Feeds:
Beiträge
Kommentare

Archive for April 2010

Nach einer schnarcherischen Horrornacht (dieser Spanier!!!) raschelt es gegen 7 zum ersten Mal. Ich nutze die noch dunkle Herberge, mich schnell anzuziehen und mein Gepäck raus in den Gang zu schleppen, wo ich packe. Fast zeitgleich mit ebenfalls Frühaufsteherin Lieke mache ich mich im noch Dunklen auf den Weg.

Ein Blick in den Führer verheißt nichts Gutes. Heute soll es erst einmal 16 km auf asphaltierter Landstraße entlanggehen, bevor es in den Nationalpark El Berrocal geht. Zudem ist es heute mit fast 30 km die erste längere Etappe und die erste wirkliche Prüfung für meine „Tragfähigkeit“.

Die Straße ist wenig befahren und führt eigentlich durch recht schöne Landschaft. Trotzdem komme ich nicht umhin, immer wieder die Uhr aus meiner Hosentasche zu holen, um zu schauen, wieviel der 16 km ich schon habe. Keine gute Strategie. Ähnlich wie am ersten Tag motiviert es nicht sehr, wenn man nach einer gefühlten Ewigkeit realisiert, dass man gerade ein Ministückchen hinter sich gebracht hat.

Ein einzelner Pilger sowie die beiden wie immer makellos schnell und ästhetisch kraftvoll laufenden Holländer überholen mich, als ich mir nach einigen Stunden eine verfrühte Mittagspause gönne. Frohgemut mit Autosuggestion verinnerliche ich, dass es sich nach so einer Unterteilung gleich wieder viel lockerer läuft. Das gute Gebilde bricht zusammen, als ich Kilometerstein „6“ passiere – zu Beginn hieß es „14“. Ich laufe seit 3 1/2 Stunden und habe noch nicht einmal mehr als 8 km? Bitte nicht.

Magischerweise und die dubiosen Zahlen ignorierend wird meine Bitte erhört – im nächsten Moment taucht auf der rechten Seite ein kleines Türmchen sowie ein Tor auf, und die gelben Pfeile zeigen gehäuft einen Wechsel auf die rechte Straßenseite. Ich kann es kaum glauben, aber die Tafel dort heißt wirklich herzlich willkommen im El Berrocal Nationalpark.

Es geht über eine breite Schotterstraße und ist nicht ganz so naturbelassen, wie ich es mir intuitiv vorgestellt hätte. Aber die Sonne scheint, alles grünt und blüht, die Vögel zwitschern. Ich störe die liebliche Idylle, indem ich meine Schuhe ausziehe, meine dampfenden Socken in die Gegend strecke und mich schon wieder autosuggestiv motivierend erholen möchte. Die Holländer kommen schon wieder an mir vorbei (vermutlich habe ich sie bei einer Pause überholt); Rudi Carrell fragt schon wieder ganz besorgt, ob es mir denn gut gehen würde und alles okay wäre. Herrje, warum muss mir denn immer jeder ansehen, dass ich nicht die Superriesenkillerkondition habe?

Eine Stunde später überhole dann wieder ich sie bei einer Pause und sie mich danach wieder. Jedesmal spüre ich den besorgten Blick und kriege schon fast eine Krise. Beziehungsweise meine Motivation sinkt wirklich ein bisschen, wenn ich sie laufen sehe. Sie haben genau die gleiche Schrittlänge, groß gewachsen, setzen schwungvoll und rhythmisch die Arme ein, es ist einfach wunderbar anzuschauen – und sie sind sicher 6 km/h schnell. Ich rangiere dagegen vermutlich langsam eher bei der Hälfte. Jede weitere Stunde wird irgendwie noch mühsamer und langsamer. Ich fühle mich absolut nicht schwebend oder kraftvoll. Mir fallen nur lauter Verben wie schleichen, stolpern, trapsen, trotten, sich schleppen, schwanken, torkeln, taumeln, wanken und ähnlich motivationsfördernde Exemplare ein. Mein Rücken tut weh, und meine Hüften fühlen sich steif an. Noch dazu brennt die Sonne zum ersten Mal ziemlich heiß (es ist ja auch zum ersten Mal schon Nachmittag), ich trage meinen Schlapphut und meine riesen Sonnenbrille. Ich fühle mich erinnert an eine Ausstellung, bei der man in speziell erschwerende Anzüge schlüpft, um zu simulieren, wie sich ältere Menschen mit Sehstörungen und Bewegungseinschränkungen fühlen müssen.

Zwischendurch erschrecke ich, als mich ein „hola“ von rechts grüßt. Ein junger Mann mit grünem Turban sitzt recht gelassen gegen einen Baumstamm gelehnt im Schatten.

Als dann auch noch der letzte Anstieg vor Almadén kommt, bei dem es gefühlt senkrecht den Berg hochgeht, motiviert mich nur noch die Vorstellung, dass oben direkt das Dorf sein soll. Bei näherer Betrachtung hatte ich da etwas falsch im Kopf, es geht erst noch den gleichen Buckel auch wieder runter. Ich hinke und hatsche wirklich ziemlich und habe für die Schönheit der Natur und den theoretisch einzigartigen Ausblick von oben wenig übrig.

Im Dorf treffe ich an einer Tafel den ersten Pilger von heute morgen wieder. Ich frage freudig „albergue, albergue?“. Er stellt sich als deutsch heraus, und er will nicht mal hier in die Albergue, sondern noch eins weiter. Oh Gott. Und ich fühle mich hier schon wie der letzte Mensch.

Er weist mich fürsorglich auf den richtigen Weg zur Herberge, die auch gefühlte 20 km am anderen Ende des Dorfes liegt. Die Tür ist zwar offen, aber auf unzähligen Schildern wird gebeten, nach Ankunft Manuela in irgendeiner Straße 22 zu kontaktieren. Soll ich das jetzt mitten in bester Siestazeit machen? Ich schaue vor die Tür. Ein Haus mit Nummer 46. Na ja, überschaubar. Ich laufe die Straße hinunter bis zur 22, wo ich klingele. Zu spät kommt mir die Idee, ob es überhaupt die richtige Straße ist. Aber eine eher unfreundliche kleine Frau kommt wortlos heraus und watschelt vor mir her. Das ist wohl Manuela.

Die stinkenden Schuhe müssen in die Küche, ich samt einem Schild „angekommen als fünfte“ werde in einen engen Schlafsaal geleitet, wo sie das Schild mit Klettverschluss an mein Bett heftet. Die beiden Holländer sind auch schon da sowie ein weiterer Ire von Castilblanco. Er hat das „angekommen als erster“, was mir ein wenig schleierhaft ist. Er erzählt grinsend, er hätte einfach den Daumen rausgehalten und wäre bis zum Parkeingang getrampt.

Ich dusche zum ersten Mal in einer sehr ordentlichen Sanitäranlage. 5 Waschbecken mit Spiegeln, 3 WCs und 2 Duschen nur für die Frauen. Bzw. momentan nur für mich, und mehr als zwei andere Frauen werden sich heute vermutlich auch nicht mehr herbeihexen.

Es gibt einen großen Speisesaal und eine kleine Küche. Ich nutze die Siesta, schon mal das schmutzige Geschirr abzuwaschen, um nachher die einzige Pfanne für mein Abendessen zu haben. In Erinnerung an meinen schlauen früheren Mitpilger Angelo möchte ich mir heute Omelette mit Thunfisch machen, um meine Muskeln mal so richtig aufzubauen.

Ich rede ein bisschen mit dem Iren Patrick, der auf seinem Bett eine riesige Schulmappe hat. Ich habe alles in leichten Plastiktüten und bin erstaunt, dass er so viel Ballast mitschleppt. Er guckt ungläubig und öffnet mir die Mappe. Die gefühlten 3 Kilo sind ausschließlich Reiseführer! Er hat sich jede Seite einzeln laminiert, hat 5 verschiedene Textmarker und ein ganzes Klebepunktesortiment dabei. Die Texte sind fast lückenlos verschiedenfarbig unterstrichen, harmonisch abgerundet mit zahllosen Klebepunkten mit farblich abgestimmten Farben. Zwischendurch sind noch etwa 30 Telefonnummern pro Etappe notiert. Der Knabe spinnt. Er sieht es mit Humor und kichert, dass er ja fast schon ein bisschen deutsch wäre. Nett ist er wirklich. Im Gegenzug macht er sich über mich lustig, dass ich von allem das Gewicht kenne und im Vorfeld sogar 10 Kulis durchgewogen habe, welches der leichteste ist.

Lieke kommt ähnlich geschafft in die Herberge, ebenso wieder mein Spanier, der sich immer sichtlich freut, wenn er „la chica!“ trifft. Ich mache mich gegen halb 6 auf zu einem Mercado. Der hat noch geschlossen, und so setzte ich mich wartend auf den kleinen Marktplatz und arbeite an meinem ersten Armbändel auf diesem Camino. Nach wenigen Minuten lässt sich mit einem beglückten „la chica! Ah, sie versteht ja eh wieder nichts!“ Jorge neben mir nieder. Ich ignoriere ihn möglichst gekonnt, er lässt sich davon natürlich wieder nicht in seinem Geplapper stören. Vermutlich hat auch er einfach nur das Gefühl, dass ich armes kleines Mädchen hier einsam und verlassen bin und man sich um mich kümmern muss. Zum Glück kommt Lieke, und die beiden gehen ein Bier trinken. Ich meide ja glücklicherweise aus Prinzip Bars und Restaurants und bin froh, dadurch eine Ausrede zu haben.

Um 6 warten Lieke und ich vor dem immer noch geschlossenen Mercado, als ein wahrer Wolkenbruch einsetzt. Wir stehen gerade noch unter einer Überdachung. Die Spanier haben lustige Regenrinnen. Die meisten enden irgendwo in 4 Meter Höhe mitten auf der Straße – oder kurz über dem Gehweg. Lieke bekommt fast eine Ladung in den Schuh. Vor allem spritzt uns jedes Auto so richtig schön nass. Ich klammere mich schon immer vorsorglich an ein vergittertes Fenster des Marktes und ziehe die Beine hoch. Trotzdem sind unsere Hosen patschnass verspritzt, als gegen halb 7 endlich geöffnet wird.

