Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Cizur Menor’

Wie üblich wache ich im Dunklen und in kompletter Stille auf, vermute aber, dass es nach 6 Uhr ist und somit eine gute Zeit zum Losgehen. Ich taste nach meinem vertrauten „Nachttisch“-Sammelsurium unter dem Bett. Dort lagert mit routinierter Zuverlässigkeit mein Waschbeutel, mein Kontaktlinsenschälchen und Brille, meine Schachtel Ohrstöpsel und meine Stirnlampe. Heute greife ich in etwas warmes Weiches. Huarg. Nach dem ersten Schreck linse ich vorsichtig über meinen Matratzenrand, und tatsächlich, anstatt Boden und meinen Sachen liegt da eine ganze Matratze. Und wie sich im Dunkel erkennen lässt, liegt darauf der dunkle Bär. Ich erinnere mich dunkel, dass für den gestern Abend ja kein Bett mehr übrig war. So geräuschlos wie bei den quietschenden Bettfedern möglich vollführe ich ein artistisches Kunststück, um meine Sachen von nun unter dem Bett an dem Schlafenden vorbei zu bergen. Ich stopfe alles in den Schlafsack und schleiche mich in die Küche, wo schon mehrere andere Pilger bei guter Beleuchtung packen.

Auch die beiden Deutschen tauchen verschlafen im Gang auf, und ich beeile mich, loszukommen, denn für den Tschechen bin ich heute noch nicht gewappnet.

Es ist noch wirklich stockdunkel draußen und ein wenig unheimlich. Weit hinter mir sehe ich plötzlich eine einzelne Gestalt, die aber auch immer wieder verschwindet und keinen Rucksack zu tragen scheint. Ich verstecke mich. Die Gestalt läuft noch etwas ziellos durch die Gegend, um dann aber auf der Fahrstraße in eine andere Richtung zu verschwinden. Ich bin erleichtert, gleichzeitig aber auch etwas wütend auf mich. Warum muss ich auch immer im Stockdunklen unterwegs sein, wo sonst kein vernünftiger Pilger mit unterwegs ist.

Dafür durchwärmt mich nach einer Weile von hinten ein wunderschöner, dunkelrot beginnender Sonnenaufgang. Ein unvergleichliches Gefühl, und ein unvergleichlicher Start in den Tag.

Heute geht es auf den Alto del Perdón, eine mit Windrädern besetzte Anhöhe. Der Anstieg ist kurz, aber intensiv. Glücklicherweise ist es noch sehr kühl, sodass mir die Bewegung direkt gut tut. Während ich noch laufe, wechselt das Wetter von morgendlichen Sonnenstrahlen zu dunkel aufziehenden Wolkendecken. Nicht umsonst ist das hier eine Wetterscheide.

Atemlos oben angekommen, mache ich erstmal meine Frühstückspause. Es bläst ein ordentlicher Wind, so ganz genießen kann man die tolle Aussicht und die beeindruckenden Pilgerdenkmäler kaum. Ein paar Minute nach mir kommt schon ein Schwung spanischer Radpilger ziemlich ausgepowert daher, dankbar über jemanden zum Beweisfotos von ihnen schießen. Kaum habe ich wieder meine Ruhe, lässt sich ein weißhaariger Kanadier schwer atmend und mit rotem Kopf sehr erleichtert zu mir fallen. Ich habe ihn gestern schon in der Herberge mit seinem Freund getroffen; sie sind mit dem Taxi nochmal nach Pamplona zurück, um das Knie seines Freundes nach einem Sturz untersuchen zu lassen. Beide wirken sehr kultiviert und freundlich, sodass ich mich über die Gesellschaft hier sehr freue. Ich frage nach dem Freund; anscheinend war das Ergebnis beim Arzt nicht sehr gut, er wäre mit dem Taxi nach Puente la Reina weitergefahren, dort würden sie sich dann wieder treffen.

Inmitten unserer trauten Zweisamkeit müht sich mit dröhnenden Motoren ein Reisebus die Fahrstraße hinauf – und spuckt an die 80 deutsche Touristen aus. Wild lärmend schießen auch sie stolze Erinnerungsbilder, Arm in Arm mit den Pilgerstatuen. Der Kanadier verabschiedet sich schnell, er will auch seinen Freund nicht zu lange warten lassen, und auch ich beende mein Frühstück etwas früher als geplant, weil diese Invasion hier doch befremdlich ist. Ich bemühe mich, jedem Pilger seine Art des Pilgerns zuzugestehen. Die stolzgeschwellten Pilgerbrüste nach dem Aussteigen aus dem Reisebus sind mir so am frühen Morgen aber doch noch etwas zu viel.

