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Posts Tagged ‘Anreise’

Mein nunmehr achter Abstecher auf einen spanischen Jakobsweg kommt mal wieder ganz unverhofft und intuitiv. Als mir mein Bruder zu Weihnachten den Rothen Reiseführer vom Camino del Norte schenkt und meint, vielleicht wäre das doch etwas für mich, ist mein erster Gedanke „oh, wie schade. Dabei werde ich diesen Weg doch sicher nicht gehen“. Zu touristisch, zu wenig Pilger, zu wenig Pilgergefühl… aber zwei, drei Blicke in den nächsten Tagen genügen, um mir die fixe Idee des Camino del Norte in den Kopf zu setzen. In dem bekannten Führer mit den bekannten Streckenprofilen und Herbergsbeurteilungen sieht das alles plötzlich nicht mehr fremd und anders aus, sondern vertraut (und sehnsuchtsweckend) wie eh und je.

Auch liegt dieser Weg ganz paradiesisch in Sachen Erreichbarkeit. Von Bilbao fährt im Stundentakt ein Bus nach Irun, und wenn ich mich grob an den Etappen meines Führers orientiere, bin ich nach 14 Tagen in Llanes, von wo auch mehrmals täglich ein Bus nach Bilbao zurückfährt. Und wenn ich nicht bis Llanes komme, hält der Bus beruhigenderweise auch 1-2 Etappen vorher alle paar Orte. Da kann man es doch so richtig entspannt auf sich zukommen lassen, und vielleicht klappt es endlich mit dem Traum vom Camino ohne Etappenplanung, Stress und Sorge.

Ein paar Wochen vorher checke ich sicherheitshalber nochmal die Rückfahrt und stelle fest, dass nur ein einziger Bus frühmorgens in Frage kommt. Ich kontrolliere die Sitzplatzverfügbarkeit – und bekomme fast einen Herzstillstand angesichts der durchweg roten Sitze – bis auf einen einzigen Platz alles ausgebucht. Ich rette hektisch panisch tippend wenigstens noch diesen für mich. Mein Bruder erklärt wissend, dass es schließlich Semana Santa ist, da wollen wohl viele Spanier verreisen.

Zwei Tage vorher rufe ich mir nochmal die Zwischenhalte in Erinnerung und stelle mir plötzlich die Frage, ob ich da überhaupt problemlos auch schon früher einsteigen kann. Eigentlich kein Problem, ich habe ja ab Llanes bezahlt, aber um sicherzugehen, frage ich nochmal per Mail bei Alsa nach. Selbstverständlich, das geht nicht, mit ganz herzlichen besten Grüßen, Jesús. Ich denke, ich habe mich verlesen oder etwas falsch verstanden, aber der gute Jesús beharrt drauf, das Sitzchen bleibt zwar leer, aber man weiß ja nicht, ob überhaupt jemand aussteigt und was weiß ich was, also geht mal ganz sicher nicht. Ich kriege einen halben Nervenzusammenbruch. Sicherheitshalber noch weitere Tickets von früheren Orten aufkaufen geht auch nicht mehr, der Bus ist ja ausgebucht. Auch meine Idee, die Liste der Busse von Bilbao nach Irun auszudrucken, bringt unschöne Überraschungen. Von stündlichen Abständen ist nichts mehr zu sehen, bzw. zumindest klafft eine nette fast 4-stündige Lücke zwischen 14 und 18.00. Nachdem ich um 13.30 am Flughafen in Bilbao ankomme, reicht es nicht mehr auf 14.00 und geht für mich also erst kurz vor 18.00 weiter. Fast schon mit böser Vorahnung werfe ich einen Blick auf die Sitzplatzreservierungen. Wieder ist fast alles ausgebucht, ich ergattere schon wieder recht panisch einen der letzten Plätze. Das fängt ja gut an.

Dafür liest sich die 14-Tage-Vorhersage für Bilbao und Santander sehr einheitlich – außer grauen Wolken für die ersten beiden Tage kündigt die Prognose für jeden weiteren Tag eine gelbe Sonne vor blauem Himmel an, bei 24-26°C. Ich bin recht ungläubig, noch nichtmal ein kleines, weißes Teilwölkchen zu erspähen. Und spähe umso misstrauischer auf meinen großen Haufen Gepäck, der erstmals neben Regenjacke, Regenhose und Rucksackhülle auch einen Regenschirm beherbergt.

Mein sonntäglicher Anreisetag beginnt kurz nach 6 per Zug, ab 9 geht mein erster Flug von Zürich nach Düsseldorf. Mittlerweile bin ich flugroutiniert, handgepäckerprobt und routiniert im Rucksack-in-Müllsack-Eintüten. Die Waage zeigt 8 kg, ich bin zufrieden.

Etwas bang wird mir, als beim Einsteigen ein Herr des Bodenpersonals die Dame am Schalter nachträglich belehrt, dass sie doch nicht die Trolleys ins Handgepäck lassen könnte, dazu wäre dieser Flugzeugtyp doch wirklich zu klein. Mein kleines Baumwolltütchen darf zum Glück hinein, und meine Vorahnung einer superengen Nussschale löst sich auch in Wohlgefallen auf. Nach vielen spanischen Airlines fliege ich endlich mal wieder Lufthansa, traumhaft. Auf meinem bequemen Sitz verschlafe ich gleich den Start, meine Snack-Sicherung in Form meines auf den Gang gestreckten Wanderschuhs alarmiert mich aber gerade noch rechtzeitig, um „Orangensaft“ zu sagen. Nicht nur „möchten Sie sonst noch etwas trinken?“, sondern auch noch eine riesige Müslistange folgen. Doppelt traumhaft.

In Düsseldorf liegt der Weiterflugschalter nur ein paar Meter entfernt, sehr entspannt. Weniger entspannt ist das Flughafenpersonal, nachdem es aus der Zwischendecke bergquellähnlich wässert. Beim Einsteigen begrüßt mich die bekannte Crew, da hätte ich ja gleich sitzen bleiben können. Einen weiteren Fußrempler und Orangensaft später kaue ich überglücklich ein unglaublich leckeres Avocadobrötchen – und schwanke minutenlang, ob meine Lust auf ein zweites Brötchen ein unverschämtes Betteln legitimieren würde. Glücklicherweise siegt die Höflichkeit.

Wir landen pünktlich in Bilbao, und während ich noch kurz das WC aufsuche, landet mein Rucksack schon einen Raum weiter bei den nicht abgeholten Gepäckstücken, den mir eine freundliche Mitarbeiterin im ansonsten bereits menschenleeren Flughafen noch aufschließt. Ich bin halb high, wie gut alles klappt.

Der Bus zum Busterminal spuckt mich dort kurz nach 14.00 aus. Die Wartezeit entpuppt sich als etwas ärgerlich, nachdem auf der Anzeigetafel jede zweite Zeile „San Sebastian“ lautet und dort ständig ein Bus hinfährt. Ich ringe wieder mit mir, ob ich nicht einfach Irun sein lassen soll und eine Etappe später in San Sebastian beginnen soll – zumal mir der Berg bei der gleich ersten Etappe etwas Sorgen bereitet, so untrainiert wie ich mal wieder bin. Ich bin hin und hergerissen zwischen allzu vielen Gedanken um Vernunft und Bequemlichkeit und Prinzipien und Intuitionen, vor allem aber ist es zermürbend kalt. Ich trage schon mein „worst case equipment“, beide Fleecepullis und die Regenjacke, und trotzdem ist mir total kalt in dem zugigen Busbahnhof. Mein Rücken wird kalt, und meine Motivation und Zuversicht schwinden kläglich. Wenn ich jetzt schon so friere, wie soll ich da erst einen Frühlingssturm im strömenden Regen an einer Steilküste überstehen.

Gegenüber von mir sitzen drei Pilger, die sich routiniert und ach-so-pilgerisch austauschen. Mir ist absolut nicht nach „ach, hallo, ich bin auch Pilger“. Ich versuche lieber möglichst inkognito dazusitzen – in klobigen Wanderschuhen mit einem deutschen Riesenrucksack auch sicher ein sehr gelungenes Bild.

Ich habe gerade mal die erste Stunde herum, als ich beschließe, mir ein wenig die Füße zu vertreten. Die Bewegung und der warme Rucksack am Rücken tun schon mal gut. Ich trapse etwas ziellos in die Richtung, in der ich in einem Vorjahr schon mal einen Supermarkt gefunden habe (der heute natürlich sonntäglich geschlossen hat). Während ich noch etwas unentschlossen überlege, wie ich die größere Straße überqueren soll, fällt mein Blick auf eine Kachel am Boden – eine Jakobswegkachel. Irgendwie kommen mir fast die Tränen, in dem Moment hat es so etwas beruhigendes, beschwichtigendes. Und während ich mit geschultem Schnitzeljagdblick die Gegend nach gelben Pfeilen absuche, wird mir bewusst, dass ich bereits auf caminolichem Boden stehe. So ein Zufall. Ich laufe spaßeshalber eine halbe Stunde den Pfeilen nach, die ich in einer Woche dann offiziell entlanglaufen werde. Dann wird es mir aber wirklich zu kalt, ich teste sogar schon die Tür einer Bank und stelle frohlockend fest, dass der Raum zum Geldautomaten offen ist. Eine verführerische Aufwärmmöglichkeit, allerdings siegt auch hier wieder mein gutes Benehmen bzw. die Angst, was der Herr am anderen Ende der Überwachungskamera von mir denken könnte.