Der Laden ist nichts für Vegetarier. Gleichzeitig ist er wohl eine berühmte Schinkenproduktionsstätte. Die Decke ist vollgehängt mit Schinken – ein beeindruckender Anblick. Ich bin begeistert, meinen Thunfisch und Eier zu bekommen sowie eine Cherimoya zu einem Kilopreis, zu dem man in Deutschland nicht einmal einen Apfel bekommt. Dafür gibt es leider kein Brot und auch nicht meine gewohnten fluffigen Morgengebäcke, mit Vorliebe Muffins oder Magdalenas oder die Blätterteig-Apfel-Puddingstückchen vom Camino Frances. Hauptsache Schinken.

Meine Wäsche in der Herberge ist natürlich nasser als vorher. Tröstlich ist, dass es den jetzt noch eintreffenden Pilgern auch nicht viel besser geht. Die Schwäbin und ihr Begleiter kommen recht erschöpft und nass an; einem unmögliches britisches Radpilgerpärchen gönne ich es dagegen fast.

Ich mache mich begeistert ans Kochen. So ziemlich jeder zeigt sich neidisch und anerkennend anlässlich meines saftigen Omelettes und meiner hübschen dreifarbigen Nudeln. Tatsache ist aber, dass es keinerlei Salz gibt und alles ganz und gar ekelhaft und fettig schmeckt. Ich würde es am liebsten alles wegschmeißen, esse aber tapfer auf. Wenigstens gesund ist es ja sicher.

Zum Nachtisch probiere ich Sonnenblumenkerne, die zurückgelassen in der Küche stehen. Lecker. So ganz sicher bin ich mir dann doch nicht, wie man sie isst und ob ich das richtig mache so mit Schale. Ich frage einen freundlichen Spanier, der mir erklärt, wie man die knackt und von der Schale befreit. Mit meinen locker 20 verspeisten Schalen im Magen wird mir jetzt doppelt schlecht.

Die Stimmung droht schon wieder gefährlich zu kippen. Ich treffe Lieke und überreiche ihr mein Armbändel und ein gewünschtes hartgekochtes Ei aus meinem Sixpack. Ich hänge meine noch nasse Wäsche im Speisesaal auf und stelle auch gleich noch meinen Rucksack dazu. So vergesse ich sie sicher nicht und mache morgen auch wirklich keinen Krach als early starter. Und so beengt, wie die Herberge ist, ist das Packen draußen auch sicher besser.

Danach gehe ich ins Bett, was gar nicht so einfach ist. Die Stockbetten sind so tief, dass man sich wirklich recht artistisch hineinschälen muss. Im Liegen möchte ich meinen Schlafsack am Fußteil ein bisschen aufziehen, aber ich kann mich nicht mal so weit hochbeugen, dass ich hinkomme, sondern muss erst wieder ganz auf den Gang. Gegen 22.00 wache ich nochmal auf, als der Großteil der Pilger vom Essen zurückkommt (und die bikenden Engländer quer durch den Raum brüllen). Zur Freude von Jorge hüpfe ich nochmal kurz im T-Shirt auf die Toilette. Ich schäle mich schon wieder artistisch in meine Schlafnische, als Lieke von 4 Betten weiter wilde Zeichen nach unten macht. Ich kapiere nichts. An mein Bettende sehe ich ja auch nicht und mache wieder eine kunstvolle Wendung über den Gang. Da entdecke ich an meinem Fußende den kleinen Pastiktütenknäuel, in dem ich ihr ihr Ei präsentiert habe. Häh? Ich schaue genauer hin. Drin ist eine zusammengefaltete Serviette. Doppel-Häh? Mit krakeliger Schrift entziffere ich „salt“. Die Gute hat mir nach meinem Kochdesaster im Restaurant extra ein bisschen Salz geklaut. Das ist ja süß. Gerührt über diese Fürsorge schlafe ich ein.

Advertisements

Read Full Post »

Irgendwann in aller Frühe startet der Radfahrer, der gestern schon in der Nacht gekommen ist. Er scheint es wirklich eilig zu haben. Ansonsten liegt der kleine Raum aber noch in tiefstem Schlaf, erkennbar an den wirklich unglaublichen Schnarchgeräuschen. Ich möchte die ruhige Stimmung nicht durch frühes Rascheln unterbrechen und bleibe brav liegen, bis endlich die ersten aktiv werden.

Bei Helligkeit kurz vor 8 mache ich mich heilfroh endlich auf den Weg. Meine beiden Schokomuffins von gestern esse ich im Gehen – und schon nach wenigen hundert Metern stehe ich ratlos vor dem Camino, der direkt in einen breiten Fluss mündet. Mein Buch sagt dazu nichts; ich erinnere mich an eine Informationstafel gestern, auf der ich aber nur für die Anleitung zur Herberge richtig Interesse hatte. Ich entscheide mich für die Autobrücke links vom Weg; irgendwie werde ich von dort dann schon wieder auf den Camino kommen, der nach dem Flussbett weiterzugehen scheint. Ich frage einen einsamen Herren am frühen Morgen. So ganz verstehe ich wie immer nicht, was er mir alles erzählt, aber er scheint die Brücke eine gute Idee zu finden sowie die anschließende Rückkehr am Flussufer. Auf der Brücke bietet sich so ein schöner Blick auf den noch nebelverhangenen Fluss, dass ich für ein Foto die Fahrbahn überquere. Leider mit einem etwas zu optimistischen Kalkül meiner Geschwindigkeit. Wie aus dem Nichts taucht ein großer Lastwagen auf, sodass ich recht überstürzt einen Sprung über die Leitplanke mache. Mein rechter Oberschenkel dankt es mir nicht wirklich.

Nach der Brücke schlage ich mich mal wieder wild durch Gestrüpp und Geröll. Auf der anderen Seite kommen schon die nächsten Pilger, probieren die Überquerung und entscheiden sich dann auch für die Brücke. Kaum habe ich die Stelle erreicht, wo der Camino wieder aus dem Wasser kommt, führt der Weg gerade wieder zurück Richtung Straße. Meine Nachfolger haben das wohl geahnt und laufen gleich Fahrstraße. Ich dagegen besteche mal wieder durch beharrliches Laufen auf dem Camino ohne jeglichen Verstand.

Durch ein kleines Industriegebiet geht es endlich in ruhigere Gefilde, und nach einer Weile durchquere ich das erste Viehgatter. Zur rechten an einem Steinpfosten kündigt „Dehesa“ die erste Viehweide an, und kaum habe ich diese betreten, fühle ich mich schlagartig wie in einer anderen Welt. Von einem Meter auf den anderen bin ich plötzlich inmitten von moosigem Grün, unter knorrigen Bäumen und umgeben von einer seltsam verwunschenen Ruhe. Ich bin hin und weg. Dann tauchen auch noch die ersten Kühe auf. Braun und mit riesigen Hörnern, irgendwie beeindruckend, einschüchternd und würdevoll. Die ganze Weide wirkt beeindruckend und lässt mich mir sehr klein und vergänglich erscheinen. Die Steinmauern und das Moos und die Bäume wirken, als wären sie schon immer hier. Und ich, die ich hier ein paar Minuten durchlaufe, falle ausgesprochen wenig ins Gewicht.

Nach den ersten Kühen und einigen weiteren Gattern wird die Landschaft wilder und rauer. Der Weg wird felsiger und die Flora struppiger und robuster. Irgendetwas verbreitet einen ganz speziellen Geruch (mein Führer suggeriert Rosmarin) – und schon wieder ein ganz spezielles Gefühl. Ich fühle mich in kompletter Einsamkeit und Ruhe. Ich treffe Vögel und ganz kleine Kaninchen am Weg, die mich interessiert anschauen und nicht einmal flüchten.

Ich mache eine entspannte Pause in dieser einmaligen Umgebung, als ich plötzlich schwere Schritte höre. Wie aus dem Nichts kommt ein Pilger gestampft, und kaum ist er vorbei, ein zweiter. Ein paar Minuten später stampft es zwar weniger, dafür plappert es umso lauter auf Holländisch. Die beiden Pilger aus der Herberge kommen in leichtfüßigem Sturmschritt entlanggeprescht. Mit meiner schönen Ruhe und Einsamkeit ist es mit einem Schlag vorbei, sodass ich mich etwas frustriert wieder auf den Weg mache.

Neben mir weiden vereinzelt Pferde, die auch interessiert und neugierig aufschauen. Ich passiere die beiden Pilger mit den schweren Schritten, die auch gerade Pause gemacht haben. Eine Weile laufen wir recht gleichschnell umeinander herum, und ich bin fasziniert, wie man so schwer auftreten kann. Ich habe wohl einen guten Tag heute, ich befinde mich in annäherndem Schwebemodus, und mein einziges Geräusch sind die Steine, die unter mir knirschen und wegrollen. Die beiden Herren dagegen atmen und trampeln und stampfen wie eine Dampfwalze. Ich bin froh, ihnen beim nächsten Fotostop einen ausreichenden Vorsprung und Abstand geben zu können. So kommt für mich kein entspannendes Pilgern auf.

Mit der großen Entspannung hat es sich für den Moment sowieso. Wir laufen asphaltierte Landstraße. Aufgeheitert dadurch, dass häufig Autofahrer hupen und winken, was mich immer unheimlich freut.

