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Archive for Dezember 2008

Vor mir liegt eine Woche durch die Meseta, eine als karg beschriebene Hochebene. Ich freue mich sehr darauf, zum einen fehlt sie mir noch in meinen Camino-Etappen, zum anderen reizt mich diese Erfahrung. Ich pilgere ja nicht, um ständig ein Bilderbuchpanorama zu genießen, sondern wegen „Erfahrungen“ und „Begegnungen“ – und wo könnte man die besser finden als in Eintönigkeit und Einsamkeit.

Auch heute scheint schon am frühen Morgen die Sonne, als ich meinen Weg durch Burgos suche. Allerdings bläst auch ein ziemlicher Wind, sodass ich irgendwann mein Halstuch hervorhole und mir ein rasantes Stirnband umbinde, um meine Ohren zu schützen. Leider friert dann dafür der Hals, und ich bereue ein wenig meine knallharte Gewichtskalkulation. So stolz ich war auf ein Halstuch mit nur 17 g Gewicht, so sehr wünsche ich mir jetzt einen vergleichsweise sündig schweren Fleeceschal. Das Halstuch um die Ohren rutscht ständig, und irgendwann ziehe ich kurzerhand die Regenjackenkapuze über, gut festgezurrt. Jetzt sehe ich zwar kaum mehr etwas und höre erst recht nichts, aber wenigstens müssen meine krankheitsbesorgten Gedanken nun nicht mehr um eine Mittelohrentzündung kreisen.

Der Weg ist erwartungsgemäß sehr wenig begangen. Außer mir läuft in ähnlichem Tempo ein Mann mit Hosen in Armee-Tarnfarben, unsere Wege kreuzen sich mehrmals, sobald einer wegen einem Foto oder einer kurzen Rast stoppt. Als ich meine Frühstückspause mache, überholen mich einige Pilger. Einer grüßt mich, als ob er mich kennen würde, und erst hinterher gelingt mir die Zuordnung; es ist der Spanier aus dem Gottesdienst.

Als Burgos hinter mir liegt und die Meseta beginnt, bin ich überwältigt. Überall Wiesen von sattestem Grün, dazu der strahlend blaue Himmel, die strahlende Sonne, der Weg mit weißen Steinen… kein Geräusch von Autos, nicht mal am Horizont eine Stadt zu sehen, kein Mensch weit und breit. Dieses Gefühl müsste man konservieren können, ich habe den Eindruck, dass dieser Ort unendlich starke, positive Energien ausstrahlt.

meseta-nichts

Trotz frierender Ohren scheint die Sonne so stark, dass ich zur Sonnenmilch greife. Leider hat auch da der Gewichtspar-Rausch überwogen, und ich frage mich, wie ich mit wenigen Millilitern Sonnenmilch auskommen soll, wenn ich jetzt eine Woche ohne einen einzigen schattenspendenden Baum durch die gleißende Sonne laufe.

An einer einsamen Kirche sitzt ein Pilger an die Wand gelegt und hält seine dampfenden, besockten Füße in den Wind und sein glücklich entspanntes Gesicht in die Sonne. Es ist wieder der kleine Spanier.

Weit vor mir taucht ein Pilger auf, und obwohl ich nur die Silhouette sehe, bin ich fasziniert. Er trägt einen kleinen Rucksack, was ihn von den „Pilgerneulingen“ unterscheidet, die ihren halben Hausrat mitschleppen, aus Angst, sie könnten mal unterwegs Lust auf einen Cappuccino bekommen und aus diesem Grund Pulverpäckchen und Campingkocher mitnehmen. Auch wandert er, aus der Ferne erkennbar, mit nur einem Stab, einem klassischen Pilgerstab, der etwa so lang sein muss wie der Pilger selber. Ich dagegen klappere eher hektisch mit meinen beiden Teleskopstöcken durch die Gegend. Ich versuche, mein Tempo etwas zu steigern, und ich komme nahe genug, um zu erkennen, dass der Pilger lange, lockige Haare hat. Aber faszinierenderweise, während ich am Limit im Sekundentakt stöckele, ich hole ihn nicht ein, und das, obwohl er seinen Stock völlig ruhig nur alle paar Schritte aufsetzt und auch sonst nicht sehr in Bewegung zu sein scheint. Dieses Phänomen habe ich schon häufiger beobachtet. Die routinierten Pilger, die sich von Etappen- und Gepäckplanung und Organisationssorgen lösen können, scheinen in Einklang mit einer höheren Instanz förmlich zu schweben. Diese Erscheinung vor mir erinnert mich recht vehement an meine Vorstellung von Jesus, und ich würde ihn gerne einholen. Aber da bin ich schon in Hornillos del Camino, meinem heutigen Etappenziel. Ich habe die Wahl zwischen 20 km oder dem nächsten Ort, der 30 km bedeuten würde. 20 km ist mir eigentlich zu wenig, ich fühle mich sehr unausgelastet, zumal erst Mittag ist. Ich weiß aber auch aus Erfahrung, dass 30 km am ersten Tag keine sehr weise Entscheidung ist.

