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Posts Tagged ‘León’

Ich schlafe in leichter Alarmbereitschaft, denn heute sollte ich zeitig los. Der einzige Bus des heutigen Tages fährt um 12.50 ab Carrión de los Condes. Für alle Fälle habe ich mein Ticket vorher im Internet gebucht – und einen Riesenschreck bekommen, dass 2 Wochen vorher an den beiden darauffolgenden Tagen nur noch 1 bzw. 2 Plätze frei waren. Sollte ich also meinen Bus heute verpassen, habe ich ein Problem.

Gegen 6 rappelt es zum ersten Mal, Jean macht sich schlurfend ans Packen. So früh traue ich mich dann doch nicht mehr los und schlafe nochmal weiter. Nächstes Augenöffnen um 7 erfüllt mich dann aber fast schon wieder mit Panik.

Ich düse gut vorbereitet los. Den Weg habe ich gestern sicherheitshalber schon auskundschaftet, und um nicht wieder fürchterlich zu frieren, trage ich heute gleich vorbeugend die ganze Montur, inklusive Regenhose und 2 Fleecepullis unter der Regenjacke. Leider ist es heute nur halb so kalt.

An die heutige Strecke habe ich keinerlei Erinnerungen, zumindest keine besonders guten. Laut Führer soll es auch immer an der Straße entlanggehen. Das tut es wirklich in sehr faszinierender Weise. Eigentlich ist das Wegchen dadurch eh idiotensicher, trotzdem hat es alle 50 Meter nicht nur einen, sondern gleich 4 Wegsteine. In guten Momenten habe ich Ausblick auf gleichzeitig etwa 20 Steinquader. Nach dem gestrigen Verirren ist das fast schon Hohn.

Den Sonnenaufgang ignoriere ich heute weitgehend. Entweder, es ist wirklich ein Stück weit die Gewöhnung. Oder die Tatsache, dass ich zwar begeistert Fotos mache, aber jeden Abend fast alles wieder löschen muss, weil ich nur eine Speicherkarte habe und diese so etwa 250 Fotos zu fassen scheint. 20 Bilder pro Tag. Die ersten Tage in der Meseta habe ich so viel geknipst, und selbst bei bestem Willen kann ich nicht auf 20 reduzieren. Ich hoffe ein Stück weit auf einen ausgleichenden Regentag – oder einen unspektakulären Tag an der Straße, so wie heute. Vor allem bin ich heute aber auch eindeutig gestresst, unter Strom und überhaupt nicht Pilger. Meine Gedanken sind nur bei den Busverbindungen und was mich in Astorga erwarten mag.

Trotz Zeitdruck mache ich irgendwann eine kleine Pause, um mich aus meinen Regensachen zu schälen bzw. diverse wärmende Fleeceartikel einzupacken. Heute ist es wirklich nicht übermäßig kalt.

Wie üblich überkommt mich ein warmes, ziehendes Gefühl, als ich zum ersten Mal bewusst ein Schild mit „Santiago“ und Kilometerangabe inmitten des Steinquadermeers wahrnehme. Im nächsten Moment schüttele ich mich, diese Kilometer gelten für alle, nur nicht für mich. Ich bin ja heute Pilgerabschaum und nehme den Bus.

Carrión de los Condes erreiche ich Punkt 12, fast eine Stunde zu früh. Direkt am Weg hat es einen kleinen Camino-Informationsstand, wo ich nach dem Busbahnhof frage. Die junge Frau guckt mich erstmal kritisch an und meint, wir könnten auch deutsch sprechen, sie käme aus Österreich. Und der Bus würde immer direkt gegenüber an einer kleinen Bar halten. Ich möchte lieber zum Busbahnhof, sicher ist sicher. Sie ist recht gereizt, ich könnte schon auch irgendwo anders hinlaufen, aber da käme auch nicht wirklich ein Busbahnhof. Ich bin etwas durcheinander und verunsichert. Sie kriegt verständlicherweise zunehmend die Krise mit mir, die sicher noch 10 x nachfragt, ob der Bus auch wirklich vor dieser komischen kleinen Bar anhält.

Ich mache mich zum Supermarkt im Stadtkern auf. So richtig viel kaufen macht keinen Sinn, sollte ich doch Astorga zu Ladenöffnungszeiten erreichen. Ein Jammer in Anbetracht des schönen Ladens. Ich schiele ein wenig zu den Kosmetikartikeln. Der Lippenpflegestift ist diesmal beim akribischen Rucksack-Durchwiegen dem Rotstift zum Opfer gefallen. Die Mischung aus Sonne, Kälte und Wind der letzten Tage lässt mich meine Lippen schon in Scheibchen abnagen. Ich finde nichts, stehe vermutlich vor dem falschen Regal, kann das ja aber in Astorga in Ruhe angehen.

Ich trabe zurück zu der großen Kathedrale am Ortseingang, die im Moment leider von Bauarbeiten und ohrenbetäubendem Lärm erschüttert wird. Meine über alles geliebte Herberge mit den Nonnen macht leider auch erst um 1 auf. Irgendwie hätte ich gerne nochmal dort vorbei geschaut. Ich tröste mich damit, das man wunderbare Erinnerungen auch einfach als solche belassen kann.

Ungeachtet der kathedralischen Presslufthämmer setze ich mich auf eine wie immer eiskalte Bank in die Sonne, um wenigstens im Geiste nochmal im Einzugsbereich der Herberge zu sein. Unter misstrauischen Blicken der Einheimischen breite ich meinen halben Rucksack aus, dekantiere Olivenwasser in die Grünanlagen und teile mein altes Brot begeistert mit den Vögeln (die plötzlich peinlicherweise keinen Hunger mehr haben, als ich einen halben Laib auf einmal ausgestreut habe). Ich habe mal wieder gerade einen viel zu großen Happen im Mund, als mir plötzlich halb das Herz stehen bleibt. Der atemberaubende Beau aus Burgos schlendert allen Ernstes zu mir her, in Begleitung eines anderen Pilgers. Er fragt irgendwas, ob ich auch hier wäre, worauf ich ja wirklich auch nicht sehr viel sinnvolleres antworten könnte als „hm-hm“, selbst wenn ich nicht Backen wie ein Hamster hätte. Offensichtlich dämmert ihm schnell, dass ich immer noch nicht in sein Beuteschema passe, und er trollt sich ziellos. Noch mehr als mein suboptimales Auftreten (ich schnipse mir betreten eine ordentliche Schicht aus Brotkrümeln und Mehl von der Brust) schockt mich die Tatsache, dass dieser kraftvolle, athletische Superpilger nicht bereits kurz vor Santiago ist, sondern ein ähnliches Schleichtempo drauf hat wie ich. Und mittags um 12 nichts besseres zu tun hat, als noch nicht mal den Pfeilen zu folgen. Ich kann ihn enttäuscht unter „mehr Schall als Rauch“ abhaken.

Eine halbe Stunde zu früh trabe ich zu der ominösen Bar zurück, und nachdem sich auch um 1 noch nichts tut, bin ich hin und hergerissen, ob ich nochmal die Österreicherin nerven soll oder mich irgendwo heulenderweise hinsetzen und überlegen, wie ich nun meinen Camino ohne Busetappe arrangiere.

Glücklicherweise kommt wirklich ein riesiger Bus die viel zu kleine Straße entlang. Ich winke wohl etwas zu theatralisch. Der Buschauffeur meint bei meinem wedelnden Ticket nur „ja, ja, steig mal ein“ und hat wohl das Gefühl, dass ich einen Vollschuss habe. Das könnte ich aktuell nicht einmal leugnen. Nun sitze ich zwar wohlbehalten im Bus, Weiterfahrt gesichert, aber nachdem der Chauffeur den Motor ausgestellt hat, ausgestiegen ist und wenig Anstalten macht, bald weiter zu fahren, überkommt mich jetzt eine richtiggehende Panik, nachdem gerade Jean den Weg entlang kommt. Wenn ich nicht gerade einen Frühstart hinlege, ist er der sichere Indikator für das Eintreffen des Pilgerpulks in den nächsten Minuten. Ich sehe nicht nur Domingo begeistert lächelnd „alles klar?!“ neben mir in den Sitz fallen, sondern am besten noch die Horde Franzosenehepaare. Und die neu-finnische Spezialtruppe. Ich muss wirklich leicht traumatisiert sein, ich atme erst wieder normal, als die Türen endlich schließen und wir losfahren.