Gegen Mittag erreiche ich mein heutiges Etappenziel Castilblanco de los Arroyos, eine als wunderschön weiß beschriebene Stadt. Für den Moment interessiert mich nur die Herberge. Dort lärmt es ohrenbetäubend. Offensichtlich ist ein Behindertenheim direkt angeschlossen, und gerade ist ausgelassene Pausenstimmung. Ich bin fast erleichtert, als ich mich in den ersten Stock durchgewurstelt habe und eine ruhige, noch menschenleere Herberge antreffe. Es gibt in verschiedenen Räumen verschachtelt haufenweise Betten, und in Anbetracht des gestrigen Schnarchkonzerts entscheide ich mich dankbar für einen kleinen Vorraum mit nur zwei Stockbetten. Schnell springe ich nochmal auf die Straße und in einen kleinen Laden, bevor die Siesta beginnt. Ich bekomme Brot und Chorizo und Artischockenherzen, und die Inhaberin fragt mich interessiert, ob ich denn alleine unterwegs wäre. Sie schaut ungläubig; ob ich denn nicht Angst hätte, so alleine. Bisher nicht.

In der Herberge dusche ich in einer lustigen Dusche, bei der mir der halbe Duschkopf entgegenfällt. Zudem flute ich das halbe Badezimmer, weil der Ablauf komplett verstopft ist. Mein Bein hat von der heutigen Leitplanke eine schicke Schürfung und entwickelt einen beeindruckenden Bluterguss. Beim pflichtbewussten Versuch, die Fensterluke zu öffnen, muss ich auf das WC steigen und stürze fast ab. Halleluja.

Die Herberge verfügt über zwei riesige Dachterrassen, auf denen ich meine Wäsche im soeben einsetzenden Sonnenschein aufhängen kann. Ich fühle mich beschwingt und wunschlos glücklich. Die beiden Holländer treffen ein, sie waren noch erst in einer Bar. Einer der beiden erinnert mich ziemlich an Rudi Carrell. Er scheint ähnlich wie die Spanierin im Laden das Gefühl zu haben, dass ich alleine auf der großen Via de la Plata ziemlich verloren aussehe. Er fragt wie auch schon unterwegs heute, ob es mir gutgehe und würdigt sehr wohlwollend meinen Essensbeutel. „Ja ja, die Essen ist sehr wichtig!“.

Mit meiner sehr wichtigen Kalorienzufuhr und meinem Tagebuch (alias diversen Ausdrucken, deren Rückseiten ich gewichtssparend recycle) setze ich mich vor der Herberge in ein kleines Steinrondell mit römisch anmutendem Torbogen, das irgendwie eine sehr geborgene Stimmung verbreitet. Ich creme liebevoll meine Füße und bin sehr froh, heute fuß- und beintechnisch kein weiteres Zwicken gespürt zu haben. Ich fühle mich auch wieder eher eins mit meinem Körper und habe nicht wie gestern das Gefühl, das meine Beine mir keinerlei Rückmeldung geben und einfach irgendwann streiken. Heute melden sie mir einen Hauch von Erschöpfung, aber ich bin ja auch schon brav und ruhig in der Herberge.

Am Nachmittag wird mir doch wieder etwas langweilig. Ich gehe Richtung Kirche, in der Hoffnung auf ein paar beeindruckend weiße Fotos. So richtig fotogen sind die Straßen aber doch nicht, außerdem windet es trotz der Sonne ziemlich und ist etwas ungemütlich. In der Herberge sehe ich zu meiner Freude Lieke wieder; mit weniger Freude registriere ich, dass sich der suspekte Spanier das Bett neben mir gesichert hat. Ansonsten füllt sich gegen Abend die Herberge mit neuen Gesichtern. Ein weißhaariger Pilger bietet mir seine Fußstütze zum Sitzen an. Ich verneine dankend auf Spanisch und frage, wo er herkommt. Er sagt „Irlandia“, und mir entfleucht ein erleichtertes „oh, English“. Er guckt verbiestert „no! Irish!“. Ja, ja, ich dachte ja nur, dass er dann ja Englisch spricht. Aber auch das ist natürlich falsch. „Irish!“. Die weitere Konversation rückt mich auch nicht gerade in ein besseres Licht. Sean ist vor seiner Rente ein hohes Tier in der Regierung gewesen, spricht irgendwie jede nur erdenkliche Sprache, kennt jedes Land und jeden Ort von irgendeinem Kongress oder einer Messe oder einer Ausstellung. Dass ich nicht mal in meinem Geburtsort jedes Kunstmuseum kenne, scheint ihn nicht sehr zu amusen. Ich ziehe mich ein wenig eingeschüchtert in eine andere Ecke des Balkons zurück. Ich fühle mich ein bisschen verloren und denke reumütig an den Camino Frances zurück. Ich erinnere mich an lustiges gemeinsames Blasenaufstechen am Abend, heiter-besorgten Austausch über Konditionszweifel, Wegfindung und allgemeine Unsicherheit. Hier hat niemand Blasen, heiter-besorgt ist auch niemand, und Zweifel und Unsicherheit gibt es erst recht nicht. Die (zumeist männlichen und im Rentenalter befindlichen) Pilger hier sind alle schon mindestens von zu Hause aus gepilgert, haben eine stoische Ruhe und sind meist auch perfekt vorbereitet. Die beiden schnellen Holländer laufen seit einem Jahr zweimal pro Woche 20km mit 15 Kilo Probegepäck. Ich fühle mich immer kleiner und unbedarfter und unsicherer.

Eine Schwäbin (außer Lieke und mir die einzige Frau hier) hat mein Gespräch mit Sean mitgehört und stellt sich vor. Wir haben nicht die gleiche Wellenlänge, aber wenigstens ist sie auch nicht superdurchtrainiert, sondern kommt direkt von der Arbeit und hat keine Ahnung, was sie kann.

Am Abend laufe ich nochmal zur Messe in die Stadt. Die Kirche ist verschlossen. Als ich frage, erhalte ich Schulterzucken. Messe ist, falls die Glocken klingen. Ich soll darauf warten. Ich warte ein Viertelstündchen, mache mich dann aber auf den Heimweg. Kaum bin ich nach einer Viertelstunde wieder in der Herberge, klingeln zwar Glocken, aber nochmal sprinte ich da nicht mehr hin.

Ich bin ein bisschen geknickt, als zwei spanische, vergleichsweise junge Radpilger etwas Leben in die Herberge bringen (schon allein dadurch, dass sie ihre vollbeladenen Räder die Treppe in den ersten Stock in die Zimmer hochschleppen). Einer scheint scharfsinnig erkannt zu haben, dass ich noch die eheste Chance bin, sich mit seinem männlichen Charme zu profilieren. Er redet ganz furchtbar viel, offensichtlich ist auch ihm etwas einsam zumute. Er ist immerhin lustig, erklärt mir mit Händen und Füßen von seiner Musikalität, dass er Trompete und Horn und Gitarre spielt. Er trommelt mit Fingernägeln, Fingerspitzen, Fingerknöcheln und Handflächen auf dem Stromverteilerkasten zwischen uns herum, und ich muss anerkennend zugeben, dass ein Schlagzeuger nichts dagegen ist. Er fragt, ob ich mit etwas essen komme. Ich habe schon gegessen, scheitere aber mit der Verständigung, weil mir keinerlei spanische Vergangenheitsform einfällt und er auch nicht wirklich die Ruhe mitbringt, mal mehr als zwei Wörter in Ruhe zuzuhören. Etwas enttäuscht macht er sich erstmal zum Duschen auf.

Der unheimliche Spanier steht wieder einsam rauchend auf der Terrasse herum. Er überschüttet mich mit einigen Wortschwallen, meint es vermutlich auch gut. Mich ärgert aber seine Art, mir nie zuzuhören und immer dieses „hach, sie versteht wieder nichts“ anzubringen. Ich suche mein Heil mal wieder im Schlafengehen. Als hätte er das geahnt, beendet er sein Rauchen schnell und liegt wieder in die Gegend starrend auf seinem Bett. Nachdem „die Gegend“ gerade mein Bett ist, gehe ich zum T-Shirt-Wechsel ins Bad. Danach lauert er leider immer noch; ich bin geneigt, in Trekkinghose zu schlafen. Ich ringe mich durch, ihm keine böse Absicht zu unterstellen, wechsle möglichst schnell in den Schlafsack und beende mit meinen Ohrstöpseln für heute den Tag.

Read Full Post »

Gegen 6 Uhr wache ich auf und kann nicht mehr einschlafen. Aufstehen kommt so früh noch nicht in Frage, aber solange der Rest des Hostals schläft, kann ich ja in Ruhe Duschen und Haarewaschen. Und mich dann nochmal 2 Stunden hinlegen und die Haarpracht trocknen lassen.

Im T-Shirt und mit Waschbeutel tapse ich in die Duschräume. 10 Minuten später tapse ich zurück und drehe an meinem Türknauf, ohne dass sich etwas tut. Schlagartig dämmert mir, dass wir hier ja nicht in einer normalen Herberge sind, sondern in einem Hostal, und hier die Türen automatisch zu sind, sobald man sie vom Gang ins Schloss zieht. Und mein Schlüssel lagert fröhlich innen auf dem Nachttisch. Ich kriege einen Riesenschreck; soll ich jetzt hier 2 Stunden im T-Shirt auf dem Gang bibbern, bis sich der spanische Rezeptionist aus dem Bett schält? Ich gehe zur Rezeption und sehe ihn gerade noch das Haus verlassen. Er versteht wohl nur die Hälfte meiner panischen Schilderung, schließt mir aber zumindest wieder auf. So ein Glück, dass ich es hier mit einem Frühaufsteher zu tun habe.

Um 8 dringt schon wieder das aufdringliche englische Geschnattere durch meine Ohrstöpsel. Ich packe meinen Sachen zusammen und beginne meinen Camino. Ein mehr fremdes als erhabenes Gefühl.

