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Posts Tagged ‘Atapuerca’

Beim ersten Klappern bin ich schon wieder hellwach und kurz darauf auf den Beinen. Wie üblich ist es natürlich auch noch stockdunkel; ich verlaufe mich erstmal und trotte ziemlich ziellos in Atapuerca hin und her, bis sich noch andere Pilger aufmachen und es ein paar überzeugte Ideen mehr hat für eine Richtung, bei der ich mir nicht so ganz sicher bin.

Ich laufe durch unberührten Morgennebel und durch eine noch halb schlafende Kuhherde. Spätestens, nachdem mit mir eine Horde spanischer Radpilger entlang gekommen sind, ist es mit dem Schlaf dann wohl vorbei.

Ebenfalls beeindruckend ist eine längergezogene Ebene, auf der in Spiralform Steine angeordnet sind. Verbunden mit dem dunkel aufziehenden Himmel hat es etwas mystisches und ergreifendes.

Die letzten Kilometer geht es in Burgos durch ein Industriegebiet, das ich aber nicht als allzu schlimm empfinde. Ein Stück weit tut es vielleicht sogar gut, es erleichtert den Übergang von Camino zurück zur Realität. Trotzdem ist es ein komisches Gefühl, diesmal nicht Santiago als Ziel zu haben, keinen krönenden Abschluss. Wenn ich so nachdenke, ist es generell eine lustige Stimmung unter den Pilgern. Die allerwenigsten gehen bis Santiago durch, viele wollen wie ich nur bis Burgos, schnuppern zum ersten Mal ein bisschen Caminoluft und sehen es auch eher als Wandertour. Spirituelle Offenbarungen sind selten, ebensowenig religiöse Motivation. Zum Glück kann ich an mich halten, aber würde ich hier jemandem vorschwärmen, wie wunderbar es ist, in Santiago anzukommen, den Botafumeiro zu bekommen, in der Messe seinen Namen zu hören, „es geschafft zu haben“… ich glaube, die wenigsten würden mich verstehen. Die meisten der Burgos-Stopper finden, dass 2 Wochen zur Erholung ja reichen und es langsam auch reicht mit dem ständigen Laufen, langsam freuen sie sich auch wieder auf ihren Luxus zu Hause. Ich bin ein bisschen wehmütig, wenn ich an Gespräche kurz vor Santiago zurückdenke, mit Pilgern von den SJPDP oder von noch weiter her. Ihr Resümee der letzten Wochen, ihre leuchtenden Augen, ihre ehrliche Erschöpfung, ihre durchlittenen Höhen und Tiefen, ihre vielen Erlebnisse, ihr wirkliches Verlangen, nun endlich ankommen und den Abschluss erleben zu wollen, auf den sie seit Wochen hinarbeiten. Umgekehrt aber auch das Zögern, die Welt des Pilgerns wieder zu verlassen. Zurück in die alte Welt, aber mit all den Veränderungen der vergangenen Wochen. Ich bin wehmütig und fühle mich ein bisschen leer.

In Burgos warten schon einige Pilger am Camino vor einer neuen Großherberge, die ich noch nicht kenne. Sie soll in einer halben Stunde öffnen, und so beschließe ich zu warten. Das Gebäude ist riesig und modern, und während sich manche Pilger begeistert zeigen, ist es mir deutlich zu steril. Architektonisch wertvoll sind die Betten in Kabinen à 4 Betten angeordnet, eine Seite an der Wand, mit Blick auf den nächsten Kabinenblock. An den Seiten pro Block ein Waschbecken und eine Dusche. Ich neble mit meinem heißen Duschen also gleich mal fröhlich den ganzen Schlafsaal ein, aber es geht wohl nicht anders. Zwar bietet die Bettenanordnung größtmögliche Intimität, andererseits bekommt man auch von sonst niemandem etwas mit. Keine Ahnung, wer in den anderen Kajüten versorgt ist. Ich denke sehnsuchtsvoll an Schlafsäle à la Nájera, wo man mit einem Blick die 50 anwesenden Pilger in den unteren Betten und mit einem weiteren Blick den Rest in den oberen Betten überblicken konnte.