Heute zieht es mich aus unerfindlichen Gründen nach Cirauqui, ich möchte endlich mal wieder eine längere Strecke laufen und nicht nach 4 Stunden bereits am Etappenziel angekommen sein. So passiere ich etwas reumütig die schöne Herberge in Obanos, mache dort aber einen längeren Einkauf im Mercado und lasse mir schon wieder bei einer Vesperpause Oliven, Schafskäse und ein wunderbares, frisches Baguette schmecken. Während ich gemütlich pausiere, passieren mich reinste Heerscharen von Pilgern. Dadurch, dass ich meist noch im Dunklen loslaufe, laufe ich in gefühlter kompletter Einsamkeit. Punkt Sonnenaufgang läuft dann aber offensichtlich die komplette restliche Herbergenbelegschaft los. Ich warte diese Welle noch kurz  ab und mache mich anschließend wieder auf den Weg. Irgendwie brauche ich beim Laufen meine Ruhe und kann nicht ständig vor und hinter mir Rucksäcke haben.

Puente la Reina passiere ich recht zügig, schon wieder Essenspause machen kann ich ja schlecht. Das macht dafür offensichtlich recht geschlossen der Pilgerpulk, in jeder Bar erkenne ich ein paar bekannte Gesichter. Auch mein dunkelhäutiger Bettnachbar strahlt mich fröhlich an.

Nach der berühmten Brücke mache ich ein paar Schritte zurück auf der Fahrstraße, um das perfekte Motiv zu erwischen. So sehe ich einen Pilger, an das Geländer gelehnt. Ich stutze, gehe dann aber doch auf ihn zu. Es ist der zweite Kanadier, der sehr erleichtert ist, als ich ihm erzähle, am Morgen früh seinen Freund getroffen zu haben (der sich nun als sein Bruder herausstellt). So ganz erleichtert bin ich nicht, eigentlich wähnte ich den Bruder vor mir, und so geschickt, wie der Gute hier jenseits des Caminos wartet, haben sie sich vielleicht verpasst. Ich schicke ihn auf die Brücke, damit sie sich wenn, dann sicher treffen. Zu seinem lädierten Knie meint er, dass sie vielleicht versuchen wollen, noch ein paar Schritte zu laufen. Solange es nicht bergauf geht, müsste es eigentlich gehen.

Ich verabschiede mich und schicke mich an, die nächsten paar Kilometer nach Cirauqui zu laufen. Irgendwie habe ich das aber falsch in Erinnerung, es zieht sich fürchterlich und geht auch noch manierlich einen Berg hoch. Ich bekomme eine schlechtes Gewissen, weil ich dem Kanadier die Strecke als schön eben angepriesen habe. Mit einem kaputten Knie, halleluja.

Als ich endlich Cirauqui erreiche, bin ich ziemlich kaputt und außer Atem. Es ist wieder heiß, ich bin wieder recht spät dran, und die Herberge ist wieder klein. Vor allem finde ich sie nicht. Dafür herrscht in der Stadt Fiesta, alles ist auf den Beinen und am Feiern. Mit piepsiger Stimme versuche ich mich gegen den Lärm einer Kapelle verständlich zu machen und frage nach der Herberge. Als Antwort bekomme ich resolut ein Baguette mit Tortilla drauf in die Hand gedrückt und werde zum Mitfeiern eingeladen. Die Feiernden sind sich mehrheitlich einig, dass hier gar keine Herberge offen hätte, und mir ist nach Heulen zumute, denn weiter schaffe ich es in dieser Gluthitze wirklich nicht mehr.

Glücklicherweise kennt dann doch jemand eine private Herberge – und wieder ist sie fast menschenleer. Außer mir checkt gerade ein Schwede ein. Er soll sich in einem Zimmer unten rechts ein Bett aussuchen, diskutiert aber mit dem genervten Hospitalero, dass er lieber ein Stockwerk höher gehen würde, wo es noch einen komplett unbelegten Raum hat. Der Gute ist ganz resigniert, als der Schwede dann selbstherrlich in den ersten Stock zieht. Er wirkt gestresst und meint, überall diese Fiesta, das wäre ja schrecklich. Er müsste das ganze Jahr arbeiten, da will er nachts doch manierlich schlafen, und das ginge nun schon eine Woche. Jetzt wäre auch noch seine Frau krank, die macht normalerweise den Empfang, sein Ding ist das gar nicht, und er zeigt mit einem schiefen, entnervten Grinsen Richtung Schwede. Ich gebe mir Mühe, ganz und gar pflegeleicht und geräuschlos zu sein.

Ich wasche meine Sachen und hänge sie an das Geländer des Balkons in die Sonne. Außer mir sitzen dort drei entspannte ältere Herren. Zwei sind Schweizer, einer davon aber französischsprachig und nicht in Plauderlaune. Der Dritte ist Holländer und eine wunderbare Frohnatur. Er stellt sich als passionierter (und an sich pensionierter) Zahnarzt heraus, der fließend Deutsch spricht, weil er nach Ostfriesland ausgewandert ist, nachdem er in Holland altershalber nicht mehr arbeiten durfte. Auch Deutschland schiebt ihm nun langsam einen Riegel vor, deswegen hat er jetzt Irland im Visier. Er lacht dröhnend, als ich vorsichtig frage, ob er das Arbeiten einfach so gern hat. Ja, genau, er liebt das einfach, das ist sein Leben. Generell liebt er sein Leben und seinen Camino hier genau so, wie er ist, und ich bin beeindruckt von so einer Zufriedenheit und Ausgeglichenheit. Seine Füße haben Blasen und auf meine ebenfalls vorsichtige Frage, ob er die Belastungen hier so problemlos wegsteckt, lacht er auch nur in sich ruhend und meint, natürlich nicht, deswegen muss er halt schauen, dass er sich nicht zu viel zumutet. Nichts, aber auch gar nichts, erfüllt ihn mit Groll oder Selbstmitleid oder Frustration. Manchmal treffe ich Pilger mit einer besonderen Aura. Dieser hier strahlt definitiv.

