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Posts Tagged ‘Astorga’

Statt des sonstigen 5-Sterne-Frühstücks bleibt der Frühstücksraum heute geschlossen. Schade, hatte ich mich vorratstechnisch fast darauf verlassen. Macht aber auch nichts, so esse ich wenigstens noch meine Sharon und Kiwi und eine weitere leidige Mandarine, bevor ich mich auf den Weg mache. Schließlich habe ich beschlossen, aber heute Leichtpilger zu werden. Das süffisante „dafür pilgerst Du wohl noch nicht lang genug“ geht ja gar nicht.

Auf dem Weg ist unerwartet ziemlicher Trubel, vor allem in Anbetracht der Tatsache, dass wir nur etwa 10 Pilger in der Herberge waren und es noch nicht einmal richtig hell ist. Ich habe morgens wie immer einen Riesenschluck Wasser getrunken, um nicht so viel mitschleppen zu müssen und „meine Sehnen ordentlich zu hydrieren“. Jetzt sterbe ich schier, dass alle 20 Meter ein Pilger läuft und ich absolut keine Chance für einen Abstecher ins Gebüsch habe. Der erste Ort Murias de Rechivaldo würde unter normalen Umständen mein Fotografenherz mehr als erfreuen. Jedes noch so heruntergekommene Haus ziert eine leuchtend blaue Tür oder ein leuchtend grünes Garagentor. In der gerade einsetzenden strahlenden Sonne ein Gedicht. Offensichtlich stoppen die Pilgermassen entweder für Fotos oder für ein Frühstück, jedenfalls ist am Ortsausgang plötzlich niemand mehr hinter mir zu sehen. Segensreich. Oder Rettung in letzter Sekunde.

Ebenfalls entgegen meines gestrigen Eindrucks ist das Wetter genauso perfekt wie in der Meseta, der Himmel im Sonnenaufgang ist wieder wolkenlos, und nachdem hier weitgehend der Wind fehlt, lassen die Temperaturen richtiggehend Frühlingsgefühle aufkommen.

Das Wetter ist wunderschön, die Strecke mit dem rötlichen Boden und der eher ruppigen Vegetation gehört zu einer meiner Lieblingsstrecken, und noch dazu erscheinen mir die Pilger heute auch irgendwie sympathischer. Bereits gestern in der Herberge hatte ich diesen Eindruck. Vielleicht liegt es daran, dass hier viele allein unterwegs sind oder still zu zweit. Diese lauten Rudel aus der Meseta scheint es hier auf den ersten Blick gar nicht zu haben.

Als nächsten Programmpunkt habe ich „Operation Pilgermuschel“. Nachdem mir die Exemplare in Burgos ja zu seelenlos kommerziell waren, laufe ich immer noch ohne Muschel am Rucksack, habe aber in Erinnerung, dass vor irgendeinem kleinen Dörfchen hinter Astorga immer ein Stock- und Muschelverkäufer steht. Die Stelle erkenne ich wieder, vermutlich auch das Männchen dazu, allerdings kämpft er gerade weniger in Muschel- als in Stockmission mit irgendeinem Stab auf dem Boden. Vermutlich ist er gerade ausverkauft, es hat diesmal keinen Stand. Etwas enttäuscht durchquere ich Santa Catalina de Somoza, wo ich fast zufällig auf der rechten Straßenseite einen Haufen Muscheln an einer Tür hängen sehe. Glücklicherweise ist mir eine davon genehm, und nachdem ich ein paar Minuten etwas unschlüssig und zaghaft „hola?“- krähend in den Innenhof gelinst habe, kommt auch eine Dame zum Geldentgegennehmen. Ich binde fröhlich meine Muschel an den Rucksack, als mir auffällt, dass ich nun doch noch mein Foto von einer blauen Tür im Sonnenschein bekomme.

Heute ist ein reges Grüßen von netten Pilgern angesagt. Ich promeniere heute mal wieder im Schleichmodus und mache viel zu viele Fotos, sodass ich ständig die gleichen Pilger wiedertreffe, selbst wenn sie jede Bar für einen Kaffee mitnehmen. Ein Mann mittleren Alters fällt mir besonders auf, er grüßt wie „aus tiefster Seele“, auch wenn ich nicht genauer erklären könnte, was ich damit meine.

Mich überholt der grummelige Deutsche von gestern. Wirklich besser geht es seinen Beinen heute anscheinend auch nicht, aber er hat sich in Astorga Trekkingstöcke gekauft, und na ja, vielleicht geht es damit. Inmitten der Sonne und des Strahlens an allen Ecken und Enden wirkt er noch doppelt niedergeschlagen, lustlos und schlecht gelaunt. Ebenfalls vom Busbahnhof in León sehe ich ein Pärchen wieder, die mir irgendwie chilenisch aussehen und bei denen ich gestern schon gegrübelt habe, ob sie wohl Pilger sind, was an ihnen nach Pilger aussieht und was nicht. Sie sind ganz eindeutig zu gepflegt, tragen kleine Sightseeing-Rucksäcke, sie einen modischen Minirock und er eine Bundfaltenhose zu eleganten Büroschuhen. Wie sich herausstellt, sind es Spanier, in dieser Aufmachung bereits routinierte Pilger, die heute noch nach Ponferrada wollen (wo ich einen vollen Wandertag später anzukommen gedenke). Respekt. Und mal wieder eine Lektion in Sachen „sich nicht vom ersten Schein täuschen lassen“.

Ich könnte mal wieder schier ausflippen angesichts der wunderbaren Umgebung; überall dieses in der Sonne fast weiß schimmernde Gras, welches sich zart im Wind bewegt. Mein Wohlgefühl lasse ich darin gipfeln, mich an einem Rastplatz niederzulassen und das Trauma des schlechten Pilgers hinter mich zu bringen. Ich vernichte jegliche Schokolade, das Mandarinenkollektiv, letzte Schokoriegel sowie mit wirklich etwas schlechtem Gewissen noch heimisches Vollkornbrot und Salamisticks. Mein Rucksack ist zum ersten Mal so richtig zusammengefallen leer.

Zwei Franzosen rasten mit mir. Ihr Mitpilger kommt mit etwas Verspätung schon aus der Ferne erahnbar. Er summt und singt unter seinen Kopfhörern, und als die beiden Vespernden ihm weitausholend winken, sich doch dazu zu setzen, winkt er nur ebenso weitausholend ab, um sich mit voller Inbrunst und mit voller Lautstärke seinem aktuellen Song hinzugeben. In schauderhaftem Englisch, mit sich überschlagender Stimme, aber mit einer Lebensfreude sondergleichen brüllt er im Weitergehen „Gif a little bee!“, bis er um die nächste Ecke verschwunden ist. Ich habe Mühe, mir ein strahlendes Lächeln aus dem Gesicht zu knipsen und würde am liebsten auch „Gif a little bee!“ schmettern. Das Ganze hier ist gerade Wohlgefühl vom Feinsten.

Der schöne Tag geht viel zu schnell rum, bald passiere ich schon El Ganso, das letzte Örtchen vor meinem heutigen Etappenziel Rabanal del Camino. Vor einem kleinen Anstieg biegt der Weg von der Fahrstraße ab und windet sich einen steinigen Pfad unter golden gefärbten Bäumen entlang. Ich bin mal wieder hellauf begeistert am Fotografieren, vor allem die vielen Kreuze aus Holzstückchen, die Pilger vor mir in den Zaun an der Seite gesteckt haben. Mein begeistertes Zaunfotografieren findet ein jähes Ende, als mir untrüglich dämmert, dass seit einer Weile etwas in ein paar Meter Abstand hinter dem Zaun mit mir mitläuft. Vermutlich eine Kuh, die ich unten weiden sehen habe, aber es ist mir einen Hauch unheimlich, sodass ich lieber schnell weitergehe.

Die ersten Krokusse kurz vor Rabanal komplettieren meinen Eindruck, dass es an einem 30.Oktober in Spanien gerade mal Frühling ist.

Rabanal liegt fast verlassen in völliger Mittagsruhe, es ist ja auch gerade mal 12 Uhr. Ich bin wie üblich hin- und hergerissen, ob ich nicht doch weitergehen soll. Aber schon seit langem wollte ich einmal die englische Herberge in Rabanal ausprobieren, sodass ich mich gemütlich an der Kirche gegenüber ausbreite. Die Herberge öffnet leider erst um 15 Uhr, ich habe also genügend Zeit, der Kirche einen Besuch abzustatten. Seit ich dort 2007 eine sehr bewegende Misa erlebt habe, verbindet mich etwas mit diesem Ort, und so schaue ich auch bei jedem Camino vorbei, wie es mit den Bauarbeiten vorangeht. Unvergessen die klappernden, provisorischen Holzbänke. Als ich diesmal erwartungsvoll nach links um die Ecke schiele, erschrecke ich fast. Kein provisorischer Altar mehr. Fast noch mehr erschrecke ich aber, als ich nach rechts schaue, wo in der Vergangenheit Baugitter eine Schutthalde abgegrenzt haben – und wo sich nun eine komplette, perfekte kleine Kirche mit eleganten Holzbänken und rotem Teppichbelag erstreckt. Ich bin fast sprachlos vor Überraschung, und das Ergebnis sieht berührend schön aus.

Ich setze mich vor die Kirche in die Sonne und beschließe, meinen Füßen endlich mal die versprochene Zuwendung zukommen zu lassen. Jeder Fuß bekommt eine liebevolle Massage – und ich werde so barfuß höchstens ein bisschen unruhig, als ich registriere, dass der Baum, unter dem ich sitze, begeistert alle möglichen Insekten anzieht, unter anderem auch ein paar stattliche Hornissen.

Eine Koreanerin biegt um die Ecke, auch auf der Suche nach der englischen Herberge. Sie setzt sich klaglos zu mir in Anbetracht der Stunden Wartezeit, die wir noch vor uns haben. Ich überlege, ob ich mal noch kurz etwas einkaufen gehe, bevor die Siesta beginnt. You Seok klärt mich auf, dass es hier keinen Supermarkt hätte. Doch, doch, und was für einen. Wobei ich mich eigentlich auch gewundert habe, dass er mir auf dem Hinweg nicht aufgefallen ist. Ich gehe mit wachem Blick nochmal die Straße entlang, und wirklich, da wo sonst der kleine Laden war, hängt jetzt ein Schild, dass er ein paar Wochen geschlossen hat. Und das am ersten Tag meines Lebens als vorratslose Pilgerin.

You Seok entpuppt sich glücklicherweise als interessante Gesprächspartnerin mit hervorragendem Englisch. Es ist fast schon ungewohnt, mit einer Koreanerin ganz locker flockig plaudern zu können, ohne alles intuitiv mit reichhaltiger Gestik und Mimik zu untermalen. Sie erzählt, dass man in ihrem Betrieb bei 15 Jahren Betriebszugehörigkeit ein Geschenk bekommt, nämlich die Möglichkeit, bei halber Lohnfortzahlung ein halbes oder ein ganzes Jahr Auszeit zu nehmen. Sie hat sich für ersteres entschieden. Faszinierenderweise gibt es dieses Angebot einmal im Leben; wer nach 15 Jahren nicht möchte, aber vielleicht ein Jahr später, hat einfach für den Rest seines Lebens Pech gehabt. So sehr You Seok auch das Reisen und Pilgern gern hat, so betrüben sie aktuell ihre Füße ziemlich. Auch sie ist ein Exemplar der Gattung „es tut alles irgendwie weh“, kann aber nicht sagen, wo genau was. Sie will sich jetzt einfach in Minietappen nach Santiago schleppen, Zeit hat sie ja zum Glück noch ein halbes Jahr.

Noch mehr asiatisches Flair findet sich unter unserem Baum ein. Irgendwie kommt mir der Radpilger seltsam bekannt vor. Der Groschen fällt, ich kenne ihn aus Burgos. Er ist mir damals schon aufgefallen mit dem Fußpilgerrucksack auf dem Gepäckträger. Er scheint froh zu sein, ein wenig Pause machen zu können. Er kommt aus Taiwan, ist schon seit Monaten unterwegs, hat gerade halb Russland und die Türkei durchquert, hat seinen Laptop in den Satteltaschen und sich das Rad extra auf dem Camino gekauft, weil er so das Gefühl hatte, dass er jetzt zum Radpilgern bestimmt ist. Eine sehr sympathische Erscheinung mit einem ordentlichen Schuss Spontaneität und Verrücktheit.

Während wie weiter warten, biegen immer mehr Pilger suchend um die Ecke. Einige wollen weiter, einige zu anderen Herbergen. Eine Pilgerin gewinnt innerhalb von Sekunden nicht gerade meine Sympathie, indem sie ohne vorherigen Gruß fragt, ob das die beste Herberge wäre. Ich sage, dass es die englische Herberge ist und die gut sein soll. Was sie wissen will, ist, ob es DIE BESTE ist. Ich sehe schon ziemlich rot angesichts ihres Tonfalls. Sie guckt mich etwas spöttisch und mitleidig an, dass ich vor einer Herberge warte, ohne definitiv zu wissen, ob es die beste ist. Dafür fragt sie dann noch, ob die denn auch wirklich sauber wäre. Ich spare mir jeden weiteren Kommentar, aber vermutlich spricht mein Gesichtsausdruck Bände, und ich bin heilfroh, als sie mit erhobenem Näschen erstmal weiter stolziert.

Der nächste Pilger will wissen, wo es zur Herberge geht. Ich bin noch restgereizt und fauche ihn schon fast an, zu welcher er denn will (zur besten oder zur saubersten oder sonstwas, ohne meinen Anwalt sage ich gar nichts mehr). Er guckt etwas verstört und retardiert, meint dann, dass „municipal“ schon recht wäre. Ich weise ihm die Richtung, die er nicht kapiert. Ich deute auf das Schild in Pfeilform, was keine 10 Meter vor ihm nach links weist. Er guckt mich nur an wie ein Schaf. Irgendwann springe ich schon todesmutig barfuß durch die Mischung aus Blättern und Hornissen, um ihm dieses vermaledeite Schild zu zeigen. Er guckt mich immer noch entgeistert an wie ein Schaf und denkt sich vermutlich „schon gut, schon gut, ich wollte doch nur einen Weg wissen“.