Zum ersten Mal mache ich mich in einem spanischen Bus nicht gleich schlafbereit. Ich bin zu fasziniert von der Tatsache, dass wir fast die ganze Zeit am Camino entlang fahren. Auf den Schildern passieren wir die altbekannten Ortsnamen voller Erinnerungen, am Horizont sehe ich immer wieder Pilgergrüppchen, irgendwo radelt mühsam die kleine Spanierin auf ihrem frisch gesäuberten Fahrrad. Ich halte Ausschau nach bekannten Gesichtern, vor allem nach David. Irgendwie ein ganz komisches und unwirkliches Gefühl, an allem vorbeizufahren.

Wir fahren den Kreisel vor León, ich erinnere mich an das hupende Auto und den freundlichen, jaguarfahrenden Wegweiser. Gespannt halte ich Ausschau nach meiner Autobahnüberquerungs-Sprintstrecke. Zu meiner Erleicherung hat es dort eine quietschblaue Faltbrücke. Irgendwie hätte es mich auch gewundert, wenn ich da als einzige Bedenken gehabt hätte.

In León spuckt mich der Bus auf dem wenig einladenden Busbahnhof aus. Mein erster Gedanke gilt einem WC. Zuerst suche ich ein WC mit Papier. Ich reduziere die Ansprüche und hätte zumindest gerne etwas mit funktionierender Klospülung statt eingetretenem Spülkasten. Letztlich sehe ich über diverse Gucklöcher in der Wand hinweg, aber nachdem auch alle Schlösser herausgebrochen sind, stellt sich bei mir akuter Harnverhalt ein, und ich streiche das Unternehmen WC todesmutig.

In der Wartehalle wuselt es nur von Pilgern. Ich komme mir, ähnlich wie in Burgos, wie ein Fremdkörper vor. Mich schüchtert ihre selbstverständliche Pilgerausstrahlung ein, verstärkt durch die Sorge, auf wieviele Pilger ich hier wohl treffen mag, wenn schon der Busbahnhof derart geflutet ist.

Mein Anschlussbus stellt mich in meiner aktuell wenig sortierten Stimmung schon wieder vor unlösbare Probleme. Es hat keine Anzeigetafel, wo genau welcher Bus abfährt, und nachdem es etwa 30 Stellplätze hat, an der laufend Busse aus- und einfahren, habe ich Sorge, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Ein älterer Spanier beruhigt mich nett, dass ich einfach abwarten solle, wo mein Bus einfährt. Er ist selber schon mehrfach den Camino gelaufen, allein das beruhigt mich. Ich stelle mich ziellos in einen größeren, wartenden Pulk, während die geplante Abfahrtszeit immer näher rückt. Mit einem Mal kommen etwa 6 Busse auf einmal, alle um mich herum laufen erleichtert zu irgendwelchen Türen. Nirgends steht etwas von Astorga, Kunststück, sehr wahrscheinlich ist das wieder nicht der Endbahnhof. Die ersten Türen schließen sich schon wieder, die ersten Busse fahren schon wieder ab (und ich würde mich am liebsten intuitiv heulend auf den Boden werfen). Da kommt noch ein weiterer Bus eingefahren. Irgendwas mit Ponferrada lässt mich neue Hoffnung schöpfen, und der Busfahrer scheint mit meinem Ticket auch wirklich etwas anfangen zu können. Madre mia. Bin ich froh, wenn ich diesen Tag hinter mir habe. Ich habe den Eindruck, dass mich pilgerische Herausforderungen wie Minusgrade, Wassermangel oder Mammutetappen weitaus weniger aus der Fassung bringen.

Noch einmal geht es im sonnigen Abendwerden an bekannten Orten vorbei, Abzweigungen nach Villar de Mazarife und Hospital de Orbigo, ich kann sogar die markanten Wassertürme sehen und werde von Erinnerungen förmlich überrollt.

Bei der Einfahrt in Astorga bin ich gespannt, wo ich wohl herausgelassen werde. Zu meiner Freude direkt am Gaudi-Palast und meiner geplanten Herberge. Und im Vorbeifahren erspähe ich sogar noch einen El Arbol Supermarkt.

Ich bin heilfroh und unendlich erleichtert, als ich zum ersten Mal astorgischen Boden unter den Füßen habe und ab jetzt endlich wieder normale, richtige Pilgerin bin. Sofort kommt auch die übliche Sicherheit zurück, während ich zielstrebig und mit weitausholendem Schritt zur Herberge strebe.

Dort werde ich heute schon wieder deutsch (und recht resolut) empfangen. Die Hospitalera drückt gönnerhaft ein Auge zu und lässt mich einchecken; nachdem die Herberge ja kommerziell ist, würden auch Buspilger genommen. Das beleidigt mich dann doch wieder einen Hauch in meinem Pilgerstolz. Bin ich heute doch brav meine normale Etappenlänge gelaufen.

Ich gehe schnell auf Einkaufstour; der Supermarkt ist Luxus, und ich erstehe meine favorisierten grünen Minipaprika sowie einen Beutel Mischsalat. Nach dem vielen Weißbrot mit Chorizo der letzten Tage lechze ich förmlich nach etwas aus der Rubrik „gesund und frisch“. Ich kaufe auch Kiwi und Sharon, höchstens etwas gebremst durch die vage Erinnerung an einen ordentlich gefüllten Beutel mit Mandarinen, den ich schon viel zu lange mit mir herumschleppe und vielleicht zuerst konsumieren sollte.

Nur einen Lippenpflegestift finde ich wieder nicht. Einen einzigen hat es, aber der hat Lichtschutzfaktor (so einen weißen habe ich selber) und ohnehin Inhaltsstoffe, die eher nach Deo oder irgendwie gesundheitsschädlich klingen. Ich stehe schon wieder ein wenig geknickt auf der Straße, als mir auf der anderen Straßenseite eine Drogerie Parfumerie ins Auge sticht. Vermutlich nicht mein Preisklasse, aber für alle Fälle spähe ich mal durch das Schaufenster, und nachdem es Waschmittelregale à la dm-Markt hat, wage ich mein Glück. Sofort springt eine alarmierte Horde von Verkäuferinnen auf mich zu (ich passe zugegebenermaßen doch nicht so ganz zum Ambiente), werde aber lieb durch den halben Laden zu den Lippenpflegestiften geleitet (ich bin begeistert von meiner spanischen Umschreibung, die offensichtlich gar nicht so schlecht war). Stolz wirft sich die Verkäuferin in Positur, es gibt Vaseline oder Labello blau oder Labello rosé. Punkt. Während ich noch geschockt schaue, guckt sie mich schon begeistert erwartungsvoll an. Vor meinem geistigen Auge öffnen sich heimische Schubladen mit 20 verschiedenen Sorten diverser namhafter französischer Kosmetikhersteller, gefolgt von Erklärungen, warum Vaseline und Labello rein gar nicht gut sind für die Lippen. Ich schüttele mich zurück in die Gegenwart. In einem letzten kläglichen Versuche frage ich, ob die denn gut sind, was die Gute weitausholend begeistert bejaht, als wäre ich taubstumm. Ich nehme schicksalsergeben Labello blau. Ob ich nicht lieber rosé möchte, der hätte noch zusätzlich Rose drin – und wäre „offerta“! Mir geistert eine Millisekunde „dumme Nuss, der ist einfach rosa eingefärbt“ durch den Kopf, lächele dann aber freundlich und dankbar. Draußen werfe ich einen Blick auf die Inhaltsstoffe – es hat tatsächlich Rose drin und stattlich viel Jojobaöl. Und das Ding duftet und schmeckt ganz göttlich. Ich fühle mich peinlich berührt wegen der „dummen Nuss“.

