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Archive for November 2010

Anscheinend habe ich Burgos zu einem speziellen Festtag erwischt, was auch die Menschenmengen in den Straßen gestern erklären würde. Jedenfalls herrscht die ganze Nacht über noch eine beeindruckende Geräuschkulisse auf den Straßen, die bis in unseren Schlafsaal unter dem Dach dringt. Probehalber nehme ich immer mal wieder meine unbequemen Ohrstöpsel heraus, um sie dann aber auch schnell wieder einzusetzen.

Gegen 7 beginnt kollektives Aufstehen; ich packe meine Sachen schnell zusammen und verdrücke mich in den Aufenthaltsraum im Erdgeschoss. Von routiniertem Packen keine Spur, ich bin absolut unkoordiniert. Kaum habe ich alles im Rucksack, fällt mir ein, dass die Rucksackhülle ganz zuunterst ist. Kaum habe ich meine Schuhe an, fällt mir ein, dass ich noch nicht Hirschtalg gecremt habe. Das Tübchen findet sich dann natürlich auch ewig nicht, ich muss nochmal alles auspacken. Meine Ohrstöpsel liegen noch auf dem Tisch, die sollten doch eigentlich in den Waschbeutel, den ich aber auch gerade mühsam unter den Crocs und Regensachen verstaut habe. Dann fehlt noch die Taschenlampe, auch wieder irgendwo in den Tiefen des Rucksacks. Oder das Stirnband oder der Foto. Ich kriege schier die Krise. Es dauert sicher eine gute Dreiviertelstunde, bis ich endlich abmarschbereit bin.

Draußen ist es überraschenderweise noch stockdunkel. Ich bin ja auch später im Jahr dran, trotzdem hätte ich intuitiv auf einen Sonnenaufgang spätestens um 8 getippt. Zum Glück kenne ich grob den Weg. Hinter mir kommen einige Pilger von der stressigeren Sorte, die mit ihren Lampen die ganze Zeit wild die Umgebung ableuchten. Ich komme mir ein bisschen vor wie im Flackerlicht einer Disco. An einer Kreuzung fehlen für einen Moment die Pfeile. Ich habe gerade wieder einen gesichtet, zu Beginn des baumbestandenen Parks, aber ein Pärchen hinter mir hat schon blitzschnell einen Passanten gefragt, der die Fahrstraße zeigt. Sie rufen ein „hey!“ und fuchteln wie wild in Richtung der Straße, um dort auch gleich weiterzuhetzen. Mir ist das egal, ich nehme den Park und bin fast ein bisschen froh über meine Ruhe. Gegen die Straße hat sich ebenfalls ein älterer Italiener entschieden. Ich bin fast schon erleichtert, dass er nett und sympathisch auf mich wirkt und ich mich zum ersten Mal wieder ein bisschen zu Hause fühle.

Am Ende des Parks verabschiede ich mich, um einen Fotostopp zu machen. Er hat ein ziemliches Tempo, und ich möchte nicht an allem vorbeirennen. Noch dazu nicht mit meiner frisch aufgeladenen Digitalkamera. Ich probiere neugierig ein bisschen die Möglichkeiten aus und bin positiv überrascht, dass meine Bilder bei Dunkelheit diesmal schon deutlich besser werden.

Während ich weiterlaufe, kommen mir die beiden Stresspilger und der Italiener schon wieder entgegen. In ihrer Eile sind sie an einer Abzweigung vorbeigelaufen. Sie erinnern mich ein bisschen an meine Schulzeit und an meine Art, Matheaufgaben anzugehen. Anstatt etwas zu überlegen, habe ich wild alle Zahlen irgendwie zusammenjongliert, um mich nachher 100 x zu verrechnen und 50 falsche Wege einzuschlagen, am Ende aber dank meiner Schnelligkeit doch noch rechtzeitig das Ergebnis zu haben. Nur war mein Lehrer immer sehr unamused über die vielen Seiten Irrwege, durch die er sich durchkorrigieren musste.

Ich lasse wieder alle passieren und genieße meine Ruhe. Es ist fast schon 9, und noch immer ist es nicht wirklich hell. Das überrascht mich nun doch. Dafür hat es Vollmond. Und eine manierliche Kälte, sodass ich froh bin über mein Stirnband, meine Handschuhe und einen dünnen Mehrzweckschlauch, den ich momentan als Halstuch und Mund- und Wangenschutz nehme.

Als irgendwann endlich die Sonne herauskommt, wird es mit einem Schlag deutlich wärmer und deutlich belebter. Mich überholt ein lustiger Radpilger. Die meistens fahren filigrane Rennräder oder zumindest etwas ansatzweise sportliches, das Gepäck in Satteltaschen verstaut. Dieser Asiat dagegen hat ein rustikales 24-Zoll-Rad, auf dem er mit einem riesigen Fußpilgerrucksack thront. Bzw. der Rucksack thront sauber abgestützt auf dem Gepäckträger. Intuitiv würde nur noch der Sattelüberzug aus Lammfell fehlen.