So setze ich mich schweren Herzens in dem kleinen Ort vor der Herberge, die erst um 14 Uhr öffnen soll, in die Sonne und warte. Leider wird es mit dem Wind recht schnell recht kalt, aber als ich mich in den Windschutz der Kirche begebe, friere ich erst recht im Schatten. Ich ärgere mich über meine schwachsinnige Planung, wieso habe ich nur gedacht, im April wäre alles wie im September. Hier frieren mir trotz Sonne fast die Hände ab, mein Hintern wird eiskalt, mein Hals friert, und ich habe eh gerade die totale Krise, weil die wenigen Pilger alle fröhlich weitergehen und nur ich Weichei hier Station mache.

Ich mache ein kleines Nickerchen, und als ich die Augen wieder aufmache, kommt gerade wie aus dem Ei gepellt der kleine Spanier aus der Herberge. Er hat schon geduscht und eingecheckt, während ich irgendwie dachte, bis 14 Uhr warten zu müssen. Super. Er geleitet mich zur Bar des Dorfes, wo die Herbergsleiterin arbeitet. Ich habe ein Deja-Vu mit dem Busbahnhofschaltermann, auch hier verstehe ich rein absolut nichts von ihrem wilden Wortschwall. Je verzweifelter ich schaue, desto schneller und mehr redet sie. Irgendwann redet sie dann auf den Spanier ein, und ich bin erleichtert, dass sie wohl ihn instruiert. Er zeigt mir daraufhin die Herberge, er redet wunderbar langsam und lieb und fragt zum Abschluss sogar, ob es okay ist, wenn er jetzt kurz in die Bar was essen geht, während ich dusche.

Ich dusche, wasche meine erste Wäsche im kleinen Gärtchen der Herberge und beziehe ein Bett im malerischen Kellergewölbe. Da steht auch schon ein wohlbekanntes Gesicht (wenn auch ohne die charakteristische Lesebrille) im Türrahmen, und ich habe deutsch anmutende Gesellschaft. Ich weiß gar nicht, ob ich mich darüber freue oder nicht. Doppelt so alt wie ich, nimmt sie jegliche Planung in die Hand und entscheidet sich für ein gemeinsames Kochen mit mir am Abend. Den Tag fand sie bisher anstrengend, alles tut ihr weh, und ich traue mich kaum, etwas anderes zu empfinden. Eher frustriert strecke ich mich auf meinem Bett aus und schlafe ein.

Geweckt werde ich von der wild schimpfenden und gestikulierenden Herbergsmama, die offensichtlich nicht einverstanden ist, dass wir und ein paar weiter dazugekommene Pilger uns im Kellergewölbe breit gemacht haben, solange der kleine Raum im Erdgeschoss noch nicht voll belegt ist. Mir ist das sowas von wurst, mich nervt nur ihre Art, und so packe ich dann halt meine Sachen und ziehe nach oben, wo leider alle guten Betten schon belegt sind und mir der mittlere Platz in einem oberen Dreierstockbett bleibt. In dem Raum logiert auch der kleine Spanier, und kaum habe ich alles glücklich transferiert, nimmt er mich am Arm und schiebt mich wieder die Treppe runter. Er hätte mit der Dame gesprochen, dass es ja nicht gut wäre, wenn ich als einzige Frau da unter lauter Männern schlafe, und jetzt dürfte ich natürlich im Keller schlafen. Arg. Immerhin wechseln wir noch ein paar Worte in dem dunklen Keller, er lacht viel (wahrscheinlich wieder über mein komisches Spanisch), und inmitten der kurzen-Etappen-Frustration, der mürrischen Deutschen, der hektischen Herbergsleiterin und dem etwas verlorenen Gefühl funkeln seine strahlenden dunklen Augen ganz wunderbar warm und beruhigend.