Glücklicherweise rappelt es endlich hinter dem eleganten Tor an der elegant gemauerten Herberge (ich kann mich nicht erwehren, „very british“ zu denken), und ein Traum von einem Hospitalero begrüßt uns mit „welcome to paradise“. Brendan ist mir auf Anhieb sympathisch, ein resoluter Pilger durch und durch – und ein sehr stolzer Hospitalero. Er ist hier mit seiner Frau, und an einem Klapptisch im Innenhof wird nun erstmal die Begrüßung zelebriert. Ob es okay ist, die für You Seok und mich nur einmal zu machen. Äh, ja. Madame instruiert uns liebevoll gut 10 Minuten über Waschmöglichkeiten, ihr selbstgekochtes Birnenmus mit Fallobst aus dem herbergseigenen Garten, die Anzahl Residualspaghetti in der Küche, die wir nehmen dürfen, den Modalitäten der Messe und vielem mehr. Ein bisschen wird die Herzlichkeit höchstens von dem etwas verbiesterten „we don’t want that“ getrübt, was sie alle paar Minuten einstreut. So werden wir belehrt, dass wir gar nicht im Schlafsaal rauchen dürfen. We don’t want that. Och nööööö.

Brendan geleitet uns dann persönlich in die oberen Räume, zeigt uns den wunderbaren Rundblick vom Balkon, den Garten, die Waschräume. Alles ist picobello sauber – und eben einen Hauch von british.

Ich sprinte etwas hyperaktiv durch die Gegend, hänge meinen Schlafsack von einem Bettwanzen-Hinweisplakat inspiriert auf die Wäscheleine in die Sonne und wasche im Garten meine Pilgermontur mit derart eiskaltem Wasser, dass meine Finger nachher so steif sind, dass ich nicht mal mehr meine Socken auswringen kann. Muss ich auch nicht, denn Brendan naht schon hilfsbereit und aktiviert die Wäscheschleuder für mich. Ich bin begeistert, als literweise Wasser unten herausfließt und meine Socken wirklich nahezu trocken an die Leine können.

Nachdem ich mehrmals das weitläufige Gelände durchquert habe, weil mir immer noch irgendein Artikel aus dem Schlafraum einfällt, sobald ich gerade unten im Garten bin, sitze ich endlich wirklich paradiesisch in der Sonne im riesigen Garten, während die Frau des Hauses bereits akribisch mit einer Kehrschaufel ein vom Baum fallendes Blatt empfängt. Ich schreibe Tagebuch und unterhalte mich mit You Seok, als zu meiner unbeschreiblichen Freude die beste, sauberste Pilgerin ihre Wäsche auf die Leine schmeißt und sich zu uns setzt. Die Bühne gehört komplett ihr, während sie uns theatralisch illustriert, wie sie in jeder größeren Stadt eine Parfümerie sucht, sich dort hineinschleppt und wie eine Sterbende danach ruft, mit Parfum besprüht zu werden. Der Auftritt ist wirklich big drama, nicht schlecht. Die Stirn in tiefste Kummerfalten gelegt, eine Hand in der Herzgegend verkrampft, die andere anklagend gen Himmel gerichtet, dazu die lamentierende Stimme. Noch besser ist aber eigentlich You Seoks Gesichtsausdruck dazu. Wir leiden wohl beide nicht so furchtbar drunter, auf dem Camino kein Parfum zu haben, aber You Seok mit ihrem schwarzen Kochtopfschopf und dem wenig mimosenhaften Auftreten ist noch echt cool.

Ich bin schon fast geneigt, die Argentinierin unterhaltsam zu finden, als sie auch schon mit ähnlich herzverkrampfter Haltung die morgige Etappe zu einem Drama vertextet. Nicht, dass You Seoks Mimik in irgendeiner Weise auf Beunruhigung schließen lassen würde; trotzdem fühle ich mich zum Widerspruch gedrängt. Wenn man nur langsam genug in kleinen Schritten läuft, ist auch eine Steigung nicht viel anstrengender, als weitausholend durchs Flachland zu preschen. Neinneinnein. Argentinien belehrt mich eines besseren, wie bei einem BelastungsEKG nämlich die Herzfrequenz steigt. Ich wiederhole (schon wieder leicht gereizt), dass man darum ja einfach langsame, kleine Schritte machen kann und hier ja auch keiner von einem BelastungsEKG redet. Dochdochdoch. Sie hat sowas nämlich schon mal gemacht, und wenn man da dann ganz arg belasten muss, kommt man so richtig ins Schwitzen und das Herz schlägt schneller… bei mir schwillt vor allem gerade irgendeine Ader an der Schläfe an, und ich kann nur noch ganz schwer ein „are you a doctor? Otherwise shut up“ unterdrücken. Da bin ich nun ein mustergültiger Pilger mit leerem Rucksack und leerem Magen, aber überhaupt nicht mitmenschenfreundlich gelassen, tolerant und liebevoll. Toller Tausch.

Für den Abend haben You Seok und ich die Spaghetti-Reste auf dem Plan, aber wegen morgen mache ich mich auf zu der anderen Herberge, wo es zumindest Bocadillos geben soll. Welch ein Zustand, ich werde morgen auf eine Etappe Einsamkeit gehen mit nichts als einem Bocadillo.

In der anderen Herberge ist ordentlich Trubel; ich bin ganz froh, very british abgestiegen zu sein. An einem langen Bartresen warte ich auf mein Tortilla-Bocadillo zum Mitnehmen, ich rechne mir damit die meisten Kalorien aus. Was ich nachher für wieder einmal schlappe 3 Euro in Händen halte, ist ein Traum von einem Brot. Die Tortilla ist fluffiges Ei mit zarten Kartoffeln, zu einer saftigen Einheit mit dem knusprigen Baguette verschmelzend. Zurück in der Herberge halte ich schon ein klägliches halb so großes Alufolienpäckchen in Händen. Ich bin hin und hergerissen, nochmal zurück zu gehen. Eine Etappe Einsamkeit mit einem halben Bocadillo. Irrsinn. Aber wieder einen vollgehamsterten Rucksack und kiloweise Bocadillos bis nach Ponferrada schleppen, das geht erst recht nicht.

Die Herberge hat sich zwischenzeitlich noch recht gut gefüllt. Ich starte eine kollektive Meinungsumfrage, wer alles Lust auf Spaghetti zum Abendessen hat (schließlich ist unser geplantes Essen ja Allgemeingut). Glücklicherweise hat außer der Argentinierin und einem jungen Franzosen jeder auswärtige Pläne. Wir beginnen zeitig zu kochen, nachdem ich um 7 zur Messe will. Mit leicht schlechtem Gewissen, denn Madame hat mich vorhin (beim Birneneinsammeln) hoffnungsfroh gefragt, ob ich da nachher in der Messe ein paar Worte in Englisch verlesen will. Geschockt habe ich verneint, habe ich doch Mikrofon-, Kirchen-, Öffentlichkeits- und Ausspracheangst in einem. Zum einen tut es mir leid, sie enttäuscht zu haben, zum anderen ist es wieder einer der vielen Caminofälle, wo ich mit einem Ziehen an meinem Herzen merke, dass ich mich zu einem Schritt überwinden sollte. Und es fühlt sich mal wieder denkbar dämlich an, versagt zu haben und nun nicht in der wunderbaren Kirche ein paar wunderbar stimmungsvolle Worte Gottes zu verlesen. Scheiße.

In der Küche überlasse ich weitgehend You Seok das Regiment, sie scheint da deutlich praktischer und zupackender zu sein (und eliminiert entschlossen meinen zu kleinen Spaghettitopf). Dafür hält mich der junge Franzose in Atem. Irgendwas stimmt absolut nicht mit ihm. Vorhin lag er auf seinem Bett, als hätte er hohes Fieber. Er hat ein graues Gesicht und blaue Lippen, gleichzeitig schwitzt er. Wir drei sind ziemlich betreten mit ihm. Argentinien fragt direkt feinfühlig, ob es ihm gut geht, was er bejaht. Einerseits versteht er offensichtlich Spanisch, Englisch und natürlich Französisch, trotzdem scheint er Mühe zu haben, auf eine Frage zu antworten, es scheint ihn sehr zu stressen, sich darauf konzentrieren zu müssen. Er wirkt total fahrig und rastlos. Entweder er hat Entzugserscheinungen oder Panikattacken oder sonstwas. Als das Essen endlich fertig ist, schaufelt er seine Portion in Windeseile in sich hinein. Er fragt, ob sonst noch jemand Nachschub will und kippt den Rest direkt aus dem Topf auf seinen Teller, während die Argentinierin ihm noch helfend schöpfen will. Ihr entfährt ein „der isst ja wie ein Verhungernder“, woraufhin er mit flackernden Augen „ja“ sagt. Die Tischgesellschaft ist generell recht betreten, es wird auch nicht besser, als er uns kurz informiert, dass er seit 2 Monaten unterwegs ist und in SJPdP angefangen hat. Das hat You Seok auch, aber vor 3 Wochen. Offensichtlich hat er nichts, zu dem er eilig zurückkehren müsste. Die Argentinierin rangiert derweil wieder treffsicher auf Fettnäpfchenkurs, während sie philosophiert, wie alt das Knäblein wohl sein mag. Zwischen hastigem Schlingen sagt er „31“. Ich hätte ihn auch jünger geschätzt, aber gut. Nicht so für die Dramaqueen, die ihm minutenlang erklärt, dass es 21 heißen muss, und 31 ja drei, drei Finger, wäre. Er guckt sie flackernd an, als würde er sich gleich in einen grauen Werwolf verwandeln.

Nachdem wir uns alle mehr als einig sind, dass er nicht beim Abspülen helfen muss, räumen wir dann zu dritt recht bedrückt die Küche wieder in Ordnung. Dieses graue Gesicht mit den Schweißperlen und den hellen, gehetzten Augen verfolgt mich noch lange.

Ich schleppe You Seok mit in die Messe, und selbst Drama kommt mit, allerdings nur wegen der gregorianischen Gesänge und wirklich nicht wegen der Messe, weil mit der Katholischen Kirche hat sie es gar nicht mehr, ganz schlechtes Karma. Ich will das schon gar nicht mehr wissen.

Punkt 7 kommt ein Mönch in schwarz vom neben der Herberge liegenden Konvent. Ich sehe die Gesänge in weite Ferne rücken, allerdings hatte mich Brendan ja schon vorgewarnt, dass es gerade nicht viele Mönche hätte und der eine schon ein Fortschritt wäre. Dafür ist der ein sehr junger und ausgesprochen attraktiver Fortschritt, der erstmal mit einem tollen Lächeln und einer samtenen, leisen Stimme jeden fragt, woher er kommt und welche Sprache er will. Ich bin superfein mit Englisch oder Spanisch, aber nein, nein, er schaut dann schon, dass er noch etwas in deutscher Sprache einbaut.

In Ermangelung eines freiwilligen, der englischen Sprache gut mächtigen Pilgers (arg) liest Brendan einleitend einen Text. Die Predigt gestaltet sich multilingual, allerdings ohne Gesänge, woraufhin jemand dann theatralisch die Haare nach hinten wirft und die Kirche verlässt. So richtig berührte Kirchenstimmung kommt bei mir (wie schon seit längerem) nicht auf. Diesmal könnte es auch nicht unbedeutend an der Person des Mönchs liegen, der meine Gedanken weitgehend dahin okkupiert, warum so ein toller Mann ausgerechnet Mönch werden muss.

Nach der Messe sitze ich noch kurz in der Kirche, während hinter mir jemand wild Fotos macht. Es klickt und blitzt minutenlang, bis ich es mit der Kirchenstimmung für heute wirklich aufgebe. Der Mönch schließt mit einem beeindruckenden Riesenschlüssel, den er an einer Kordel um die Taille trägt, hinter uns ab. Eine Österreicherin verwickelt ihn in ein interessantes Gespräch über die Zukunft seines Ordens hier und seiner Herkunft. Er hat vorher 4 Jahre in München gewirkt, was natürlich auch die fließenden Sprachkenntnisse erklärt. Und mit den gregorianischen Gesängen würde es so schnell auch nichts mehr. Nächste Woche käme zwar noch ein Zusatzmönch, aber der Bruder Weissnichtwas könnte nicht so gut singen (wozu er sehr charmant grinst). Neben mir mache ich die Ursache des fotografischen Dauergewitters aus; ein älterer Pilger aus Thailand ist begeistert von der Kirche, dem Mönch und dem Schlüssel. Nach dem etwa hundertsten Bild grinst der Mönch mitten im Gespräch kurz und meint, ob der denn jetzt irgendwann mal fertig wäre. Der halb so große Thailänder versteht das natürlich nicht, lächelt nur total begeistert und knipst strahlend weiter. Schon bekomme ich den Foto in die Hand gedrückt, Thailänder mit Mönch mit Schlüssel. Der Knabe kennt da wirklich nichts, er stellt sich breit grinsend neben den Mönch und legt ihm den Arm um die Schulter. Die wahlbayrische Frohnatur ist sichtlich hin- und hergerissen zwischen Erstaunen und Amüsement, während die Österreicherin noch tapfer an ihrer Fragerunde festhält. Ich übergebe den Foto wieder, der Thailänder ist sichtlich erfreut und möchte jetzt nur noch den imposanten Schlüssel in Großaufnahme für seine Kollektion. Dazu rückt er dem Mönch mal wieder derart auf die Pelle und nestelt an dessen Kutte herum, dass diesem dann doch ein „jetzt reichts aber mal!“ entfährt. Man hats nicht leicht.