Zurück am Busbahnhof streife ich minutenlang unentschlossen um den einzig warmen Raum einer Cafeteria. Ich kaufe ein Apfelküchlein (mit der Betonung auf „zum hier essen“), bin aber nach ein paar Minuten schon wieder fertig mit Essen und schuldbewusst, jetzt doch nicht noch ewig hier abhängen zu können. Da hilft es auch nicht sehr viel, dass jeder andere das genauso tut und seelenruhig ein Buch liest. Barerprobt bin ich einfach noch nicht. Spätestens, als zwei ältere Damen suchend nach einem Hocker schauen, springe ich ihnen freundlich zu Hilfe. Schließlich bin ich Pilger.

Die letzte halbe Stunde bekomme ich gut rum und bin sehr erleichtert, endlich im richtigen (und warmen) Bus zu sitzen. Auf dem kleinen Fernseher läuft (zum Glück tonlos) irgendein grausiger Film. Ich gebe mir Mühe, die Augen zuzumachen, aber trotzdem schaue ich immer wieder zielsicher in irgendwelche schmerz- und horrorverzerrten Gesichter. Ich werde halb aggressiv, warum man an einem schönen Spätnachmittag so einen Mist zeigen muss, bzw. zu meinem heimeligen meditativen Wohlgefühl trägt es nicht gerade bei. Die Spanier um mich herum, die den Film gebannt verfolgen, sehen mir gleich auch etwas suspekt und bedrohlich aus.

So bin ich ziemlich zusammengefaltet, als ich kurz vor Sonnenuntergang in Irun ausgeladen werde. In einer riesigen Stadt, durch die der Bus minutenlang fährt. Vor meinem nichtplanenden Camino-Auge hatte ich mir ein 100-Seelen-Dorf vorgestellt, wo ich schon von weitem die Albergue sehe – bzw. wo freundlich winkende Leute mir auf der Straße schon den Weg entgegenwedeln. Ich fühle mich reichlich idiotisch, so ganz ohne Plan in der beginnenden Dunkelheit. Vermutlich weiß in dieser Ecke nicht einmal jemand, dass Irun einen Camino geschweige denn eine Herberge hat. Etwas jämmerlich konsultiere ich meinen kärglichen Führer, der immerhin etwas von „400m vom Bahnhof“ indiziert. Somit muss ich ja nur noch den Bahnhof finden. Fantastischerweise sieht das Gebäude neben mir nicht nur verdächtig nach Bahnhof aus, sondern ist es auch. Bei beginnendem Regen sehe ich sogar einen gelben Pfeil und könnte heulen vor Erleichterung. Trotzdem verlaufe ich mich nochmal schick und konsultiere wieder halb Irun, stehe dann aber wirklich vor einem endlosen Reihenhaus mit einem „Albergue 1. Stock“ an der Tür.

Ich trapse etwas befremdet ein Treppenhaus hoch, so ganz geheuert ist mir eine Herberge so einfach mitten in der Stadt nicht. Die Tür im ersten Stock ist verschlossen. Glücklicherweise probiere ich einfach die Klingel, woraufhin mir ein kleines Männchen mit Mantel und Hut öffnet und mich sehr selbstverständlich hereinwinkt. Ich bin ziemlich durcheinander, aber erleichtert. Der Hospitalero scheint über 80 und von der eher schweigsamen Sorte zu sein. Er zeigt mir ein noch leeres, dunkles Zimmer mit recht einfachen Metallstockbetten, nachdem das eine Zimmer schon belegt ist und ein „auch Schweizer“ in dem anderen logiert. Er sieht auch wirklich recht wild aus, sodass ich ganz froh bin über die Idee des Mannes, mich da nicht dazuzustecken.

Ich fühle mich reichlich verloren in der sehr alten, sehr kühlen Herberge. Die Klospülung funktioniert über einen Seilzug, an dem ich schier verzweifle und wieder schwanke, ob es einfach so viel Kraft braucht oder ob ich im nächsten Moment den ganzen Spülkasten herunterreiße. In der Küche, in der ich mir zur Erwärmung ein Glas lecker chloriertes Wasser in der Mikrowelle warmmache, sitzt ein junger Däne. Er ist irgendwie komisch hibbelig hyperaktiv, schaut immer wieder hektisch in seinen Science Fiction Roman, und ich bin nicht so ganz sicher, ob er einfach schüchtern ist oder seine Ruhe haben will. Die Schwester dazu ist schon mal nicht hibbelig, sondern vom Auftreten ein ziemliches Trumm. Ohne mich anzuschauen, donnert sie ein „Hallo“, um dann auf Dänisch wild mit ihrem Bruder zu diskutieren. Eins haben sie zumindest mit mir gemeinsam, sie sind ähnlich gut vorbereitet. Sie sind schon den Tag in Irun, und es wäre eine Scheißstadt, in der es nur Burger gäbe. Ob das Meer denn nicht schön gewesen wäre? Der Däne guckt mich verstört flackernd an. Irun würde doch nicht am Meer liegen, oder? Und sie machen den Camino del Norte, weil der Camino schön sein soll und der Hauptweg „im Süden“ dann wahrscheinlich schon zu heiß um diese Jahreszeit.

Noch nicht bedeutend wohliger schaue ich mich im Empfangsraum um (unter den wortlosen kritischen Blicken des warm verpackten Hospitaleros). Es hat alle möglichen Karten und Herbergslisten. Ich frage sicherheitshalber, ob meine geplante Herberge in Pasai Donibane morgen wirklich geöffnet hat. Ja, ja, aber wieso ich denn dort hinwolle. Morgen wäre die Etappe doch eher San Sebastián. Das ist mir zu weit, macht mir doch der Berg allein schon Sorgen. Welcher Berg denn? Er zeigt mir ein Höhenprofil ganz ohne Berg. Ich hole eifrig meinen Führer und zeige den stattlichen Buckel in meinem Führer, Jaizkibel 545m. Na ja, ja, das könnte man theoretisch gehen, aber da gibt es eine Forststraße unterhalb entlang, man geht doch nicht über den Grat. Das wäre etwas für Alpinisten. Ich bin etwas irritiert. Ob der Weg denn gefährlich wäre? Nein, gefährlich nicht, aber warum soll man denn hoch und runter gehen, wenn es doch auch schön eben geht. Ich bin verunsichert und beschließe für heute, einfach mal wieder mein Heil im Schlafen zu suchen. Vielleicht braucht es einfach wieder ein kleines Weilchen, bis ich in die Peregrina hineinwachse.

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Bereits seit dem Frühling und seit der Via de la Plata spukt mir bereits wieder die Idee im Kopf herum, trotz Heiligem Jahr und eventuell vermehrtem Trubel doch noch mal auf den Camino Frances zu gehen. Nachdem es plötzlich auch noch mit 2 Wochen Urlaub klappt, gibt es kein Halten mehr. Mein Plan ist (wie eigentlich schon im Frühling), in Burgos zu starten und einfach völlig ohne Stress und Planung so weit zu laufen, wie ich komme und von da den Bus bis Santiago zu nehmen. Der Gabelflug nach Madrid und zurück via Santiago ist schnell gebucht. Wenige Wochen vorher möchte ich noch die Busverbindungen klar machen und ausdrucken, von welchen Orten vor Santiago man wann abfahren kann. Mein fröhlicher Test auf beispielsweise Triacastela an einem Samstag, einen Tag vor meinem Rückflug, ergibt exakt kein einziges Ergebnis. Auch am Sonntag selber nicht. Optionen wie irgendwo um O Cebreiro morgens um 6 einen Tag vorher mit kompliziertem Umsteigen und dem Verlust eines ganzen Tages machen mich völlig konfus und verwirrt. Wie immer landen meine Gedanken in einer Endlosschleife aus Eventualitäten und Unmöglichkeiten, bis ich fast verzweifle. Der rettende Gedanke kommt in Form der Möglichkeit, doch bis Santiago zu laufen, aber einfach 14 Etappen vorher zu starten. Dafür kann ich mich spontan auch begeistern. Zwar nehme ich so eventuellen Trubel in Kauf und durchlaufe doch wieder eine Woche das mir recht wenig sympathische Galizien, aber dafür bekomme ich doch noch eine Compostela und erlebe Santiago, wie es sich gehört – mit der ehrlichen Erschöpfung eines Pilgers, der es zu Fuß geschafft hat. Rundum versöhnt durchforste ich die Busverbindungen beispielsweise nach Sahagún – an meinem Ankunftstag Samstag ein ähnliches Ding der Unmöglichkeit, allein schon wegen der moderat geeigneten Flugverbindung, die mich erst gegen 16 Uhr in Madrid ausspuckt. Im Stundentakt disponiere ich nun um. Doch Start erst in León, dafür aber Abstecher nach Finisterre. Aber selbst León lässt sich nicht in einem Tag erreichen. Letztlich versöhne ich mich damit, Burgos zu erreichen, dort zu übernachten und am nächsten Tag Richtung León zu fahren.

