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Posts Tagged ‘Terradillos de los Templarios’

Der morgendliche Blick aus dem Fenster verspricht wie immer Regen, woran wir uns mittlerweile aber schon klaglos gewöhnt haben. Während ich mich in meine Regengarnitur schäle, kommt der Däne nochmal kurz zu mir und meint, dass er sich mit den Etappen doch vertan hätte, er hätte die einsame Strecke verwechselt. Die wäre er doch nicht gelaufen, und das wäre ihm jetzt bei diesem Wetter und den wenigen Pilgern auf der Strecke auch zu riskant. Halleluja. Meine ganze Planung bricht zusammen, und ich entschließe mich, dann eben doch zähneknirschend die langweilige Variante entlang der Straße zu laufen, allerdings bis El Burgo Ranero, 30 km, was mir die Möglichkeit lässt, dann morgen bis León durchzulaufen. Zwar sind das dann 37 km und weit mehr, als ich die vergangenen Tage mit José heruntergeleiert habe, wohl auch mehr, als ich jemals gelaufen bin, aber nachdem mir das jetzt schon lange ein kleiner Dorn im Auge ist, dass mir das keiner zutraut und ich langsam schon selber nicht mehr so ganz sicher bin, kommt mir das gerade gelegen.

José kommt aus dem Bad und ich eröffne ihm, meine Planung umgestellt zu haben. Ich meine damit, dass ich zwar den gleichen Weg gehen werde wie er, aber 7 km weiter als sein geplantes Etappenziel. Wie zu erwarten war, überredet er mich nicht zu einer kürzeren Version und erst recht denkt er nicht über eine längere Etappe seinerseits nach, sodass es jetzt unser endgültiger Abschied ist. Er umarmt mich eine Millisekunde lang, sagt „adios“ und dass wir uns bestimmt bald wieder sehen werden. Ich denke „rutsch mir doch den Buckel runter“.

Ich stapfe durch den morgendlichen Nebel und Regen, und meine Stimmung ist genauso wolkenverhangen. Meine Gedanken drehen sich völlig unsteuerbar im Kreis, ich bin wütend, enttäuscht, alles zusammen, so recht weiß ich eigentlich gar nicht, warum. Im Wesentlichen wohl, weil mir José mehr bedeutet als ich ihm und sich das schwer mit meinem Ego und Stolz vereinen lässt.

Da taucht zum ersten Mal auf diesem Camino ein Sonnenstrahl auf, mitten im frühen Morgendunkel, strahlend hell – und er beleuchtet mal wieder nur mich. Überrascht schaue ich mich um – und meinen Weg überspannt ein Regenbogen. Nach einer Minute ist das Schauspiel auch wieder vorbei, aber das besondere Gefühl bleibt. Hier wollte jemand meine trüben Gedanken aufheitern. Was er mir genau sagen wollte, weiß ich nicht. Ob er nur bei mir ist oder ob meine Entscheidung die Richtige war… auf alle Fälle bin ich wieder entspannt und versöhnt.

Prompt verlaufe ich mich ein bisschen, es scheint zwei Möglichkeiten zu geben, und nachdem meine an der Straße entlang geht, gehe ich wieder zurück zur Kreuzung, weil die andere Variante sicher spannender ist. Ich treffe auf José, der seine morgendlichen 6 km/h herunterspult, er läuft die Straßenvariante – und ich denke „super, so viel zum Thema endgültiger Abschied“.

Ich mache mir ein paar Gedanken über die zurückliegenden Tage. Normalerweise bin ich ja hier, um weiser zu werden, Stärke zu entwickeln und mich besser kennenzulernen. Statt dessen habe ich die letzte Woche kein bisschen nachgedacht. Ein Teil von mir ist wütend, dass die intensive Zeit mit José ein Ende finden muss, aber ich bekomme einen zweiten Regenbogen, als mir dämmert, dass ich vielleicht dankbar sein sollte für das, was ich erleben durfte, anstatt mich in Gramstimmung über den Verlust zu befinden. Außerdem freue ich mich so langsam wie auf ein neues Leben auf meinen neuen Camino, wieder allein, wieder neue Leute kennenlernend, wieder eigenständig.

Kaum habe ich meinen Frieden gefunden, taucht kurz vor Sahagún José wieder auf, und so langsam frage ich mich, was der Veranstalter da oben für mich auf dem Programm hat. Ich bin hier im Minutentakt am Verluste verarbeiten, die sich dann doch nicht als Verluste herausstellen, und am endgültige Abschiede nehmen, die 10 Minuten später doch nicht endgültig sind. Ich beginne, es anstrengend zu finden.