Ich lehne mich vom Balkon herunter, als unten gerade suchend die Dänin vorbeiläuft. Ich winke intuitiv strahlend nach unten, und sie winkt ebenfalls strahlend zurück. Sie setzt sich zu mir, und auch sie hat eine besondere Aura bekommen. In Zubiri meinte sie noch zweifelnd und verbittert, dass sie nicht mehr als 20 km am Tag machen will, sie will sich ja nicht zu Grunde richten und abhetzen. Hier strahlt sie das Strahlen jemandes, der heute wie ich bei einer ziemlichen Hitze eine ziemliche Monsteretappe hinter sich gebracht hat. Sie sagt, es würde toll laufen, es würde ganz von selber gehen. Von sich aus bringt sie die Sprache auf ihre Schicksalsschläge. Außer dem Sohn sind auch noch die Eltern sowie zwei beste Freundinnen und noch alles möglich andere im letzten Jahr gestorben, wieder kämpft sie mit versteinertem Gesicht mit den Tränen. Ich glaube, dass es dafür wirklich eine ganz unglaubliche Stärke braucht, das alles wegzustecken. Aber sie hat sie ganz klar. Sie wankt noch, was die Etappenlängen angeht, ihre heutige Leistung scheint ihr selber suspekt zu sein. Ich kann ihr versichern, wenn nicht sie, noch dazu mit dem 4 kg-Rucksack, wer soll dann den Camino schaffen.

In einer ruhigen Minute kommt der Hospitalero zu einer kleinen Zigarettenpause zu uns auf den Balkon. Auf meine Frage, ob er selber mal den Camino gelaufen wäre, schüttelt er wild den Kopf, wann denn?! Nie, nie hätte er frei, jahraus, jahrein käme immer ein Pilger. Auf meine Frage, ob er nicht einen Hospitalero anstellen kann, um mal ein paar Tage in Urlaub zu gehen, guckt er verwirrt. Für mich ist das ein Traumjob, für viele andere Pilger ja auch, mich wundert, dass hier noch niemand arbeiten wollte. Nein, nein, er muss ja auch kochen, Abendessen für die Meute, und alles muss gut in Schuss sein. Im Flur unten ruft schon wieder ein Neuankömmling, und er drückt eilig seine Zigarette aus.

Von meinem Balkon sehe ich zu meiner riesigen Freude den kleinen Iren vom Anfang sich schwitzend den Berg hochschleppen, und auch der bärige Brasilianer torkelt um eine Ecke. Ich bin überglücklich, in dieser wunderschönen Herberge lauter bekannte Gesichter wiederzutreffen, und springe zur Begrüßung in den Flur. Dort hat sich der Brasilianer auf einen Stuhl fallen lassen, sein Gesicht ist unter der dunklen Haut trotzdem als dunkelrot zu erkennen, ihm laufen Bäche von Schweiß das Gesicht hinunter, selbst sein T-Shirt ist fast komplett durchnässt. Ich muss lachen und meine, dass er wohl auch recht froh ist, angekommen zu sein. Er hat Mühe, mich zu fixieren und stammelt nur abwesend und ohne Unterlass, dass er nicht hierbleibt, er muss weiter, sonst schafft er es nicht rechtzeitig bis Santiago. Dabei knickt er mehrmals mit dem Kopf weg und hat Mühe, sich zu sammeln. Ich unterbreche sein Gemurmel ziemlich geschockt und sage ihm, dass er heute definitiv nicht weitergehen kann und hierbleibt. Er lässt sich nach hinten fallen und sagt „ja gut“. Aus sicherer Entfernung schaue ich noch zu, dass er auch wirklich eincheckt, bevor ich wieder auf den Balkon gehe.

Nach ein paar Minuten erscheint der Hospitalero im Türrahmen, „heh Du!“. Ich weiß nicht, ob er mich meint. Ich wäre doch die, die gern Hospitalera wäre. Öh, ja. Er winkt mich ungeduldig zur Tür, das könnte ich doch dann jetzt grad machen. Ich kann mein Glück gar nicht fassen. Er schiebt mich gleich auf den Chefsessel, drückt mir den Stempel und die Liste in die Hand, er hätte da volles Vertrauen in mich. Er muss jetzt mit Kochen anfangen, falls ich ihn brauche, ein halbes Stockwerk tiefer. Ich sitze etwas verwirrt, aber stolz wie Oskar im Empfangsbereich, als auch schon meine ersten Pilger kommen. Leider sind es zwei Irinnen mit fürchterlich geschriebenen Namen, die eh schon von „mullgh“s nur so wimmeln. Ich bin total nervös, vergesse fast das Stempeln, muss beim Namen 5 x nachfragen. Sie kennen mich vom Camino und tragen es mit belustigter Fassung. Meine nächsten Pilger empfange ich schon deutlich routinierter, und es ist ein wunderschönes Gefühl, die völlig verschwitzten, kaputten Pilger freundlich lächelnd in Empfang nehmen zu können und ihnen die wunderbaren Betten und einladenden Lokalitäten erklären zu dürfen. Das erleichterte Strahlen in den müden Augen ist einmalig.

