Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Cacabelos’

Ich träume reichlich durcheinander und bin ganz froh, irgendwann wieder Realität und „festen Boden“ unter mir zu haben. Die Heizung der Herberge hat ganze Arbeit geleistet, meine Sachen sind lückenlos trocken. Ich verabschiede mich von Helmut, er möchte heute auch nach Villafranca del Bierzo in die gleiche Herberge.

Noch regnet es nicht, wirklich vielversprechend sieht es aber auch nicht aus. Ich laufe den Weg an der Straße entlang. Einerseits weiß ich, dass er recht lang an der Straße bleibt, trotzdem habe ich nach einer langen Weile das Gefühl, nun doch den Abzweig verpasst zu haben. Ich bin schon nah dran, wieder umzukehren, da kommt die Abzweigung zum Glück doch noch. In einem weitausholenden Bogen geht es auf Ponferrada zu, ein Lichtermeer im Morgengrauen.

Ich treffe gegen 9 ein und muss noch ein bisschen warten, bis mein Lieblingssupermarkt aufmacht. Ich bekomme ein ofenwarmes Croissant und Ciabatta und einen Käse von der Theke. Mein üblicher Liter Fruchtsaft komplettiert auch schon meinen Einkauf. Unter den misstrauischen Augen der Kassiererin zittere ich den Saft tropfenfrei in meine beiden Plastikfläschchen. Vor der Tür sitzt ein Bettler, und obwohl ich einen frisch gefüllten Rucksack habe, fühle ich mich momentan auch ein wenig heimatlos. Das Croissant esse ich im Laufen, während nun doch wieder Regen einsetzt. Wieder ist alles grau und wolkenverhangen, kaum ein Mensch auf der Straße, jeder flüchtet unter seinem trockenen Schirm in irgendein Haus. Nur ich habe einen superlangen Tag vor mir, zum ersten Mal mehr als 30km, und nun regnet es gleich zu Beginn. Vermutlich ist nach spätestens einer Stunde alles nass, ich bin total niedergeschlagen und hoffnungslos. Für einen Moment kommt mir die Idee, dass ich mir einen Schirm kaufen könnte, allerdings bin ich schon ein gutes Stück vom Supermarkt weg, und dort hätte ich ohnehin noch nie einen Schirm gesehen. Wo kauft man sowas überhaupt? Ich lasse den Blick auf der linken Straßenseite entlangschweifen, aber hier ist eher Industriegebiet, und die Läden sehen nach Gärtnerbedarf und Eisenwaren aus, aber nicht nach Schirm. Da fällt mein Blick auf die rechte Seite und einen Mülleimer direkt neben mir, aus dem zielsicher ein rosa Griff ragt. Fast schon atemlos linse ich den den Eimer, es ist wirklich ein Schirm. Ich ziehe in heraus und hoffe und bitte, dass er aufgeht und funktioniert. Tut er zuerst leider nicht, aber nachdem ich die Arretierung verstanden habe, öffnet er sich wundersam. Ganz intakt ist er naheliegenderweise natürlich nicht, zwei Speichen sind gebrochen, aber das schadet überhaupt nichts. Ich bin überglücklich, einen rundum trockenen Kopf zu haben, nichts kann mehr in den Kragen laufen, ich muss nicht immer die Augen halb zusammenkneifen und die Schultern hochziehen.

Die wenigen Passanten schauen mich ein klein wenig entgeistert an. Für einen kurzen Moment streift mich auch der Gedanke, ob man nun normalerweise kaputte Schirme aus Mülleimern zieht. Ich muss grinsen und an Kristian denken. Er hätte vermutlich nicht nur den Schirm mitgenommen, sondern gleich noch kurz nach einem angekauten Sandwich gewühlt.

Egal, der Schirm ist himmlisch, und vermutlich schauen die Passanten auch deswegen etwas befremdet, weil ich von lieblichem rosa-lila und einer begeistert singenden Hannah Montana trocken gehalten werde. Die Begeisterung der strahlenden Blondine auf dem Schirm steckt an, ich bin mit einem Mal auch vollkommen motiviert und beflügelt. Einziger Unterschied ist vermutlich, dass sie perfekt gestylt perfekt lächelt und ich mal wieder sehr, sehr verpilgert aussehe.

Ich presche wieder in gewohntem Tempo der früheren Jahre durch die Lande, bei dem aktuellen Regen und Nebel reizt Verweilen und Genießen auch nicht sonderlich. Begeistert stelle ich fest, dass ich unter Hannah bequem und regengeschützt fotografieren kann.

Ich erreiche Cacabelos, wo ich einer Kirche kurz einen Besuch abstatte. Die Ausstattung ist sehr schlicht, aber das hell beleuchtete Kreuz inmitten der sonst dunklen Kirche strahlt etwas Besonderes aus. Ich bedanke mich für meinen wundersam gefundenen Regenschirm, bevor es wieder hinaus ins Grau geht.

Nach ein paar Kilometern Straße biegt der Camino rechts in die Weinberge. Eine Gruppe vor mir läuft nach kurzem Zögern zielstrebig geradeaus weiter. Wieder einmal wünsche ich mir eine laute, donnernd dröhnende Stimme, um schon aus ein paar hundert Meter Entfernung auf mich aufmerksam machen zu können. Ich tröste mich damit, dass sie vielleicht einfach bewusst nicht den Matsch gehen wollten.

Der Weg (eine weitere Lieblingsstrecke) ist trotz Nebel beeindruckend. Soweit das Auge reicht, nichts als Weinberge, Weinstöcke in rot, gelb oder grün.

Irgendwann kommt für einen kleinen Moment ein Hauch von Sonne heraus. Ich bleibe unschlüssig stehen und würde am liebsten die letzte Stunde nochmal zurücklaufen, um die Farbenpracht bei Sonne zu erleben. Aber da schiebt sich schon wieder eine Wolke davor, es ist wohl noch nicht der Beginn eines sonnigen Nachmittags.

Es geht einen kleinen, steilen Hügel empor, und gerade, als ich oben mein Traumhaus erspähe, kommt wieder recht gewaltig die Sonne heraus. Ich werfe schnell meinen Rucksack hin und zücke den Foto. Während ich wieder panisch durch die Gegend springe, erstrampelt sich den Hügel ein Rudel Radpilger, die in Anbetracht der Aussicht und der unverhofften Sonne einer um den anderen in erstaunten Jubel ausbrechen. Ich sitze glücklich auf einem kleinen Holzbrettchen, genieße die Sonne und ein Kitkat und die begeisterte Jubeluntermalung von der Seite.

Kaum bin ich an dem Traumhaus in den Weinbergen vorbei, ziehe die Wolken wieder zu. Ich bin schon wieder dankbar.

Recht früh komme ich in Villafranca del Bierzo an – ich bin heute wirklich mal wieder gerast. Ich laufe die Treppe zur städtischen Herberge hinunter, die ich heute ausprobieren will. Von der anderen Seite kommt ein junger Mann, der Anstalten macht, an die Hauswand zu pinkeln. Im letzten Moment sieht er mich dann doch noch, was ihn aber nicht in seinem Vorhaben stört. Wie kann man nur.

Zwei Minuten später sind er und zwei Freunde von ihm am vor mir Einchecken in die Herberge. Sie diskutieren ewig herum, bestimmt 10 Minuten, und ich werde schon reichlich ungeduldig und unleidlich in meiner Regenmontur. Zur Ablenkung mache ich mich auf den Weg in die Stadt in Mission Abendessen Einkaufen. Als ich dazu eine weitere Treppe in Angriff nehme, merke ich plötzlich, wie meine Beine ziemlich schmerzen und ziehen. Unterwegs war ich mal wieder derart im Laufrausch, dass ich nicht drauf geachtet habe, aber nun kommt mir doch wieder in den Sinn, dass ich heute schon eine lange Etappe in den Beinen habe und vielleicht nicht unsinnigerweise durch die Gegend laufen sollte. Die Wahrscheinlichkeit, am frühen Nachmittag einen Supermarkt zu finden, ist vermutlich eh moderat. So trapse ich zur Herberge zurück, wo der Herr Wandpinkler und Konsorten immer noch laut am Diskutieren und Kichern sind. Ganz, ganz schlechte Schwingungen.

