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Posts Tagged ‘San Vicente de la Barquera’

Vielleicht hat die wunderschöne Herberge doch noch etwas Gefängnis-Restschwingungen. Jedenfalls träume ich sehr unruhig. Ich träume die halbe Nacht verschiedene Varianten, meinen Rückreisezug zu verpassen (glücklicherweise muss ich gar keinen Zug nehmen). Einmal sehe ich jemanden freundlich auf mein Bett zukommen, der sich zu mir niederbeugt und mir dann den Hals zudrückt. Ich bin morgens etwas gerädert.

Heute verabschiedet sich die Koreanerin entschlossen von mir. Eigentlich ist sie ein 20km- Läufer, ist aber seit Castro Urdiales mit mir mitgelaufen. Jetzt ist sie wirklich kaputt und will es langsamer angehen. Wir tauschen Emailadressen und verabreden uns für den nächsten Monat. Sie verbringt noch 2 Monate in Europa, unter anderem in der Schweiz. Zum Abschied gebe ich ihr ein Bändel. Ich bin wirklich ziemlich knüpffaul diesen Camino und arbeite seit fast einer Woche an einem Bändel für Chrissie und Maike.

Ich frühstücke in der Rezeption – und stelle fest, dass es dort sogar einen Kühlschrank und eine Mikrowelle gegeben hätte. So gönne ich mir dann wenigstens noch einen schönen grünen Tee. Zu meiner Freude verfüge ich auch wieder über eine funktionierende Uhr. Normalerweise habe ich gar keine Uhr, für den Camino greife ich immer auf eine billige Werbegeschenk-Uhr zurück. Diese hat es mir wohl etwas übel genommen, dass ich sie über Nacht in meinem feuchten Waschbeutel aufbewahrt habe. Nach 4 Tagen bei-jeder-Gelegenheit-in-Einzelteilen-in-die-Sonne-Legen (und nachdem ich fast die Hoffnung aufgegeben habe), läuft sie plötzlich wieder.

In der frühen Morgensonne laufe ich aus Comillas hinaus. Ich habe ein leicht schlechtes Gewissen, mal wieder nur den Strand und den Supermarkt angeschaut zu haben, während die Koreanerin heute extra weniger läuft, um noch diverse architektonische Gaudí-Wunderwerke bestaunen zu können. Nachdem sie gestern morgen schon einen Umweg zur Cueva de Altamira mit weltberühmten Höhlenmalereien gemacht hat.

Ich komme an eine lange Brücke über die Ría de la Rabia, was mich an Tollwut denken lässt. In der Ferne kommt mir ein Mann entgegen. Er ist noch sehr weit weg, und ich schaue nur einen kurzen Moment, aber irgendwas erscheint mir ungewöhnlich. Seine eine Gesichtshälfte wird von der aufgehenden Sonne beschienen und müsste irgendwie hell sein, was sie aber nicht ist. Ich denke intuitiv an eine Gesichtsentstellung und schaue diskret wo anders hin. Erst, als wir uns begegnen, schaue ich kurz auf. Er lächelt mich an und wünscht mir einen schönen Tag, was ich automatisch erwidere. Gleichzeitig habe ich aber auch den reinsten Kurzschluss im Hirn. Die ungewohnt dunkle Stelle, die mich von weitem irritiert hat, stellt sich als komplett blutüberströmt heraus. Über dem Auge ist es schwarz verkrustet, aber der ganze Hals ist frisch blutbedeckt und die Hände tropfen von frischem Blut. Alles passiert so schnell, für eine Millisekunde will ich (sehr intelligent) „todo bien?!“ fragen, meine Beine laufen aber einfach im gleichen Rhythmus weiter, ich sehe nur immer noch die blutigen Hände und denke „fass mich nicht an, fass mich nicht an“. Vielleicht habe ich irgendeinen Horrorfilm vor Augen, ich habe Riesenpanik, dass diese Hände nach mir greifen. Ich drehe mich um, der Mann trottet genauso unbeteiligt die Brücke entlang wie vorher. Ich frage mich, ob ich mir das Ganze eingebildet habe, aber auf dem Weg vor mir sind alle paar Meter größere oder kleinere Blutstropfen. Am Ende der Brücke in sicherer Entfernung bleibe ich stehen und versuche, irgendwie wieder normal zu denken. Es braucht ein paar Minuten, bis ich überhaupt einen Gedanken fassen kann. Ich kann mich langsam, aber sicher davon lösen, dass ein heimtückisch lächelnder Zombie nach mir greifen will, es gruselt mich aber immer noch über alle Maßen. Ich kann mir keinen Reim drauf machen, warum man blutüberströmt herumläuft und dann freundlich lächelnd jemanden begrüßt, anstatt um Hilfe zu bitten. Vielleicht ist der Mann noch unter Schock, wobei es mich da gleich wieder gruselt. Falls ihm dieses Blut überall noch gar nicht bewusst ist, möchte ich nicht diejenige sein, die ihn darauf bringt. Ich bin etwas beruhigt, dass er auf eine Siedlung zugelaufen ist.