Mein erster Blick auf das Tageslicht verheißt nichts Gutes. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, erstmal noch ausführlich Sevilla anzuschauen, zumal die heutige Etappe nicht sehr lang ist. Allerdings ist heute der Himmel grau, es sieht fast nach Regen aus, und das geschäftige Treiben auf den Straßen erinnert schlicht an morgendlichen Berufsverkehr, und nicht an die spezielle gestrige Stimmung. Ich beschließe spontan, nur noch einen Supermarkt zu suchen und dann loszugehen. Nach ein paar Metern in die Gegenrichtung (in der es nicht nach Supermarkt aussieht) gehe ich doch wieder durch den Park Richtung Kathedrale. Ab dort soll die Via de la Plata beginnen. Ich gucke mehr in meinen Führer als auf die Stadt. Normalerweise folge ich den gelben Pfeilen und konsultiere den Führer maximal abends, um die folgende Etappe zu planen, mich auf eine Einkaufsmöglichkeit und eine gut bewertete Herberge zu freuen. An jeder Straßenecke stehe ich hilflos, suche Straßennamen im Führer und an den Hauswänden, versuche, rechts und links Straßen zu deuten. Gelbe Pfeile oder Muscheln hat es wenig, ich verlaufe mich an jeder Straßenecke, habe bald sicher 20 Einheimische befragt und finde es ziemlich mühsam. Mittlerweile tröpfelt es auch, ich packe meine Rucksackhülle und die Regenjacke aus.

Vor mir kommt plötzlich eine Gruppe spanischer Pilger aus einer Gasse gesprungen. Alle sind klein, haben ebenso kleine Rucksäcke, riesige Pilgerstäbe, schnattern laut und fröhlich und sind vor allem superschnell. Und mindestens zu siebt. Mir rutscht irgendwie das Herz in die Hose. Ich hadere hier mit meinem großen Rucksack und meinen klobigen Stiefeln und schleppe mich suchend durch die Gegend. Und der Camino ist wahrscheinlich schon überflutet mit 200 schnellen Pilgern vor mir.

Leider ist das Grüppchen auch genauso schnell wieder weg, wie es gekommen ist. Und ich stehe wieder suchend an jeder Hausecke. Nach einer Brücke kommt immerhin eine Markthalle, wo ich ein Brot und ein Schokocroissant erwerbe. Wenigstens verhungern werde ich also nicht. Irgendwann kommt sogar ein Dia-Supermarkt in Sicht, wo ich Chorizo, noch ofenwarmes Brot, Schokomuffins und zwei kleine Wasserflaschen für die Seiten meines Rucksacks einkaufe. Das Problem wäre also gelöst. Langsam wird auch entweder der Weg besser ausgeschildert oder ich ruhiger, es läuft jedenfalls immer besser, je weiter ich aus Sevilla herauskomme. Es geht auf eher einsameres Gelände mit viel Schutt und Müll. Viel vertrauenserweckender wird es auch nicht, als immer mehr Menschen dort auftauchen. Alles Zigeuner, die am Flussufer ihre Zelte aufgeschlagen haben und dort um Lagerfeuer herum sitzen. Wohlgemerkt bei recht ordentlichen Außentemperaturen. Mir ist ziemlich mulmig und ich sehe mich schon ohne Wertsachen in dem dreckigen Fluss treiben. Meine Fantasie am frühen Morgen ist überwältigend.

Ich bin froh, als der Fluss mit den Schutthalden hinter mir liegt und es wieder auf eine Siedlung zugeht. Dort empfangen mich auch gleich die gewohnten gelben Pfeile – und eine mir entgegenkommende, weißhaarige Pilgerin, als solche ersichtlich am Gang und an der Brusttasche mit diversen Pilgermotiven. Als wir uns begegnen, fragt sie „are you going to Santiago?“ und ich bin etwas konsterniert. Dachte ich eigentlich schon, aber nachdem sie das auch tut, bin ich wegen der Richtung etwas irritiert. Sie erklärt, dass sie den Weg nicht mehr findet. Noch sehe ich hier laufend Pfeile und bin daher frohen Mutes. Zusammen laufen wir nochmal in die normale Richtung. Sie sagt, sie wäre diesen Kilometer jetzt schon vier mal hoch und runter gelaufen, irgendwo wäre einfach Schluss mit den Pfeilen und sie käme nicht weiter. Da bin ich ja mal gespannt.

Sie heißt Lieke, ist Holländerin und ein echter Pilgerroutinier. Sie ist schon von zu Hause mit dem Rad nach Santiago gepilgert und in Gegenrichtung zu Fuß bis Pamplona. Gegenrichtung stelle ich mir ungleich schwerer und einsamer vor, aber da lacht sie nur dröhnend. Überhaupt ist sie ein recht sonniges Gemüt.

Irgendwann kommt die Stelle, wo sie sich mit den Pfeilen nicht mehr sicher ist und wo die Einheimischen immer „todo recto“ gesagt hätten. Der Kreisel zu einer befahreneren Straße sieht aber nicht wirklich einladend aus, und ganz ohne Pfeil fühle ich mich da auch nicht besonders angesprochen. So lassen wir die Blicke etwas schweifen und finden wirklich einen gelben Pfeil, der scharf rechts in das Örtchen einbiegt. Lieke ist erleichtert, und ich nicht minder.

Wir laufen zusammen weiter. Obwohl Lieke kleiner (und deutlich älter) ist als ich, hat sie einen ganz schönen Schritt drauf. Die Strecke ist ausgesprochen wenig ansprechend, wie im Führer angedeutet geht es durch Industriegebiet. Neben uns rauscht der Verkehr, ständig müssen wir auf die Straße, weil parkende Autos im Weg stehen, es ist anstrengend und nicht schön.

Als ich irgendwann einen Blick in meinen Führer werfe und sehe, dass wir erst 2 Stunden haben, klappt meine Motivation komplett zusammen. Dieses Gesuche in Sevilla und hier das lange Straßegehen haben mich ziemlich angestrengt und mürbe gemacht. Und das war erst ein Drittel? Wie sollen da nur die nächsten Etappen werden, wenn ich an so einer Einsteigeretappe schon am liebsten jetzt Schicht für heute machen würde?

Als wir endlich Santiponce erreichen und damit angeblich schönere Gefilde, nutze ich die Chance, mich wegen einer Esspause zurückfallen zu lassen. Lieke ist mir für meine momentane Erschöpfung zu schnell, noch dazu ziept mein Bein sehr beunruhigend. Seit dem letztjährigen Muskelfaserriss bin ich nicht mehr länger gelaufen, ich misstraue dem Bein und habe keine Ahnung, wie haltbar und belastbar es nun ist. Meine Füße tun weh, ich fühle mich groggy, lasse mich auf eine Bank plumpsen, ziehe Schuhe aus und esse erstmal ausgiebig. Nahrung für Körper und wahrscheinlich noch mehr für die Seele.

Hinterher läuft es sich wie wundersamerweise viel besser. Vor mir taucht ein weiterer Pilger auf, ein älterer Mann, der sich suchend im Kreis dreht. Bzw. er läuft einfach unheimlich langsam und mühsam und schleppend. Mir ist es fast schon peinlich, so ausgeruht an ihm vorbeizupreschen. Habe ich die Energie ja auch nicht schon immer.

Ich gehe kurz in die offene Kirche in Santiponce und versuche mit Gott in Verbindung zu treten. Mit moderatem Erfolg.

Die Ruinen von Itálica sind heute, montags, fast glücklicherweise geschlossen. Ich bin erleichtert, so automatisch ohne Gewissensbisse einfach daran vorbeilaufen zu können. Sightseeing ganz am Anfang kommt mir irgendwie ungelegen, ich möchte mich erst wieder als Pilger fühlen und beweisen und kann nicht überall einen Fotostop und das Touristenprogramm einlegen.

Weit vor mir läuft Lieke, aber wie es auf dem Camino so ist, schon 100 Meter Abstand sind sehr schwer einzuholen. Darüber bin ich auch ganz froh.

Vor uns taucht die berühmte überschwemmte Senke auf, von der ich im Vorfeld schon gehört habe. Ich sehe Lieke nach links verschwinden, dann nach rechts, um nach einer langen Suche auf der anderen Seite wieder aufzutauchen. Ich schaue mir kurz die trübe Brühe an, Durchwaten schließe ich recht schnell aus. Rechts sollen irgendwo Baumstämme liegen, ich bin stolz auf meine informierten Geheimtipps und laufe unbeirrt in das Gebüsch zur Rechten. Zwei spanische Radpilger stehen ebenfalls etwas ratlos. Baumstämme hat es dort wirklich, aber die versinken auf halber Strecke. An einer anderen Stelle hat es dann wirklich eine recht langen Baumstamm, über den ich mich halsbrecherisch hangele. Auf der anderen Seite warten riesige Brombeerbüsche. Ich bin schon nah dran, mich dornröschenprinzengleich hindurchzuschlagen, glücklicherweise überdenke ich es dann doch nochmal und schlage mich auf der anderen Seite durch zumindest dornenfreies Unterholz. Wild zerzaust komme ich stolz wieder am Weg heraus – wo mich der eine Radpilger ziemlich entgeistert anschaut. Er steht auch schon auf der richtigen Seite, auf einem wasserfreien, meterbreiten Weg, den gerade mal eine dünne Matschschicht bedeckt. Ich habe hier also wohl etwas umsonst den melodramatischen Helden markiert.

Der Weg geht über einsame Felder an blühendem Mohn und Margariten vorbei. Irgendwann an einer kleinen Senke mit einem zu überquerenden Fluss treffe ich dann auch Lieke wieder, sie macht gegenseitiges Beweisfoto mit zwei anderen Pilgern. Ich gehe erstmal weiter, ich will endlich ankommen.

In Guillena empfängt uns ein Schild, dass wir wegen der Herberge bei der Polizei vorstellig werden sollen. Ich bin dann doch wieder ganz dankbar, dass Lieke direkt nach mir auftaucht. In couragiertem Spanisch sagt sie „hola“ und „albergue“, während mich die Polizeistation an sich schon etwas einschüchtert. Aber der süße Polizist erklärt uns freundlich die Richtung der Herberge, wir bekommen unseren ersten Stempel und sind gespannt.