Ich wende mich endlich wieder dem Camino zu und betrachte die Lage. In der Herberge ist es ausgesprochen leer, von befürchteten Pilgermassen keine Spur. Nur das Wetter ist etwas moderat, wolkig bedeckt. Bin ich etwa meinem strahlenden Sonnenschein davongefahren?

Diesmal ist nicht nur der Gaudi-Palast wie immer geschlossen, sondern auch die Kirche. Dafür sondiere ich eine Messe für den Abend. Natürlich wieder nicht in der großen Kirche, aber in einem kleinen Konvent direkt gegenüber. Vorher gehe ich noch ein bisschen Stadtbummeln, wenn ich heute eh schon Buspilger bin. In einem Pilgerladen hat es meine Muschelanhänger. Eigentlich wollte ich sie wie vor 2 Jahren in der Herberge in Castrojeriz kaufen. Da diese aber geschlossen hatte, bin ich heute froh darum. Der Verkäufer ist nett, bemüht sich um Small Talk mit den Pilgern und schenkt mir einen Pilgermagnet. „Für den Kühlschrank“. Hm.

Die schönen Backwaren in den Schaufenstern sind verführerisch, ich habe aber wieder das Gefühl, eher das Ambiente zu stören, sodass ich mich lieber auf die Suche nach der Messe mache. Ich umrunde das Areal fast zweimal, bis ich endlich den recht versteckten Eingang finde. Hinter dem Kirchenschiff hat es dicke Gitterstäbe, dahinter erstreckt sich nochmal ein ähnlich großer Raum mit Bänken und auf den ersten Blick sehr vielen Nonnen. Vermutlich ist interessiertes Umdrehen und Hinstarren nicht angebracht, sodass ich es bei dem speziellen Gefühl belasse, vor einem Haufen Nonnen hinter Gittern zu sitzen.

Nach der Messe mache ich mir mein Abendessen. Leider sind die Paprikas absolut ungenießbar scharf, zumindest einige von ihnen. Nach der ersten brennt mir derart der Mund, dass ich auch kaum mehr beurteilen kann, ob die weiteren gut oder ähnlich höllisch sind. Ich esse tapfer ungefähr die Hälfte davon, aber ein Genuss ist es wirklich nicht. Auch meinem Salat fehlt es an einer zündenden Soße, er schmeckt einfach nach ziemlich schlecht abgetropft. Ich bin ziemlich bedröppelt von meinem Werk.

Die Hospitalera gesellt sich zu mir. Sie bekommt jeden Tag das Essen vom Gaudi-Restaurant geliefert und erfreut sich aktuell einer deutlich appetitlicher aussehenden Fischsuppe. Sie erzählt mir vom Hospitalera-Alltag und den Bettwanzenproblemen. Mir wird schon ganz eng, und es juckt mich fast prophylaktisch. Vor allem, weil in den Betten neben mir zwei wild verstochene Pilgerinnen sind, die sich die Wanzen in Sahagun geholt hätten. Ich habe ganz dezente Sorge, ob in den wenige Tagen seither schon alle Wanzen komplett beseitigt sind und lagere meine gesamten Sachen schon etwas paranoid an die Wand gedrängt. Meine Sorgen schürt die Hospitalera leider eher noch. Auch lacht sie sich kaputt über meine Mandarinenvorräte. Wenn ich noch Essen mit mir rumschleppen würde, wäre ich wohl einfach noch nicht lange genug gepilgert. Das kränkt nun erst recht meinen Stolz (sie hat natürlich Recht) und ich beschließe, ab morgen rigoros meine Vorräte zu dezimieren.

Neben den zwei Verwanzten kommt noch ein Deutscher an den Tisch, den ich am Busbahnhof in León schon getroffen habe. Er ist nicht besonders kommunikativ. Irgendwie tut ihm überall irgendetwas weh, deswegen hat er auch abgekürzt, was ihm nun aber auch zu schaffen macht. Als noch vermutlich seine Eltern auf dem Handy anrufen und sich über die Busnahme erstaunt zeigen, bekommt er fast schon einen Wutanfall, dass er daran jetzt ja auch nichts ändern kann.

Den Rest des Abends beschränke ich mich weitgehend aufs Zuhören und Bändelknüpfen. Ich bin ziemlich matschig, habe mich heute zu oft dem Heulen nahe gefühlt, bin nicht richtig gepilgert – und durch meine Gehirnwindungen krauchen zu viele kleine schwarze Käferchen.

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Ich habe prima geschlafen und wache recht zeitgleich mit dem geplanten Weckerklingeln auf. Mein Gerümpel wandert recht lose in den Rucksack, dafür mein Pfefferspray aus den Tiefen einsatzbereit in die rechte Hand. Ich habe das gute Stück noch nie ansatzweise gebraucht, aber für den heutigen Rückweg zum Busbahnhof ist mir damit wieder einmal einfach wohler.

Heute brüllt mich aber keine dubiose Gestalt an, sodass ich vor dem Busbahnhof schnell wieder verschämt mein Döschen einpacke – nicht, dass sich noch jemand von mir bedroht fühlt.

Mein Bus primera clase wartet schon, ich bin sehr gespannt (und erleichtert, dass ausser mich auch ganz normale Leute warten und man nicht im Smoking reisen muss). Ich habe einen Einzelsitz in schwarzem Leder mit möglicherweise Teakholz, der Knüller kommt aber, kaum dass wir losgefahren sind. Für die nur knapp 10 Fahrgäste gibt es eine freundliche Bedienung, die rund um die Uhr von vorne nach hinten durchwandert und Säftchen? Bonbon? Kaffee? Frühstück? Keks? Wasser? Kopfhörer? Säftchen? Kaugummi? offeriert. Ich fühle mich wie im Paradies, und während wir ohne Unterbrechung bis nach León durchbrausen, erwische ich auch noch „Vivo per lei“ auf den Kopfhörern, was mir in dem Moment ein unheimlich gutes Gefühl vermittelt. Wir durchfahren Nebel und Schnee, aber gegen León wird es strahlend sonnig. Es gibt sogar ein Abschiedsgeschenk in Form eine Täschchens mit Spiegel und Bürste, welches ich aber schweren Herzens zurückgehen lasse. Schließlich bin ich spartanischer Pilger und habe einen hartumkämpften, möglichst leichten Rucksack.

In León erwartet mich erstmal extremer Trubel und erstaunlich viele Pilger, allerdings in Gegenrichtung. Es ist Ostern, und vermutlich endet hier für viele Spanier eine Teiletappe des Caminos. Ich erstehe noch schnell einen Film für meinen noch nicht digitalen Foto und mache mich frohgemut (und so spät wie noch nie) auf den Weg zu meiner ersten Etappe.

Mein Rucksack ist noch nicht sehr pilgertauglich gepackt, schon allein, weil ich noch 3 riesige Plastikdosen mit aktuell noch einer Kiwi, einer Karotte und einer Paprikascheibe herumtrage. Mein Rucksack sieht also riesengroß aus bzw. ordentlich schief. Ich suche verzweifelt meinen Sonnenhut in den Tiefen des Hauptfaches, erfolglos, bis ich irgendwann so ziemlich alles ausgepackt habe und auf dem Gehweg ausgebreitet. Zwei Pilgerinnen gucken schon recht interessiert und belustigt.

Mit hellblauem Schlapphut und immer noch schiefem Chaosrucksack überhole ich sie dann wieder. Sie fragen, woher ich denn komme, und bei „erster Tag“ merke ich eine gewisse Schadenfreude. Ich kann es ihnen nicht übelnehmen, dass sie den Eindruck haben, dass ich Pilgerneuling mich mit meinem schnellen Tempo und meinem riesigen (wenn auch superleichten) Rucksack übernehme.