Ebenfalls überholt mich ein englisch sprechendes Pärchen, der George Clooney-Beau und die überaus strahlende Pilgerin, die mich gestern im Schlafsaal so nett begrüßt hat. Beide sind nicht nur überaus schnell, sondern auch wie aus dem Ei gepellt gekleidet. Während ich unter meinen zahlreichen wärmenden Accessoires eine wild verstrubbelte Frisur an den Tag lege, gegen die Kälte mit diversen Schichten aus Fleece und Regenjacke ankämpfe und mit meinen unförmigen Riesenstiefeln in Größe 45 vor mich hinstolpere, haben beide ein mustergültiges 40-Liter-Rucksäckchen, ein enges Hightechfleece und einen luftig leichten Schritt. Zumindest der deutlich größere Schönling. Vermutlich laufen sie noch nicht sehr lange miteinander, denn die weibliche Komponente muss ganz schön springen, um mitzuhalten.

Unsere Wege kreuzen sich laufend, weil immer wieder jemand für Fotos oder zum Umziehen stoppt. Und jedesmal bin ich ein bisschen mehr frustriert. Die Blonde hat die perfekte Frisur, jedes Strähnchen liegt perfekt an Ort und Stelle, und das makellose Zahnpastalächeln kommt bei jeder Begegnung noch strahlender, herzlicher und perfekter. Der Grauhaarige kann auch absolut perfekt und charming lächeln, allerdings hebt er sich das eher für seine Begleiterin auf. Vermummte Michelinmännchen werden in seiner Wahrnehmung wahrscheinlich gleich herausgefiltert. Für meinen inneren Seelenfrieden lege ich eine längere Pause ein, bis sie außer Sichtweite sind.

In den ersten Dörfern nach Burgos treffe ich auf vereinzelte Pilger, unter anderem winkt mir auch der Italiener strahlend von der Sonnenterrasse eines Cafés zu. Obwohl es Sonntag ist und ich mit geschlossenen Läden rechne (dafür habe ich ja aktuell 11 Cherry-Tomaten und 6 Mandarinen im Gepäck), halte ich mit einem Auge Ausschau nach einem Laden. Und wirklich findet sich eine Bäckerei, die sogar eingefolte Chorizo hat. Voller Vorfreude auf eine gemütliche Pause laufe ich weiter. Ich möchte an der kleinen Kirche stoppen, an der ich vor 2 Jahren José getroffen habe. Aber diese kommt weder in Villabilla de Burgos noch in Tardajos. Dafür komme ich an den ersten herbstgefärbten Bäumen vor strahlend blauem Himmel vorbei und bin komplett begeistert. Ich mache bestimmt 20 Bilder, so unwirklich erscheint mir das nach vielen Wochen grauer Nebelsuppe zu Hause.

Nachdem ich langsam wirklich Hunger habe und auch eine Pause machen könnte, setze ich mich dann eben ohne Kirche auf eine Bank an der Straße. Mich überholt ein sehr schneller Pilger ohne Arme, dem ich vorher bei seiner Pause einen guten Appetit gewünscht habe. Nun habe ich im Gegenzug den Mund voll und kann nur schief grinsen und mit einem halben Baguette winken. Mandarine Nummer 6 entpuppt sich nicht als die ideale Wegzehrung, meine Hände sind gelb-weiß verspritzt, und kein Wasser weit und breit. Kurz packe ich meine Füße aus. Blasen hat es keine, aber irgendwie melden sich die Fußsohlen schmerzhaft.

Irgendwann kommt doch noch die Kirche, vor der ich mich einige Minuten wie einst José in die spärliche Sonne setze und einige Gebete für ihn abschicke. Danach, nach dem letzten Örtchen Rabé de las Calzadas, geht es dann mit einem Schlag in die so geliebte Weite der Meseta. Der leuchtend weiß geschotterte Weg, zur Rechten die karge Landschaft, helles Gras vor dunklen Wolke und einigen großen Vögeln, die ihre Kreise ziehen- ich bin sprachlos und im Minutenabstand am Fotografieren.

Wegen mir könnte der Weg ewig so weitergehen, und ich bin extrem dankbar für das wunderbare Wetter und die Entscheidung, diese Strecke in meinen Camino einzubauen. Die Sonne scheint vom mittlerweile wolkenlosen Himmel, dafür geht ein recht heftiger Wind, der meine Haare fliegen und die Hose flattern lässt. Raschelnd und ratternd nähert sich eine Pilgerin aus Estland, die recht lustig zu sein scheint, ihren Erzählungen zu entnehmen, die sie gegen den Wind schreit. Zum einen schüttelt sie sich alle 20 Meter ein Steinchen aus der Sandale heraus. Die schweren Stiefel baumeln am Rucksack; die drücken ihr. Sie trägt sie aber lieber tapfer durch die Gegend, falls es mal regnen sollte. Das hat es bisher erst 2 Tage, erzählt sie. Ganz am Anfang in Frankreich, und seitdem nur strahlender Sonnenschein. Sie erzählt von ihrer Anreise, die beruhigend ähnlich schlecht geplant war wie die meinigen. Über Pamplona ist sie nur bis Roncesvalles gekommen, hätte aber keine Lust gehabt, wie die anderen dann einfach von dort zu starten. Ein Taxi allein war ihr zu teuer, deswegen ist sie einfach zu Fuß im strömenden Regen nach Saint-Jean-Pied-de-Port gelaufen – um einen Tag später im gleichermaßen strömenden Regen und Nebel wieder die Etappe zurück zu laufen. Sie gefällt mir, und ich bin etwas traurig, als Hornillos in Sicht kommt, wo ich stoppen werde. So schnell und gut trainiert wie sie ist, läuft sie natürlich weiter, während ich mir für den Anfang eine ruhige 20km-Etappe verordne.