Der Nachmittag ist lang und untätig, im Keller ist es kalt, draußen dank dem Wind leider auch. In der Küche hat sich eine Horde kartenspielender Spanier niedergelassen, die laut brüllen und lachen und mir irgendwie Angst machen. Draußen haben sich zwei Deutsche gefunden, ein junger und ein doppelt so alter, der die Weisheit mit Löffeln gefressen hat. Vermutlich hat er Paulo Coelho gelesen und weiß jetzt alles. Sie fachsimpeln über ihr angelesenes Wissen, als hätten sie es selber erlebt, und ich kriege die Krise bzw. denke „lass sie nur ja nicht merken, dass Du auch deutsch bist“. Ich schippere recht deutlich auf eine fatale Stimmung zu und werfe allen Stolz über Bord und beschließe, den Spanier zu suchen und mich an seinem Lachen und seinen dunklen Augen aufzutanken. Aber er schläft. Und einen Wildfremden wachrütteln und sagen „heh, bespass mich!“, dass kann ich nun wirklich nicht.

Ich setze mich recht verzweifelt auf die Bank vor der Kirche in die Abendsonne und schicke ein intensives Gebet an die Instanz, die ich auf dem Jakobsweg so präsent weiß. Ich bete um etwas Zuversicht und Halt, und ehrlichgesagt auch um den kleinen Spanier, dass er ihn aufweckt und zu mir kommen lässt.

In dem Moment höre ich die schwergängige Tür der Herberge, und in der hellen Sonne reibt sich ein kleiner Spanier völlig irritiert die verschlafenen Augen. Er blinzelt und kommt lächelnd auf mich und meine Bank zugesteuert. (Sowas kann nur der Camino).

Ich weiß gar nicht, was wir geredet haben, vermutlich etwas Smalltalk, aber ich erinnere mich nicht detailliert. Er heißt jedenfalls José, und er pilgert zum unzähligsten Mal. Er glaubt ganz fest an Gott, und er macht immer wieder diesen Camino, um aufzutanken. Der Camino gibt ihm (und das ist das einzige, woran ich mich erinnere) Hoffnung, Kraft, Glaube, Energie, Glück… er wiederholt es immer wieder auf Spanisch, er hat eine wunderschöne tiefe Stimme und guckt mich eindringlich mit seinen wunderschönen Augen an. Und ich fühle mich, als würde ich gerade eine Infusion an eben diesen Dingen bekommen (und ich habe sie ein wenig bitter nötig). Jose betankt mich ganz unheimlich mit guten Energien, und ich fühle mich so unendlich erleichtert, weil mich hier einer absolut versteht. Er ist ein Pilger mit Leib und Seele, und offensichtlich glaubt er wie ich an die Magie des Caminos und spürt die selben Dinge wie ich.

Ich danke ihm für seinen Einsatz als Herbergseinweiser für mich und frage, wo er denn morgen als Hospitalero arbeitet. Und nachdem er von seinen Kochkünsten erzählt, verpflichte ich ihn zu einem Beweis. Für heute bin ich aber ja schon mit der Lesebrille verabredet, und irgendwie bin ich darüber plötzlich auch ganz froh. Mir dämmert so langsam, dass ich ganz schön aufdringlich gewesen bin und schäme mich in Grund und Boden.