So ergreife ich auch recht schnell die Flucht und gehe auf Stadttour. Ich mache ein paar Erinnerungsfotos und durchquere die halbe Stadt auf der Suche nach einem schönen Supermarkt und Vorräte für morgen. Kaum habe ich die in der Herberge abgeladen, tippele ich wieder eigentlich in die gleiche Richtung zum Busbahnhof, um schon mal mein Ticket für morgen zu sichern. Auf dem Platz vor der Kathedrale (der es mir analog zu Santiago wieder angetan hat) treffe ich auf den Rotschopf von gestern mit seinen Kollegen, die sich gerade einen krönenden Kaffee mit Blick auf die Türme schmecken lassen. Cafe-erprobt, wie ich neuerdings bin, setze ich mich dazu.

Den Nachmittag bin ich aus unerfindlichen Gründen auch immer am Rumrennen, ich bin ziemlich unkoordiniert und irgendwann frustriert, dass ich fast mehr rumlaufe als an einem normalen Pilgertag. Irgendein Erinnerungsstück würde ich schon auch noch kaufen, Kitsch fällt allerdings flach. Viel anderes hat nicht geöffnet, es ist wie üblich spanische Siesta. Postkarten finde ich zum Glück (und springe zurück zum Hauptplatz, um sie dort zu schreiben), aber Briefmarken hat es dazu nicht. Ich suche und renne eine halbe Stunde auf der Suche nach einem Tabakwarengeschäft, das dann aber nicht aufmacht. Frustriert suche ich ein anderes, lande aber eine halbe Stunde später unverrichteter Dinge doch wieder bei dem Laden, bei dem dann doch endlich noch jemand gelangweilt die Tür öffnet. In einem kultigen Einrichtungsladen erstehe ich dann wenigstens noch einen kleinen Bilderrahmen, der zwar rein gar nichts mit Burgos oder dem Camino zu tun hat, aber das muss er ja zum Glück eigentlich auch nicht.

Ich möchte zum Abschluss die Messe in der Kathedrale hören, aber dort findet nur etwas in einem kleinen Seitenräumchen statt, was mich nicht wirklich erfüllt. So rase ich noch schnell zur zeitversetzt beginnenden Messe unterhalb meiner alternativen Burgos-Herberge, aber auch dort finde ich nicht die gewohnte Ruhe. Sehr wahrscheinlich liegt es daran, dass ich heute nicht am Pilgern, sondern am Rasen bin.

Recht lauffrustriert, erschöpft und mit dem Gefühl, nun wirklich alles erledigt zu haben, gehe ich endgültig zurück in die Herberge. Im riesigen Saal im Erdgeschoss hat es zwar Tische, leider aber keine Küche, sodass die zahlreichen Pilger alle recht unkoordiniert aus irgendwelchen Tüten essen. Nichts schafft mir so ein heimeliges Gefühl, als mit ein paar anderen Pilgern in einer Küche am werkeln zu sein. Immerhin hat es hier einen Überblick à la Nájera, so sehe ich z.B. die beiden netten Jungspunde von gestern wieder. Ich setze mich in meine Kajüte und mache noch ein letztes Bändel fertig, aber als ich wieder unten bin, sehe ich sie nicht mehr. Ich durchstreife die verschiedenen Stockwerke, aber die Kajüten sind wirklich blickdicht, es sei denn, man marschiert direkt hinein, und dabei habe ich zu so einer verlassenen Zeit dann auch ein eher unwohles, halbkriminelles Gefühl.

Dafür treffe ich zurück im Esssaal den wie immer unglücklich hinkenden Belgier, der mich etwas schief anlächelt. So bekommt er mein vorletztes Bändel. Er ist dermaßen ergriffen und berührt, das mir fast selber die Tränen kommen.

Auf alle Fälle fühle ich mich danach wirklich endlich richtig abgeschlossen und ein Stück weit versöhnt mit mir und meinem Camino September 08.

Am nächsten Tag geht es mit dem Bus nach Madrid und per Flieger über Genf wieder nach Hause.