Etwas später treffe ich am ersten Brunnen einen jungen Pilger mit schwarzem Hut, der sich freundlich als Chuck aus England vorstellt und sich anschickt, die nächsten Meter mit mir laufen zu wollen. Auch er freut sich sichtlich über mich vermeintlichen Pilgerneuling und erzählt mir ein wenig die Geschichte vom Pferd. Er hat ein recht stattliches Selbstverständnis, erzählt stolz von seinem Blog und – und da beginnt es zwischen uns schon etwas zu kriseln – er ist bis oben hin voll von seiner Sicht des Caminos. Egal, was ich sage, er widerlegt es mit irgendwelchen Weisheiten. Er findet, man könne eh nicht an das Pilgerleben früherer Zeiten anknüpfen, nur weil ich mich auf spartanische Herbergen und einen entbehrlichen Weg freue. Da hat er sicher recht, aber das will ich ja auch gar nicht. Unsere Kommunikation besteht zunehmend aus „a good discussion indeed“ und „fair argument, I can’t contradict you on that point“, sodass ich recht erleichtert bin, als er irgendwann von sich aus beschließt, etwas schneller allein weiter zu laufen. Wohlgemerkt, weil er sich nicht sicher ist, ob überhaupt noch ein Bett zu bekommen ist, zu dieser Zeit. Bei drei großen Herbergen auf der weniger begangenen Wegalternative wird da zumindest mir nicht allzu bang ums Herz.

Die Strecke ist wie immer wunderschön und betankt mich mit unergründlichen Energien. Einerseits knallt die Sonne, andererseits weht so ein scharfer Wind, dass ich mein Astorga-Stirnband dankbar herauskrame. Die Kombination Ohrenwärmer und Sonnenhut ist sicher auch ein Bild für die Götter.

In Villar de Mazarife entscheide ich mich gegen die bekannte, gute Herberge. Ich möchte diesen Camino nicht als Aufwärmen alter Erinnerungen betreiben. Nachdem die Strecke nun schon die gleiche ist, möchte ich wenigstens in anderen Orten stoppen – und nachdem auch das heute nicht geht, wenigstens in anderen Herbergen.

Ich muss über Chuck lächeln, als ich die Herberge betrete – kein Mensch ist zu sehen, und im offen liegenden Buch stehen heute bisher drei Pilger verzeichnet. Im Innenhof schnarcht ein Mann in der Sonne, und ein kleiner kläffender Hund ruft eine Spanierin auf den Plan, die mich einchecken lässt und mir ein leeres Zimmerchen mit 2 Stockbetten zeigt. Eine große Küche hat es auch, und trotz Samstag Abend hätte es einen Supermarkt, der auf Klingeln öffnet.

Ich kaufe schnell überglücklich etwas Pasta und Gemüse, um dann in Ruhe zu duschen, zu waschen und zu kochen. Ich fühle mich unheimlich glücklich und „angekommen“ in meiner Welt.

In der Sonne im Innenhof lässt eine Pilgerin ihre nasse Lockenpracht trocknen. Wie der schlafende Pilger strahlt auch sie eine unheimliche Ruhe aus. Auch im Gespräch ist sie sehr angenehm, sie pilgert zwar auch erst seit heute, war aber früher schon mal auf dem Camino. Kein Vergleich zu Chuck, sie nickt einfach viel mit leuchtenden Augen und einem blinden Verständnis.

Ein kleiner, etwas nervös wirkender Spanier gesellt sich zu uns, und gegen 20 Uhr kommen in aller Seelenruhe auch die beiden Pilgerinnen, denen ich heute als erstes begegnet bin. Sie sind glücklich über die Reste meiner Gemüsepasta.

Es wird schon ziemlich kühl, aber der Spanier und der Herbergsvater bauen kurzerhand ein Feuerchen im Hof auf, um das dann nicht nur unsere kleine Pilgergemeinschaft, sondern auch der Herbergsvater mit Tochter, Enkeln, Schwiegersohn und Großfamilie sitzt und steht. Marco dreht sich zwar immer noch etwas nervös und gehetzt eine Zigarette nach der anderen, durch gewisse Sprachschwierigkeiten hindurch entdecke ich aber auch eine deutliche Sympathie. Er hat ein weihrauchähnliches Pulver dabei, das er ins Feuer portioniert. Die lockige Holländerin Sanne dagegen lächelt still entrückt. Eigentlich wollen wir beide die Messe besuchen, aber nachdem sie erst um 22.00 ist, geben wir das Vorhaben dann doch auf.

Ich gehe ins Bett, bevor ich richtig durchfroren bin. Vorher lege ich Sanne, die todesmutig unter freiem Himmel im Innenhof ihr Nachtlager aufgeschlagen hat, noch ein Armbändel aufs Kopfkissen.

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Wie auch gestern haben sich meine Füße über Nacht perfekt erholt und scheinen lauffreudig – was mich nun doch schon wieder übermütig werden lässt. Der einzige Ort, den ich auf diesem Camino unbedingt nochmal sehen will, ist die Herberge in Hospital de Órbigo. Und dummerweise liegt das kilometertechnisch ziemlich ungünstig, nämlich 38km von León entfernt. Bei meinem noch im Rückstand befindlichen Zeitplan definitiv zu wenig für 2 Etappen, und für eine Etappe ist es dann doch auch wieder etwas weit, zumal ich mir ja schon vor zwei Tagen praktisch geschworen habe, nie wieder so unvernünftig zu sein und mehr als 30km zu laufen. Prompt die 36km gestern, für die ich meinen Füßen mehr als dankbar bin. Aber dreimal hintereinander den Bogen überspannen könnte sich vielleicht doch rächen.

Ich beschließe, es auf mich zukommen zu lassen und genieße erst einmal die ersten bekannten Meter hinter León. Mir kommt alles vor, als wäre ich erst gestern hier entlanggelaufen, und vor allem, als wäre ich ein paar hundert Mal hier langgelaufen. Ich erinnere mich an jeden versteckten Wegweiser, ahne die unauffälligen Abzweigungen und Supermärkte und kann schnellen Schrittes zielstrebig ausschreiten. Unterwegs treffe ich viele Pilger, die hier wohl ihren ersten Tag haben, sich noch wie ich damals panisch an ihren Führer klammern und versuchen, sich an den Beschreibungen entlangzuhangeln. So stehen sie dann auch prompt an jeder Straßenecke mit großen Fragezeichen im Gesicht. Vielleicht entwickelt man erst im Lauf der Zeit den Blick für die Pfeile und Muscheln.

Recht schnell habe ich mich auf verschlungenen Wegen aus León herausgearbeitet, und von einem nahezu schon sonnigen Himmel begleitet geht es Richtung Virgen del Camino, wo ich der Kirche wieder einen Besuch abstatte (eine der wenigen, die tagsüber geöffnet haben). Und passend zum Blick für die Pfeile und Muscheln springt mir direkt nach der Kirche ein gelber Pfeil nach links über die Straße ins Auge, und so komme ich ganz unspektakulär gleich auf den richtigen Weg, anstatt wie letztes Jahr herumzuirren, Autobahnen zu übersprinten und merkwürdigen Wegbeschreibungen zu folgen.

Aus unerfindlichen Gründen bin ich ziemlich einsam unterwegs, aber die Ruhe und Stille ist wunderschön. Ich mache ausgiebige Rasten und genieße die Folgen des gestrigen Riesensupermarktes. Statt Brot unterschiedlicher Schmackhaftigkeit und der immer gleichschmeckenden Chorizo oder wahlweise Käse stehen heute für mich lecker gefüllte Teigtaschen auf dem Pausenplan. Kein Wunder, dass ich gegen 11 bereits meinen ganzen Tagesproviant aufgegessen habe.

Die Strecke zwischen León und Astorga hatte ich als eher unspektakulär in Erinnerung. Nun bin ich aber heilfroh, nicht den Zug genommen zu haben, denn die Einsamkeit und die Farbspiele sind unvergleichlich schön (ganz abgesehen davon, dass Zug natürlich wirklich keine echte Alternative für einen Pilger wie mich ist).

Das Wetter spielt toll mit; nach dem Dauerregen der Meseta ist es eine absolute Wohltat, ohne Kapuze laufen zu können, blauen Himmel zu sehen oder sogar vereinzelte Sonnenstrahlen.

