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Archive for the ‘Jakobsweg Okt./Nov. 2010’ Category

Die Nacht ist erwartungsgemäß wenig erholsam. Irgendwie ist es zu warm, sodass ich zwischenzeitlich meine Füße aus dem Schlafsack strecken muss. Die Spanier sind in Feierstimmung und erst weit nach Mitternacht etwas ruhiger. Und ich schaue alle halbe Stunde panisch auf mein Handy, ob ich nicht vielleicht doch verschlafen habe.

Mein Wecker klingelt kurz nach 4, zu einer völlig gestörten Zeit. Ich schleppe alles unten in den Essensraum und packe, um mich um 4.30 auf den Weg zu machen. Ich fühle mich in der Herberge wie der letzte Alien, und um diese Zeit loslaufen ist natürlich auch wieder gegen mein Wohlgefühl und nicht unbedingt beruhigend. Während ich nachts alle halbe Stunde geschaut habe, ob ich schon aufstehen muss, schaue ich nun alle halbe Stunde auf mein Handy, um zu überprüfen, wie ich in der Zeit liege und ob alles hinkommt. Laut Führer habe ich 5 1/4 Stunde vor mir, ich will noch einen kleinen Abstecher zu den Statuen auf dem Monte de Gozo machen und muss in Santiago vor der Messe um 12 meine Compostela abholen und einige Einkäufe machen. Mir brummt der Kopf, ich bin in Gedanken bereits die Straßen von Santiago ablaufen und überhaupt nicht mehr im hier und jetzt. Was aber auch nicht weiter schlimm ist, zum einen ist es eh noch dunkel, zum anderen ist die letzte Etappe entlang der Rundfunkanstalten auch nicht so furchtbar malerisch.

So gestresst, wie ich durch die Gegend presche, liege ich natürlich super in der Zeit. Die morgendliche Dunkelheit wird heute leider abgelöst von einer ziemlich grauen Nebelsuppe, die pünktlich zum Monte de Gozo auch noch in einen leichten Nieselregen mündet. So ist auch dieser Moment dann wieder völlig anders und neu, von Freude keine Spur. Die Denkmäler wirken im Regen recht trostlos, weit und breit keine anderen Pilger, und mir fehlt natürlich auch die Ruhe und innere Einstellung, um mich davon so richtig berühren oder bewegen zu lassen.

Santiago ist noch regnerisch verschlafen, der sonst so touristisch bevölkerte Kathedralenplatz ist leer. In einer Ecke wird die Bühne vom gestrigen Papstbesuch abgebaut, eine komische Stimmung. Auf meinem Weg zum Pilgerbüro laufe ich plötzlich in den strahlenden Blondschopf Markus 1 hinein, den ich eigentlich nur einmal bisher in Ruitelán gesehen habe. Er ist schon seit 2 Tagen da, ist bis Santiago mit dem anderen Markus gelaufen und hat gestern nun so richtig den Papstbesuch genossen. Sie haben ab dem frühen Morgen auf dem Platz ausgeharrt, 8 Stunden, um dann auch ja einen guten Blick zu haben. Und er wäre dann so nah am Papst dran gewesen, ein Erlebnis für die Ewigkeit. Markus sieht eigentlich so aus, als würde er eher in schicki-micki-Clubs abhängen und sich höchstens über eine Beförderung in die Chefetage oder einen neuen Porsche freuen. Umso sympathischer ist mir sein grenzenloser Enthusiasmus über das gestrige Erlebnis. Markus 2 ist bereits nach Finisterre aufgebrochen. Schade, ich hätte ihn sehr gern nochmal gesehen. Gleichzeitig bin ich aber auch seltsam ergriffen und berührt. Plötzlich ist mir unser Gespräch beim O Cebreiro wieder lebhaft vor Augen, von seiner Verzweiflung – oder doch schon eher Entschlossenheit -, diesmal etwas fertig bringen zu wollen, diesmal den Camino zu beenden und in Finisterre sein altes Leben hinter sich zu lassen. Ich habe nie dran gezweifelt, aber es war irgendwie noch Zukunftsmusik. Und nun ist er 2 Tage vor seinem Ziel, ich kann fast erspüren, welche Gefühlsregungen sich nun in ihm abspielen müssen.

Die Begegnung mit Markus tut unheimlich gut, er ist so strahlend verwandelt und strahlt so viel Glück und Freude aus. Trotzdem rattert mir mein Zeitplan im Kopf herum, und ich verabschiede mich erstmal zum Compostela-Holen. Anschließend trage ich mich mit dem Gedanken, die heilige Pforte zu durchqueren. Nachdem ich schon den Papst verpasst habe, wäre das eine weitere Gelegenheit, etwas zu erleben, was es so schnell nicht wieder gibt. Aber die Schlange ist mehrere hundert Meter lang. Wenn ich  mich dafür entscheide, verpasse ich wohl die Messe. Ich beschließe, dass es solche „Formalitäten“ nicht braucht, um sich als Pilger zu fühlen.

Wegen dem heiligen Jahr gibt es diesmal strengere Sicherheitskontrollen. Man darf die Kathedrale nicht mit Tasche oder Rucksack betreten, sodass ich mein Monstrum an einer Gepäckverwahrung abgebe. Ein komisches Gefühl, meine Messe ohne meinen Rucksack.

Ich stürze mich in die Souvenirläden, ich brauche einen Rosenkranz für einen krebskranken Bekannten und möchte das Kartenset kaufen, das es auf dem Camino in jeder zweiten Herberge gab. Mit Bildern vom Camino und vom Pilgern und darunter vielen weisen Sprüchen und Lebensweisheiten, die mich teilweise sehr berührt haben. Das mit dem Rosenkranz ist schon unheimlich schwierig, ich habe sehr klare Vorstellungen, Rosenholz mit Rosenduft, so wie ich selber einen habe. Überall gibt es nur Plastik mit Plastikduft, was jetzt irgendwie gar nicht geht. Auch meine Karten finden sich nirgends. Ich bin frustriert und genervt, dass es hier 50 gleichartige Souvenirläden gibt, aber jeder nur den gleichen Scheiß hat. Irgendwo finden sich dann doch die Karten, allerdings auf Deutsch. Ich suche weiter, bis ich sie irgendwo doch noch wie gewünscht auf Spanisch erstehe. Ein weiteres Häkchen auf meiner „Mission Heimkommen“-Checkliste.

Langsam trudeln die ersten Pilger, die in Arca normal losgelaufen sind, ein. Als erstes sehe ich die Grinsekatze, die mich anstrahlt und voller Santiago-Euphorie ist, mich beglückwünscht und jetzt vor allem in Feierlaune ist. Ich ziehe mich mit einem pauschalen „ja, ja“ aus der Affaire. Ich bleibe ja eh nicht für die ausgelassenen Feiern am Abend, und das erfüllt mich im Moment auch nicht mit Reue. Wenig später treffe ich Matthias. Er ist wie üblich nicht ganz so ausgelassen und überschäumend. Eigentlich haben wir verhältnismäßig viel Zeit zusammen verbracht, sind uns eigentlich seit Astorga jeden Tag begegnet. Er weiß, dass ich heute schon fliege, sodass für einen Moment eine komische Abschiedsstimmung zwischen uns steht. Ich sollte nun etwas Herzliches sagen, ihn zum Abschied umarmen oder ihm ein Bändel geben, ich sehe förmlich vor mir, wie souverän und überschäumend Anke das jetzt gestalten würde. Aber ich kriege es nicht hin, wir drucksen ein komisches „Tschüss dann“, und ich bin wieder recht frustriert und niedergeschlagen von meiner sozialen Gesamtleistung.

Ein paar Meter weiter laufe ich in Lucia hinein. Die Kommunikation ist wie üblich etwas erschwert davon, dass sie statt Englisch lieber undefinierbare Grunzlaute von sich gibt. Aber auch sie ist happy, hat den Papstbesuch noch erwischt und sich damit einen riesigen Traum erfüllt. Wenigstens hier schaffe ich es, mich ordentlich zu verabschieden und ihr mein Bändel zu geben. Ähnlich wie nach dem Haargummi ist sie völlig von der Rolle und bricht schier in Tränen aus.

Ich kämpfe mich weiter in Richtung Kathedrale durch, man trifft nun wirklich alle 20 Meter auf eilige, begeisterte Pilger, die den Sprint von Arca gemacht haben, nun noch schnell die Compostela abholen und dann in die Messe wollen. Die letzten Tage hatte ich das Gefühl, niemanden mehr zu kennen, aber nun tauchen doch plötzlich noch alle möglichen Bekannten von entlang des Wegs auf. Typisch für Santiago.

Im Kathedralenshop kann ich ein weiteres Häkchen setzen. Der Rosenkranz ist zwar nicht der, den ich haben wollte, aber immerhin auch aus Rosenholz. Recht erleichtert, so ziemlich alles erledigt zu haben, steht nun nur noch „Spitzenplatz im Seitenschiff Sichern“ auf dem Programm. Ich habe Glück und finde einen Platz direkt am Gang in der zweiten Reihe.

Die Kathedrale ist proppenvoll, vor allem mit Touristen. Die Gänge sind gestopft voll mit laut erklärenden Führern und ihren Schirmchen, ständig wird geknipst und geblitzt, die Geräuschkulisse ist gewaltig – und wenig stimmungsvoll. Oder vielleicht liegt es an mir. Zu viele Häkchen und Abfahrtszeiten im Kopf.

Die Messe berührt mich wenig, diesmal bin ich ja ohnehin nicht so gut darin, Gott in Kirchen zu begegnen. Als der Botafumeiro geschwenkt wird, versuche ich von meinem tollen Platz aus, ein gutes Foto zu schießen bzw. versuche sogar ein Video. Ernüchtert stelle ich später fest, dass ich zum einen kein scharfes Foto erhalten habe, erst recht nicht die Stimmung darauf festhalten konnte und jegliche Stimmung eigentlich dadurch verpasst habe, dass ich die ganze Zeit wie wild an irgendwelchen Knöpfen gedreht habe und den kleinen Monitor im Blick hatte.

Draußen hat sich mittlerweile doch ein bisschen die Sonne durchgesetzt. Ich habe noch etwa eine Stunde, bevor ich zum Busbahnhof muss, so versuche ich, noch ein bisschen die Stimmung zu genießen. Plötzlich steht Joaquin vor mir, ich brauche ewig, bevor ich es kapiere. Er wollte doch eigentlich heute früh mit seiner Mutter nach Portugal abfahren, deswegen habe ich ihn überhaupt nicht mehr auf meiner Liste der hier zu erwartenden Gesichter. Er fliegt mir begeistert um den Hals und drückt mich eine halbe Ewigkeit, was mich etwas perplex macht. Da ruft auch schon ein Rudel kleiner Spanier seinen Namen, als wäre er ein Promi. Nun ist er etwas perplex, er scheint sie nicht wiederzuerkennen. Doch, doch, er wäre doch der mit der Glatze. Sie haben mit Anke übernachtet, und sie hat ihnen das Video von seinem Friseurbesuch vorgespielt. Vorauseilende Prominenz. Joaquin begrüßt seine neuen Fans gewohnt offen und herzlich und stellt mich auch gleich mal als eine liebgewonnene Freundin vor, die ihn die letzte Zeit auf dem Camino begleitet hat und wo er jetzt so von der Rolle ist, mich nochmal zu sehen.

Kurz darauf gesellt sich eine kleine Frau zu uns, die sich als seine Mutter herausstellt. Ich werde wieder ähnlich blumig und überschwänglich vorgestellt, bin aber einfach sehr neben der Kappe. Hier geht mir gerade alles etwas zu schnell bzw. ich bin nicht in meinem üblichen, sortierten, langsamen Peregrina-Frieden. Joaquins Mutter ist auch so ganz anders, als ich sie mir vorgestellt hätte. Sie ist überaus normal und höflich und unauffällig, ich hätte mir eigentlich ein paar Alfalfa-Tabletten oder zumindest eine Hippie-Frisur vorgestellt. Beide fragen mich begeistert, ob ich nicht noch den Nachmittag mit ihnen verbringen will, sie wollen gerade in eine Ausstellung im Parador. Ich bin froh, dass ich so oder so verneinen muss. Ich werde mit einer weiteren langen Umarmung wehmütig entlassen, gehe meinen Rucksack abholen, setze einen weiteren Haken unter „Santiago-Torte-Kaufen“ und mache mich dann doch sehr wehmütig auf in Richtung Busbahnhof. Ich kehre der Kathedrale nur ungern den Rücken, und auch diesen vielen Menschen, mit denen ich die letzte Woche verbracht habe. Ich treffe noch die Kanadierin von Villafranca del Bierzo, es ist unglaublich, wie viele Begegnungen ich eigentlich schon vergessen hatte und nun wiedererkenne. Ich kann mich auch eines Gefühls vieler verpasster Chancen nicht erwehren.

Am Busbahnhof überkommt mich eine große Melancholie. Die Begegnung mit Joaquin hat mich sehr aus der Bahn geworfen. Den ganzen Camino über hatte ich das Gefühl, ihm ziemlich auf den Geist zu gehen, Anke und er waren weniger Freunde für mich, als vor allem Denkanstöße, die mich immer wieder über mich selbst nachdenken haben lassen. Mir kommt eine Strophe aus „Weit wie das Meer“ in den Sinn:

***

Und doch sind Mauern zwischen uns und andern, wir sehn einander nur durch Gitter an.

Unser Gefängnis ist das eigne Wesen und seine Mauern nichts als unsre Angst.

***

Meine Flüge klappen reibungslos, um 19 Uhr bin ich in Madrid, um 22 Uhr in Zürich, kurz nach Mitternacht zu Hause. Ich bin ziemlich erschlagen, zum einen von den vielen Eindrücken und Lehren, die ich erstmal verarbeiten und verinnerlichen muss, zum anderen von diesem übervollen Tag. Am Morgen noch zu Pilgern und abends schon wieder zu Hause zu sein, das ist ein ziemlich abruptes Ende für eine entschleunigte Pilgerreise.