Wie üblich kommt doch wieder im letzten Moment alles anders. Auf meinem Sofa, das schon berüchtigt ist für spontane Planänderungen, fällt mein Blick plötzlich auf die Etappen der Meseta, ich rechne ganz grob durch und konsultiere meinen mittlerweile ständigen Begleiter, die alsa-Website. Alles fügt sich perfekt zu folgendem Endplan: statt Bus vor Santiago oder Bus ab Burgos nehme ich den Bus zwischendrin. An einem manierlichen Wochentag hat es mittags ab Carrion de los Condes eine Busverbindung nach Astorga. Carrion de los Condes sollte ich mit 4 Wandertagen erreichen, und mit Weiterleitung nach Astorga schaffe ich es nach der groben Etappenplanung meines Wanderführers bis Samstag nach Santiago. Ich bin überaus erleichtert, endlich eine Lösung gefunden zu haben und diese Ungewissheit abschließen zu können.

Wie üblich habe ich Chaos, Trubel und Stress bis zur letzten Minute. Als ich Freitag Abend von der Arbeit nach Hause fahre, kann ich mir schwer vorstellen, am nächsten Tag um diese Zeit bereits peregrina zu sein. Vor allem würde ich am liebsten meine üblichen Packlisten über Bord schmeißen. Die Mitnahme von Sonnenhut und Sonnenmilch erscheint mir lächerlich, umgekehrt der Verzicht auf jegliche Winterjacke fast schon unvernünftig und grob fahrlässig. Der Eindruck verstärkt sich noch, als mich an meinem Abreisemorgen die Geräusche von Eiskratzen zum Bahnhof begleiten. Mein morgendliches Rucksackwiegen hat horrende 9,9 kg ergeben (am Bahnhof gleich noch um ein Kilo Wasserflasche aufgestockt), ich weiß gar nicht, wo das alles her kommt. Bzw. vielleicht doch zum Teil. Ich habe mich gegen Frieren in meinem üblichen 800g-Billigschlafsack entschieden und für einen bereits vorhanden, superwarmen, leider auch superschweren 2 kg – Schlafsack. Zum ersten Mal habe ich eine Digitalkamera dabei (die natürlich ein Ladegerät benötigt), und auch von meinem riesigen 65+20 l Rucksack konnte ich mich wieder nicht trennen. Ich habe keine Ahnung von der Jahreszeit, die mich erwartet, ich habe ein halbes Jahr keinerlei Sport mehr gemacht und trage einen Rucksack, von dem ich jedem abraten würde. Mit dem recht untrüglichen Gefühl, wohlwissend in mein Unglück zu laufen, ist mir recht jämmerlich zumute.

Ich erreiche den Flughafen Zürich problemlos und im Zeitplan. Das Aufgeben des Gepäcks lichtet meine Laune, indem der aufzugebende Rucksack nur noch 7,9 kg wiegen soll. In meinem Handgepäck habe ich eigentlich weitgehend nur Fressalien, aber vielleicht habe ich davon ja auch 3 kg eingepackt. Während ich in der Wartehalle schon mal eifrig Gewicht zu dezimieren beginne, könnte ich mich ohrfeigen, dass ich auch mein Tagebuch samt geliebtem, ultraleichten Kuli mit im Handgepäck habe. Mir ist etwas in Erinnerung, dass ein Kuli auch schon potenziell problematisch ist. Beim Durchleuchten meines Handgepäcks stößt der Flughafenmitarbeiter am Kontrollschirm wirklich auch einen sehr erstickten Laut aus und wedelt panisch seine gesamte Kollegenschaft zu sich. Mein Hab und Gut sieht im ersten Moment wirklich recht beeindruckend aus und erinnert mich spontan an die giftigen, grünen Kugelketten aus „The Rock“. Ich versichere, dass es sich dabei um etwa 14 Cherry-Tomaten und 7 Mandarinen handelt. Die Atmung des guten Mitarbeiters normalisiert sich aber erst wieder, als wirklich jemand mit Handschuh meinen Beutel durchwühlt und neben besagten Flüssigkeitsartikeln nur Vollkornbrot, Salamisticks und Schokolade zu Protokoll gibt. Ich bin überaus erleichtert, vor allem über meinen Kuli, während ein altes Ehepaar am Nebenplatz fast in Tränen ausbricht vor einem ausgesonderten Stapel Shampoo, Körperlotion und Diätkonfitüre.

Mein Flieger startet zu spät, aber ich bin durchaus relaxt in dem Wissen, dass nach Burgos fast jede Stunde ein Bus fährt. In Madrid lasse ich es auch gleich langsam angehen, zur Gepäckausgabe zu kommen, kenne ich doch schon die gut einstündigen Wartezeiten. Das Gepäckband befördert noch munter Koffer aus Lima, sagt aber den ersten Koffer aus Zürich schon für in 5 Minuten voraus. Und das erste Gepäckstück ist dann allen Ernstes 5 Minuten später wirklich mein gelb eingetüteter Rucksack. Während ich eine vermutlich peruanische Restspinne von meinem Rucksack schnipse, versuche ich mein Handgepäck irgendwie unterzubringen. Wie üblich habe ich noch zu viele Tupperdosen und sperrige Artikel dabei (und 12 Cherrytomaten und 7 Mandarinen) und bin einfach noch packtechnisch schlecht organisiert.

Schlechte Organisation zeichnet auch meinen Geldbeutel aus, in dem gewichtsparend keine einzige Münze ist. Aber der Ticketautomat nimmt völlig problemlos einen Schein, ich bin ganz hin und weg, wie gut alles klappt. Während ich auf die Metro warte, wühle ich nach meinen Ausdrucken mit den Busabfahrtzeiten. Mit etwas Glück schaffe ich es auf einen völlig unerwarteten 15:30-Bus, ansonsten 16:30. Easy. Bis mein Blick auf das Datum fällt. Ich habe den Ausdruck bereits vor vielen Monaten gemacht, als ich noch dachte, erst Sonntags starten zu können. Statt Samstag halte ich Sonntag in Händen und bin höchst beunruhigt, ob die Busse heute überhaupt ähnlich häufig verkehren. Ich erreiche die Avenida America ganz kurz nach 15:30, aber auf der Anzeigetafel hat es alles mögliche, nur kein Burgos. Mir wird ganz anders. Vielleicht fährt heute überhaupt nichts mehr, oder von der anderen Busstation. Und wie ich die erreiche, hab ich überhaupt keine Ahnung. Und ob das dann noch rechtzeitig geht? Ich kiekse trotzdem für alle Fälle mal zaghaft meinen Ticketwunsch in Richtung Glasfenster – und bekomme völlig selbstverständlich ein Ticket hingeschoben. 16:30, und der Bus nennt sich eben auf der Anzeigetafel „Santander“, kein Wunder, er fährt eben noch weiter. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Wieder steht mir also eine Stunde Wartezeit in dem tageslichtlosen, wenig einladenden Busbahnhof bevor. Spontan kommt mir die Idee, ja mal die Umgebung auskundschaften zu können. Ich bin fast schockiert, dass es nur 10 Meter und einer Rolltreppe bedarf, bis ich in Madrid oberirdisch bei strahlendem Sonnenschein und 21°C auf einer gemütlichen Bank Platz nehmen kann. Ich bin überaus beeindruckt, wie schnell die Welt doch unterschiedlich aussehen kann, und genieße überglücklich einen weiteren Teil meines essbaren Übergepäcks.

Die Fahrt nach Burgos verschlafe ich weitgehend. Die letzte halbe Stunde bin ich wieder wach und kann direkt in beeindrucktes, überglückliches Staunen überleiten beim Anblick der untergehenden Sonne über den Getreidefeldern. So langsam realisiere ich, dass ich wieder auf dem Camino bin, wieder laufe, den ganzen Tag in der Natur bin. Wahnsinn.