Sahagún ist die erste größere Stadt in der Meseta mit immerhin 3000 Einwohnern. Ich freue mich auf einen Supermarkt, nachdem meine Vorräte aufgebraucht sind und das meiner Stimmung wenig zuträglich ist. José freut sich auf eine Bar zwecks Frühstück. Der Supermarkt kommt zuerst, sodass ich kurz abbiege. Wir denken wie immer, dass sich unserer Wege automatisch wieder kreuzen werden – und so verläuft der endgültige Abschied, ohne dass es uns bewusst wird.

Ich laufe nach Calzada del Coto, wo sich noch ein letztes Mal die Chance bietet, den einsamen, spannenden Weg einzuschlagen. Schweren Herzens gehe ich an der Fahrstraße entlang weiter. Ich erreiche Bercianos del Real Camino, Josés Etappenziel. Das Örtchen sieht nett aus, und erst recht die Herberge, um die sich viele nett aussehende Pilger tummeln. Sie strahlen eine Atmosphäre des Angekommen Seins aus, und es fällt mir noch einmal schwerer, meinen Weg fortzusetzen.

Die folgenden knapp 2 Stunden werden die Schwersten meines bisherigen Caminos. Zwar ist der Weg eben und an der Fahrstraße entlang, der Regen hat aufgehört und es scheint sogar die Sonne, aber in mir macht sich eine endlose Müdigkeit breit. Ich habe konstant das Gefühl, im Gehen einschlafen zu können, zweimal stolpere ich über meine eigenen Füße und kann mich erst im letzten Moment fangen. Jeder Schritt ist unglaublich mühsam und anstrengend.

Ich erreiche El Burgo Ranero und fühle mich emotional total leer. Die Herberge ist hübsch und komplett in Adobe – Bauweise aus einer Art Lehmziegeln gebaut. Der ältere Hospitalero trägt automatisch als Ausgangsort „Sahagún“ ein und ist überrascht, dass ich von weiter komme. Bisher sind nur drei ältere Deutsche da. Sie kommen aus Sahagún und haben die Zeit derweil mit ordentlich Alkohol überbrückt. Der ältere Mann freut sich mit gläsernen Augen und tierischer Fahne sehr über meine Anwesenheit. Ich bekomme glücklicherweise ein anderes Zimmer und haue mich auf mein Bett.

Als ich wieder aufwache, tut mir alles tierisch weh. Mein Rücken, mein Nacken ist komplett verspannt, und als ich auftrete, lassen sich meine Füße überhaupt nicht mehr abrollen. Ich komme kaum mehr die Treppe runter, geschweige denn zum Mercado. Zu meinem emotionalen Vakuum gesellt sich noch ein Körper, der irgendwie in Streik getreten zu sein scheint.

Ich bin abgrundtief verzweifelt. Die alkoholisierten Pappnasen passen mir nicht, und ich vermisse José ganz unendlich. Die vage Hoffnung, er könnte wegen mir bis hierher laufen, habe ich mittlerweile restlos begraben. Ich kann nicht glauben, dass ich freiwillig hierher weitergelaufen bin, nur wegen meinem Stolz, anstatt José noch drei weitere kostbare Tage zu genießen. Und die Etappe war definitiv zu lang, ich bin völlig kaputt und habe meine Grenzen überschritten. Ich kann nicht einschätzen, ob sich diese ganzen Verspannungen in absehbarer Zeit jemals wieder geben oder ob meine Caminoplanung generell hinfällig ist. Eins ist mir auf alle Fälle klar: morgen werde ich auf José warten und mit ihm die Mini-Etappen laufen, sofern meine Füße bis dahin wieder mitmachen. Und von León nach Astorga werde ich einfach einen Bus oder Zug nehmen, dann habe ich ganz stressfrei 2 Tage wieder hereingeholt. Die Idee, morgen 37 km zu laufen, war einfach komplett absurd und eine Selbstüberschätzung sondergleichen. Im Moment kann ich kaum zur Tür humpeln.

