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Posts Tagged ‘Cáceres’

Ich gebe mir Mühe, lange zu schlafen. Gegen 8 bin ich dann trotzdem wach und packe mit meiner Zimmerkollegin, während unter unserem Balkon mal wieder ein Taxi vorfährt.

Es ist ein komisches Gefühl, nicht mehr zu pilgern; ich überlege mir sogar, ob ich überhaupt noch mein Trekkinghemd anziehen soll. Ich plane etwas Sightseeing, Fototour mit meinem neu ausgerüsteten Foto, Souvenir-Shopping und einen letzten Supermarkteinkauf, für ein paar an den Camino erinnernde Alltags-Utensilien, bevor ich um 12 meinen Bus nach Madrid habe.

Im Gegensatz zu gestern ist die Stadt heute komplett ausgestorben. In der ein oder anderen Ecke kehrt ein Straßenkehrer, ansonsten keine Menschenseele. Auch die wenigen Läden machen keine Anstalten zu öffnen, und wenn, sind es nicht die Art von Läden (wie z.B. in Mérida), die mir vorschweben würden. Ein kitschiges Souvenir suche ich schon mal nicht; mir hätte vielleicht noch ein paar Ohrringe oder ein Kettenanhänger gefallen.

Mit einem Programmpunkt weniger mache ich mich also in der frühen Morgensonne auf Fotojagd, wobei auch das irgendwie schwierig ist. Überall um die Stadtmauer herum hat es kleine, schmale Gässchen. Direkt an der Stadtmauer sehen die Bilder dann eben aber auch so aus, wie direkt vor der Stadtmauer gemacht. Mir fehlt ein erschlagendes Panorama aus der Vogelperspektive.

So beschließe ich dann recht früh, schon mal den Supermarkt zu suchen. Es soll einen richtig großen Mercadona haben. Voller Vorfreude schlage ich mich durch die Straßen und durchquere halb Cáceres. Immer, wenn ich denke, irgendwie schon dran vorbei zu sein, winkt mich jemand motiviert lächelnd weiter, doch, doch, direkt um die nächste Ecke. Irgendwie sind das hier komische Spanier, jede nächste Ecke ist nochmal 10 Minuten weg. Und als ich den Supermarkt endlich gefunden habe, bin ich doch etwas desillusioniert. Aus England nehme ich mir z.B. immer gerne Teebeutel mit, damit ich die nächsten Monate noch oft eine Erinnerung an den Urlaub habe. Nicht umsonst ist England für das Teetrinken bekannt und Spanien nicht, so hält sich die spektakuläre Auswahl dann auch sehr in Grenzen. Ich kaufe Proviant für heute und morgen, in dem guten Gewissen, nicht mehr auf Gewicht achten zu müssen.

Gegen halb 11 beschließe ich dann doch sicherheitshalber, mich zum Busbahnhof aufzumachen. Der Supermarkt lag recht weit außerhalb, und zum Busbahnhof war es ja auch eine gewisse Strecke. Einen Plan habe ich nicht, ich hoffe, wie gestern überall die Busschilder zu sehen.

Obwohl ich richtig schnell unterwegs bin, brauche ich über eine halbe Stunde, bis ich überhaupt wieder auf Höhe der Herberge zurück bin. Ich werde fast schon ein bisschen unruhig. Ich halte mich immer links, so müsste ich nach meiner Orientierung eigentlich Richtung Busbahnhof kommen. Leider hat es wenig Schilder, und die Straße läuft auch ziemlich verschlungen nicht wirklich in eine Richtung. Ich stehe irgendwann ziemlich verloren in einem Häuser- und Straßenmeer und muss wieder vorbeieilende Spanier fragen, ob meine Richtung stimmt. Ich bin ziemlich im Stress, und gerade heute kann sich keiner auf „si“ oder „no“ beschränken, sondern redet liebevoll minutenlang alles mögliche, was ich eh nicht verstehe oder mir merken kann. Ich gucke laufend auf die Uhr, und jedesmal sind bereits 10 Minuten vergangen, ohne dass ich wirklich weitergekommen wäre. Es ist schon halb 12, von einem Busbahnhof weit und breit keine Spur. Ich kenne auch die Straßen nicht, die ich hier entlanglaufe. Es ist nicht das, wo ich gestern entlanggelaufen bin. Mich beschleicht das Gefühl, komplett in die falsche Richtung zu rennen. Mittlerweile habe ich wirklich schon fast Laufschritt drauf, ich muss ständig fragen und verzweifle fast, warum mir heute niemand einfach nur sagen kann „ja, Richtung richtig, weiter!“. Einmal frage ich, ob das in 20 Minuten machbar ist; nach ewig langem Überlegen meint die Passantin, nein, eher 25 Minuten. Oder 30? Nein, wenn man schnell ist, vielleicht ja doch 20? Eine andere frage ich, ob ich mit einem Bus dorthin schneller bin. Mit Engelsgeduld fragt sie, was ich für einen Bus möchte, ob Innerstadtbus oder der weiter weg fährt. Sie beginnt mir zu erklären, wo die Busse nach Madrid abfahren. Ich bin heute wohl ziemlich unhöflich und lasse alle mitten im Satz stehen.