Als ich gegen Mittag Villar de Mazarife passiere, bin ich entschlossen, Hospital de Órbigo in Angriff zu nehmen. Ich bin fit, ich habe noch Zeit, und nach einem Einkauf in einem Laden voller nostalgischer Erinnerungen an rettende honig-parfümierte Taschentücher habe ich auch wieder genug Proviant für meinen doch recht beeindruckenden Appetit.

Den ganzen Tag über begegne ich keinem Menschen, und vielleicht trägt auch das dazu bei, dass ich irgendwann schon ein wenig das Gefühl habe, sämtliche Grenzen überschritten zu haben. Als ich endlich Hospital de Órbigo sehe, überkommt mich mal wieder die berühmte Erschöpfung-Erleichterung-Dankbarkeit, und ich bin überglücklich, als es auf die letzten Meter zu „meiner“ Herberge zugeht.

Ich biege um die Ecke und sehe förmlich den Innenhof vor mir mit einem strahlenden, alles beleuchtenden Mose (auch wenn ich weiß, dass er diesmal nicht da sein wird). Statt dessen stehe ich vor einem Tor. Und dieses lässt sich nicht öffnen. Ich linse zu den Fenstern hinein und bekomme einen halben Schock, weil alles im Inneren wie aus einem Schwarz-Weiß-Film aussieht. Im Innenhof fliegen Spatzen auf, und es wirkt wie ein Museumsdorf. Eins ist klar, hier ist heute keine Herberge für mich geöffnet. Ich versuche es in der Herberge direkt gegenüber, die auch schön sein soll. Auch diese hat einen großen Innenhof, nur ist weit und breit keine Menschenseele. Ich laufe recht orientierungslos durch die Anlage, als ich hinter einer schweren, schiefen Holztür Stimmen höre. Der Anblick lässt mich die Tür fast wieder zuschlagen. In ebenfalls gefühltem schwarz-weiß und trübem Licht sitzen an einem dreckigen, schiefen Holztisch zwei finstere Gestalten, getrennt von Weinflaschen und umflort von einem ebensolchen Geruch. Sie grölen etwas Erheitertes auf deutsch, und da mache ich wirklich die Türe wieder zu und stehe wieder auf der Straße. Vor mir die Herberge, die nicht aufmacht, und hinter mir die Herberge wie aus Ali Baba und die vierzig Räuber. Für einen Moment bin ich versucht, noch weiterzulaufen, aber das geht nun wirklich nicht mehr.

Ich mache noch einen Versuch hinter die dicke Holztür und erkundige mich bei den beiden Gestalten, wie die Herberge denn so funktioniert. Ich finde mich dann aber schon wieder auf der Straße wieder. Ich bin dermaßen hin- und hergerissen, es ist unglaublich. Irgendwann fasse ich mir ein Herz und checke todesmutig ein.

Die grölenden Herren zeigen mir daraufhin das Damenzimmer, das winzig klein ist, und alle unteren Betten sind schon belegt. Ich mache mich etwas zögerlich ans Auspacken und dusche. Die Duschen sind im Innenhof, reichlich zugig, und zum zweiten Mal auf diesem Camino hat es nur noch eiskaltes Wasser. Als ich in mein Zimmer zurückkomme, sind die vier restlichen Damen schon wieder eingetroffen – und ich bin sehr erleichtert, drei bekannte Gesichter wiederzusehen. Zwei davon waren mit mir in León, und eine kennt mich aus der Meseta und fragt begeistert, ob denn mein Freund auch hier wäre. Vermutlich meint sie José. Plötzlich wirkt die Herberge nicht mehr ganz so schwarz-weiß. Ich jammere über das eisige Wasser, und natürlich hatten die Damen alle warmes Wasser. Aber sie lachen auf Spanisch aus tiefstem Herzen und meinen „Du bist deutsch, Du bist hart im Nehmen, Du duscht mit kaltem Wasser“. Wobei es ja einen feinen Unterschied gibt zwischen Willen und Notwendigkeit.

Als ich wieder etwas ziellos im Innenhof lande, habe ich die reinste Erscheinung: aus den Duschkabinen tritt wie aus dem Ei gepellt, in duftiges Hellblau gehüllt, perfekt frisiert und rasiert, mit einem seligen Lächeln auf den Lippen ein Mann, und mir klappt schier der Unterkiefer herunter. Der Typ wirkt, als würde er auf einer kleinen Privatwolke schweben, als würde ihn ein strahlendes Licht umgeben, während er freundlich und doch ein wenig abwesend wie von einer anderen Welt in die Menge (die wenigen Pilger) lächelt und grüßt. Sofort überkommt mich ein heimisches Gefühl in Bezug auf diese Herberge, vergessen sind Ali Baba und die Weinflaschen. Ich komme nicht umhin, diese Erscheinung in ein Gespräch zu verwickeln. Er ist Italiener, heißt Angelo, läuft schon seit den Pyrenäen, will bis Finisterre, macht den Camino schon zum zweiten Mal – wir sprechen auf Spanisch, was wir beide nicht wirklich können, aber wie so oft auf dem Camino, wir verstehen uns. Auch er hat wieder diese wunderbaren dunklen, großen Augen, in denen man versinken kann, in denen man alles lesen kann, und bei denen man Gespräche und Worte eigentlich eher als nebensächliche Randuntermalung einsetzt.

Ich bereite mir in der kleinen Küche mein vitaminreiches Gemüsepfännchen mit der magischen Tomatensoße zu, interessiert kommentiert von Angelo. Er kann auch kochen, und glücklicherweise findet seine Tochter seine Spaghetti Carbonara ganz toll. Ich verpflichte ihn, mir diese mal zu kochen, aber vor allem bin ich erleichtert, dass ich es mit einem Familienvater zu tun habe und die ganze Magie von vorneherein etwas abgeklärter sehen kann.

Mit dem engen Damenzimmer werde ich immer noch nicht so warm und beschließe, in ein neu aufgemachtes Zimmer zu ziehen, in dem sich gerade ein Deutscher und ein Engländer niedergelassen haben. Beide sind sehr nett, humorvoll und unterhaltsam, und als dann noch 2 extrem laut lachende ältere Schwedinnen in den Raum einbrechen, mit minutenlangem Riesenhallo die beiden Herren wiedererkennen und den Raum in Beschlag nehmen, fühle ich mich wieder vollends wohl. Zwar ist mir heute nicht mehr groß nach Kontaktaufnahme und Freundschaften knüpfen, ich lehne mich einfach etwas in meinem Bett zurück. Aber die Räuberhöhle ist plötzlich gefüllt von Lachen und netten Leuten, und irgendwo draußen schwebt selig lächelnd Angelo, der die nächsten 5 oder 6 Etappen genau wie ich geplant hat.

Abends gehe ich in die Kirche, die allerdings recht ausgestorben ist. Ich will schon fast wieder gehen, als mir auffällt, dass viele Leute in einem kleinen Türchen verschwinden. Und auf Nachfrage werde ich sofort freundlich miteingeschleust – in den Wintermonaten findet die Messe in einem kleinen Nebenräumchen statt, weil man so nicht so viel heizen muss. Das Räumchen ist somit proppenvoll, und erfreulicherweise sind auch zahlreiche Pilger mit dabei. Einige Gesichter kenne ich aus meiner Herberge, und zwei Reihen vor mir meine ich auch einen Pilger zu erkennen – ein sehr gut gepflegter, älterer Herr mit einer penibel sitzenden Windjacke. Ich dagegen brilliere wie üblich im verschwitzt verknitterten Zwiebel-Look.

Auf dem Heimweg spricht mich jemand von hinten auf deutsch an, er sei übrigens der Helmut. Es ist der gut Gepflegte, und mir dämmert, woher ich ihn kenne – es ist einer der beiden grölenden Deutschen aus dem finsteren Räumchen. Aber ohne dem Hut im Gesicht, der Weinflasche und dem alkoholseligen Kumpan hat er nun eine komplett andere Wirkung auf mich. Ich muss an ein Sprichwort denken „Wo man singt, da lasse dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder“. So geht es mir schon mit Pilgern allgemein, aber erst recht mit Kirchenbesuchenden.