Derweil hat der fürsorgliche Spitzenhospitalero schon ein Feuer im Kaminzimmer entfacht, um restliche Wäsche zu trocknen und den Schlafsaal direkt darüber zu beheizen. Wir sitzen gemütlich zusammen, ich tausche Emailadressen mit You Seok aus, höre mir Brendans spannenden beruflichen Werdegang an und seine Pilgererfahrungen. Ein bisschen betrübt zeigt er sich vom Pilgerrückgang in den letzten Jahren. Früher gab es in Foncebadón keine Übernachtungsmöglichkeit, auch in Rabanal waren die Betten spärlich gesät. Die englische Herberge war mit die einzige Möglichkeit, vor den Bergen zu übernachten. Interessant finde ich auch die Hospitalero-Modalitäten in dieser Herberge: um zwei Wochen hier arbeiten zu „dürfen“, muss man sich mindestens ein Jahr im Voraus anmelden, der Job ist heiß begehrt. Dass es eine absolute Ehre und Kür für Brendan ist, merkt man ihm auch mit jeder Pore an. Es überrascht mich dagegen nicht weiter, als er erzählt, dass seine Frau selber noch nie gepilgert ist (und es auch nicht will). We don’t like that.

Ich flechte noch halb panisch an meinen Bändeln. Ich möchte You Seok auf alle Fälle eins geben, und eigentlich auch Brendan. Allerdings habe ich langsam etwas Materialmangel und außerdem gestandene-Männern-könnten-kitschige-Bändelgeschenke-doof-finden-Angst. Wieder zieht mein Herz, und wieder schaffe ich es nicht, den kleinen Schritt zu machen.

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Ich schlafe in leichter Alarmbereitschaft, denn heute sollte ich zeitig los. Der einzige Bus des heutigen Tages fährt um 12.50 ab Carrión de los Condes. Für alle Fälle habe ich mein Ticket vorher im Internet gebucht – und einen Riesenschreck bekommen, dass 2 Wochen vorher an den beiden darauffolgenden Tagen nur noch 1 bzw. 2 Plätze frei waren. Sollte ich also meinen Bus heute verpassen, habe ich ein Problem.

Gegen 6 rappelt es zum ersten Mal, Jean macht sich schlurfend ans Packen. So früh traue ich mich dann doch nicht mehr los und schlafe nochmal weiter. Nächstes Augenöffnen um 7 erfüllt mich dann aber fast schon wieder mit Panik.

Ich düse gut vorbereitet los. Den Weg habe ich gestern sicherheitshalber schon auskundschaftet, und um nicht wieder fürchterlich zu frieren, trage ich heute gleich vorbeugend die ganze Montur, inklusive Regenhose und 2 Fleecepullis unter der Regenjacke. Leider ist es heute nur halb so kalt.

An die heutige Strecke habe ich keinerlei Erinnerungen, zumindest keine besonders guten. Laut Führer soll es auch immer an der Straße entlanggehen. Das tut es wirklich in sehr faszinierender Weise. Eigentlich ist das Wegchen dadurch eh idiotensicher, trotzdem hat es alle 50 Meter nicht nur einen, sondern gleich 4 Wegsteine. In guten Momenten habe ich Ausblick auf gleichzeitig etwa 20 Steinquader. Nach dem gestrigen Verirren ist das fast schon Hohn.

Den Sonnenaufgang ignoriere ich heute weitgehend. Entweder, es ist wirklich ein Stück weit die Gewöhnung. Oder die Tatsache, dass ich zwar begeistert Fotos mache, aber jeden Abend fast alles wieder löschen muss, weil ich nur eine Speicherkarte habe und diese so etwa 250 Fotos zu fassen scheint. 20 Bilder pro Tag. Die ersten Tage in der Meseta habe ich so viel geknipst, und selbst bei bestem Willen kann ich nicht auf 20 reduzieren. Ich hoffe ein Stück weit auf einen ausgleichenden Regentag – oder einen unspektakulären Tag an der Straße, so wie heute. Vor allem bin ich heute aber auch eindeutig gestresst, unter Strom und überhaupt nicht Pilger. Meine Gedanken sind nur bei den Busverbindungen und was mich in Astorga erwarten mag.

Trotz Zeitdruck mache ich irgendwann eine kleine Pause, um mich aus meinen Regensachen zu schälen bzw. diverse wärmende Fleeceartikel einzupacken. Heute ist es wirklich nicht übermäßig kalt.

Wie üblich überkommt mich ein warmes, ziehendes Gefühl, als ich zum ersten Mal bewusst ein Schild mit „Santiago“ und Kilometerangabe inmitten des Steinquadermeers wahrnehme. Im nächsten Moment schüttele ich mich, diese Kilometer gelten für alle, nur nicht für mich. Ich bin ja heute Pilgerabschaum und nehme den Bus.

Carrión de los Condes erreiche ich Punkt 12, fast eine Stunde zu früh. Direkt am Weg hat es einen kleinen Camino-Informationsstand, wo ich nach dem Busbahnhof frage. Die junge Frau guckt mich erstmal kritisch an und meint, wir könnten auch deutsch sprechen, sie käme aus Österreich. Und der Bus würde immer direkt gegenüber an einer kleinen Bar halten. Ich möchte lieber zum Busbahnhof, sicher ist sicher. Sie ist recht gereizt, ich könnte schon auch irgendwo anders hinlaufen, aber da käme auch nicht wirklich ein Busbahnhof. Ich bin etwas durcheinander und verunsichert. Sie kriegt verständlicherweise zunehmend die Krise mit mir, die sicher noch 10 x nachfragt, ob der Bus auch wirklich vor dieser komischen kleinen Bar anhält.

Ich mache mich zum Supermarkt im Stadtkern auf. So richtig viel kaufen macht keinen Sinn, sollte ich doch Astorga zu Ladenöffnungszeiten erreichen. Ein Jammer in Anbetracht des schönen Ladens. Ich schiele ein wenig zu den Kosmetikartikeln. Der Lippenpflegestift ist diesmal beim akribischen Rucksack-Durchwiegen dem Rotstift zum Opfer gefallen. Die Mischung aus Sonne, Kälte und Wind der letzten Tage lässt mich meine Lippen schon in Scheibchen abnagen. Ich finde nichts, stehe vermutlich vor dem falschen Regal, kann das ja aber in Astorga in Ruhe angehen.

Ich trabe zurück zu der großen Kathedrale am Ortseingang, die im Moment leider von Bauarbeiten und ohrenbetäubendem Lärm erschüttert wird. Meine über alles geliebte Herberge mit den Nonnen macht leider auch erst um 1 auf. Irgendwie hätte ich gerne nochmal dort vorbei geschaut. Ich tröste mich damit, das man wunderbare Erinnerungen auch einfach als solche belassen kann.

Ungeachtet der kathedralischen Presslufthämmer setze ich mich auf eine wie immer eiskalte Bank in die Sonne, um wenigstens im Geiste nochmal im Einzugsbereich der Herberge zu sein. Unter misstrauischen Blicken der Einheimischen breite ich meinen halben Rucksack aus, dekantiere Olivenwasser in die Grünanlagen und teile mein altes Brot begeistert mit den Vögeln (die plötzlich peinlicherweise keinen Hunger mehr haben, als ich einen halben Laib auf einmal ausgestreut habe). Ich habe mal wieder gerade einen viel zu großen Happen im Mund, als mir plötzlich halb das Herz stehen bleibt. Der atemberaubende Beau aus Burgos schlendert allen Ernstes zu mir her, in Begleitung eines anderen Pilgers. Er fragt irgendwas, ob ich auch hier wäre, worauf ich ja wirklich auch nicht sehr viel sinnvolleres antworten könnte als „hm-hm“, selbst wenn ich nicht Backen wie ein Hamster hätte. Offensichtlich dämmert ihm schnell, dass ich immer noch nicht in sein Beuteschema passe, und er trollt sich ziellos. Noch mehr als mein suboptimales Auftreten (ich schnipse mir betreten eine ordentliche Schicht aus Brotkrümeln und Mehl von der Brust) schockt mich die Tatsache, dass dieser kraftvolle, athletische Superpilger nicht bereits kurz vor Santiago ist, sondern ein ähnliches Schleichtempo drauf hat wie ich. Und mittags um 12 nichts besseres zu tun hat, als noch nicht mal den Pfeilen zu folgen. Ich kann ihn enttäuscht unter „mehr Schall als Rauch“ abhaken.

Eine halbe Stunde zu früh trabe ich zu der ominösen Bar zurück, und nachdem sich auch um 1 noch nichts tut, bin ich hin und hergerissen, ob ich nochmal die Österreicherin nerven soll oder mich irgendwo heulenderweise hinsetzen und überlegen, wie ich nun meinen Camino ohne Busetappe arrangiere.

Glücklicherweise kommt wirklich ein riesiger Bus die viel zu kleine Straße entlang. Ich winke wohl etwas zu theatralisch. Der Buschauffeur meint bei meinem wedelnden Ticket nur „ja, ja, steig mal ein“ und hat wohl das Gefühl, dass ich einen Vollschuss habe. Das könnte ich aktuell nicht einmal leugnen. Nun sitze ich zwar wohlbehalten im Bus, Weiterfahrt gesichert, aber nachdem der Chauffeur den Motor ausgestellt hat, ausgestiegen ist und wenig Anstalten macht, bald weiter zu fahren, überkommt mich jetzt eine richtiggehende Panik, nachdem gerade Jean den Weg entlang kommt. Wenn ich nicht gerade einen Frühstart hinlege, ist er der sichere Indikator für das Eintreffen des Pilgerpulks in den nächsten Minuten. Ich sehe nicht nur Domingo begeistert lächelnd „alles klar?!“ neben mir in den Sitz fallen, sondern am besten noch die Horde Franzosenehepaare. Und die neu-finnische Spezialtruppe. Ich muss wirklich leicht traumatisiert sein, ich atme erst wieder normal, als die Türen endlich schließen und wir losfahren.

Zum ersten Mal mache ich mich in einem spanischen Bus nicht gleich schlafbereit. Ich bin zu fasziniert von der Tatsache, dass wir fast die ganze Zeit am Camino entlang fahren. Auf den Schildern passieren wir die altbekannten Ortsnamen voller Erinnerungen, am Horizont sehe ich immer wieder Pilgergrüppchen, irgendwo radelt mühsam die kleine Spanierin auf ihrem frisch gesäuberten Fahrrad. Ich halte Ausschau nach bekannten Gesichtern, vor allem nach David. Irgendwie ein ganz komisches und unwirkliches Gefühl, an allem vorbeizufahren.

Wir fahren den Kreisel vor León, ich erinnere mich an das hupende Auto und den freundlichen, jaguarfahrenden Wegweiser. Gespannt halte ich Ausschau nach meiner Autobahnüberquerungs-Sprintstrecke. Zu meiner Erleicherung hat es dort eine quietschblaue Faltbrücke. Irgendwie hätte es mich auch gewundert, wenn ich da als einzige Bedenken gehabt hätte.

In León spuckt mich der Bus auf dem wenig einladenden Busbahnhof aus. Mein erster Gedanke gilt einem WC. Zuerst suche ich ein WC mit Papier. Ich reduziere die Ansprüche und hätte zumindest gerne etwas mit funktionierender Klospülung statt eingetretenem Spülkasten. Letztlich sehe ich über diverse Gucklöcher in der Wand hinweg, aber nachdem auch alle Schlösser herausgebrochen sind, stellt sich bei mir akuter Harnverhalt ein, und ich streiche das Unternehmen WC todesmutig.

In der Wartehalle wuselt es nur von Pilgern. Ich komme mir, ähnlich wie in Burgos, wie ein Fremdkörper vor. Mich schüchtert ihre selbstverständliche Pilgerausstrahlung ein, verstärkt durch die Sorge, auf wieviele Pilger ich hier wohl treffen mag, wenn schon der Busbahnhof derart geflutet ist.

Mein Anschlussbus stellt mich in meiner aktuell wenig sortierten Stimmung schon wieder vor unlösbare Probleme. Es hat keine Anzeigetafel, wo genau welcher Bus abfährt, und nachdem es etwa 30 Stellplätze hat, an der laufend Busse aus- und einfahren, habe ich Sorge, zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Ein älterer Spanier beruhigt mich nett, dass ich einfach abwarten solle, wo mein Bus einfährt. Er ist selber schon mehrfach den Camino gelaufen, allein das beruhigt mich. Ich stelle mich ziellos in einen größeren, wartenden Pulk, während die geplante Abfahrtszeit immer näher rückt. Mit einem Mal kommen etwa 6 Busse auf einmal, alle um mich herum laufen erleichtert zu irgendwelchen Türen. Nirgends steht etwas von Astorga, Kunststück, sehr wahrscheinlich ist das wieder nicht der Endbahnhof. Die ersten Türen schließen sich schon wieder, die ersten Busse fahren schon wieder ab (und ich würde mich am liebsten intuitiv heulend auf den Boden werfen). Da kommt noch ein weiterer Bus eingefahren. Irgendwas mit Ponferrada lässt mich neue Hoffnung schöpfen, und der Busfahrer scheint mit meinem Ticket auch wirklich etwas anfangen zu können. Madre mia. Bin ich froh, wenn ich diesen Tag hinter mir habe. Ich habe den Eindruck, dass mich pilgerische Herausforderungen wie Minusgrade, Wassermangel oder Mammutetappen weitaus weniger aus der Fassung bringen.

Noch einmal geht es im sonnigen Abendwerden an bekannten Orten vorbei, Abzweigungen nach Villar de Mazarife und Hospital de Orbigo, ich kann sogar die markanten Wassertürme sehen und werde von Erinnerungen förmlich überrollt.

Bei der Einfahrt in Astorga bin ich gespannt, wo ich wohl herausgelassen werde. Zu meiner Freude direkt am Gaudi-Palast und meiner geplanten Herberge. Und im Vorbeifahren erspähe ich sogar noch einen El Arbol Supermarkt.

Ich bin heilfroh und unendlich erleichtert, als ich zum ersten Mal astorgischen Boden unter den Füßen habe und ab jetzt endlich wieder normale, richtige Pilgerin bin. Sofort kommt auch die übliche Sicherheit zurück, während ich zielstrebig und mit weitausholendem Schritt zur Herberge strebe.