Es wird Viertel vor 12 und 10 vor 12. Immer noch kenne ich die Gegend nicht, von dem eigentlich riesigen Busbahnhofs-Areal keine Spur. Ich laufe immer noch durch hohe Wohnblocks und Einkaufsstraßen. Ich habe seit Ewigkeiten nichts mehr getrunken, bin noch zu warm angezogen, habe weder Sonnenmilch noch Sonnenhut. Mir wird schon ganz komisch, vor allem aber ist mir zum Heulen zumute.

Es ist 5 vor 12, keine Chance. Ich bin komplett verzweifelt; mach doch, dass endlich dieser beschissene Busbahnhof kommt. In diesem Moment biege ich in eine Wohnsiedlung, deren Kinderspielplatz mir seltsam bekannt vorkommt. Ist das etwa…? Und wirklich, direkt dahinter erstrecken sich die Umzäunungen des Busbahnhofs.

Mit Tränen der Erleichterung und auch Berührtheit (es war das dritte, völlig unbewusste Stoßgebet innerhalb von wenigen Tagen, das postwendend erhört wurde), garniert mit verschwitzten Vorboten eines Hitzschlags, stelle ich eine interessante Erscheinung für die Wartenden dar. Mir bleibt sogar noch Zeit, meine Jakobsmuschel liebevoll und bedächtig vom Rucksack abzunehmen und sorgfältig in meinen Waschbeutel einzubetten, bevor er im Bauch des Überlandbusses verschwindet.

Den größten Teil der Fahrt verschlafe ich. Zwischendurch haben wir einen längeren Aufenthalt irgendwo im Nichts, bevor wir um 16.00 in Madrid ankommen. Für einen Moment spiele ich mit dem Gedanken, erstmalig ein paar Schritte in Madrid zu machen, entscheide mich dann aber doch in alter Gewohnheit direkt für den Untergrund zur Metro.

Ich finde die passenden Züge problemlos. Beim Warten fällt mir ein komplett schwarz gekleideter, etwas furchterregender Mann auf, der sich so mitten vor ein Gebläse stellt, dass ihm seine langen, schwarzen Haare vors Gesicht gepustet werden. Ein echter Eyecatcher.

In der Metro sitzt er mir wieder gegenüber, den Kopf diesmal gebeugt, sodass auch ohne Gepuste die Haare alles verdecken. Irgendwann fängt er mit zittrigen, fahrigen Händen an, in seiner satanistisch anmutenden Tasche zu kramen. Er beginnt allen Ernstes, ein Bändel zu knüpfen. (Er hat schon sicher 10 verschiedene am Handgelenk). Die gesamte Insassenschaft schaut entgeistert und wie hypnotisiert. Auch ich bin etwas hypnotisiert; ich folge mal wieder einer völlig verrückten Camino-Intuition, als ich ihn beim Aussteigen anstupse (woraufhin er erstmal einen Kopfhörer unter der Perücke hervorwurstelt und sich die Haare aus dem Gesicht streicht) und ihm mein Bändel hinstrecke. Wider Erwarten hat er ein hübsches Gesicht, eine sanfte Stimme und gepflegte Umgangsformen. Er bedankt sich und bietet mir dafür im Gegenzug sein in Arbeit befindliches Werk an. Zum Glück schließen sich die Türen bereits wieder, und ich muss einen Hechtsprung hinlegen.