Kurz vor 19 Uhr betritt eine weitere interessante Gestalt den gut zu überblickenden Dorfplatz. Der Pilger mit raspelkurzen Haaren trägt einige riesige Tüten mit Plastikflaschen und fragt auf Spanisch, wie denn die Herberge wäre. Die Antwort scheint ihn nicht zufriedenzustellen, bei näherem Hinsehen handelt es sich sowieso um eine Pilgerin, und sie geht kritisch vor sich hingrummelnd erst einmal in die andere Richtung zu den Müllcontainern, wo sie seelenruhig die Flaschen einsortiert. Ich bin recht beeindruckt davon, wie man so spät am Abend noch an einer Herberge herummosern kann, wenn die nächste Möglichkeit 10 km entfernt ist.

Ich koche mit der Deutschen; sie hat extra noch Gewürze und Öl gekauft, damit in der Herbergsküche mal etwas für die zukünftigen Pilger ist. Ich vermute, dass diese Idee viele haben, aber die rüstige Herbergsmama das jeden Morgen eifrig entsorgt, damit die Pilger lieber in ihrer Bar absteigen.

Pilgerin Raspelkurz hat nun doch eingecheckt und lässt sich (ähnlich euphorisch) zu unseren Spaghetti dazueinladen. Ich beginne ihre Art cool zu finden, sie ist einfach schonungslos direkt und hält nicht viel von Konventionen oder formeller Höflichkeit. Sie ist Engländerin und was sie erzählt, fasziniert und beeindruckt mich enorm. Sie läuft nur so 10 – 15 km am Tag, je nachdem, wie sie Lust hat. Sie setzt sich gern mal stundenlang wohin, sie redet mit den Leuten, spielt mit den Kindern – und sammelt nebenher Müll entlang des Caminos ein. In Herbergen, die keinen Müll trennen, geht sie gleich gar nicht. Die Frau hat Prinzipien, beachtlich. Sie ist neuerdings Gesangslehrerin, Hauptrichtung Gospel, und sie findet, dass eigentlich jeder singen kann; am liebsten singt sie mit Leuten, die denken, sie könnten nicht singen. Da trifft sie bei mir natürlich auf einen wunden Punkt und eine große Sehnsucht zugleich.

Ich, die ich auch bei meinem dritten Camino immer recht fix durch die Gegend klappere, bin beeindruckt davon, dass man sich auch unter jeden schönen Baum setzen könnte. Ich habe noch nie einen Kaffee mit Leuten entlang des Wegs getrunken oder ihnen im Garten geholfen und dafür Proviant mitbekommen. Ich bekomme hier gerade ein tolles Konzept aufgezeigt.

Es wird später und wir sitzen irgendwann allein in der Küche. Der kleine Spanier im Nachtdress winkt mir schüchtern lächelnd eine gute Nacht zu, und die Engländerin erzählt plötzlich von ihren Problemen. Sie erhofft sich von dem Camino, dass sie mit ihren Stimmungen besser umgehen lernt. Sie schweigt und ich weiß erst nicht, ob ich lieber schnell das Thema wechseln soll. Aber nach einer Weile erzählt sie von selber davon. Ich verstehe sie so gut, es berührt mich so, und ich weiß so sicher, dass der Camino ihr dabei helfen wird. Bzw. dass sie so eine starke Person ist, dass sie das in den Griff bekommen wird. Leider kann ich ihr das nicht so recht deutlich machen, und plötzlich gehen die Lichter aus und der Herbergsvater moniert sofortige Nachtruhe. Selbst das Zähneputzen ist ihm zu laut, und wir sind reichlich zerknirscht. Eigentlich bin ich immer pünktlich im Bett und leise, ich habe einfach nicht daran gedacht. (Die Engländerin ist natürlich nicht zerknirscht, sie verschickt nur einen vernichtenden, bösen Blick).

Welch ein Tag. Ich stehe noch völlig unter Strom von all den Erlebnissen. Die wunderschöne Meseta, der schwebende Jesuspilger, mein unglaublich erhörtes Gebet, die Infusion von José und diese faszinierende Engländerin. Der Camino hat mich wieder fest im Griff, juhu!