In Burgos wird es gerade dunkel, sodass ich mich schnell auf direktem Weg um eine Herberge kümmere. Die Strassen sind übervoll, während ich mich zu der kleinen Herberge über der Kirche durchwühle. Fast schon ängstlich scanne ich die Tür nach einem „completo“-Schild. Mit der Erleichterung ist es dann aber doch vorbei, als sich der Türgriff nicht drücken lässt und ich ein kleines „cerrado“-Schild erspähe. Nun denn, auf zur öffentlichen Riesenherberge. Obwohl es spät am Abend ist, laufen dort zwei einzelne Pilger vor mir hin, und in der Eingangshalle sind gleich 5 am Einchecken. Mir wird etwas mulmig, und als ich liebevoll den Aufzug in den fünften Stock erklärt bekomme, kippe ich schier aus den Latschen. Die Herberge ist bis unters Dach ausgebucht. Mich überkommt eine helle Panik, wie das dann erst in Zukunft werden soll. Fasst doch diese Herberge 170 Pilger.

Statt der erwarteten (und verhassten) Einzelkajüten spuckt mich der Aufzug in einem typischen Pilgerschlafsaal voller klassischer Stockbetten aus, in dem es werkelt und rumort. Ich fühle mich ausgesprochen unwohl und wie ein Fremdkörper, während ich versuche, irgendwo ein freies Bett auszumachen. Ich bin so verunsichert, dass ich nicht einmal die anderen Pilger wahrnehme, bis mich eine sehr strahlende Pilgerin bewusst grüßt. Ich grüße zaghaft zurück und positioniere noch zaghafter meinen Rucksack an einem noch frei zu scheinenden Bett. Ich weiß überhaupt nicht, was ich machen soll und wäre am liebsten unsichtbar. Ich packe meinen Foto und mache mich nochmal auf nach unten. Eine Pilgermuschel fehlt mir noch, aber die Exemplare in den Souvenirläden haben mir zu wenig Herz. Die Kathedrale hat bereits geschlossen, aber es soll nachher noch eine Messe haben. Ich fotografiere derweil ein bisschen um die Kathedrale herum, bzw. versuche mich mit der Kamera vertraut zu machen, von der ich natürlich auch wieder rein überhaupt keine Ahnung habe. Die Bildqualität ist enttäuschend moderat, dafür blinkt nach 10 Versuchen wild eine rote Batterie in der oberen Ecke. Das kann ja heiter werden.

In der Kathedrale im komplett gefüllten Seitenschiff läuft bereits ein Gottesdienst in der Endphase, und nach kurzem Zögern quetsche ich mich noch an einen halben Stehplatz. Auch hier wimmelt es gefühlt von Pilgern, ich entdecke sicher 10 verdächtige Trekkingjacken und Fleecepullis. Beim Gang nach vorne fällt mein Blick auf einen recht spektakulär aussehenden jungen, aber komplett grauhaarigen Mann, der recht frappierend an George Clooney erinnert. Mein routinierter Blick nimmt mit Freude Flipflops über Trekkingsocken zur Kenntnis. Spätestens anschließend stockt dann auch dem Rest der Gottesdienstbesucher der Atem, als der Beau sich durch eine vollbesetzte Reihe seinen Weg zurück zu seinem Platz bahnt – und bei dem wilden Balanceakt T-Shirt und Hose derart verrutschen, dass es definitiv zu viel Rücken für ein Gotteshaus ist.

Zurück in der Herberge frage ich das Team am Empfang, wieviele Pilger es denn hat. Nur 80. Vermutlich sind einfach nicht alle Stockwerke besetzt. Ich werde informiert, dass es jetzt ja schon sehr viele werden, weil der Papst ja am 06. November nach Santiago kommt. Im ersten Moment rechne ich begeistert, dass das ja eigentlich genau mein Terminplan ist. Bei näherem Hinsehen (und nochmal Nachgooglen und Finden von Zimmerangeboten für 500 Euro) wird mir aber ganz anders. Ich verbiete mir, überhaupt weiter darüber nachzudenken, was das noch für ein Pilgeraufkommen und für Komplikationen nach sich ziehen kann.

Ich bin seit meiner Ankunft komplett verunsichert, und das wird auch nicht durch das Sitzen in der großen Halle im Erdgeschoss besser. Ich habe das Gefühl, jeder starrt mich an und sieht, dass ich noch kein Pilger bin. Die Tatsache, dass ich nichts in meinem Rucksack finde und ständig wild am Rumkramen bin, tut sein übriges. Unten fühl ich mich unwohl, genauso aber oben im Schlafsaal. Als ich dorthin zurückkomme, sitzt ein Rudel weiblicher Deutscher in einem Kreis auf dem Boden und diskutiert wild und echauffiert recht banale Themen. Ich könnte im Boden versinken. Ich spreche deutsch und bin weiblich, also sollte ich da jetzt irgendwie dazugehören, freundlich „hallo“ sagen und mich unters Volk mischen. Aber das kriege ich echt nicht hin. Ich habe fast schon Hemmungen, mich bettfertig zu machen. Zum Umziehen springe ich lieber in eine Duschzelle. Für meinen Akku finde ich eine Steckdose. Während ich als erste im Bett liege, dröhnt eine Horde junger Italiener herein, die sprücheklopfend alle um mich herum ihr Bett haben. Ich bin total eingeschüchtert, irgendwie fühle ich mich hier gar nicht zu Hause. Während es auch nach 22.00 noch laut weiblich deutsch plappert (durch meine eigentlich schnarchdichten Ohrstöpsel hindurch) , versuche ich mich zu beruhigen, dass ich mir einfach ein bisschen Zeit geben muss. Es klappt sogar erstaunlich gut. Dafür bin ich um 23.00 schon wieder wach, umgetrieben von dem Gedanken, nochmal lärmmachend auf die Toilette zu können bzw. von der Sorge um mein Akku. Ich habe panische Angst, es morgen zu vergessen. Nach einer halben Stunde Wachliegen kommt die Angst dazu, dass es von den noch einzeln herumtappenden Pilgern geklaut werden könnte. Und wiederum eine halbe Stunde später sorge ich mich, ob es irgendwie überlädt, wenn ich es erst morgen abnehme. Glücklicherweise entschließe ich mich irgendwann sowohl zu WC als auch zu Einsammeln des Akkus und kann endlich beruhigt schlafen.

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Mit etwas mulmigem Gefühl mache ich mich morgens mit dem Zug Richtung Flughafen Zürich auf. Im Januar habe ich meinen Flug gebucht für 2 Wochen Camino, angelegt auf Start in Burgos und Laufen ohne Planungsnot, so weit ich komme. Kaum habe ich den Credencial in Händen, fällt mein Blick auf die Landkarten auf der Rückseite, auf die Via de la Plata, auf die klangvollen Namen wie Sevilla und Salamanca. Etwas in meinem Inneren meldet sich. Ich beschließe, auf mein Herz (?) zu hören.

Nun sitze ich mit einem couragiert selbst geänderten Credencial mit Startpunkt Sevilla im Zug, der Beginn einer langen Anreise. Statt des Camino Frances, auf dem ich mich wie ein alter Hase fühle, die komplette Ungewissheit im Süden. Wie sind die Herbergen, die Etappenlängen, das Pilgeraufkommen, die Versorgungsmöglichkeiten… treffe ich keinerlei andere Pilger oder ist auch die Via de la Plata im Heiligen Jahr überlaufen? Wie sind die Temperaturen? Welche Strecken schaffe ich, seit einem Jahr untrainiert? Mein Rother Führer ist von 2006, dabei soll sich so viel geändert haben. Ich habe versucht, mich im Vorfeld durch irgendwelche Nachträge durchzuarbeiten und andere Führer zu konsultieren, aber diese Planung stresst mich. So habe ich auch glücklich mehrere Monate in der Illusion gelebt, um 12 in Madrid zu landen und gemütlich in 6 Stunden mit dem Bus nach Sevilla zu gondeln. Eine Woche vorher stelle ich fest, dass ich um 12 gerade mal starte, also viel zu spät für den Bus bin und mir nur der Schnellzug bleibt. Welchen von den vielen stündlich startenden ich erreichen kann, keine Ahnung. Wie lange braucht das Gepäck, wie lange die Metro mit zweimal umsteigen, wie schnell finde ich mich zurecht. Ich habe kurzerhand noch nichts gebucht. Eine Unterkunft habe ich immerhin schon reserviert, keine Ahnung wo, der Google maps – Ausdruck ist irgendwo im Rucksack. Beim Nachträge Wälzen bin ich auf einen Hinweis gestoßen, dass von diesem Hostal dringend abzuraten sei. Da habe ich dann endgültig die Nachträge säuberlich zum Altpapier gelegt und den gelben Führer vor der Abreise zurück in den Bibliothekskasten gelegt. Zu viel Planung, zu viele Meinungen und Tipps machen mich ganz wirr. Und das bin ich im Moment eh schon zur Genüge.