Irgendwie entschleunigt bin ich aber trotz allem irgendwie, und hinter einem Haufen wirrer Gedanken und viel Material macht sich eine solide Gelassenheit breit.

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Ich schlafe schlecht, ich bin innerlich in planerischer Panik wegen den kommenden beiden Tagen, die ich schnell laufen muss. Den letzten, um pünktlich in die Messe und auf meinen Flieger zu kommen, den heutigen, um sicher meinen Platz in der Herberge von Arca zu bekommen. Mit mir übernachten hier über 50 Leute, und in Arzúa mit einer guten halben Stunde Vorsprung sicher das Vierfache. Ich werde wieder von meiner alten Herbergspanik heimgesucht.

Ich frühstücke im Aufenthaltsraum meine klebrige Schneckennudel aus Mélide und vernichte einen halben Liter Orangensaft. Danach ist mir so schlecht, dass ich das süße Brot von gestern lieber gleich in der Herberge lasse. Direkt neben mich hat sich noch eine Koreanerin platziert, die völlig ungerührt Blasenchirurgie betreibt und ihr Betadine und ihre Kanülen fröhlich zwischen meinem Frühstück ablegt. Heute bin ich wohl zart besaitet.

Meine erste halbe Stunde habe ich in Ruhe, treffe in Arzuá dann aber wie zu erwarten auf Unmengen Pilger in Aufbruchsstimmung. Es ist ein Pulk sondergleichen, und ich bin ständig am die Lage nach hinten Checken für ein WC-Päuschen. Es dauert bestimmt eine halbe Stunde, bis sich endlich eine kleine Lücke ergibt.

Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass heute unheimlich viel „billiges Fußvolk“ unterwegs ist. Das meiste sind nicht einmal 100km-Pilger, sie laufen ganz ohne Gepäck oder mit Minirucksack. Und unheimlich schnell. Vermutlich wollen sie die kommenden beiden Etappen in einer machen und dann zum Papstbesuch in Santiago eintreffen. Während ich vor mich hintrotte, denke ich sehnsüchtig daran, wie leichtfüßig auch ich gestern ohne meinen Rucksack und meine Wanderschuhe durch die Gegend geflogen bin.

Sicherheitshalber sammle ich auf den letzten 100km zwei Stempel täglich, sodass ich heute ausnahmsweise irgendwo zwischendrin in einer Bar einen Stempel holen gehen muss. Vor mir erstürmt schon eine Gruppe die Location, in der bereits ein Haufen Pilger ein wildes Gewurstel am Tresen veranstaltet. Es ist eine Geschiebe und Gedränge und Credencialgefalte und -verstauen sondergleichen. Die Spanierin vor mir packt sogar ein vorgefaltetes Kunstwerk aus ihrem Umhängeklarsichtbeutel, fast 10 Credenciales so zusammengefaltet, dass sie sie im Akkord stempeln kann. Dann rennt sie auch schon wieder unter Ellenbogeneinsatz aus der Bar hinaus, wahrscheinlich, um ihre Gruppe wieder einzuholen. Der Großteil der Credenciales wurde wohl für Leute gestempelt, die den Camino überhaupt nicht zu Fuß begehen.

Der Inhaber der Bar lächelt etwas mühsam gequält. Wahrscheinlich erlebt er das täglich rund um die Uhr. Ich bin ja schon ganz verdattert von diesem kurzen Moment und stempele bedächtig mein Werk, als endlich einmal alle weg sind.

Kurz nach Mittag und gefühlte 1000 schnelle Pilger später biege ich angstvoll um die Ecke zur Herberge, wo aber erst erstaunliche 5 Pilger auf Einlass warten. Also habe ich die schnellen Pilger wohl intuitiv richtig eingeschätzt.

Die Herberge in Arca war wirklich jedes Mal ein Etappenziel von mir, ich fühle mich ein Stück weit schon zu Hause in den Gängen, der Küche, meinem Privatbadezimmer und dem kleinen Supermarkt. Und doch ist jedes Mal völlig anders, andere Stimmung, anderes Setting, andere Leute, andere Gedanken. Heute erscheint mir die Herberge sehr schmutzig und trostlos, was mich nicht weiter wundert. Ich fühle mich überhaupt nicht mehr wie eine Pilgerin, komme mir wie ein Fremdkörper vor in dem rasant zunehmenden Trubel. Alle scheinen sich zu kennen, alle lechzen nach Ankommen und nach Santiago, sind fast high. Ich dagegen bin völlig sachlich abgeklärt, habe den ersten Schritt meiner „Mission Heimkommen“ hinter mich gebracht und meinen Schlafplatz gesichert. Nun muss ich noch Internet finden, um meine Flüge zu überprüfen. Morgen um diese Zeit bin ich nicht selig am Ziel meiner Träume in Santiago, sondern bereits auf dem Heimflug. Ein bisschen traurig macht es mich, dass sich heute oder schon gestern die peregrina unbemerkt verabschiedet hat, aber andererseits bin ich auch erstaunlich gelassen. Nach meinem dicken Bein haben sich auch die verträumten Santiago-Illusionen mit einem Schlag verabschiedet; ich bin froh, dass ich es nun überhaupt zu Fuß in einem Stück nach Santiago schaffen werde.

Internet finde ich in einer privaten Herberge, wo ich auch Matthias treffe. Er logiert dort mit der Grinsekatze, und ich muss mich schon fast über mich selber wundern, dass ich fast ein bisschen traurig über meine Herbergswahl bin, wo ich nun wirklich gar keinen kenne. Meine Herberge ist fest in spanischer Hand, während sich hier sämtliche Koreaner und Nichtspanier zurückgezogen haben. Aber allein die Tatsache, dass der Empfang an einen Bankschalter erinnert, erwärmt mir nicht gerade das Herz.

Ich koche mir eine Abschlußpaella, die heute aber irgendwie eine merkwürdige Konsistenz hat, komisch schmeckt und sich nicht allzu grandios anfühlen will. Ich fühle mich unter all den Spaniern irgendwie unwohl. Sie reden untereinander so schnell und laut und hektisch, dass ich nichts verstehe. Aus unerfindlichen Gründen fühle ich mich ausgestellt und beobachtet, weil ich nicht so recht zur Masse gehöre. Ein Phänomen, welches ich sonst typischerweise nur vom ersten Tag auf dem Camino kenne.

Ich stelle meine Schuhe und Socken schon im Gang parat und aktiviere mein Handy, um für morgen früh den Wecker zu stellen. Morgen das Finale der „Mission Heimkommen“.

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Die erkältete Spanierin neben mir schnarcht, dass die Wände wackeln, und als sie morgens im Schlaf auch noch herzhaft ungebremst Nies- und Hustenattacken bekommt, flüchte ich kurz vor 7. Ich warte brav bis 7.30, bevor ich mich auf den Weg mache. Heute ist es klar, kein Nebel, dafür ein bisschen Wind. Die ersten Stunden bleibt es ruhig, ich werde nur sehr vereinzelt von Pilgern überholt. Ich bin in einer komischen Stimmung, eine Mischung aus traurig, niedergeschlagen, resigniert oder ernüchtert. Anke ist weit hinter mir, Joaquin weit vor mir, ich werde sie nicht mehr treffen. Und sonst kenne ich eigentlich niemand. Auch Santiago weckt keine allzugroße Vorfreude in mir. Durch meine Stückelung fühle ich mich ein bisschen wie ein Kurzstreckenpilger, nicht so gewachsen, als wäre ich 3 Wochen lang jeden Meter auf mein Ziel hingelaufen. Und mein letzter Tag wird wohl weniger langsames, besinnliches In-mich-Hineinfühlen, sondern eher eine koordinatorische Meisterleistung, um rechtzeitig auf meinen Flieger zu kommen.

In Mélide mache ich einen feierlichen Großeinkauf in meinem Stammsupermarkt und breite mich ebenfalls an meinem Stammplatz am Ortsausgang vor einer Kirche aus. Zu Schafskäse und edlem Lomo habe ich mir leider versehentlich ein süßes Rosinen-Nuss-Brot gekauft, was das stimmige Gesamtkonzept etwas ins Wanken bringt.

Heute habe ich mal wieder wunderbares Wetter und fühle mich mit Zitronenbäumen und Weinreben sicher nicht wie November. Typisch für Galizien wimmelt es von den Hórreos, den Kornspeichern. Zum ersten Mal stehen einige offen und sind auch wirklich mit corn, mit Mais bestückt.

Heute bin ich ziemlich unschlüssig bezüglich meines Tageszieles. In Ribadiso bin ich viel zu früh, sonst ist noch niemand da, und nach der gestrigen Nacht möchte ich einfach mal wieder einen Haufen Pilger um mich haben und ein bisschen Trubel. Ich setze mich erstmal in den Schatten auf die Brücke und warte ab.

Ein paar nett aussehende Spanier stürmen die Herberge und halten ihre Füße in den kühlen Bach. Ich entscheide mich spontan, auch hierzubleiben. Kaum habe ich eingecheckt, packen sie auch schon wieder zusammen. Sie haben nur mal kurz die Füße erfrischt und laufen nun natürlich noch weiter. Ich bin leicht verzweifelt.

Die Herberge ist eigentlich wirklich wunderschön. Abgesehen von dem tollen Bach faszinieren mich die hellblauen Pferdestalltüren und der verschachtelte, über mehrere Ebene verteilte Schlafsaal. Zum absoluten Wohlgefühl würden einfach ein Supermarkt, eine eingerichtete Küche und nette, bekannte Gesichter fehlen.

Ersteres nehme ich kurzentschlossen mal wieder in Angriff, ich laufe nach Arzúa. Ich fühle mich ausgesprochen leicht und beschwingt, was sicher am fehlenden Rucksack und dem Wissen um die kurze Strecke liegt. Und daran, dass ich langsam die Sorgen um meine Beine und Vorsicht und Schonung abgelegt habe.

Ich kaufe wie üblich viel zu viel, zwei riesige Tüten, es ist schon fast schwer zu tragen (und im Nachhinein weiß ich immer gar nicht mehr, wie ich das alles essen soll). Unter anderem habe ich mir auch eine Tüte Schokobons gegönnt, die ich während meines Rückwegs schon einmal anbreche. Mir kommen die ersten Pilger entgegen, völlig abgekämpft vom Berg, dem langen Tag, der Verzweiflung, wann denn endlich Arzúa auftauchen könnte. Beim Anblick einer Pilgerin mit Supermarkttüten schöpfen sie neue Hoffnung, und es ist schön, ihnen versichern zu können, dass hinter der nächsten Biegung wirklich schon der Ort ist. Ich drücke jedem noch ein Schokobon in die Hand und mache mich noch etwas beschwingter als eh schon auf meinen Weiterweg in Gegenrichtung.

Das mit den Schokobons war eine lustige Idee, und ich beschließe, jeden weiteren Pilger auf seinen letzten Metern damit zu beschenken. Viele kenne ich vom Sehen, manche kenne ich auch gar nicht, aber jede Begegnung ist ein Highlight, innerhalb weniger Sekunden Überraschung, ein paar Worte, Freude und ein Strahlen. Zurück in Ribadiso ist meine Tüte leer, aber ich bin erstaunlich erfüllt und beseelt von meiner kleinen Aktion. Vielleicht weniger vom Schokoladeverteilen an sich, sondern von dem Gefühl, dass man sich gleich besser fühlen kann, wenn man offen auf andere Menschen zugeht bzw. sich nicht um sich, sondern um seine Mitmenschen sorgt. Eigentlich keine neue Erkenntnis, aber es kommt mir vor wie eine kleine Lektion von oben, ein kleiner Reminder.

Passend dazu, wie eine kleine Belohnung, ist Ribadiso bei meiner Rückkehr mit einem Schlag recht belebt und mit Trubel erfüllt. Trotz meiner Lektion in Sachen Offenheit ist mir nicht danach, mich voll ins Kennenlernen zu stürzen. Dafür ist dieser Camino vielleicht schon zu weit fortgeschritten oder diesmal einfach auch mit anderen Lehren und Erfahrungen gefüllt. Ich sitze in der Abendsonne bei lauter Caminodelikatessen wie Artischocken aus der Dose, Crema Catalana, einer Kaki und Schweppes Lemon, plaudere den ein oder anderen kurzen Smalltalk, bin aber eigentlich sehr zufrieden mit meinem freundlichen Trubel um mich herum, ohne voll darin eintauchen zu müssen.

Gegen Abend zieht Nebel auf, sodass ich mich recht bald in den Schlafsack verziehe. Die Südafrikanerin aus Sarria kommt jetzt erst angepilgert. Etwas aufgedreht erzählt sie, dass sie ja die letzten Tage mit diesen „party people“ verbracht hätte, und da hätten sie heute vor lauter Feiern dann die Zeit vergessen. Die party crew hat dann ein Taxi nach Arzúa genommen, aber soweit geht ihre Partybegeisterung dann doch nicht, sie ist doch noch so lange gelaufen, wie sie etwas sehen konnte.

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Um 6 wache ich zum ersten Mal auf. Um 7 bin ich dann endgültig wach und ergreife auch recht zügig die Flucht, bevor die ganzen Mädels wieder zu schnattern beginnen.

Wie üblich ist es bescheuert, im Stockdunkeln zu laufen. Ich bin wieder einen Hauch von neurotisch, höre überall Geräusche und habe Angst vor Hunden. Ich bin wirklich erleichtert, als es heller zu werden beginnt. Auch heute hat es wieder sehr dichten Nebel, alles ist watteweiß.

Ich bin wieder in aufgeregter Fotografierlaune. Nicht nur blauer Himmel und strahlender Sonnenschein lassen mein Herz höher schlagen, mittlerweile habe ich auch meine Freude an Nebelspielen und Wassertropfen, Spinnweben und kleinen Details wie einer wunderschönen Passionsblumenblüte (und ich bin ehrlich erstaunt, was ich Anfänger mit meiner Digitalkamera alles zustande bringe). Wieder faszinieren mich auch die Hórreos, die galizischen Getreidespeicher. Es sind nur Speicher für Maiskolben, aber die Version meiner Pilgerfreundin Bärbel, dass die Leute da ihre Toten drin aufbewahren, geht mir vor allem in diesem stillen Morgennebel auch nicht ganz aus dem Kopf.

