstaunlich kleinlaut, nett und dankbar. Ob ihm meine Massagekünste wirklich guttun, wage ich zu bezweifeln. Er hat nur ein Gel mit Pfefferextrakt. Das massiert sich schon mal moderat, und vermutlich hat er hinterher eine Hitze auf der Haut, die bei den Temperaturen auch nicht wirklich angenehm ist. Er bedankt sich fast schüchtern, und ich bin glücklich, das über die Bühne gebracht zu haben. In Zukunft halte ich meinen Schnabel, wenn jemand fehlenden Masseusen nachtrauert.

Den Nachmittag verbringe ich weiterhin auf der Terrasse, beschränke mich aber eher auf das Zuhören und Beobachten der Pilgerscharen, die langsam die Herberge füllen. Spannend ist beispielsweise eine Deutsche mit beachtlicher Leibesfülle, beachtlicher Stimmgewalt und noch beachtlicherem Selbstverständnis. Sie hinkt und hatscht, und als jemand Mitleid bekundet, erzählt sie ungefragt eine halbe Stunde von diversen Camino-Erlebnissen. Allesamt sind geprägt von Begegnungen mit unmöglichen Menschen, von denen sie sich definitiv nichts sagen lässt und denen sie mal allesamt die Meinung gesagt hat. Ein älterer Deutscher hätte leise hinter ihrem Rücken zu seiner Frau gesagt „die schafft es so auch nicht bis nach Santiago“, aber hah!, das hätte sie gehört, den hätte sie mal zur Rede gestellt und ihm mal ordentlich gesagt, dass sicher eher er einen Herzinfarkt bekommt. Ich hüte mich, auch nur einen Mucks zu sagen. Ein Stück weit schwanke ich eh so zwischen Entsetzen und Verwunderung über eine derartige Aggressivität, dass ich wohl ohnehin sprachlos wäre. Ich muss wieder an Marek denken. Vermutlich habe ich ähnlich unmöglich auf ihn gewirkt.

Den Nachmittag verbringe ich hauptsächlich mit den beiden Jungs, und nicht nur Thomas hat eine nette Seite, auch Jan entpuppt sich als das genaue Gegenteil des ersten Eindrucks. Er läuft den Camino zum zweiten Mal, ist vom Pilgervirus infiziert und hat vor allem einen mir ähnlichen, noch dazu ungeahnt ausgeprägten Spleen in Sachen Schwingungen, göttliche Interferenzen, „Zeichen sehen“ und Verständnis ohne Worte.

Abends besuche ich die Messe. Ich bin überrascht, als mich auf dem Rückweg Thomas einholt, der auch in der Kirche war und den ich gar nicht gesehen habe. Ich bin überrascht. Mit seinen vielen Frauengeschichten und Motorrad und Alkohol und „ich bin überhaupt der tollste Hengst“ hätte ich ihn nicht in der Messe vermutet. Während er mir immer sympathischer wird, werde ich schon wieder schuldbewusster. Meine Leistungen in Sachen Vorurteilsfreiheit und Toleranz liegen noch sehr weiter hinter meinen Pilgeridealen zurück.

Typisch spanisch sitze ich zum Sonnenuntergang mit Jan auf einer Bank an der Straße vor der Herberge. Er überlegt sich, am Abend noch loszulaufen oder mitten in der Nacht, er will mal weiter und wieder allein laufen. Thomas will er nichts sagen, oder ihn zumindest nicht mitnehmen. Ich bin fast etwas geschockt, hatte ich sie doch für ein eingeschworenes Zweierteam gehalten. Demnach sehe ich ihn nicht wieder, und zum Abschied bekommt er ein frisch geknüpftes Bändel. Kurz darauf kommt auch Thomas nach draußen. Jan reibt ihm direkt unter die Nase, dass er ein Bändel bekommen hat. Zum Glück wollte ich eh beiden eins geben. Jan war nur ein etwas einfacherer Empfänger. So richtig optimistisch bin ich nicht, dass sich jemand mit tätowiertem Rücken und Reibeisenlebensgeschichte über meine Bastelarbeiten à la Kindergarten freut. Aber für diese Überlegung ist es nun zu spät.