Ich bin froh, dass am Flughafen alles klappt. Mein riesiger Rucksack wandert in seinem Müllbeutel in ein vertrauenserweckendes Transportkistchen, mit Genugtuung registriere ich ein Gewicht im einstelligen Bereich, dabei habe ich 2 Liter Wasser und reichlich Proviant gebunkert. Mit geleerter Wasserflasche passiere ich den Sicherheitscheck, um sie mir hinterher am Wasserhahn wieder aufzufüllen, während jeder normale Flugreisende sich sein Wasser manierlich aus dem Automaten lässt oder einfach nett in einer Bar sitzt. Ich fange hier schon mal gleich mit meinen eher spartanischen Pilgergrundsätzen an, die auf Selbstverköstigung beruhen und Bars und Restaurants nur im Notfall zulassen.

Fliegen ist nichts für mich Frischluftpilger, gegen Ende wird mir richtig schlecht von der stickigen Luft und dem Gewackele bei der Landung. Wir stehen sicher noch eine Viertelstunde, bis die Türen endlich aufgehen, und ich sehe mich im Geist schon ausrasten und auf einen Notausgang zustürmen.

Der lange Weg zur Gepäckausgabe tut gut. Nach einem Refill meiner Wasserflasche setze ich mich gemütlich auf den Boden vor dem Gepäckband. Da tut sich natürlich noch nichts, aber ich habe ja zum Glück auch keinen Zug gebucht. Nach einer Dreiviertelstunde habe ich meinen Rucksack wohlbehalten auf dem Rücken und bin nochmal doppelt froh, ganz ohne Zeitdruck unterwegs zu sein. Einen Ausdruck des Fahrplans habe ich zwar auch im Rucksack, verbiete mir aber einen Blick darauf. Schneller geht es dadurch ja auch nicht.

Die Metro klappt reibungslos, und mein erster Blick auf die Uhr besagt 15.40, als ich in Atocha Renfe aussteige. Um 16.oo und 16.10 gibt es einen Zug, hervorragend. Mit großen Augen tappe ich durch den betriebsamen Bahnhof, wo mag es wohl ein Ticket für mich geben. Mein Blick fällt wundersamerweise auf eine Schalterhalle, wo ich auch fast sofort drankomme. Der Herr am Schalter scheint nicht angetan von meinem (billigeren) 16.10- Zug zu sein. Er redet viel und schnell, ich kapiere nur „completo“, der wäre ausgebucht. Erste Klasse hätte er da noch. Er guckt mich unfreundlich an und will schon den nächsten Kunden aufrufen. Ich frage beharrlich, was mit dem 16.00- Zug ist. Ja, da wäre noch was frei, muss er zugeben. Na also, denke ich kampflustig. Auf meine Frage, wo ich mit dem schönen Ticket jetzt hinmuss, wedelt er vage zum ersten Stock.

Einen kleinen Moment überkommt mich Panik, ich habe nur noch 10 Minuten und habe keine Ahnung, wo hier die Gleise sind. Aber im ersten Stock sehe ich direkt wie bei einem Flughafen die Abfahrthalle – sowie einen Gepäckcheck. Bei näherem Hinsehen mit Durchleutungsmaschinen und den selben Schildern wie vom Flughafen, was man alles nicht dabei haben darf. Ich bin völlig panisch und wirr, damit habe ich nicht gerechnet. Hier muss doch alles mit, und mit meinem Rucksackinhalt könnte ich gerade ein neues Schild entwerfen, wenn ich nur an mein Taschenmesser, Pfefferspray, Nagelschere und Co denke. Ich lege meinen Rucksack verzweifelt auf das Band und stehe in schlimmster Erwartung sämtlicher alarmierter Sicherheitsleute auf der anderen Seite. Die plaudern angeregt. Mein Rucksack ist schon wieder da und die plaudern immer noch. Häh? Kurzerhand schnappe ich ihn mir und laufe zu meinem Gleis. Später erklärt mir ein Pilger, dass sie dort nur Bomben suchen und ihnen alles andere egal ist.

Mein Kärtchen wird wie am Flughafen gescannt, bevor ich durch eine Tür auf die Gleise darf. Schon alles sehr seltsam. 2 Minuten vor 16.00 plumpse ich auf mein reserviertes Plätzchen, nehme einen obligatorischen Schluck aus meiner Wasserflasche und schlafe erstmal ein.

Beim ersten und einzigen Zwischenhalt in Cordoba bin ich wieder wach, mit einem satten Brummschädel. Ich nehme eine Tablette und stelle mit Blick auf mein Ticket fest, dass es ein „ida y vuelta“-Ticket ist, also hin- und zurück. Stolze 82 Euro vielleicht umsonst. Ich wollte nur eine einfache Fahrt. Vielleicht geht es nicht anders, oder der nette Mann am Schalter hat unseren kleinen Kampf der Unsympathien doch gewonnen. Egal.

In Sevilla stehe ich gegen 18.30 wieder mit großen Augen (und immer noch dickem Kopf) in der Bahnhofshalle, ich habe keine Ahnung, wohin. Ich teste mal zwei Ausgänge, ob ich da zufälligerweise irgendwo eine Kathedrale sehe oder ein Schild mit „centro ciudad“. Der Gefallen wird mir aber nicht getan. Mal wieder scheinen sich alle um mich herum auszukennen, und mal wieder hätte ein Hauch von mehr Planung vielleicht doch nicht geschadet. Ich laufe mal los in eine Richtung, die ich intuitiv als Hauptstraße ansehen würde. Zum Glück frage ich ein freundliches Paar nochmal nach dem Weg. Sie zeigen genau in die andere Richtung.

Ich mache mich immer geradeaus leicht rechts haltend in diese Richtung auf den Weg. Meine Herberge liegt irgendwo zwischen Kathedrale und Bahnhof. Mein schlauer Ausdruck ist leider so klein, dass nur jede 10. Straße mit Namen abgedruckt ist. Das erschwert die Ortung dann doch etwas. Nach menschenleeren Straßen wird es irgendwann wirklich zentraler und lebhafter. Als ich gerade wieder geradeaus leicht rechts haltend weiterlaufen will, fällt mein Blick in eine sehr belebte kleine Seitengasse – und auf den blauen Sonnenschirm, den ich aus dem Internet und Streetview kenne. Meine Herberge. Eigentlich schon wieder ein recht beängstigender Zufall. Da laufe ich eine halbe Stunde immer geradeaus leicht rechts haltend durch eine große Stadt und finde schlafwandlerisch mein Hostal.

Der Herr am Empfang scheint meine Reservierung nicht bekommen zu haben, oder ich verstehe ihn nicht. Egal, für 25 Euro bekomme ich ein Zimmer. Das schockt mich im ersten Moment etwas; im Erdgeschoss ohne Fenster erinnert es ein klein wenig an eine Höhle oder eine kärgliche Klosterzelle. Aber es hat zwei Betten und sogar ein Waschbecken und ist sauber, also eigentlich perfekt. Ich fülle schnell mein Wasser nach und mache mich gleich noch mit dem Foto bewaffnet auf in die Stadt.

Ich durchquere einen großen Park und sehe ein interessantes Türmchen vor mir, in dessen Richtung ich mal steuere. Es handelt sich um die recht beeindruckende Plaza de España. Leider hat der Fluss kein Wasser, ansonsten wäre es ein fotografischer Traum.

Wie in einem Traum fühle ich mich ohnehin. Ich laufe hier völlig plan- und ziellos wie ein Entdecker durch eine wunderschöne Stadt, die an jeder Straßenecke etwas neues, faszinierendes zu bieten hat. Die Temperatur wird in der Abendsonne mit 32 °C angezeigt, und es wimmelt von entspannten Menschen, die hier bummeln und sich an blühenden Bäumen und Orangenbäumen freuen, während überall Pferdekutschen mit leuchtend gelben Rädern stehen und fahren.

Als nächstes gehe ich Richtung Kathedrale und setze mich zugleich ergriffen und entspannt auf die Treppenstufen gegenüber. Der Bau ist viel zu groß, um ihn komplett zu erfassen, aber allein die vielen Türmchen in der Abendsonne… traumhaft. Bei der Umrundung erwische ich eine offene Türe und eine Messe. Nach einem Jahr endlich wieder ein „Vater Unser“ auf Spanisch. Faszinierender noch als die eigentliche Messe finde ich mal wieder das Publikum. Eine lateinamerikanisch anmutende Gruppe von jungen Leuten bevölkert samt Koffern mit Fluganhängern und Kinderwagen die Hälfte der Bänke. Vermutlich geht es hinterher direkt in gediegene Clubs, aber vorher wird sehr inbrünstig gebetet. Einfach nur schön.

Nach der Messe setze ich mich draußen schon wieder auf die Stufen und lausche einem Geiger, der von „Time to say goodbye“ über „Schwanensee“ alles sehr virtuos schmettert. Ich kaufe mir ein Eis und setze mich noch einmal abschließend vor die Kathedrale. Die Stimmung hier begeistert mich absolut. Einerseits ist die ganze Stadt auf den Beinen, aber ohne auch nur einen Hauch von Hektik. Ich würde am liebsten den ganzen Abend hier auf irgendwelchen Mäuerchen und Stufen sitzen – und einfach nur sitzen.