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Die Idee zu meinem dritten Camino kommt ganz spontan wie eine Eingebung. In meinem normalen Leben fühle ich mich in allen Belangen ein klein wenig entwurzelt.
Statt wie sonst mit monatelanger Vorfreude, Überlegen, Planen, am Gepäck Feilen vergehen diesmal nur 2 Wochen zwischen der Idee, dem Buchen des Flugs und meiner Ankunft in Spanien. Ich habe 3 Wochen vor mir, es sollte so grob reichen, um bis nach Santiago zu kommen. In meinem Rucksack fehlt bestimmt die Hälfte, aber ich war diesmal einfach zu müde, mich mit dem üblichen akribischen Eifer mit diversen vergleichenden Checklisten, einer Küchenwaage und Unmengen von eventuell mitzunehmendem Krempel hinzusetzen.

Ich lande in Bilbao, wo ich mich fast schon ein wenig zu Hause fühle. Immerhin weiß ich, wie der Flughafen aussieht, wo der Bus zum Busbahnhof abfährt und wie man sich dann dort zurechtfindet. Optimistisch möchte ich mein Busticket kaufen, aber der Herr am Schalter redet mir viel zu schnell, undeutlich und vor allem ungeduldig. Etwas anderes als Spanisch will er nicht sprechen, und ich komme leider auch nicht weiter. Zum Glück nähert sich eine Spanierin aus der Warteschlange, die mir dann hilfsbereit das schnelle Spanisch des Herren in langsames Spanisch für Anfänger übersetzt, und so komme ich doch noch zu meinem Ticket. Eigentlich fahren die Busse nach Burgos alle 2 Stunden, aber ich habe ein dummes Mittagsloch erwischt und habe 3 Stunden Wartezeit vor mir, auf einem Busbahnhof, der mir Angst macht und mit einem Spanisch, das offensichtlich doch nicht so gut ist, wie ich dachte.

Ich mache mich auf zu meinem generell stimmungshebenden Lebensmitteleinkauf, aber ich finde erst gar keinen Laden, frage mich von einer Richtung in die andere durch und ende dann mit einem Einkauf von Lidl, in deutscher Sprache beschriftet und moderat spanische Pilgerlebensart ausstrahlend. Ich setze mich auf eine Art Parkbank mitten an der Straße, wo mit mir eher dubiose Gestalten sitzen. Als vermeintlich sichersten Nachbarn habe ich mir einen alten Mann ausgesucht, der es zwar nicht auf meinen Rucksack abgesehen zu haben scheint, dafür aber hustet wie frisch dem Lungensanatorium entsprungen.

Alles in allem fühle ich mich verlassener und hoffnungsloser als noch in Deutschland, zumal mein Kopf hämmert wir verrückt. Eine Woche vorher habe ich mir den Kopf angestoßen, seitdem drückt es ein bisschen, aber dieser momentane Schmerz lässt mich in meiner motivierten Stimmung an eine Hirnblutung denken, und ich sehe mich schon fernab des vertrauten Jakobswegs in einem Krankenhaus von Bilbao oder noch schlimmer hier auf dieser Parkbank enden.

Glücklicherweise siegt die Automatie, ich greife mechanisch nach einer simplen Kopfschmerztablette in meinem Gepäck und bin nach einer Viertelstunde schon wieder deutlich eher auf der Seite der Lebenden und noch höchstens migränegeplagt.

Ich trödle wieder zurück zum Busbahnhof, wo ich mich trotz der dubiosen Gestalten für ein Schläfchen entscheide – quer über meinen Rucksack gelegt und in allen Schlingen, Gurten und Trägern verhakt.

Als ich wundergeheilt ohne Kopfschmerzen wieder aufwache, sitzt neben mir auf der Bank eine interessante Erscheinung. Wie aus einer Bibliothek eingeblendet, kerzengerade, mit Lesebrille und hochgezogenen Augenbrauen, schmökert dieser Lockenkopf mittleren Alters nicht etwa in gehobener Literatur- sondern in dem roten Reiseführer, den auch ich (wieder nur in gewichtssparende Stücke zerteilt) im Gepäck habe. Auch sie will nach Burgos zum Pilgern, und ich fühle mich wieder wie auf dem Camino.