Etwas später komme auch ich wieder an eine Siedlung. Ein Mann will gerade in sein Auto einsteigen, und ich bin schon nahe dran, ihn anzusprechen und zu bitten, nach diesem Mann zu sehen oder einen Notruf zu tätigen. Da sehe ich auf der Rückbank zwei Kinder im Kindergartenalter. Vielleicht doch keine so gute Idee.

Ich habe gut 2 Stunden lauter wirre Gedanken und Überlegungen und Theorien im Kopf, und auch erst nach etwa 2 Stunden bin ich zu ansatzweise vernünftigen Gedanken fähig, wie z.B., dass ich einfach direkt danach per Handy die Polizei hätte anrufen können. Ich hoffe, dass jemand anderes eine bessere Reaktionszeit hatte.

San Vicente de la Barquera kommt in Sicht, ein Ort, auf den ich mich so gefreut hatte. Nach meiner Nacht und der morgendlichen Begegnung bin ich aber irgendwie zu sehr „shaken“. Aus der erwarteten Postkartenidylle wird eh nichts. Vor dem Städtchen liegen zwar haufenweise nette Fischerbötchen, allerdings nicht im Meer, wie es sich gehört, sondern auf trockenem Sand, was mich nun schon wieder an Bilder eines Tsunamis denken lässt. Ich erinnere mich, dass Maike gestern Abend ja schon von Ebbe erzählt hat- so sieht das hier auch aus. Allerdings befremdlich, dass da ein Hafen komplett trockenläuft.

Hinter San Vicente geht es wieder in ländliches Hinterland, welches mich Stück für Stück wieder in die Normalität zurückholt.

Irgendwie bin ich erschöpft. Ich mache eine erste lange Pause an einem Spielplatz in La Acebosa und eine Weile später gleich am nächsten Spielplatz. Mir tun die Füße und Beine weh, meine 40km-Tour wirkt nachhaltig. Gegen Mittag erreiche ich Serdio, wo Maike und Chrissie heute stoppen wollen. Der Ort ist lustig. Ich steuere gerade einen Brunnen an, um meine Flaschen aufzufüllen, als sich just in diesem Moment ein Hund direkt davor intensiv verewigt. Ein Pferd läuft stoisch über den Platz – gefolgt von seinem nicht ganz so stoischen Besitzer, der trick- und wortreich versucht, es wieder auf seine Koppel zu lotsen. Ich mache meine für heute letzte Essenspause auf einem Bänkchen neben einer Bar, in der sich mit großem Hallo das ganze Dorf versammelt.

Ich bin nicht mehr so taufrisch, und der Weg zieht sich recht endlos durch weitere Orte und unterschiedliche Vegetationen. Mal vorbei an idyllischer Flusslandschaft geht es unter anderem auch durch einen wilden Eucalyptuswald. Der Trampelpfad ist verschwindend schmal im Vergleich zu den endlos hohen Bäumen, und das Erspähen der gelben Pfeile erinnert wirklich an eine Schnitzeljagd.

Nachdem ich seit meinem rückreisebetreffenden Alptraum heute Nacht ein ungutes Gefühl habe, steuere ich in Pesués spontan die Bahnstation an. Grundsätzlich würde es mich beruhigen, wenn zumindest die Möglichkeit bestünde, mit einem Zug nach Bilbao zu kommen – nur für den Fall, dass ich meinen einzig möglichen Bus verpassen sollte. Aus den Fahrplänen werde ich nicht so recht schlau, demnach fährt zumindest sehr wenig. Ich drücke interessiert einen „Info“- Knopf am Ticketautomaten – und flüchte wenig heldenhaft, als es zu tuten beginnt und offenbar die Verbindung zu einem Bahnbeamten aufgebaut wird.