Dort werde ich heute schon wieder deutsch (und recht resolut) empfangen. Die Hospitalera drückt gönnerhaft ein Auge zu und lässt mich einchecken; nachdem die Herberge ja kommerziell ist, würden auch Buspilger genommen. Das beleidigt mich dann doch wieder einen Hauch in meinem Pilgerstolz. Bin ich heute doch brav meine normale Etappenlänge gelaufen.

Ich gehe schnell auf Einkaufstour; der Supermarkt ist Luxus, und ich erstehe meine favorisierten grünen Minipaprika sowie einen Beutel Mischsalat. Nach dem vielen Weißbrot mit Chorizo der letzten Tage lechze ich förmlich nach etwas aus der Rubrik „gesund und frisch“. Ich kaufe auch Kiwi und Sharon, höchstens etwas gebremst durch die vage Erinnerung an einen ordentlich gefüllten Beutel mit Mandarinen, den ich schon viel zu lange mit mir herumschleppe und vielleicht zuerst konsumieren sollte.

Nur einen Lippenpflegestift finde ich wieder nicht. Einen einzigen hat es, aber der hat Lichtschutzfaktor (so einen weißen habe ich selber) und ohnehin Inhaltsstoffe, die eher nach Deo oder irgendwie gesundheitsschädlich klingen. Ich stehe schon wieder ein wenig geknickt auf der Straße, als mir auf der anderen Straßenseite eine Drogerie Parfumerie ins Auge sticht. Vermutlich nicht mein Preisklasse, aber für alle Fälle spähe ich mal durch das Schaufenster, und nachdem es Waschmittelregale à la dm-Markt hat, wage ich mein Glück. Sofort springt eine alarmierte Horde von Verkäuferinnen auf mich zu (ich passe zugegebenermaßen doch nicht so ganz zum Ambiente), werde aber lieb durch den halben Laden zu den Lippenpflegestiften geleitet (ich bin begeistert von meiner spanischen Umschreibung, die offensichtlich gar nicht so schlecht war). Stolz wirft sich die Verkäuferin in Positur, es gibt Vaseline oder Labello blau oder Labello rosé. Punkt. Während ich noch geschockt schaue, guckt sie mich schon begeistert erwartungsvoll an. Vor meinem geistigen Auge öffnen sich heimische Schubladen mit 20 verschiedenen Sorten diverser namhafter französischer Kosmetikhersteller, gefolgt von Erklärungen, warum Vaseline und Labello rein gar nicht gut sind für die Lippen. Ich schüttele mich zurück in die Gegenwart. In einem letzten kläglichen Versuche frage ich, ob die denn gut sind, was die Gute weitausholend begeistert bejaht, als wäre ich taubstumm. Ich nehme schicksalsergeben Labello blau. Ob ich nicht lieber rosé möchte, der hätte noch zusätzlich Rose drin – und wäre „offerta“! Mir geistert eine Millisekunde „dumme Nuss, der ist einfach rosa eingefärbt“ durch den Kopf, lächele dann aber freundlich und dankbar. Draußen werfe ich einen Blick auf die Inhaltsstoffe – es hat tatsächlich Rose drin und stattlich viel Jojobaöl. Und das Ding duftet und schmeckt ganz göttlich. Ich fühle mich peinlich berührt wegen der „dummen Nuss“.

Ich wende mich endlich wieder dem Camino zu und betrachte die Lage. In der Herberge ist es ausgesprochen leer, von befürchteten Pilgermassen keine Spur. Nur das Wetter ist etwas moderat, wolkig bedeckt. Bin ich etwa meinem strahlenden Sonnenschein davongefahren?

Diesmal ist nicht nur der Gaudi-Palast wie immer geschlossen, sondern auch die Kirche. Dafür sondiere ich eine Messe für den Abend. Natürlich wieder nicht in der großen Kirche, aber in einem kleinen Konvent direkt gegenüber. Vorher gehe ich noch ein bisschen Stadtbummeln, wenn ich heute eh schon Buspilger bin. In einem Pilgerladen hat es meine Muschelanhänger. Eigentlich wollte ich sie wie vor 2 Jahren in der Herberge in Castrojeriz kaufen. Da diese aber geschlossen hatte, bin ich heute froh darum. Der Verkäufer ist nett, bemüht sich um Small Talk mit den Pilgern und schenkt mir einen Pilgermagnet. „Für den Kühlschrank“. Hm.

Die schönen Backwaren in den Schaufenstern sind verführerisch, ich habe aber wieder das Gefühl, eher das Ambiente zu stören, sodass ich mich lieber auf die Suche nach der Messe mache. Ich umrunde das Areal fast zweimal, bis ich endlich den recht versteckten Eingang finde. Hinter dem Kirchenschiff hat es dicke Gitterstäbe, dahinter erstreckt sich nochmal ein ähnlich großer Raum mit Bänken und auf den ersten Blick sehr vielen Nonnen. Vermutlich ist interessiertes Umdrehen und Hinstarren nicht angebracht, sodass ich es bei dem speziellen Gefühl belasse, vor einem Haufen Nonnen hinter Gittern zu sitzen.

Nach der Messe mache ich mir mein Abendessen. Leider sind die Paprikas absolut ungenießbar scharf, zumindest einige von ihnen. Nach der ersten brennt mir derart der Mund, dass ich auch kaum mehr beurteilen kann, ob die weiteren gut oder ähnlich höllisch sind. Ich esse tapfer ungefähr die Hälfte davon, aber ein Genuss ist es wirklich nicht. Auch meinem Salat fehlt es an einer zündenden Soße, er schmeckt einfach nach ziemlich schlecht abgetropft. Ich bin ziemlich bedröppelt von meinem Werk.

Die Hospitalera gesellt sich zu mir. Sie bekommt jeden Tag das Essen vom Gaudi-Restaurant geliefert und erfreut sich aktuell einer deutlich appetitlicher aussehenden Fischsuppe. Sie erzählt mir vom Hospitalera-Alltag und den Bettwanzenproblemen. Mir wird schon ganz eng, und es juckt mich fast prophylaktisch. Vor allem, weil in den Betten neben mir zwei wild verstochene Pilgerinnen sind, die sich die Wanzen in Sahagun geholt hätten. Ich habe ganz dezente Sorge, ob in den wenige Tagen seither schon alle Wanzen komplett beseitigt sind und lagere meine gesamten Sachen schon etwas paranoid an die Wand gedrängt. Meine Sorgen schürt die Hospitalera leider eher noch. Auch lacht sie sich kaputt über meine Mandarinenvorräte. Wenn ich noch Essen mit mir rumschleppen würde, wäre ich wohl einfach noch nicht lange genug gepilgert. Das kränkt nun erst recht meinen Stolz (sie hat natürlich Recht) und ich beschließe, ab morgen rigoros meine Vorräte zu dezimieren.

Neben den zwei Verwanzten kommt noch ein Deutscher an den Tisch, den ich am Busbahnhof in León schon getroffen habe. Er ist nicht besonders kommunikativ. Irgendwie tut ihm überall irgendetwas weh, deswegen hat er auch abgekürzt, was ihm nun aber auch zu schaffen macht. Als noch vermutlich seine Eltern auf dem Handy anrufen und sich über die Busnahme erstaunt zeigen, bekommt er fast schon einen Wutanfall, dass er daran jetzt ja auch nichts ändern kann.

Den Rest des Abends beschränke ich mich weitgehend aufs Zuhören und Bändelknüpfen. Ich bin ziemlich matschig, habe mich heute zu oft dem Heulen nahe gefühlt, bin nicht richtig gepilgert – und durch meine Gehirnwindungen krauchen zu viele kleine schwarze Käferchen.

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Ab ca. 4 Uhr morgens bin ich so gut wie hellwach, schaue alle 10 Minuten auf die Uhr, während mich meine unruhigen Gedanken von gestern morgen wieder umtreiben. Ich sehne mich nach meiner Stirnlampe, um loslaufen zu können, sobald ich wach bin, anstatt jetzt idiotisch ins Dunkel zu starren, auf das monströse Schnarchen von zwei männlichen Radpilgern zu lauschen und Kristian alle 10 Minuten husten zu hören, als gäbe es kein Morgen mehr.

Ich harre tapfer bis 6 Uhr aus, aber dann stopfe ich alles geräuschlos in meinen Schlafsack und mache mich davon. Im Essraum packe ich alles ordentlich zusammen und finde sehr dankbar noch ein Brötchen vom ersten Tag, das in diesem Moment hervorragend schmeckt. Dann will ich nur noch weg und laufen.

Astorga im Dunkeln ist unheimlich, aber bald dämmert es, und ich bin außerhalb der Stadt. Hinter mir geht die Sonne auf, schon zum dritten Mal fühlt sich die Landschaft an wie der ultimative Energiespender, ich komme zur Ruhe und fühle mich einfach in einem sorglosen Flow.

In Rabanal freue ich mich auf den Mercado und endlich etwas zu essen. Der Laden ist der Hammer, es hat auf kleinstem Raum wirklich alles, vor allem in Pilgergröße. Ob nun einzelne Taschentücher oder Marmelade. Mir stechen auch Batterien ins Auge, und ich beschließe, meiner Stirnlampe noch eine Chance zu geben. Außerdem bin ich erleichtert, eine große Flasche Wasser erstanden zu haben. Ich bin lange nur noch mit einer Halbliterflasche gelaufen und habe immer wieder an Brunnen aufgefüllt. Heute ist mir dann siedendheiß eingefallen, dass es den ganzen Tag über keinen Brunnen gibt und ich mit meinem halben Liter über den Berg vielleicht etwas alt aussehen könnte.

Zum Abschied bekomme ich aus einem großen Sack eine Handvoll Haselnüsse.

Leider helfen die neuen Batterien auch nichts, ich könnte heulen. An einer Stelle ist eine Batterie ausgelaufen und alles korrodiert. Ich versuche, mir meinen praktischen kleinen Bruder ins Gedächtnis zu rufen und dass man Kontakte herstellen muss. Ich kratze wie eine Wilde mit einer Sicherheitsnadel herum, aber nichts tut sich. Ich will gerade aufgeben, als mir auffällt, dass ich die Batterien allesamt verkehrt herum eingelegt habe. Ich drehe sie um – und es leuchtet.

Ich bin richtig high und ziehe mich bei beginnendem Regen in die kleine Kirche zurück. Ich möchte bis Foncebadón weiter, aber aus leidvoller Erfahrung möchte ich dieses Jahr nicht wieder einen Wetterwechsel riskieren. Ich will abwarten und weitersehen. Ich freue mich über meine über die Jahre gelernte Gelassenheit, und ich freue mich an der Kirche, die mittlerweile schon über richtige Sitzbänke verfügt und mit der es aufwärts zu gehen scheint.

Ich richte mich gerade häuslich vor der überdachten Kirche ein, um zu essen, als ich einen Mönch draußen sehe, der auf Englisch einem Pilger zu erklären versucht, dass die Herberge leider erst um 16.00 aufmacht. Ob man denn dann wenigstens etwas einkaufen könne. Ich schiele um die nächste Säule, erkenne Kristian und winke mit meiner gefüllten Supermarkttüte. Er lacht und erklärt dem Mönch, ich wäre sein Schutzengel.

Der Mönch stellt sich als Deutscher heraus, der jetzt gleich eine Messe hält und dazu noch Mitstreiter sucht. Ich bin begeistert, vor allem angesichts des eh kalten Regenwetters. Ich schaffe noch schnell ein Stück Brot vor der Messe, Kristian kommt leider erst im letzten Moment, was ihm sein Lieblingswort entlockt.

Die Messe singen drei Mönche in gregorianischen Chorälen, aber es bewegt mich nicht. Vielleicht bin ich zu unentspannt, weil es mitten am Tag ist und ich noch weiterlaufen will. Vielleicht irritiert mich Kristian, der sich sehr unwohl zu fühlen scheint und dessen Magen lautstark knurrt. Aus der Predigt bleibt mir ein Satz haften – vom Zusammenhang, dass man einfach jeden Tag sein Bestes geben soll und im Sinne Gottes leben, dann schaut Gott nach dem Rest. Angesichts meiner panischen weltumwälzenden Gedankentiraden irgendwie versöhnlich.

Bei der Kommunion verlässt Kristian die Kirche. Zum ersten Mal wird hier die Oblate in Wein getaucht, irgendwie ist mir danach auch nicht zumute. Ich bin froh, als die Messe vorbei ist.  So wie ich mit meinem spanischen Pilgerfreund José Messen sehr bereichernd erlebt habe, von seiner Religiosität angesteckt und entflammt wurde, so zerstört Kristian mit seiner linkischen Art, seinem Gerotze und Gefluche meine Stimmung. Das Wetter ist soweit stabil und ich will einfach nur wieder weg hier. Laufen, meine Ruhe haben, allein sein.

Direkt nach Rabanal treffe ich auf Luca von gestern abend. Er scheint einer Unterhaltung nicht abgeneigt, und ich bin mit einem Schlag auch besänftigt. Er ist lustig und intelligent, gleichzeitig erinnert er mich an Angelo. Er hat auch einen fürchterlich langen Pilgerstab, den gleichen lustigen Akzent im Englischen und ein ähnliches Temperament. Wir laufen zusammen die eineinhalb Stunden bis Foncebadón, derweil erzählt er mir von seiner Musik, seiner Beziehung, seinen Selbstzweifeln und von einem deutschen Freund, den er hier kennengelernt hat und den er bereits am Wochenende in Mélide wiedertreffen will. Deswegen möchte er heute auch möglichst weit kommen und bis Manjarín laufen. Ich warne ihn etwas vor, aber das Wiedersehen mit dem Freund scheint ihm alles wert zu sein. Bei einer Rast überholt uns Kristian, der sich nun wohl doch umentschieden hat und nicht in Rabanal geblieben ist.

In Foncebadón tausche ich mit Luca Emailadressen aus, und wir verabreden uns lose für morgen früh; als Frühlosläufer werde ich ihn wohl einholen.