Wird Zeit, dass es wieder der Normalität zugeht.

Mit einer zweiten Linie fahre ich Richtung Flughafen, wo ich in Barajas mein Hotel gebucht habe. Leider habe ich wieder keinerlei Ahnung, wo ich dort aussteigen soll, es hat 3 verschiedene Haltestellen. Ich entscheide mich für die mittlere. Nun komme ich doch noch zu meinen Schritten auf freiem Boden in Madrid. Die Passanten hier sind ähnlich hilfsbereit wie auf dem Camino; der erste kennt gleich mein Hotel und winkt weit ausholend „todo recto, todo recto“! Ich trabe frohgemut die Straße entlang und finde das Hotel auch sofort. Ich bekomme ein wunderschönes Zimmer, mit einem riesigen, weiß überzogenen Bett, Parkettboden und einem türkisen Bad voller Glas und Spiegel. Ich esse in Ruhe und verbringe bestimmt eine halbe Stunde im Bad, endlich mal ohne Hektik, mit Unmengen Duschgel und haufenweise duftender, weißer Handtücher.

Ich schreibe noch mein Tagebuch zu Ende und trenne meinen Rucksackinhalt schon einmal in Waschmaschine und Sonstiges. Ein komisches Gefühl.

Der Zwischentag tut gut, es ist ein langsamer Übergang wieder zurück in die normale Welt.

Am nächsten Morgen um 6 geht es wieder zur Metrostation und um 8 mit dem Flieger nach Hause.

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Beim ersten Rascheln im Schlafsaal ist es gegen 6. Ich bin erleichtert, dass mein Rücken nach diesem Bett nicht weh tut und auch meine gestern etwas steifen Füße sich lauffähig anfühlen. Ich schleife mein Hab und Gut ins Wohnzimmer, wo schon 5 andere packen. Unter anderem auch die große Deutsche, die leicht fluchend erzählt, gleich dort auf dem Sofa geschlafen zu haben, mit dem Bett hätte sie sich wirklich nicht anfreunden können.

Die Packenden sind allesamt junge, kräftige Pilger, die vermutlich so früh losgehen, weil sie auch bis Cáceres wollen. Umso geschockter bin ich, als sich der Engländer ganz casual und selbstverständlich bei zwei anderen erkundigt, ob sie von hier Taxi nehmen. Ebenso casual und ohne eine Miene zu verziehen antworten sie „nein, erst im nächsten Ort“. Für mich würde eine Welt zusammenbrechen, müsste ich ein Stück des Weges abkürzen. Ich habe zugleich vollstes Verständnis, dass manche Umstände es nötig machen oder vernünftiger erscheinen lassen. Das hier verstehe ich eher weniger.

So laufe ich dann in der beginnenden Morgendämmerung über weitere Viehweiden aus Alcuéscar heraus, flott überholt von kraftvoll voranschreitenden Mitpilgern, von denen ich nun weiß, dass sie nur so flott bis zum nächsten Ort laufen.

Der Morgen verbreitet noch einmal eine stimmungsvolle Atmosphäre. Lange halten sich Nebelfelder über den Wiesen, die mit der Sonne ein sehr fotogenes Farbenspiel ergeben. Und ich habe noch 3 Bilder auf meiner Kamera.

Für mich läuft es heute gut, wie von selbst, ein Stück weit auch losgelöst von Sorgen à la „nur nicht überanstrengen“ und „wie soll das die nächsten Tage noch werden“. Heute ist mein letzter wandernder Tag. Zum einen bin ich natürlich wehmütig, zum anderen fühlt es sich auch einfach nach Abschluss an. Ich laufe in einer Gruppe, in der ich niemanden kenne. Der Abschied wird mir recht leicht fallen.

Unterwegs treffe ich den Schweizer vom Vorabend. Heute haben wir vertauschte Rollen. Heute bin ich ganz fit, er dagegen hadert etwas zweifelnd mit seinem Knie und generell mit seiner Fitness. Sein Ziel ist auch Cáceres, aber passend zur vorherrschenden Mentalität will er zwischendurch auch ein Taxi nehmen.