Ich lerne die letzte, umso eindrücklichere Lektion heute in Sachen „Vorurteile“. Thomas bedankt sich mindestens ebenso überschwänglich wie Jan, allerdings scheint es deutlich mehr von Herzen zu kommen. Er hat Tränen der Rührung in den Augen und ist ganz durcheinander. So etwas hätte er noch nie bekommen. Er drückt mich gleich zweimal ganz fest. Auch ich fühle mich etwas komisch; irgendwie würde ich ihm gerne noch viel mehr geben. In der Schnellversion unseres Kennenlernens habe ich einen sehr weichen Kern hinter einer sehr harten Schale kennengelernt, der es bisher nicht sehr leicht im Leben hatte. Ich hoffe, dass eine höhere Macht auf dem Camino sich darum kümmern wird, dass er noch mehr (und vielleicht würdigere) Momente der Freude und der Rührung auf dem Camino und im Leben erfahren darf.

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Wie so oft möchte ich morgens einfach schnell weg. Dieses stundenlange Zusammenpacken einer Horde morgenmuffliger Pilger, der erzwungene Smalltalk, bis es draußen hell ist, das ist für mich kein guter Start in den Tag. Ich habe zudem richtig schlecht geschlafen, bin übellaunig und auch beim besten Willen nicht bereit für weitere Engelstheorien.

Ich schleiche mich in den Empfangsbereich hinunter, wo die beiden Schweizer schon hellwach und fertig gepackt sitzen. Sie sitzen und tun nichts. Als ich mich etwas überrascht zeige, meinen sie, sie starten um 6:15, und das ist es noch nicht. Merkwürdig. Ich pflege loszulaufen, sobald ich fertig bin. Heute genehmige ich mir aber erst noch einen Automatenkaffee, so verkatert und zerschlagen fühle ich mich.

Auch auf dem Weg wird es nicht viel besser. Das Wetter lässt zu wünschen übrig, es ist regnerisch und trüb. Landschaftlich sehe ich heute keine Highlights und freue mich einfach aufs Ankommen. Nach ein paar Stunden tun mir meine Füße recht deutlich weh, sodass ich sicherheitshalber mal einen Blick riskiere. Und wirklich, an beiden Füßen bilden sich hinten ziemliche Blasen. Komisch, so plötzlich. Ich klebe Compeed drüber und gehe weiter.

Aber bereits eine halbe Stunde später schmerzt es wieder ungewöhnlich. Normalerweise ist eine Blase mit Compeed friedlich versorgt. Diesmal hat sich das Compeed bereits gelöst und dabei die gesamte Haut mitgenommen, sowas habe ich ja noch nie gesehen. Ich pflastere nochmal neu, aber so richtige Zuversicht stellt sich nicht mehr ein. Der halbe Fuss sieht aus, als ob sich die Haut gleich ablösen würde. So fühlt es sich dann auch weiterhin an, aber ich spare mir ein weiteres Füßeauspacken.

Meine Laune ist höchst moderat, als ich einem Pilger begegne, der mir irgendwie bekannt vorkommt. Ich bin schon halb vorbei, als mir mit einem Schlag einfällt, dass es der Italiener von gestern ist, den ich als erstes weiterschicken musste. Während ich noch denke „hoffentlich erkennt er mich nicht!“, tut er natürlich gerade das. Zum Glück ist er nicht irgendwie noch sauer, allerdings auch ohne Hitze heute ein wenig abgedreht und unheimlich. Ich möchte wirklich einfach meine Ruhe und lasse mich nach einem kurzen Gespräch unter einem Pausenvorwand zurückfallen.

Ich passiere Estella und kurz darauf den berühmten Weinbrunnen von Irache. Diesmal sprudelt daraus wirklich noch Rotwein. Ich beschränke mich darauf, den Deckel meiner Wasserflasche ganz vorsichtig zu füllen. Für mich als Nichtweinkenner schmeckt er besonders – und so auch mein Wasser den restlichen Tag, mit einem Hauch von Erinnerung an spanischen Camino-Rotwein.

Auch komme ich an einem weiteren Gedenkstein hier auf dem Camino vorbei. Wie so oft berührt mich die Inschrift.

„Möge sie immer über die Felder von Gold wandern können“; trotz aller Tragik für mich auch ein wunderschöner Satz.

Mein heutiges Etappenziel ist schon in Sichtweite, als plötzlich auch noch mein Vorderfuß zu brennen anfängt. Vermutlich entwickelt sich auch da gerade eine wunderbare Blase, ich könnte ausrasten. Ich hinke und hatsche daher wie eine 90-Jährige, und das nach einer entspannten, ebenen, kühlen Mini-Etappe.