Ich bin ziemlich fix und alle, als ich endlich in Unquera bin. Von dort geht es dann noch den Berg hoch nach Colombres. Auf dem Weg treffe ich auf eine nette freilaufende Ziegenherde und eine weniger anheimelnde Herde spanischer Jugendlicher, die laut grölend zu einem Erlebnispark getrieben wird und meine einsame Pilgeratmosphäre sehr merkwürdig durcheinander bringt.

In Colombres soll es eine Sporthalle mit Platz für Isomatten geben, die andere Variante ist eine Freizeitherberge, in der sehr wahrscheinlich auch die 70 spanischen Jugendlichen untergekommen sind. Beides reizt mich sehr wenig. Ich stehe unschlüssig vor der Freizeitherberge, die im Moment sehr verlassen daliegt. Irgendwo entdecke ich dann einen Pilger, deutschsprachig, der bisher noch allein dort ist. Ich frage nach der Sporthalle, ob er die schon gesehen hätte bzw. wohin die anderen Pilger gegangen wären. Er hat in San Vicente übernachtet, unter anderem zusammen mit Macho, Herrchen und der Kanadierin sowie mit Helmut. Er sagt, die wären heute alle bis Llanes weitergegangen, die 42km. Ich bin erst recht unschlüssig, Freizeitherberge und dann nicht mal mit ein paar anderen Pilgern. Aber allein in der Sporthalle bringt es dann ja auch nicht. So checke ich schweren Herzens hier ein.

Für Pilger ist ein kleines Zimmerchen abseits vom Trubel reserviert. Es erinnert an ein Kellerzimmer, ist auch entsprechend dunkel und wirkt feucht. Ich fühle mich nicht recht wohl. Die Dusche ist eiskalt und schießt mit einer derartigen Wucht, dass es den Duschvorhang wegweht. Zwar raucht der andere Pilger draußen seine Pfeife, sodass es nichts schadet, dass ich etwas frei herumstehe, aber ich flute dabei auch geschickt das ganze Bad. Mir bleibt schier das Herz stehen, während ich mich immer wieder für ein paar Sekunden in den Eisstrahl stelle (und damit heute auch noch meine Haare waschen muss). Mein Pilgerkollege, der nach mir duscht, meint, man müsse eben einfach immer etwas das Wasser laufen lassen, nach 5 Minuten hätte er prima heiss geduscht.

Gegen 5 kommt eine Dame von der Herberge zum Kassieren. Entgegen der Information in meinem Führer gäbe es natürlich einen Supermarkt – und natürlich hätte der auch Samstags bis 8 offen. Ich gehe begeistert einkaufen. Es ist wieder einer der Läden Marke „auf kleinstem Raum von allem etwas“. Zur Hebung meiner Laune kaufe ich heute mal wieder ziemlich viel ein.

Während ich vor der Herberge picknicke und mich mein sächsischer Mitpilger recht hartnäckig beschallt, kommen doch noch das ältere spanische Ehepaar und Peter. Diesmal allerdings ohne Heike. Wie schon des öfteren gehen sie nach kleineren Unstimmigkeiten getrennte Wege. Grundsätzlich finde ich das vernünftig und bewundernswert; ich persönlich finde die Vorstellung aber befremdlich, sich nicht wenigstens zum Abend hin wieder ausgesöhnt zu haben.

Ich bin froh, dass wenigstens Peter da ist, allein seine Anwesenheit verströmt einen Hauch von Heimat und Verwurzelung. So bin ich heute sogar schon richtiggehend dankbar für das lautstarke Trockenschlagen seiner Wäsche. Und dankbar, dass Peter um 8 Uhr mit dem Sachsen zum Essen in der Herberge geht und dessen Mitteilungsdrang auf sich nimmt. Ich bin heute irgendwie emotional erschöpft und mit so viel Input überfordert, sodass ich mich recht bald aus dem anschließenden Gespräch ausklinke und schlafen gehe.

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