Es wird heißer, und ich bin froh über einen Brunnen zum Nachfüllen meiner Flaschen. Mein Antipilger von gestern morgen überholt mich, wir grüßen uns freundlich und lassen uns sonst in Ruhe. Versöhnlich.

Zwischendurch habe ich ein skurriles Erlebnis. Eine dicke Fliege fliegt minutenlang immer wieder rechts gegen meine Sonnenbrille. Irgendwann summt es nach mehreren Fliegen, eine davon verirrt sich auch in meine Haare. Als ich versuche, sie wegzustreichen, summt plötzlich mein halber Kopf wie wild. Irgendwie attackieren mich gerade mindestens 20 brummende Riesenfliegen. Ich drehe schier durch, völlig allein auf weiter Flur, mit lauter Brummseln in meinen Haaren und um meine Ohren. Mein Reiseführer tut mir den besten Nutzen auf der ganzen Via bisher, ich wedele wild damit über meinem Kopf herum, und nach ein paar Minuten kehrt wieder Ruhe ein. Ganz seltsam.

Heute klappt es auch wieder mit meinem intuitiven Zeitgefühl, Aldea del Cano erreiche ich wie geplant, ebenso Valdesalor. Über 6 Stunden sind es bis hierher, ich bin überhaupt noch nicht müde. Die verbleibenden 2 1/2 Stunden erscheinen heute wie eine Lappalie. Auch recht seltsam, wie unterschiedlich dieselben Grundvoraussetzung erscheinen können.

Hinter Valdesalor mache ich meine Mittagsrast. Der Schweizer macht ein Foto von mir (um es seiner Frau zu zeigen und mich dann mal auf der Arbeit zu besuchen. Halleluja. Mein dekoratives Stirnband, der hellblaue Schlapphut, die bis zu den Knie schlammverdreckte Hose, die diversen umgebundenen Jacken und Pullis, und alles garniert mit einem Haufen Chips- und Brotkrümeln… ein Bild für die Götter). Weiter fragt er, ob ich einige von der gestrigen Pilgertruppe getroffen hätte. Sie wollten ab Valdesalor ein Taxi nehmen, er würde sich gerne anschließen, aber nachdem keiner zu sehen ist, macht er sich eben doch etwas verdrossen zu Fuß auf die nächsten Kilometer.

Nach ein paar letzten Hügeln kommt Cáceres schon in Sicht. Es geht an lustigen Bauernhöfen entlang. Zuerst schleiche ich mich an einer kleinen Herde Schafe vorbei, die am Wegesrand unter einem Baum Zuflucht vor der Sonne gesucht haben (und sich wenig von mir erschrecken lassen). Kaum vorbei, begegnet mir auf dem Weg eine Herde Ziegen. Ein paar hundert Meter weiter läuft eine einzelne Kuh interessiert aufschauend den Weg und den grasigen Seitenstreifen ab. Mein idyllisches Bild von einem kleinen Hof wird nur von den beiden Pferden getrübt, auf die ich zuletzt treffe. In bewährter spanischer Manier sind ihre Beine mit Stricken zusammengebunden, sodass sie nicht schnell und weit, eigentlich überhaupt nicht gehen können. Sie hüpfen eher mühsam zentimeterweise vorwärts, aktuell über eine befahrene Straße, und ich überlege mir schon im Geiste, wie ich ein panisches, umgefallenes Pferd wieder aufrichten kann.

Pünktlich zu einer größeren Stadt bin ich mir mit den Markierungen wieder nicht so sicher und konsultiere meinen fliegenerprobten Führer. Er hält sich auch eher bedeckt, und als ich dafür ein Schild zum Busbahnhof entdecke, beschließe ich spontan, erstmal dorthin zu gehen, um mein Ticket für Madrid für morgen unter Dach und Fach zu bringen. So laufe ich erstmalig nicht nach gelben Pfeilen, sondern nach Straßenschildern mit Bussymbol.

Im Vergleich zum viel bekannteren Mérida mit seinen 50.000 Einwohnern wartet das unscheinbare Cáceres mit 80.000 auf. Entsprechend lang sind dann auch die Wege, die ich nun in der Mittagshitze und mit heutigen 38 km in den Beinen zurücklege. Aber heute ist die Motivation auf meiner Seite, und auch der Ticketkauf klappt problemlos.