Der Herr der Hauses kommt schnell nach dem Rechten schauen, ist sehr zufrieden und macht mit Blick auf die Liste einen dicken Strich unter die 32, mehr nehmen wir nicht auf, den Rest muss ich weiterschicken.  Dann ist er schon wieder weg, als ich in die hoffnungsvollen Augen von Pilger Nummer 28 und 29 blicke. Nummer 30 und 31 sind zu meiner Freude die beiden kanadischen Brüder. Ich bin baff, wie der Knielädierte es bis hierher geschafft hat, und es scheint ihm immer noch gut zu gehen. Nummer 32 ist die Australierin von gestern, ich freue mich sehr, ihr noch ein Bett geben zu können. Sie schickt direkt in der Empfangshalle ein Stoßgebet nach oben, und mir wird nun mehr als mulmig, was ich als nächstes mache, denn die völlig fertigen Pilger kommen im Minutentakt.

Mein erstes Opfer ist ein großer, junger Italiener, der ähnlich von Sinnen ist wie der verschwitzte Brasilianer. Auf mein zerknirschtes „completo“ sagt er entschlossen „nein!“ und guckt mich herausfordernd an. Mir wird schon etwas angst und bange; zum Glück fragt er irgendwann, ob er denn wenigstens Wasser nachfüllen kann. Kann er natürlich, aber als er sich dann torkelnd auf den Weiterweg macht, ist mir nicht ganz wohl.

Die nächsten Pilger sind zum Glück alle von nicht so weit her, sehen noch recht frisch aus und tragen es mit Fassung. Ein Deutscher fragt, ob es im nächsten Ort auch Einzelzimmer hätte. Er schnarcht, und den Ärger will er sich nicht mehr antun. Er meint ärgerlich und resigniert, dass er sich dann lieber gleich ein Taxi nach Estella bestellt, wo es hübsche Hotels hat.

Weniger problemlos läuft es mit einem jungen spanischen Paar. Die weibliche Komponente ist schon total verheult und panisch. Vor lauter Dankbarkeit, endlich die Herberge erreicht zu haben, bricht sie vor mir in Tränen aus. Ihr Freund guckt ziemlich beklommen, erst recht, als er meinen ebenfalls beklommenen Blick auffängt. Irgendwann dämmert auch der Spanierin, dass hier noch nicht alles gut ist. Sie bricht auf dem Boden zusammen, sie kämen von Pamplona, 40 km, sie geht keinen Schritt weiter, sie schläft hier auf dem Boden – und klammert sich schon mal am Fuß des Tisches fest wie ein Greenpeace-Aktivist. Das übersteigt nun meine spanischen und pädagogischen Kompetenzen,  ich beschwichtige und führe sie zum Kellergewölbe um die Herberge herum, wo der Chef am Kochen ist. Mit sehr viel Spanisch und Telefonaten garantiert er ihnen einen Platz im nächsten Ort. Die Spanierin hat sich soweit wieder gefangen, und sie machen sich weiter auf den Weg. Mir teilt der Chef noch mit, dass der nächste Ort auch komplett ist, dort geht auch gar nichts mehr. Die nächsten müssen 12 km weiter nach Estella.

Sehr, sehr mulmig sitze ich in der Rezeption, als die eigentliche Hospitalera die Treppe heruntergeschlichen kommt. Ihr geht es wohl wirklich nicht gut, sie ist leichenblass und kreislauftechnisch nicht einmal zum Treppe hinuntergehen gemacht. Sie guckt nur wenig irritiert, dass ich da herumsitze; vermutlich hat ihr Mann sie informiert. Sie geht zum Kochen helfen.

Als neue Aufgabe muss ich noch nachfragen, wer vegetarisches Abendessen möchte. Die Hälfte hat er schon aufgeschrieben, und nun darf ich anhand der Liste ähnlich einem lustigen Ratespiel überlegen, welcher Name zu welchem Pilger passen könnte. Irgendjemand will wissen, ob es auch ohne Teigwaren ginge, eine andere isst nur mit, wenn nichts mit Tomate dabei ist. Uff. Ich übermittle es geschwind der Küche, alles okay, zurück zu den Pilgern, sind auch happy, zurück zum Empfang.

Im Türrahmen tauchen meine zwei Süddeutschen auf, sie haben zum Glück schon gehört, dass es weitergeht und tragen es wie gewohnt mit Fassung. Sie freuen sich eher mit mir und meiner unverhofften Hospitalera-Tätigkeit. Dafür klingt ein lauter Streit um die Ecke. Der Herr Tscheche ist nicht so angetan vom Weiterlaufen und beschwert sich lautstark. Die arme kranke Hospitalera schreit recht resolut zurück, sie ist das wahrscheinlich schon gewohnt. Trotzdem tut sie mir sehr leid, wie sie sich mühsam an der Wand abstützt, während Marek mit seinem eiskalten Blick recht herzlos seine Sicht der Dinge darlegt.