Nach einer Weile ist der kurze Moment gekommen, in dem die Wattewolken mit der Sonne kämpfen. Ich mache es mir auf einer Leitplanke gemütlich, esse meine gestern eingekauften Cremeschnittchen und trinke meine Tetrapaks Kakao.

Hinter mir lichtet sich der Nebel bereits und gibt den Blick frei auf einen strahlend blauen Himmel. Der Weg, den ich gekommen bin, liegt dagegen noch komplett im Nebel. Ich bin früh losgelaufen und habe bisher keine Menschenseele getroffen. Dass vermutlich alle das morgendliche Hellerwerden abgewartet haben und eine halbe Stunde nach mit gestartet sind, wird mir nun bewusst, als fast im Sekundentakt ein Pilger durch die Nebelwand bricht. Mich passieren unglaubliche Massen unglaublich schneller, hektischer und betriebsamer Pilger, es ist fast etwas unwirklich.

Ich lasse den größten Schwung passieren. Als es wieder ruhiger wird, mache ich mich wieder auf den Weg, immer noch mitten an der Grenze zwischen Nebel und Sonne. Auf der anderen Straßenseite sieht irgendetwas merkwürdig aus, seltsam blendend hell. Die Gruppe Spanier, die hinter mir entlanggestoben kommt, ruft sich hektisch „arco iris!“ zu. Ein Regenbogen, der direkt auf dem Acker vor mir endet, und den ich als solchen erst richtig sehe, als ich ein paar Schritte zurücktrete.

Meine Stimmung schwankt  zwischen fasziniert von der beeindruckenden Schönheit des Wegs und etwas desillusioniert von den Pilgerscharen. Es geht recht eintönig an der Straße entlang, vor und hinter mir hat es hektische Pilgergrüppchen, soweit das Auge reicht. Ich kenne so gut wie niemanden von ihnen, und sie sind unheimlich schnell und gestresst und laut. Ich muss schon wieder an Bärbel denken – dass man als Pilger nach ein paar Wochen nicht mehr geht (oder gar hetzt), sondern schreitet. Ich vermisse dieses bedächtige, nachdenkliche, ruhige, in sich gekehrte Schreiten, das ich die vergangenen 2 Wochen beobachten durfte.

Irgendwann ist alles Schnelle an mir vorbei, und ich laufe lustigerweise auch wieder in kompletter Ruhe und Einsamkeit.

Irgendwann holt mich Joaquin ein. Heute ohne Anke. Er möchte oder muss sich beeilen, er will seine Mutter bereits am Samstag in Santiago treffen, Sonntag früh geht ihr Bus nach Portugal. Die Mutter ist offensichtlich irgendwie auch auf dem Camino (oder auch wieder nicht, mit dem Bus, Joaquin ist klar auskunftsfreudig wie immer), er will heute bis Mélide. Anke dagegen hat beschlossen, dass es ihr nichts bringt, so früh anzukommen, sie hat ja ihren Mann ein oder zwei Etappe hinter sich. Nachdem sie „ihr Santiago“ schon im Frühling hatte, will sie es ihrem Mann offen lassen, ob er „sein“ Santiago lieber allein erlebt oder ob sie gemeinsam die letzte Etappe gehen wollen. Und dann vielleicht gemeinsam bis ans Ende der Welt.

Ich schicke Joaquin voraus. Heute nicht einmal aus schlechtem Gewissen, irgendwie habe ich heute einfach keine Lust mehr auf seine gönnerhaften, allwissenden Kommentare, auf unsere „Gespräche“, die ja eh zu nichts führen.

Heute ist es so richtig warm, ich trödele mal wieder par excellence und spiele Schwamm, der die Eindrücke und Ruhe auf den letzten Kilometern vor Santiago aufsaugt. Gestern an der 100 km – Markierung habe ich die Kanadierin mit dem transportierten Müslirucksack getroffen. Sie war gemischter Gefühle. Weniger die Freude, den Camino bald geschafft zu haben, als eher eine Traurigkeit, dass sie nun 700 km unterwegs war und sich so daran gewöhnt hat – und es nun so bald schon zu Ende ist. Mir geht es (auch mit deutlich weniger Kilometern) einen Hauch von ähnlich. Die Stimmung ist Abschiednehmen.

Als ich eine kleine Anhöhe erklimme, sitzt auf einem Steinmäuerchen Joaquin. Er hat auf mich gewartet.

Ich bin weitgehend überrascht, aber wir laufen von da ab zusammen weiter, und es geht überraschend gut. Er hat eine recht unverwüstlich gute Laune, bleibt immer wieder stehen, um bedächtig eine Blume am Wegesrand zu inspizieren und liebevoll mit seinen filigranen Fingern an seinem Strohhut zu befestigen. Der Hut ist eh schon der Knüller, vor allem, seit er einen recht stattlichen Pilz aufgelesen hat. Ich nenne ihn neuerdings nur noch Mushroom-pilgrim.

Auf Höhe der ersten Riesenherberge von Palas de Rei treffen wir auf Lucia, die mal wieder mit merkwürdigen Geräuschen mit sich selbst beschäftigt ist. Irgendwas behagt ihr nicht an ihren Handschuhen, die sie wie die meisten Koreanerinnen gegen die Sonne trägt. Und täglich wäscht. Wir machen Erinnerungsfotos (den Mushroom-pilgrim hat sie trotz fehlender christlicher Aura ins Herz geschlossen), und sie fragt, ob wir zufällig ein Gummiband hätten. Sie hat ihres verloren, und die offenen Haare, ugh oh ah. Ich packe mitten auf dem Weg meinen Rucksack aus und suche ihr mein Haargummi aus dem Kulturbeutel. Sie bricht vor Freude erst recht in undeutliche Grunzlaute aus und ist kaum mehr zu beruhigen. Sie ist schon lustig mit ihren fast 60 Jahren. Vor allem will sie heute weit laufen. Bis Mélide, warum auch nicht. Sie will unbedingt den Papst sehen. Die Chance gibt es nur einmal, und dafür probiert sie alles. Da hat sie eigentlich recht.

Mich zieht es zielstrebig zu meinem Wunderbäcker in Palas de Rei, allerdings ist es genau 14:30, und die Läden beginnen zu schließen. Ich brauche auf alle Fälle etwas zu essen, sodass ich sicherheitshalber lieber in den nähergelegenen Supermarkt springe. Ich kaufe auf die Schnelle meinen geliebten Pulpo a la marinera, ein Brot und Mousse au Chocolat. Joaquin hat beschlossen, mit mir einkaufen zu gehen, wandelt aber verträumt zwischen den Regalen, ohne so wirklich weiter zu kommen. Die Verkäuferin wird wenig dezent ungeduldig, schließlich will sie den Laden schließen. Ich wecke Joaquin aus seinen Träumen, woraufhin er zerstreut bis an die Kühltruhe an der Kasse kommt und sinniert, dass er jetzt vielleicht ein Eis möchte. Er steht minutenlang regungslos vor der geöffneten Eistruhe. Irgendwann hat er sich für ein grünes Wassereis entschieden, ja, das glaubt er, will er. Es gibt es einzeln oder im Fünferpack. Er fragt nach dem Preis und rechnet in einer Endlosschleife, dass die Großpackung ja günstiger ist. Weitere Minuten vergehen, ich kann mir einen ungläubig grinsenden Blick mit der Verkäuferin nicht verkneifen.

Für einen von uns gibt es heute tatsächlich 5 Packungen grünes Wassereis zum Mittagessen.

Wir setzen uns mehr praktisch als idyllisch direkt auf eine Bank an der viel befahrenen Straße. Ich bin ungläubig begeistert von Joaquin. Ich kann ihn nicht so recht einschätzen, manchmal wirkt er mir einen Hauch von arrogant, aber vor allem ist er einfach tierisch verplant und verträumt.

Ich bemühe mich sehr um Toleranz und halte meine Meinung zu dem vielen Wassereis recht vornehm zurück. Irgendwann kann ich mir einen Kommentar dann doch nicht verkneifen, ob ihm diese Farbstoffe denn keine Sorgen machen – so viel Chinolingelb würde dann nicht mal ich essen, dabei bin ich hier ja nicht der Alfalfa-Man. Er ist halb geschockt, dass das giftgrüne Zeug ungesund sein und künstliche Farbstoffe enthalten könnte. Am Ende von Eis Nummer 2 keimt ihm auch der Gedanke, dass er vielleicht doch nicht den ganzen Karton hätte kaufen müssen. Zu Beginn von Eis Nummer 4 ist er eine Mischung aus aggressiv, verzweifelt und mit den Nerven am Ende, ich soll nur ja meinen Schnabel halten, sonst kotzt er grad quer über den Platz. Am Ende von Eis Nummer 4 sieht er selber einen Hauch von grüngelb aus und erinnert sehr an ein Häufchen Elend. Wie ein rettender Engel kommt Matthias den Platz entlanggeschlendert. Wir bieten ihm ein erfrischendes Eis an, was er überrascht dankend annimmt. Joaquin sieht zwar noch grün, aber unendlich erleichtert aus.

Wir laufen zu dritt weiter, die Stimmung ist super. Beide Herren sind auf ihre Art recht erheiternd und lustig. Die Temperaturen klettern immer höher, zum ersten Mal wird es mir selbst im hochgekrempelten Trekkinghemd warm. Wir haben November.

Es geht durch haufenweise kleine Örtchen, wobei Matthias immer unruhiger wird. Er wollte vermutlich eh nur bis Palas de Rei, hat sich von uns da etwas anstecken lassen, und sein Horror ist nun recht deutlich, bis Mélide durchlaufen zu müssen. Die Herbergen in den kleinen Orten haben im November bereits geschlossen. Ich vertraue recht optimistisch auf Casanova/Mato.

Als wir den Ort passieren und auf der rechten Seite die (geöffnete) Herberge auftaucht, hoffe ich fast schon einen Moment, dass auch Joaquin hierbleibt. Er ist aber erstaunlich klar, nein, er möchte bis Mélide. Ich gebe zu bedenken, dass das noch gut zwei Stunden sind und wir schon späten Nachmittag haben. Das überrascht ihn zwar wieder, Mélide muss es aber trotzdem sein. „Wir sehen uns“ (nein, Herzchen, nicht, wenn Du bis Mélide prescht und Sonntag morgen schon abreist), „bleiben ja aber eh über Facebook in Kontakt“ (obwohl wir nur unsere Vornamen kennen). Er ist unendlich verplant, aber sympathisch verplant, wie ich leider feststellen muss, als ich allein in die recht einsame Herberge einchecke. Die Spanierin am Tisch ist kurz angebunden bis unfreundlich, sie wohnt in dem 5-Seelen-Ort gegenüber und bewegt sich schlurfend in die Herberge, wenn ihr kleiner Kläffer unmissverständlich das Eintreffen eines Pilgers ankündigt. Dass es hier keinen Mercado gibt, ist mir klar, aber auch auf die Frage nach einer Bar schüttelt sich völlig resolut den Kopf. Nicht hier und nicht in der Nähe.

Ich trapse etwas einsam im Herzen die Treppe hoch. Diese Herberge ist praktisch identisch mit den anderen kleinen Herbergen in den kleinen Orten. Eigentlich recht süß, sauber und modern, mit wunderbar dicken Matratzen, kleinen Schlafsälen und modernen Facilities, wie einem (immer verschlossenem) Raum mit WC extra nur für Behinderte im Erdgeschoss sowie einer ausladenden Küche (in der wie üblich jegliches Geschirr fehlt). Vermutlich könnten diese Herbergen ein kuscheliges Gefühl von Heimeligkeit vermitteln, wären sie von einem engagierten Hospitalero liebevoll betreut und mit Liebe und Leben versehen. So dagegen ist der Bau unheimlich seelenlos, und es wird auch nicht davon besser, dass der Schlafsaal ziemlich leer ist. Mich strahlt nur die Grinsekatze an, ein älteres spanisches Pärchen ist am Duschen. Die Matratze sieht irgendwie komisch aus, es hat lauter dunkle Krümel, sodass ich einen Bettwanzenkoller kriege. Die Deutsche springt mir (mit ihrer leidvollen Erfahrung) hilfsbereit zur Seite und versichert mir, dass Wanzen anders aussehen. Trotzdem bin ich dankbar für ihren Anti-Bettwanzen-Umgebungsspray, mit dem ich angewidert alles von Matratze über Rucksack bis hin zu meinen eigenen Füßen einsprühe.

Draußen ist es zugig und windig und kalt, zu Essen hat es auch nichts herzerfreuendes. Ich bin ziemlich einsam und leer, sitze am Küchentisch und versuche mir einen Pfefferminztee aus der Mikrowelle schönzureden, für den es nicht einmal eine Tasse, sondern nur einen Joghurtbecher hat.

Am späten Abend trifft noch eine Spanierin ein, die auf dem oberen Stockbett mit Bächen von Jodlösung ihre Füße bearbeitet. Mich schüttelt es ähnlich wie beim Anblick der sehr korpulenten Frau des Spanierpärchens. Ihrem Mann zuliebe schleppt sie sich seit SJPdP den Camino entlang; sie freut sich mit leuchtenden Augen sehr, sehr, sehr auf das Ankommen in Santiago, vermutlich einfach auf das Ende dieser Tortur. Sie ist schwer erkältet, und an ihren Füssen ist keine normale Haut mehr zu erkennen, alles ist entweder frische Blase oder verhornte Blase.

An diesem Abend finde ich in allen Aspekten keinerlei Wärme und Wohlgefühl. Um 9 verkrieche ich mich in meinem Schlafsack. Wenigstens der ist eine zuverlässige Bank in Sachen warm umschließende Geborgenheit.

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Ich wache schon wieder etwas spät auf, wieder ist es kurz vor 8. Draußen auf dem Flur ist schon reges Packen – und ein Stück weit schlägt mein Herz höher, als ich aus verschlafenen Äuglein auch Joaquin ausmache, der sich auch noch anschickt, zu frühstücken.