Letztes Jahr hatte ich mich so auf die Pfarrherberge gefreut, die dann geschlossen hatte. Diesmal habe ich mich mit einer privaten Herberge eigentlich schon angefreundet, aber probehalber gehe ich trotzdem die paar Schritte weiter – und wirklich, im Nieselregen vor der Herberge spielt ein CD-Player. Ich bin hin- und hergerissen, was ich jetzt machen soll, lasse wieder meine Intuition entscheiden- und bleibe da. Hinter der dicken, klemmenden Tür am Empfang sitzt schon der Norweger, was mich kaum mehr überrascht.

Der Hospitalero ist Kanadier und erklärt uns liebevoll das Procedere. In der Miniküche kochen er und ein Freund heute abend für uns, im Aufenthaltsraum hat es einen warmen Gasofen, sonst leider wenig Warmes. Der Schlafsaal wirkt riesig, düster und kalt. Die Dusche ist zwar heiss, aber die Luft ist so kalt, dass meine Atemluft raucht. Ich verkrieche mich in den Aufenthaltsraum an den Ofen und lasse mich schön durchrösten.

Die beiden Hospitaleros beginnen ab dem Nachmittag zu kochen, und sie scheinen etwas davon zu verstehen. Der später Dazugekommene ist mir auf Anhieb sympathisch. Wir reden ein wenig über die Eckpunkte des Pilgerns, warum und wieso, aber was der eine sagt ist das, was der andere genauso fühlt. Zum Beispiel meint er, am wohlsten würde er sich auf dem Camino fühlen, aber es wäre schwierig, das seiner Frau und seiner Familie gegenüber zu vermitteln, ohne dass es falsch verstanden würde. Ich weiß genau, was er meint; vielleicht fühle ich mich auch deswegen so wohl und betreut hier.

Im Schlafsaal brennt mir eine Frage auf der Zunge. Ich frage Kristian, ob er sich selbst eigentlich gern hat. Die Reaktion spricht für „Treffer. Versenkt.“. Ich verstehe nicht, wieso ich seit gestern abend eine ganz komische Verbindung zu ihm habe. Seit ich ihm das Bändel um das Handgelenk gemacht habe, fühlt mein Herz jede negative Schwingung bei ihm (und er hat viele). Wir sitzen zusammen im warmen Aufenthaltsraum, er sitzt allen Ernstes annähernd ruhig, und wir reden recht persönlich. Da erschlägt mich die nächste Eingebung aus dem Hinterhalt. Meine Hände sagen, sie wollen heilen. Ich ignoriere das mal, zumal Kristian schon im Schlafsaal so weit in eine hintere Ecke gezogen ist, dass es mich wundert, dass er nicht gleich draußen zeltet, und auch hier sitzen wir jeder an einem Ende des Tisches. Er scheint eine gewisse Phobie vor Nähe zu haben, aber meine Hände wollen immer noch heilen. Nachdem er jetzt auch seinen Fuß auspackt und sorgenvoll betrachtet, fragt etwas in mir, ob ich ihm mal Hände auflegen soll. Er meint „okay“ und ich denke „schöne Scheiße, was mache ich hier eigentlich, ich kann doch weit und breit nicht heilen?!“. Sein Fuß sieht echt schlimm aus, total aufgedunsen, und ich lege mal zaghaft meine Hände drumrum. Er meint fasziniert interessiert, dass das ja alle Heiler so machen, dass die Energien dann von rechts nach links fließen. Ich danke Gott, dass meine Hände zufällig richtig liegen. Nach 5 Minuten meint er, es würde sich jetzt ganz toll anfühlen. Ich denke nur „herrje“ und flüchte zum Händewaschen alias schlechte Energien ableiten.

Glücklicherweise gibt es bald Abendessen, und weitere unkontrollierbare Schnapsideen meinerseits bleiben aus. Wir sind leider immer noch nur zwei Pilger und zwei Hospitaleros, dabei haben die beiden unheimlich liebevoll zwei verschiedene Suppen, Tortilla und Spaghetti mit Thunfisch gekocht. Ich bin unheimlich glücklich in dieser kleinen Runde, als es klopft und Chuck sich zum Abendessen einlädt. Er logiert in der privaten Herberge, aber dort ist ihm das Essen zu teuer. Das hier ist alles Donativo, d.h. auf Basis von freiwilliger Spende. Heute spende ich mehr als jemals zuvor, aber für Chuck ähnelt Donativo „fast gratis“. Und Kristian hat auch schon verlauten lassen, dass er heute einfach eine Gratisherberge gebraucht hat, weil er nur noch 6 Euro hat bis zum nächsten Geldautomaten.

Allein beim Anblick von Chuck vergeht mir der Appetit. Er redet ohne Unterlass, im wesentlichen davon, wie toll er ist. Er erzählt von seinem Blog, dass er in Google Nummer 1 ist, wenn man Spanien und perverse Sachen eingibt, weil klar, er weiß ja, wie er auf sich aufmerksam machen kann… ich bekomme schier Brechreiz. Abschließend setzt er an zu „hey guys, also jetzt mal im Ernst, der Camino wird doch einfach nur maßlos überschätzt. Klar, man hat hier jeden Abend ein warmes Bett und das Laufen tut gut, aber sonst ist doch nichts, oder?“. Kristian scheppert lautstark seine Teller zusammen und beginnt mit dem Abräumen, und auch ich verlasse fluchtartig und dankbar den Raum. Wir spülen zusammen ab, als mein Lieblingshospitalero mir zuraunt, ob der da drinnen ein Freund von mir wäre. Mein Blick ist wohl eindeutig, und er meint „ein Glück!“. Das macht ihn mir nochmal doppelt so sympathisch.

Während wir einträchtig abspülen (und Kristian kritisiert, dass noch Spülmittelreste auf den Tellern wären und die nicht festtrocknen dürften; er wäre später gerne mal Hausfrau), überfällt mich eine gewisse Beklommenheit und Traurigkeit. Ich fühle mich endlos verbunden mit diesem Chaoten, und er fragt prompt auch, ob ich gerade happy wäre. Als ich verneine, fragt er, ob es daran liege, dass ich abspülen müsse. Als ich wieder verneine, ist er still. Ganz ehrlich breche ich aber fast gleich in Tränen aus. Ich habe einen beschissenen riesigen Topf mit Linsenresten zum Spülen, und auch wenn ich seit 5 Minuten schrubbe, es werden irgendwie immer mehr Linsenreste. Ich ertappe mich dabei, die Linsenreste schon als „fucking“ zu titulieren, und das macht mich erst recht unglücklich.

Zum Glück gibt es nun noch eine Messe, nur für mich, weil Kristian für heute wohl schon genug Messe hatte. Darüber bin ich auch erleichtert. Wir sitzen zu dritt in der Kirche, die man direkt durch den Schlafsaal betreten kann. Ich bekomme Texte in Deutsch zum Vorlesen, lustigerweise die, die ich bereits im Vorjahr in Ponferrada gelesen habe. Ich darf den spanischen Pilgersegen lesen, die Kanadier lauschen geduldig meinen spanischen Leseversuchen. Zum Abschluss singen wir „Hallelujah“ von Leonard Cohen, zum Glück in einer abgeänderten Version. Sonst hätte ich mich leider weigern müssen. Ich hatte noch nie so Probleme mit einem Lied wie bei der Stelle „it’s a cold and it’s a broken hallelujah“.

Mein Hospitalero nimmt mich zum Abschied nochmal sorgenvoll zur Seite; ich wüsste ja, wo sie schlafen, falls irgendwas sein sollte. Ich denke an den verklärten Vortrag über festtrocknendes Spülmittel und versichere ihm, dass nichts irgendwie sein wird.

Kristian liegt schon im Bett, er schaut sich gerade seine Digitalfotos an. Er hat die Brücke von Hospital de Órbigo und meint, lustig, und 5 Meter später kamst Du. Ich finde es weniger lustig. Davor hatte ich mich unter Kontrolle und habe nicht spinnende Hände gehabt und komische Sachen gesagt. Ich bekomme seine Emailadresse. Ich schnappe mir 4 Decken gegen die Kälte, sage „Gute Nacht“ und haue meine Ohrstöpsel rein. Bestimmt zwei Stunden lang wache ich immer wieder auf, weil Kristian irgendwas sagt. Ja, denkt der denn, ich höre da ewig zu? Einmal sagt er, sein Fuß fühle sich unglaublich an, wie neu. Ich denke nur scheißescheißescheiße.

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Ein unguter Stern leuchtet schon am frühen Morgen beim Aufstehen, oder besser, es leuchtet nichts. Meine geliebte Stirnlampe macht keinen Mucks mehr, dabei bedeutet sie mir so viel Sicherheit und Freiheit. Das gute Gefühl, starten zu können, wann immer ich will, ohne auf den Sonnenaufgang warten zu müssen, die entspannte Ruhe, dass ich auf diese Weise selbst bei vollen Herbergen immer genügend Luft hätte. Außerdem schleppe ich nun den ganzen Camino 150g für nichts mit, oder soll ich sie gleich wegwerfen?

Wegwerfen tue ich erst einmal genüsslich meine Plastikdosensammlung, und mit kompakt gepacktem Rucksack geht es auf die ersten schnurgeraden Kilometer entlang der Straße. Meine Gedanken sind alles andere als entspannt, ich habe auf diesem Camino einiges zu klären und abzuschließen, und das versuche ich gerade mit wilden Argumentationen mit mir selber. Nach 2 Stunden raucht mein Kopf, ich werde überhaupt nicht schlauer, sondern immer nur verzweifelter (und selbstmitleidiger, zudem noch angesichts der nahenden Herberge, in der ich eigentlich als Hospitalera hätte arbeiten wollen, anstatt wieder selber zu laufen). Im größten Moment der Verzweiflung durchbricht plötzlich ein gleißender Lichtstrahl das zur Stimmung passende trübe Wetter. Ein Zeichen! Ein Zeichen! denke ich begeistert. Allerdings kommen die Zeichen in Minutenabständen und mit einem nicht wirklich durchschaubaren Zusammenhang zu meinen Gedanken und Beschlüssen, sodass ich resigniert akzeptiere, dass es wirklich auch einfach Wolken und logische meteorologische Zusammenhänge gibt und mir Gott jetzt einfach nicht weiterhelfen will mit meiner geistigen Gewaltanstrengung.

Ich erreiche Hospital de Órbigo, wo ich den ersten Pilger am heutigen Tag treffe. Er humpelt etwas, trägt ein Zelt und kommt aus einem Seitenweg. Nach der legendären Brücke dreht er sich um und fragt nach dem Weg, weil es zu einer Herberge nach rechts ab geht. Wir laufen gemeinsam weiter.

Kristian ist Norweger, in meinem Alter, ausgesprochen gutaussehend und sehr eloquent. Er schleppt ein Zelt mit, das er aber nur die ersten beiden Tage benutzt hat, weil es zu kalt war. Eine Isomatte hat er auch, sowie eine selbstaufblasende Matte, die ihm jemand geschenkt hat. Seinem Fuß nach zu urteilen ist der Rucksack zu schwer und das ganze Gezelte offensichtlich unnötig. Auf die Frage, warum er es nicht einfach vorausschickt, meint er, das wäre zu teuer.

Interessanterweise rotzt und spuckt der Gute alle paar Meter lautstark in die Vegetation und verwendet „fuck“ und „fucking“, als wäre es die Luft zum Atmen. Ich schlage ihm vor, eine Sonnenbrille zu tragen, nachdem es wieder windet und die Sonne strahlt und ihm schon Tränen über das gesamte Gesicht laufen. Das käme nicht von der Sonne, sondern weil er an seine Großmutter denkt, die jetzt gerade während des Caminos stirbt. Ich bin perplex und etwas von der Rolle. Wir laufen schweigend nebeneinander her, ich würde so gern seine Hand nehmen und drücken. Aber nach 3 Minuten Bekanntschaft steht mir das vielleicht nicht zu. Und mit ein paarmal Spucken und Fluchen scheint er auch wieder der Alte zu sein, der jetzt dringend einen Kaffee braucht.

Ich habe die Fastenzeit über auf Kaffee verzichtet. Nun dürfte ich zwar wieder, möchte meinen ersten Kaffee aber irgendwie speziell zelebrieren oder einen besonderen Kaffee trinken. Also laufe ich allein weiter, Kristian meint gönnerhaft, er würde mich dann ja eh wieder einholen.

Wieder erreiche ich eine absolute Lieblingsstrecke von mir, und als ich über einen kleinen Hügel komme, bin ich direkt erschlagen von den faszinierenden, unglaublich grünen Wiesen. Ein Effekt wie letztes Jahr in der Meseta, ich spüre unendliche Energie. Die Sonne strahlt und ich bin so euphorisch, dass ich zu singen anfange – mir kommt „Amazing grace“ in den Sinn, in passender Abwandlung als „Amazing green“.

Im nächsten kleinen Dorf höre ich schon von weitem eine Predigt. Heute ist Ostersonntag, sodass ich hinter jeder Ecke eine große Osterprozession vermute. Es wird immer lauter, bis ich vor einer Kirche stehe – allerdings weit und breit kein Mensch, dafür entdecke ich Lautsprecher auf dem Dach. Gerade singt ein Frauenchor eine spanische Version von „How many roads must a man walk down“. Ich bin reichlich ergriffen und probiere die Tür. Ich komme gerade rechtzeitig zum Ende der Messe und zum Hostienempfang.

Ich mache mich weiter auf den Weg, bzw. stoppe alle paar Meter, um Fotos zu machen. Sonst ist das weniger meine Art, ich vertrete mittlerweile die Auffassung, dass man auch im Herzen konservieren kann, und das manchmal besser, wenn man nicht alles nur durch den Sucher eines Fotos sieht. So holt mich dann auch Kristian wieder ein. Wir reden kurz über seinen Beruf, er erzählt etwas von Maler und Musiker, aber so richtig praktizieren tut er es nicht. Bei meinem nächsten Fotostop verabschiedet er sich dann auch recht eilig, was mich ein bisschen enttäuscht. Ich habe den Eindruck, irgendetwas falsch gemacht zu haben.