Zurück in der Herberge bastle ich ein schönes „Completo“-Schild und verlasse meinen Posten. Im Schlafraum laufe ich fast João in die Arme. Frisch geduscht mit einem weißen T-Shirt, das aussieht wie frisch gebügelt, ist er kaum wiederzuerkennen. Er hat etwas auf dem Herzen, und das ist schon wieder recht abgefahren. Er meint, vorhin durch mich Gott gehört zu haben, ich wäre ein Engel gewesen, ich hätte so eine ruhige Stimme gehabt, ich hätte so eine Ruhe ausgestrahlt, er hätte mit einem Schlag inneren Frieden gefunden. Soweit, so gut, er hatte ja auch recht offensichtlich einen Sonnenstich. Nein, nein, er redet immer schneller und aufgebrachter, er hätte mich schon vorher ganz oft schweben sehen, auf dem Weg und am allerersten Tag in der Nacht in Roncesvalles. Das mit dem Schweben auf dem Camino lasse ich ja noch durchgehen, ich erinnere mich an ein paar Begegnungen, als ich beschwingt mit meinem wunderbaren Wanderstab über Stock und Stein gehüpft bin, während er mit der fußlahmen Deutschen seine mindestens doppelt so vielen Kilos den Weg entlang geschleppt hat. Von der Nacht in Roncesvalles weiß ich nichts. Wir wären uns um 3 Uhr nachts auf der Treppe begegnet, ich natürlich als schwebender Engel mit einem seligen Lächeln. Ich möchte mal nicht ausschließen, in meinen eigenen vier Wänden ab und zu schlafwandlerisch zur Toilette zu gehen, aber in dem riesigen, unbekannten Schlafsaal von Roncesvalles mit dem eiskalten Boden schließe ich das mal aus.

Er ist nicht davon abzubringen. Ich sehe es positiv. Irgendwas hat ihn total beseelt und entzündet und belebt. Irgendwie trägt er Gott plötzlich mit aller Macht in seinem Herzen.

Wir sitzen alle noch ein bisschen auf dem Balkon, ich knüpfe ein Bändel für João. Als es fertig ist, passt es nicht. Er hat Riesenpranken, doppelt so breit wie meine Handgelenke. Also auf ein Neues.

Gegen Abend gipfelt die Fiesta in einem Stiertreiben. Wir schließen uns der begeisterten Spanierschaft an, allerdings fehlt uns wohl das letzte Quentchen Begeisterung. Ich bin höchstens geschockt, was für kleine Kinder da vor Stieren herumrennen.

Dann gibt es das seit Stunden gekochte Abendessen in einem sehr stimmungsvollen Kellergewölbe unter der Herberge. Das Ehepaar sowie eine weitere Spanierin springen nonstop durch die Gegend, servieren eine Leckerei nach der anderen, und ich bin vor allem begeistert, dass sie für die zwei Sonderwünschler wirklich extra etwas gekocht haben. Mein Tisch ist eher ruhiger, ich sitze mit den beiden Schweizern. Der französische sagt nach wie vor nichts, während der deutsche, geschätzte 80 Jahre, mit recht interessantem Humor die Australierin beschallt. Ich bin ganz froh über die Ruhe, mir ist heute schon wieder ziemlich viel Chaos im Kopf. Ein Wiedersehen mit so vielen bekannten Gesichtern, die unverhoffte Verwirklichung meines Hospitalera-Traums, und dann noch diese seltsame Engel-Geschichte mit João.

Dieser drängt drauf, noch mit mir spazierengehen zu müssen. Zuerst bedanken sich die Herbergseltern überschwänglich bei mir, ich bekomme mein Abendessen gratis und noch die besten Wünsche und Dankesworte mit auf den Weg. Während ich auf João warte, schnaubt die Dänin höchst verächtlich, dass er einfach ein Weiberheld wäre. Grundsätzlich bin ich dieser Möglichkeit nicht völlig verschlossen, halte es aber nicht für die größte Wahrscheinlichkeit.

Sicherheitshalber promenieren wir brav immer am Rande der Fiesta, so oder so neige ich nicht dazu, mitten in der Nacht im Dunkeln durch irgendwelche spanische Vegetation zu rennen. Wie zu erwarten war, lässt João den eventuellen Weiberheld, wo er hingehört und schwadroniert lieber höchst agitiert von Engeln und Frauen mit übersinnlichen Fähigkeiten. Jetzt fällt es ihm wieder ein, ich erinnere ihn an die Frau aus Paulo Coelhos Buch „Wicca“ (das ich nicht kenne, aber nachdem ich Wicca mit Hexe übersetze, schmeichelt es mir eher moderat). Am liebsten würde er mich nicht mehr aus den Augen und aus seiner Nähe lassen, ich empfehle da mal „eine Nacht drüber schlafen“.