In der Herberge warten bereits die beiden Schweizer. Obwohl ein Schild am Eingang hängt, dass noch kein Hospitalero da ist, man sich aber einfach schon mal ein Bett nehmen soll und es sich gemütlich machen, sitzen die Herren schon wieder wartend herum. Mir ist gerade echt nicht mehr nach kompliziert, ich schnappe mir ein Bett und gehe duschen, auch wenn der ältere Deutschsprechende den Eindruck hat, dass man vielleicht doch lieber noch warten könnte.

Mit meiner nassen Wäsche und meinem Nachmittagswerk in Form von Führer, Tagebuch und Bändel mache ich mich auf die Terrasse auf. Kaum habe ich alles aufgehängt, fängt es an zu nieseln. Alle Stühle sind feucht, ich kriege die Krise. Mein Fuß ist ein Desaster, es fühlt sich an, als hätte ich ein sattes Wasserpölsterchen untergelegt. Aber statt einer aufstechbaren Blase ist nichts zu sehen, das Wasserpölsterchen sitzt gefühlt mitten im Fuß – und tut bei jedem Schritt weh. Ich hab das Gefühl, in einem Körper zu stecken, der nicht zu mir gehört und grade munter macht, was ihm Spaß macht, ohne dass ich irgendeinen Einfluss drauf hätte. Ich könnte heulen.

Unten am Weg sehe ich auf die Entfernung die kleine Dänin. Mit wortlosen Handzeichen geben wir uns zu verstehen, dass es ihr prächtig geht, sie weiterläuft, sie stark ist. Und sie strahlt, auch auf 50 Meter Entfernung.

Wenige Minuten später taucht João an der selben Stelle auf. Seine Begleitung geht in eine Bar, er kommt derweil zu mir hoch an die Herberge. Vorsichtig fragt er, was ich hier mache. Offensichtlich dämmert aber auch ihm, dass das sehr nach Ende für heute aussieht. Und er fragt, ob es heute nicht gut gelaufen wäre, ob ich heute nicht „gefloatet“ wäre. Mehr als ein bitteres Nicken bringe ich nicht zustande. Etwas betroffen und traurig meint er, dass ich heute vielleicht meine Flügel nicht gehabt hätte. Dafür würde es bei ihm blendend laufen. Er hätte die ganze Nacht über nachgedacht; er wäre angesteckt worden von meiner Faszination und Begeisterung vom Camino, von den Erzählungen über die schweren Momente, vom Gott treffen, vom völlig kaputt sein, vom ein guter Pilger sein, vom alles zu Fuß gehen, vom Santiago erreichen und den Botafumeiro bekommen. Er möchte das auch alles erleben, auch wenn es schwierig wird, denn er hat nur noch 20 Tage Zeit. Er muss heute weiter. Und nach einer Mammutetappe sieht er heute auch aus. Taufrisch, kraftvoll, voller Tatendrang, entschlossen, beseelt. Infiziert mit dem Pilgervirus. Wie ich gestern sicher war, dass er nicht weiter kann, so sicher bin ich mir heute, dass er versuchen muss, in seiner Zeit Santiago zu erreichen.

Ich kann heute nicht weiter, und ich werde ihn auch nie wieder einholen.

Wir sitzen einige Minuten schweigend. Ich bin einfach nur sehr leer und sehr unglücklich, bei João bemerke ich Verwirrung. Er versteht nicht, dass hier schon Ende mit unserer Freundschaft ist. Wir kennen uns seit gerade einmal einem halben Tag, aber es fühlt sich (wie so oft auf dem Camino) an, als würde man sich von seinem besten Freund verabschieden müssen, als würde einem ein Stück vom Herzen herausgerissen, als würde sich die Welt hinterher anders drehen.

Sein Kollege ist mit dem Abstecher in die Bar fertig, er winkt von der Straße unten, ob es weitergeht. João will nicht, er ist wieder ähnlich verwirrt wie gestern. Ich beschließe für ihn, dass er jetzt weiter muss, dass das zur Magie des Camino dazugehört. Er glaubt mir wieder. Zum Abschied umarmen wir uns eine gefühlte Ewigkeit und drücken uns fast die Luft ab.

Hinterher fühle ich mich komplett leer, in absoluter Tiefpunktstimmung. Ich sitze hier im Regen vor einer hexenhausähnlichen, düsteren Herberge, jeder geht frohgemut weiter, hat innerhalb von ein paar Tagen Pilgern Kraft und Strahlen gewonnen. Und nach ein paar Ausflügen ins Reich der Engel habe ich nun sonstwas an den Füßen, irgendwas an mir will einfach nicht mehr laufen. Meine neu gewonnene „Pilgerfamilie“ zieht ohne mich weiter, und João lässt sich auch nicht so einfach wegstecken. Auf wie üblich sehr rätselhafte Weise ist zwischen uns etwas ganz besonderes. Oder bessergesagt „war“.