Ich koche mir ein schönes, warmes Essen aus Nudeln, Zucchini, Auberginen und der berühmten spanischen Tomatensoße, von der ich zwar nicht weiß, was sie beinhaltet, aber alles, was man mit ihr kocht, schmeckt immer hervorragend. Am Tisch sitzen auch schon die Deutschen, aber wider Erwarten sind sie ganz brauchbar. Der Alkoholseelige hatte vor ein paar Tagen einen fiesen Krampf in der Wade und kann seither nicht mehr laufen. Er nimmt jeden Tag den Bus, und seine zwei Kollegen laufen die Etappe. Einer von ihnen, eigentlich jung und sportlich, abonniert nicht direkt meine Sympathien. Den Camino würde er nie zweimal laufen, also wirklich, da gibt es dann auch Spannenderes zu sehen, und also wenn das Wetter morgen wieder so ein Müll ist, dann setzt er sicher keinen Fuß vor die Tür, dann nimmt er samt seinem fußlahmen Kollegen den Zug, das geht nämlich eh viel schneller. Der Fußlahme fixiert derweil sehnsüchtig mein Essen, sodass ich freundlich „compartire“. Im Gegenzug will er mich nachher zur ihrer Kneipentour einladen, was ich aber dankend ablehne.

In der Herberge gibt es einen Computer mit Internetanschluss, und zum ersten Mal surfe ich bestimmt eine Stunde. Ich suche die Verbindungen von León nach Astorga heraus, klage meinen Lieben in Deutschland mein Leid und lasse mich mental wieder ein wenig aufbauen. Und morgen habe ich dann meinen kleinen Spanier wieder.

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Zu recht früher Stunde werden wir geweckt – allerdings sehr stimmungsvoll mit christlichen Liedern von zarten Frauenstimmen. Während die anderen sich Richtung Bad oder ans Packen machen, gehe ich den Klängen nach, die diesmal aber nur aus einem Lautsprecher kommen. Trotzdem sind sie für mich so bewegend, dass ich mir ein paar Decken schnappe und mich auf den Boden vor dem Lautsprecher setze – und heultechnisch da weitermache, wo ich gestern aufgehört habe.

Folglich verlasse ich auch als eine der letzten die Herberge, und José ist schon früh alleine los. Wie zu erwarten war, ist das Wetter schlecht. Es regnet konstant, und der Regen ist nah am Schnee. Ich trage schon seit Tagen morgens alle meine Kleidung auf einmal am Körper, und trotzdem ist es eine fröstelige Angelegenheit. Mir fehlt ein dickes Halstuch, ein Schal oder Handschuhe.

Normalerweise laufe ich als eine der ersten los, und nachdem ich wenig Pausen mache, komme ich auch als eine der ersten an und habe somit Einsamkeitsfeeling pur. Heute laufe ich auf einen Pulk nach dem anderen auf. Ich treffe einen älteren Dänen von gestern wieder, der übersetzt passenderweise Donner heißt. Er ist sehr spirituell und ein „Pilger“ mit allen Eigenschaften und Gedanken, wie ich es mir vorstelle. Dazu passt natürlich auch, dass er nach ein paar Minuten dann lieber alleine weiterläuft, weil er heute Input von oben erahnt.

Dafür heftet sich eine ebenfalls ältere Dänin an meine Fersen und bespaßt mich recht hartnäckig mit lapidaren Allerweltsthemen. Sie ist aber tendenziell eine Nette, so dass es mir wieder ein bisschen leid tut, ihr irgendwann „ich geh dann mal alleine ein bisschen schneller“ übermitteln zu müssen.

Vielleicht wäre der Weg ähnlich schön wie zu Beginn der Meseta, wenn denn das Wetter schöner wäre. So sehe ich unter meiner Kapuze aber nur den Schotterweg und rechts und links eigentlich wenig. Es regnet in Schnüren und windet noch zudem. Meine Rucksackregenhülle rattert schon lange im Wind, aber jetzt muss ich im ersten Moment direkt ironisch auflachen, denn der Wind wirft mich jede Sekunde mit voller Wucht in eine andere Richtung. Ich muss meine Stöcke voll einsetzen, um halbwegs auf Kurs zu bleiben. Trotzdem laufe ich ordentlich Schlangenlinien.

Merkwürdigerweise legt sich in diesem Moment irgendein Schalter in meinem Kopf um. Vorher noch die hochgezogenen Schultern und das aus der Kapuze Schielen sowie eine gewisse Resignation, jetzt plötzlich bin ich geradezu kampflustig. Versuch’s doch, puste doch noch mehr, ich laufe auch weiter, selbst wenn Du mich in den Graben schmeißt, durchnäss mich doch, Du hältst mich nicht von meinem Camino ab. Vor allem aber kriegst Du mich nicht klein.