Als ich endlich dran bin, hellt sich meine Stimmung auch nicht gerade auf, als mir die Dame am Empfang mit biestiger Miene zu verstehen gibt, dass es zwar eine Küche hat, aber keinen Herd. Das 8-Bett-Zimmer ist fast schon überfüllt mit den drei Italienern, und als nach mir noch eine Koreanerin kommt und schon ein oberes Bett besiedeln muss, wird es erst recht eng. Die Italiener sind der Knüller, sie stecken die Köpfe zusammen und lästern völlig unbekümmert über alles, was ihnen über den Weg läuft. Sie hocken auf ihrem Bett, gucken mich abschätzig an und tauschen sich aus, was ich für einen Eindruck auf sie mache (vermutlich einen angepissten). Mir geht ja schon nicht in den Kopf, wie man an eine Herberge urinieren kann, wenn man dort eh gleich eincheckt, aber wie man sich auf dem Camino auf Italienisch unterhalten kann und das Gefühl haben, nicht verstanden zu werden, das erst recht nicht. Mir schwillt schon wieder eine imaginäre Hirnschlagader, während in meinem Kopf wild hin- und herrast, ob ich jetzt einfach auf Deutsch eine wüste Schimpftirade loslassen soll oder auf Spanisch. Letzteres würde wohl einleuchtender vermitteln, dass ich sie verstehe, wäre aber vermutlich nicht ganz so souverän. Glücklicherweise gehe ich statt dessen duschen.

Mit mir am Abtrocknen ist dann auch die weibliche Komponente meines Lieblingstrios, die neben einer Originalflasche Shampoo auch noch eine Originalgröße von etwas dabei hat, was ich meinen Haaren nicht mal zu Hause gönne. Meine Stimmung wird nicht ausgeglichener, dazu noch die unpersönliche, kalte Herberge. Überall hängen Schilder, was man alles nicht darf, z. B. keine Türen schlagen. We don’t want that. In der Küche hängt ein Zettel, dass Essen nur aufgewärmt werden darf und keinesfalls gebraten. Die Dame des Hauses hat Glück, dass der Herd im Moment eh in Reparatur ist, ansonsten hätte ich mir höchst garantiert heute Abend Paprika frittiert.

Ich bin in einer ungewohnt aggressiven Stimmung, die dann auch sehr bald ins Weinerliche schwappt. Ich gehe zum ersten Mal ins Internet; trotz heimeligem Pfefferminztee (aus der Mikrowelle) und Feuer im Kamin fühle ich mich einfach richtig einsam. Helmut ist immer noch nicht da; im Moment habe ich sogar schon richtig Sehnsucht nach seinem summenden Gequassel.

In Anbetracht des morgigen Sonntags und anschließenden Feiertags kaufe ich etwas mehr als nötig in einem unfreundlichen Supermarkt ein. Auf dem Rückweg sticht mir eine Tafel mit „Empanada con pulpo“ ins Auge. Das erscheint mir irgendwie versöhnlich an diesem grauen Tag. Die junge Frau in dem Laden packt gerade einem älteren Herrn liebevoll seine Einkäufe ein, lässt seiner gesamten Verwandtschaft liebe Grüße ausrichten und hält ihm die Tür auf. Auch zu mir ist sie ähnlich freundlich, strahlend und zuwendungsvoll. Ich bekomme mein Teigteilchen mit ganz vielen lila Beinchen und Tentakeln und Saugnäpfen und bin richtig traurig, dass ich ja schon eine volle Tasche vom Supermarkt habe. Das Brot und die Früchte bei ihr sehen tausendmal besser aus – und liebevoller.

Auf dem Rückweg laufe ich Helmut und seiner Grinsefreundin über den Weg, die sich auch gerade in die Stadt aufmachen. Sie sind in der anderen Herberge abgestiegen. Die Freundin grinst, dazu hätte sie ihn überredet. Die liebevollen Pulpo-Schwingungen halten nicht lange vor, ich bin schon wieder durch und durch gehässig und denke nur wütend „schon klar“. Ich habe wenig Lust auf kleine Konkurrenzkämpfchen um die Gunst der wenigen interessanten Begleiter, sodass ich den Herrn mit den Schwingungen resigniert ihr überlasse.

Zur Superstimmung passt dann auch noch mein Eintopf aus der Dose, der ewig nicht richtig warm wird, ich schleppe den übervollen Teller sicher dreimal vom Tisch doch nochmal zurück in die Mikrowelle. Ein paar spinat- oder suppenkrautähnliche Fäden schwimmen in einer leidigen Brühe mit Fettaugen. Jippie.

Ich rede ein bisschen mit einer ansonsten netten Koreanerin, die aber leider nicht so viel Englisch kann. Pulpo kennt sie und probiert begeistert meine Empanada. Gegen Abend kommt tropfnass auch noch die spanische Radpilgerin, die ich in Frómista getroffen habe. Alle sitzen mehr oder weniger bedröppelt um den Kamin, vor dem alle Schuhe und Einlegesohlen aufgereiht sind und ein windschiefer Wäscheständer balanciert. Vermutlich sind alle so verzweifelt mit der Nässe, dass sie geröstete Socken und geschmolzene Schuhe in Kauf nehmen.

Bei jedem Mal Treppelaufen tut mein linkes Bein beachtlich weh. Im Schlafraum inspiziere ich es mal sicherheitshalber und kriege eine halbe Krise, weil es schon wieder dick aussieht. Je länger ich schaue, desto dicker wird es natürlich. Ich bin schon wieder so verunsichert, dass ich sogar die anwesende Radpilgerin frage, ob sie mal kurz meine Beindicke anschauen kann. Zuerst schaut sie mich recht erschrocken an. Offensichtlich wirke ich einen Hauch von verzagt, denn sie guckt diensteifrig, um dann wunderbar liebevoll zu sagen, dass es wenn, dann höchstens einen kleinen Hauch dicker ist, wirklich nur einen Hauch, und ich mir keine Sorgen machen soll.

Mache ich mir natürlich doch. Der Tag ist in vielerlei Hinsicht eh schon im Eimer, jetzt auch noch das Bein. Ich gehe um 7 ins Bett. Ist bestimmt wieder der Knüller für meine italienischen Freunde, und ich finde es selber auch etwas befremdlich, aber ich weiß mal wieder nicht weiter und ziehe es vor, die nächsten Stunden in jeder wachen Minute zu beten, dass mein Bein morgen gut ist.

Read Full Post »

Eine Irre in meinem kleinen Schlafraum packt ernsthaft schon morgens um 4. Ich wache kurz vor 7 auf und kriege einen kleinen Schreck, dass es schon so spät ist. Draußen ist aber noch alles ruhig. Einer der Hospitaleros macht Punkt 7 lautstark wenig besinnliche Musik an, offizieller Rausschmiss, ebenso unpersönlich wie der ganze Aufenthalt. Immerhin gibt es schon fertig heißes Wasser, ich genehmige mir noch einen heißen Pfefferminztee. Spartanisch wie ich manchmal sein möchte, habe ich auch gestern im Supermarkt auf eine leckere Luxussorte verzichtet. Und morgens überhaupt etwas Warmes zu haben ist Luxus genug.

Ich sehe von weitem Kristian den Gang entlanglaufen. Er lächelt mich schief an; mein Gedanke ist „mein Rucksack ist schon fertig gepackt und ich bin gleich weg“, was ich dann auch in die Tat umsetze.

Im Nieselregen durch die noch einsame, dunkle Stadt ist es wieder ein bisschen unheimlich – und trist, passend zu meiner Stimmung. Nach einer Viertelstunde treffe ich den seriösen Franzosen von gestern wieder; wir laufen zusammen weiter, und es tut unheimlich gut. Er ist so wunderbar spießig, stimmig und berechenbar. Ich habe das Gefühl, dass die ziellose Eisscholle, auf der ich grade noch allein auf einem dunklen Ozean gedriftet habe, an Land angedockt ist. Es tut mir auch gut, über den gestrigen Abend zu sprechen.

Nach einer Weile habe ich meinen inneren Frieden ganz extrem wiedergefunden. So intensiv, dass ich mich unbedingt wo hinsetzen möchte und etwas nachspüren. Columbrianos ist wie geschaffen dafür. Vor der dortigen Kirche habe ich schon in den Vorjahren intensive Pausen gemacht.

Nach dem Nieselregen kommt jetzt hinter gewaltigen Wolken ebenso gewaltig die Sonne hervor; ich habe das Gefühl, dass aus allen Richtungen Energie förmlich über mich hereinbricht. Unendlich glücklich packe ich meine netten Frühstücksaccessoires aus. Ich blinzele ins Gegenlicht, vor dem sich die mir wohlbekannte, humpelnde Silhouette mit der wippenden Isomatte abhebt, und es komplettiert einfach mein Gücksgefühl.