Ich entscheide mich für die altbewährte Lösung, wenn ich nicht weiterweiß und einfach nur verzweifelt und leer bin – ich zurre mich in meinen Schlafsack, bete und heule im Wechsel, werde einschlafen und hinterher hoffentlich irgendwie anders aufwachen.

Einschlafen tue ich wirklich, aber als ich die Augen wieder aufmache, liege ich immer noch in einer windschiefen, düsteren Herberge auf einer anheimelnden Plastikmatratze, über mir das obere Stockbett, neben mir eine schmutzige Wand undefinierbarer Farbe. Ich könnte gerade weiterschlafen.

Ich erschrecke fast ein bisschen, als mir bewusst wird, dass ich nicht allein im Raum bin. In dem kleinen Raum mit 4 Stockbetten sitzt in einer anderen Ecke der schweigsame französische Schweizer auf seinem Bett, schaut auf und nimmt seine Kopfhörer ab. Ich frage, was er hört. Bach, worauf ich anerkennend etwas murmele. Viel mehr ist auch nicht bei meinem doch sehr eingerosteten Schulfranzösisch. Offensichtlich begeistert ihn diese Musik, er taut sichtlich auf, ich darf mithören, und als ich „sehr schön“ meine, schreibt er mir genau auf, wie das Ding heißt, damit ich es mir zu Hause runterladen kann. Wir kommen ein wenig über den Camino ins Gespräch, etwas, was nun wiederum mich auftauen lässt. Als ich erwähne, dass ich Gott hier eher spüren kann, lacht er eine Mischung aus bitter und höhnisch. Ich frage, ob er nicht an Gott glaubt. Er sagt, nicht mehr. Die Konversation ist schwierig, ich habe Mühe mit der Sprache, bin insgesamt recht eingeschüchtert, und die abweisende Art und extreme Kurzangebundenheit verunsichern mich. Ich weiß nicht, woran ich bei ihm bin, und fühle mich bei allem, was ich sage, klein, dumm und unterlegen. Er erzählt, dass er als Türsteher arbeitet. Früher war er Leibwächter für eine Familie. Dann ist er nach Ruanda gegangen, und was er dort gesehen hat, lässt ihn nicht mehr glauben. Schon seit ein paar Jahren nicht mehr, und Freude und Emotionen hat er auch nicht mehr. Seine Frau hätte sich gefreut, dass er den Camino macht, in der Hoffnung, dass er wieder der Alte wird. Aber daran glaubt er auch nicht.

Ich fühle mich noch viel kleiner und dümmer. Zum einen ist das Ganze sehr bedrückend, wir sitzen in einem dunklen, grauen Raum ohne richtige Beleuchtung, er spricht so beklemmend seelenlos und kalt. Er klingt noch nicht einmal mehr traurig. Diese Emotion ist auch abhanden gekommen. Zum anderen fühle ich mich sehr hilflos. Seit einer Weile scheine ich Zuversicht spenden zu können, wenn jemand an seinen Kräften auf dem Camino zweifelt, wenn jemand durch Blasen oder Bettwanzen beunruhigt ist oder noch nicht den Frieden des Caminos gefunden hat. Aber schon die Dänin mit ihren vielen Schicksalsschlägen hat mich überfordert, und wie könnte ich erst hier etwas sagen. Genau das sagt der Blick des Schweizers auch. Mit einer Mischung aus nicht böse gemeintem Spott und Nachsicht für meine Naivität scheint er zu sagen „glaube Du ruhig an Gott, solange Du kannst“.

Das beklemmende Schweigen wird zum Glück unterbrochen durch seine Frage nach meinem Fuß, einem doch sichereren Terrain. Ich klage ihm jämmerlich mein Leid, woraufhin er meint, ich solle es doch einfach aufstechen. Ich gucke entgeistert, ich kann doch nicht einfach auf gut Glück irgendwo in den Fuß hinein stechen. Er kramt schon sein Medikamententäschchen heraus und meint, natürlich auch nicht ohne Betäubung, und wenn ich mich nicht traue, kann er mir helfen. Vor meinem inneren Auge sehe ich nur eine Art riesigen Nagel einmal von oben nach unten durch den Fuß gestochen; vielleicht fließt dann dieses komische Wasserpolster wirklich ab, aber dann habe ich auch definitiv eine Infektion und Blutvergiftung. Nein nein nein. Resigniert zuckt er mit den Schultern.