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Gleich zu Beginn des Tages stehen die Montes de Oca auf dem Programm, einige Stunden ein Hauch von Wildnis ohne menschliche Besiedlung. In früheren Zeiten nicht ganz ungefährlich, ein Wald voller Wegelagerer und Wölfe. Ein ganz kleines bisschen habe auch ich Respekt, als ich am frühen Morgen im Nebel durch die völlige Einsamkeit laufe. Der Nebel hält sich hartnäckig den ganzen Morgen, es ist eher feucht und kühl, sodass ich den Weg ziemlich unbesehen langpresche. Der Weg wird eingerahmt von Heidekraut und knorrigem, kleinen Gebüsch – und endlos vielen Spinnennetzen, die bei dem feuchten Wetter tautropfig bestens sichtbar sind. Fast zu schnell ist eine Anhöhe erreicht und die Vegetation ändert sich; statt des pittoresken Strauchtums geht es ein breite, rote Piste entlang, die beiderseits von Wald gesäumt wird. Laut meines Führers wurde sie als Brandschneise angelegt, und ich komme nicht umhin, mir vorzustellen, wie es sich hier im Brandfall für einen Pilger anfühlen würde.

Nach 2 Stunden geht es durch einen an Schweden erinnernden Nadelwald auf San Juan de Ortega zu. Als sich der Wald endlich lichtet und den Blick freigibt auf den Turm der Kirche, kann ich fast die Erleichterung der früheren Pilger nachvollziehen, diese Waldpassage überstanden zu haben. San Juan de Ortega ist leider auch ziemlich neblig verhangen verlassen, sodass ich mich gleich weiter auf den Weg mache. Wie üblich komme ich also viel zu früh an meinem heutigen Tagesziel in Atapuerca an.

Allerdings gerade rechtzeitig, um das Klingeln eines fahrenden Bäckers zu hören. Nachdem ich gestern schon nicht gerade opulent eingekauft habe und es auch heute keine Einkaufsmöglichkeit auf dem Weg hatte, trifft sich ein Brot ganz hervorragend. Etwas anderes hat der Bäcker leider ohnehin wieder nicht, obwohl ich für einen Moment die vage Hoffnung auf irgendetwas Süßes, Klebriges, Fruchtiges hege. Neben mir hält mit quietschenden Bremsen ein Peregrino mit Rennrad, und nachdem es nur Riesenbrote hat, einigen wir uns spontan, ein Brot zu teilen.

Dann stehe ich auch schon wieder allein in einem weitgehend ausgestorbenen Örtchen, mein halbes Baguette in der Hand. Ich entschließe mich spontan, doch nochmal einer Bar einen Besuch abzustatten. Während ich mir mühsam einen cafe con leche auf Spanisch abbreche, meint der Inhaber ziemlich ungerührt, ich könnte ja auch Deutsch sprechen. Er ist auch Deutscher. Ich sitze etwas unwohl in der Bar, während in einer Ecke ein Rudel deutscher Pilger laut kichernd und erzählend eine Riesengaudi hat. Irgendwie fühle ich mich wohler mit meinem Rucksack irgendwo wandernd in der Wildnis.

Der Inhaber ist auch nicht so ganz mein Ding, seine kurz angebundene, sarkastische Art irritiert mich in meiner momentanen Verunsicherung zusätzlich. Er ist überrascht, dass ich meinen Kaffee schon runtergestürzt habe und meint, ich solle ja nicht in die große Herberge gehen. Eine Straße weiter hätte es eine Frau, die ganz, ganz urige Unterkünfte vergibt, allerdings nicht so ganz offiziell, weil sie nicht den großen Ansturm will. Deswegen würde auch kein Schild dranstehen. Mit diesem Geheimtip mache ich mich also frohen Mutes auf die Suche. An der dortigen Gartenpforte steht allerdings „heute geschlossen“. Ich tappe noch ein wenig unentschlossen in Atapuerca herum, bevor ich mich nochmal zu einem (diesmal gleich) Milchkaffee und einem Pain au Chocolat hinreißen lasse, um zu vermelden, dass das besagte Schmuckstück heute nicht offen hat. Doch, doch, das würde sie immer hinschreiben. Oft würde sie einfach erst später aufmachen oder sich erstmal in Ruhe aus ihrem Garten aus anschauen wollen, was für Pilger da denn so Interesse haben. Ich solle einfach noch etwas abwarten, so wie auch die eingeschworene, heitere Pilgermeute, die immer noch in seinem Cafe sitzt und auch auf Öffnung dieser Unterkunft spekuliert.