Und mit einem Mal fühlt sich der Sturm nicht mehr wie ein Feind an, sondern ich spüre nur die ungeheuere Energie – und bin ein Teil von ihr. Ich fühle mich unheimlich stark, mächtig und glücklich. Ich beginne zu singen, oder besser gegen den Wind zu schreien. Die heutige Etappe ist mit 27 km verhältnismäßig lang, und doch vergeht sie wie im Flug. Ich mache keine Pause und bin gegen Mittag an der Herberge, die allerdings noch geschlossen hat. Auch sonst ist kein Pilger weit und breit. José habe ich wahrscheinlich irgendwo zwischendurch an einer Bar überholt, es hätte mich auch gewundert, wenn er so lange vor mir geblieben wäre.

Ich sitze im Regen vor der nicht überdachten Herberge, die einfach nicht aufmacht, obwohl sie laut Führer sollte. Ich werde etwas unruhig, weil mir kalt wird, mir die Idee kommt, dass sie vielleicht wenn nicht jetzt, auch später nicht mehr aufmacht, und mir kommt der Gedanke, dass ich José verloren haben könnte. So genau kenne ich sein heutiges Etappenziel nicht, vielleicht ist er doch schon weiter. Wenn ich nun aber weiter gehe und er ist hinter mir, dann verliere ich ihn auch.

Umso erleichterter bin ich, als nach einer halbe Stunde ein wehender dunkelblauer Regenponcho am Horizont auftaucht. José strahlt schon aus 50 Metern Entfernung und sagt, er wäre so froh, mich zu sehen. Wahrscheinlich ist er auch einfach froh, dass ich wieder die Alte bin und weder schmolle noch heule. Vor lauter Begeisterung umarmt er mich erstmal. Das Ganze ist sehr feucht, und nicht etwa Wasser, sondern Schweiß, wie er stolz betont. Aha. Im nächsten Moment schimpft er wie ein Rohrspatz auf diesen scheiß Tag. Das scheiß Wetter, und diese endlose Etappe. Ich bin ganz überrascht, denn ich bin voller Energie, Adrenalin und Endorphinen.

Glücklicherweise kommt Bewegung in den verlassenen kleinen Ort – eine Dame nähert sich der Herberge und lässt uns einchecken. Zwar gibt es keine Küche (und ohnehin keinen Supermarkt, was mir Selbstversorger nicht sehr entgegen kommt), dafür sind die Räume superschick. Keine Stockbetten, nur jeweils 4-6 Betten, Heizung zum Trocknen unserer doch recht durchweichten Sachen – und natürlich wieder das komplette Wäscheprogramm für José.

Die Herberge scheint auch einen großzügigen Heißwassertank zu haben (bzw. wir sind diesmal natürlich auch wieder die ersten und einzigen), jedenfalls kann ich minutenlang brühend heiß duschen. Leicht störend ist nur wieder mein kleiner Spanier, der neben mir duscht und – das scheint sich langsam für einen guten Spanier einfach zu gehören – ächz und stöhnt und prustet. Ich lasse ihm etwas Vorsprung zum sich in Ruhe Anziehen, aber die nutzt er natürlich nicht, sondern beglückt mich mit dem Anblick seines nicht gerade durchtrainierten Oberkörpers. Lustigerweise findet er sich mager und quasi „a shadow of the man he used to be“, seit er im Vergleich zu früher abgenommen hat. Damals, so erzählt er stolz, stand er noch vor dem Spiegel und hat sich gedacht „wow, ich bin ein echter Mann!“. Ich kann dazu nicht viel sagen, denn auch als für seinen Geschmack halbe Portion ist er einfach noch massiv übergewichtig, und vermutlich jeder andere würde vor Gram und Scham vergehen.