Die Nacht ist wirklich der Horror, trotz Ohrstöpseln tobt die Fiesta bis in die frühen Morgenstunden. Zwar sehe ich ohne meine Kontaktlinsen so viel wie ein Maulwurf, trotzdem habe ich das Gefühl, das João mich vom Bett gegenüber die ganze Nacht anstarrt. Vielleicht möchte er nicht verpassen, falls ich wieder zu schweben anfange.

Advertisements

Read Full Post »

Am Morgen lässt mich meine blöde Herbergenangst nicht ruhig schlafen. Hier in Zubiri scheinen nur sehr wenige übernachtet zu haben, der Hauptpulk der gut 100 Leute aus Roncesvalles scheint einen Ort weitergegangen zu sein. Vor meinem geistigen Auge zieht es sie leider auch alle nicht nach Pamplona in dieses sagenumwobene Opernhaus, sondern alle in das kleine Cizur Menor, wo ich gerne neben einer Burg des Malteserordens übernachten würde. Mit nicht einmal 30 Betten.

Zuerst einmal kann ich jedoch den schönen Weg durch die immer noch recht unberührte Natur genießen. An der pittoresquen Brücke von Trinidad de Arre mache ich eine lange Mittagspause, ebenso eine Gruppe junger Männer. Das Wetter ist perfekt, sonnig, nicht zu warm; ich bin sehr entspannt.

Pamplona zu erreichen ist ein lustiges Gefühl. Hier bin ich nun am helligten Tag als Pilgerin, beschützt mit meinem Pilgerstab und meinem Rucksack mit Muschel. Ich fühle mich gelassen, zufrieden und stolz. Dabei ist es erst 3 Tage her, dass ich hier ziemlich verängstigt um ein Bett gebettelt habe.

Und es ist ziemlich genau 2 Jahre her, dass ich hier meinen ersten Camino begonnen habe. Eine gewisse Ruhe überkommt mich, dass ich ab jetzt eine grobe Ahnung habe, was auf mich zukommt. Nachdem es am Abend keine Einkaufsmöglichkeit geben soll, kaufe ich noch schön ein.

Es geht mitten durch Pamplona, entlang einer Verkehrsstraße, und man muss ziemlich genau auf die Markierungen am Boden achten. In großem Abstand vor mir läuft deutlich am schiefen, großen Rucksack zu erkennen ebenfalls ein Pilger, oder besser gesagt, er humpelt ziemlich bemitleidenswert. Irgendwann taucht zur Linken ein großer Park auf, der meine Erinnerung weckt, dass der Weg hier die Straße verlässt. Der Pilger vor mir hat den Abzweig nicht mitbekommen, ist aber viel zu weit weg, als dass ich rufen könnte. Während ich noch stehe und überlege, dreht er sich um und scheint mich zu sehen. Ich verlasse demonstrativ die Straße und gehe zu dem Park hinüber, hoffentlich versteht er es.

Für meine Verhältnisse ist es recht spät, deutlich nach Mittag, ich werde Cizur Menor erst gegen 3 erreichen. Die Sonne brennt ungewohnt stark, ich schwitze vor mich hin, während ich langsam doch immer schneller und unruhiger laufe. Nach Pamplona taucht schon bald auf einem leichten Hügel mein heutiges Etappenziel auf, die rotweiße Malteserfahne weht im Wind.

Ich schleppe mich durch den Hof und zu der Herberge, vor dem schon zwei Leute stehen. Recht erschöpft japse ich, ob es noch ein Bett für mich hat. Der Mann guckt mich verständnislos an, führt mich dann aber in die Herberge. Ohne eine Miene zu verziehen fragt er, ob ich denke, dass da eins für mich dabei wäre. Ich bin die Erste.

Er erklärt mir liebevoll den Ort, dass es in der Küche auch die wichtigsten Grundnahrungsmittel fertig eingekauft schon hätte, falls ich etwas brauche. Aber ja, eine Laden hätte es trotzdem, und natürlich, am Abend hat es eine Messe. Ich dusche in einem riesigen Raum mit 2 Duschen und Fischchen-Duschvorhängen, ich kann mein ganzes Gerümpel auf 2 Stühlen ausbreiten, mich in Ruhe anziehen, und das Waschbecken mit Flüssigseife verfügt sogar über ein (noch) frischgewaschenes, kuschelweiches Handtuch. Ich hatte mich auf eine spartanische, bereits überfüllte Herberge eingestellt, und nun so ein Himmel auf Erden.

Einzig beim Wäschewaschen hinter dem Haus holt mich ein bisschen die Realität wieder ein. Aus dem Wasserhahn spritzt unkontrolliert ein riesiger Schwall kaltes Wasser, ich bin also gleich nochmal geduscht, und mein recht eiliges Waschen wird kommentiert von drei großen Schäferhunden, die wenige Meter entfernt angekettet sind, an ihren Ketten reißen und sich die Seele aus dem Leib bellen.

Mit sich wieder beruhigendem Puls krame ich meinen Reiseführer, mein Tagebuch und einen weiteren Satz Bändelwolle aus meinem Rucksack und setze mich an einen der Tische im Innenhof. Der Hospitalero bietet mir eine große Schüssel an für ein kühles Fußbad, das täte gut. Unter reichlicher Anteilnahme der drei Hunde und mit einem diesmal schon etwas routinierterem Spritzwasserausweichen sitze ich dann endlich komplett entspannt in der Sonne, meine Füße in fröhlichem Eiskalt.