Gegen halb 10 mache ich mich dann schweren Herzens doch wieder Richtung meiner Bleibe durch das Barrio de Santa Cruz auf. Die kleinen Gassen sind voller Restaurants; an den Tischen draußen sitzen Familien mit kleinen Kindern. Hier findet das Leben wirklich erst zu späterer Stunde statt. Meine Intuition erlebt einen herben Rückschlag, als ich mich eine Viertelstunde später genau vor der Kathedrale wiederfinde. Sicherheitshalber gehe ich dann doch wieder den Weg an der großen Straße und durch den Park zurück.

In meinem Hostal ist es recht laut und englisch. Keine Ahnung, ob das andere Pilger sind oder Sprachstudenten. Ich schnappe mir meine Ohrstöpsel und gehe schlafen.

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Man sollte denken, ein Camino pro Jahr ist mehr als genug. Aber nachdem ich plötzlich wieder 2 Wochen Urlaub im September nehmen soll, beginnt mein Caminoherz ganz unerwartet wieder zu schlagen. Zuerst denke ich wie selbstverständlich, die beiden Wochen ab León zu laufen, aber als ich zufällig eine Karte Spaniens in die Hände bekomme und die Pyrenäen und die Strecke vor Pamplona sehe, bin ich von dieser Idee gefangen.

Die Planung bereitet mir wie immer Kopfzerbrechen. Die gefühlten hundert verschiedenen Anreisemöglichkeiten, dazu noch diesmal der wirklich etwas schwieriger zu erreichende Ausgangspunkt Saint-Jean-Pied-de-Port. Eine Bahnanreise scheint sinnvoller denn je, aber wie ich auch suche, es läuft auf 5 Stunden Bahnhofwechsel mitten in der Nacht in Paris raus. Und auch wenn mich auf dem Camino keine Herausforderung schreckt, so scheinen mir solche Kleinigkeiten unüberwindbar.

So entscheide ich mich für einen zumindest sehr preisgünstigen Direktflug von Genf nach Madrid. Der Flughafen ist mir irgendwie sympathisch und bekannt, habe ich dort doch erst vor kurzem mit Aurélie Jelle vom Flieger abgeholt. Der Flughafen hat somit schon etwas Pilgeratmosphäre.

In den frühen Morgenstunden breche ich dazu schon von zu Hause auf. Zwar finde ich mich dort wirklich gut zurecht, aber es ist ein endloses Schlangestehen und Gewimmel und über Rollbänder laufen, ich komme mir vor, als ob ich hier schon meine 25 km laufe. Der Flieger selbst ist ungewöhnlich eng, es gibt nichts zu essen, und auch landet er auf dem entlegendsten Rollfeld in Madrid. Spätestens das komplettiert die 25 km, zumindest gefühlt. Als ich endlich an der Gepäckausgabe bin, steht dort sonnig, dass der erste Koffer in einer Stunde erwartet wird. Mir ist noch schlecht vom Flug, eine Migräne kündigt sich an, ich schwitze halb unter meiner ganzen Kleidung, und irgendwie brummt mir der Kopf. Ich hatte intuitiv auf die vage Möglichkeit gehofft, einen frühen Bus nach Pamplona zu bekommen, gegen 20.00 einzutreffen und noch die Herberge zu erwischen. So ist die Ankunft jetzt 22.30, keine Herberge mehr offen, und ich muss auch noch mitten in der Nacht etwas zum schlafen finden.

Als mein Rucksack endlich ausgespuckt wird, fühle ich mich ein bisschen wie geprügelt. Mein Kopf ist trotz Tabletten moderat, meine Hitzeregulation ebenso. Mit der U-Bahn geht es zum Busbahnhof in der Avenida America. Plötzlich scheint doch nochmal ein früherer Bus erreichbar, ich renne ohne Zeitverlust durch die Katakomben, und bin letzten Endes 5 Minuten zu spät. Es heißt 3 Stunden warten, und das in einem unterirdischen Bau mit merkwürdigen Billigstläden und sehr merkwürdigen Wartenden. Seit meiner Landung habe ich kein Tageslicht mehr gesehen. Die Luft ist sehr stickig, und die einzige „Frischluft“ ist bei den abfahrenden Bussen. Aber auch das ist unterirdisch, und von den Abgasen hämmert mein Kopf gleich doppelt. Ich habe eine gelungene Mischung aus Kopfschmerzen, Angst und Resignation.

Als ich endlich im Bus sitze und er durch unergründliche Katakomben hinausfährt, bin ich überrascht, als draußen strahlende Sonne scheint und dort ein völlig normaler Nachmittag ist. Irgendwie hatte ich schon fast vergessen, dass es eine Welt jenseits von Neonlichtern, grün gekachelten Unterführungen und Beklommenheit gibt.

Ich schlafe die meiste Zeit, und in Pamplona holt mich prompt wieder die Beklommenheit ein. Meine vertrauenserweckenden Mitreisenden laufen alle zielstrebig in irgendwelche Richtungen davon, ich bleibe allein und fühle mich unangenehm beobachtet von den Obdachlosen, die als einzige um diese Zeit noch dort sind. Ich krame in meine Unterlagen, aber praktischerweise habe ich nichts so richtig geplant. Meine Planung hat sich wohl darauf beschränkt, auf den frühen Bus zu hoffen, und bei 3 Hotels zur Sicherheit abzuklären, dass sie auch zu der späten Zeit noch geöffnet haben. Aber wenn ich mir meinen Stadtplan jetzt so anschaue, liegen die locker eine halbe Stunde entfernt, was mich jetzt momentan nicht direkt mit Begeisterung erfüllt.

Ich verlasse den bedrückenden Busbahnhof und laufe wahllos in eine Richtung, in der ich dann auch wirklich auf eine sehr belebte Straße und erleichternde Normalität treffe. Eine Mutter mit Kinderwagen, die ich nach einem Hotel in der Nähe frage, lacht sympathisch und meint, da, direkt in der nächsten Straße, die wäre voller kleiner Pensionen, falls das auch ginge. Ich bin erleichtert, natürlich, wenn hier hordenweise Pilger durchkommen, muss es ja auch von diesen Pensionen geben, mit denen sich manche den ganzen Camino über Wasser halten.

Die Straße ist einladend, erst recht die kleinen Bars, von denen jede zweite ein Schild hat, das auf Zimmer hinweist. Ich frage frohgemut wahllos in einer, aber man schüttelt den Kopf, completo. Ich frage die nächsten fünf, alle completo. So ganz kann das für meinen Geschmack nicht sein. Vielleicht bin ich hier doch nicht in einer wirklichen Pilgerstraße, und man möchte einfach keinen verwanzten Pilger. Es geht schon gegen Mitternacht, und in der Straße keinerlei Chance.

Ich laufe ziellos weiter, sehe die riesige Leuchtschrift eines Nobelhotels. Den gepflegten älteren Herren in der Lobby fällt fast die gepflegte Zigarre aus dem Mund, und der Herr an der Rezeption springt bei meinem Anblick höchst alarmiert auf, nachdem er wahrscheinlich noch schnell einen Notknopf unter dem Tresen gedrückt hat. Er trägt es mit Fassung, als ich frage, ob noch etwas frei ist. Er meint mit ehrlichem Bedauern, leider nur etwas Suitenähnliches für 150 Euro. Ich bin nicht mal abgeneigt, hauptsache, ich muss nicht am Busbahnhof im Freien übernachten. Er holt einen Stadtplan hervor und erklärt mir sehr lieb, wo es noch andere Hotels in der Nähe hätte, die sehr sicher noch Plätze hätten. Ganz billig wären sie auch nicht, meint er entschuldigend, aber das ist mir sowohl klar als auch egal.

Mit einer idiotensicheren Wegbeschreibung verlasse ich die edle Absteige wieder, begleitet von warmen Worten des Rezeptionisten. Der erste Engel auf meinem Camino. Bis zu dem geplanten Hotel stehle ich mich von Hauseingang zu Hauseingang, um von den gröhlenden Grüppchen oder einzelnden torkelnden Gestalten nicht gesehen zu werden. Grossstädte machen mir einfach Angst, ich bin Pilgerin, um 20.00 gern in meiner schützenden Herberge, umgeben von Pilgern.

Das schlappe 4-Sterne-Hotel meiner Wahl ist noch gut bestückt mit einer älteren und einer jüngeren Rezeptionistin. Auf meine Frage nach einem Zimmer schüttelt die Ältere bestimmt den Kopf, sie hätten nur noch Doppelzimmer. Ich verstehe die Message, werde hier aber keinen Schritt mehr rausmachen. Was denn so ein Doppelzimmer kostet. Sehr widerwillig phantasiert sie 72 Euro zusammen. Das ist ja prächtig, die Dame kapituliert, räumt augenrollend das Feld und lässt mich bei der Jüngeren einchecken.