Kristian kommt zu meiner Bank, er grinst schüchtern und fragt, wie es mir geht. Ich kann kaum Worte finden, strahle, sage irgendwann dann „fine“ und er sagt ziemlich baff, dass man das sieht, ich sähe sehr gut aus (und damit meint er wohl nicht meine ladylike Erscheinung). Umgekehrt ist ihm heute wohl nicht so nach dem sonstigen obercoolen Pokerface, er gesteht, dass es ihm total scheiße geht, Kater von gestern, absolut keine Lust auf Laufen heute, sein Fuß ist wieder schlecht. Ich versorge ihn erstmal mit meinen Blätterteigstückchen und gebe ihm eine Energietransfusion. Er willigt sofort ein und gibt mir sogar noch ein Küsschen auf die Wange, es muss ihm also wirklich schlecht gehen.

Auf der Straße bleibt er kurz darauf plötzlich stehen und liest begeistert etwas auf. Zwei Büroklammern. Wie er mir erklärt, ist das in Norwegen ein unglaublicher Glücksbringer. Die Norweger hätten nicht viel erfunden, nur die Büroklammer, und wenn man zwei davon finden würde, Wahnsinn. Ich bekomme eines dieser ehrfurchtsvollen, rostigen Stücke.

Ein paar Meter später plagt ihn das schlechte Gewissen, es wäre eine Lüge, eigentlich würde außer ihm niemand wissen, dass es Glücksbringer sind. Aber er hätte sich gedacht, dass es auf dem Camino eine gute Idee wäre, um Leuten ein besonderes Geschenk zu machen. Ich finde es süß.

Auf den langweiligen Kilometern entlang der Straße muss ich dann doch noch meinen gestrigen Gefühlen Luft machen. Mein Donnerwetter, dass ich alles Essen lecker finde, das mit Liebe gekocht ist, und dass ich Lügen einfach absolut feige finde, erträgt er sehr kleinlaut. Meine Frage, ob er mal ein ernsthaftes Alkoholproblem hatte, kommentiert er aber wieder mit einem herzlichen Lachen. Was ich denn bitteschön mit „hatte“ meine. (Wieso überrascht mich das eigentlich nicht?)

Er kippt wieder schier aus den Latschen vor Hunger, sodass ich ihm wie üblich mein Baguette, Chorizo und Oliven überlasse. Wir sind ein super Team. Ich kaufe gern ein und immer zu viel und habe nie Hunger. Kristian hat nie Geld und immer Hunger.

In Cacabelos gibt es eine Bank, die noch offen hat. Kristian kann sein Konto plündern und ist überaus glücklich. Wir machen Mittagspause in einem kleinen Park. Ich setze mich immer auf meine Crocs-Imitate und meine Regenjacke, um keinen kalten Hintern zu bekommen. Zu spät fällt mir heute ein, dass ich im Spaß vorher Kristians Zigaretten konfisziert habe und in meiner Regenjacke versteckt. Mir tut es einerseits sehr leid, andererseits komme ich kaum aus dem Lachen heraus, als ich ihn über seine heiligen plattgesessenen Zigaretten informiere. Er lächelt fast liebevoll und meint, jedem anderen wäre er jetzt böse.

Kristian hadert mit seinem Fuß und der Tatsache, dass er heute einfach nicht laufen will. Ich habe aber wenig Lust auf die Herberge hier und nur 3 Stunden Tagespensum und mache mich einfach weiter auf den Weg. Kristian kommt fluchend hinterher.

Er meint, ich wäre unglaublich. Wenn man keine Lust mehr hätte und eigentlich fast aufgeben wollte, käme ich immer vor oder hinter ihm angehüpft oder geschwebt, und da könnte er dann gar nicht anders. Überhaupt scheint er eine interessante Vorstellung von mir zu haben. Er findet mich sehr ausgeglichen. Demnach hat er meinen Kampf mit den Tränen und dem Linsentopf in Foncebadón wohl doch nicht so mitgekriegt.

Er strahlt mich an und meint, heute wolle er meine „story of life“ hören. Ich strahle deutlich weniger, denn die will ich glaube ich nicht erzählen. Ich muss zugeben, die letzten Tage fühle ich mich meist ganz wunderbar, wirklich sehr ausgeglichen (wahrscheinlich macht es der Vergleich), das Laufen klappt wunderbar ohne Schmerzen und Probleme, ich laufe jeden Tag meine 30km, und meine heimischen Sorgen, die mir anfangs noch so wildes Kopfzerbrechen bereitet haben, sind unheimlich weit weg. Mein Leben besteht aus viel „fuck“ und „fucking“, viel spitzbübischem Grinsen, viel Verrücktheit und Emotionen.

Er akzeptiert das vollkommen und widmet sich eher einem anderen interessanten Gedankengang, wie er auch nur wieder von ihm kommen kann. Er erklärt mir, dass uns auf dem Camino ja wahrscheinlich jeder für Geschwister hält, „weil wir beide groß sind und unser Wanderdress ähnliche Farben hat“. (Ich vermute mal, dass jeder alles mögliche denkt, nur das nicht.) Und er hätte eine spannende andere Idee. Nachdem ihm jeder als Norweger unterstellen würde, reich zu sein, könnten wir doch vorgeben, dass er sich mit seinem vielen Geld einen persönlichen Guide alias mich leistet. Ich muss lachen und meine, ich Guide in Sparversion würde aber nicht nach viel Geld seinerseits aussehen. Er versteht das gar nicht, ich hätte doch superviel Caminoerfahrung. Süß.

Es geht auf meine absolute Lieblingsstrecke durch die Weinberge. Ich bin wie heute morgen in der Stimmung, das in mich aufsaugen und auf mich wirken lassen zu müssen. Ich lege mich unter einen schattigen Baum mitten in einem Weinberg. Kristian wirft mir ein Kusshändchen zu und läuft weiter.

Offensichtlich ist er wieder unheimlich schnell unterwegs, ich sehe ihn nicht mehr. Dafür habe ich meine Ruhe, um die Landschaft auf mich wirken zu lassen, und es ist absolut überwältigend. Ich habe das Gefühl, dass ich von Tag zu Tag offener und entspannter werde und intensiver fühle. Der blaue Himmel, die Sonne, die roten Weinberge, die Büsche und Bäume, alles berührt mein Herz und fühlt sich an wie eine stundenlange Energieinfusion. Ich mache Fotos wie eine Wilde und viele Pausen und könnte die Welt umarmen.

In Villafranca keine Spur von Kristian, und ich habe keine Ahnung, in welcher Herberge er ist. Ich frage erst einmal in der Öffentlichen. Die Hospitalera erinnert sich zwar mit leuchtenden Augen, meint aber, er wäre in die andere Herberge weitergegangen. Ich verabschiede mich freundlich entschuldigend und frage in der mir aus dem Vorjahr bekannten Unterkunft. Zum ersten Mal reagiert ein Hospitalero entgegengesetzt auf unsere so-called Geschwisterbeziehung. Er ist höchst misstrauisch, will mir keine Auskunft geben und fragt, ob ich ihn verfolgen würde. Herrje, ich muss ja einen schlimmen Eindruck machen, wenn er sich so um sein norwegisches Prachtexemplar sorgt, das sich interessanterweise in dieser Herberge als 10 Jahre älter eingetragen hat. Er begleitet mich hoch in den Schlafsaal und verschwindet erst erleichtert, als Kristian mich zu kennen scheint.

Durch den großen Schlafsaal mit knarrenden Metallstockbetten erreicht man über eine halsbrecherische Hühnerleiter eine kleine Empore, auf der ich letztes Jahr genächtigt habe. Klettert man noch durch ein kleines Loch in der Wand, erreicht man einen Miniraum unter der Dachschräge, in der zwei Matratzen auf dem Boden liegen und von wo man durch eine Dachluke und ins Dach geschnitzte Sterne den Himmel sehen kann. Dort logiert schon Kristian, und aus Rücksicht auf seine Nähephobie könnte ich mich jetzt in den Schlafsaal verziehen. Aber er hat nichts dagegen, dass ich ihm Gesellschaft leiste.

Ich mache mich ans Duschen und Wäschewaschen. Nachdem es hier keine Küche mit Resten gibt, die es als erste Amtshandlung aufzuessen gilt, ist Kristian bereits am Duschen. Ich muss mir schwer ein Lachen verkneifen, so göttlich ist seine Geräuschkulisse. Er hustet locker 10 Minuten am Stück aus tiefster Lunge, abgewechselt von Prusten und geträllerten Liedfetzen.

Meine Wäsche hänge ich schon mal leicht pessimistisch veranlagt unter dem Wellblechdach auf, denn es beginnt, intervallweise zu nieseln. In den sonnigen Momenten setze ich mich auf die Bank im Innenhof und widme mich meiner meditativen Caminobeschäftigung, dem Bändelknüpfen. Kritisch kommentiert von Kristian, ob ich das eigentlich für jeden mache. Er ist beruhigt, als ich das verneinen kann. So intensiv wie für ihn habe ich noch nie in ein Bändel hineingeknotet.