In Hornillos auf dem zentralen Platz vor der Kirche, Herberge und Bar ist viel los, allerdings stoppen die meisten vermutlich nur für eine Mittagsrast. Ich tappe zur Herberge, wo mich ein Hospitalero einholt und einchecken lässt. Ich bin die erste und fühle mich wie üblich etwas traurig, zu stoppen, während alle weiterlaufen. Im Gegensatz zu vor 2 Jahren hat es plötzlich einen schicken, neuen Waschraum im Untergeschoss, sodass ich schön heiß duschen und waschen kann. In der Kelleretage ist es etwas ungemütlich kalt, aber auch draußen weht so ein eisiger Wind, dass ich lieber schnell wieder in die Herberge zurückgehe. Ich schreibe mein Tagebuch, während es sich dann doch etwas füllt. Weitgehend mit älteren Franzosen- und Italienerpärchen, die sich alle schon untereinander kennen und ein bisschen wie die Heuschrecken einfallen. Ich könnte nicht einmal sagen, woher dieser Eindruck kommt. Vielleicht von der durchweg sehr lauten Art, der stur französischen Sprache, der selbstverständlichen Gewohnheit, alles so umzustellen und in Beschlag zu nehmen, wie es ihnen gefällt – und der recht selbstverständlichen Art, sich über alle etwaigen Missstände blumig auszutauschen. Während sie sich hier sehr zu Hause fühlen und die Herberge im Nu in Klein Frankreich verwandeln, fühle ich mich schon wieder ähnlich unwohl und fehl am Platz wie gestern.

Ich sitze in der Küche mit Blick auf die Neuankömmlinge. Momentan sorgt ein zahnloser, ungepflegter Spanier mit Bierbauch für Aufsehen, der wild vor sich hingrummelt und flucht und schimpft. Anscheinend geht es seinen Füßen nicht besonders gut, dazu kommt, dass er es unmöglich findet, in diesem Zustand ein oberes Stockbett zugeteilt zu bekommen. Ich könnte eigentlich tauschen, aber irgendwie scheint das gar nicht zur Debatte zu stehen, er will einfach poltern. Mir wird ein bisschen Angst und Bange, und ich räume schnell ein bisschen meine Sachen zusammen, die ich wie üblich weitläufig um mein Bett verteilt habe. Und mache dabei die Bekanntschaft eines weiteren älteren Spaniers, der mich mit einer Begeisterung begrüßt, als wäre ich seine verlorene Tochter. Das ist mir schon ein bisschen too much, noch dazu fasst er mich ständig vertrauensvoll an der Schulter und scheint das Gefühl zu haben, mich für den Rest des Tages umsorgen und bespassen zu müssen. Ich lege ein etwas verzweifeltes Mittagsschläfchen ein, um wieder warm zu werden und den geschäftigen Franzosen, dem fluchenden Spanier und dem begeisterten Spanier zu entgehen, der sich effektvoll vor meinem Bett umzuziehen beginnt.

Beim Aufwachen hat es immerhin doch noch zwei jüngere Semester, ein weiteres „Caminopärchen“, welches sich in Englisch unterhält. Die weibliche Komponente ist eine Deutsche aus Schwaben, und so ungern ich meist unter Deutschen glucke, so tut mir im Moment ein Hauch von Heimat gut. Ein ebenfalls deutscher, ebenfalls junger Pilger freut sich mit großem Hallo über ihr Wiedersehen. Der Franzosentrupp bricht unter noch größerem Hallo geschlossen in die Kirche auf. Als ich ein paar Minuten später daran vorbeilaufe, klingen Choräle aus der angelehnten Tür. Neugierig setze ich mich dazu. Zwei der Franzosenpaare singen durchaus virtuos. Anscheinend tun sie das jeden Tag, es scheint eine gewisse Caminotradition für sie zu sein. Und so singend in der Kirche macht sich ihre Lautstärke und ihre Präsenz auch wirklich gut.