Ich probiere nochmal mein Glück, aber nachdem sich immer noch nichts regt, ist es mir irgendwann auch zu dumm, mich stundenlang davor rumzudrücken und auf eine gnädige Eingebung zu warten. Zumal ich eh nicht weiß, ob ich mich in einer kleinen, wunderschönen Herberge mit der Gruppe aus dem Cafe so wohl fühlen würde.

Ich checke in der großen Herberge ein, es hat viele Zimmer und viele Bäder und ist generell sehr sauber und chic. Dafür fehlt natürlich fast schon wieder der anheimelnde Pilgercharme und die „Seele“ der Herberge. Ich bin bisher die einzige, ich dusche und wasche in Ruhe und langweile mich ein bisschen. Ich blättere im Gästebuch der Albergue und stoße durch Zufall auf eine Eintragung von meinem Pilgerfreund José vom Frühling. Es ist so ganz typisch er, mal wieder voller Glaube an Gott und Vertrauen an die Wunder des Caminos, dass ich das Gefühl habe, ihn neben mir zu haben. Irgendwie wird mir ganz komisch bei dem Gedanken, dass das ein halbes Jahr her ist und er dann einen Tag später in Burgos auf mich getroffen ist. Mir wird ganz wehmütig und schwermütig bei dieser Erinnerung.

Mitten in meine zuviel sentimientos kommt ein Pilger in die Herberge, ein spanischer junger Mann mit schlechter Laune. Sein Bein will nicht mehr so richtig, und er geht jetzt verdammt noch mal zu einem verdammten Doktor und der soll im verdammte Tabletten verschreiben. Er macht jetzt verdammt nochmal einen kurzen Tag heute, und dann hat es morgen verdammt nochmal aber wieder volles Tempo weiterzugehen. Nicht ganz das Kaliber von José.

Ich flüchte lieber aus der Herberge, zumal sich draußen auch endlich der Nebel verzogen hat und die Sonne strahlend scheint. Just in diesem Moment kommen die beiden Koreanerinnen wie üblich schrill kreischend und kichernd mit in die Luft gereckten Stöcken die Straße heraufgerannt. Ich bin wohl völlig konsterniert und verstehe gar nichts. Sie strahlen mich an und stochern mit ihren Stöcken. Endlich kapiere ich es. Sie tragen meine Armbändel und wollen mir die in die Luft gereckt zeigen. Zum Glück hat sich dabei niemand die Augen ausgestochen. Sie bedanken sich nochmal überschwänglich für alles (quasi für meinen nicht nötig gewordenen Telefonanruf) und machen sich weiter auf den Weg nach Burgos, wo dann irgendwie doch noch der Koreaner für den Reiseführer ist und alles gut wird. Ich muss irgendwie innerlich grinsen. Die beiden waren eine sowohl bemerkens- als auch liebenswerte Begegnung.

Ich setze mich auf der anderen Straßenseite gegenüber der Herberge in eine kleine Sitzgruppe, wie üblich mit meiner Bändelwolle, meinem Tagebuch und zum letzten Mal meinem Führer. Schon ein paar Minuten später werde ich auf einen Pilger aufmerksam, der mit suchendem Blick in die Herberge schaut. Wir erkennen uns gegenseitig sofort als bekannt, aber ich muss erst einen Moment nachdenken, um ihn einordnen zu können. Er gehört zu der Gruppe der 4 Deutschen ganz vom Anfang aus Zubiri, und obwohl ich mit ihm selber nicht viel zu tun hatte, freut es mich unheimlich, ihn nach 10 Tagen plötzlich wiederzusehen. Ich frage nach den anderen. Die weibliche Komponente hätte direkt in Pamplona auch schon wieder aufgehört, ihr Ding wäre es nicht gewesen. Aber mein Rotschopf, ja klar, der wäre noch mit dabei. Zwar knielädiert und am Jammern, aber der käme jetzt sicher auch gleich. Ich gehe begeistert mit ihm hinunter an die Straßenkreuzung, und wirklich, ein paar Minuten später haben wir ein freudiges und unerwartetes Wiedersehen. Er ist wirklich ziemlich am Jammern und nicht in der besten Stimmung, aber auch für sie geht es ja nur bis Burgos, und das wird er schon noch hinbekommen. Ich überreiche ihm ein Bändel, auch wieder sehr froh, ihn dazu nochmal getroffen zu haben. Irgendwie war er mein erster Sonnenschein und Rettungsanker des Caminos.