Beim Aufräumen hat er einen kleinen Stein wiedergefunden, den er eigentlich am Cruz de Ferro niederlegen wollte. Den bekomme jetzt ich. Lustig, wie sehr mich hier Steingeschenke bewegen.

Der Regen nimmt zu, es windet und ist kalt. Wir ziehen uns in unseren Hühnerverschlag zurück, und mir fällt so langsam die Decke auf den Kopf. Ich ärgere mich, wieder in einer gleichen Herberge zu sein, noch dazu in einer, die ich schon im Vorjahr nicht gemocht habe. Ich ärgere mich, schon wieder einen Camino im April gemacht zu haben, obwohl ich im Vorjahr schon zwei Wochen durch den Regen gestapft bin und in den Herbergen unter drei Decken gefroren habe. Ich liebe meinen Norweger heiß und innig, aber zum einen ist er ordentlich anstrengend, zum anderen ist das eben auch nicht der Camino, wie ich ihn suche. Das wird mir noch bewusster, als Kristian mich fragt, ob ich diesmal auch wieder so viel Gott spüre. Ich muss sagen, ich spüre absolut nichts, in den Kirchen nicht und auf dem Weg nicht. Die etwaigen Zeichen finde langsam selbst ich etwas an den Haaren herbeigezogen. Kristian sinniert, dass es vielleicht daran liegt, dass ich mit ihm laufe. Ich zucke mit den Schultern und sage recht verbittert „wahrscheinlich“.

Nachdem sein Fuß wieder schlecht ist, streckt er ihn mir zur Wunderheilung hin. Meine Hände sprechen heute aber absolut nicht, und in mir ist auch kein Funken Energie und Optimismus. Er erzählt begeistert, dass so viele Ärzte und Pseudoexperten daran herumgedoktert hätten ohne Erfolg, und ich hätte ihn geheilt und wäre jetzt sein Wunderdoktor. Ich fühle mich leer.

Wir gehen zusammen in die Stadt, einen Supermarkt für ihn und einen Film für meinen Foto für mich. Auf halbem Weg lasse ich ihn zu seiner Verwunderung stehen. Ich weiß auch nicht, was plötzlich mit mir los ist. Vor ein paar Stunden noch die Energiedurchflutung in der sonnigen Traumlandschaft, jetzt der kalte Nieselregen außen und in mir. Ich komme mir blödsinnig vor. Ich komme keinen Schritt weiter mit meinen Problemen, ich lerne keine inspirierenden Pilger kennen, und meine Gesellschaft ist entweder rastlos hyperaktiv, geistig abwesend, unberechenbar oder besoffen. Nach 2 Wochen bin ich dann keinen Deut schlauer wieder in meiner Welt, und was bleibt, ist wohl nur, dass ich ständig „fuck“ denke.

Ich bin in Endzeitstimmung, was Kristian angeht. Ich frage ihn, ob er immer noch meine „story of life“ hören will. Will er. Hinterher fühle ich mich komplett beschissen, leer, deprimiert und rastlos. Weg ist die Pilgerin, die immer glücklich beschwingt den Camino entlangschwebt, immer lacht und ihr Leben im Griff hat. Weg ist auch die wunderschöne Verbindung zu Kristian.

Dafür erzählt er mir noch einen weiteren Knüller aus seinem Leben. Ich bin einfach nur leer und verzweifelt, aber er merkt es gar nicht, ist hinterher aber deutlich ruhiger und sortierter und sehr glücklich. Er hätte das lange niemandem erzählt, und er wirkt befreit. Schön für ihn. Ich flicke ihm seine Trekkinghose, sprinte die Hühnerleiter hinunter, um seinen Schlafsack vor einem Regenguss von der Leine zu retten und hole ihm Wasser, wenn er gerade zu faul zum Aufstehen ist, weil es unter seiner Decke so schön warm ist. Er fühlt sich wieder wunderbar, liebt diese Herberge und ist glücklich. Ich fühle mich wie im Lied von „Echt“, wie ausgekotzt, und wo war bitte jemals eine Verbindung zwischen uns, wenn er das nicht einmal merkt.

Ich gehe zum gemeinschaftlichen Abendessen. Dort treffe ich Chuck und Amber vom ersten Tag. Beide wirken heute allerdings etwas geschafft und ruhig. Chuck sagt den ganzen Abend kein Wort. Als ich ihn später allein im Schlafsaal antreffe, tut er mir direkt leid. Vielleicht arbeitet der Camino doch etwas an ihm.

Kristian liegt schon unter der Dachschräge. Irgendwie hat wohl auch er langsam etwas gemerkt. Er meint, sein Fuß würde wohl nicht mehr so richtig, und morgen würde er wohl nur eine Minietappe machen. Es ist für uns beide keine Frage, dass sich damit unsere Wege trennen werden.

Read Full Post »

Die Kilometer hinter Ponferrada gehören nicht gerade zu meinen Lieblingsstrecken. Bis Cacabelos führt der Weg auf asphaltierten Straßen entlang, durch lauter kleine, langezogene Städtchen. Nach den Bergen und der Einsamkeit der letzten Tage ist mir das etwas monoton und unspektakulär.

In Cacabelos möchte ich heute eigentlich noch nicht stoppen, und so kommt es mir entgegen, dass die Herberge dort ohnehin diesen Monat geschlossen hat. So geht es gleich weiter in die versöhnlicheren Weinberge.

In Villafranca del Bierzo bin ich hin- und hergerissen zwischen den beiden Herbergen. Wie meistens bin ich ziemlich früh dran, andere Pilger sind noch nicht da, sodass mir auch das keine Entscheidungshilfe ist. Ich entscheide mich für die Private, die laut Führer (und laut Angelo) einen sehr guten Ruf und viel „spirit“ haben soll.

In den Waschräumen wird mir allerdings nicht allzu warm ums Herz. Alles wirkt etwas heruntergekommen, und die Falttüren, die die Toiletten abgrenzen, sind fast ausschließlich wenig blickdicht beschädigt.

Im großen bewirteten Hauptraum treffe ich eine Gruppe spanischer Radpilger wieder, denen ich heute den ganzen Tag über immer wieder begegnet bin. Sie können es gar nicht fassen, wie ich so fliegen kann. Vermutlich liegt es weniger an meinem Fliegen, sondern an deren Affinität zum geselligen Leben in allen Bars entlang des Weges.

Ohne Ablenkung durch Bars ist natürlich auch wieder die lockenköpfige Französin eingetroffen. Mich nervt wie üblich ihre Thematisierung, wer es nun wieder wie schnell geschafft hat, aber ein Stück weit gehört sie langsam schon zum Caminoinventar. Seit León treffe ich sie sehr zielsicher in jeder Herberge an.

Ich setze mich mit meinem Tagebuch und Reiseführer auf eine Bank im Innenhof, als sich die Herberge langsam zu füllen beginnt. Ein Pilger mit spiegelnder Glatze fällt mir auf, und nachdem er sein Bett bezogen hat und etwas ziellos wieder in den Hof kommt, verwickle ich ihn in ein Gespräch. Er setzt sich nur allzu gerne dazu und überwältigt mich mit einer wahren Redeflut. Wahrscheinlich ähnlich wie ich die beiden Dänen in Astorga.

Er ist Belgier, heißt Jelle und ist heute seinen ersten Tag gelaufen. Das scheint ziemlich aufregend für ihn zu sein. Generell steht er ziemlich unter Strom, er erzählt von seiner Arbeit zu Hause, die ihn extrem stresst und fordert… und allein schon das Erzählen lässt eine gestresste Stimmung inmitten des sonnigen Innenhofes aufkommen. Das fällt auch ihm auf, so lacht er immer wieder kurz fast schon hysterisch, wechselt das Thema zu erholsamem Pilgerurlaub, um drei Sätze später schon wieder beim unausweichlichen Alltagsstress angekommen zu sein. Mir tut das fast ein bisschen leid, und ich versuche eine gewisse Ruhe zu vermitteln. Aber nein, er weiß recht resolut, wie das Leben läuft, man muss sich einfach total stressen, denn man ist entweder „in or out of the system“. Angesichts der vielen absolut relaxten und in sich ruhenden Pilger hier stimme ich dem nicht so ganz zu, vor allem weckt es meinen Widerspruch, als er selbstzufrieden meint, dass er ja zum Glück jetzt 10 Tage Urlaub hätte, um sich so richtig powerentspannen zu können. Denn dazu wäre der Camino ja wohl da, es sich mal so richtig gutgehen zu lassen. Irgendwas stört mich daran kolossal. Hier in der Herberge hängt so treffend ein Schild mit „a tourist demands, a pilgrim thanks“, und das vor mir ist sehr eindeutig ein Tourist.