So lasse ich mich für heute sehr ruhig in meiner Herberge nieder, umgeben von fröhlichen, heiteren und gläubigen Menschen – und einem Italiener, der schon wieder einfach dieses „Mehr“ ausstrahlt.


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Ich schlafe tief und fest, bis es draußen schon hell ist. Nachdem ich auf José warte, der nie vor Sonnenaufgang losläuft und ja erst noch 7 km laufen muss, habe ich heute alle Zeit der Welt.

Ich frühstücke mit den Deutschen. Dem Fußlahmen geht es immer noch nicht besser, und als ich zaghaft frage, ob dann heute wieder Bus angesagt ist, meint der jüngere Kollege, dass sie alle mit der Bahn fahren, gleich bis León, weil bei diesem blöden Wetter (es nieselt ungefähr einen Tropfen pro Minute) wird er ganz sicher keinen Fuß vor die Tür setzen.

Was das Füße Setzen angeht, so bin ich heute durchaus geläutert. Nach dem gestrigen Debakel habe ich mir vorgenommen, auf meinen Körper bzw. meine Füße zu hören. Aber im Gegensatz zu gestern tut mir nichts mehr überdurchschnittlich weh, und als ich meine Wanderschuhe anhabe, sagen meine Füße erstaunlicherweise sogar „los! los!“ und schmerzen rein gar nicht mehr. Ich bin überaus erleichtert.

Ich schlendere schon mal los. Die Strecke ist sehr überschaubar, entlang der Straße und schnurgerade (und auch sehr überschaubar an landschaftlichen Reizen). Der Boden ist sandig durchweicht, mit jedem Schritt sinke ich ein, manchmal bis über den Stiefelrand. Immer wieder wechsle ich auf die Fahrstraße, aber die ist dann doch zu befahren, als dass ich mich so richtig wohl fühlen könnte.

In meiner Herberge war nur noch eine spanische Kleingruppe, die aber schon früh los ist. Die Deutschen fahren ja Zug, sodass ich alleine bin, bis die ersten aus Bercianos auf mich auflaufen. Nach ungefähr einer Stunde sehe ich dann wirklich eine kleine, dunkelblaue Gestalt am Horizont auftauchen. Leider ist es recht kalt und windig, sodass ich lieber langsam weiterlaufe, als zu warten. Und es braucht ewig, bis José näher kommt. Ich freue mich tierisch und male mir seine Überraschung aus. Irgendwann warte ich dann doch, und während ich ihm entgegengrinse und die Gestalt immer deutlicher wird, weiten sich meine Augen wie im besten Horrorfilm. Der kleine Pilger mit dunkelblauem Regenponcho und dem charakteristischen José-ausgeruht-mit-6 km/h-am Morgen-Tempo stößt sich nämlich schwungvoll mit zwei Teleskopstöcken ab – und mein echter José läuft klassisch mit einem dicken Holzstab. Bis zum Horizont ist auch kein weiterer Pilger zu sehen, dabei kann ich sicher eine Stunde überblicken. Ich bin derart enttäuscht und niedergeschlagen, dass ich meine Pläne schon wieder über den Haufen werfe und das Kapitel José nun doch schließen und bis León durchlaufen will.

Mansilla de las Mulas erreiche ich bei uneinladendem Regenwetter und auch viel zu früh weit vor Mittag. Ich schaue mich ein letztes Mal um, wie zu erwarten kein José. Ich verlasse Mansilla und mache außer Sichtweite trotz des Regens eine ausgiebige Vesperpause. Ein Stück weit fühle ich mich unendlich befreit. Die tausend Abschiede und das Hoffen der letzten Tage waren zermürbend, und ich bin erleichtert, dass damit jetzt endgültig unwiederbringlich Schluss ist.

Ich fühle neue Energien, und die Kilometer und Stunden vergehen wie im Flug. Ich erreiche die Vororte von León; die Tankstellen und Hotels und weitläufigen Autohändlerareale fühlen sich nach der Woche in der Meseta wie eine neue Welt an. Zudem ist für mich León auf unerklärliche Weise ein großes Etappenziel. Vielleicht, weil ich dort letzten Herbst begonnen habe, ab León ist der Camino ein Heimspiel. Vielleicht, weil ich in den letzten Stunden endlich wieder das richtig freie Pilgergefühl hatte.

Ich kann León bereits sehen, als mein Camino entlang eines Hügels auf der Höhe eine riesige Straßenkreuzung umschifft. Plötzlich hupt es auf der Straße unter mir – und als ich hinunterschaue, winken mir aus einem Lieferwagen zwei Hände einen „buen Camino“. Ich bin noch minutenlang in Gedanken, als ich auf der Straße hinter mir ein sehr langsames Auto bemerke. Wirklich im Weg bin ich nicht, und selbst als ich nochmal demonstrativ zur Seite trete, behält es langsames Schritttempo bei. Mit einem Schlag bin ich misstrauisch und alarmiert. Es handelt sich um einen dunkelgrünen Jaguar mit nur einem Fahrer, und während ich das registriere, leuchten auch schon die Rücklichter auf und der Wagen kommt zu mir zurückgerollt. Ich ahne Ungutes, bin aber wie gelähmt. Erwartungsgemäß hält er auf meiner Höhe an, und das Fenster wird heruntergelassen. Ich weiß nicht, was ich erwarte, aber es braucht sicher eine halbe Minute, bis ich das verinnerliche, was wirklich passiert: der Fahrer erklärt mir, dass ich auf dem falschen Weg bin – er hat gesehen, wie ich die richtige Abzweigung verpasst habe und ist mir extra deswegen nachgefahren. Superschlau sehe ich mit meinen langsamen Hirnrädchen wohl nicht aus, er fragt irgendwann „Sie wollen doch nach Santiago, oder nicht?“ und fährt zurück zur Hauptstrasse. Ich laufe ziemlich verdattert den Weg zurück bis zu der Stelle, die er mir gezeigt hat; dort ist wirklich ein unscheinbarer gelber Pfeil, der nach links zeigt – quer über eine vierspurige Autobahn, die lückenlos befahren ist und nach dazu so am Hang und in einer Kurve liegt, dass man wirklich nichts einsehen kann. Ich kann das kaum glauben, dass ich da wirklich drüber soll. In Deutschland kommt es im Verkehrsfunk, wenn ein Fussgänger auf einer Autobahn unterwegs ist – und hier lotst man jährlich viele Tausende von Pilgern über einen absoluten Horror von Straße. In meiner aktuell geistig sehr fixen Verfassung stehe ich sicher 5 Minuten an der Straße, während vor meiner Nase ein Auto das andere jagt.

Irgendwann atme ich tief durch und lege einen atemberaubenden Sprint hin, bevor wie zu erwarten wenige Millisekunden nach mir ein schwerer Laster wie aus dem Nichts um die Kurve kommt. Ich fange erstmal an zu heulen, offensichtlich waren das doch etwas zu viele Anspannungen.

Als ich dann für die nächste Straßenüberquerung eine wunderschöne Brücke bekomme und nach heutigen 36 km das Ortsschild von León passiere, heule ich gerade weiter. Mich überkommt die typische Camino-Dankbarkeit; dafür, dass ich die Straße überlebt habe und mir ein Jaguarfahrer extra den Weg gezeigt hat. Dafür, dass ich mich von José lösen konnte und diese unglaubliche Etappe geschafft habe. Dafür, dass meine Füße mich so klaglos getragen haben, obwohl ich sie gestern überfordert habe und schon an ein Ende meines gesamten Caminos gedacht habe. Und wahrscheinlich bin ich hauptsächlich deswegen so emotionaler Totalschaden, weil mir bewusst ist, dass ich hier nicht alleine bin, nicht alleine meinen Weg kämpfe, sondern dass die größte Macht überhaupt mit mir ist.