Auf einem Sportplatz erwartet uns in einem containerartigen Gebäude unsere erste Schlafgelegenheit. Im Führer als „unkomfortabel“ und mit Sportmatten auf dem Boden beschrieben, hätte ich mich eigentlich auf diese ehemalige Umkleidekabine einstellen können. Es gibt sogar fünf Stockbetten sowie Duschen, trotzdem bin ich etwas desillusioniert. Lieke feiert ein großes Hallo mit zwei Landsmännern, und ich verschwinde schnell in die (ausschließlich) kalten Duschen. Lieke lacht wieder dröhnend anlässlich meines verfrorenen Gesichtsausdrucks und meines Kommentars einer „refreshing experience“.

In der Herberge gibt es nichts zu tun, außer einem schwarz gekleideten, dauerrauchenden Spanier und den Holländern ist auch sonst niemand da. Ich setze mich auf den Sportplatz in die Sonne und versuche, das Gute an dieser Untätigkeit zu sehen. Spontan hätte ich mir vielleicht einen tollen Supermarkt oder eine große zu erkundende Herberge oder einen Haufen spannender Mitpilger gewünscht, aber ich sehe ein, dass diese verordnete Ruhe sicher auch ihr Gutes hat.

Bis zum Abend und eventueller Ladenöffnungszeiten tingele ich zwischen Sportplatz und Herberge her, mal mit Essen, mal mit Tagebuch und Führer. Zum ersten Mal ist mir in einer Herberge unwohl. Der Spanier ist mir höchst suspekt; wenn er nicht raucht, liegt er auf seinem Bett und schaut an die Decke. Mir ist unwohl beim Gedanken, ihn so allein mit meinem Rucksack zu lassen. Die Toiletten tragen auch zum Unwohlsein bei. Sie werden durch kleine westernartige Schwingtüren abgetrennt, nach oben und unten mit viel Luft. Irgendwie hat man Direktanschluss zu den Pilgern auf ihren Betten, und ohne Klopapier ist das auch nichts.

Gegen 5 machen Lieke und ich uns auf zur Supermarktsuche. Jemand empfiehlt uns einen „großen Supermarkt“ immer geradeaus. Groß ist der kleine Tante Emma-Laden zwar nicht, aber für die übliche Grundausstattung (sowie Klopapier) reicht es. Beim Nachhauseweg komme ich auf eine Hauptstraße mit großem Trubel, vielen Restaurants und auch wirklich größeren Läden. Nun ja. Ich verlaufe mich ziemlich, meine Orientierung ist noch moderat, komme aber durch eine rasante Abkürzung über eine Weide wieder erleichtert zum „polideportivo“.

In der Herberge ist mittlerweile auch der langsame Pilger von Santiponce angekommen, es ist ein ganz netter Franzose (der natürlich auch schon ganz Frankreich und Spanien durchpilgert hat) und vor seiner Rente die Triebwerke von Ariane 5 konstruiert hat. Auch mit dem Spanier beginne ich ein kurzes Gespräch, vielleicht wird er mir dadurch ja sympathischer. Leider ist eher das Gegenteil der Fall. Er spricht unheimlich schnell und schwer verständlich, vielleicht auch, weil er Katalane ist, hängt an seine Worttiraden gerne mal ein „schau einer an, das arme Mädchen versteht ja kein Wort davon“, unterbricht meine kläglichen spanischen Versuche sofort und schürt zudem noch meine Rucksackbesorgnis, indem er mich aufklärt, dass die Jugend hier sehr suspekt ist, drogas, sabes, und man da seine Sachen nie aus den Augen lassen darf. Von der Jugend weiß ich zwar nichts, aber dass ich nichts mehr aus den Augen lasse, das leuchtet mir ein.

So gehe ich dann auch gleich gegen 20.00 ins Bett. Manchmal ist Schlafen und auf einen neuen, besseren Tag warten die beste Lösung. Irgendwann höre ich durch meine Ohrstöpsel aus dem Rucksack mein Handy klingeln, irgendwann läuft der Polizist suchend und fluchend durch den Raum, und später im Stockdunkeln wummert es an der Tür. Anscheinend ist es ein sehr spät eintreffender Radpilger, den der Spanier noch schnell einlässt.

Read Full Post »

Mit etwas mulmigem Gefühl mache ich mich morgens mit dem Zug Richtung Flughafen Zürich auf. Im Januar habe ich meinen Flug gebucht für 2 Wochen Camino, angelegt auf Start in Burgos und Laufen ohne Planungsnot, so weit ich komme. Kaum habe ich den Credencial in Händen, fällt mein Blick auf die Landkarten auf der Rückseite, auf die Via de la Plata, auf die klangvollen Namen wie Sevilla und Salamanca. Etwas in meinem Inneren meldet sich. Ich beschließe, auf mein Herz (?) zu hören.

Nun sitze ich mit einem couragiert selbst geänderten Credencial mit Startpunkt Sevilla im Zug, der Beginn einer langen Anreise. Statt des Camino Frances, auf dem ich mich wie ein alter Hase fühle, die komplette Ungewissheit im Süden. Wie sind die Herbergen, die Etappenlängen, das Pilgeraufkommen, die Versorgungsmöglichkeiten… treffe ich keinerlei andere Pilger oder ist auch die Via de la Plata im Heiligen Jahr überlaufen? Wie sind die Temperaturen? Welche Strecken schaffe ich, seit einem Jahr untrainiert? Mein Rother Führer ist von 2006, dabei soll sich so viel geändert haben. Ich habe versucht, mich im Vorfeld durch irgendwelche Nachträge durchzuarbeiten und andere Führer zu konsultieren, aber diese Planung stresst mich. So habe ich auch glücklich mehrere Monate in der Illusion gelebt, um 12 in Madrid zu landen und gemütlich in 6 Stunden mit dem Bus nach Sevilla zu gondeln. Eine Woche vorher stelle ich fest, dass ich um 12 gerade mal starte, also viel zu spät für den Bus bin und mir nur der Schnellzug bleibt. Welchen von den vielen stündlich startenden ich erreichen kann, keine Ahnung. Wie lange braucht das Gepäck, wie lange die Metro mit zweimal umsteigen, wie schnell finde ich mich zurecht. Ich habe kurzerhand noch nichts gebucht. Eine Unterkunft habe ich immerhin schon reserviert, keine Ahnung wo, der Google maps – Ausdruck ist irgendwo im Rucksack. Beim Nachträge Wälzen bin ich auf einen Hinweis gestoßen, dass von diesem Hostal dringend abzuraten sei. Da habe ich dann endgültig die Nachträge säuberlich zum Altpapier gelegt und den gelben Führer vor der Abreise zurück in den Bibliothekskasten gelegt. Zu viel Planung, zu viele Meinungen und Tipps machen mich ganz wirr. Und das bin ich im Moment eh schon zur Genüge.

Ich bin froh, dass am Flughafen alles klappt. Mein riesiger Rucksack wandert in seinem Müllbeutel in ein vertrauenserweckendes Transportkistchen, mit Genugtuung registriere ich ein Gewicht im einstelligen Bereich, dabei habe ich 2 Liter Wasser und reichlich Proviant gebunkert. Mit geleerter Wasserflasche passiere ich den Sicherheitscheck, um sie mir hinterher am Wasserhahn wieder aufzufüllen, während jeder normale Flugreisende sich sein Wasser manierlich aus dem Automaten lässt oder einfach nett in einer Bar sitzt. Ich fange hier schon mal gleich mit meinen eher spartanischen Pilgergrundsätzen an, die auf Selbstverköstigung beruhen und Bars und Restaurants nur im Notfall zulassen.

Fliegen ist nichts für mich Frischluftpilger, gegen Ende wird mir richtig schlecht von der stickigen Luft und dem Gewackele bei der Landung. Wir stehen sicher noch eine Viertelstunde, bis die Türen endlich aufgehen, und ich sehe mich im Geist schon ausrasten und auf einen Notausgang zustürmen.

Der lange Weg zur Gepäckausgabe tut gut. Nach einem Refill meiner Wasserflasche setze ich mich gemütlich auf den Boden vor dem Gepäckband. Da tut sich natürlich noch nichts, aber ich habe ja zum Glück auch keinen Zug gebucht. Nach einer Dreiviertelstunde habe ich meinen Rucksack wohlbehalten auf dem Rücken und bin nochmal doppelt froh, ganz ohne Zeitdruck unterwegs zu sein. Einen Ausdruck des Fahrplans habe ich zwar auch im Rucksack, verbiete mir aber einen Blick darauf. Schneller geht es dadurch ja auch nicht.

Die Metro klappt reibungslos, und mein erster Blick auf die Uhr besagt 15.40, als ich in Atocha Renfe aussteige. Um 16.oo und 16.10 gibt es einen Zug, hervorragend. Mit großen Augen tappe ich durch den betriebsamen Bahnhof, wo mag es wohl ein Ticket für mich geben. Mein Blick fällt wundersamerweise auf eine Schalterhalle, wo ich auch fast sofort drankomme. Der Herr am Schalter scheint nicht angetan von meinem (billigeren) 16.10- Zug zu sein. Er redet viel und schnell, ich kapiere nur „completo“, der wäre ausgebucht. Erste Klasse hätte er da noch. Er guckt mich unfreundlich an und will schon den nächsten Kunden aufrufen. Ich frage beharrlich, was mit dem 16.00- Zug ist. Ja, da wäre noch was frei, muss er zugeben. Na also, denke ich kampflustig. Auf meine Frage, wo ich mit dem schönen Ticket jetzt hinmuss, wedelt er vage zum ersten Stock.