Nach einer Weile schiebt sich ein junges Kerlchen ins Blickfeld, sehr deutlich auch als Pilger zu erkennen. Er ist erst 17, aus Österreich und eine ganz wunderbare Mischung aus Lebensfreude, Spontaneität – und Verplantheit. Spanisch kann er absolut überhaupt nicht, sodass ich ihm erstmal seinen Busplan erkläre. Er hat sich nämlich den „domingo“ herausgesucht, dabei ist es mitten unter der Woche. Wenn ich schon spontan gebucht habe, dann er noch spontaner. Er hat nämlich auch keine Ahnung, was auf ihn zukommt. Hinsetzen will er sich nicht, er hibbelt lieber vor uns auf und ab vor lauter Vorfreude auf „sind da alle so in meinem Alter?“ (was ihm einen vernichtenden Blick von unter der Lesebrille einbringt) und „ich lauf dann wohl mal so 40 km am Tag?“. Plötzlich kommt ihm eine Eingebung und er durchforstet seinen Rucksack nach einem Cowboyhut. Damit sieht er aus wie Indiana Jones, aber er ist deutlich erleichtert und ruhiger, schließlich denkt er, dass er „damit dann aussieht wie ein richtiger Pilger“. Er fährt nach Pamplona („das hat er sich als Start jetzt irgendwie mal so gedacht, oder ist das nicht gut?“), und als ich ihm einfach nur mitgeben will, dass er sich nicht so einen Kopf machen braucht, sondern einfach mal abwarten und drauf loslaufen soll, wird er ganz nachdenklich, was seine Kondition angeht. Schließlich (und da zieht es mir schier die Schuhe aus) hat er einen Herzfehler und in den letzten Jahren schon zwei Herzinfarkte oder Schlaganfälle gehabt. Und vielleicht ist da zu viel Belastung ja gar nicht gut. Aber schon rückt er sich seinen Hut wieder zurecht und damit die Welt wieder in Ordnung, grinst unsicher hibbelig erwartungsfroh und beschließt, es einfach mal auszuprobieren. Dann geht auch schon sein Bus (den er vor lauter Eifer schier verpasst hätte), und ich bin ganz durcheinander von dieser Begegnung. Beeindruckt von seiner positiven Lebenseinstellung, angesteckt von seiner Freude und Energie, wehmütig, dass sich unsere Wege schon wieder so schnell getrennt haben – und auch ich bin ordentlich zurechtgerückt, was meine selbstmitleidige Grundeinstellung angeht.

Gegen 16.00 kommt dann endlich auch der Bus für mich und die eher kritische Lesebrillenpilgerin. Sie hat eine eher konträre Art zu Indiana Jones. Vielleicht nicht weniger nett, aber ich habe so meine Probleme mit der nordisch-ruppigeren Art, durchweg sarkastischen Kommentaren und Lachanfällen, bei denen ich nicht so recht weiß, ob sie mit oder über mich lacht. Sie missbilligt meine geplanten Etappenlängen und meine für heute geplante Herberge, sodass ich nicht unglücklich bin, dass es sie wo anders hinzieht und wir nicht den Abend zusammen verbringen werden.

Die Einfahrt nach Burgos fühlt sich wunderschön an; die Abendsonne strahlt, der Himmel ist wolkenlos blau, und ich sehe die Türme der majestätisch weißen Kathedrale. Für’s erste verabschieden wir uns, und jeder geht erwartungsfroh seinen Herbergsplänen entgegen.

Um keinen unnötigen Stress zu bekommen, habe ich mich entschieden, zu so später Stunde gleich die Großherberge etwas außerhalb in einem Park anzusteuern, anstatt die sicher bereits seit Mittag ausgebuchten Kleinherbergen in strategisch besserer Lage abzuklappern. Nachdem ich aber keine Ahnung habe, wo diese genau liegt, führt mein Weg die wenigen Meter in die bekannte Herberge, bei der vor 2 Jahren mein erster Camino geendet hat. Irgendwie möchte ich diesen Kreis schließen, dort anknüpfen, wo ich aufgehört habe.