Wie ein Maschinengewehr rattert Jelle über sein Leben, vor allem über die vielen Zwänge, denen man ausgeliefert ist und dass man es ja nicht in der Hand hat, etwas ruhiger zu leben. Auch mich bombadiert er mit Fragen zu meiner Arbeit und meinem Leben allgemein, und erst während des Gespräches fällt mir auf, wie wenig und ungern ich darüber eigentlich auf dem Camino rede. Jede Antwort kommentiert und bewertet er rigoros, er weiß ja eh alles besser. Mir geht das Gespräch zunehmend gegen den Strich, und so widme ich mich wieder meinem Führer. Aber Jelle ist nicht zu stoppen; selbst, als ich in meinem Tagebuch zu schreiben beginne, hört sein Verhör nicht auf. Irgendwann stehe ich genervt auch. Er meint, ich würde nicht sehr glücklich mit meinem Leben wirken. Grundsätzlich mag er recht haben, aber ich finde es in dem Moment eine Frechheit. Was geht es ihn an, und wie soll man nach seiner mehrstündigen Abrechnung auch überhaupt noch ausgeglichen und glücklich sein.

Ich bin eine Mischung aus abgrundtief wütend, verunsichert und deprimiert. Ich verkrieche mich erstmal auf meine Matratze und blase Trübsal.

Am späteren Nachmittag mache ich einen kurzen Abstecher in die Innenstadt zum Einkaufen. Ich treffe die beiden Zimmergenossen aus Hospital de Orbigo wieder, sowie eine bekannte Bundeswehrhose. Ich zerbreche mir den ganzen Einkauf über den Kopf, wo ich diesen Pilger schon einmal gesehen habe. Zeitgleich fällt es uns ein – von meinem ersten Tag in Burgos. Er ist Ungar, spricht wohl eigentlich deutsch, wählt aber lieber Zeichensprache und auch wieder schnelles Verschwinden.

In der Herberge dann ein weiteres Wiedersehen, diesmal mit den beiden lauten Deutschen aus Astorga. Während der sportlichere von ihnen, der sich als Bademeister herausstellt, zufrieden mit sich und der Welt zu sein scheint, ist sein dickerer Kollege absolut schweißüberströmt, krebsrot und dem Delirium nahe. Krachend lässt er sich auf eine Bank fallen, packt seine komplett lädierten Füße aus und wirkt generell eher unausgeglichen. Meine vorsichtige Frage, ob bei der Hitze kürzere Etappen für ihn nicht sinnvoller wären, beantwortet der unverwüstliche Bademeister für ihn mit „nein, nein, das packen wir schon“. Ich habe kein gutes Gefühl dabei (auch die anderen Pilger schauen etwas betreten), aber es sind ja erwachsene Menschen.

Gegen Abend schwebt auch in einer Wolke aus Ruhe, Meditation und Gelassenheit Angelo ein. Nach der eher traumatisierenden Begegnung mit dem Belgier und seiner gestressten Aura sehne ich mich nach etwas Angelo, allerdings gibt es ihn nur im Dreierpack mit zwei Französinnen, Mutter und Tochter. Sie haben in Foncebadón zusammen übernachtet und scheinen seither unzertrennlich zu sein. Aurélie ist Sportlehrerin und zeigt mir ein paar Dehnungsübungen. Sie ist mit ihrer Mutter in Frankreich gestartet, vor vielen Jahren. Jedes Jahr laufen sie ein weiteres Stückchen des Weges, je nachdem, wie sie Zeit haben. Sie ist sehr nett und natürlich, trotzdem bedauere ich es, nicht mit Angelo unter vier Augen reden zu können.

Zum Abendessen haben sich fast alle Pilger für das hauseigene Pilgermenü gemeldet, welches wir an zwei riesigen Tischen einnehmen. Neben mich hat sich zu meinem Schrecken Jelle platziert, aber ich ignoriere ihn absolut gekonnt und unterhalte mich lieber mit den beiden älteren Franzosen gegenüber. Es sind Brüder, einer von beiden ist frisch pensioniert, und an Sprachkenntnis, Wortwahl und Benehmen lässt sich unschwer ableiten, dass sie hier ziemlich undercover herumpilgern. Mir imponiert, dass sie alles zu Fuß laufen, alles selber tragen und sich in den Herbergen unter die Pilger mischen, auch wenn der Urlaub sonst wohl eher in 5-Sterne-Hotels stattfindet. Auch wenn sie sich sehr bedeckt halten, kann ich dem Pensionierten doch entlocken, dass er den Camino macht, um sich inspirieren zu lassen, wie er seinen nächsten Lebensabschnitt mit möglichst viel Sinn füllt. Vermutlich möchte er seine Fähigkeiten nun zum Wohle der Menschheit einbringen, und etwas daran beeindruckt mich sehr. Vielleicht am meisten, dass man seine beeindruckende Persönlichkeit und seine hohen Ziele ganz massiv spürt, ohne dass er sie betont oder überhaupt ausspricht.

Nach dem Essen fragt mich Jelle, ob ich wütend auf ihn wäre. Es ist sonst absolut nicht meine Art, aber in diesem Moment lüge ich einfach, lächele pseudoherzlich und beteuere „nein, wie kommst Du denn darauf“. Hauptsache, keine weitere Diskussion.

An der Wand in der Herberge entdecke ich ein sehr beeindruckendes Plakat. Für mich hat es sehr viel versteckte Wahrheit. Die meisten Pilger beginnen ihren Camino auf irgendeine Weise zweifelnd und gebückt, und wer auch nur eine Stunde den Platz vor der Kathedrale in Santiago beobachtet und die Ankunft der Pilger, der weiß zumindest, auf welcher Stufe sie ihren Camino beenden.

Read Full Post »

Heute habe ich einen langen Tag vor mir, weswegen ich ganz froh bin, zeitig wach zu werden. Das Bett neben mir ist komplett leer, es fehlt sogar die Matratze. Der Französin war das Schnarchen aus dem Nebenzimmer zu laut, sodass sie kurzentschlossen unter freiem Himmel geschlafen hat. Es passt zu ihr. Sie ist natürlich auch schon wach, weil sie auch gerne allein läuft und es kühl hat.

Ich lasse mir gerade den ersten Cappuccino meines Caminos aus dem Automaten, als ich eine Belgierin vom Vortag erspähe und kurz entschlossen frage, ob wir zusammen losgehen wollen. 2006 habe ich immer den Sonnenaufgang abgewartet, dieses Jahr laufe ich auch gern mal einige Minuten vorher los. Aber so ganz im Dunkeln ist es mir allein unwohl. Nach einer Weile holen wir zwei Engländer ein, eine Mutter mit ihrem Sohn. Wir kommen ins Gespräch. Schon in den vergangenen Tagen habe ich sie oft sehr schnell und diszipliniert laufen sehen, und wie sie mir nun erzählen, ist ihr Camino von langer Hand geplant. Die Mutter trainiert seit einem Jahr mit dem Vater lange Strecken und das Laufen mit schwerem Rucksack, der Vater hat zudem die optimalen Routen ausgearbeitet. Sie laufen nur bis O Cebreiro, weil für mehr die Zeit nicht reicht. Ich bin überrascht, wie man gerade dort aufhören kann und will wissen, ob es denn da einen Bus gibt. Sie drucksen etwas herum, nein, da würde der Vater sie dann abholen. Es stellt sich heraus, dass er die ganze Tour im Begleitfahrzeug mitmacht und sie sich jeden Abend zur Übernachtung treffen. Trotzdem ziehen sie das Pilgern voll durch und tragen jeden Tag sämtliches Gepäck auf dem Rücken. Kurios.

Als die Sonne aufgeht, befinde ich mich inmitten von Weinbergen mit wunderschönen Ausblicken. In der Stille des morgendlichen Nebels, erwärmt von den ersten Sonnenstrahlen, erreiche ich Villafranca del Bierzo.

Dort beginnt heute mein „camino duro“, mein harter Weg. Ein Weg führt an der Fahrstraße entlang, der andere soll recht anstrengend mitten über einen Berg gehen. Fahrstraße ist mir zu langweilig, zu gefährlich und sicher nicht gut für die Füße, sodass ich schon sehr nach der Herausforderung lechze – und umso enttäuschter bin, als die Stadt zu Ende ist und ich meinen Abzweig nicht gefunden habe. Einige Pilger um mich herum laufen eben schulterzuckend die Straße entlang, aber ich kehre doch wieder um und frage mich durch, bis mir jemand die etwas versteckte Abzweigung zeigen kann. Es geht wirklich recht steil den Berg hoch, aber es ist noch kühl und darum kein Problem. Ich bin wieder ganz berauscht von dem Höhengewinn, der Aussicht, wieder einmal dem Gefühl, alles unter sich zu lassen, allem zu entfliehen und frei zu sein.