Zurück in der Herberge versuche ich, mir etwas Geduld mit mir, meinem Camino und meinen Mitpilgern einzuimpfen. Ich bin nicht mal schlecht, bis mit lautem Geschrei oben der gestrige deutsche Hühnerhaufen Einzug hält. Resigniert ziehe ich mir wieder alles Warme an und gehe doch nochmal nach draußen. Kaum habe ich die Tür hinter mir geschlossen, empfängt mich ein deutsches „kannst Du mal eben ein Foto von mir machen?“. Der Deutsche von vorhin sitzt dekorativ mit den Füßen in einer Wanne auf den Stufen der Kirche. Ich mache sein gewünschtes Bild und setze mich dazu. Ein paar Meter entfernt von der Stelle, wo ich damals mit José eine sehr beeindruckende Begegnung hatte, entspanne ich mich auch jetzt plötzlich wieder mit einem Schlag in der Gesellschaft dieses Pilgers, mit dem sich einfach wunderbar locker reden lässt. Er plaudert von seinem Salzfußbad, das er jeden Tag gegen Blasen an den Füßen macht, erzählt von seiner trampenden Anreise an den Frankfurter Flughafen und dass er deswegen eine manierliche Jeans mitschleppt, weil er da einfach noch  nicht wie ein abgerissener Pilger aussehen wollte. Leider ist er sehr schnell unterwegs, 35 km am Tag, unsere Wege werden sich also schnell wieder trennen. Mich begeistert allerdings die Vorstellung, dass er bei dieser Schnelligkeit fast schon wieder gleichzeitig mit mir in Santiago ankommen könnte (begünstigt durch meinen Bus zwischendurch).

Während er zum Essen in die Bar geht, habe ich noch reichlich Vorräte. Ich bereite den Cherry-Tomaten und den heutigen Einkäufen ein Ende, während am anderen Ende des Tisches einige Deutsche sitzen. Ihren Themen nach zu urteilen erklärt sich für mich einiges. Es scheint sich um Betreuer zu handeln, und deren Hühnerhaufen hat ein zartes Durchschnittsalter von 17, was mich mit einem Schlag versöhnt und beruhigt. In diesem Alter spricht vermutlich nichts gegen das Niveau ihrer Gespräche. Spätestens, als wir ein warmes Kaminfeuer angefacht bekommen und eines der Mädels recht bemüht versucht, den Text im Führer zu lesen (und spätestens am Verständnis desselben weitgehend scheitert), überkommen mich fast Tränen der Rührung, als sie völlig begeistert und mit einem gewissen kindlichen Enthusiasmus entscheidet, unbedingt bei El Resti schlafen zu wollen, weil sie das dortige Handyverbot und die morgendliche Weckmusik toll findet. Erst ein paar Augenblicke später fragt sie dann nachdenklich, was denn El Resti ist und wie viele Tage man für diese 20 km braucht.

Ich greife meine Caminotradition auf und beginne, ein Armbändel für den so herzerfrischenden David zu knoten. Lange muss ich mich nicht allein beschäftigen, denn zwei junge Koreanerinnen und die beiden Spanier machen es sich ebenfalls in der Küche bequem. Der Überschwängliche heißt Domingo, und seinen brummeligen Freund ziert der höchst treffende Name Angel. Sonntag und Engel, hervorragend. Domingo arbeitet als Kellner, und offensichtlich hat es sich als geschäftsfördernd erwiesen, kleine Scherze in möglichst vielen Sprachen einstreuen zu können. Er quasselt wie ein Alleinunterhalter, und die zahlreichen „alles klar?!“ und „schöne Abend!“ ergeben nicht immer fürchterlich viel Sinn. Er lauscht geduldig meinen spanischen Bruchstücken (die vermutlich unabsichtlich noch weniger Sinn ergeben) und entertaint unsere kleine Gruppe, während wir eine geduldige Dolmetscherrunde abgeben. Ich versuche, die Koreanerinnen auf Englisch im Bilde zu halten und das Ergebnis dann Sonntag auf Spanisch zu kommunizieren. Angel versteht seltsamerweise anscheinend nichts davon; manchmal wechselt Domingo noch ein paar erklärende spanische Worte mit ihm bzw. erzählt uns stellvertretend für Angel, dass dieser Probleme mit den Beinen hat, dass er irgendwas mit Hühnern arbeitet, nachdem er vorher in einer Mine gearbeitet hat und einen Unfall hatte. Und dass er bemerkenswert wäre, er würde ohne reden verstehen. Auch wenn er kein Englisch verstehen würde, würde er es mit den Augen oder mit dem Herzen verstehen. Diesen Eindruck habe ich allerdings auch, spätestens, nachdem wir lustiges Alterraten machen (Sonntags Tipp, dass die Asiatinnen sicher unter 20 sind, übersetze ich ihnen lieber nicht) und sich Sonntag als „young boy“ ausgibt. Mein Blick fällt auf Angel, der keine Miene verzieht, aber unmerklich den Kopf schüttelt und ebenso unmerklich auf sich selber zeigt. Nachdem seine 51 Jahre schon abgeklärt sind, vermute ich wenig gekonnt 50 Jahre bei Sonntag, der aus allen Wolken fällt, dass er doch 38 wäre und wie die junge Damenwelt das denn um alles in der Welt nur nicht so sehen kann. Ich tausche ein unmerkliches Lächeln mit Angel und bin seltsam glücklich. Nicht nur, dass ich in dieser Herberge doch noch nette Menschen gefunden habe, sondern es bewahrheitet sich mal wieder, dass man nicht nach dem ersten Eindruck gehen sollte. Dass sich gerade der zahnlose Wüterich als feiner Kommunikationspartner nur über Blicke herausstellt, hätte ich wirklich nicht gedacht.