Ich flüchte vor Ruanda-Erinnerungen, Seelenlosigkeit und riesigen Nägeln in den Eingangsbereich, wo nun um 16.00 Einchecken angesagt ist. Ich habe die Herberge von meinem ersten Camino 2006 in besonderer Erinnerung. Sie wird von protestantischen, niederländischen Freiwilligen geleitet. Damals haben derer etwa 6 gleichzeitig dort gewohnt, sie haben die Zeit bis 16.00 mit gemeinsamem Beten und Singen verbracht, sich dann um die Pilger gekümmert, zu jedem Stempel in den Credencial ein 10-minütiges Gespräch geführt und sich den ganzen Tag um die Pilger fast schon seelsorgerisch gekümmert, bevor es abends ein gemeinsames Abendessen mit gemeinsamem Gebet und kleinem Gebetbüchlein gab. Heute sitzt eine verdrießlich dreinblickende Holländerin regensicher aufgehoben in der kleinen Eingangshalle, stempelt wortlos im Akkord die Ausweise und sammelt das Geld ein. Als der Ansturm vorbei ist, frage ich sie, wie lange sie schon hier ist und ob sie selber den Camino schon gegangen ist. Sie guckt mich entgeistert an. Nein! Ob sie denn noch will, frage ich zaghaft. Nein! Diese Pilgermentalität, diese Herbergen, diese Gesellschaft, das findet sie ganz fürchterlich. Sie ist lieber allein und hat ihre Ruhe und ihr sauberes Hotelzimmer. Ich bin sprachlos.

Von den restlichen Hospitaleros ist wenig zu sehen, dafür klart das Wetter ein klein wenig auf. Es regnet nicht mehr, und die bereits eingetroffenen Pilger kommen sichtlich erleichtert aus ihren Mauselöchern. Von der Terrasse genießen wir den Blick auf das Tal und auf die neu eintreffenden Pilger. Die kanadischen Brüder stoppen dank Knieproblem auch schon hier, wenigstens ein paar bekannte Gesichter.

Ein fröhlich strahlendes, braungebranntes Gesicht mit wildem Lockenkopf schiebt sich plötzlich in mein Blickfeld, ob der Stuhl neben mir noch frei wäre. Die Dame um die 50 heißt Joy- und noch nie war ein Name passender. Inmitten des grauen Tages und meiner ebenso grauen Grundstimmung, strahlt sie unglaubliche Wärme und Fröhlichkeit und Ruhe aus. Nicht zuletzt auch unheimlich viel Farbe, sie ist eingekleidet in knallige rot-orange-gelb-Töne. Sie kommt aus Südafrika, ja, ja, schon ein Stückchen, lacht sie heiter. Sie ist schon mal den Camino gegangen, voll infiziert, und nun will sie einfach nochmal nachspüren. Dazu geht sie ganz langsam, 15-20 km am Tag. Wir verstehen uns blind, sie ist unheimlich angenehm, einerseits ein wahrer Brunnen an Lebensfreude und Energie, zugleich aber eher wie ein samtig, seidig, warm dahingleitender Fluss. Nicht laut, nicht hektisch, nicht bestimmend, nicht besserwisserisch.

Ich schütte ihr mein Herz aus, die Sorgen mit dem Fuß, vor allem aber die Freunde, die ich verloren habe. Wenn ich es ihr so erzähle, merke ich selber, dass es eigentlich keine Probleme sind und dass es eigentlich selbst für mich zu einem Camino dazugehört. Trotzdem sind ihre Worte Balsam, als sie sagt, dass das mit dem Fuß sicher einen Sinn hat. Und sie sagt, dass das doch gerade das Schöne am Camino ist, dass man Freunde findet und sie auch wieder gehen lässt. Jeden Tag aufs Neue. Ein ständiges Beschenktwerden und wieder Loslassen. Höhen und Tiefen. Sie lebt das jeden Tag bewusst, macht extra ihre kurzen Etappen und freut sich an jedem Freund, den sie weiterziehen lässt. Die Frau ist der Hammer. Oder besser gesagt: ein Engel.

Wir sitzen lange schweigend, ziemlich alle Pilger versammelt, mit Blick auf den Sonnenuntergang. Für mich scheinen hier heute zwei Sonnen, und eine geht nicht unter.