Die Herberge liegt im dritten Stock über einer kleinen Kirche, und voller Erwartung laufe ich die bekannte Wendeltreppe hoch. Aber statt einem Saal voller geschäftiger Pilger und voller Rucksäcke und Stiefel ist der Raum ausgestorben und wohl im Umbau befindlich. Irritiert laufe ich die Treppe wieder hinunter, ob ich eventuell ein Hinweisschild übersehen habe. Aber dort steht ernsthaft, die Herberge sei geöffnet. Ich zweifle ein wenig an meinem Verstand, als ich nochmal die Treppen hochlaufe und in den dunklen Raum spähe – und Tatsache, was ich für Malerwerkzeuge und zusammengerollte Teppiche gehalten habe, sind in Wirklichkeit einige schlafende Pilger. Ich bin reichlich durcheinander, warum alles so leer ist, aber andererseits auch erleichtert. Offensichtlich muss ich hier nicht jemanden suchen, um nach dem Weg zur Großherberge zu fragen, sondern kann direkt hier bleiben.

Irgendwann kommt ein älterer Hospitalero vorbei und stellt mich den langsam wieder erwachenden anwesenden Pilgern vor. Ich bin etwas angestrengt mit der spanischen Sprache, aber es geht doch deutlich besser als mit dem Herr am Busbahnhof. Ein Spanier schält sich gerade wieder in seine Hose und lacht über meine Wortbruchstücke und Sorgen deswegen. Die beiden amüsieren sich auf Spanisch, und ich wechsle ein paar Worte mit zwei Amerikanern in den Nachbarbetten. Beide sind voller Pilgerstimmung, ruhig, freundlich zuhörend, gelassen… es ist eine Wohltat, und nach den ganzen Irrungen und Wirrungen im Vorfeld fühle ich mich zwar sehr erschöpft, aber irgendwie auch endlich daheim.

Eine Stunde später erscheint im Dunkel der Treppe ein weiterer Neuankömmling – es ist der Lockenkopf, der seine Traumherberge verschlossen vorgefunden hat. Wir freuen uns beide irgendwie über etwas Bekanntes.

Offensichtlich ist der Camino um diese Jahreszeit deutlich weniger begangen. Nachdem ich sonst im September unterwegs war und es nicht anders kenne, habe ich unbewusst angenommen, dass es immer recht überlaufen wäre, man zeitig in den Herbergen sein müsste, um einen Platz zu bekommen… die Amerikaner kennen umgekehrt nicht meine Erfahrungen und sind etwas verwundert über meine Überraschung.

So sind wir gegen Abend 7 einsame Pilger in der Herberge von so einer großen Stadt, und während die Gruppe solidarisch ein Restaurant aufsucht, ist es mir zu viel Trubel für heute, ich will heute nur noch meinen Gottesdienst unten in der Kirche und dann schlafen.

Die Kirche ist spärlich besucht, aber glücklicherweise kenne ich im Gegensatz zu vor 2 Jahren schon ein wenig die Abläufe, kann das Vater Unser auf Spanisch, verstehe den Moment des „Friede-sei-mit-euch“-Händeschüttelns und fühle mich nicht mehr so hilflos auf dem Präsentierteller.

Als ich die Kirche verlasse, fällt mir in der hinteren Reihe ein bekanntes Gesicht auf. Es ist der (wie ich jetzt merke) erstaunlich gutaussehende Spanier, dem ich in der Herberge vorgestellt wurde. Er sieht jung aus, und ich bin überrascht, ihn hier im Gottesdienst anzutreffen, anstatt mit den anderen beim fröhlichen Abendessen.

Es ist noch nicht einmal 21 Uhr, da liege ich schon im Bett. Und obwohl ich noch keinen Meter gepilgert bin und heute morgen noch recht verlassen in Deutschland war, fühle ich mich schon wieder genauso, wie ich es als Peregrina kenne. Der Dank für das gemütliche Bett, die Geborgenheit der Herberge, das Wissen um die netten, freundlichen Pilger drumherum, die Nähe Gottes, das Gefühl, nicht viel mehr machen zu können und zu müssen, als früh schlafen zu gehen, um Kräfte für morgen zu tanken…

Die Aussicht, das 3 Wochen lang zu haben, ist wunderschön!

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