Den Weg zurück auf den Camino muss ich etwas improvisieren, denn der Busbahnhof ist nicht auf meinem Kartenausschnitt verzeichnet. Ich laufe immer grob rechtshaltend geradeaus, damit muss ich eigentlich irgendwann wieder auf den Camino oder zumindest auf meinen Kartenausschnitt stoßen. Ein paarmal frage ich nach „Plaza Mayor“ und bekomme ein aufmunterndes Winken geradeaus. Allerdings ein weit, weit, weit geradeaus.

Intuitiv müsste ich langsam mal wieder da sein. Eine Spanierin mit Kinderwagen, von der ich nun endlich mal meine genaue Position auf der Karte wissen möchte, entschließt sich irgendwann resigniert, dass wir uns generell noch sehr, sehr weit entfernt von diesem Kartenausschnitt befinden müssen, sie kennt überhaupt nichts. Beruhigend. Nach über einer Stunde kreuz und quer durch hohe Häuserblocks, Einkaufsstraßen und Verkehrschaos erreiche ich dann doch die Plaza, auf der ein riesen Trubel herrscht. Mit etwas Umweg finde ich auch die Herberge, die sich mit 17 Euro und einer etwas geschäftigeren Atmosphäre deutlich von den bisherigen Pilgerherbergen abhebt. Ich bekomme ein Bett in einem 6-Bett-Zimmer, in dem bisher nur eine im Moment nicht anwesende Holländerin logiert. Das männliche Nebenzimmer ist dagegen lautstark gefüllt. Außer dem Schweizer klopfen sich auch die morgendlichen Taxi-Jungs wohlwollend auf die Schulter in Anbetracht der gestandenen Leistung.

Nach Duschen und Waschen und Aufhängen der Wäsche in dem süßen, kleinen Garten im Hinterhof setze ich mich noch ein bisschen entspannt in die Sonne. Der Schweizer klagt mir sein Knieleid, es ist nicht besser geworden. Morgen will er schon auch wieder weit, dann aber eben mit Taxi. Ich verstehe nicht, warum man sich bei einem open end nicht einfach mal ein paar Tage Ruhe gönnen kann, wenn einem nicht nach langen Strecken ist.

Mein Antipilger kommt suchend in den Garten. Heute bin ich mild gestimmt, wir unterhalten uns nett. Er wollte eigentlich nicht in diese Herberge, er findet sie überteuert, für das Geld kann man auch in ein Hostal. Da hat er durchaus recht. Ich mache mir immer wenig Gedanken darüber, weil ich Hostals mit einem ruhigen Einzelzimmer ja ohnehin nicht so verlockend finde. Heute wäre es aber der Wahnsinn gewesen, absolut alles in der Stadt ist komplett ausgebucht, er hätte gut zwei Stunden nach einem freien Hostal gesucht. Ein Blick in den Reiseführer verrät uns, dass heute großer Feiertag ist, zu Ehren eines uns unbekannten San Jorges wurde die Eroberung der Stadt pompös nachgespielt. Glücklicherweise habe ich mich da vorher gar nicht informiert und folglich auch nicht weiter gesorgt.

Der Festtag bringt allerdings mit sich, dass die Läden bereits geschlossen haben. Irgendwie habe ich schon noch etwas Hunger oder eher Appetit auf ein schönes, frisches Brot und frisches Obst. Gemeinsam ziehen wir los Richtung Stadt. Leider hat nur ein überteuerter Kiosk offen, und nachdem gerade ein Schwung Pilger aus der Herberge kommt auf der Suche nach einem Restaurant für den Abend, komplimentiere ich meinen Mitpilger zu ihnen. Ich bin ja keine geeignete Restaurantbegleitung, und meinen letzten Abend möchte ich auch eher in Ruhe verbringen.

Ich finde eine librería, und diese hat wirklich wie vielerorts verkündet meinen heißersehnten altmodischen Film. Ich begebe mich auf Fototour, allerdings sind die Straßen komplett überfüllt von Touristen mit Reiseführern, und so richtig fotogen bringe ich auch nichts auf einem kleinen Bild unter.