Der nächste Pilger lässt nicht lange auf sich warten; zu meiner Erleichterung ist es der Hinkende, der seinen Weg demnach doch noch gefunden zu haben scheint. Er grüßt mich vorsichtig erkennend. Ebenfalls freue ich mich über die Dänin aus Zubiri, die mich zur Begrüßung kurz anstrahlt, bevor sie sich fast schuldbewusst mit wieder versteinertem Blick ans Einchecken macht. Nun kommen im Minutentakt Pilger in den Hof geströmt, und ich bin fast etwas erleichtert, dass sie von einer ähnlichen Unruhe und Sorge getrieben zu sein scheinen. Ich treffe eine kleine Deutsche mit einem doppelt so hohen und breiten dunkelhäutigen Bär von einem Mann wieder, denen ich die letzten Tage immer wieder begegnet bin.

Meine Fußbadewanne gebe ich an den Hinkenden weiter, der sich zu mir setzt und sich als in Spanien lebender Belgier herausstellt. Mit seiner Frau möchte er hier eine Ferienanlage etablieren, aber wie ich so zwischen den Zeilen lese, so ganz nach Plan läuft es noch nicht. Auch der Camino wohl nicht, er hat nach ein paar Tagen schon ziemliche Beinprobleme. Er ist ein Trumm von einem Mann, spricht aber sehr leise und unsicher.

Weniger Probleme hat da eine Holländerin, junge Mutter, die sich dazugesellt und unbekümmert das Gespräch schmeißt. Zu Hause wacht ihr Mann über den Säugling, und sie kichert belustigt, dass er sicher am Verzweifeln ist. Die Fußbadewanne wandert an die kleine Deutsche, ebenfalls nicht mit Schüchternheit geschlagen, dafür mit Beinproblemen, die sie aber recht ironisch und lapidar kommentiert.

Ich werde zunehmend stiller und beschränke mich fasziniert auf das Zuhören und Beobachten der doch sehr unterschiedlichen Charaktere. Die drei Herrn von der Mittagsrast treffen ein, und ich bin recht fasziniert. Sie sehen jung und attraktiv aus, reden laut und viel auf Englisch und lachen herzlich, gleichzeitig strahlen sie aber auch eine besondere Atmosphäre aus, eine Art Ruhe und Respekt, die sie mir auf Anhieb sympathisch macht.

Wie sich herausstellt, ist einer ein Tscheche, der die anderen beiden, zwei Freunde aus Süddeutschland, auf dem Weg getroffen hat. Seitdem laufen sie zusammen. Der Tscheche ist schon einmal gepilgert, er wirkt sehr bedächtig und nachdenklich, während der Deutsche einfach eine unbeschwerte, wenn auch ruhige Frohnatur zu sein scheint. Nummer 3 ist gerade abwesend, er wäscht immer als erstes die Wäsche für alle, wie mir grinsend erzählt wird.

Ich springe schnell in den Laden des Örtchens und koche mir mein erstes Pilgeressen auf diesem Camino, Pasta mit Gemüse. Zu mir gesellt sich eine Australierin. Sie wirkt ähnlich wie der Belgier ein bisschen bedrückt. Sie hat sich die letzten Tage einen Magen-Darm-Infekt eingefangen und stochert mit wenig Appetit in ihren Spaghetti aus dem Plastikbeutel. Sie kennt hier noch niemanden, erst recht nicht den Camino und Spanien, noch dazu die Sorge um eine moderate körperliche Verlässlichkeit.

Während wir uns unterhalten, kommt plötzlich der chilenische grauhaarige Engel hereingeschwebt und lässt sich wissend milde lächelnd auf einem Stuhl gegenüber nieder. Er dreht sich in unsere Richtung und guckt weiter milde lächelnd, statt etwas zu sagen oder sich um sich selber zu kümmern. Mich irritiert das, zumal ich mir ihn hier nicht erklären kann, hat er doch gestern so ein flammendes Plädoyer gegen die Herberge hier gehalten. Mir kommt der Gedanke, dass er schon immer den Plan hatte, hier zu übernachten, und nur möglichst wenig Konkurrenz um die Betten haben wollte.

Die Nummer 3 der jungen Herren kommt konzentriert einen nassen Wäscheberg balancierend in die Küche, um nochmal mit etwas warmem Wasser nachzuspülen. Mir rutscht forsch heraus, dass er also der mit dem Waschspleen ist. Dafür, dass er mich rein gar nicht kennt, reagiert er sehr souverän und freundlich.