Ich habe mir gestern ein Luxusfrühstück eingekauft, mache mir meine Tetrapaks Kakao warm und habe 8 leckere Muffins mit Schokostückchen vor mir. Lecker, bis ich den ersten Bissen getätigt habe. Vielleicht ist es einfach zu viel süße Schokolade am Morgen, jedenfalls schüttelt es mich gerade und ist nicht ganz so lecker wie geplant. Vielleicht liegt es auch daran, dass ich seit Joaquin weiß, dass diese Muffins sicher auch wieder zu wenig Haselnüsse enthalten und dafür zu viele bösen Fettsäuren, die jetzt gerade anfangen, mein eh schon problematisches Hirn zu verändern.

Joaquin liefert mal wieder volles Programm. Aus einem Alubeutelchen mixt er sich eine Art Sojamilch mit Wasser und zählt allen Ernstes über 15 Tabletten auf den Tisch. Das eine wären Alfalfa-Sprossen, das andere irgendeine Braunhirse und was weiß ich was. Ich habe wirklich Respekt vor gesunder Ernährung, die Muffins schmecken mir wirklich auch nicht mehr, aber lauter Trockenfutter in Tablettenform ist für mich dann auch keine gesunde Ernährung, und ich komme nicht umhin, diese Zelebration wieder ein wenig wunderlich zu finden. Zumal er auch wieder eine abgehobene Besserwisserei nach der anderen bringt. Als ich fertig mit Packen bin, klopft er sich gerade zwischen den schmackhaften Gesundheitspresslingen den Brustkorb. Mir rutscht ein spontanes, wiedererkennendes „ah, Du stimulierst Deinen Thymus?“ heraus, woraufhin er mich auch wieder mitleidig entgeistert regungslos anschaut und meint „natürlich nicht“, da würde er irgendwelche Emotionen freisetzen oder beruhigen oder wecken oder ist mir doch egal. Ich bin knapp am Explodieren und mache mich wütend auf den Weg.

In erster (und einziger) Linie wütend auf mich selber. An Joaquin ist rein gar nichts falsch, aber ich ärgere mich endlos über mich selber, warum ich intuitiv immer irgendwelche Gemeinsamkeiten mit jemandem suche, der einfach völlig anders tickt als ich und mit dem ich mich nie harmonisch wortlos verstehen werde. Warum geht das einfach nur nicht in meinen Schädel?!

Nachdem es jetzt auf die letzten 100km zugeht, ist der Camino mit einem Mal belebt wie bei einem Volkswandertag. In manchen Momenten sehe ich 20 Leute auf einmal vor mir laufen, teilweise mit süß gepackten Rucksäcken, behängt mit Kochern und Broten und lustigen Artikeln, die man wahrscheinlich nicht über 800 km tragen würde.

Wieder geht es durch beeindruckende Kastanienhaine. An pittoresken Plätzen staut es sich bei dem Andrang richtiggehend. Das ständige Stehenbleiben, dekoratives- Beweisfoto- Schießen und Weiterhecheln ist fast ein bisschen amüsant. Mein Weg kreuzt sich oft mit dem einer älteren Koreanerin mit einem riesigen Foto. Wann immer ich stehen bleibe, gibt sie ein paar undefinierbare Geräusche von sich, legt den Kopf überlegend schief, um dann auch die Kamera zu zücken und das gleiche Bild zu machen.

Als wir eine kleine Anhöhe erreicht haben, finden wir uns plötzlich in dichtem Morgennebel wieder. Ich bin wie so oft begeistert und ständig am Knipsen.

Trotz des Morgennebels habe ich aber heute auch das sichere Gefühl, dass es nicht mehr regnen wird. Es scheint der Zeitpunkt gekommen zu sein, mich von Hannah Montana zu trennen. Der Abschied fällt mir ernsthaft nicht ganz leicht, aber als akribischer Gewichtsparer jetzt bei strahlendem Sonnenschein einen kaputten Kinderschirm nach Santiago zu tragen, das sprengt dann selbst meine sonstigen Messie-Ausmaße. Ich bringe es dann doch nicht übers Herz, sie in einer Mülltonne zu versenken; so findet sie also ihre letzte Ruhe an einer Mülltonne pendelnd im stimmungsvollen Nebel.

Der Morgen ist wieder einmal wie geschaffen für meinen unruhigen Foto-Zeigefinger, und dank des schlechten Wetters der letzten Tage liege ich ja platztechnisch mit meiner Speicherkarte auch genau richtig.

Als sich der Nebel lichtet, bieten sich wieder wunderbare Farbenspiele mit dem Restnebel, dem morgendlichen Tau auf den Wiesen, den Wolkenbergen und der strahlenden Sonne. Es ist so richtig warm und sonnig, paradise is here.

Im Wesentlichen laufe ich heute automatisch und von einem hellwachen Fotografenauge geleitet. Ein paar Kilometer denke ich über Joaquin nach und über Anke, und warum sich das irgendwie so komisch anfühlt. Warum macht es mir so zu schaffen, dass Joaquin einfach recht moderat beeindruckt von mir ist und einfach nur bei Anke strahlt? Und warum fühle ich mich klein und jämmerlich, wenn ich mit Strahleanke einfach eine gute Zeit verbringen könnte? Warum kollabiert mein Selbstbewusstsein immer derart und komplett, nur weil ich morgens keine Alfalfa-Tabletten esse – und das auch gar nicht will? Muss man das, um ein guter Mensch zu sein? Und selbst wenn, wo liegt mein Problem, eventuell zuzugeben, dass ich nicht perfekt bin? Dass ich keine Emotionen ausklopfe, dass ich einen grässlichen englischen Akzent habe und fürchterlich spanisch radebreche, dass ich nicht in jeder Gruppe der eloquente, verbindende, alle unterhaltende Mittelpunkt bin, dass mein Strahlen derzeit Mühe hat, auch nur einen Zentimeter um mich herum zu beleuchten – und dass ich einen spinnerten Halbgott wie Joaquin nicht faszinieren kann? Was ist überhaupt Selbstbewusstsein – etwas, was von innen heraus aus einem selber kommt, oder was davon abhängt, was die Umgebung von einem denkt bzw. wie viel besser oder schlechter die anderen sind? Für einen Moment erinnere ich mich mit meinem grässlichen englischen Akzent und dem fürchterlichen Spanisch an einen früheren Camino, als mich eine Pilgerin als das weitbekannte Sprachgenie tituliert hat. Wie, einmal kann ich 3 Sprachen und fühle mich stolz und glücklich, und dann treffe ich jemanden, der 5 Sprachen kann und fühle mich klein und jämmerlich? So ganz Klarheit in meine Überlegungen bringe ich im Moment noch nicht, finde aber insofern meinen Frieden, dass sich vielleicht manches von selber löst, wenn ich da irgendwann das ein oder andere lustige Schräubchen in meinem Kopf festgezogen bekomme.

Als endlich Ferreiros erreicht ist, mache ich es mir zu einer schönen Wohlfühlmittagspause gemütlich. In der warmen Sonne ziehe ich die Schuhe aus, mache etwas Fußgymnastik und breite mein schönes Mittagessen aus. Dank gestrigem Supermarkt habe ich heute eine wunderbar leckere Empanada im Gepäck. Das wunderbar lecker wird nach dem ersten Bissen ziemlich ins Wanken gebracht, und auch der zweite und dritte Bissen tut sich schwer, die Illusion aufrecht zu erhalten. Das Ding schmeckt einfach meilenweit entfernt von knusprig, sondern einfach nur latschig. Ich linse mal auf die Unterseite, die in der Tat recht ungebacken teigig aussieht. Und etwas weiteres Linsen ergibt einen netten, langstieligen, blaugrünen Miniwald aus Schimmelfäden, uäh… mit der wunderbaren Wohlfühlstimmung hat es sich schlagartig. Ich packe meine Füße wieder ein und suche ein gemütliches Plätzchen für meine Empanada (und diesmal definitiv ohne schlechtes Gewissen IM Mülleimer). Gar nicht so leicht, zumal sich der nächste Mülleimer an einer gut besetzen Terrasse befindet und ich Hemmungen habe, vor den Augen von 10 Pilgern ein Wagenrad Empanada wegzuschmeißen. Ich kann ja schlecht dazu rufen „nur, weils schimmlig ist!“. Nachdem das Ding dann doch irgendwo versenkt ist, kaufe ich mir in der Bar ein Bocadillo. Etwas frustriert und geknickt, aber was solls.

So richtig wohl fühle ich mich wie immer nicht in einer Bar, und das gute Bocadillo kaut sich ziemlich mühsam und trocken. Just in dem Moment, als ich überlege, ob ich heute wohl Anke und Joaquin begegnen werde, biegen sie um die Ecke. Dank lockerer Schräubchen schwanke ich zwischen Freude, Panik, dass sie mich sehen könnten und der üblichen Panik, dass sie das Gefühl haben könnten, mit mir reden zu müssen. Zumindest scheinen meine Gedanken wirklich passable Störstrahlen aussenden zu können, die beiden drehen sich wie auf Kommando um und kommen strahlend auf mich zu. Während ich mal wieder krampfhaft versuche, ein viel zu großes Stück Bocadillo möglichst zeitnah unauffällig runtergeschluckt zu bekommen, bin ich einmal mehr hin und weg von der Ausstrahlung der beiden. Zu ihrem üblichen, überglücklichen breiten Strahlen gesellt sich noch eine Blumendekoration, wohin man auch schaut. Joaquin hat seinen Strohhut mit Blümchen und Krokussen dekoriert. Anke trägt eh schon immer einen meterhohen, weißen Getreidewedel vom Camino del Norte an ihrem Rucksack, heute sind dazu noch ihre Rucksackschnallen beblümt. Flowerpower vom Feinsten. Anke erzählt lachend, dass sie heute schon wieder ein wunderbares Foto gemacht hätte. Ein Stilleben von rosa Schirm an grüner Mülltonne. Sie erzählt kurz, dass sie gestern dann doch fast bis Sarria gelaufen ist, und dass sie heute bis Portomarín wollen. Wegen Bettwanzengerüchten in der öffentlichen Herberge zieht es sie in die riesige, saubere Herberge. Ich möchte heute eh einen Ort weiter bis Gonzar, Portomarín kann ich überhaupt nicht leiden, und diese sterile Herberge erst recht nicht.

Nachdem ich mich schon wieder mit fadenscheinigen Weiteressensausreden aus der Affäre gezogen habe, verbringe ich den restlichen Weg recht nachdenklich.

Nachdenklich, und doch auch wieder völlig beeindruckt von dem wunderbaren Camino. Die grünen Weiden mit den braunen Kühen und den liebevollen Steinmäuerchen, die strahlende Sonne, die unglaubliche Ruhe, die einsamen, alten Dörfchen, die Bäume mit feuerroten Äpfeln und wirklich atemberaubende Wiesen voller Krokusse, soweit das Auge reicht. Und es ist November.

Kurz vor Portomarín regt sich plötzlich meine Intuition und will nicht weiter bis Gonzar. Ich bin überrascht und kämpfe einen Moment gegen Portomarín-Abneigungen, die Aussicht auf den gleichen Riesenpulk wie gestern und natürlich auch wieder den Gedanken, dass Anke und Joaquin bestimmt genervt sind, dass ich Schmeißfliege schon wieder da bin. Vermutlich gerade auf Grund der heutigen Überlegungen überwiegt aber trotzig das „na und?!“ – zumal ich mich immer so über meine Intuition freue, dass ich ihr nur zu gern folge.

Die Brücke vor Portomarín habe ich gar nicht gern. Ich sehe mich schon wie von Geisterhand durch die Metallgeländer rutschen und im endlos weit entfernten See landen, sodass ich leicht neurotisch lieber inmitten der Fahrstraße entlangtaumele und etwas erbleicht mit einem Puls von sicher 200 auf der anderen Seite etwas k.o. ankomme. Mein geplantes Siegerfoto auf der hübschen Treppe wird leider nichts, der Akku hat sich nach dem bilderreichen Tag verabschiedet. Ich werte es hochzufrieden als nochmalige Bestätigung, in Portomarín zu bleiben.

Etwas restzittrig wappne ich mich für die Pilgerhorden in der Großherberge. An der Rezeption frage ich sicherheitshalber, ob schon sehr viele da wären. Die junge Frau guckt etwas ablehnend, nein, nicht sehr viele. Wen ich denn genau suche. Ich frage nach einem Brasilianer und einer Holländerin, woraufhin sie gewissenhaft 3 Papiere durchschaut und sehr professionell und ernsthaft meint „ja, die wären da“.

Der 100-Betten-Saal ist wie ausgestorben, als ich am unteren Ende dann doch ein paar Rucksäcke ausmache. Ich bin höchst erleichtert, hier wenigstens Anke und Joaquin anzutreffen; der dritte Bewohner ist Matthias. Joaquin vespert begeistert strahlend an meinen Schokomuffins, die ich am Morgen in der Herberge gelassen habe. Die hat er alle eingepackt, sie wären superlecker. Du Alfalfa.

Ich dusche in den lustigen Waschräumen voller Lichtschalter und Bewegungsmeldern und wasche meine Sachen. Zum ersten Mal scheint heute strahlend die Sonne. Ich breite alles mögliche inklusive der chronisch leicht restnassen Schuhe aus und fühle mich irgendwie einfach wohl. Matthias gesellt sich dazu. „So, so“, er hätte ja erfahren, dass das hier so mein siebter Camino ist. Ich bin leicht schuldbewusst, es ist aber kein Problem. Wir unterhalten uns erstaunlich gut; ihm scheint es mit jedem Tag besser zu gehen, oder vielleicht sieht er einfach alles nicht mehr so eng.