Der salzfußbadende David kommt mit zwei weiteren jungen Pilgern vom Abendessen zurück. Entweder, er hat ziemlich viel getrunken, oder er reagiert schnell auf Alkohol, auf alle Fälle sieht er leicht rotgesichtig und glasig aus. Die beiden anderen sind Franzosen, die zufällig schon lange zusammen laufen. Einer hat einen kleinen, weißen Hund, der unter der Wäscheleine in einem kleinen Körbchen schlafen darf, nachdem er so lammfromm ist (als ich etwas verzagt meine Wäsche abnehme und ihn leider doch beim Schlafen störe, öffnet er nur mäßig aufgeschreckt und aggressiv ein Auge). Der andere Pilger hat bereits in Frankreich begonnen, er ist schon 2000 km unterwegs. Er möchte mittlerweile möglichst schnell ankommen. Ich bin etwas überrascht, ich persönlich pilgere liebend gern je länger, desto lieber. Er meint, er wäre nicht unbedingt der Pilgertyp, aber seine Freundin hätte ihn gefragt, ob sie nicht langsam ein Haus kaufen und eine Familie gründen wollen, noch dazu wäre er sich mit seinem Beruf gerade nicht so sicher. Zaghaft frage ich, ob der Weg denn schon in irgendeiner Form eine Antwort gebracht hätte. Mit der Freundin ja. Irgendwie geht mich das ja nichts an, daher frage ich noch eine Spur zaghafter, wie denn die Antwort ausgefallen ist. Das „Ja“ ist eines der schönsten und beeindruckendsten Jas, die ich bisher erlebt habe. Ohne die Miene zu verziehen, strahlt er unglaublich von innen heraus.

David möchte wissen, wohin ich morgen gehe. Ich habe das Gefühl, dass er gerne noch mit mir laufen würde, was durchaus auf Gegenseitigkeit beruht. Trotzdem bin ich fast froh, Castrojeriz in 17 km Entfernung sehr klar auf dem Plan zu haben, was für ihn mit seinem 35 km-Plan definitiv zu kurz ist. Im Moment bin ich nahezu süchtig nach Caminofreundschaften und dem Gefühl von Seelenverwandschaften, was im Übermaß aber sicher nicht gut ist. Und zur Selbstfindung, Erdung und zum Auftanken auch nur bedingt förderlich.

Ich gebe ihm mein erstes Caminobändel mit dem Wunsch, dass er sein Mammutpensum gut durchsteht und wir uns vielleicht in Santiago wiedertreffen. Auch für Angel habe ich eins gemacht, er ist allerdings schon schlafen gegangen. Zu Gunsten eines unteren Stockbetts in einem anderen, später aufgeschlossenen Raumes. Seinen Sonntag hat er auch gleich mitgenommen. Sicher zwei Schnarcher weniger.

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Bereits seit dem Frühling und seit der Via de la Plata spukt mir bereits wieder die Idee im Kopf herum, trotz Heiligem Jahr und eventuell vermehrtem Trubel doch noch mal auf den Camino Frances zu gehen. Nachdem es plötzlich auch noch mit 2 Wochen Urlaub klappt, gibt es kein Halten mehr. Mein Plan ist (wie eigentlich schon im Frühling), in Burgos zu starten und einfach völlig ohne Stress und Planung so weit zu laufen, wie ich komme und von da den Bus bis Santiago zu nehmen. Der Gabelflug nach Madrid und zurück via Santiago ist schnell gebucht. Wenige Wochen vorher möchte ich noch die Busverbindungen klar machen und ausdrucken, von welchen Orten vor Santiago man wann abfahren kann. Mein fröhlicher Test auf beispielsweise Triacastela an einem Samstag, einen Tag vor meinem Rückflug, ergibt exakt kein einziges Ergebnis. Auch am Sonntag selber nicht. Optionen wie irgendwo um O Cebreiro morgens um 6 einen Tag vorher mit kompliziertem Umsteigen und dem Verlust eines ganzen Tages machen mich völlig konfus und verwirrt. Wie immer landen meine Gedanken in einer Endlosschleife aus Eventualitäten und Unmöglichkeiten, bis ich fast verzweifle. Der rettende Gedanke kommt in Form der Möglichkeit, doch bis Santiago zu laufen, aber einfach 14 Etappen vorher zu starten. Dafür kann ich mich spontan auch begeistern. Zwar nehme ich so eventuellen Trubel in Kauf und durchlaufe doch wieder eine Woche das mir recht wenig sympathische Galizien, aber dafür bekomme ich doch noch eine Compostela und erlebe Santiago, wie es sich gehört – mit der ehrlichen Erschöpfung eines Pilgers, der es zu Fuß geschafft hat. Rundum versöhnt durchforste ich die Busverbindungen beispielsweise nach Sahagún – an meinem Ankunftstag Samstag ein ähnliches Ding der Unmöglichkeit, allein schon wegen der moderat geeigneten Flugverbindung, die mich erst gegen 16 Uhr in Madrid ausspuckt. Im Stundentakt disponiere ich nun um. Doch Start erst in León, dafür aber Abstecher nach Finisterre. Aber selbst León lässt sich nicht in einem Tag erreichen. Letztlich versöhne ich mich damit, Burgos zu erreichen, dort zu übernachten und am nächsten Tag Richtung León zu fahren.