Als er zufrieden samt Wäschehäufchen die Küche verlassen hat und auch die Australierin sich noch ein bisschen hinlegen gegangen ist, sitze ich allein mit der Pilgerreinkarnation. Etwas an ihm passt mir gar nicht, ich merke, wie ich spontan auf Abwehr schalte und mich am liebsten in Schweigen hülle. Bis ich meinen Teller leer habe, fragt er mich hartnäckig über meine Beweggründe aus. Ich erzähle von meinen Erfahrungen, was mich so gefesselt hat, und dass das unter anderem die Begegnung mit Gott war. Und dass es mich fasziniert, dass hier vieles so abläuft, als wäre es genau für mich gemacht. Ich erzähle ihm von der Begegnung mit José auf meinem letzten Camino, dass er wie ein Engel genau in dem Moment zu mir geschickt worden wäre, wo ich ihn gebraucht habe. Wie schon seit der letzten viertel Stunde lächelt mein Gegenüber entrückt und wissend und selig, als hätte ich gerade eine Schulaufgabe gut bewältigt. Ja, ja, es gäbe Engel, die würde man hier treffen. Und diesmal wäre dann ja ich selber als Engel unterwegs. Stopp. Als Engel sehe ich mich nun wirklich nicht. Doch, ob ich das denn nicht sehen würde. Er würde mich schon seit einer Weile beobachten, und ich würde den ganzen Tag integrieren und ermutigen und Zuversicht spenden. Er hätte es doch gerade hier gesehen, er zeigt auf den leeren Platz der Australierin und auf den Warmwasserwaschplatz. Zum Glück bin ich mit meinem Essen fertig. Ich wasche schnell ab und verabschiede mich mit einem resoluten „na ja, mal schauen, was der Camino so bringt“.

Ich bin ihm nie wieder begegnet.

Es ist Zeit für den Gottesdienst. Kaum bin ich auf der kleinen Anhöhe der Kirche, bietet sich mir so ein wunderschöner Blick auf die Burg und Herberge im Sonnenuntergang, dass ich schnell noch einmal zurückspringe und meinen Foto hole.

Die Messe ist schön und verbreitet die gewohnte Atmosphäre. Ich genieße das „Vater Unser“ auf Spanisch und mache mich beschwingt auf den Rückweg. In den letzten Sonnenstrahlen sitzen die meisten Pilger an den Tischen im Hof zusammen. Ich setze mich zu den drei Herrn, und wir unterhalten uns bestimmt eine Stunde in einer beeindruckenden Wohlfühlatmosphäre. Damit der Tscheche etwas versteht, mühen wir uns auf Englisch mit schwäbischem Akzent. Die beiden Deutschen mir gegenüber sind sehr sympathisch, sehr interessiert, haben immer ein beeindruckend ruhiges Strahlen im Gesicht und ein fast unmerkliches Lächeln auf den Lippen, wenn wir nicht gerade ohnehin herzlich über etwas lachen. Wir tauschen uns über den Camino aus, ich schwelge in Erinnerungen und erzähle von meinen Erfahrungen.

Als sie mich noch zu einer Flasche Wein einladen, lehne ich dankend ab. Der Tscheche hat die ganze Zeit kein Wort geredet, und ich habe das Gefühl, die traute Dreiergruppe gestört zu haben. Ich witzele, dass er meine Gesellschaft ja nicht so sehr zu schätzen scheint. Er guckt mich todernst und voller Abscheu an und sagt „ja genau, ich mag Dich nicht“. Ich weiß erst nicht so recht, was ich sagen soll, als er nachlegt, dass ich mir einbilden würde, alles über den Camino zu wissen, und das könnte er nicht leiden. Ich weiß immer noch nicht, was ich sagen soll, ich bin sprichwörtlich sprachlos, schaffe es aber noch zu einem reichlich geschockten „gute Nacht dann“.

In der Herberge sehe ich fast Sternchen, so geschockt bin ich. Der erste Schock wird abgelöst von unbändiger Wut, ich würde ihm am liebsten sonstwas zurücksagen. Leider stelle ich beim zu Bett gehen fest, dass meine Wäsche noch draußen hängt, ich also nochmal da raus muss. Das ist vielleicht auch ganz gut, denn so kann ich jetzt eh absolut nicht schlafen. Auf dem Rückweg vom Wäscheständer gehe ich folglich nochmal kurz bei ihnen vorbei. Ich bin schon wieder so weit, dass es mir gelingt, mich zu entschuldigen, dass es zumindest nicht meine Absicht war, ihn zu verärgern, und dass ich auch sicher nicht den Eindruck erwecken wollte, den Camino in allen Facetten zu kennen. Auch er entschuldigt sich diplomatisch, und wir verabschieden uns recht versöhnlich damit, dass wir uns ja einfach ein bisschen aus dem Weg gehen können.

Ich bin zumindest nicht mehr wütend und auch nicht mehr geschockt, aber insgesamt sehr, sehr verwirrt. Der eine sieht einen Engel in mir, für den anderen bin ich ein rotes Tuch. Dabei habe ich eigentlich einfach nur friedlich meinen Tag gelebt. Im Bett über mir feiert die kleine Deutsche die reinste Mitternachtsparty mit ihren Bettnachbarinnen. Sie stellen kichernd fest, dass die eine Freundin jetzt versehentlich das Bett des dunkelhäutigen Bären belegt hat, der noch aushäusig unterwegs ist, und dass die Herberge ja completo ist.

Mir ist für heute wirklich alles zu viel, ich verdrille meine Ohrstöpsel und bin heilfroh über die sich ausbreitende Geräuschlosigkeit. In meinen Ohren und in meinen Gedanken.

Read Full Post »