Einen kleinen Moment überkommt mich Panik, ich habe nur noch 10 Minuten und habe keine Ahnung, wo hier die Gleise sind. Aber im ersten Stock sehe ich direkt wie bei einem Flughafen die Abfahrthalle – sowie einen Gepäckcheck. Bei näherem Hinsehen mit Durchleutungsmaschinen und den selben Schildern wie vom Flughafen, was man alles nicht dabei haben darf. Ich bin völlig panisch und wirr, damit habe ich nicht gerechnet. Hier muss doch alles mit, und mit meinem Rucksackinhalt könnte ich gerade ein neues Schild entwerfen, wenn ich nur an mein Taschenmesser, Pfefferspray, Nagelschere und Co denke. Ich lege meinen Rucksack verzweifelt auf das Band und stehe in schlimmster Erwartung sämtlicher alarmierter Sicherheitsleute auf der anderen Seite. Die plaudern angeregt. Mein Rucksack ist schon wieder da und die plaudern immer noch. Häh? Kurzerhand schnappe ich ihn mir und laufe zu meinem Gleis. Später erklärt mir ein Pilger, dass sie dort nur Bomben suchen und ihnen alles andere egal ist.

Mein Kärtchen wird wie am Flughafen gescannt, bevor ich durch eine Tür auf die Gleise darf. Schon alles sehr seltsam. 2 Minuten vor 16.00 plumpse ich auf mein reserviertes Plätzchen, nehme einen obligatorischen Schluck aus meiner Wasserflasche und schlafe erstmal ein.

Beim ersten und einzigen Zwischenhalt in Cordoba bin ich wieder wach, mit einem satten Brummschädel. Ich nehme eine Tablette und stelle mit Blick auf mein Ticket fest, dass es ein „ida y vuelta“-Ticket ist, also hin- und zurück. Stolze 82 Euro vielleicht umsonst. Ich wollte nur eine einfache Fahrt. Vielleicht geht es nicht anders, oder der nette Mann am Schalter hat unseren kleinen Kampf der Unsympathien doch gewonnen. Egal.

In Sevilla stehe ich gegen 18.30 wieder mit großen Augen (und immer noch dickem Kopf) in der Bahnhofshalle, ich habe keine Ahnung, wohin. Ich teste mal zwei Ausgänge, ob ich da zufälligerweise irgendwo eine Kathedrale sehe oder ein Schild mit „centro ciudad“. Der Gefallen wird mir aber nicht getan. Mal wieder scheinen sich alle um mich herum auszukennen, und mal wieder hätte ein Hauch von mehr Planung vielleicht doch nicht geschadet. Ich laufe mal los in eine Richtung, die ich intuitiv als Hauptstraße ansehen würde. Zum Glück frage ich ein freundliches Paar nochmal nach dem Weg. Sie zeigen genau in die andere Richtung.

Ich mache mich immer geradeaus leicht rechts haltend in diese Richtung auf den Weg. Meine Herberge liegt irgendwo zwischen Kathedrale und Bahnhof. Mein schlauer Ausdruck ist leider so klein, dass nur jede 10. Straße mit Namen abgedruckt ist. Das erschwert die Ortung dann doch etwas. Nach menschenleeren Straßen wird es irgendwann wirklich zentraler und lebhafter. Als ich gerade wieder geradeaus leicht rechts haltend weiterlaufen will, fällt mein Blick in eine sehr belebte kleine Seitengasse – und auf den blauen Sonnenschirm, den ich aus dem Internet und Streetview kenne. Meine Herberge. Eigentlich schon wieder ein recht beängstigender Zufall. Da laufe ich eine halbe Stunde immer geradeaus leicht rechts haltend durch eine große Stadt und finde schlafwandlerisch mein Hostal.

Der Herr am Empfang scheint meine Reservierung nicht bekommen zu haben, oder ich verstehe ihn nicht. Egal, für 25 Euro bekomme ich ein Zimmer. Das schockt mich im ersten Moment etwas; im Erdgeschoss ohne Fenster erinnert es ein klein wenig an eine Höhle oder eine kärgliche Klosterzelle. Aber es hat zwei Betten und sogar ein Waschbecken und ist sauber, also eigentlich perfekt. Ich fülle schnell mein Wasser nach und mache mich gleich noch mit dem Foto bewaffnet auf in die Stadt.

Ich durchquere einen großen Park und sehe ein interessantes Türmchen vor mir, in dessen Richtung ich mal steuere. Es handelt sich um die recht beeindruckende Plaza de España. Leider hat der Fluss kein Wasser, ansonsten wäre es ein fotografischer Traum.

Wie in einem Traum fühle ich mich ohnehin. Ich laufe hier völlig plan- und ziellos wie ein Entdecker durch eine wunderschöne Stadt, die an jeder Straßenecke etwas neues, faszinierendes zu bieten hat. Die Temperatur wird in der Abendsonne mit 32 °C angezeigt, und es wimmelt von entspannten Menschen, die hier bummeln und sich an blühenden Bäumen und Orangenbäumen freuen, während überall Pferdekutschen mit leuchtend gelben Rädern stehen und fahren.

Als nächstes gehe ich Richtung Kathedrale und setze mich zugleich ergriffen und entspannt auf die Treppenstufen gegenüber. Der Bau ist viel zu groß, um ihn komplett zu erfassen, aber allein die vielen Türmchen in der Abendsonne… traumhaft. Bei der Umrundung erwische ich eine offene Türe und eine Messe. Nach einem Jahr endlich wieder ein „Vater Unser“ auf Spanisch. Faszinierender noch als die eigentliche Messe finde ich mal wieder das Publikum. Eine lateinamerikanisch anmutende Gruppe von jungen Leuten bevölkert samt Koffern mit Fluganhängern und Kinderwagen die Hälfte der Bänke. Vermutlich geht es hinterher direkt in gediegene Clubs, aber vorher wird sehr inbrünstig gebetet. Einfach nur schön.

Nach der Messe setze ich mich draußen schon wieder auf die Stufen und lausche einem Geiger, der von „Time to say goodbye“ über „Schwanensee“ alles sehr virtuos schmettert. Ich kaufe mir ein Eis und setze mich noch einmal abschließend vor die Kathedrale. Die Stimmung hier begeistert mich absolut. Einerseits ist die ganze Stadt auf den Beinen, aber ohne auch nur einen Hauch von Hektik. Ich würde am liebsten den ganzen Abend hier auf irgendwelchen Mäuerchen und Stufen sitzen – und einfach nur sitzen.

Gegen halb 10 mache ich mich dann schweren Herzens doch wieder Richtung meiner Bleibe durch das Barrio de Santa Cruz auf. Die kleinen Gassen sind voller Restaurants; an den Tischen draußen sitzen Familien mit kleinen Kindern. Hier findet das Leben wirklich erst zu späterer Stunde statt. Meine Intuition erlebt einen herben Rückschlag, als ich mich eine Viertelstunde später genau vor der Kathedrale wiederfinde. Sicherheitshalber gehe ich dann doch wieder den Weg an der großen Straße und durch den Park zurück.

In meinem Hostal ist es recht laut und englisch. Keine Ahnung, ob das andere Pilger sind oder Sprachstudenten. Ich schnappe mir meine Ohrstöpsel und gehe schlafen.

Read Full Post »

Epilog 09/08

Zu Hause habe ich keine Ruhe gefunden, bis die Karte, die sich auf dem Camino vor meinem geistigen Auge gebildet hatte, zu Papier gebracht und nach Santiago geschickt war. Ein komischer und doch auch irgendwie schöner Gedanke, dass einige meiner lieben Pilgerbekanntschaften zeitgleich noch auf ihrem Weg nach Santiago waren.

Eine von Herzen kommende Mail habe ich recht bald aus Brasilien erhalten. João hat es allen Ernstes geschafft, in 22 Tagen Santiago zu erreichen. Er hat dabei 14 Kilo verloren, dreimal Fieber gehabt und verständlicherweise seine körperlichen Grenzen erreicht. Aber aus seinen Worten strahlt ein unglaublicher Enthusiasmus und eine Euphorie; er erzählt, dass er alles so erlebt hat, wie ich ihm in Cirauqui meine Magie des Caminos erklärt habe. Er hat das Gefühl erlebt beim Anblick des Botafumeiros, das Gefühl, den ganzen Camino geschafft zu haben, und er hat Gott getroffen. Auch auf eine sehr ähnliche Weise wie ich. Nicht nur das verbindet uns sehr tief. Für ihn bin ich immer noch wicca, für ihn war unsere Begegnung ein Wunder. Seine Mail hat mich mit einer großen Zufriedenheit erfüllt. Das Gefühl, dass weit weg in Brasilien jemand voll entflammt ist vom Camino, von Gott, von dem Glauben an Wunder und an sich selber, dass jemand leuchtet und strahlt, das lässt auch in mir ein kleines Caminokerzchen flackern und leuchten.

Mit dem Sonnenscheinschwaben habe ich auch 2 Jahre später noch Kontakt. Seine Erfahrungen waren und sind etwas weniger abgehoben und entrückt, aber auch bei ihm leuchtet und strahlt etwas aus jeder Mail und verbreitet einen Hauch von Caminostimmung.

So auch dieses Bild, das die drei Herren für mich gemacht haben. Empfangsbestätigung und Dank in einem.

Read Full Post »

Beim ersten Klappern bin ich schon wieder hellwach und kurz darauf auf den Beinen. Wie üblich ist es natürlich auch noch stockdunkel; ich verlaufe mich erstmal und trotte ziemlich ziellos in Atapuerca hin und her, bis sich noch andere Pilger aufmachen und es ein paar überzeugte Ideen mehr hat für eine Richtung, bei der ich mir nicht so ganz sicher bin.

Ich laufe durch unberührten Morgennebel und durch eine noch halb schlafende Kuhherde. Spätestens, nachdem mit mir eine Horde spanischer Radpilger entlang gekommen sind, ist es mit dem Schlaf dann wohl vorbei.

Ebenfalls beeindruckend ist eine längergezogene Ebene, auf der in Spiralform Steine angeordnet sind. Verbunden mit dem dunkel aufziehenden Himmel hat es etwas mystisches und ergreifendes.