Auf dem Plateau angekommen geht es sich wunderschön. Die Sonne taucht die Landschaft wie in flüssiges Gold, auf einem kleinen Trampelpfad geht es beschwingt und ebenerdig weiter. Weit unten im Tal sehe ich die Asphaltstraße und freue mich noch umso mehr, hier so nah am Himmel zu sein. Ein bisschen einsam ist es allerdings, weit und breit kein anderer Pilger, und meine ängstliche Seite kommt durch, die sich fragt, was ich mache, wenn mich hier im Nichts eine Schlange beißt oder eine der zahlreichen Wespen sticht. Irgendwann taucht hinter mir ein Wanderer auf, ich überlege mir den worst case. Sicherheitshalber setze ich den Rucksack ab, mache eine Frühstückspause und weiß, wo mein Pfefferspray liegt. Aber der Wanderer entpuppt sich als die Französin, die auch ein harter Knochen ist und natürlich auch als einzige diesen verrückten Weg wählt. Den Rest des Weges habe ich sie vor mir in entfernter Sichtweite und kann auch wieder die Wespen genießen.

Nach einem ebenso abrupten Abstieg wie Anstieg erreiche ich gegen Mittag Trabadelo und stehe vor einer schweren Entscheidung, oder besser, dem ersten Mal, dass meine Pläne nicht ganz perfekt und problemlos aufgehen. Am liebsten übernachte ich in Orten mit Supermarkt, ich freue mich, wenn die Herbergen im Führer wärmstens empfohlen werden. Viele Betten beruhigen mich, denn ich habe ständig Herbergsangst. Zwar laufe ich sehr zeitig los, gehe unterwegs nicht in Cafés und habe ein schnelles Gangtempo. Trotzdem bekomme ich ein starkes Unruhegefühl, wenn viele Pilger an mir vorbeilaufen. Vor meinem geistigen Auge zählen sich die Herbergsplätze herunter, noch dazu der Faktor, dass ich nicht weiß, wie viele Nachtschichtpilger schon vor mir sind. So bin ich immer froh, gegen Mittag in der Herberge anzukommen (auch wenn ich mich dann den ganzen Nachmittag langweile und jeden Tag aufs Neue ärgere). Auch habe ich Angst, zu spät in Santiago anzukommen und werde unruhig, wenn die Planung nicht 1-2 Tage Puffer beinhaltet. Zwischen all diesen Zweifeln steht heute groß „La Faba“ auf dem Programm, ein Ort 32 km entfernt, in dem ein Bekannter meines Vaters eine Herberge mitgegründet hat. Und schon bevor ich jemals den Weg gelaufen bin, war mein Vater Feuer und Flamme, dass ich dort mal übernachten müsste. Mein Vater hat sehr wenig Wünsche an mich, und auf eine schwer zu erklärende Weise ist es mir ein ganz dringendes Anliegen, diese Station mitzunehmen. Leider sind 32km ungewohnt viel für mich, noch dazu mit dem Fragezeichen des zusätzlichen camino duro, vor dem kräftetechnisch eher gewarnt wird.

So mache ich mich gegen Mittag, statt mir in Trabadelo ein Bett zu sichern und die Mittagshitze im Schatten zu genießen, mit einem stattlichen Vorrat von 3 Litern Wasser und einigen Bananen auf den Weg nach La Faba, und ich habe das Gefühl, dass es eine Herausforderung werden könnte.

Die Mittagshitze, die ich sonst immer umgangen habe, ist beachtlich. Mir ist leicht schwindelig und ich trinke konsequent. Vor mir befinden sich viele Pilger erschöpft auf den letzten Metern zu den Herbergen in den nächsten Dörfern, die noch vor dem großen Anstieg zu O Cebreiro liegen. In der letzten Herberge, 1 ½ Stunden vor La Faba, hole ich mir nur einen Stempel und trete wieder etwas unwirklich auf die Straße hinaus und laufe weiter. Der Weg ist komplett verlassen, und als ich unsicher ein paar Einheimische nach dem Weg frage, geben sie mir zu verstehen, dass ich zwar auf dem richtigen Weg bin, ich aber langsamer machen soll, wenn ich jemals in Santiago ankommen will. Offensichtlich sehe ich nicht mehr sehr fit aus, und ich muss gestehen, dass ich durch die Hitze schon ziemlich daneben bin. Mich packt ein bisschen die Verzweiflung, was ich hier mitten im Nichts machen soll, wenn ich nun einen Hitzschlag bekomme. Ich schelte mich für meinen blöden Ehrgeiz, den camino duro machen zu müssen und nicht wie jeder vernünftige Mensch aus Cacabelos heute (auch ganz ohne Extratour durch die Berge) nur bis zu den Dörfern vor dem Anstieg zu gehen. Meine erste Wasserflasche ist leer, und nachdem ich bisher immer mit einer vollen 1 ½ l Flasche zur Reserve gelaufen bin und diese jetzt wirklich mal anbrechen muss, wird mir doppelt mulmig. Ich entscheide, dass es so keinen Sinn hat. Diese letzten 5 Kilometer werde ich schaffen, auch bei der Hitze, ich muss nur durchhalten, darf mich nicht überanstrengen, und selbst wenn ich ganz langsam mache und erst abends ankomme, das werde ich schaffen und das ist sicher. Ich mache ab da furchtbar kleine Schritte, ganz bedächtig Schritt für Schritt, ohne dass es mich schwindelt.

Und so passiere ich Weiler um Weiler und merke, dass es zwar langsam geht, aber es geht. Dann stehe ich vor dem wirklichen Anstieg, und wieder schwindet mein Mut. Ich denke unbestimmt „lass mich das schaffen“, und in diesem Moment erhebt sich mitten in der drückenden Mittagshitze über dem flimmernden Asphalt sekundenlang eine absolut kühle Brise. Ich stehe ganz verwirrt da. Mit ein wenig mehr Mut mache ich mich langsam und bedächtig den Berg hoch, als eines der vielen Taxis den Weg entlang fährt, das viele Pilgerrucksäcke, aber auch einige Pilger selbst bequem auf den Gipfel chauffiert. Der Fahrer lässt im Vorbeifahren das Fenster herunter, er gestikuliert wild, strahlt und brüllt „buon camino!!!“. Ich bin total gerührt. Da fährt er ständig Rucksäcke durch die Gegend, und im Herzen wirkt er so, als ob er wirklichen Respekt nur vor denen hat, die es aus eigener Kraft schaffen wollen, die ihren Rucksack auf dem Rücken tragen und sich in der Mittagshitze den Berg hochschleppen.

Von kühler Brise und Taxifahrer bin ich erstaunlich ermutigt, als ich am Straßenrand im Schatten einen Mann stehen sehe. Als ich näher komme, spricht er mich an – und bietet mir einen Keks an. Wir machen uns dann gemeinsam auf den Anstieg. Er meint, er hätte mich schon oft gesehen (ich kann mich wie so oft nicht explizit erinnern), und doch, er würde sich natürlich erinnern, ich hätte so einen auffälligen Laufstil. Ich muss unter meiner Anstrengung schief lächeln und meine, dass er mich daran heute nun wirklich nicht erkannt haben kann. Er lacht auch und meint, gut, heute wäre es der Rucksack gewesen. Ich liebe meinen Rucksack heiß und innig, mit dem ich schon 4 Wochen Zelt und Kocher und Winterklamotten rumgeschleppt habe, und so pilgere ich auch in Spanien mit einem 65+20 Liter-Rucksack, auch wenn der natürlich nur normale 8 Kilo plus der obligatorischen Sicherheitswasserflasche beinhaltet. Gemeinsam schleichen wir den Berg hoch; mein Gegenüber ist schon etwas älter und sehr bedächtig – und er will sogar bis O Cebreiro. Und im Gegensatz zu mir hat er da auch gar keine Zweifel.

In La Faba trennen sich unsere Wege und ich folge dem aus wenigen Häusern bestehenden Ort zu der Herberge. Ich trete durch ein Tor auf ein großes Grundstück, in der Mitte eine Kirche, am Rand ein sauberes Haus, vor dem 3 deutsche Hospitaleros sitzen und jeden Neuankömmling erst mal hinsitzen lassen und ihm ein Glas kalten Tee anbieten. Das Ganze ist so unwirklich, und ich kann noch gar nicht glauben, dass ich den Tag rumgebracht habe und es nun wirklich geschafft habe.