Wie üblich kommt doch wieder im letzten Moment alles anders. Auf meinem Sofa, das schon berüchtigt ist für spontane Planänderungen, fällt mein Blick plötzlich auf die Etappen der Meseta, ich rechne ganz grob durch und konsultiere meinen mittlerweile ständigen Begleiter, die alsa-Website. Alles fügt sich perfekt zu folgendem Endplan: statt Bus vor Santiago oder Bus ab Burgos nehme ich den Bus zwischendrin. An einem manierlichen Wochentag hat es mittags ab Carrion de los Condes eine Busverbindung nach Astorga. Carrion de los Condes sollte ich mit 4 Wandertagen erreichen, und mit Weiterleitung nach Astorga schaffe ich es nach der groben Etappenplanung meines Wanderführers bis Samstag nach Santiago. Ich bin überaus erleichtert, endlich eine Lösung gefunden zu haben und diese Ungewissheit abschließen zu können.

Wie üblich habe ich Chaos, Trubel und Stress bis zur letzten Minute. Als ich Freitag Abend von der Arbeit nach Hause fahre, kann ich mir schwer vorstellen, am nächsten Tag um diese Zeit bereits peregrina zu sein. Vor allem würde ich am liebsten meine üblichen Packlisten über Bord schmeißen. Die Mitnahme von Sonnenhut und Sonnenmilch erscheint mir lächerlich, umgekehrt der Verzicht auf jegliche Winterjacke fast schon unvernünftig und grob fahrlässig. Der Eindruck verstärkt sich noch, als mich an meinem Abreisemorgen die Geräusche von Eiskratzen zum Bahnhof begleiten. Mein morgendliches Rucksackwiegen hat horrende 9,9 kg ergeben (am Bahnhof gleich noch um ein Kilo Wasserflasche aufgestockt), ich weiß gar nicht, wo das alles her kommt. Bzw. vielleicht doch zum Teil. Ich habe mich gegen Frieren in meinem üblichen 800g-Billigschlafsack entschieden und für einen bereits vorhanden, superwarmen, leider auch superschweren 2 kg – Schlafsack. Zum ersten Mal habe ich eine Digitalkamera dabei (die natürlich ein Ladegerät benötigt), und auch von meinem riesigen 65+20 l Rucksack konnte ich mich wieder nicht trennen. Ich habe keine Ahnung von der Jahreszeit, die mich erwartet, ich habe ein halbes Jahr keinerlei Sport mehr gemacht und trage einen Rucksack, von dem ich jedem abraten würde. Mit dem recht untrüglichen Gefühl, wohlwissend in mein Unglück zu laufen, ist mir recht jämmerlich zumute.

Ich erreiche den Flughafen Zürich problemlos und im Zeitplan. Das Aufgeben des Gepäcks lichtet meine Laune, indem der aufzugebende Rucksack nur noch 7,9 kg wiegen soll. In meinem Handgepäck habe ich eigentlich weitgehend nur Fressalien, aber vielleicht habe ich davon ja auch 3 kg eingepackt. Während ich in der Wartehalle schon mal eifrig Gewicht zu dezimieren beginne, könnte ich mich ohrfeigen, dass ich auch mein Tagebuch samt geliebtem, ultraleichten Kuli mit im Handgepäck habe. Mir ist etwas in Erinnerung, dass ein Kuli auch schon potenziell problematisch ist. Beim Durchleuchten meines Handgepäcks stößt der Flughafenmitarbeiter am Kontrollschirm wirklich auch einen sehr erstickten Laut aus und wedelt panisch seine gesamte Kollegenschaft zu sich. Mein Hab und Gut sieht im ersten Moment wirklich recht beeindruckend aus und erinnert mich spontan an die giftigen, grünen Kugelketten aus „The Rock“. Ich versichere, dass es sich dabei um etwa 14 Cherry-Tomaten und 7 Mandarinen handelt. Die Atmung des guten Mitarbeiters normalisiert sich aber erst wieder, als wirklich jemand mit Handschuh meinen Beutel durchwühlt und neben besagten Flüssigkeitsartikeln nur Vollkornbrot, Salamisticks und Schokolade zu Protokoll gibt. Ich bin überaus erleichtert, vor allem über meinen Kuli, während ein altes Ehepaar am Nebenplatz fast in Tränen ausbricht vor einem ausgesonderten Stapel Shampoo, Körperlotion und Diätkonfitüre.