Die letzten Kilometer geht es in Burgos durch ein Industriegebiet, das ich aber nicht als allzu schlimm empfinde. Ein Stück weit tut es vielleicht sogar gut, es erleichtert den Übergang von Camino zurück zur Realität. Trotzdem ist es ein komisches Gefühl, diesmal nicht Santiago als Ziel zu haben, keinen krönenden Abschluss. Wenn ich so nachdenke, ist es generell eine lustige Stimmung unter den Pilgern. Die allerwenigsten gehen bis Santiago durch, viele wollen wie ich nur bis Burgos, schnuppern zum ersten Mal ein bisschen Caminoluft und sehen es auch eher als Wandertour. Spirituelle Offenbarungen sind selten, ebensowenig religiöse Motivation. Zum Glück kann ich an mich halten, aber würde ich hier jemandem vorschwärmen, wie wunderbar es ist, in Santiago anzukommen, den Botafumeiro zu bekommen, in der Messe seinen Namen zu hören, „es geschafft zu haben“… ich glaube, die wenigsten würden mich verstehen. Die meisten der Burgos-Stopper finden, dass 2 Wochen zur Erholung ja reichen und es langsam auch reicht mit dem ständigen Laufen, langsam freuen sie sich auch wieder auf ihren Luxus zu Hause. Ich bin ein bisschen wehmütig, wenn ich an Gespräche kurz vor Santiago zurückdenke, mit Pilgern von den SJPDP oder von noch weiter her. Ihr Resümee der letzten Wochen, ihre leuchtenden Augen, ihre ehrliche Erschöpfung, ihre durchlittenen Höhen und Tiefen, ihre vielen Erlebnisse, ihr wirkliches Verlangen, nun endlich ankommen und den Abschluss erleben zu wollen, auf den sie seit Wochen hinarbeiten. Umgekehrt aber auch das Zögern, die Welt des Pilgerns wieder zu verlassen. Zurück in die alte Welt, aber mit all den Veränderungen der vergangenen Wochen. Ich bin wehmütig und fühle mich ein bisschen leer.

In Burgos warten schon einige Pilger am Camino vor einer neuen Großherberge, die ich noch nicht kenne. Sie soll in einer halben Stunde öffnen, und so beschließe ich zu warten. Das Gebäude ist riesig und modern, und während sich manche Pilger begeistert zeigen, ist es mir deutlich zu steril. Architektonisch wertvoll sind die Betten in Kabinen à 4 Betten angeordnet, eine Seite an der Wand, mit Blick auf den nächsten Kabinenblock. An den Seiten pro Block ein Waschbecken und eine Dusche. Ich neble mit meinem heißen Duschen also gleich mal fröhlich den ganzen Schlafsaal ein, aber es geht wohl nicht anders. Zwar bietet die Bettenanordnung größtmögliche Intimität, andererseits bekommt man auch von sonst niemandem etwas mit. Keine Ahnung, wer in den anderen Kajüten versorgt ist. Ich denke sehnsuchtsvoll an Schlafsäle à la Nájera, wo man mit einem Blick die 50 anwesenden Pilger in den unteren Betten und mit einem weiteren Blick den Rest in den oberen Betten überblicken konnte.

So ergreife ich auch recht schnell die Flucht und gehe auf Stadttour. Ich mache ein paar Erinnerungsfotos und durchquere die halbe Stadt auf der Suche nach einem schönen Supermarkt und Vorräte für morgen. Kaum habe ich die in der Herberge abgeladen, tippele ich wieder eigentlich in die gleiche Richtung zum Busbahnhof, um schon mal mein Ticket für morgen zu sichern. Auf dem Platz vor der Kathedrale (der es mir analog zu Santiago wieder angetan hat) treffe ich auf den Rotschopf von gestern mit seinen Kollegen, die sich gerade einen krönenden Kaffee mit Blick auf die Türme schmecken lassen. Cafe-erprobt, wie ich neuerdings bin, setze ich mich dazu.

Den Nachmittag bin ich aus unerfindlichen Gründen auch immer am Rumrennen, ich bin ziemlich unkoordiniert und irgendwann frustriert, dass ich fast mehr rumlaufe als an einem normalen Pilgertag. Irgendein Erinnerungsstück würde ich schon auch noch kaufen, Kitsch fällt allerdings flach. Viel anderes hat nicht geöffnet, es ist wie üblich spanische Siesta. Postkarten finde ich zum Glück (und springe zurück zum Hauptplatz, um sie dort zu schreiben), aber Briefmarken hat es dazu nicht. Ich suche und renne eine halbe Stunde auf der Suche nach einem Tabakwarengeschäft, das dann aber nicht aufmacht. Frustriert suche ich ein anderes, lande aber eine halbe Stunde später unverrichteter Dinge doch wieder bei dem Laden, bei dem dann doch endlich noch jemand gelangweilt die Tür öffnet. In einem kultigen Einrichtungsladen erstehe ich dann wenigstens noch einen kleinen Bilderrahmen, der zwar rein gar nichts mit Burgos oder dem Camino zu tun hat, aber das muss er ja zum Glück eigentlich auch nicht.

Ich möchte zum Abschluss die Messe in der Kathedrale hören, aber dort findet nur etwas in einem kleinen Seitenräumchen statt, was mich nicht wirklich erfüllt. So rase ich noch schnell zur zeitversetzt beginnenden Messe unterhalb meiner alternativen Burgos-Herberge, aber auch dort finde ich nicht die gewohnte Ruhe. Sehr wahrscheinlich liegt es daran, dass ich heute nicht am Pilgern, sondern am Rasen bin.

Recht lauffrustriert, erschöpft und mit dem Gefühl, nun wirklich alles erledigt zu haben, gehe ich endgültig zurück in die Herberge. Im riesigen Saal im Erdgeschoss hat es zwar Tische, leider aber keine Küche, sodass die zahlreichen Pilger alle recht unkoordiniert aus irgendwelchen Tüten essen. Nichts schafft mir so ein heimeliges Gefühl, als mit ein paar anderen Pilgern in einer Küche am werkeln zu sein. Immerhin hat es hier einen Überblick à la Nájera, so sehe ich z.B. die beiden netten Jungspunde von gestern wieder. Ich setze mich in meine Kajüte und mache noch ein letztes Bändel fertig, aber als ich wieder unten bin, sehe ich sie nicht mehr. Ich durchstreife die verschiedenen Stockwerke, aber die Kajüten sind wirklich blickdicht, es sei denn, man marschiert direkt hinein, und dabei habe ich zu so einer verlassenen Zeit dann auch ein eher unwohles, halbkriminelles Gefühl.

Dafür treffe ich zurück im Esssaal den wie immer unglücklich hinkenden Belgier, der mich etwas schief anlächelt. So bekommt er mein vorletztes Bändel. Er ist dermaßen ergriffen und berührt, das mir fast selber die Tränen kommen.

Auf alle Fälle fühle ich mich danach wirklich endlich richtig abgeschlossen und ein Stück weit versöhnt mit mir und meinem Camino September 08.

Am nächsten Tag geht es mit dem Bus nach Madrid und per Flieger über Genf wieder nach Hause.

Read Full Post »

Gleich zu Beginn des Tages stehen die Montes de Oca auf dem Programm, einige Stunden ein Hauch von Wildnis ohne menschliche Besiedlung. In früheren Zeiten nicht ganz ungefährlich, ein Wald voller Wegelagerer und Wölfe. Ein ganz kleines bisschen habe auch ich Respekt, als ich am frühen Morgen im Nebel durch die völlige Einsamkeit laufe. Der Nebel hält sich hartnäckig den ganzen Morgen, es ist eher feucht und kühl, sodass ich den Weg ziemlich unbesehen langpresche. Der Weg wird eingerahmt von Heidekraut und knorrigem, kleinen Gebüsch – und endlos vielen Spinnennetzen, die bei dem feuchten Wetter tautropfig bestens sichtbar sind. Fast zu schnell ist eine Anhöhe erreicht und die Vegetation ändert sich; statt des pittoresken Strauchtums geht es ein breite, rote Piste entlang, die beiderseits von Wald gesäumt wird. Laut meines Führers wurde sie als Brandschneise angelegt, und ich komme nicht umhin, mir vorzustellen, wie es sich hier im Brandfall für einen Pilger anfühlen würde.

Nach 2 Stunden geht es durch einen an Schweden erinnernden Nadelwald auf San Juan de Ortega zu. Als sich der Wald endlich lichtet und den Blick freigibt auf den Turm der Kirche, kann ich fast die Erleichterung der früheren Pilger nachvollziehen, diese Waldpassage überstanden zu haben. San Juan de Ortega ist leider auch ziemlich neblig verhangen verlassen, sodass ich mich gleich weiter auf den Weg mache. Wie üblich komme ich also viel zu früh an meinem heutigen Tagesziel in Atapuerca an.

Allerdings gerade rechtzeitig, um das Klingeln eines fahrenden Bäckers zu hören. Nachdem ich gestern schon nicht gerade opulent eingekauft habe und es auch heute keine Einkaufsmöglichkeit auf dem Weg hatte, trifft sich ein Brot ganz hervorragend. Etwas anderes hat der Bäcker leider ohnehin wieder nicht, obwohl ich für einen Moment die vage Hoffnung auf irgendetwas Süßes, Klebriges, Fruchtiges hege. Neben mir hält mit quietschenden Bremsen ein Peregrino mit Rennrad, und nachdem es nur Riesenbrote hat, einigen wir uns spontan, ein Brot zu teilen.

Dann stehe ich auch schon wieder allein in einem weitgehend ausgestorbenen Örtchen, mein halbes Baguette in der Hand. Ich entschließe mich spontan, doch nochmal einer Bar einen Besuch abzustatten. Während ich mir mühsam einen cafe con leche auf Spanisch abbreche, meint der Inhaber ziemlich ungerührt, ich könnte ja auch Deutsch sprechen. Er ist auch Deutscher. Ich sitze etwas unwohl in der Bar, während in einer Ecke ein Rudel deutscher Pilger laut kichernd und erzählend eine Riesengaudi hat. Irgendwie fühle ich mich wohler mit meinem Rucksack irgendwo wandernd in der Wildnis.