Obwohl die meisten heute weiterlaufen, füllt es sich gegen Nachmittag dann doch noch. Eine sehr beeindruckende Begegnung habe ich mit zwei sehr jungen Deutschen von nicht einmal 20 Jahren, die sich zu meiner Bank setzen. Mein erster Blick verheißt nichts Gutes, der eine sieht gestylt aus wie für eine Raveparty. Wir kommen ins Gespräch, und ich bin total baff. Die beiden haben einen Tiefgang und ein christliches Selbstverständnis, wie ich es sonst nicht einmal bei dreifach so alten Pilgern antreffe. Völlig selbstverständlich plaudern sie von Taizé und ihren Suchen im Leben und was ein guter Pilger so mitbringen sollte und was sie alles berührendes bisher erlebt haben. Sie haben definitiv den Blick und das Herz eines Pilgers. Ich unterhalte mich sicher eine Stunde und bin hinterher spirituell und seelisch erfrischt und belebt wie selten zuvor.

Irgendwie schließt sich heute ein Kreis nach dem anderen. Kaum sitze ich wieder allein, kommt schon wieder ein vage bekanntes Gesicht an meine Bank gehumpelt. Das Humpeln ist das gleiche wie die langen Kilometer in Pamplona vor mir. Leider hat sich auch an der Stimmung noch nicht viel gebessert, er ist immer noch unsicher und leise und irgendwie ziemlich jämmerlich. Kein Wunder, wenn er sich seit 2 Wochen mit Schmerzen den Camino entlangschleppt. Er spricht es nicht direkt aus, aber ich habe den Eindruck, dass er bisher noch keine Antworten und Erfüllung gefunden hat, er wirkt ein ganz kleines bisschen einsam und verzweifelt und hoffnungslos. Irgendwie tut er mir sehr leid. Ich habe ja auch ab und zu meine Hoffnungslosigkeit oder meine Blasenprobleme, aber vergleichsweise doch sehr durchsetzt von Momenten, in denen ich schwebe oder mich himmelhochjauchzend beseelt fühle. Meist kommt doch postwendend nach jeder blöden Stimmung irgendein Pilger in meine Reichweite, der mich wieder aufheitert oder bereichert oder mir Kraft spendet. Der Belgier hier scheint in den zwei Wochen noch so gut wie keinerlei Kontakte geknüpft zu haben, was mir schleierhaft ist, da er gut Englisch spricht und als aktuell in Spanien lebend ja wohl auch Spanisch. Dass ich ab und zu jämmerlich, graugesichtig und mager einen Jammerlappen abgebe, erscheint mir nur natürlich, aber einen muskulösen 2-Meter-Schrank von 40 Jahren dermaßen eingeschüchtert zu sehen, tut mir in der Seele weh.

In meinem Zimmer entdecke ich begeistert ein Handy in der Steckdose laden, das genau mein Ladekabel trägt. Ich habe praktischerweise keins mitgenommen, weil ich dachte, es würde die 2 Wochen überstehen. Gestern vor den Oca-Bergen muss es aber derart wild nach Empfang gesucht haben, dass es sich völlig verausgabt hat. Das Ladekabel gehört dem netten Pilger mit Rave-Optik und ich darf im Anschluss laden.

Abends esse ich mit dem Großteil der Pilger die von der Herberge angebotene Paella. Es schmeckt gut, ist aber eine recht kommerziell geprägte Abfertigung. Ich habe (wie auch generell noch sehr oft) das Essen bei Acacio und Orietta im Hinterkopf und bin natürlich ein bisschen enttäuscht. Ich bin wohl generell eher gemacht fürs Selberkochen oder gemeinsam mit den Hospitaleros Kochen und Essen.

Heute schlafe ich sehr zufrieden und irgendwie glücklich abgeschlossen ein. Dafür, dass ich einen Camino ohne Freunde gehe, waren es heute doch sehr viele bekannte Gesichter und schöne Begegnungen.

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