Zum gemeinsamen Essen wird von einem jüngeren Paar zumindest ein Gebet gesprochen. Für 21.00 wird noch zu einer gemeinsamen Andacht eingeladen, wenigstens etwas. Ich bin etwas enttäuscht, wobei auch da wieder die imaginäre Joy in meinem Kopf milde lächelnd sagt, dass schöne Erinnerungen nicht dazu da sind, sie wiederbeleben zu wollen. Und eigentlich kann auch ich schon wieder fast milde lächeln.

Nach dem Essen räume ich meinen Rucksackinhalt etwas zusammen. Das Zimmer ist mittlerweile restlos gefüllt mit durchweg älteren Herren. Neben den beiden Kanadiern, den beiden Schweizern und einem Pilger, den ich nicht kenne, logieren mir gegenüber zwei Österreicher. Bis auf den französischen Schweizer haben alle einen wunderbaren, trockenen Humor. Als ich verzagt meinen Fuß inspiziere, fällt ein Österreicher aus allen Wolken, warum ich denn auch nicht cremen würde. Cremen wäre das A und O, schon Wochen vorher! Der andere Österreicher und der Schweizer stimmen mit ein, sie lächeln mich allesamt milde an, wie man nur so doof sein kann, ohne gecremte Füße zu laufen. Ich fühle mich in dem Moment auch recht naiv und doof. Jämmerlich frage ich, ob sie denken, dass das mit dem Fuß wieder wird, ich habe irgendwie das Gefühl, als ob ich jeden Moment sterben könnte. Sie lachen erheitert, sie sehen es nicht so dramatisch, und wenn so ein Haufen weiser Männer das so sagt, dann kann ich das ja nur glauben. Ich bin sehr erleichtert. Und morgen werde ich in der ersten Stadt erstmal eine Fußcreme kaufen.

Der 80-jährige Schweizer fragt, wohin ich morgen will. Ich gucke ratlos. Mal schauen, was meine Füße morgen sagen. Wann ich denn morgen ankommen will. Keine Ahnung. Ich muss das doch wissen, damit ich weiß, auf wann ich meinen Wecker stellen muss! Ich gucke betreten, was er richtig dahingehend interpretiert, dass ich mir darüber noch gar nie Gedanken gemacht habe. Er steht fast senkrecht im Bett vor Ungläubigkeit, und ich bin schon fast besorgt, dass er vor lauter rot anlaufen noch einen Herzinfarkt bekommt. Er wettert etwas von „dieses Mädchen!!! Und da wundert sie sich!!!“, und ich fühle mich sehr schuldbewusst mit meinem fehlenden Konzept und meinen schändlich vernachlässigten Füßen.

Die Herren sind vor 21.00 alle schon bettfertig, auch der verschlossene Türsteher verstaut seinen Waschbeutel. Es kostet mich reichlich Überwindung, mein heutiges Bändel zu überreichen. Ich sage sehr schnell mit ein paar Brocken Französisch, dass es ihm Glück bringen soll und dass er es ja an seinen Rucksack binden kann. Oder es wegschmeißen, denke ich. Dann ergreife ich schnell die Flucht.

Zu der Pilgerandacht kommt außer dem jungen Paar und der säuerlichen Stemplerin nur noch eine andere Pilgerin, die ich nicht kenne. So ganz wohl fühle ich mich in dieser kleinen, unbekannten Runde nicht, ich habe ständig Angst, etwas sagen oder machen zu müssen. Die Andacht ist jedoch sehr nett gemacht, mit Kerzen, meditativer Musik und vielen Gebeten. Ich bete vor allem für die kleine Dänin und João, wo auch immer sie jetzt sein mögen. Ein versöhnlicher Abschluss.

Es ist schon kurz vor 22.00, als ich zu meinem Zimmer zurück gehe. In einem Zimmer auf einem oberen Bett sitzt Joy inmitten einem Berg von Tüchern in fröhlichen Farben. Auch sie bekommt ein Bändel, nur fällt es mir hier deutlich leichter, meine guten Wünsche und meine Dankbarkeit in Worte zu fassen. Sie freut sich so, dass sie mich umarmt und dabei fast vom Bett herunterfällt. Eine wunderbare Begegnung.

In meinem Zimmer ist es schon dunkel. Mich empfängt ein vielstimmiges, friedliches Schnorcheln. Das Licht, das vom Flur hereinfällt, beleuchtet den schlafenden Leibwächter, der bei der Kälte mit freiem (beeindruckenden) Oberkörper daliegt. Sein einer Arm hängt aus dem Bett in den Gang hinaus – und trägt mein Armbändel.

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