Mein Flieger startet zu spät, aber ich bin durchaus relaxt in dem Wissen, dass nach Burgos fast jede Stunde ein Bus fährt. In Madrid lasse ich es auch gleich langsam angehen, zur Gepäckausgabe zu kommen, kenne ich doch schon die gut einstündigen Wartezeiten. Das Gepäckband befördert noch munter Koffer aus Lima, sagt aber den ersten Koffer aus Zürich schon für in 5 Minuten voraus. Und das erste Gepäckstück ist dann allen Ernstes 5 Minuten später wirklich mein gelb eingetüteter Rucksack. Während ich eine vermutlich peruanische Restspinne von meinem Rucksack schnipse, versuche ich mein Handgepäck irgendwie unterzubringen. Wie üblich habe ich noch zu viele Tupperdosen und sperrige Artikel dabei (und 12 Cherrytomaten und 7 Mandarinen) und bin einfach noch packtechnisch schlecht organisiert.

Schlechte Organisation zeichnet auch meinen Geldbeutel aus, in dem gewichtsparend keine einzige Münze ist. Aber der Ticketautomat nimmt völlig problemlos einen Schein, ich bin ganz hin und weg, wie gut alles klappt. Während ich auf die Metro warte, wühle ich nach meinen Ausdrucken mit den Busabfahrtzeiten. Mit etwas Glück schaffe ich es auf einen völlig unerwarteten 15:30-Bus, ansonsten 16:30. Easy. Bis mein Blick auf das Datum fällt. Ich habe den Ausdruck bereits vor vielen Monaten gemacht, als ich noch dachte, erst Sonntags starten zu können. Statt Samstag halte ich Sonntag in Händen und bin höchst beunruhigt, ob die Busse heute überhaupt ähnlich häufig verkehren. Ich erreiche die Avenida America ganz kurz nach 15:30, aber auf der Anzeigetafel hat es alles mögliche, nur kein Burgos. Mir wird ganz anders. Vielleicht fährt heute überhaupt nichts mehr, oder von der anderen Busstation. Und wie ich die erreiche, hab ich überhaupt keine Ahnung. Und ob das dann noch rechtzeitig geht? Ich kiekse trotzdem für alle Fälle mal zaghaft meinen Ticketwunsch in Richtung Glasfenster – und bekomme völlig selbstverständlich ein Ticket hingeschoben. 16:30, und der Bus nennt sich eben auf der Anzeigetafel „Santander“, kein Wunder, er fährt eben noch weiter. Mir fällt ein Stein vom Herzen.

Wieder steht mir also eine Stunde Wartezeit in dem tageslichtlosen, wenig einladenden Busbahnhof bevor. Spontan kommt mir die Idee, ja mal die Umgebung auskundschaften zu können. Ich bin fast schockiert, dass es nur 10 Meter und einer Rolltreppe bedarf, bis ich in Madrid oberirdisch bei strahlendem Sonnenschein und 21°C auf einer gemütlichen Bank Platz nehmen kann. Ich bin überaus beeindruckt, wie schnell die Welt doch unterschiedlich aussehen kann, und genieße überglücklich einen weiteren Teil meines essbaren Übergepäcks.

Die Fahrt nach Burgos verschlafe ich weitgehend. Die letzte halbe Stunde bin ich wieder wach und kann direkt in beeindrucktes, überglückliches Staunen überleiten beim Anblick der untergehenden Sonne über den Getreidefeldern. So langsam realisiere ich, dass ich wieder auf dem Camino bin, wieder laufe, den ganzen Tag in der Natur bin. Wahnsinn.

In Burgos wird es gerade dunkel, sodass ich mich schnell auf direktem Weg um eine Herberge kümmere. Die Strassen sind übervoll, während ich mich zu der kleinen Herberge über der Kirche durchwühle. Fast schon ängstlich scanne ich die Tür nach einem „completo“-Schild. Mit der Erleichterung ist es dann aber doch vorbei, als sich der Türgriff nicht drücken lässt und ich ein kleines „cerrado“-Schild erspähe. Nun denn, auf zur öffentlichen Riesenherberge. Obwohl es spät am Abend ist, laufen dort zwei einzelne Pilger vor mir hin, und in der Eingangshalle sind gleich 5 am Einchecken. Mir wird etwas mulmig, und als ich liebevoll den Aufzug in den fünften Stock erklärt bekomme, kippe ich schier aus den Latschen. Die Herberge ist bis unters Dach ausgebucht. Mich überkommt eine helle Panik, wie das dann erst in Zukunft werden soll. Fasst doch diese Herberge 170 Pilger.