Ich mache mich auf Supermarktsuche und Stadtbummel. In einem Souvenirladen entdecke ich die wunderbaren Muschelohrringe von Anke, und den Mercado habe ich gerade soweit zu Ende durchstreift, als mir Anke und Joaquin entgegenkommen. Beide gucken irgendwie wie ertappt, irgendwas ist anders. Da zieht Joaquin auch schon seinen Strohhut aus, während Anke hektisch kichert. Die beiden waren beim Friseur, und Joaquin hat neuerdings eine absolute Glatze. Ich bin einen Hauch von sprachlos geschockt. Anke ist betreten, weil es vermutlich ein recht bewegender Moment war, ihn bei dieser Aktion begleiten zu dürfen. Joaquin ist sehr betreten mit dem nackten Kopf, zumal ich etwas sprachlos schaue. Ja, er weiß, es sieht doof aus. Nein, das ja nicht direkt. Er sieht einfach ein bisschen aus wie ein Mönch, und die Frau in mir trauert wohl noch zu sehr seiner attraktiven Haarpracht nach. Das war wohl auch das Problem, er findet sich zu eitel, er wäre ganz selbstverliebt in seine Haare, das wäre nicht gut, deswegen hätte er sie jetzt weggemacht. Ganz Joaquin, ich spinne in Sphären, an die Du nicht einmal denken würdest. Dann kichert er aber auch schon wieder so unsicher und sagt „ja, es sieht blöd aus“, dass ich eher grinsen muss, als ich mich auf den Heimweg mache. Dort treffe ich noch kurz die wenigen männlichen Koreaner von gestern. Sie sind in der öffentlichen Herberge abgestiegen. Ich bin etwas neidisch, nachdem es bei uns ja so einsam ist. Die Jungs schütteln resolut den Kopf, nein, es wäre keine gute Wahl gewesen, bei ihnen wäre es wie im Gefängnis, nicht gut. Das Grinsen lässt sich schwer abstellen.

Ich widme mich gerade meinem leckeren Glas Mixed Pickles in der Abendsonne vor der Herberge, als Anke mit Mönch mit Weinflasche und Oliven ebenfalls ihren Chill-Out angehen. Mein automatisches „nein danke“ wird niedergeknüppelt von dem neu in mir erwachten „na und?!“, sodass wir gemeinsam in der Sonne sitzen. Matthias mit einer Chipstüte und ein Belgier mit einer Packung Käse komplettiert auch kulinarisch die Runde. Der Ausblick auf den Stausee ist wunderschön und friedlich, und ich bin fasziniert von der Tatsache, dass ich nun doch noch meinen Frieden mit Portomarín geschlossen habe. Anke guckt meine Fotos an, ich bekomme im Gegenzug die Videoaufnahme von Joaquins Mönchsverwandlung vorgespielt.

Für den Abend plant Joaquin wieder ein gemeinsames Essen („na und?!“ ist schon derart selbstzufrieden am Werken, dass ich schon ganz automatisch zusage). Ich frage noch kurz die fotografierende Koreanerin, die auch etwas verloren hier abgestiegen ist. Sie ist begeistert, wobei ich im Nachhinein nicht mehr so sicher bin, ob es eine gute Idee war, sie zu fragen. Sie will auf alle Fälle nachher noch in die Kirche, statt wie geplant kommunal einkaufen zu gehen. Im letzten Moment entscheide auch ich mich für den Gottesdienst, habe dann aber doch ein sehr schlechtes Gewissen, dass nun die anderen ohne mich einkaufen müssen. Ich kann mich absolut nicht konzentrieren und schaue nur immer panisch auf die Uhr.

Glücklicherweise sind die anderen noch nicht einmal vom Einkaufen zurück, als wir zurückkommen. Dafür steht die Rezeptionistin vor einem Riesenberg Baguettes. Auf meine Nachfrage erklärt sie etwas schief, dass da nachher eine Gruppe von 60 Schülerinnen kommt. Ich bin moderat amused, allerdings in weitaus gefassterer Laune als Joaquin, der halb ausrastet bei der Vorstellung. Auch mein klägliches Witzchen, dass die ja vielleicht alle 16 sind und dann doch zumindest prima in sein Beuteschema passen, entspannt die Stimmung nicht gerade.

Matthias und Anke widmen sich routiniert den Herdplatten, während Joaquin tiefsinnig die Einkäufe hypnotisiert. Ich werde zum Karottenstiften verpflichtet, was mit einem klingenlosen Kindermesser der Knüller ist. Ich sitze einträchtig schweigend mit Joaquin am Tisch, und wir schnitzen akribisch kleine Karottenstiftchen für seinen Vegetariersalat. Derweil bin ich sehr erleichtert, dass die Koreanerin sich auch wohlzufühlen scheint. Anke ist wieder einmal ein Schatz in Sachen Integration. Sie fragt nach ihrem Namen, und als sie „just call me Lucia“ antwortet, fragt sie trotzdem nach der koreanischen Version. Schon gestern fand ich es etwas befremdlich, als sich ein Asiat vorgestellt hat – und auf die fragenden Blicke etwas resigniert „but you can call me Paul“ dazugefügt hat. Anke ist vielleicht Kummer gewöhnt – sie ist „just call me Maria“. Vielleicht nenne ich mich in meinem nächsten Caminoleben einfach „just call me Hannah“. „Na und?!“ findet das gar nicht lustig; ist doch nicht unser Problem, wenn andere Probleme mit unserem Namen haben.

Das gemeinsame Kochen ist irgendwie (schwer in Worte zu fassen) wunderschön. Es ist gar nicht chaotisch und stressig, sondern alles fügt sich wunderbar zusammen. Und als ich irgendwann auf die vielen Töpfe und werkelnden Hände am Herd schaue und an zwei Handgelenken bekannte Armbändel sehe, muss ich fast still lächeln.

Das Essen ist auch superlecker, neben Käse und einem Salat mit Tomaten, Mais, Thunfisch, Spargel und super Karottenstiften gibt es eine scharfe Hackfleischsauce mit Spaghetti und zum Nachtisch von Eisfreak Joaquin noch ein Kilo Vienetta-Eis. Lucia sitzt mir gegenüber; sie ist etwas schüchtern und bespricht erstmal alles mit mir. Nachdem sie mich aus der Kirche kennt, bin ich wohl irgendwie schon eine Stufe weiter. Aber auch Joaquin kümmert sich rührend um sie, und sie scheint sich sehr wohl zu fühlen. Höchstens etwas getrübt von Matthias‘ Frage, wie alt sie eigentlich wäre. Die Gruppe versichert zwar, dass sowas Europäer einfach nur interessiert, weil sie das so schlecht einschätzen können, aber Lucia ist ziemlich erschüttert und schaut mich noch minutenlang traurig kopfschüttelnd an „why did they ask my age?“. Ich gebe mir Mühe, sie mit einem christlich ermutigenden Lächeln (oder dem, was ich mir darunter auf die Schnelle so vorstelle) wieder aufzuheitern.

Generell verbringe ich den Abend wieder eher still lächelnd, aber auch heute ist es wieder ein gutes Lächeln.

Gegen 9 hält dann der ominöse Bus mit den Schülerinnen und ihren Rollkoffern vor der Herberge. Von einer Minute zur nächsten versteht man sein eigenes Wort nicht mehr. Ich bin höchst fasziniert von den vielen brot- und pizzakauenden Zahnspangenzähnen und dem wilden Hühnerhaufengeschnatter. Joaquin dagegen ist fast schon einen Hauch von verzweifelt anlässlich meiner Mutmaßung, dass die morgen ja vielleicht die gleiche Etappe wie wir laufen.

Gegen 10 schnattert es genauso ohrenbetäubend laut im Schlafsaal. Ich weiß nicht, ob es mein Ohrstöpsel ausmacht oder irgendwann der resolute Ruf durch die Halle, dass aus Rücksicht auf die Pilger nun Ruhe zu herrschen hat, aber ich höre keinen Mucks mehr.

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In dem massivholzigen, riesigen und recht leeren Schlafsaal schläft es sich tief und fest wie in einer Höhle. Zum ersten Mal ist mein warmer Schlafsack auch wirklich nicht schlecht. In meinem sonst üblichen Billigschlafsack hätte ich wahrscheinlich gefroren.

Richtig Tageslicht haben wir hier drin nicht, aber irgendwie scheint es mir nicht mehr so ganz dunkel zu sein, als ich aufwache. Ich konsultiere mal sicherheitshalber meine Uhr und bekomme einen Riesenschreck – es ist schon nach 8. Nicht, dass ich auch irgendeinem Grund wirklich früher rausmüsste, aber nachdem mein normaler Rhythmus eben anders ist, fällt es unter „verschlafen“ und rasche Aufbruchspanik. Die wenigen anderen schlafen noch tief und fest, sodass ich wieder alles zusammenraffe und erst im Aufenthaltsraum ordnend zusammenpacke. Dort traue ich meinen Augen kaum – hinter den riesigen Panoramafenstern zeichnet sich rosarot und vollkommen wolken- und nebelfrei ein klarer Sonnenaufgang vom Feinsten ab. Nach den vielen Tagen voller grauem Dauerregen ist es fast unfassbar. Als ich meine letzte Portion Krimskrams aus dem Schlafsaal hole, kommt mir Miguel entgegen. Ich mache ihm lautlose, dafür umso gestenreichere Zeichen in Sachen Wetterlage. Auch er strahlt.

Der klare Blick war ein Luxus, der den Frühaufstehern vorbehalten war. Während ich rasch zusammenpacke, ziehen sich schon wieder hauchdünne Nebelwölkchen vor die Berge. Ich laufe ein paar Meter im Sonnenaufgang, als es auch schon wieder in dicke, aufsteigende Nebel geht. Es ist ein lustiges Gefühl, im gleichen Grau wie immer zu laufen, aber wie ein Eingeweihter einer geheimen Verschwörung zu wissen, dass es hinter dem Nebel Sonne hat. Ich muss an eine alte Caminoerkenntnis denken, dass die Sonne immer für einen scheint – manchmal einfach nur hinter dicken Wolken.

Ich bin fast schon ein bisschen wehmütig, die Höhe so schnell wieder zu verlassen, noch dazu im Morgennebel. Heute bin ich mir sicher, dass er irgendwann der Sonne weichen wird. Das tut er dann auch wirklich, als ich das erste Örtchen hinter Fonfría hinter mir lasse. Plötzlich bietet sich ein nebelfreier Panoramablick bis hin zu den Bergen, freier Blick auf sich türmende und aneinander vorbeischiebende Wolkenfronten. Das allein lässt mich schon beeindruckt stehenbleiben, aber als dann noch die Sonne über den Bergen hervorkommt und einzelne Weidestücke in gleißendes Licht taucht, bin ich einmal mehr förmlich erschlagen von der Schönheit, Kraft und Wandlungsfähigkeit der Natur.

Der Weg nach Triacastela zieht sich stundenlang, und ich bin heilfroh, gestern von dieser Schnapsidee abgekommen zu sein, das noch kurz anzuschließen. Aber heute in dieser zögerlich einsetzenden Sonne ist es ein beeindruckender Weg.

In Triacastela besuche ich kurz die Kirche und meinen altbekannten Mercado; wegen Wochenende und Allerheiligen bin ich ja sehr vorbildlich vorratslos. Im Mercado kommt mir sofort eine Verkäuferin entgegen, die mit durchaus angepisstem Gesichtsausdruck in zwei Worten vermittelt, dass ich da mit meinem Rucksack nicht reindarf. Soweit habe ich dafür vollstes Verständnis, allerdings nicht für die Art der Kommunikation. Irgendwie bin ich richtiggehend vor den Kopf gestoßen, dass sie nicht wenigstens entschuldigend (oder überhaupt) ein bisschen lächelt oder etwas sagt wie „entschuldigung“, „bitte“ oder „leider“. Am liebsten würde ich einfach ähnlich angepisst dann gerade wieder hinausgehen. Mein nächster Gedanke, der mir auch sehr schnell auf der Zunge liegt, ist ein Konter, dass ich mit Rucksack immernoch weitaus schlanker bin als sie ohne. Glücklicherweise reichen meine Spanischkenntnisse mal wieder nicht aus, das fehlerfrei und schlagfertig über die Bühne zu bringen, sodass ich es lieber lasse. Ich kaufe meinen Minimaleinkauf ein und bin nachdenklich betrübt, dass man mit wenigen Worten darüber bestimmen kann, ob man einem Mitmenschen ein fröhliches Herz oder eine verregnete Stimmung beschert.

Mein nächster Gang führt zielstrebig über die Straße in die Apotheke. Diesmal stelle ich meinen Rucksack eingeschüchtert von vorneherein vor die Tür, allerdings steht er nun so elegant an einer Straßenecke, dass der nächste gebrechliche Kunde sich daran vermutlich den Hals bricht. Ich bin vollmotiviert und spanisch perfekt vorformuliert, um mir die Alfredo-empfohlene Wunderbeincreme zu kaufen. Das bin ich meinem Klumpbein, das mich so klaglos über die Berge getragen hat, nun mehr als schuldig. Vor mir stehen noch vier andere Kunden, und so richtig schnell geht es nicht vorwärts. Die einzige Apothekerin (vom Format von 4 Rucksäcken nebeneinander) walzt kontinuierlich schweratmend durch ihren kleinen Laden, um sich ächzend nach den wenigen Artikeln zu strecken, die in den Regalen im Hintergrund stehen. Kaum steht sie wieder schnaufend am Ladentisch und scannt die Packung ein, folgt nach einem irritierten Blick die Umkehr zur Rückwand und ein Strecken nach einem anderen Produkt, das nach kontrollierendem Scannen dann auch nicht das Richtige ist. So geht das etwa zehnmal, und ich bemerke eine gewisse Gereiztheit anlässlich dieses try-and-error-Verfahrens. Nachdem die wartenden Spanier aber allesamt völlig gelassen sind, beschließe ich, dass ich momentan einfach überreagiere und vielleicht besser mal frühstücken gehen sollte, bis sich der Laden geleert hat.

Nach einem ausgiebigen Pulpofrühstück aus der Dose und etwa eine halbe Stunde später treffe ich in der Apotheke immer noch 4 Leute an – allerdings um einen Kunden vorangerückt im Vergleich zu vorhin. Ich rede mir Gelassenheit ein und warte nochmal interessiert die (wenigen) Auslagen anschauend und spanische Ruhe kultivierend, aber nachdem auch nach 10 Minuten noch derselbe Kunde an der Reihe ist, gehe ich frustriert unverrichteter Dinge. Meine Ruhe und Gelassenheit reicht heute einfach noch nicht aus.