Ich dusche schnell in einem kleinen Bad voller heimisch bekannter deutscher Armaturen und frage nach einer Einkaufsmöglichkeit. Es gibt tatsächlich eine, und die Inhaberin macht auf Klingeln für jeden extra auf. Es gibt diesmal wohl wirklich nur 50 Artikel zur Auswahl, aber alles ist da, was das Herz begehren könnte. Ich kaufe Nudeln und Tomaten und sogar eine Zwiebel, bekomme Brot und Schinken von einem riesigen Laib abgeschnitten, es gibt pilgergerechte Minibutter und ich kann wieder ordentlich Wasser tanken, um den Schwindel wegzutrinken und morgen wieder eine gefüllte Sicherheitsflasche im Rucksack zu haben.

Als ich mit voller Tüte und noch duschfeuchten Haaren in meinen Flip-Flops zurückschlappe, kommen mir auf einmal Tränen in die Augen geschossen. Mein einziger Gedanke ist, dass ich so ein Glück nicht verdient habe. Dass ein Laden extra für mich öffnet und alles hat, was mein Herz begehrt. Dass ich meinen Wagemut und meinen Ehrgeiz nicht bereuen musste. Dass ich in meinen mutlosen Momenten so viel Zeichen und Unterstützung bekommen habe. Dass gerade heute, wo ich etwas labil bin, eine so heimelige Herberge auf mich wartet. Mitten in einer Pfütze mit Jauche stehe ich hemmungslos schluchzend da, und es ist wahrscheinlich die nächste göttliche Fügung, dass mich in diesem Moment niemand sieht.

In der Herberge sitze ich mit vielen Pilgern verstreut im Garten vor der Kirche, offensichtlich ist für viele heute ein bewegender Tag gewesen. Zwischen meinem Tagebuch und meiner Routenplanung zieht es mich immer wieder in die Kirche, in der leise Musik läuft, sonst niemand ist, die nur uns Pilgern gehört und wo ich meinen Tränen noch mal freien Lauf lassen kann und diesmal meine Dankbarkeit an jemanden richten kann.

Bärbel, die ehemals magengeplagte Deutsche, trifft ebenfalls ein und ist ganz euphorisch. Durch das Umpacken ihres Schlafsacks ist der Rucksack heute unheimlich viel leichter zu tragen, das ganze Laufen ist ihr viel leichter gefallen und sie ist ganz baff erstaunt über dieses kleine Wunder.

Ein älterer Franzose, der das Bett gegenüber von mir bewohnt, beantwortet meinen Gruß auch schon wieder ganz wissend. Wir hätten uns doch schon getroffen. Ich gucke wieder etwas dumm aus der Wäsche und bin mir eigentlich sicher, dass nicht. Er holt eifrig sein Tagebuch heraus, oder besser einen konfusen Stapel von Papierfetzen. Er blättert jeden Tag durch, fragt erwartungsvoll nach eventuellen gemeinsamen Stationen – und tatsächlich, am zweiten Tag sind wir uns tatsächlich schon mal begegnet, wie er begeistert seinem Aufschrieb entnimmt. Mich würde ja zu sehr interessieren, was er sich da sonst noch so alles notiert hat, wenn selbst „eine große junge Frau mit großem Rucksack ist heute schnell an mir vorbeigelaufen“ schon Eingang findet.

Um 20:00 ist Messe, nur für uns Pilger. Auf die Minute genau biegt mit quietschenden Reifen ein kleines, weißes Auto in den Hof, und aus den Staubwolken heraus springt auf seinen Teva-Sandalen ein kleiner Mönch in braunem Gewand. Er eröffnet sehr persönlich die Messe und lässt sich gleich zwei Übersetzerinnen geben, die alles in Englisch und Französisch übersetzen. Auf Deutsch verzichten wir, weil schon für jeden etwas dabei war. Er hat eine sehr süße Art, spricht seine spanischen Worte und zeigt dann schüchtern lächelnd auf seine Übersetzerinnen. Zuerst lassen wir das „luz de paz“, das Licht des Friedens, durch die Reihen gehen. Nichts weiter geschieht, als dass alle ruhig und aufmerksam zusehen, während jeder bedächtig die diskusähnliche Scheibe mit dem Petroleumdocht entgegennimmt und weitergibt.

Anschließend werden 5 Freiwillige vorgebeten, sich gegenüber der kleinen Gemeinde hinzusetzen. Er beginnt, der ersten Sitzenden den Fuß zu waschen, und anschließend soll sie so bei ihrer Nebensitzerin verfahren. So geht es minutenlang reihum, und solange herrscht bedächtige Stille in der Kirche. Das kurze Resümee auf Spanisch ist, dass man so, wie man selbst behandelt werden will, auch mit seinem nächsten umgehen soll. Dann will der Pater wissen, ob wir auf diesem Weg schon irgendwelche Erkenntnisse erlangt haben. Wir sitzen uns gegenüber wie in einer kleinen Familie, alles ist so ruhig und geduldig. Ein Brasilianer meldet sich schließlich zu Wort. Ihm ist eine Parallele aufgefallen zwischen Problemen und Blasen: sie kommen nicht über Nacht, sondern man macht schon lange vorher etwas falsch und missachtet erste Warnzeichen. Die übersetzende Belgierin erzählt, dass eine Freundin ihr eine schwere Seelenlast mit auf den Weg gegeben hat. Sie hat ihr nicht gesagt, um was es sich handelt, aber sie wird für sie nach Santiago gehen und die Last für sie dort ablegen. Das bewegt mich wieder sehr und erinnert mich an das Cruz de Ferro, wo auch so viele ihre Last ablegen. Eine Französin steuert noch eine Weisheit bei, wonach man die Stille braucht, um wirklich hören zu können. Die beiden Übersetzerinnen übersetzen nicht nur fehlerfrei, sie sind wohl auch gläubig und innerlich sehr gefestigt, jedenfalls genieße ich sowohl auf Spanisch als auch auf Englisch und Französisch jedes Wort.

Zum Abschluss bittet uns der Pater nach vorne rund um den Altar und möchte ein „abrazo de paz“. Alle stehen etwas unentschlossen herum, bis die ersten anfangen, ihrem Nächsten nicht nur die Hand zu geben, sondern ihn herzlich in den Arm zu nehmen. Und wir belassen es nicht nur beim Nächsten, irgendwann umarmt jeder jeden. Ich umarme den Pater, die Übersetzerinnen, die Hospitaleros, Bärbel, Franzosen, Dänen… die ganze Kirche liegt sich minutenlang in den Armen.

Heute bin ich so voller Glück und Dankbarkeit, dass ich jeden Pilger auf den ganzen 800 km Jakobsweg umarmen könnte.

Read Full Post »

In meinen Planungen der kommenden Tage und Wochen verspricht der heutige Tag ruhig und unspektakulär zu werden. Keine Berge, keine lange Strecke. Auf Ponferrada mit der Templerburg freue ich mich; leider erreiche ich die Stadt bereits nach weniger als 2 Stunden; die Geschäfte haben zwar schon offen, die Burg öffnet aber erst um 11 ihre Tore. 2 Stunden warten möchte ich nicht, und so laufe ich nach ein paar Fotos weiter.

Dafür finde ich einen tollen Supermarkt. Eigentlich ist es völlig egal, ob ein Laden 50 Artikel hat oder 50 000, denn meine Einkäufe sind eh immer gleich praktisch und limitiert. Trotzdem erfreue ich mich fast eine halbe Stunde an der Auswahl, erstehe statt des üblichen Baguettes ein tolles Kürbisbrötchen, das sogar innen kürbis-orange ist, und kaufe statt des billigsten abgepackten Käses heute an der Bedienungstheke. Die Verkäuferin ist sehr nett und zuvorkommend, ich lasse mir einen beliebigen Käse von ihr empfehlen, wir fuchteln beide wild mit den Armen bei der Auswahl, ob er viel oder wenig Aroma haben soll. Meine einkäuflichen Tageshighlights sind meine Dosen, je nach Laune Kás, Cola, Schweppes, Tonic…

Der Weg geht durch die Stadt; wie in León bin ich unsicher und folge lieber den Rucksäcken vor mir als den Anschluss zu verlieren und nach den Markierungen laufen zu müssen, die ich schon seit der Templerburg nicht mehr so wirklich sehe.

Bis zu meinem heutigen Etappenziel Cacabelos geht es für mein Empfinden nur an asphaltierten Straßen entlang. Ich bin etwas unleidig und enttäuscht.