Als Kirchenglocken läuten bin ich mittlerweile schon perfekt konditioniert… läuten die campagnas, beginnt gleich eine Messe. Ich renne dem Geräusch nach und nehme in einer Kirche Platz. Gut eine Viertelstunde geschieht überhaupt nichts, einige wenige Spanier kommen und gehen. Es sieht nicht nach Messe aus, sodass ich wieder gehe. Dafür komme ich auf dem Rückweg an einer großen Kirche vorbei, in die wirklich Menschenmassen strömen. Dort findet dann wirklich Messe statt, allerdings ist die Kirche absolut übervoll, die Menschen stehen in den Gängen, vor allem ist aber auch ein Reges kommen und Gehen von Familien mit Kinderwägen und Kindern. Es erinnert eher an Jahrmarktstrubel, sodass ich mich nach einer halben Stunde etwas frustriert wieder auf den Heimweg mache.

Dort treffe ich meine Zimmernachbarin. Sie wartet schon sehnsüchtig auf mich, denn ich habe begeistert den Schlüssel mitgenommen und gedacht, sie hätte einen eigenen. Das kommt davon, wenn man als Pilger einfach keine Schlüssel mehr gewohnt ist. Wir unterhalten uns kurz; sie pausiert seit einigen Tagen. Zwischendurch ist sie mit den beiden pfeilschnellen holländischen Rentnern gelaufen, irgendwie freut es mich zu wissen, dass es ihnen gut geht. Der Holländerin wäre es auf Dauer zu anstrengend geworden, mit ihnen mitzuhalten, und sie hätte nun auch noch eine Salzallergie entwickelt und schwere Verdauungsstörungen bekommen. Sie ist generell furchtbar hibbelig und sprunghaft und durcheinander, zu viel für meine aktuelle Stimmung. Ich bin ganz froh, als sie nach Karotten (salzfrei) aus einem Topf unter ihrem Bett nochmal in die Stadt will.

Irgendwie hält sich meine Lust auf etwas Schönes zum Essen oder zum Trinken zur Feier des Tages immer noch hartnäckig. Ich lasse mir gerade mein erstes Bier mit Limonade aus dem Automaten, als mich der Herbergsvater anspricht. Nach mir hätte jemand gefragt. Ich bin etwas irritiert, zumal ich den Herbergsvater noch nie gesehen habe (und er mich nicht), aber er kennt wirklich meinen Namen. Es wäre ein großer, dunkler Mann mit Bart gewesen. Und ein Peregrino. Und er wäre wieder gegangen.

Ich bin ziemlich irritiert. So viele große dunkle Männer fallen mir nicht ein, die nach mir suchen könnten. Einzig Steffen fällt mir ein, aber der ist gut einen Tag hinter mir. Und ob er nun einen Bart hatte oder nicht könnte ich ehrlichgesagt gar nicht mehr sagen.

Ich setze mich auf mein Minibalkönchen, trinke meine Dose, schaue auf die Häuser gegenüber und auf einen Konvent, hinter dem so langsam die Sonne untergeht. Ich bin weder traurig noch glücklich; auf eine Weise einsam, aber ohne mir wirklich Gesellschaft zu wünschen. Vielleicht ist es einfach das Gefühl, dass der Camino wegbricht. Die Sorgen und Planungen der anderen Pilger tangieren mich nicht mehr, keine gelben Pfeile mehr, ich bin mein letztes Stück Camino gegangen.

Gegen 9 mache ich mich mangels zündender Alternative so langsam bettfertig. Ich komme gerade aus den Waschräumen, als ich den ominösen großen, dunklen Pilger in mein Zimmer lehnen und nach mir rufen sehe. Es ist allen Ernstes Steffen. Ich bin komplett überrascht. (Er vermutlich auch, dass ich um diese Zeit schon ins Bett will).