Dafür kann ich nun in Ruhe den wunderschönen Weg nach Astorga genießen. Am Kreuz mit Blick auf die Stadt mache ich noch einmal eine ausgiebige Rast. Auf den Bänken sitzt eine Gruppe lauter Deutscher, sodass ich mich kurz entschlossen direkt an das Kreuz setze. Irgendwie brauche ich hier und heute etwas Ruhe und will alles so intensiv auf mich wirken lassen.

Es ist ziemlich heiss, meine Wasserflasche ist leer und ich freue mich, endlich Astorga zu erreichen. Getreu meinem neuen Plan möchte ich nicht in die bekannte Herberge gehen, zumal ich dort letztes Jahr eine einzigartige Atmosphäre genossen habe, sodass alles weitere wirklich nur enttäuschen kann. So richtig reizt mich die Herberge am Stadteingang aber auch nicht. Zumal ich sehr gern Kristian wiedersehen würde. Ich setze mich ein bisschen vor die Herberge und versuche, meine Gefühle zu ergründen. Irgendwann packt mich dann wirklich die Überzeugung, dass das so gut ist.

Die Herberge ist ganz anders, als ich mir vorgestellt habe, sehr hell, modern und großzügig. Der ältere Hospitalero nimmt sich schön Zeit und vertieft sich gewissenhaft in seinen Raumplan. Er erklärt mir ausgiebig, dass es einen Raum für junge Leute gibt, sowie dass die Älteren in kleineren Zimmern dann eher unter sich sein können. Leuchtet soweit ein, aber statt mich mal in dem großen Raum einzutragen, schaut er nur wie ein hypnotisiertes Kaninchen auf den Plan, um sich dann für einen Raum mit drei 70-jährigen Deutschen zu entscheiden. Ich gucke wohl etwas irritiert und er erklärt betreten, dass in dem Jugendraum bisher eben erst ein einzelner Mann wäre. Das scheint ihm Bauchschmerzen zu machen. Ich linse auf die Pilgerliste, und als ich etwas von Norwegen lese, muss ich herzlich lachen. Einerseits kann ich es gar nicht fassen, gegen jede Erwartung die „richtige“ Herberge gewählt zu haben, andererseits amüsiert mich die Vorstellung, bei Kristian Bedenken zu haben.

Ich absolviere mein übliches Dusch- und Waschprogramm und erkunde die mehrstöckige Herberge mit Garten und riesigen Wäscheleinen in der prallen Sonne. Ich versuche mich ein bisschen hinzusetzen, aber leider ist es entweder zu sonnig oder im Schatten zu kühl. Ich setze mich auf mein Bett und fange an, ein weiteres Armband zu knüpfen. Für Kristian.

Der rennt derweil rastlos wie ein Tiger im Käfig herum. Geduscht hat er noch nicht, aber alle Vorräte gegessen, die noch in der Küche waren. Das wäre immer das erste, was er in einer Herberge macht. Er wirkt total unter Strom und weiß nichts mit sich anzufangen, am liebsten würde ich sagen „setz Dich mal zu mir aufs Bett und erzähl was“. Statt dessen beende ich mein Bändel und gehe in die Stadt, wo ich in einem Schinkenladen ein Brot und Schinken für morgen früh bekomme. Merkwürdiges Frühstück, aber es ist Sonntag, sodass ich froh bin, überhaupt etwas bekommen zu haben.

Für den Mittag und Abend in einem koche ich mir die Reste meiner gestrigen Pasta. Allerdings hat es nur Curry zum Würzen, meine dazu verdrückte Banane macht es auch nicht besser. Grässlich, aber Hauptsache, Kalorien.

Unser Jugendzimmer füllt sich, eines der beiden Mädels von gestern kommt mit Chuck und Luca, einem Italiener. Amber ist Belgierin, erinnert ein bisschen an eine Zigeunerin und hat eine sehr direkt Art und eine dröhnende Lache. Sie fragt, ob ich mit Tapas essen gehen will, aber ich will in die Messe direkt neben der Herberge, und auf Chuck habe ich keinerlei Lust. Er auch nicht auf mich.

Mein Auge tut ziemlich weh, ich habe mal wieder trotz Wind und Sonne keine Sonnenbrille getragen. Erst beim Herausnehmen meiner Linsen merke ich, dass es auch stark gerötet ist. Ich bin etwas beunruhigt, tropfe Augentropfen und mache mich ab ins Bett.

Kristian tigert ausnahmsweise gerade mal im Zimmer auf und ab, sodass ich ihm sein Bändel überreichen kann. Er guckt recht konsterniert drauf und meint „strange“. (Ich denke „du mich auch“). Allerdings erläutert er, dass er von zu Hause ein Bändel mitbekommen hat, als Abschied und für einen guten Camino, und dass er dieses gerade vor 2 Tagen verloren hat. Er bedankt sich ganz bewegt und meint, es wäre sehr schön. Er schickt sich auch ernsthaft an, es sich umzubinden. Als ich vom Zähneputzen zurückkomme, ist er immer noch darin vertieft und ich darf ihm helfen. Er hat es mit dem Messer irgendwie bearbeitet, und als ich im Spaß frage, warum er es denn zerstört hat, meint er, er wäre eben strange. Und ich auch. Ich soll es ihm ganz fest knoten, damit er es auch ja nicht verliert. Während ich Knoten Nummer 5 fitzele, sage ich ihm, dass er nicht strange ist. Ich weiss nicht, warum, es ist wie eine Eingebung, und ich bin so überzeugt.

Er fragt, ob ich schon gegessen hätte. Die Currypampe ist mir noch lebhaft im oberen Magen. Er selber hat offensichtlich seit Mittag nichts gegessen, warum auch immer, und ich biete ihm mein morgiges Frühstück an. Er lehnt zwar dankend ab, aber er scheint wirklich Hunger zu haben, sodass ich es ihm ans Bett stelle und meine, er kann es sich ja noch überlegen. Dann gehe ich endgültig ins Bett. Sekunden später entnehme ich dem Rascheln der Tüte, dass er sich damit in Richtung Küche aufmacht. Vorher kommt er aber noch an mein Bett und überreicht mir einen Stein. Er hätte ihn gefunden für das Cruz de Ferro, aber gefühlt, dass er nicht für ihn wäre. Und er wäre definitiv für mich.

Ich habe einen hässlichen, schweren Stein bekommen, aber bin total gerührt und sprachlos.

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Seit langem gönne ich mir mal wieder ein offizielles Herbergsfrühstück, das hier Hotelcharakter haben soll. Bis ich mich durch die diversen Kuchen und Säfte durchgearbeitet habe, sind die meisten Pilger schon wieder aufgebrochen. Ich will auch gerade aufstehen, als die beiden Deutschen vom Vorabend kommen. Nachdem sie sich zu mir setzen, bleibe ich noch ein bisschen und höre mir ihre Geschichte an. Eigentlich wollten sie die Via de la Plata laufen, aber irgendwie war das nicht nach ihrem Gusto. Zu heiß und zu wenig Herbergen, deswegen sind sie jetzt kurzerhand mit dem Bus hierher in den Norden gefahren. Einer der beiden, ein sportlich Schlanker, ist den Weg letztes Jahr schon gelaufen, und diesmal hat er seinen Kumpel auch dafür begeistert. Besagter Kumpel ist ungefähr dreifach so dick und schwitzt schon beim Frühstücken. Deutlich sympathischer als gestern Abend werden sie mir auch jetzt nicht; ihre Art, an allem herumzumeckern und sich zu echauffieren passt mir nicht.

Ich verabschiede mich von „meinem“ Hospitalero, der mir irgendwie schon ganz vertraut ist. Ich bedanke mich und sage ihm, dass er ein toller Hospitalero ist und ich dank ihm ein ganz tolles Flair und einen sehr entspannenden Aufenthalt geniessen durfte. Er meint, ich wäre eine gute Pilgerin. Nur den Guten würde so etwas überhaupt auffallen.

Das heutige Etappenziel ist Foncebadón, worauf ich mich schon sehr freue. Ein ehemals verlassenes Dörfchen, jetzt schon wieder besiedelt, aber immer noch mit einem Hauch von Einsamkeit behaftet und schön in den Bergen gelegen. Angelo kennt die dortige Herberge mit gemeinsamem Kochen und Andacht, genau richtig.

Der morgendliche Weg führt wieder über sandig roten Boden, eingerahmt von rauen, farbenprächtigen Büschen. Ich bin als eine der Letzten gestartet und sehe jetzt also ungewohnt viele Rucksäcke und Stöcke vor mir. Ich lege meinen Schnellschritt ein und überhole Stück für Stück, ich brauche morgens einfach meine freie Sicht und meine Einsamkeit. Ich überhole auch Angelo, der wie üblich fest eingemummelt in sein Stirnband und Kapuze meditativ vor sich hinschleicht. Er ist definitiv das Langsamste, was ich jemals auf dem Camino gesehen habe.

Der Weg hier ist eines meiner Lieblingsstücke, genauso wie die Kirche in Rabanal einer meiner Lieblingsorte ist. Sie sieht noch genauso aus wie vor einem halben Jahr, genau die gleiche Baustelle, immer noch wackelige Holzbretter als Bankersatz. Ich bin direkt wehmütig, dass ich heute weitergehen werde und die Messe hier verpasse.

Mir gefallen vor allem Strecken, die fernab sind von Städten oder Straßen, insofern bin ich hier genau richtig. Soweit das Auge reicht, ist nichts außer im Wind wehenden Sträuchern oder Berggipfeln in der Ferne. Gegen Mittag habe ich Foncebadón erreicht, aber meine geplante Herberge ist verwaist und geschlossen. Ich gehe zurück zu einem der wenigen Häuser zu Beginn des kleinen Dorfes. Dort herrscht deutlich mehr Betrieb. Die Tische in der Bar sind restlos bevölkert, und um überhaupt hinein zu kommen, muss man ordentliche Musikbeschallung über sich ergehen lassen, die mich an eine österreichische Skihütte erinnert. Ich frage den Besitzer nach der Herberge oben, und wie ich befürchtet hatte, sie macht erst später im Jahr auf. Bei ihm könne man theoretisch auch schlafen, aber das geht für mich absolut nicht. Auch die dritte (und damit letzte) Schlafgelegenheit in Foncebadón hat auf den ersten Blick eher Hotel- als Herbergscharakter, sodass ich mich höchst spontan entschließe, einfach weiterzulaufen nach Manjarín. Die Herberge dort soll wirklich ursprünglich sein.

Kaum habe ich Foncebadón hinter mir gelassen, zieht ein leichter Wind auf und schiebt Wolken vor meinen lückenlos blauen Himmel. Vor dem Cruz de Ferro wird es dann direkt ein bisschen neblig, und wenige Meter vorher setzt ein leichter Nieselregen ein. Ich denke „perfektes Timing“, ich habe nämlich noch nicht Mittag gegessen und überbrücke den kleinen Wetterwechsel gemütlich auf einem windgeschützten, überdachten Plätzchen mit unverbautem Blick auf das imposante Cruz de Ferro. Ich esse und esse, und so richtig besser wird das Wetter nicht. Irgendwann bin ich fertig mit essen, und mittlerweile regnet es wie aus Kübeln. Für einen Moment überkommt mich ein mulmiges Gefühl, ich bin hier wirklich ziemlich weit im Nichts, nach mir kommt diesen Weg heute wohl niemand mehr, und so ganz wohl ist mir der aufkommende Nebel nicht. Am Kreuz parkt neuerdings ein Wohnmobil, allerdings macht (verständlicherweise) keiner Anstalten, auszusteigen. Ein bisschen beruhigt mich diese Anwesenheit, habe ich doch das Gefühl, nicht ganz so allein zu sein.

Ich lege meinen von zu Hause mitgebrachten Stein am Kreuz ab. Wegen dem Regen wird das Ganze aber deutlich kürzer und unromantischer als geplant. Ich verziehe mich wieder in den trockenen Unterstand, aber langsam wird mir kalt. Und ich traue meinen Augen kaum, als es dann auch noch zu schneien anfängt. Heute morgen noch strahlender blauer Himmel und Sonne, nun windet und schneestürmt es hier. Mir wird immer mulmiger.

Plötzlich kommen zwei Gestalten durch den Schnee geeilt, eine läuft auf das Wohnmobil zu, eine kommt zu mir. Mein Exemplar ist ein junger Deutscher, der fröhlich strahlt und der plaudert, als wäre hier der normalste Tag auf dem Camino. Er erzählt mir, dass er mit einem spanischen Pfarrer unterwegs ist, und beide wiederum mit der Schwester des Pfarrers im Begleitfahrzeug, besagtem Wohnmobil. Sie haben immer Handykontakt und können sich umziehen oder aufwärmen, wann immer sie wollen. Nur gelaufen wird strikt selber. So kommt auch der Pfarrer dann irgendwann wieder aus dem Wohnmobil und wartet mit uns auf Wetterbesserung. Mittlerweile haben auch ein polnischer Vater und Sohn sowie ein italienischer Radpilger Schutz unter der Überdachung gesucht, und ich bin deutlich erleichtert. Vor allem der Italiener ist gar nicht glücklich mit dem Wetter, er findet es sehr gefährlich, aber nachdem ich jetzt nicht mehr alleine bin, ist mir das alles ziemlich egal.

Die beiden Herren mit Begleitfahrzeug wollen sich entlang der Fahrstraße auf den Weg machen, und ich sehe es als meine Chance, mich da anzuhängen und in sicherer Begleitung bis Manjarín mitzulaufen. Trotz Schneesturm brechen wir zu dritt auf. Der spanische Pfarrer ist halb so groß und doppelt so alt wie wir, aber er schlägt ein unglaubliches Tempo an. Muss man auch, denn es ist extrem kalt. Der Schnee kommt einem horizontal wie in großen Platten entgegen, ich muss mich alle paar Meter schütteln, um eine Schneeschicht von meinem Bauch zu bekommen. So gut meine Regenjacke bisher auch mitgemacht hat, hier ist nach wenigen Minuten Ende. Zu meiner Kapuze und am Hals kommt Schnee herein und fließt mir eiskalt in die unteren Schichten. Meine Hände sind feuerrot und nass, genauso wie die Ärmel meiner Jacke und meiner beiden Fleecejacken darunter. Ich trage im Moment alles Warme am Körper, und alles wird patschnass. Der Deutsche neben mir ist interessiert um Konversation bemüht, aber ich kann jetzt beim besten Willen nicht reden. Ich versuche, die Straße im Auge zu behalten und gleichzeitig mit tief gesenktem Kopf nicht allzu viel Schnee in die Augen und Jacke zu bekommen. Meine Gedanken kreisen absolut panisch um Erfrierungstod oder zumindest Lungenentzündung.