Die Herberge ist faszinierend; um eine Kirche herum sind lauter kleine 2-Bett-Zimmerchen gebaut. Ich muss an meinen Freund denken und wie schön es gewesen wäre, wenn wir auf unserem Camino so eine Privatsphäre gehabt hätten. Statt dessen teile ich mein Zimmer mit einer Französin aus der Großgruppe von gestern und fühle mich rein gar nicht wohl. So schön ein Zweibettzimmer mit jemand Bekannten ist, so beklemmend empfinde ich es jetzt mit jemand Fremden. Mein Französisch ist völlig eingerostet, ich kann mich überhaupt nicht ausdrücken und fühle mich total idiotisch. Wie immer langweile ich mich, weil noch nicht viele Leute da sind und die wenigen in ihren Zimmerchen sind. Die, die herauskommen, sind Deutsch und sitzen auf den Bänken im Hof, als säßen sie zu Hause auf dem Sofa. Ich frage mich, ob alle Pilger ähnliche Themen haben. Für den Moment habe ich jedenfalls das untrügliche Gefühl, dass keiner so einen Blödsinn verzapft wie die Deutschen, und ich bin mir nicht sicher, ob das nur daran liegt, dass ich die anderen Sprachen nicht so gut verstehe.

Endlich sehe ich ein bekanntes Gesicht; einen Spanier, mit dem ich in Rabanal kurz gesprochen habe. Auch er spricht nur Spanisch, und während ich beim ersten Treffen irgendwie nie wusste, was er jetzt gesagt oder gefragt hat, haben wir heute mit etwas mehr Ruhe eine tolle Verbindung. Er erzählt von seinem Beruf und seinem Psychologie-Studium nebenher. Wahrscheinlich hat er dabei etwas von seinen Zuhörerqualitäten abbekommen. Er schaut mich ermutigend, ruhig und freundlich an, während ich mit meinem 50-Worte-Wortschatz wild vor mich hinpuzzle, um mich verständlich zu machen. Er wartet, bis ich selber zufrieden mit meinem Satz und meiner Aussage bin, anstatt mir hilfreich Worte in den Mund zu legen. Aber trotz der Mühen des Studiums nebenher arbeitet er nicht als Psychologe, was ich nicht recht verstehe. Es gibt zu wenig Geld, erklärt er. Ob er das nicht vorher gewusst hätte, will ich wissen. Doch. Ich bin etwas ratlos und frage, ob es denn wenigstens ihm etwas gebracht hat, ob man mit so einem Studium schlauer ist und sich und andere Menschen besser verstehen kann. Er lächelt mich weiterhin auf seine etwas schiefe Weise an, zieht seinen Pullover an den Armen etwas hoch und zeigt mir die Innenseiten. Im nächsten Augenblick ist er aufgestanden, macht ganz oft verlegen „pst“ und ist weg. Ich bin etwas überrascht; mein erster Gedanke ist, dass ich schon schlimmere Schnibbler gesehen habe und bei ihm ja eigentlich gar nicht viel war. Im selben Moment dämmert mir aber, dass es pro Seite exakt eine große Narbe war, diese dafür riesig und voll über die Pulsadern.

Ich bin mal wieder total geplättet und durcheinander; auf diesem Camino passieren laufend Sachen, auf die ich noch keine eingeübte oder durchdachte Reaktion auf Lager habe. Ich habe das Gefühl, gerade etwas mitgeteilt bekommen zu haben, was noch nicht oft weitergegeben wurde. Ich weiß nicht, warum er es gerade mir mitgeteilt hat. Ich bin tief bewegt, und meine Gebete, die mir mittlerweile schon wie selbstverständlich über die Lippen kommen, widme ich heute ganz eindeutig diesem Spanier.

Am anderen Ende meiner Bank lässt sich die Oregano-Koreanerin nieder. Sie scheint wie ich lieber die Supermärkte als die Restaurants unsicher zu machen und packt lustige Spießchen und eine Dose mit dubiosen Meeresfrüchte aus. Ich kann mir doch nicht verkneifen, sie zu fragen, was das ist. Sie schaut die Dose interessiert an, zuckt mit den Schultern und gibt ein fragendes „Hm?“ von sich. Sie weiß es selber nicht, aber sie kauft halt immer mal irgendwas. Ob es denn dann auch schmeckt, will ich wissen. Wieder sinniert sie, bevor sie „maybe?!“ sagt. Ich stelle fest, dass sie gar nichts gegen mich haben muss, sie ist nur einfach ziemlich schüchtern, sehr unsicher mit ihrem spärlichen Englisch und ganz abgesehen davon einfach ein cooles Persönchen. Sie ist gerade mal 23 Jahre alt, von der Statur nicht unbedingt zum Pilgern geboren und ganz schön weit weg von zu Hause. Ob ich nun frage, ob sie da keine Angst vorher hatte oder Bedenken oder ob es hier anders ist oder ob das Laufen anstrengend ist, immer lächelt sie etwas in sich hinein, scheint nachzudenken und fabriziert dann ein „maybe?!“, „mhm, why not?“ und „mhm, yeah“. Sie ist echt abgebrüht, durch nichts aus der Ruhe zu bringen und vor allem ein hemmungsloser Optimist. Meine Routenplanung liegt wie jeden Tag ausgebreitet vor mir, ich wälze jeden Abend 3 Führer und denke die nächsten 2 Wochen in allen Eventualitäten durch (und werde dabei natürlich auch nicht wirklich schlauer). Der morgige Tag bereitet mir auch super Kopfzerbrechen. Als ich sie frage, wo sie denn langgeht und was sie davon denkt und mit welchem Führer sie plant, guckt sie entgeistert. Sie hat eigentlich gar keinen Führer, und eine resolute Spanierin hat ihr mal eine kopierte Seite in die Hand gedrückt, damit sie wenigstens weiß, wo Herbergen sind. Aber sie sieht mir so aus, als ob ihr eigentlich schon das nicht wirklich notwendig erscheint. Sie läuft halt mal so, und wenn eine Herberge kommt, schön, und wenn keine kommt, dann geht mal halt bis zur nächsten weiter. Unsere Lebensmodelle und Herangehensweisen unterscheiden sich aufs Extremste, aber zumindest für den Moment erscheinen mir ihre deutlich vernünftiger.

Irgendwann finden wir uns auf ernstem Terrain wieder. Sun lächelt zwar immer noch auf die gleiche reservierte Art und ihr Gesichtsausdruck ist immer der gleiche, aber auf einmal sieht sie nicht mehr nur cool und mit einem sonnigen Gemüt gesegnet aus. Was ihre Familie dazu sagt, dass sie so allein in der Ferne pilgert (wo doch schon meine Mutter aus dem Häuschen ist). Sie würden nichts dazu sagen, es wäre ihnen egal. Vermissen würde sie sie auch nicht, ihren Bruder würde sie gar nicht mögen. Ich halte es für dahingesagt, aber sie beharrt darauf, er wäre nicht nett zu ihr. Ich erhalte einen kurzen Einblick in eine Familie, in der eine Tochter wenig zählt und in der man sie wissen lässt, dass sie unwichtig, unerwünscht und ein Nichts ist. Sun steht mit verschränkten Armen, trotzigem Gesichtsausdruck und etwas glasigem Blick vor mir im Innenhof der Kirche, und mir tut es in der Seele weh. Da fühle ich mich oft allein oder benachteiligt, aber ich habe eine Familie zu Hause, die mich liebt, wie ich bin, obwohl ich oft enttäusche. Die mich mein Leben lang unterstützt und aufgebaut hat und hinter mir steht. Ganz vage habe ich einen Eindruck vor Augen, wie sich Sun seit zwei Jahrzehnten allein mit den verschränkten Armen und dem trotzigen Gesichtsausdruck durchs Leben kämpft und wie sie seit Jahren ununterbrochen auf Reisen ist. Vielleicht nicht nur aus Spaß und Freude am Reisen, sondern weil sie etwas sucht.

Nach den Gesprächen mit dem Spanier und Sun habe ich das Gefühl, als wäre die Engländerin aus der Messe in Rabanal in meinem Kopf. Nur schmettert sie diesmal wutentbrannt „so who are you to complain?!“.

Ich gehe abends in die Messe (so bequem direkt vor der Tür hatte ich es schon lange nicht mehr) und gehe früh schlafen. Im Waschraum höre ich wieder die Engländerin in meinem Kopf, als ich eine Pilgerin sehe, die sich abschminkt und dazu auch ihre Perücke abgenommen hat. Auch treffe ich eine Deutsche wieder, die ich in Astorga kurz getroffen habe und die in Molinaseca in der gleichen Herberge war und vor lauter Bauchkrämpfen ziemlich hoffnungslos war, überhaupt einen Schritt weiter gehen zu können. Ich freue mich für sie, dass sie trotzdem diese ordentliche Etappe geschafft hat. Ihr Rucksack bereitet ihr Kopfzerbrechen, und sie plant für morgen eine komplett andere Lastenverteilung.

Read Full Post »