Spontan disponiere ich um, und wir setzen uns noch ein bisschen auf die Stufen der Plaza und genießen das ausgesprochen rege Treiben um uns herum. Zuerst will ich natürlich wissen, wieso er jetzt hier ist. Wie ich richtig angenommen habe, hat er die kürzere Etappe gemacht und ist nur bis Aljucén gelaufen. Dort hätte er einen irgendwie anstrengenden Abend verbracht, Sean hätte ihn auf Englisch über seinen Beruf ausgefragt, und dann wäre da noch diese schwierige Schwedin gewesen mit genau dem gleichen Beruf, und irgendwie und überhaupt, es hätte ihn angestrengt. Dann hätte er in Alcuéscar die Herberge mit den Behinderten in Augenschein genommen, und das hätte ihn auch gar nicht angesprochen. Einer der Padres hätte einen Behinderten gerade mit einem Stock über den Platz getrieben; mit etwas Erfahrung im Umgang mit Behinderten hat ihn das abgestoßen. Da wäre ihm dann die spontane Idee gekommen, dass er einfach bis Cáceres fährt, damit ich dann auch nicht meinen letzten Abend ganz allein verbringen muss.

Dass es ihm heute nicht allzu gut geht, ist naheliegend; der sonst ständig widersprechende und alles (zurecht) besserwissende Steffen hat heute, wie er selber zugibt, einen gewissen Caminokoller. Recht offen lässt er mich an seinen Überlegungen teilhaben, ob der Camino momentan überhaupt das richtige für ihn ist und ob er nicht besser irgendwo am Strand in der Sonne liegen sollte. Einerseits würde ich ihn zu gerne etwas aufheitern, andererseits sind solche kleinen Krisen ja auch durchaus wertvoll und bringen einen meist weiter als nur gedankenloser Sonnenschein.

Für mich ist es nochmal eine schöne Gelegenheit, ein bisschen meinen Camino zu reflektieren. Die letzten Tage habe ich von vielen Seiten immer wieder das Motto „leb Dein Leben!“ gehört, etwas, mit dem ich irgendwie gemischte Gefühle verbunden habe. Als nun Steffen recht begeistert mit einem neuen Berufsvorschlag für mich kommt, fügt sich für mich ein kleines Puzzle zusammen. Wieso scheint hier nur jeder davon auszugehen, dass man sein Leben ständig verändern muss, um glücklich zu sein. Von einigen habe ich gehört, dass sie erst lernen mussten, ihr Leben zu leben und sich nicht von den Wünschen und Einflüssen anderer davon ablenken zu lassen. Wahres Glücklichsein im Sinne von in jedem Moment leben, was einem selbst den größten Spaß und Nutzen bringt. Im Gespräch mit Steffen fällt mir jetzt der Knackpunkt auf, der mich daran immer ein wenig gestört hat. Vor allem im Zuge der Caminos habe ich die Erfahrung gemacht, dass es mir meist die größte Freude macht, andere Menschen glücklich zu machen. Für mich muss ein Beruf nicht in jedem Moment atemberaubend und spannend und herausfordernd sein, solange er mir die Möglichkeit bietet, jeden Tag mit neuen Menschen in Kontakt zu kommen, die Hilfe suchen oder Sorgen haben. Wie auch auf dem Camino, wo ich manchmal das Gefühl habe, dass ich mit einer Extraportion Energie und Liebe von oben ausgestattet werde, kann mir das vielleicht auch im normalen Leben gelingen, und ich kann eine viel größere Freude und Erfüllung daraus ziehen, als aus dem Abhecheln von Highlights und möglichst viel spektakulärem Erleben.

Ich bin fast überrascht, dass Steffen, der wie die meisten Pilger hier wenig mit Gott am Hut hat, mich recht widerspruchslos versteht. Im Endeffekt wollen wir beide unser Leben möglichst glücklich bestreiten, aber ich würde lieber den Weg gehen, dieses Glück aus Glücklichmachen meiner Mitmenschen zu verspüren.

Ich fühle mich erstaunlich sortiert und friedlich geerdet – vielleicht auch, weil ich fast schon wieder eine höhere Macht dahinter vermuten kann, dass ich auch auf diesem Camino wieder besondere Menschen an der Seite hatte, die mir im richtigen Moment zu wichtigen Erkenntnissen verholfen haben.

Der arme Steffen ist irgendwann müde (vermutlich erschlagen von meiner heutigen Redeflut), zudem hat auch er den Zimmerschlüssel mitgenommen und nun vermutlich wartende Mitpilger ausgesperrt. Wir verabschieden uns kurz und knapp, typisch für Steffen.

Gegen 11 falle ich sehr zufrieden und sortiert in mein Bett.

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