Nachdem geduscht, Wäsche gewaschen und der Rest überall zum Trocknen ausgebreitet ist, widmen wir uns wieder der leidigen Etappenplanung. José beendet diesen Camino in León und möchte sich für die 67 km natürlich wieder 3 Tage Zeit lassen. Vor allem möchte er morgen entlang der Strasse gehen ( als „unspektakulär bis eintönig“ beschrieben), während ich mich schon seit zu Hause auf  „die  sehr einsame Variante“, „ein ganz spezielles Erlebnis“ und auf das „gänzlich allein Fühlen bis hin zu dem Gefühl, man könnte nie wieder auf eine Ortschaft stoßen“ über Calzadilla de los Hermanillos freue. José hängt wieder den Besserwisser raus, da hat es nämlich Wölfe. Das steht so in seinem Führer. Als ich das sehen will und da etwas von Mittelalter steht, wird er zickig und behauptet, die wären jetzt eben neu wieder am Kommen. Und er als Jäger weiß das natürlich besser als ich. Und er findet es überhaupt Irrsinn, dass ich in diese Herberge dort will, wo sonst kein Mensch ist. So sehr mich seine Selbstherrlichkeit mal wieder aufregt, die Sache mit der Herberge allein im Nichts verzückt mich ehrlich nicht gerade. Trotzdem, ich muss wirklich an meinen Zeitplan denken, und schließlich trennen sich unsere Wege in spätestens 3 Tagen eh unwiderruflich. Diesmal bleibe ich hart und beharre auf meiner Etappe. José meint, ich soll mich dann eben von ihm verabschieden, wenn wir uns trennen. Das bestätigt mich nur in meiner Entscheidung.

Quasi zum Abschied verbringen wir die obligatorische Siesta gemeinsam auf seinem Bett, jeder brav in seinen Schlafsack eingemummelt. Der dänische Donner ist mittlerweile auch eingetroffen und gerade am Auspacken, so dass ich eh nicht schlafen kann, zumal José schon wieder schnarcht, dass das ganze Bett wackelt. Ich wechsle noch ein paar kurze Worte mit dem Dänen, der auch komplett euphorisch von dem heutigen Tag und den Naturgewalten ist. Er will morgen auch in die einsame Herberge, die hat er vor ein paar Jahren schon einmal angesteuert, und das wäre prima. Das beglückt mich natürlich erst recht.

Plötzlich höre ich ein Klingeln und renne wie von der Tarantel gestochen in meiner einzig trockenen Garnitur und Flipflops auf die Straße, in der Hoffnung, dass es sich um ein Bäckerauto handelt und ich doch noch etwas zu essen bekomme. Leider sehe ich weit und breit keins und laufe suchend durch den sehr überschaubaren Ort. Es klingelt nochmals, und am anderen Ende des Ortes sehe ich den Fahrer gerade die Tür zuschlagen. Ich renne ohne Rücksicht auf Verluste quer durch irgendwelchen Matsch, als der Wagen sich schon in Bewegung setzt. Glücklicherweise erspäht mich noch eine ältere Spanierin, die ihm Zeichen gibt. Er öffnet extra nochmal für mich und mein Brot. Zwar habe ich eiskalte, verspritze Füße und bin leicht eingeregnet, aber dafür habe ich ein Brot. So triumphal hat sich sicher nicht mal Cäsar unter seinem Lorbeerkranz jemals gefühlt.

Den Nachmittag verbringe ich mit intensiven Gesprächen mit José in der Bar, wo er sich ein Bierchen nach dem anderen genehmigt, die er sich für seinen Geschmack heute redlich verdient hat. Eine gewisse Wehmut macht sich bei mir schon breit. Die wenigen Tage mit ihm kommen mir wie eine Ewigkeit vor, wir sind trotz aller Wutanfälle meinerseits ein eingespieltes Dreamteam geworden, und nachdem der Däne schon anklopft, bevor er unser gemeinsames Zimmer betritt („weil man ja nie weiß“) und zu unserem letzten Tag meint „ja, ja, für die große Liebe muss man halt notfalls mal eine längere Etappe machen“, scheint unsere Seelenverbundenheit auch nach außen hin eine (wenn auch andere) Verbundenheit widerzuspiegeln. Eine Vorstellung, die mich durchaus erheitert. Zwar halten wir uns manchmal im Arm oder an den Händen, aber das hat mehr mit südländischer Herzlichkeit als mit leidenschaftlicher Hingabe zu tun.

Als José zum Abendessen in die Bar geht und ich mich wieder vorsatzgetreu meinem (diesmal zwar sehr frischen, aber unbelegtem) Brot widme, überkommt mich nach all der Energie des Tages eine drückende Schwermut. Die Zweifel wegen der Etappe morgen und die Entscheidung, mich von José zu lösen, das überfordert mich in meinem einfachen Pilgerleben einfach schon wieder. Ich kann ewig nicht einschlafen, aber als José meine Sorgen mit seinem typischen „don’t worry, be happy“ und einem dröhnenden Lachen abtut, weiß ich, dass meine Entscheidung richtig ist.

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