Ich bekomme das schickste Hotelzimmer meines Lebens, bin aber so fertig, dass ich mich direkt ins Bett fallen lassen, nachdem ich mein Handy für morgen auf unerfreuliche 5:30 Uhr gestellt habe.

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Zum ersten Mal habe ich eine zweitägige Anreise vor mir. Morgens um 10 Uhr starte ich; nach 4 Stunden Zugfahrt und einmal Umsteigen bin ich am Flughafen in Genf. Dort warte ich eine halbe Stunde auf Öffnen des Schalters, in schweren Wanderschuhen und mit Fleecepulli und Regenjacke behängt inmitten zivilisierterer Spanienreisender. Mein Rucksack wandert wie immer routiniert in einen gelben Sack, und ich erfreue mich an einer Gewichtsanzeige unter 9 Kilo, dabei habe ich noch einen Liter Wasser und enorm viel Fressalien an Bord. Der Herr am Schalter bedeutet mir auf Französisch, meinen Rucksack nochmal hochzuheben. Ich ahne schon irgendwelche Komplikationen, dabei öffnet er nur mit gezieltem Tastendruck ein Kläppchen am Gepäcktransportband, aus dem eine große Kiste rollt, in die ich meinen Rucksack verstauen darf. Einen Gangplatz habe ich auch bekommen und bin also restlos glücklich.

Das Warten in Flughäfen vor Anzeigetafeln und an der Gepäckausgabe gehört ebenso wenig zu meinen Lieblingsbeschäftigungen wie der Flug an sich. Diesmal habe ich allerdings die erfreuliche Situation, auf keinen eventuellen Bus mehr hetzen zu müssen, sondern nur, innerhalb einiger Stunden in mein bereits gebuchtes Hotel zu gelangen. Insofern stresst es mich auch gar nicht, dass mein Rucksack wieder erst ewig spät auftaucht.

Die Metro kenne ich zum Glück auch schon wie meine Westentasche; das richtige Ticket lösen und Umsteigen löst kein Herzklopfen mehr aus. Allerdings fühle ich mich langsam mehr als erschöpft. Eine Pilgerin in der Großstadt passt einfach nicht.

Am Busbahnhof kaufe ich schon mal mein Ticket für morgen früh, um auch wirklich nichts dem Zufall zu überlassen. Ich möchte einen schnellen Bus, der mich nach 4 Stunden bereits nach León bringt, sodass ich am gleichen Tag noch eine Etappe loslaufen kann. Die Dame am Schalter kräht mit hochgezogenen Augenbrauen „superior!“, und als ich mit den Schulter zucke, schüttelt sie den Kopf und wiederholt „primera clase!“, als ob ich taub wäre. Ich weiß schon, dass ich mir da einen 5 Euro teureren Bus ausgesucht habe, aber so langsam bekomme ich Zweifel, ob man irgendwelche Bedingungen erfüllen muss, um in dieser ersten Klasse reisen zu dürfen, so wie sich die Dame aufführt.

Letztlich bekomme ich dann doch noch mein Spezialticket und mache mich auf die Suche nach meinem Hotel, 2 Metro-Stationen entfernt. Ich frage wieder ungerührt alles, was mir über den Weg läuft, und komischerweise sind selbst die schrägsten Gestalten liebenswürdig und hilfsbereit. Allerdings gucken sie recht zweifelnd und wedeln „weit, weit da hinten“.

Ich trabe eine halbe Stunde im Sturmschritt eine weitgehend verlassene Hauptstraße entlang. Dass es sich nicht um die beste Wohngegend handeln könnte, ist mir schon im Vorfeld in den Sinn gekommen. Dass aber außer mir um 18.00 keine Menschenseele unterwegs ist, macht mir ein wenig Angst. Passend dazu höre ich dröhnendes Gebrüll, und an der nächsten Straßenkreuzung entdecke ich den dazugehörigen Schwarzen, der mich über 4 Straßen hinweg andonnert, wohin ich will. Ich laufe nur noch viel schneller und bin heilfroh, dass er auf seiner Seite bleibt.

Auf Höhe des Bahnhofes wird mit einem Schlag wieder alles lebendiger und normaler. Die Straßen sind voller normaler Menschen, der Bahnhof an sich sieht wunderschön und edel aus, und die präsente Polizei nehme ich gleich mal für eine Wegbeschreibung in Beschlag. Mein Hotel ist direkt in Sichtweite, und jegliches Straßenunwohlsein gibt sich mit einem Schlag, als ich in die gepflegte Lobby eintrete.

Die zwei Herrschaften an der Rezeption wahren Contenance bei meinem vom Winde verwehten Anblick und wissen sogar schon, wer ich wohl bin. Auf Englisch werde ich nach Zimmerpräferenzen gefragt, und der schönste Moment des Tages ist es, den Schlüssel im Schloss hinter mir umzudrehen.

Ich ersticke schier, es ist ewig warm in meinem Zimmerchen, und ich kämpfe sicher 15 Minuten erfolglos und erschöpft mit dem Fenster, bevor ich endlich den Mechanismus durchschaue und es aufbekomme. Ich dusche noch schnell, wonach ich mich schon deutlich besser fühle. Das Bett ist wunderschön, strahlend weiße kühle Laken, dazu die kühle Abendluft. Ich bin zwar total fertig, in total ungewohntem Umfeld, aber soweit hat alles geklappt, ich bin dankbar und freue mich auf morgen. Endlich wieder Camino!

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Die Idee zu meinem dritten Camino kommt ganz spontan wie eine Eingebung. In meinem normalen Leben fühle ich mich in allen Belangen ein klein wenig entwurzelt.
Statt wie sonst mit monatelanger Vorfreude, Überlegen, Planen, am Gepäck Feilen vergehen diesmal nur 2 Wochen zwischen der Idee, dem Buchen des Flugs und meiner Ankunft in Spanien. Ich habe 3 Wochen vor mir, es sollte so grob reichen, um bis nach Santiago zu kommen. In meinem Rucksack fehlt bestimmt die Hälfte, aber ich war diesmal einfach zu müde, mich mit dem üblichen akribischen Eifer mit diversen vergleichenden Checklisten, einer Küchenwaage und Unmengen von eventuell mitzunehmendem Krempel hinzusetzen.

Ich lande in Bilbao, wo ich mich fast schon ein wenig zu Hause fühle. Immerhin weiß ich, wie der Flughafen aussieht, wo der Bus zum Busbahnhof abfährt und wie man sich dann dort zurechtfindet. Optimistisch möchte ich mein Busticket kaufen, aber der Herr am Schalter redet mir viel zu schnell, undeutlich und vor allem ungeduldig. Etwas anderes als Spanisch will er nicht sprechen, und ich komme leider auch nicht weiter. Zum Glück nähert sich eine Spanierin aus der Warteschlange, die mir dann hilfsbereit das schnelle Spanisch des Herren in langsames Spanisch für Anfänger übersetzt, und so komme ich doch noch zu meinem Ticket. Eigentlich fahren die Busse nach Burgos alle 2 Stunden, aber ich habe ein dummes Mittagsloch erwischt und habe 3 Stunden Wartezeit vor mir, auf einem Busbahnhof, der mir Angst macht und mit einem Spanisch, das offensichtlich doch nicht so gut ist, wie ich dachte.

Ich mache mich auf zu meinem generell stimmungshebenden Lebensmitteleinkauf, aber ich finde erst gar keinen Laden, frage mich von einer Richtung in die andere durch und ende dann mit einem Einkauf von Lidl, in deutscher Sprache beschriftet und moderat spanische Pilgerlebensart ausstrahlend. Ich setze mich auf eine Art Parkbank mitten an der Straße, wo mit mir eher dubiose Gestalten sitzen. Als vermeintlich sichersten Nachbarn habe ich mir einen alten Mann ausgesucht, der es zwar nicht auf meinen Rucksack abgesehen zu haben scheint, dafür aber hustet wie frisch dem Lungensanatorium entsprungen.

Alles in allem fühle ich mich verlassener und hoffnungsloser als noch in Deutschland, zumal mein Kopf hämmert wir verrückt. Eine Woche vorher habe ich mir den Kopf angestoßen, seitdem drückt es ein bisschen, aber dieser momentane Schmerz lässt mich in meiner motivierten Stimmung an eine Hirnblutung denken, und ich sehe mich schon fernab des vertrauten Jakobswegs in einem Krankenhaus von Bilbao oder noch schlimmer hier auf dieser Parkbank enden.

Glücklicherweise siegt die Automatie, ich greife mechanisch nach einer simplen Kopfschmerztablette in meinem Gepäck und bin nach einer Viertelstunde schon wieder deutlich eher auf der Seite der Lebenden und noch höchstens migränegeplagt.

Ich trödle wieder zurück zum Busbahnhof, wo ich mich trotz der dubiosen Gestalten für ein Schläfchen entscheide – quer über meinen Rucksack gelegt und in allen Schlingen, Gurten und Trägern verhakt.