In León verlaufe ich mich gleich manierlich. Den Pfeilen folgend lande ich bei einer städtischen Herberge, ich möchte aber wieder zu den Schwestern vom Vorjahr. Und davon bin ich offensichtlich meilenweit entfernt bzw. keiner kennt diese Herberge. Ich beschäftige gleich drei Passanten auf einmal, die beratschlagen, wie sie mich da idiotensicher hinlotsen können, und nachdem mich meine Spanischkenntnisse mal wieder akut verlassen und ich wohl nicht sehr verständig dreinblicke, bietet sich ein älterer Herr an, mich dorthin zu begleiten. Etwas seltsam ist er schon, er läuft schweigend durch den Regen voraus, und meine zarten Konversationsversuche schmettert er auch eher unherzlich ab. Immerhin bringt er mich nach über einer Viertelstunde zu einer Kreuzung, ab der ich mich wieder auskenne.

Nach einigem Suchen und vielem Durchfragen trete ich dann endlich durch den Torbogen zu meiner bekannten Herberge. Es ist mittlerweile nach 16.00, so spät bin ich glaube ich noch nie angekommen. Ich tropfe den halben Eingangsbereich voll, während ich nach meinem Credencial krame. Ich bin ziemlich kaputt, und das noch nicht mal körperlich. Aber ich fühle mich endlich so, wie sich ein Pilger fühlen sollte – erschöpft und zugleich dankbar, für heute angekommen zu sein und ein Bett bekommen zu haben. Und ich bin wieder auch eine stolze Pilgerin, als mein heutiger Startpunkt eingetragen wird.

Ich lasse mich erstmal ohne Duschen im erstaunlich gut gefüllten Frauenschlafsaal auf mein Bettchen plumpsen und gönne meinen Füßen die versprochene Erholung.

Nicht nur, dass ich endlich wieder Etappen gelaufen bin, die mich auch körperlich fordern, auch ist das hier wieder das Sozialleben, wie ich es vom Camino kenne: nahezu unbegrenzte Auswahl an neuen Kontakten, kleinen Gesprächen über das woher, seit wann, wohin, wie gefällt’s, wie geht’s den Blasen und den Knien… und was ich im Moment als besonders befreiend empfinde, keiner ist mir so sympathisch, dass ich nach einer Viertelstunde nicht auch gerne wieder weiterziehe. Bei jedem habe ich von neuem die Chance, mich zu öffnen oder auch höflich reserviert zu bleiben, mal tausche ich mich über Ärger und Sorgen aus, mal bleibe ich darüber bedeckt und spende nur Zuversicht und Optimismus. Viele beginnen hier ihren Camino. Manchmal oute ich mich, dass ich schon aus der Meseta komme bzw. nicht zum ersten Mal laufe, aber die meiste Zeit höre ich einfach auch interessiert hinter meinem Mäuerchen des Schweigens zu, wie andere das hier sehen.

In einer kleinen Regenpause springe ich schnell zum Supermarkt – mein erster Supermarkt hier in Spanien, und ich bin ganz überwältigt von der ungeheuren Vielfalt. Wie so meist kaufe ich fast wieder nur die gleichen Basics, die es auch in den winzig kleinen Läden gibt. Ein Novum lacht mich allerdings an – spannende Nussmischungen, die sicher nicht schlecht sind als schnelle Energie für unterwegs. Die ausgiebigen Brot-Pausen im Grünen fallen bei dem momentanen Wetter ja eher flach.

Für den Abend steht wieder die Messe auf dem Programm – und auch ohne das Fieber im Vorjahr ist die leitende Schwester ein Erlebnis für sich. Nur weiß ich diesmal ja zum Glück, wie das Ganze abläuft und worauf es ankommt, um nicht unangenehm aufzufallen. So habe ich diesmal brav mein deutsches Büchlein vor der Nase, in dem ich immer auf Kommando eifrig blättere. Obwohl die Kirche sehr schön ist und die Nonnen beeindruckend zahlreich, wird mir nicht so recht warm ums Herz. Die Ladies in Carrión de los Condes waren einfach eine absolute Klasse für sich.

Unheimlich schön finde ich aber immer wieder den Pilgersegen. Viel verstehe ich davon nicht, aber wie bei meinem ersten Gespräch mit José, es sind die Schlüsselwörter, die eine beruhigende und bewegende Wirkung auf mich haben: „guía en las encrucijadas“, „aliento en el cansancio“, „defensa en los peligros“, „albergue en el camino“, „sombra en el calor“, „luz en la oscuridad“.

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Ich habe gut geschlafen und sitze noch etwas unsicher im Frühstücksraum. Um mich herum das geschäftige Treiben der Pilger, die schon seit Wochen unterwegs sind, sich kennen, ihre Blasen abkleben, Routen absprechen… ich stehe noch etwas verloren, als mich eine Deutsche anspricht, ob wir bei Tagesanbruch zusammen los wollen. Aus meiner ersten Freude wird Skepsis, ich laufe dann plötzlich doch lieber mit den 3 Schwestern von gestern los, aber auch da überkommt mich bereits nach wenigen Minuten einfach ein ungutes Gefühl. Ich weiß nicht, was ich auf diesem Weg wollte, aber wahrscheinlich keine deutsche Sprache, reges Plaudern und starke Menschen an meiner Seite, die schon alles für mich regeln. Mit einem schlechten Gewissen verabschiede ich mich also unerwartet und laufe von da ab meinen Weg allein. Anfangs fühlt es sich unsicher an, alleine den Weg zu finden, aber es funktioniert, und ich spüre, daß es sich einfach gut anfühlt, richtig ist und so sein muß.

Der Weg gabelt sich im Lauf des Tages, ich habe mir die ungewöhnlichere Variante in den Kopf gesetzt. Mit einigen Pilgern vor mir verlaufe ich mich gehörig, wir stehen fast eine Stunde auf einer Wiese und wissen nicht mehr, wohin. Als wir wieder die Markierungen gefunden haben, stellt sich raus, daß sie alle die andere Route laufen wollen und ich doppelt falsch bin. Wieder widerstrebt es mir, einfach umzudisponieren und mitzulaufen. Ich laufe in die Gegenrichtung zurück, bis mir ein Spanier eine merkwürdige Straße beschreibt. Ich kann ihm nicht verständlich machen, daß ich nicht nur zu dem Ort will, sondern ja auch auf dem Jakobsweg und nicht nur auf direktem Weg die Autostraße. Aber er gestikuliert so wild und beobachtet mich so lange bzw. fängt zu rufen an, wenn ich nicht gleich in die gewünschte Richtung laufe, daß ich irgendwann einfach den Versuch starte. Und nach ein paar Minuten sehe ich einzelne Pilger aus einem Feld nebenan kommen, und irgendwann sind auch wirklich wieder die Muschel-Wegzeiger da. Ich bin auf dem richtigen Weg und irgendwann auch am Tagesziel.

Außer mir ist die Herberge noch leer, riesengroß und sehr sauber. Ich dusche in aller Ruhe, wasche meine Wäsche und lege mich ein bißchen hin. Während es sich so langsam etwas füllt, lerne ich eine junge Pilgerin aus Deutschland kennen, die sich, wie sich herausstellt, sehr sorgt, weil sie überall am Körper juckende Stiche hat. Flöhe und Bettwanzen kenne ich von meinem Abstecher von 2006, sodaß ich sie zu beruhigen versuche. Als wir am späten Nachmittag zum Supermarkt wollen (ich habe kein einziges Taschentuch mehr und halte den Kopf schon etwas schief), nimmt uns der Herbergsvater ins Gebet. Er spricht nur Spanisch, aus Prinzip, weil er findet, daß es wichtig ist für das ganze Flair. Er hat sich bewußt für die Pilgerherberge entschieden, weil er selbst begeisterter Pilger ist. Er erzählt uns, daß er viel beobachtet. Wenn man ihn nicht fragen würde, würde er sich heraushalten, aber wenn man ihn fragen würde, dann… eigentlich haben wir ja gar nicht gefragt, sondern stehen etwas eingeschüchtert in der Ecke, weil wir ihn ja kaum verstehen und etwas überwältigt von seinem leidenschaftlichen Plädoyer sind. Er gibt zu verstehen, daß seine Herberge früher ein Pilgerkrankenhaus war und er medizinische Fähigkeiten hat, und stürzt sich prompt auf meinen mittlerweile recht asthmatischen Husten. Er diagnostiziert falsche Atemtechnik und zu kleine Lungen und beginnt, mir eindringlich Körperübungen vorzuführen. Ich verzweifle so langsam, weil ich mich nicht verständlich machen kann und er offensichtlich zu denken scheint, daß ich mein Leben lang mit verstopfter Nase, Hustenanfällen und fiebrigem Glanz in den Augen herumlaufe. Meine Freundin kommt besser weg, sie ist nur schüchtern und muß keine Übungen machen.