Statt über Samos zu laufen, entscheide ich mich heute wieder für die Variante über San Xil, die landschaftlich schöner sein soll und die ich bisher nur mit leichtem Schneefall kenne. In der völligen Ruhe und Einsamkeit inmitten von verwunschenen Kastanienwäldern finde ich meine Balance dann glücklicherweise recht schnell wieder. In den kleinen Weilern scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, ich fühle mich ein wenig an Dornröschenschlaf erinnert. Höchstens unterbrochen durch eine Hühnermama mit ihrer wild durcheinanderkugelnden Kinderschar.

Obwohl ich eigentlich kein großer Liebhaber von Galicien mit seinen ständig verregneten, ständig schattigen Wäldern bin, bin ich diesmal ziemlich ergriffen vom Charme der uralten Kastanien, der moosbewachsenen Steine und dieser unglaublichen Ruhe und Beständigkeit, die davon ausgeht. Zum einen werde ich selber immer ruhiger, zum anderen stehe ich mehr mit bewundernd großen Augen, als dass ich laufen würde.

An einer Quelle mit großem, respekteinflößendem Teich entdecke ich die Selbstauslöserfunktion an meiner Kamera. Bestimmt eine Viertelstunde springe ich hin und her zwischen einem praktisch stehenden Müllcontainer und irgendwelchen Plätzen in Muschelnähe, um anschließend noch fotografiebegeistert die optimale Spiegelung erwischen zu wollen. Dazu versenke ich minutenlang alle auf dem dunklen Wasser schwimmenden Blätter und kann vermutlich von Glück reden, dass ich meine Kamera nicht gleich mitversenke.

Mitten in meine völlige Versunkenheit taucht plötzlich ein Pilger am Weg auf, sodass ich fast erschrecke. Der größere Schreck folgt, als ich ihn beim Näherkommen als Joaquin identifiziere. Mich überkommt eine „jetzt denkt er bestimmt, dass er mit mir reden muss“-Welle par excellence, und ich ergreife recht überstürzt die Flucht.

Nachdem ich mit meinem Bein und meiner cuidado nicht wirklich schnell bin, dauert es nicht lange, bis ein Klackern hinter mir Joaquin ankündigt. Das heißt, wirklich klackern tut er nicht. Zu einem hellen, leichten Tippen gesellt sich ein dumpfes Donnern. Bei näherer Betrachtung läuft er mit zwei gefundenen Holzstöcken, einer ähnlich filigran wie meiner, der andere ein halber Baum, wie ich ihn wohl nicht mal mit meiner Handspannweite halten könnte. Mein Erstaunen erstaunt ihn erst recht. Er guckt wieder wie aus allen Wolken gefallen, dass seine Stockauswahl ungewöhnlich sein könnte.

Meine panische Welle wird etwas geglättet durch die Tatsache, dass er sich recht offensichtlich in den Kopf gesetzt hat, jetzt mir laufen zu wollen. Er hat heute einen Frühstart hingelegt, mit Anke dann gegen 9 zusammen in Fonfría gefrühstückt, und nun scheinen sich ihre Wege fürs erste getrennt zu haben. Er hat es eilig und möchte bis Sarria, während das Anke zu weit ist. Sie stoppt heute in Calvor, in einer Miniherberge, wo es auch sonst nichts hat.

Es ist sehr merkwürdig und unwirklich, mit Joaquin zu laufen. Auf eine Art wirkt es absolut vertraut auf mich, was daran liegt, dass ich die ganze Zeit das Gefühl habe, Kristian neben mir zu haben. Sie haben dieselbe Größe, den gleichen Slang, fluchen ständig salopp – und schweben ein wenig verpeilt in einer anderen Dimension. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass ich mich mit Kristian irgendwie blind verstanden habe und ihn ein Stück weit einfach gefühlt habe. Joaquin und ich verstehen uns dagegen nicht mal sehenden Auges, von fühlen ganz zu schweigen. Wann immer ich einen Satz beende, guckt er wie aus dem Nest gefallen und fragt, ob ich den ersten Satz nochmal wiederhole könnte. Oder ein Wort von vor 2 Minuten. Oder stellt fest, dass er da rein gar nichts verstanden hat. Er versteht meinen „grässlichen deutschen Akzent im Englischen“ nicht und lacht darüber so erheitert, dass ich ihm eine reinschlagen könnte. Im Gegenzug muss ich 5 x nachfragen, was seine genuschelten Wortfetzen mit sonstwas für einem Slang bedeuten sollen. Allein schon am Sprachverständnis hapert es bei uns kolossal, und dann erst beim Inhalt. Er schwebt als emotional healer in so einer anderen Sphäre, dass er es natürlich schon völlig daneben findet, einem weniger erleuchteten Mitmenschen in normalen Worten ein paar basics dazu zu erklären. Was auch immer ich sage, er findet es entweder unverständlich (sofern er es sprachlich versteht und mich nicht wieder mit einer Nachfrage zu einem Wort von vor 5 Minuten aus dem Konzept bringt) oder guckt derart gönnerhaft allwissend erleuchtet, dass ich auch schon wieder emotional sehr unbalanciert werden könnte. Wir laufen bis Sarria zusammen, aber als er am Ortseingang beschließt, mal kurz vor einer Herberge eine Pause zu machen und ein paar Schlucke zu trinken, bin ich höchst erleichtert darüber. Er imponiert mir sehr, aber gleichzeitig passt das mit uns rein absolut überhaupt nicht. Ich fühle mich total angestrengt durcheinander, falsch verstanden, kommunikativ limitiert, emotional allwissend durchleuchtet und letztendlich auch noch ein bisschen in Erinnerungen hin- und hergerissen.

Ich steuere meine Lieblingsherberge an, in der ich den Herbergsvater gleich wiedererkenne, als wäre ich gestern zum letzten Mal dagewesen. Er erkennt mich nicht, was ihm aber auch nicht zu verübeln ist, zumal es in der Herberge summt und brummt wie in einem Bienenstock. Die unteren Zimmer sind alle fast schon belegt, ich ergattere ein moderat befriedigendes Bett, dicht an dicht zu einem anderen. Über mir logiert schon jemand, vom Bett gegenüber steht ein Rucksack und Krimskrams, und irgendwo sollte nun auch ich mich noch ausbreiten. Mein Lieblingsbett mit ausladendem Steinsims wäre auch noch frei, aber das darf laut Hospitalero nur von einem Pärchen belegt werden, weil ja auch das obere Stockbett noch frei ist. Ich spüre schon wieder einen Hauch von Unausgeglichenheit in mir aufkeimen.

In der Herberge hat es haufenweise wild schnatternde Koreaner, und als ich gerade am Duschen bin, schnattert es von draußen wie ein deutsches Pfadfinderlager. Ich weiß nicht, wieso, aber im Moment überfordert mich alles hier enorm. Vielleicht die vielen Leute überhaupt, vielleicht die Masse von Deutschen. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal Deutsche auf dem Camino getroffen habe. Ich dusche möglichst heiß und versuche mich irgendwie zu beruhigen. Eigentlich ist überhaupt nichts, aber ich bin total unruhig. Vielleicht macht es der krasse Kontrast zu meinem heutigen Tag inmitten von uralten, einsamen Kastanienwäldern.

Als ich aus der Dusche komme, steht draußen im Garten die Grinsekatze des Österreichers und hilft einem deutschen Pärchen, ihre verbettwanzten Sachen zu sortieren. Das Pärchen logiert in meinem Zimmer und scheint gerade die Strategie zu verfolgen, dass die Bettwanzen ja vielleicht einfach wo anders hingehen, wenn man alles einfach nur ausladend genug ausbreitet. Der heiß erduschte Hauch von Gelassenheit ist schon wieder dahin, ich packe fluchtartig meine Ausgeh-Utensilien und suche mein Heil in einem mich normalerweise sehr erdenden Supermarkteinkauf. Beim Verlassen der Herberge fällt mein Blick noch auf Joaquin, begeistert kommunizierend mit einer Horde sehr alternativ wirkender Deutscher. Ich komme gerade irgendwie gar nicht klar.

Der Supermarkt beruhigt ein klein wenig, ich kaufe mir einen Paella-Bausatz und freue mich auf geruhsames Kochen. Danach suche ich noch eine Apotheke, wo ich mein mühsam zurechtgelegtes Sprüchlein von einer Creme für die Muskeln der Beine in einer gelben Dose mit asiatischen Schriftzeichen mit Methylsalicylat und ätherischen Ölen zum besten gebe. Die Dame in Weiß guckt moderat beeindruckt und zeigt mir einen Quadratmeter Regal mit tausenden Tuben Radiosalil; das wäre gut für die Beine. Ich will hier ja nichts, was gut für die Beine ist, sondern ich will die Creme für die Muskeln der Beine in einer gelben Dose mit asiatischen Schriftzeichen mit Methylsalicylat und ätherischen Ölen. Sie beharrt auf ihrem Regal nach dem Motto „Du bist Pilger, also musst Du das brauchen“, ich beharre drauf, ob sie denn nicht vielleicht doch noch was anderes hat. Sie schaut schicksalsergeben in ihrem Computer, findet aber nichts. Ich bedanke mich und gehe frustriert. Draußen habe ich ein schlechtes Gewissen meinem Bein gegenüber, das sich eine Creme ja wirklich verdient hat. So drehe ich nochmal resigniert um und kaufe doch diese merkwürdige Tube.

In der Herberge creme ich erstmal. Wenn jeder sowas benutzt, kein Wunder, dass ich die einzige mit Beschwerden bin. Der geballte entzündungshemmende Cocktail unterdrückt wahrscheinlich jede Reizung im Keim. Noch dazu stinkt das gute Stück atemberaubend nach Wintergrün (alias „nach Pilger“), und warum man klebrige Vaseline als Grundlage nehmen muss, erschließt sich mir auch noch nicht so ganz. Ein ganz kleines bisschen wehmütig denke ich an das luftige, asiatische Cremchen, dann aber doch lieber an meine Paella.

Als ich gerade in die Küche trabe, erspäht mich Joaquin. Er kommt strahlend auf mich zu und fragt begeistert, ob ich nicht auch mit ihnen kochen möchte – da hätte sich gerade einen nette Gruppe für den Abend zusammengefunden. Hinter ihm strahlt schon die Grinsekatze. Ich bin heilfroh über meinen gefrorenen Paella-Klotz, den ich alibi-mäßig bedauernd hochhalte. Zusammen kochen mit dieser Horde, no no never ever nunca nada.

Ich koche statt dessen mit einem lustigen Koreanerrudel, das zwar auch ordentlich laut ist, aber mich irgendwie weitaus weniger stresst. Sie schnibbeln stundenlang alle möglichen Sorten Gemüse, Fleisch, schlagen Eier schaumig… – um hinterher alles in einen Topf mit kochendem Wasser zu kippen. Ich werde strahlend eingeladen, ebenfalls mitzuessen, kann aber glücklicherweise wieder auf meinen Riesenteller Paella verweisen. Die isst sich in koreanischer Gesellschaft auch denkbar problemlos. Die Damen haben praktischerweise schon rollenweise Klopapier in Tischnähe bereitgestellt, weil sich selbst die Suppe irgendwie nicht nur mit Löffel essen zu lassen scheint. Da bin ich mit meinen öligen Garnelen-pul-Fingern ganz unauffällig aufgehoben. Derweil ist die überwiegend deutsche Riesengruppe vom Einkaufen zurückgekommen und bevölkert neben der Küche auch so ungefähr alle übrigen Tische, wild am diskutieren, wer nun was für was wie genau zubereiten soll. Mich überfordert doch schon Kochen mit einem einzigen Südländer.

Ich gehe in die Abendmesse und anschließend in den kleinen Kaminraum, wo es am Abend üblicherweise ein offenes Feuer gibt. Im Moment lagert dort vor allem die Kochgruppe – mit einem wirklich lecker aussehenden Mahl. Ein ganzer Tisch ist allein schon vollgestellt mit verschiedenen Töpfen und Schüsseln. Ich verdrücke mich platzsparend und unauffällig an den warmen Kamin. Mittlerweile hat es wieder leicht zu regnen angefangen, sodass ein wenig Durchwärmung gut tut.

Nach dem Essen verlagert sich die Gesellschaft ebenfalls um den Kamin, im Lauf der Zeit füllt sich der ganze kleine Raum mit Pilgern. Der Herbergsvater bringt die bekannten drei Alkoholika zum Degustieren, wobei ich mich gleich schon mit Kennerblick an den sherry-ähnlichen, süssen Moscatel halte. Eine seltsame Metalltrommel in der Mitte des Feuers entpuppt sich als Kastanienröster, und nachdem eine ältere Engländerin als einzige die Kastanien am Weg als Esskastanien identifiziert hat und heute eifrig kiloweise eingesammelt hat, bekommen wir nun superleckere, geröstete Kastanien. Ich futtere wie ein Weltmeister.

Schräg über das Feuer ergibt sich das ein oder andere interessante Gespräch. Ich komme nicht drumrum, Deutsch zu sprechen. Ein Exemplar der alternativ aussehende Pilger fragt mich sehr frei heraus, warum ich den Camino gehe und was ich damit verarbeite. Während ich noch mit mir ringe, ob ich einfach finde, dass sie das nichts angeht, oder ob ich ihr erklären soll, dass ich nicht unbedingt mit Fragen oder konkreten Problemen auf den Camino gehe, ist sie eh schon selber am Weitererzählen. Ich erfahre mehr als mir so auf die Schnelle lieb ist, was sie verarbeitet, und dass sie natürlich täglich an ihre körperlichen und emotionalen Grenzen kommt und natürlich oft so fertig ist und nur am Heulen. Ich entscheide mich für Reserviertheit. So spektakulär ist mein Camino ohnehin nicht, und wirklich zu interessieren scheint es sie ja auch nicht.