Als ich wundergeheilt ohne Kopfschmerzen wieder aufwache, sitzt neben mir auf der Bank eine interessante Erscheinung. Wie aus einer Bibliothek eingeblendet, kerzengerade, mit Lesebrille und hochgezogenen Augenbrauen, schmökert dieser Lockenkopf mittleren Alters nicht etwa in gehobener Literatur- sondern in dem roten Reiseführer, den auch ich (wieder nur in gewichtssparende Stücke zerteilt) im Gepäck habe. Auch sie will nach Burgos zum Pilgern, und ich fühle mich wieder wie auf dem Camino.

Nach einer Weile schiebt sich ein junges Kerlchen ins Blickfeld, sehr deutlich auch als Pilger zu erkennen. Er ist erst 17, aus Österreich und eine ganz wunderbare Mischung aus Lebensfreude, Spontaneität – und Verplantheit. Spanisch kann er absolut überhaupt nicht, sodass ich ihm erstmal seinen Busplan erkläre. Er hat sich nämlich den „domingo“ herausgesucht, dabei ist es mitten unter der Woche. Wenn ich schon spontan gebucht habe, dann er noch spontaner. Er hat nämlich auch keine Ahnung, was auf ihn zukommt. Hinsetzen will er sich nicht, er hibbelt lieber vor uns auf und ab vor lauter Vorfreude auf „sind da alle so in meinem Alter?“ (was ihm einen vernichtenden Blick von unter der Lesebrille einbringt) und „ich lauf dann wohl mal so 40 km am Tag?“. Plötzlich kommt ihm eine Eingebung und er durchforstet seinen Rucksack nach einem Cowboyhut. Damit sieht er aus wie Indiana Jones, aber er ist deutlich erleichtert und ruhiger, schließlich denkt er, dass er „damit dann aussieht wie ein richtiger Pilger“. Er fährt nach Pamplona („das hat er sich als Start jetzt irgendwie mal so gedacht, oder ist das nicht gut?“), und als ich ihm einfach nur mitgeben will, dass er sich nicht so einen Kopf machen braucht, sondern einfach mal abwarten und drauf loslaufen soll, wird er ganz nachdenklich, was seine Kondition angeht. Schließlich (und da zieht es mir schier die Schuhe aus) hat er einen Herzfehler und in den letzten Jahren schon zwei Herzinfarkte oder Schlaganfälle gehabt. Und vielleicht ist da zu viel Belastung ja gar nicht gut. Aber schon rückt er sich seinen Hut wieder zurecht und damit die Welt wieder in Ordnung, grinst unsicher hibbelig erwartungsfroh und beschließt, es einfach mal auszuprobieren. Dann geht auch schon sein Bus (den er vor lauter Eifer schier verpasst hätte), und ich bin ganz durcheinander von dieser Begegnung. Beeindruckt von seiner positiven Lebenseinstellung, angesteckt von seiner Freude und Energie, wehmütig, dass sich unsere Wege schon wieder so schnell getrennt haben – und auch ich bin ordentlich zurechtgerückt, was meine selbstmitleidige Grundeinstellung angeht.

Gegen 16.00 kommt dann endlich auch der Bus für mich und die eher kritische Lesebrillenpilgerin. Sie hat eine eher konträre Art zu Indiana Jones. Vielleicht nicht weniger nett, aber ich habe so meine Probleme mit der nordisch-ruppigeren Art, durchweg sarkastischen Kommentaren und Lachanfällen, bei denen ich nicht so recht weiß, ob sie mit oder über mich lacht. Sie missbilligt meine geplanten Etappenlängen und meine für heute geplante Herberge, sodass ich nicht unglücklich bin, dass es sie wo anders hinzieht und wir nicht den Abend zusammen verbringen werden.

Die Einfahrt nach Burgos fühlt sich wunderschön an; die Abendsonne strahlt, der Himmel ist wolkenlos blau, und ich sehe die Türme der majestätisch weißen Kathedrale. Für’s erste verabschieden wir uns, und jeder geht erwartungsfroh seinen Herbergsplänen entgegen.

Um keinen unnötigen Stress zu bekommen, habe ich mich entschieden, zu so später Stunde gleich die Großherberge etwas außerhalb in einem Park anzusteuern, anstatt die sicher bereits seit Mittag ausgebuchten Kleinherbergen in strategisch besserer Lage abzuklappern. Nachdem ich aber keine Ahnung habe, wo diese genau liegt, führt mein Weg die wenigen Meter in die bekannte Herberge, bei der vor 2 Jahren mein erster Camino geendet hat. Irgendwie möchte ich diesen Kreis schließen, dort anknüpfen, wo ich aufgehört habe.

Die Herberge liegt im dritten Stock über einer kleinen Kirche, und voller Erwartung laufe ich die bekannte Wendeltreppe hoch. Aber statt einem Saal voller geschäftiger Pilger und voller Rucksäcke und Stiefel ist der Raum ausgestorben und wohl im Umbau befindlich. Irritiert laufe ich die Treppe wieder hinunter, ob ich eventuell ein Hinweisschild übersehen habe. Aber dort steht ernsthaft, die Herberge sei geöffnet. Ich zweifle ein wenig an meinem Verstand, als ich nochmal die Treppen hochlaufe und in den dunklen Raum spähe – und Tatsache, was ich für Malerwerkzeuge und zusammengerollte Teppiche gehalten habe, sind in Wirklichkeit einige schlafende Pilger. Ich bin reichlich durcheinander, warum alles so leer ist, aber andererseits auch erleichtert. Offensichtlich muss ich hier nicht jemanden suchen, um nach dem Weg zur Großherberge zu fragen, sondern kann direkt hier bleiben.

Irgendwann kommt ein älterer Hospitalero vorbei und stellt mich den langsam wieder erwachenden anwesenden Pilgern vor. Ich bin etwas angestrengt mit der spanischen Sprache, aber es geht doch deutlich besser als mit dem Herr am Busbahnhof. Ein Spanier schält sich gerade wieder in seine Hose und lacht über meine Wortbruchstücke und Sorgen deswegen. Die beiden amüsieren sich auf Spanisch, und ich wechsle ein paar Worte mit zwei Amerikanern in den Nachbarbetten. Beide sind voller Pilgerstimmung, ruhig, freundlich zuhörend, gelassen… es ist eine Wohltat, und nach den ganzen Irrungen und Wirrungen im Vorfeld fühle ich mich zwar sehr erschöpft, aber irgendwie auch endlich daheim.

Eine Stunde später erscheint im Dunkel der Treppe ein weiterer Neuankömmling – es ist der Lockenkopf, der seine Traumherberge verschlossen vorgefunden hat. Wir freuen uns beide irgendwie über etwas Bekanntes.

Offensichtlich ist der Camino um diese Jahreszeit deutlich weniger begangen. Nachdem ich sonst im September unterwegs war und es nicht anders kenne, habe ich unbewusst angenommen, dass es immer recht überlaufen wäre, man zeitig in den Herbergen sein müsste, um einen Platz zu bekommen… die Amerikaner kennen umgekehrt nicht meine Erfahrungen und sind etwas verwundert über meine Überraschung.

So sind wir gegen Abend 7 einsame Pilger in der Herberge von so einer großen Stadt, und während die Gruppe solidarisch ein Restaurant aufsucht, ist es mir zu viel Trubel für heute, ich will heute nur noch meinen Gottesdienst unten in der Kirche und dann schlafen.

Die Kirche ist spärlich besucht, aber glücklicherweise kenne ich im Gegensatz zu vor 2 Jahren schon ein wenig die Abläufe, kann das Vater Unser auf Spanisch, verstehe den Moment des „Friede-sei-mit-euch“-Händeschüttelns und fühle mich nicht mehr so hilflos auf dem Präsentierteller.

Als ich die Kirche verlasse, fällt mir in der hinteren Reihe ein bekanntes Gesicht auf. Es ist der (wie ich jetzt merke) erstaunlich gutaussehende Spanier, dem ich in der Herberge vorgestellt wurde. Er sieht jung aus, und ich bin überrascht, ihn hier im Gottesdienst anzutreffen, anstatt mit den anderen beim fröhlichen Abendessen.

Es ist noch nicht einmal 21 Uhr, da liege ich schon im Bett. Und obwohl ich noch keinen Meter gepilgert bin und heute morgen noch recht verlassen in Deutschland war, fühle ich mich schon wieder genauso, wie ich es als Peregrina kenne. Der Dank für das gemütliche Bett, die Geborgenheit der Herberge, das Wissen um die netten, freundlichen Pilger drumherum, die Nähe Gottes, das Gefühl, nicht viel mehr machen zu können und zu müssen, als früh schlafen zu gehen, um Kräfte für morgen zu tanken…

Die Aussicht, das 3 Wochen lang zu haben, ist wunderschön!

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