Der Inhaber ist auch nicht so ganz mein Ding, seine kurz angebundene, sarkastische Art irritiert mich in meiner momentanen Verunsicherung zusätzlich. Er ist überrascht, dass ich meinen Kaffee schon runtergestürzt habe und meint, ich solle ja nicht in die große Herberge gehen. Eine Straße weiter hätte es eine Frau, die ganz, ganz urige Unterkünfte vergibt, allerdings nicht so ganz offiziell, weil sie nicht den großen Ansturm will. Deswegen würde auch kein Schild dranstehen. Mit diesem Geheimtip mache ich mich also frohen Mutes auf die Suche. An der dortigen Gartenpforte steht allerdings „heute geschlossen“. Ich tappe noch ein wenig unentschlossen in Atapuerca herum, bevor ich mich nochmal zu einem (diesmal gleich) Milchkaffee und einem Pain au Chocolat hinreißen lasse, um zu vermelden, dass das besagte Schmuckstück heute nicht offen hat. Doch, doch, das würde sie immer hinschreiben. Oft würde sie einfach erst später aufmachen oder sich erstmal in Ruhe aus ihrem Garten aus anschauen wollen, was für Pilger da denn so Interesse haben. Ich solle einfach noch etwas abwarten, so wie auch die eingeschworene, heitere Pilgermeute, die immer noch in seinem Cafe sitzt und auch auf Öffnung dieser Unterkunft spekuliert.

Ich probiere nochmal mein Glück, aber nachdem sich immer noch nichts regt, ist es mir irgendwann auch zu dumm, mich stundenlang davor rumzudrücken und auf eine gnädige Eingebung zu warten. Zumal ich eh nicht weiß, ob ich mich in einer kleinen, wunderschönen Herberge mit der Gruppe aus dem Cafe so wohl fühlen würde.

Ich checke in der großen Herberge ein, es hat viele Zimmer und viele Bäder und ist generell sehr sauber und chic. Dafür fehlt natürlich fast schon wieder der anheimelnde Pilgercharme und die „Seele“ der Herberge. Ich bin bisher die einzige, ich dusche und wasche in Ruhe und langweile mich ein bisschen. Ich blättere im Gästebuch der Albergue und stoße durch Zufall auf eine Eintragung von meinem Pilgerfreund José vom Frühling. Es ist so ganz typisch er, mal wieder voller Glaube an Gott und Vertrauen an die Wunder des Caminos, dass ich das Gefühl habe, ihn neben mir zu haben. Irgendwie wird mir ganz komisch bei dem Gedanken, dass das ein halbes Jahr her ist und er dann einen Tag später in Burgos auf mich getroffen ist. Mir wird ganz wehmütig und schwermütig bei dieser Erinnerung.

Mitten in meine zuviel sentimientos kommt ein Pilger in die Herberge, ein spanischer junger Mann mit schlechter Laune. Sein Bein will nicht mehr so richtig, und er geht jetzt verdammt noch mal zu einem verdammten Doktor und der soll im verdammte Tabletten verschreiben. Er macht jetzt verdammt nochmal einen kurzen Tag heute, und dann hat es morgen verdammt nochmal aber wieder volles Tempo weiterzugehen. Nicht ganz das Kaliber von José.

Ich flüchte lieber aus der Herberge, zumal sich draußen auch endlich der Nebel verzogen hat und die Sonne strahlend scheint. Just in diesem Moment kommen die beiden Koreanerinnen wie üblich schrill kreischend und kichernd mit in die Luft gereckten Stöcken die Straße heraufgerannt. Ich bin wohl völlig konsterniert und verstehe gar nichts. Sie strahlen mich an und stochern mit ihren Stöcken. Endlich kapiere ich es. Sie tragen meine Armbändel und wollen mir die in die Luft gereckt zeigen. Zum Glück hat sich dabei niemand die Augen ausgestochen. Sie bedanken sich nochmal überschwänglich für alles (quasi für meinen nicht nötig gewordenen Telefonanruf) und machen sich weiter auf den Weg nach Burgos, wo dann irgendwie doch noch der Koreaner für den Reiseführer ist und alles gut wird. Ich muss irgendwie innerlich grinsen. Die beiden waren eine sowohl bemerkens- als auch liebenswerte Begegnung.

Ich setze mich auf der anderen Straßenseite gegenüber der Herberge in eine kleine Sitzgruppe, wie üblich mit meiner Bändelwolle, meinem Tagebuch und zum letzten Mal meinem Führer. Schon ein paar Minuten später werde ich auf einen Pilger aufmerksam, der mit suchendem Blick in die Herberge schaut. Wir erkennen uns gegenseitig sofort als bekannt, aber ich muss erst einen Moment nachdenken, um ihn einordnen zu können. Er gehört zu der Gruppe der 4 Deutschen ganz vom Anfang aus Zubiri, und obwohl ich mit ihm selber nicht viel zu tun hatte, freut es mich unheimlich, ihn nach 10 Tagen plötzlich wiederzusehen. Ich frage nach den anderen. Die weibliche Komponente hätte direkt in Pamplona auch schon wieder aufgehört, ihr Ding wäre es nicht gewesen. Aber mein Rotschopf, ja klar, der wäre noch mit dabei. Zwar knielädiert und am Jammern, aber der käme jetzt sicher auch gleich. Ich gehe begeistert mit ihm hinunter an die Straßenkreuzung, und wirklich, ein paar Minuten später haben wir ein freudiges und unerwartetes Wiedersehen. Er ist wirklich ziemlich am Jammern und nicht in der besten Stimmung, aber auch für sie geht es ja nur bis Burgos, und das wird er schon noch hinbekommen. Ich überreiche ihm ein Bändel, auch wieder sehr froh, ihn dazu nochmal getroffen zu haben. Irgendwie war er mein erster Sonnenschein und Rettungsanker des Caminos.

Obwohl die meisten heute weiterlaufen, füllt es sich gegen Nachmittag dann doch noch. Eine sehr beeindruckende Begegnung habe ich mit zwei sehr jungen Deutschen von nicht einmal 20 Jahren, die sich zu meiner Bank setzen. Mein erster Blick verheißt nichts Gutes, der eine sieht gestylt aus wie für eine Raveparty. Wir kommen ins Gespräch, und ich bin total baff. Die beiden haben einen Tiefgang und ein christliches Selbstverständnis, wie ich es sonst nicht einmal bei dreifach so alten Pilgern antreffe. Völlig selbstverständlich plaudern sie von Taizé und ihren Suchen im Leben und was ein guter Pilger so mitbringen sollte und was sie alles berührendes bisher erlebt haben. Sie haben definitiv den Blick und das Herz eines Pilgers. Ich unterhalte mich sicher eine Stunde und bin hinterher spirituell und seelisch erfrischt und belebt wie selten zuvor.

Irgendwie schließt sich heute ein Kreis nach dem anderen. Kaum sitze ich wieder allein, kommt schon wieder ein vage bekanntes Gesicht an meine Bank gehumpelt. Das Humpeln ist das gleiche wie die langen Kilometer in Pamplona vor mir. Leider hat sich auch an der Stimmung noch nicht viel gebessert, er ist immer noch unsicher und leise und irgendwie ziemlich jämmerlich. Kein Wunder, wenn er sich seit 2 Wochen mit Schmerzen den Camino entlangschleppt. Er spricht es nicht direkt aus, aber ich habe den Eindruck, dass er bisher noch keine Antworten und Erfüllung gefunden hat, er wirkt ein ganz kleines bisschen einsam und verzweifelt und hoffnungslos. Irgendwie tut er mir sehr leid. Ich habe ja auch ab und zu meine Hoffnungslosigkeit oder meine Blasenprobleme, aber vergleichsweise doch sehr durchsetzt von Momenten, in denen ich schwebe oder mich himmelhochjauchzend beseelt fühle. Meist kommt doch postwendend nach jeder blöden Stimmung irgendein Pilger in meine Reichweite, der mich wieder aufheitert oder bereichert oder mir Kraft spendet. Der Belgier hier scheint in den zwei Wochen noch so gut wie keinerlei Kontakte geknüpft zu haben, was mir schleierhaft ist, da er gut Englisch spricht und als aktuell in Spanien lebend ja wohl auch Spanisch. Dass ich ab und zu jämmerlich, graugesichtig und mager einen Jammerlappen abgebe, erscheint mir nur natürlich, aber einen muskulösen 2-Meter-Schrank von 40 Jahren dermaßen eingeschüchtert zu sehen, tut mir in der Seele weh.

In meinem Zimmer entdecke ich begeistert ein Handy in der Steckdose laden, das genau mein Ladekabel trägt. Ich habe praktischerweise keins mitgenommen, weil ich dachte, es würde die 2 Wochen überstehen. Gestern vor den Oca-Bergen muss es aber derart wild nach Empfang gesucht haben, dass es sich völlig verausgabt hat. Das Ladekabel gehört dem netten Pilger mit Rave-Optik und ich darf im Anschluss laden.

Abends esse ich mit dem Großteil der Pilger die von der Herberge angebotene Paella. Es schmeckt gut, ist aber eine recht kommerziell geprägte Abfertigung. Ich habe (wie auch generell noch sehr oft) das Essen bei Acacio und Orietta im Hinterkopf und bin natürlich ein bisschen enttäuscht. Ich bin wohl generell eher gemacht fürs Selberkochen oder gemeinsam mit den Hospitaleros Kochen und Essen.

Heute schlafe ich sehr zufrieden und irgendwie glücklich abgeschlossen ein. Dafür, dass ich einen Camino ohne Freunde gehe, waren es heute doch sehr viele bekannte Gesichter und schöne Begegnungen.

Read Full Post »

Older Posts »