Statt der erwarteten (und verhassten) Einzelkajüten spuckt mich der Aufzug in einem typischen Pilgerschlafsaal voller klassischer Stockbetten aus, in dem es werkelt und rumort. Ich fühle mich ausgesprochen unwohl und wie ein Fremdkörper, während ich versuche, irgendwo ein freies Bett auszumachen. Ich bin so verunsichert, dass ich nicht einmal die anderen Pilger wahrnehme, bis mich eine sehr strahlende Pilgerin bewusst grüßt. Ich grüße zaghaft zurück und positioniere noch zaghafter meinen Rucksack an einem noch frei zu scheinenden Bett. Ich weiß überhaupt nicht, was ich machen soll und wäre am liebsten unsichtbar. Ich packe meinen Foto und mache mich nochmal auf nach unten. Eine Pilgermuschel fehlt mir noch, aber die Exemplare in den Souvenirläden haben mir zu wenig Herz. Die Kathedrale hat bereits geschlossen, aber es soll nachher noch eine Messe haben. Ich fotografiere derweil ein bisschen um die Kathedrale herum, bzw. versuche mich mit der Kamera vertraut zu machen, von der ich natürlich auch wieder rein überhaupt keine Ahnung habe. Die Bildqualität ist enttäuschend moderat, dafür blinkt nach 10 Versuchen wild eine rote Batterie in der oberen Ecke. Das kann ja heiter werden.

In der Kathedrale im komplett gefüllten Seitenschiff läuft bereits ein Gottesdienst in der Endphase, und nach kurzem Zögern quetsche ich mich noch an einen halben Stehplatz. Auch hier wimmelt es gefühlt von Pilgern, ich entdecke sicher 10 verdächtige Trekkingjacken und Fleecepullis. Beim Gang nach vorne fällt mein Blick auf einen recht spektakulär aussehenden jungen, aber komplett grauhaarigen Mann, der recht frappierend an George Clooney erinnert. Mein routinierter Blick nimmt mit Freude Flipflops über Trekkingsocken zur Kenntnis. Spätestens anschließend stockt dann auch dem Rest der Gottesdienstbesucher der Atem, als der Beau sich durch eine vollbesetzte Reihe seinen Weg zurück zu seinem Platz bahnt – und bei dem wilden Balanceakt T-Shirt und Hose derart verrutschen, dass es definitiv zu viel Rücken für ein Gotteshaus ist.

Zurück in der Herberge frage ich das Team am Empfang, wieviele Pilger es denn hat. Nur 80. Vermutlich sind einfach nicht alle Stockwerke besetzt. Ich werde informiert, dass es jetzt ja schon sehr viele werden, weil der Papst ja am 06. November nach Santiago kommt. Im ersten Moment rechne ich begeistert, dass das ja eigentlich genau mein Terminplan ist. Bei näherem Hinsehen (und nochmal Nachgooglen und Finden von Zimmerangeboten für 500 Euro) wird mir aber ganz anders. Ich verbiete mir, überhaupt weiter darüber nachzudenken, was das noch für ein Pilgeraufkommen und für Komplikationen nach sich ziehen kann.

Ich bin seit meiner Ankunft komplett verunsichert, und das wird auch nicht durch das Sitzen in der großen Halle im Erdgeschoss besser. Ich habe das Gefühl, jeder starrt mich an und sieht, dass ich noch kein Pilger bin. Die Tatsache, dass ich nichts in meinem Rucksack finde und ständig wild am Rumkramen bin, tut sein übriges. Unten fühl ich mich unwohl, genauso aber oben im Schlafsaal. Als ich dorthin zurückkomme, sitzt ein Rudel weiblicher Deutscher in einem Kreis auf dem Boden und diskutiert wild und echauffiert recht banale Themen. Ich könnte im Boden versinken. Ich spreche deutsch und bin weiblich, also sollte ich da jetzt irgendwie dazugehören, freundlich „hallo“ sagen und mich unters Volk mischen. Aber das kriege ich echt nicht hin. Ich habe fast schon Hemmungen, mich bettfertig zu machen. Zum Umziehen springe ich lieber in eine Duschzelle. Für meinen Akku finde ich eine Steckdose. Während ich als erste im Bett liege, dröhnt eine Horde junger Italiener herein, die sprücheklopfend alle um mich herum ihr Bett haben. Ich bin total eingeschüchtert, irgendwie fühle ich mich hier gar nicht zu Hause. Während es auch nach 22.00 noch laut weiblich deutsch plappert (durch meine eigentlich schnarchdichten Ohrstöpsel hindurch) , versuche ich mich zu beruhigen, dass ich mir einfach ein bisschen Zeit geben muss. Es klappt sogar erstaunlich gut. Dafür bin ich um 23.00 schon wieder wach, umgetrieben von dem Gedanken, nochmal lärmmachend auf die Toilette zu können bzw. von der Sorge um mein Akku. Ich habe panische Angst, es morgen zu vergessen. Nach einer halben Stunde Wachliegen kommt die Angst dazu, dass es von den noch einzeln herumtappenden Pilgern geklaut werden könnte. Und wiederum eine halbe Stunde später sorge ich mich, ob es irgendwie überlädt, wenn ich es erst morgen abnehme. Glücklicherweise entschließe ich mich irgendwann sowohl zu WC als auch zu Einsammeln des Akkus und kann endlich beruhigt schlafen.

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Vorab einige Impressionen:

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Die Tagebuch-Nachvertextung folgt in den nächsten Wochen, :-).

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