Der Supermarkt erfüllt wieder alle meine Wünsche, diesmal nach Taschentüchern in pilgergerechter Abpackung. Sie riechen etwas merkwürdig, aber nachdem mir die Aufschrift dämmert und ich merke, daß sie mit Honig parfümiert sind, fühle ich mich bei jedem Gebrauch wie von Mama umsorgt.

Abends gibt es Paella; wir sind nicht einmal 10 Pilger und sitzen bunt gewürfelt zusammen. Eine kleine Kanadierin, ein Italiener, eine Finnin und noch 3 Deutsche außer mir versuchen, eine gemeinsame Sprache zu finden. Die Finnin schüttelt selbst zu Englisch und Schwedisch den Kopf, der Italiener plaudert resolut auf Italienisch, die Kanadierin schweigt meist. Man spricht also Deutsch, und ich bin hin- und hergerissen zwischen Gedanken und Gefühlen. Ich fühle mich nicht gut, in Spanien Deutsch zu sprechen, noch dazu, wenn andere Nationen am Tisch sitzen und es nicht verstehen. Vorherrschend fühle ich mich gesundheitlich ganz unheimlich schlecht, verstärkt durch den spanischen Wunderdoktor, und mache mir Sorgen, ob es da so weise ist, anstrengend zu pilgern. Für morgen verordne ich mir daher eine Mini-Etappe, bin aber gleichzeitig wehmütig, wenn ich die Pläne der restlichen Gruppe höre und weiß, sie nicht wieder zu sehen.

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Passend zum heißersehnten Urlaub habe ich mir eine Erkältung eingefangen. Meinen Rucksack habe ich seit Wochen mit der Küchenwaage daneben gepackt, um jedes Gramm gefeilscht und mich von vielem getrennt. Nun nehme ich plötzlich doch noch Nasenspray und Tabletten und Erkältungstropfen mit – im Glasfläschchen, unglaublich. Bestimmt wieder 40g Gewicht allein durch das Glasfläschchen.

Normalerweise würde mich Tage vor einem Urlaub schon eine gewisse Panik überkommen, erst recht, wenn ich krank bin. Diesmal bin ich erstaunlich ruhig und denke, wenn es sein soll, wird es schon werden. Mich beunruhigen keine Streiks und keine sonst üblichen Gedanken, was alles schiefgehen könnte.

Um 4 Uhr morgens sitze ich im Flughafen von Stuttgart (bzw. habe wegen der Uhrzeit und dem dicken Kopf eindeutig das Gefühl, neben mir zu sitzen). In Frankfurt habe ich nur 30 Minuten Zeit zum Umsteigen, und wie durch ein Wunder sehe ich noch im letzten Moment den Abzweig durch die Katakomben zu meinem Abflug, anstatt instinktiv der breiten Masse in die falsche Richtung nachzuhetzen. Ich treffe auf die Minute genau richtig ein, sitze postwendend im Flieger und schlafe noch vor dem Abflug ein (so viel zum Thema meiner Flugangst). Auch in Madrid habe ich eigentlich keine Ahnung, wie es jetzt weiter geht. Meine Spanischkenntnisse sind mau, ich habe zwei Volkshochschulkurse besucht und mich durch einen Band Harry Potter gearbeitet. Sollte eine Hexe auf mich warten, könnte ich wohl mit Gesprächen über Zauberstäbe punkten, aber ansonsten habe ich wenig Vorstellung, wie sich meine 3 Wochen in Spanien kommunikativ gestalten könnten.

Aber ein Spanier macht mir verständlich, welches Ticket ich brauche, es hält eh nur eine Metro-Nummer und auch das Umsteigen geschieht mit sprichwörtlich schlafwandlerischer Sicherheit. Ich erreiche den Busbahnhof 3 Stunden vor Abfahrt meines Überlandbusses und bin erstmal sehr dankbar, schon so weit gekommen zu sein. Der Bahnhof selber macht mir aber ein etwas mulmiges Gefühl. An den Wänden hängen große Informationstafeln, denen ich entnehme, daß vor Kriminellen gewarnt wird. Man soll sich nicht ansprechen lassen, niemandem antworten, auf niemanden reagieren. Die weiteren Ausführungen verstehe ich leider nicht und bin nur etwas beunruhigt. Die nächsten Stunden verbringe ich also etwas paranoid und rücke selbst vor Familien und Nonnen mißtrauisch zur Seite.

Mein Bus kommt pünktlich, ich stehe am richtigen Gleis und meine Buchung ist sogar eingegangen. Eigentlich nicht weiter verwunderlich, aber ein Glücksmoment für jemanden wie mich, der im normalen Leben jede Eventualität durchdenkt, sich immer den worst case ausmalt und sich in Gedanken schon hundertmal die spanischen Worte zurechgelegt hat für „ich habe meinen Bus nicht erreicht und bin jetzt mitten in Madrid verloren gestrandet, bitte helfen Sie mir“.

Die 5 Stunden Fahrt verschlafe ich etwas fiebrig, glücklicherweise habe ich in dem fast restlos gefüllten Bus keinen Nachbarn und kann mich querlegen. Kurz vor Ankunft schaue ich aus dem Fenster, lasse die kleinen Dörfer auch mich wirken, genieße die spanische Abendsonne. Und mein Herz schlägt höher, als ich die ersten bekannten blau-gelben Schilder mit der Muschel sehe, die die Dörfer als Jakobswegstationen ausschildern oder gar vor Pilgerüberquerungen warnen. Am liebsten würde ich alle in diesem Bus schütteln und Ihnen die Schilder zeigen, Leute, da ist der Jakobsweg! Aber glücklicherweise schüttele ich niemanden.

Als mich der Bus in León ausspuckt, holen mich für einen Moment wieder meine Sorgen ein. Es ist schon nach 20.00 und mein spanischer Satz formt sich in meinem Kopf zu „bitte, ich habe keine Herberge mehr gefunden, geben Sie mir einen Platz zum schlafen“. Da entdecke ich vor mir 3 dicke Rucksäcke mit Beinen, die zielstrebig loslaufen. Es handelt sich um 3 Schwestern, die sogar deutsch sprechen, im Sommer schon bis León gelaufen sind und daher wissen, wo die Herberge ist. Und die sich offensichtlich keine spanischen Sätze zurechtlegen, sondern in aller Ruhe erst noch in einem Sportgeschäft einkehren, um einer Schwester einen Rucksack zu kaufen. Diese Ruhe und Gelassenheit macht mich doch etwas baff.

Die Herberge hat offen, die kleine Spanierin am Empfang ist freundlich, und es sind noch Betten frei (schon wieder drei Selbstverständlichkeiten, die ich monatelang anders gesehen hatte). Es gibt sogar einen Supermercado, der noch offen hat und den ich finde.

Gegen 21:00 sitze ich mit Brot und Käse und einer Dose Kás, einer Erinnerung aus 2006, in der gleißenden Abendsonne vor der Kathedrale von León und habe das Gefühl, mir liegt die Welt zu Füßen.

Vor dem Schlafengehen gibt es noch einen Pilgersegen der Nonnen der Herberge. Wir stehen im Kreis, bekommen Zettel, sollen wohl etwas lesen und ich verstehe absolut nichts. Leider pickt mich die ununterbrochen redende Nonne auch noch heraus, ich verstehe noch weniger. Offensichtlich soll ich mich hinsetzen, weil ich nicht so recht fit aussehe. Ich bin recht froh, als ich abends endlich im Bett liege. Der Tag war lang, im Vorfeld sehr sorgenumwoben und ja, ich war auch schon mal weniger erkältet.

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