Als rechts von der Straße Manjarín auftaucht, setze ich alles auf eine Karte und biege ab. Wenn diese Herberge nun auch geschlossen ist, bin ich aufgeschmissen, denn so schnell wie wir gelaufen sind, sind die beiden anderen nach einer halben Minute schon in uneinholbarer Entfernung. Und allein kann ich das nicht laufen, ich bin schon in heller Aufregung gewesen auch mit der an sich tröstlichen Gesellschaft eines Pfarrers und Begleitfahrzeugs. Die Herberge ist dunkel, und mein Klopfen hallt ebenso dunkel ins Nichts. Nach einigen endlos schweren Sekunden öffnet sich die Tür dann doch – und für den ersten Moment bin ich selig.

Von Tomás, dem berühmten Hospitalero und Tempelritter in einem, habe ich schon viel gehört. Jetzt so in meiner verzweifelten Stimmung wirkt er etwas einschüchternd auf mich. Er zeigt mir einen Ofen in der Mitte des Raumes, an den ich mich setzen soll, und verschwindet murmelnd in einem anderen Raum. Die Herberge wird in Führern liebevoll von „einfach“ bis „speziell“ beschrieben. Die einzige Beleuchtung in Form einer Lampe von der Stärke eines Glühwürmchens lässt erahnen, dass sich in dem Raum entlang der Küchenflächen etwa 50 ungespülte und übereinandergestapelte Gedecke türmen. In der Spüle steht eine große Plastikwanne mit einer Flüssigkeit, die sowohl zum eventuellen Abspülen als auch gleichzeitig für alles andere dient, z.B. als Hundetränke und zum Händewaschen.

Es klopft an der Tür, und die beiden Polen kommen, um sich aufzuwärmen. Sie haben überhaupt keine Regenausrüstung, nicht mal eine Regenjacke, und auch nur Turnschuhe. Sie sind also noch verfrorener als ich und ebenso verzweifelt. Vermute ich zumindest, als der eine seine nassen Sachen direkt auf den heißen Ofen legt, „Hauptsache, sie werden trocken“, obwohl es ungut riecht und dem Material wohl eher weniger zuträglich ist. Ich bin erleichtert über die Gesellschaft, aber sie wollen nicht übernachten, sondern weiter, sobald es ihnen wieder etwas wärmer ist. Sie wollen bis runter ins Tal, entlang der Fahrstraße. Diese Möglichkeit kommt für mich nicht in Frage. Zum einen ist es noch richtig weit, mehrere Stunden, ich habe keine Ahnung, wie lang die Fahrstraße noch extra ist, es wird schon langsam dunkel, ich bin eh schon patschnass und eiskalt, und ganz abgesehen davon ist das die beste Strecke vom ganzen Camino, und die möchte ich sicher nicht im totalen Blindflug und in Erfrierungshalluzinationen zurücklegen.

Nachdem ich übernachten will, zeigt mir Tomás das Schlafgebäude. Eigentlich recht hübsch in einem Steinhaus mit (Natur-)Steinboden, dadurch natürlich reichlich kalt, aber stolz zeigt mir Tomás seinen neuen Ofen, den er dann auch extra für mich anfeuert. Etwas skeptisch macht mich höchstens sein Welpe, der, nass wie er ist,  begeistert auf allen Matratzen und auf meinen Sachen herumspringt. Ich versuche gerade das Beste aus der Lage zu machen, als Tomás schon wiederkommt mit drei Schwestern im Schlepptau, die hier auch schlafen wollen. Im ersten Moment bin ich erleichtert, allerdings sammeln sie bereits eine viertel Stunde später alles wieder ein, nachdem die eine die Freilufttoilette inspiziert hat und absolut geschockt stammelt, dass sie hier nicht bleiben kann.

So bin ich also wieder allein, noch dazu ist der Ofen auch gleich wieder ausgegangen, und in dem Steinhäuschen herrschen die gleichen Temperaturen wie draußen. Meine nassen Sachen hängen quer durch den Raum verteilt, aber wovon sollen sie trocknen. Zwar habe ich im Moment meine Zweitgarnitur an, ein trockenes T-Shirt und eine trockene Hose, aber ohne Fleecepulli ist es kalt, und um in das Haupthaus zu kommen, muss ich durch einen matschigen Hof und bin bei der aktuellen Lage gleich wieder nass.

Ich entscheide mich für Haupthaus und den warmen Ofen, allerdings ist es mit Tomás mühsam. Er redet von sich aus nichts, ich komme mir irgendwie wie ein Störfaktor vor. Wenn ich etwas frage, brummelt er eher missmutig eine Antwort. Er redet von Energien, die er spüren kann, manche Pilger hätten gute und manche schlechte, und guckt mich grimmig an. Er meint, 2012 würde die Welt untergehen. Mir macht das alles in meiner momentanen Situation einfach nur Angst, ich verstehe sein Spanisch kaum, ich verstehe nicht, was er mir sagen will oder was ich machen soll. Er sagt, um 8 gäbe es Abendessen. Das ist ja nett, aber ich weiß nicht, ob ich helfen soll oder kann, sitze also nur untätig dumm rum und fühle mich total beschissen.

Das Abendessen ist eine Suppe, von der ich lieber nicht wissen will, ob die Grundlage auch aus der Allzweckplastikschüssel kommt. Der Hund schlabbert vorher aus den Tellern und als die Suppe drin ist. Ich bin an sich nicht übermäßig heikel, aber vermutlich hätte mich das unter normalen Umständen eher gestört. Im Moment bin ich aber wie narkotisiert, fühle mich hilflos und ausgeliefert und hoffe einfach nur irgendwie, dass das rumgeht bzw. Tomás nicht mit mir böse ist. Irgendwann brummelt er etwas von seinem Hund (er hat viele), der weggelaufen ist, und geht raus. Ich sitze noch eine Weile, irgendwann kommt ein Mann, der Gemüse bringt und nach Tomás fragt. Ich habe aber auch keine Ahnung, wo der ist, nutze aber die Chance, das Haupthaus zu verlassen, solange mir jemand hilft, die Türen so zu öffnen und zu schließen, dass das restliche Heimtierarsenal nicht auch noch begeistert wegläuft.

Die Schlafhütte ist an sich romantisch und nett, denkt man an Sommer und eine lustige Mischung netter Mitpilger, die vielleicht auch noch Spanisch können. Tomás ist ja schließlich auch ein netter und interessanter Mensch, wenn er einen nicht gerade in einem Moment erwischt, in dem einem alles und jedes Angst macht. Aber jetzt so allein bei Eiseskälte ist die Hütte der Horror. Es gibt eine dicke Holztür, zum Glück mit einem tollen, schweren Riegel, den ich erstmal begeistert vorschiebe. Aber über und unter der Tür sind schlappe 20 cm Luft, draußen hört man Hunde und sonstiges; was Getier angeht könnte ich wahrscheinlich genauso gut draußen schlafen. Und hier ist ja nichts Dorf oder so, sondern wildlife at its best.

Ich schnappe mir alle 7 Decken. Ich bin eiskalt, mein Schlafsack ist eiskalt, die Decken sind eiskalt. Meine Wasserflasche neben mir beschlägt schon. Ich bin in einer ganz merkwürdigen Stimmung. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass es ein paar Kilometer weiter ein anderes Leben gibt, ich erinnere mich nicht an Herbergen und Freunde, die Geborgenheit von Astorga. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Morgen gibt. Ich kann nicht mal mehr vernünftig denken, ich fühle mich so hilflos und schicksalsergeben. Dieser Wetterumschwung hat mich in doppelter Hinsicht geschockt. Ich wollte meinen Stein niederlegen, mit Gebeten und Wünschen. Am liebsten hätte ich in diesem Moment, wie so oft, einen Regenbogen oder einen Sonnenstrahl gehabt, der mich dann vollends in Tränen der Rührung hätte ausbrechen lassen. Statt dessen hat mir die höhere Instanz ein Unwetter geschickt und bestraft mich mit dieser Herberge (anders kann ich das im Moment nicht sehen). Ich kann nicht mal mehr beten, dass ich diese Nacht gut überstehe, ich habe das Gefühl, dass derjenige gerade sehr genau mein Schicksal im Auge hat, sowieso seine Pläne mit mir hat, die er durchsetzt – und es zieht mir jeglichen Boden unter den Füßen weg, dass ich momentan das Gefühl habe, dass er mir gar nicht wohlgesonnen ist.

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Nach den drei ungewohnt langen Etappen der vergangenen Tage gönne ich meinen Füßen heute endlich die versprochene Erholung und laufe nur bis Astorga, nur 18 km. So kann ich es heute wirklich extrem ruhig angehen lassen. Seit León teilt eine ältere Französin mit grauem Lockenkopf meine Etappenplanung; sie ist schon Camino-bekannt, weil sie als Lebensinhalt zu haben scheint, immer die erste an der Herberge zu sein. Anscheinend ohne Rücksicht auf Verluste bzw. auf Pilger, die morgens um 5 noch ohne Licht schlafen wollen. Sie düst also auch schon wieder an mir vorbei und nimmt die kürzere Route, während ich ein Anhänger von landschaftlich reizvolleren Umwegen geworden bin.

Punkt 12 erreiche ich Astorga und gerate voll in einen Menschenschwarm, der zur Mittagsmesse in eine Kirche strömt. Kurzentschlossen schließe ich mich an und genieße meine erste Messe in voller Pilgerkluft und mit meinem Rucksack neben mir. Es fühlt sich sehr ursprünglich an.

Danach gehe ich gleich noch bei einem schönen Supermarkt vorbei; ich kenne Astorga zu Ladenschlusszeiten und bin vorsichtig geworden. Was man hat, das hat man. Außer Zutaten für mein Selbstversorgerleben spukt mir noch etwas anderes im Kopf herum: eine Mütze oder ein Stirnband, denn morgens ist es fürchterlich kalt, meine Hände frieren und vor allem meine Ohren. Die Sportgeschäfte entlang des Wegs gucken mich allerdings nur mitleidig an und ich kriege schon fast einen Koller, warum ein gut sortiertes Sportgeschäft kein Stirnband hat.

In meiner mir bekannten Albergue sitzt ein älterer Herr an der Rezeption, und ich frage auf gut Glück nochmal, ob er ein Geschäft kennt, das sowas haben könnte. Kennt er sogar, es soll ein richtiges Trekkinggeschäft geben, aber die Wegbeschreibung ist lang und verwirrend, und der Clou an der Sache ist, es macht in 5 Minuten zu. Ich lasse alles stehen und liegen und düse los. Eine falsche Abzweigung oder einmal zögern, und ich bin zu spät. Aber wie durch ein Wunder renne ich 5 Minuten genau in die richtige Richtung und finde den winzigen Laden mit kleinem Sortiment. Japsend radebreche ich meinen Wunsch, und die Verkäuferin outet sich erstmal als Deutsche. Und ja, es hat Stirnbänder (wenn auch nur drei zur Auswahl und für Pilgerverhältnisse sündhaft teuer), zwei davon sind glücklicherweise potthässlich, sodass mir die Wahl sehr leicht fällt. Ich bin überglücklich mit meinem schwarzen Exemplar, hauchdünn, aber eben ohrenanlegend. Ich plaudere noch ein bisschen mit der Verkäuferin. Sie hat den Laden noch recht neu und will im Lauf der Zeit alles anbieten, was das Pilgerherz begehrt. Für meinen Geschmack eine echte Marktlücke. Etwas enttäuscht bin ich allerdings, dass sie noch nie selber gelaufen ist – und sich das auch nicht so recht vorstellen kann.

Zurück in der Herberge dusche und wasche ich und mache es mir in der riesigen Eingangshalle bequem. Im Gegensatz zu letztem Jahr, als mir alles etwas lieblos, ungepflegt und unpersönlich erschienen ist, hat der ältere Hospitalero alles exzellent im Griff. Im Kamin lodert ein wildes Feuer, das er alle paar Minuten nur wegen mir nachläd. Im Hintergrund läuft eine unheimlich beruhigende, entspannende Musik, die mich an „You raise me up“ erinnert, welches mich eh schon immer passend zum Camino verfolgt. Ich nehme auf weißen Polstern auf den riesige Steinstufen Platz und schreibe mein Tagebuch.

Der französische Lockenkopf ist natürlich schon da und kommt nicht umhin, mir ihre langsam schon beginnende Langeweile zu vermitteln, weil sie jetzt ja schon seit Stuuuunden hier ist. Wir bleiben lange Zeit die Einzigen, was mir hier und heute in dieser Entspannungsoase aber auch durchaus recht ist. Die „Deutsche duschen gern eiskalt“-Spanierin von gestern trifft ein, und wir unterhalten uns nett. Sie hat etwas Mütterliches an sich. Am späten Nachmittag steht dann plötzlich Angelo in seiner strahlenden Lichtwolke abwesend lächelnd in der Halle, und nach dem Einchecken legt er sich vor den Kamin in die weißen Polster und schnorchelt friedlich vor sich hin. Meine Wohlfühlatmosphäre ist perfekt.