Ich wechsle ein paar Worte mit einer Südafrikanerin, mit der ich schon eher auf einer Wellenlänge bin. Ansonsten entscheide ich mich heute wieder für die stille Zuhörer- und Beobachterrolle, nippe an meinem Gläschen Moscatel und schäle Marone um Marone.

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Nachdem ich gestern recht eindeutig von dem fröhlichen „NO HAY COCINA!!!“-Hospitalero instruiert worden bin, dass wir geweckt werden und bis dahin gefälligst im Bett zu bleiben haben, liege ich brav halbwach im Dunkeln. Miguel und Joaquin schälen sich schon grazil aus ihren Betten; ich gebe mir Mühe, die Augen rücksichtsvoll wieder zu schließen.

Da donnert mit einem Mal in einer unglaublichen Lautstärke Musik los, die in ein stimmungsvolles „Ave Maria“ mündet. Während ich mich in meine Trekkingmontur werfe, geht es noch wändewackelnder mit Nessun Dorma weiter. Ohnehin schon ein Lieblingslied von mir, und dann noch an diesem besonderen Morgen in dieser besonderen Herberge. Ich renne ungekämmt und noch reichlich verquollen in den Aufenthaltsraum und setze mich direkt unter die Boxen. Miguel sitzt da bereits schon am Frühstückstisch – allerdings deutlich aus dem Ei gepellter.

So nett die Herberge und die Leute und die Musik sind, ich will wieder los. Nach Frühstücken ist mir nicht. Alles hat seine Faszination, so lange sie unausgesprochen ist. Im Schlafraum ist schon ein begeistertes Beweihräuchern, jeder findet alles so toll. Genau. Ja! Und das erst! Ja, superstimmungsvoll. Irgendwie bin ich da gerade allergisch. Ich packe schnell unter wunderschönem „Alegria“, gesungen von einer so glockenhellen Stimme und voll von einer fröhlichen Leichtigkeit, dass es einfach nur zu diesem unwirklichen, magischen Aufenthalt passt. Bevor ich losgehe, lege ich Anke ein Bändel aufs Bett.

Mein Bein erscheint mit heute nicht ganz so übelkeitserregend, mein Geist ist „Alegria“, ich werde heute vorsichtig laufen, und es wird gutgehen. Ich schleiche also in Minischrittchen die wunderschönen kleinen Weiler vor dem ersten Aufstieg entlang, leider ist es wie immer regnerisch, neblig verhangen, grau in grau.

Am ersten Berg überwältigen mich schon wieder Erinnerungen an meinen eindrücklichen Wandertag in 2007, vermutlich bin ich heute auch weitgehend mürbe und spirituell offen. Ich mache gerade ein Foto zurück, als am Ende des Weges hektisch und schnell ein Pilger angedüst kommt. Es ist Matthias mit seinen neu erworbenen Trekkingstöcken, klack-klack, klack-klack. Zu meinem Schrecken überholt er nicht mal freundlich grüßend, sondern macht Anstalten, sich meinem Tempo anzupassen. Er ist guter Laune, ich habe nichts gegen seine Gesellschaft, aber ich laufe fürchterlich langsam und kann mich überhaupt nicht konzentrieren, weil ich die ganze Zeit nur fühle, wie er viel schneller gehen könnte. Und mein Kopf ist voll von der Vorstellung, dass er panisch überlegt, wie er da jetzt wieder rauskommt und dass er wahrscheinlich 1000 Tode stirbt, weil er mit mir laufen muss, ohne es zu wollen. So verabschiede ich mich nach ein paar Minuten resolut damit, dass ich jetzt eine Frühstückspause einlege. Während ich ihm einen ordentlichen Vorsprung lasse, frage ich mich, was bei mir im Hirn eigentlich abläuft. Dass er ein schnelleres Tempo in den Beinen hat, zweifellos, aber woher nehme ich die Überzeugung, dass er sich quält? Und selbst wenn, muss das mein Problem sein?

Der Weg mündet von der Straße in das steilere Stück, den steinigen Weg unter Kastanienbäumen. Der Regen der letzten Tage hat Unmengen von Kastanien von den Bäumen gespült, sodass ich auf einem Teppich aus unversehrten Stachelpäckchen laufe. Irgendwie beeindruckend.

Ich gehe den Weg unglaublich langsam. Im Ohr klingt mir der Hospitalero mit seinem Lachen, dass ich natürlich laufen könnte, aber eben einfach mit „cuidado“. Ein schönes Wort, welches sich mit Achtsamkeit, Bedacht, Behutsamkeit, Fürsorge, Schonung, Sorge und Sorgsamkeit übersetzen lässt. Genau das Richtige für das Verhältnis eines Pilgers zu seinem Körper.

In derartiger Bedächtigkeit keimt in mir auf Höhe von La Faba die Idee, doch wieder mit einem Stock zu laufen. Auf den Wiesen zur Linken hat es immer wieder Haufen mit mehr oder weniger dicken Stöcken, und als ich mich zum Stockgehen entschließe, hat es prompt auch genau das, was ich mir vorstelle. Ein dünnes, biegsames Stöcklein, gerade gewachsen, genau in der richtigen Höhe. Nichts, um sich zentnerschwer abzustützen, aber ich laufe ja eh mit cuidado.

In La Faba biege ich mit einem üblich bewegten Gefühl zu „meiner“ schwäbischen Herberge und „meiner“ Kirche ein. Die Küche der Herberge ist hell erleuchtet, es war also gestern wirklich noch geöffnet. Viele Herbergen schließen auf November oder auch schon ein paar Tage vorher. Ich gehe für ein paar Minuten in die Kirche, lasse das dortige Gedicht und die vielen Kerzen auf mich wirken. Ein Stück weit fühle ich in der dunklen, leeren Kirche die Schwingungen von so vielen Pilger, Gottesdiensten und bewegenden Momenten, dass mich eine komische Melancholie ergreift. Die Kirche wird nun vermutlich bis zum Frühjahr eingemottet, ruht im Winterschlaf und öffnet dann wieder ihre Mauern, um Schwingungen aufzunehmen und Schwingungen abzugeben. Schwingungen, Stimmungen, Tränen, Verzweiflung, Hoffnung, Dankbarkeit, Gemeinschaftsgefühl, Glauben, überschäumende Freude.

Mit meinem neu erworbenen Stöckchen geht es asphaltiert weiter in die Höhe. Der Himmel zieht wieder wolkig und neblig zu wie immer. Seltsam, „wie immer“ sind gerade einmal 3 oder 4 Tage.

Als ich zwischendurch eine cuidadotive Verschnaufspause mache und zurückschaue, hält der Himmel für mich einen beeindruckenden Hoffnungsschimmer inmitten der Wolken bereit. Die Gegend um La Faba ist für mich mit einer gewissen Magie behaftet.

Dann ist aber auch wieder genug mit Licht und Hoffnung für heute, die Wolken ziehen zu, in der Höhe umschließt mich eine feuchte Nebelwolke, und auch der bekannte Nieselregen setzt wieder ein. Mit Stock in der einen und Hannah Montana in der anderen Hand mache ich mich an die Bezwingung des wetterspinnenden O Cebreiro.

Der Weg zieht sich überraschend in die Länge, und mit jedem Kilometer wird der Regen heftiger, der Wind dazu waagerechter. Hannah büßt eine weitere Strebe ein, und mein mittlerweile nur noch halber Kinderregenschirm wirkt recht kläglich und verloren gegen die Wettergewalten.

O Cebreiro liegt wie immer im Regen und Nebel, es ist schweinekalt, aber erstaunlich belebt. Beim Überqueren der Straße werde ich dreimal fast umgefahren. Ich will der Kirche einen kleinen Besuch abstatten. Dort ist aber Riesentrubel, und wie mir einfällt, vermutlich, weil heute Allerheiligen ist. Ich schaue auf die Uhr, es ist etwa halb 12. Offensichtlich gibt es zum Mittag eine Festmesse, habe ich ein Glück. Ich mache es mir in einer hinteren Reihe bequem, setze mich mit möglichst großer Trockenoberfläche hin und lege mein Bein bestmöglich hoch, ohne die Pietät der Kirche zu verletzen.

Während ich sitze, warte und versuche, etwas zur Ruhe und Besinnung zu kommen, legt sich mir plötzlich eine Hand warm und schwer auf die Schulter. Anke strahlt mich mit wie üblich unglaublichem Leuchten in den Augen wortlos an, bevor sie sich mit Joaquin in eine andere Bank setzt.

Bis der Gottesdienst beginnt, wird mir langsam fast schon etwas kalt und unruhig. Wie üblich kann ich am helligten Tag nicht so richtig loslassen, zumal ich zu rechnen beginne, dass ich mich vielleicht etwas beeilen sollte, wenn ich heute bis Triacastela will. Anke und die beiden Spanier wollen nur bis Fonfría, aber Joaquin und die beiden Markusse nach Triacastela, wo ich dann endlich auch den verrückten Österreicher wiederzutreffen hoffe.

Nicht nur meine Gedanken, auch die Kirche kommt überhaupt nicht zur Ruhe. Es ist ein reges Kommen und Grüßen, hier trifft sich alles, was sonst wohl nicht in die Kirche geht. Recht offensichtlich steht der Glaube auch etwas im Hintergrund, es scheint viel um das Gesehenwerden zu gehen. Vor mir sitzen Mutter und Tochter, feinst herausgeputzt und alle paar Minuten an der eh schon perfekten Frisur nestelnd und sich in Positur setzend. Höchstens unterbrochen durch einen agitierten Austausch, wer da gerade neu in die Kirche gekommen ist und dass der wohl auch schon mal besser ausgesehen hat. Ich starre wie hypnotisiert auf die perfekte Frisur vor mir. Seit Tagen schwanken meine Haare zwischen pudelnass triefend, strähnig trocknend oder feucht lockend, passend in Form gepresst von entweder Stirnband oder Regenjackenkapuze.

Nach einer halben Stunde beschließe ich etwas frustriert, es dem Großteil der merkwürdigen Gemeinde gleichzutun und mitten im Gottesdienst rauszugehen. Ich kann hier und heute einfach überhaupt nichts mitnehmen. Ich sammle Hannah Montana von vor der Tür ein und mache mich recht stoisch auf in den windigen Regennebel.

Ich laufe schier in den österreichischen Markus, der trotz des Wetters irgendwie hervorragend aussieht. Statt notdürftig mit einem kaputten Regenschirm rumzuwedeln, lässt er es einfach selbstbewusst auf die windschnittige, graumelierte Frisur regnen. Statt schützend die Augen zusammenzukneifen, guckt er mit stahlgrauen Augen einfach entschlossen und direkt in den Regen. Und anstatt mit einem dünnen Ästchen entlangzuhumpeln, hat er einen akuraten, entschlossenen, unbeirrbaren Schritt. Reflexartig ist mein erster Gedanke nur wieder „herrje, was mache ich nur, damit er jetzt nicht das Gefühl hat, mit mir laufen zu müssen“, aber auf die Idee kommt er bei seinem zielstrebigen Turbopilgern zum Glück eh nicht.

Ich trotte triefend und tropfend durch den Nebel, als an einer Weggabelung plötzlich Markus von rechts angeschossen kommt. Irgendwie muss er sich verlaufen haben und einen ziemlichen Umweg gegangen sein. Diesmal nimmt er deutlich das Tempo raus und scheint mit mir reden zu wollen. Ich brauche wieder ein paar Minuten, um den Kopf frei zu bekommen und nicht mehr pausenlos zu denken „der will doch viel schneller laufen; gib ihm eine Chance, sich schadlos aus der Affäre zu ziehen“. Markus läuft offenkundig derart schnell und ist derart bestimmt, dass mein Geist sich irgendwann doch noch entspannt.

Offensichtlich hat Markus im Moment Redebedarf. Ich bin recht überrascht, welche Zweifel und Unsicherheiten sich hinter diesem auf den ersten Blick so absolut geradlinigen Pilger verbergen. Dass Äusserlichkeiten täuschen, habe ich auf dem Camino oft genug gelernt, trotzdem zieht die Intuition immer wieder unbemerkt begeistert irgendwelche Schubladen auf.

Einig sind wir uns schon mal über den magischen, alles überstrahlenden Joaquin. Ich bin fast ein bisschen erleichtert, dass auch Markus absolut begeistert ins Schwärmen kommt. Hatte ich doch schon fast befürchtet, dass da zwischengeschlechtliche Faszination im Spiel sein könnte. Markus ist begeistert von seiner Gelassenheit und Souveränität – allein schon gestern bei der Unterhosenverwechslung. Dieses Beispiel überrascht mich ein wenig. Markus kann es gar nicht fassen, dass er nicht ausgerastet ist oder Vorwürfe gemacht hat. Es wurmt ihn immer noch sehr, wie er so einen peinlichen, doofen Fehler machen konnte, auch wenn Joaquin ihn in seiner wunderbaren Art beruhigt hätte, dass doch gar nichts passiert wäre. Das verblüfft nun mich schon auch kolossal. Wieso sollte man denn ausrasten, wenn jemand gerade seit ein paar Minuten versehentlich die eigene Unterhose trägt – und die hinterher sogar noch maschinengewaschen zurückgibt? Offensichtlich habe nicht nur ich ab und an lustige Hirngespinste.

Weiter erzählt Markus, dass er nie etwas fertigbringt. Alles fängt er an, und er und seine Kollegen wissen, dass er es eh nie durchzieht. Ihn wurmt es, dass er zum Beispiel nie eine Sprache durchgezogen hat. Sein Englisch ist lückenhaft, und deswegen hätte er sich dann gestern auch nicht zu der Tischgesellschaft getraut. Ich bin geschockt. Zum einen, dass so ein Trumm von einem Mann Selbstzweifel haben kann. Davon, dass er einen ganzen Abend in einem leeren Schlafsaal von Zweifeln und schlechten Gefühlen zernagt wird, nur weil er sein Englisch für nicht gut genug hält. Und letztlich davon, wie wir einen Abend in ausgelassener Runde verbringen konnten, ohne darüber nachzudenken, warum die Französin und Markus den ganzen Abend in ihrem Bett verbringen – und warum nicht einer von uns auch nur kurz nach ihnen geschaut hat.

Ab und zu streue ich einen kleinen Gedanken ein oder versuche etwas zu entschärfen, aber in erster Linie brodeln im Moment einfach ganz viele Erkenntnisse in Markus. Der Wunderberg von La Faba hat wohl auch an ihm gewirkt. Er erinnert mich an einem dampfenden, Wölkchen ausstoßenden Stier, als er furios sein halbes Leben abhandelt und mit einer unglaublichen Wut und Entschlossenheit zugleich beschließt, diesmal zum ersten Mal etwas zu Ende zu bringen. Er möchte in Finisterre am Ende der Welt stehen und sein altes Leben hinter sich lassen. Zum ersten Mal wissen, etwas zu Ende gebracht zu haben. Und wenn man einen Camino schafft, kann man alles schaffen.

Ich brauche es nicht einmal zu kommentieren. Bereits jetzt hier auf dem Camino ist er schon derart voll von Stärke und Entschlossenheit, dass ich sein altes Leben gar nicht erst gesehen hätte. Bei ihm setzt diese Erkenntnis offensichtlich erst mit einiger Zeitverzögerung ein. Auch wenn er das im Moment noch mit sorgenvollem Zweifel sieht, aber natürlich wird er in zwei Wochen in Finisterre stehen und natürlich wird er das Gefühl erfahren, nun alles schaffen zu können. Da bin nun ausnahmsweise ich mir sicher mit etwas.

Markus sucht in den kleinen Örtchen vergeblich nach einer Bar, um etwas Warmes zu sich zu nehmen. Ich will (cuidado hin oder her) nicht nochmal stoppen, zumal ich keine allzu guten Erinnerungen an lieblose, spanische Gerichte habe. Markus gibt mir recht, so ganz toll wäre es selten. Und er würde schon seit Beginn seiner Pilgerschaft auf eine Paella hoffen, aber das gäbe es nie. Meist wäre auf einem Schild groß Paella angekündigt, und kaum säße man im dem Restaurant, hieße es immer „Paella schon aus“ oder „erst am Abend“.

Wir passieren die Passhöhe San Roque mit der Pilgerstatue im Nebel, und als es zum nächsten Pass hochgeht, beschließt Markus, dann dort endlich etwas essen zu gehen. Ich nutze die willkommene Gelegenheit, ihn schon mal vorausspurten zu lassen. In seiner Gesellschaft bin ich doch wieder viel zu schnell gelaufen, und spätestens beim Anstieg und dem Ziehen in den Waden möchte ich nun wieder einen auf cuidado machen. Er bedankt sich für das Gespräch bzw. fürs Zuhören und fliegt förmlich den Berg hoch. Als ich Minuten später endlich sehr achtsam die Höhe erklommen habe, kommt Markus freudestrahlend und wie ein Flummi aus dem Restaurant geschossen. Es hätte Paella!!! Ich wünsche ihm lächelnd einen guten Appetit und bin recht merkwürdig bewegt, als ich mechanisch weitertrotte. Vermutlich hat jeder gewisse Schlüsselmomente auf dem Camino, voller Erkenntnisse und Emotionen. Vermutlich bin ich heute wieder überaus empathisch, jedenfalls bin ich auch als bloßer Zuhörer ein Stück weit emotional erschöpft und von einer typischen Caminoleere erfüllt.

Mit einem Mal zieht sich plötzlich der Weg dann auch ziemlich endlos. So richtig überschäumende Freude daran empfinden kann ich bei dem feuchten, kalten Nebel ohnehin nicht. Trotz Schirmresten werde ich so langsam nass, vor allem meine Schuhe sind patschnass. Und einfach irgendwas in mir ist müde und sträubt sich subtil gegen jeden Schritt. Und ich habe noch nicht mal Fonfría.

Ich tappe durch die kleinen Kuhdörfer, und als ich plötzlich die bekannte Herberge sehe und demnach schon in Fonfría bin, gehe ich ganz spontan ein paar Momente in mich und versuche zu erfühlen, ob ich heute wirklich bis Triacastela muss. Zum einen möchte ich die ganzen Leute wiedersehen, außerdem habe ich ja auch einen groben Zeitplan einzuhalten. Andererseits aber wäre eine Heizung für die nassen Sachen mal wieder nicht schlecht, Triacastela an einem Feiertag nur halb so spannend, ich müsste irgendwann nochmal in die Kälte raus, um irgendwo ein Bocadillo zu erstehen, selbst für den Gottesdienst müsste ich in den Regen hinaus. In Fonfría dagegen gibt es eh nichts zu kaufen, weder in einem mercado noch in einer Bar, und ich kann den ganzen restlichen Tag in schön trockener Kleidung rumlaufen, während meine nasse Garnitur genauso schön über irgendeiner Heizung trocknet.

So entscheide ich mich in Minutenschnelle um. Der Herr hinter der Rezeption guckt etwas verwirrt, sodass ich sicherheitshalber lieber frage, ob ich denn überhaupt hier schlafen kann. Er lacht, ja klar, wenn es mir nichts ausmacht, die einzige zu sein und eventuell zu bleiben. Meine Frage nach Heizung lässt ihn kurz grübeln. Er führt mich in die Herberge und erklärt, dass er mir zum Preis des Schlafsaalbettes ein kleines Doppelzimmer gibt, weil das einfacher zu heizen ist. Und falls noch mehr kommen, kann ich dann immer noch umziehen. Nein, nein, ich beschwichtige ihn. Der Schlafsaal ist prima, und mollig warm geheizt brauche ich es doch auch nicht. Einen Heizkörper für 2 Stunden, bis die Wäsche trocken ist. Schließlich schleppe ich nicht umsonst meinen 2-Kilo-Schlafsack, in dem mir jede Nacht so heiß ist, dass ich irgendwann schwitzend aufwache und irgendwelche Reißverschlüsse aufziehe.

Ich genieße viel zu lang den Luxus einer Dusche mit Thermostat und muss an die Kanadierin aus Villafranca denken. Sie meinte, sie duscht gern heiß. Und sie meint richtig heiß. Sie muss rot wie ein Krebs sein. Und das, ohne eine Miene zu verziehen. Irgendwie habe ich ein Faible für lustige Aussagen zu versteinerten Gesichtsausdrücken.

Dann drapiere ich meine nassen Sachen überall über Stuhllehnen und das obere Stockbett. Auch wenn der Schlafsaal momentan etwas kalt, dunkel und ungemütlich aussieht (und vor allem leer) – die Betten sind einfach der Hammer. Aus dicken, runden Baumstämmen. Ich fühle mich wie ein Lachsfischer in seiner Blockhütte in Alaska. Nachdem ich noch liebevoll meine Schuhe mit einem Riesenstapel Zeitungen ausgestopft habe, widme ich mir als letzte liebevolle Pilgerhandlung meinen Beinen und Füßen – und stelle zum ersten Mal überrascht fest, dass ich gestern noch ein fürchterliches Beinproblem hatte und nicht im Traum daran gedacht hätte, O Cebreiro zu Fuß überqueren zu können. Bei der Überlegung zwischen Fonfría und Triacastela habe ich nur an nasse Kleidung gedacht und keinen Moment daran, ob 31 km mit wildem Rauf und Runter so der Knüller gewesen wären. Ich creme dankbar den nächsten Rest Arnikacreme in meine Problemwade und nehme mir vor, mir morgen in Triacastela in der Apotheke diese asiatische Salbe zu kaufen, von der Alfredo so geschwärmt hat.

Vor allem bin ich wirklich einfach dankbar. Schon lange fühle ich Gott nicht mehr intensiv bei mir, nicht einmal mehr in den Gottesdiensten. Auch jetzt bleibt er mir verborgen, aber die Häufung an besonderen Menschen in den letzten 24 Stunden lässt ein ähnliches Geborgenheitsgefühl aufkommen. Manchmal zeigt sich Gott selber, manchmal in der Natur, manchmal in Erkenntnissen, die plötzlich wie zufällig aus dem eigenen Inneren kommen, oder aber in Form von Level 2 Pilgern, die ihre Päckchen von Liebe und Zuversicht überbringen.

Ich beginne gerade etwas unruhig zu werden, weil ich auch Stunden später noch die einzige in der Herberge bin. Da steht plötzlich Anke an der Rezeption. Wie üblich ist sie eine beeindruckende Erscheinung und schafft es, trotz patschnassen Haaren immer noch wie eine Sonne zu strahlen.

Am späteren Nachmittag kommen wie angekündigt die beiden Spanier, ein etwas zurückgezogenes Pärchen und (zu meiner unbändigen Freude) das Italienergrüppchen von Villafranca. Allerdings geschrumpft auf zwei, der Wandpinkler ist nicht mehr dabei. Und aus unerfindlichen Gründen sind sie heute gedrückter Stimmung, still und leise, und verbringen den restlichen Tag damit, ihrer Kleidung beim Trocknen zuzuschauen.

Schon gefühlte Sekunden nach dem Einchecken ist Miguel schon strahlend mit seinem Isomättchen beschäftigt, einen geeigneten Platz für sein Workout zu eruieren. Das findet sich dann wenige Meter von meinem Sofa entfernt, und wieder habe ich alle Mühe der Welt, mich auf mein Tagebuch zu konzentrieren, während er herzallerliebst keuchend und stöhnend seinen Astralkörper ertüchtigt.

Mit zum ersten Mal reichlich Zeit und vielen Blicken in meinen Führer fällt mir auf, dass ich mit meinem intuitiven Frühstopp heute das ein oder andere Problem habe. Meine nächsten Etappen tragen alle eine klangvolle 3 vor der hinteren Stelle, und irgendwie erfüllt mich das rein intuitiv nicht mit der adrenalinigen Vorfreude wie auch schon. Mein tapferes Bein in allen Ehren, aber ich sehe im Moment keinerlei Chance, wie ich diese langen Etappen mit meiner cuidado vereinbaren soll. So disponiere ich kurzentschlossen um. Statt Ankunft Samstag Nachmittag und Heimflug Sonntag Nachmittag laufe ich einfach alle Tage voll aus. Ich denke gar nicht weiter drüber nach, ob das riskant ist bzw. ob ein Tag in Santiago nicht nett wäre. Es geht ja einfach nicht anders. Die Dreier gehen überhaupt nicht, danke an meine klare Intuition.

Anke setzt sich zu mir aufs Sofa. Sie sagt, wie schön es wäre, dass ich auch hier bin, und mein erster Gedanke ist, dass sie lügt. Mein sehr postwendend zweiter Gedanke ist, warum ich so etwas denke. Sie hat ja schließlich nicht gesagt, dass ich das Schönste bin, was ihr jemals passiert ist, sondern einfach, dass es schön ist, dass ich da bin. Vermutlich ist jeder heute ehrlich froh über jeden, der die Herberge ein bisschen mit Leben füllt.

Joaquin ist nicht wie geplant nach Triacastela durchgelaufen, sondern hat sogar schon vorher in Hospital gestoppt. Intuitiv freue ich mich, ihn demnach irgendwann nochmal zu sehen. Gleichzeitig ist er vielleicht aber auch der Grund, dass ich mich mit Anke so ein wenig unwohl fühle. Ich fühle mich wie ein Ersatz, was soweit keinerlei Problem wäre. Aber ich fühle mich wie ein ganz und gar mangelhafter und schäbiger Ersatz. Anke und Joaquin sind Meister des Strahlens, Meister der Emotionen, Meister der Kommunikation, Meister der tiefgründigen Gespräche und fühlen sich in 4-5 Sprachen spielend zu Hause. Dass Anke Joaquin mit seligem Lächeln anstrahlt, leuchtet mir ein, aber dass ich das gleiche Lächeln bekomme, kommt mir irgendwie nicht schlüssig vor. Ich gucke jämmerlich, radebreche mit grässlichem Akzent meine Bruchstücke Englisch und Spanisch, fühle mich meistens jämmerlich und bin Gesamtpaket jämmerlich.

Das junge Pärchen gesellt sich zu uns. Beide sind aus Kalifornien und das genaue Gegenteil von jämmerlich. Zumindest die weibliche Komponente redet stundenlang wie ein Wasserfall und mit einem Selbstverständnis und Selbstbewusstsein, das mir dann im Gegenzug fast auch schon wieder ein bisschen unsympathisch ist und mich nachdenklich zu dem Schluss kommen lässt, dass es wohl irgendwo eine goldene Mitte gibt. Und die Erkenntnis ist nicht weit, dass ich dieser goldenen Mitte schon einmal deutlich näher war – und auch irgendwann wieder deutlich näher sein werde. So sicher wie Markus irgendwann in Finisterre stehen wird.

Wir bekommen Abendessen in einem kleinen Tipi-ähnlichen Raum. Zur Vorspeise gibt es Caldo Gallego, diesmal deutlich schmackhafter als aus meiner Dose in Villafranca. Trotzdem werde ich mit der bohnig-kartoffligen, trüben Brühe mit den Grünkohlfäden nicht so warm. Zum Hauptgericht gibt es tellerweise verschiedene Tortillas, leider sind wir nach zwei Tellern schon satt. Das Kochteam verabschiedet sich, nachdem sie uns zur Nachspeise einen Teller Santiago-Mandeltorte hingestellt haben. Sie müssen nämlich noch mit der Köchin ins Spital fahren, sie hat schlimmen Brechdurchfall. Ah ja.

Unsere kleine Runde verlagert sich wieder in Begleitung der Rotweinflasche auf das Sofa. Es ist nun wirklich recht kalt, da wegen uns Häufchen verständlicherweise nicht die ganze Herberge beheizt wird. In Minutenabständen verschwindet Pilger um Pilger, um mit einer Jacke oder einer Wolldecke zurückzukommen. Wir sitzen dick eingemummelt, während vor allem die Kalifornierin redet. Ich beschränke mich weitgehend aufs Zuhören, was aber heute auch absolut in Ordnung ist. Wie ich mir schon an den ersten Tagen etwas Zeit gegeben habe, um mich ans Pilgern zu gewöhnen, so beschließe ich auch nun, mir etwas Zeit zu geben auf dem Weg von der Jämmerlichkeit in die goldene Mitte.

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