Helmut komplettiert noch die gestrige Mannschaft, allerdings schmiegt er sich nicht ganz so harmonisch in die entspannende Stimmung ein. Er ist wohl etwas schwerhörig und poltert daher etwas lauter als nötig, und eine hübsche Flasche Wein hat er auch schon wieder akquiriert. Angelo erwacht folglich aus seinen süßen Träumen und teilt mir beim Anblick von Helmut seine Erfahrungen der letzten Nacht mit. Er ist etwas verstört, denn er meint sich zu erinnern, dass er irgendwann mal aufgewacht ist und da Helmut über ihm gestanden hätte. Warum und wieso weiß er nicht, es scheint ihm Angst zu machen, und so darf ich etwas zur Völkerverständigung beitragen und die Situation klären. Helmut mit seinen über 70 Jahren spricht nämlich nur Deutsch und sonst nichts. Und er lacht sich herzlich (und dröhnend) kaputt über den etwas verwirrten Italiener. Angelo hätte so unglaublich laut geschnarcht, und das hätte ihn so endlos gestört, dass er mal nach dem Rechten sehen wollte. Angelo ist erleichtert. Wir kommen ins Gespräch über seine Beweggründe für den Camino, und er philosophiert minutenlang mit leuchtenden Augen über viel Gott und Ruhe und Jesus und Finden. Ich bin ganz hin und weg und kann mich kaum konzentrieren, sodass ich auf seine abschließende Frage, wie ich das denn sehe, nur lächele und einen Daumen hoch mache. Er lächelt darauf noch breiter und seliger, tätschelt mir die Schulter und meint, ich wäre ein gutes Mädchen und würde verstehen.

Die Herberge füllt sich so langsam, und ich bekomme Gesellschaft von zwei Dänen, die hier ihren Camino beginnen. Einer ist ein älterer Lehrer, der andere wirkt wie Harry Potter, nur etwas älter. Beide sprechen perfektes Englisch, sodass ich mich zum gefühlten ersten Mal auf diesem Camino so richtig verständlich machen kann (bei meinem minimalen Spanisch-Vokabular bleibt leider doch sehr viel auf der Strecke). Und beide sind tolle Zuhörer, sie haben eine unheimlich ruhige, zufriedene Ausstrahlung, passend zur Entspannungsmusik und dem Kaminfeuer. Und obwohl erst Pilgerneulinge, scheinen sie meine komischen Erfahrungen und Gedanken zumindest nachvollziehen zu können. So überrolle ich sie mit bestimmt einer Stunde Monolog, vor lauter Freude, endlich mal mit jemandem ohne Barrieren reden zu können. Dafür habe ich hinterher ein richtig schlechtes Gewissen.

Gegen Abend fliegen alle zum Essen aus, nur ich koche mir meine Werke. Der Hospitalero unterhält mich, verschwindet dann, um sich schick zu machen,  und versinkt in spanischen Monologen, dass er ja mal mit mir essen gehen könnte. Der Gute könnte mein Grossvater sein, und glücklicherweise habe ich ja gerade erst reichhaltig gegessen, was er auch einsieht. Ich werde dann aber zumindest an seinen Tisch gelotst und seinen Kumpels vorgestellt, die den Luxus einen Minifernsehers geniessen. Der wirkliche Clou wird mir bewusst, als ich die dicke, rote Tischdecke über die Beine legen soll – unter dem Tisch bullert nämlich ein recht intensiver Miniofen. Zwar ist das wirklich ein warmer Premiumplatz, aber ich verstehe die Herren kaum und fühle mich etwas deplaziert, sodass ich mich bald ins Bett verabschiede.

Kaum liege ich, fällt mir auf, welch eine Schieflage die Matratze hat. Unter lautem Knarren wechsle ich zum Leidwesen der bereits Schlafenden in das obere Stockbett. Aber das geht wirklich auch nicht, ich liege durch wie ein U. Ich ringe mit mir, ob ich da jetzt einfach durch soll und ruhig sein, entscheide mich dann aber doch für ein abschliessendes gewaltiges Ächzen und ziehe wieder nach unten. Wo ich auch wieder wahnsinnig werde und doch lieber wieder nach oben wandere. Kaum habe ich endlich irgendwie Schlaf gefunden, geht die Türe auf und der Hospitalero ruft quer durch den Raum nach mir. Im ersten Moment bin ich absolut nicht amused, wegen irgendeiner weiteren Story in meinem Nachtdress auftreten zu sollen, ich werfe mich dann aber doch irgendwann in meine Trekkinghose. Ich bereue meine Missmutigkeit, denn der Hospitalero hat diesmal wirklich ein kleines Problem, nämlich zwei Deutsche, die gerade eben erst eingetrudelt sind und nun noch etwas essen gehen wollen. Er kann sich nicht verständlich machen, dass sie spätestens in einer halben Stunde wieder da sein sollen, und so mache ich Völkerverständigung Teil zwei. Leider sind mir die Knaben reichlich unsympathisch. Sie haben eine abfällige Art, versuchen nicht mal Kommunikation mit dem Hospitalero, und offensichtlich fehlt ein Sinn für Dankbarkeit, dass sie überhaupt noch zu so später Stunde in die Herberge dürfen und der Hospitalero sie sogar nochmal zum Essen raus lässt. Umso dankbarer ist mir dafür der alte Knabe für meinen Einsatz, und ich schlafe überraschend problemlos in meinem Problembett ein.

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Je größer die Herberge, desto früher geht das mir doch etwas verhasste, rücksichtslose morgendliche Zusammenpacken los. Obwohl noch die Hälfte der Pilger im Bett liegt, knipsen manche Experten das Licht an und palavern munter in normaler Lautstärke (wohlgemerkt weit vor 7 Uhr). Ich ziehe mich also auch an und zerquetsche eher unbewusst einen kleinen, schwarzen Käfer, der meine Hose entlang krabbelt. Zurück bleibt ein dicker Blutfleck.

Im Aufenthaltsraum scharren etwa 100 Pilger unruhig mit den Stiefeln, bis die Sonne aufgeht und allgemeiner Aufbruch ist. Ich trinke meinen letzten herbergseigenen Beruhigungstee und bin froh, als es endlich losgeht, ich mich aus dem Gänsemarsch der Pilger lösen kann und entspannt das freie Ausschreiten genießen kann.

Letztes Jahr bin ich den Camino mit meinem Freund gegangen. Soweit war es ein schönes Erlebnis, und ich habe mich hinterher über Hape Kerkelings Aussage aufgeregt, dass man den Camino allein gehen sollte. Im Nachhinein, nun mit dem Wissen, wie es sich anfühlt, allein zu gehen, muss ich ihm aber zustimmen. Sobald man sein Tempo, seine Pausen, seine Etappen an jemanden anpasst, gibt man ein großes Stück dessen auf, was der Camino zu bieten hat.

Umso mehr blühe ich jetzt auf. Die Sonnenaufgänge sind traumhaft, man läuft der Sonne entgegen, man wird willkommen geheißen, man saugt Kraft in sich auf. Ich laufe in meinem Tempo, genieße die Stille und meine Gedanken. Genieße ein bisschen auch die Wehmut, neu gewonnene Freunde zurückzulassen, jeden Tag einen neuen Tag, einen neuen Anfang zu haben. Schnatternde Rucksäcke vor mir sind mir ein Gräuel, in ein zurückhaltenderes Tempo gepresst zu werden macht mich ganz rastlos. Ich überhole schonungslos alles, bis ich meine Freiheit habe, nichts vor mir, was mich ablenkt, keine Beine, die einen anderen Rhythmus gehen, kein Rucksack, auf den sich mein Blick lenkt. Der Blick vorwärts, der weitausgreifende Schritt ungehemmt, das ist für den Moment mein Leben, meine Freiheit, meine Unabhängigkeit. Wenn mir nicht mein Körper Blasen oder Durst oder Hunger anmeldet, bin ich frei in meinen Gedanken, sorgenfrei.

So erreiche ich gegen Mittag bereits mein geplantes Tagesziel, Rabanal del Camino. Ich miete mich in der erstbesten Herberge ein, die schon geöffnet hat, widme mich meiner Dusche und Wäsche. Ich gehe einkaufen und möchte auf der sonnigen Wiese meine Ruhe genießen. Leider habe ich direkten Blick auf den Camino und auf endlos viele Pilger, die alle weitergehen. Ich fühle mich rastlos und unbefriedigt, noch nicht ausgepowert und komme zu dem Entschluss, dass die Absteige in der kleinen, dunklen Herberge keine gute Idee war. Niemand ist da, den ich kenne. Um genau zu sein, bleibt überhaupt niemand da. Recht verzweifelt lege ich mich in mein müffiges Bett, führe ein gedankliches Zwiegespräch mit dem tröstlichen Amulett von Mose und schlafe ein.

Aufgeweckt werde ich von zartem Englisch „yes, over there is fine“. Die kleine Kanadierin erscheint mir wie ein Engel, ich bin unheimlich glücklich, sie zu sehen (auch wenn sie sogleich treffend konstatiert, dass wir hier wohl ganz schön dumm abgestiegen sind). Sie ist den ganzen Tag in Sandalen gewandert, weil ihre Wanderstiefel ihr weg getan haben. Nun tun ihr auch die Füße in Sandalen weh und sie läuft in Socken durch die Stadt. Ich sage nichts, denn es passt einfach zu ihr.

Mittags benutze ich die kleine Küche und mache mir eine leckere Dose aus dem Mini-mercado warm. Als ich am Abspülen bin, schlappt gerade die Koreanerin aus Astorga mit ihren Nudeln und Tomaten herein. Leider ist sie nicht in Plauderlaune, ich bekomme nur aus ihr heraus, dass sie extra Oregano aus Korea mitgenommen hat, weil sie einfach Tomatensoße mit Oregano liebt (und das kocht sie sich jetzt jeden Tag). Ich habe das Gefühl, dass sie mich einfach nicht so recht leiden kann und respektiere das.

Abends steht ein Highlight an und der Grund, warum ich in Rabanal Station machen wollte: ein Benediktinerkloster mit „nach gregorianischer Tradition in Latein gesungenem Abendgebet“ um 19 Uhr. Zuerst stehe ich schon wieder vor der falschen Kirche, finde aber noch rechtzeitig die richtige. Die Hälfte der Kirche ist eine beeindruckende Baustelle. Die andere Hälfte ist gut gefüllt mit Pilgern, die auf provisorischen Holzlatten sitzend bzw. balancieren. Vorne stehen 2 Sitzbänke sowie eine Kerze. Punkt 19.00 kommen schweigend 2 Mönche herein. 4 Pilger treten abwechselnd nach vorne und lesen einen Bibeltext, in Spanisch, Englisch, Französisch und Deutsch. Der Text an sich ist beeindruckend, er endet in etwa mit „so wer bist Du, dass Du andere richtest?“ (mit diesem Gedanken hatte ich mich ja gestern zufälligerweise schon ansatzweise beschäftigt). Die Engländerin scheint eine passionierte Christin zu sein, sie schmettert die Worte mit einer derartigen Inbrunst durch die kleine Kirche, dass ich Gänsehaut bekomme und mir Tränen in die Augen steigen. Statt der erwarteten Armee von singenden Mönchen stelle ich fest, dass wohl wir den Gesang beisteuern werden. Rechts von mir sitzt ein älterer Italiener, links ein ebenfalls älterer Franzose. Beide haben wohl gleich die richtige Kirche gefunden und hatten somit Zeit, sich die Handzettel mit den Texten zu nehmen. Beide singen laut und begeistert, ohne Rücksicht auf Tonhöhe und Melodie, und ohne Kenntnis von Latein. Rechts von mir tönt jedes „c“ wie das „tsch“ einer kochlöffelschwingenden, fülligen italienischen Mamma beim Pastakochen. Links von mir wird jedes „c“ im Gegenzug zu weichen, melodischen Zischlauten verwandelt. Dazu kracht immer wieder ein Pilger von der provisorischen Sitzgelegenheit. Mich faszinieren die beiden jungen Mönche, schon wieder habe ich Modelle und versuche zu verstehen, warum jeder so lebt, wie er lebt. Die Messe ist ein Erlebnis und mal wieder voller Anregungen, aber ich bin viel zu abgelenkt, um zur Ruhe zu kommen und meine Worte und Gedanken an Gott zu richten. Deswegen beschließe ich, um 21:30 gleich noch mal auf der Matte zu stehen und den Pilgersegen mitzunehmen.

Bis dahin sitze ich vor der Herberge und komme mit spannenden Leuten ins Gespräch. Ein Notfallmediziner aus Belgien sowie zwei radelnde Belgierinnen. Ich habe mir das noch nie so überlegt, aber manche Radler sind etwas unglücklich und einsam, wenn sie die Wanderer sehen und tagtäglich begeisterte Wiedererkennungen erleben. Die meisten Pilger laufen intuitiv ähnliche Strecken, es sei denn, sie machen einen bewussten Schongang oder sind extrem schnell (wie meine beiden Österreicher). Jeden Abend trifft man hauptsächlich auf bekannten Gesichter und einige Freunde. Bei den Radlern sind die Distanzen zu unterschiedlich, zu variabel und zu weit gestreut. Die Belgierin erzählt, dass sie noch nie jemanden wiedergetroffen haben, natürlich auch in den Herbergen niemanden kennen (und wäre ich nicht vor lauter Langweile mal wieder losgezogen, würden wir uns jetzt auch nicht unterhalten). Das gibt mir zu denken, und ich bin plötzlich unheimlich dankbar, dass ich, auch wenn ich mich heute etwas einsam fühle, immer noch deutlich mehr Kontakt habe.

Während mein Schlafsaal schon in die Betten steigt, mache ich mich noch mal auf zur Kirche. Wieder kommen die beiden Mönche schweigend herein, nach einem kurzen Gebet bleiben sie aber noch sitzen. Keiner sagt etwas, keiner weiß, was passiert, aber alle bleiben ruhig und erwartungsvoll. In der letzten Reihe packt ein Mädel eine Querflöte aus. Sie spielt eine wunderschöne Melodie, bei der ich wieder extrem nah am Wasser gebaut bin. Der Klang ist so pur, so unspektakulär einfach, aber doch höre ich mit jedem Ton unheimlich viel Gefühl, Schmerz, Sehnsucht, einfach Emotionen heraus. Als sie geendet hat, verlassen zuerst die Mönche schweigend die Kirche, dann folgen ebenfalls schweigend die Pilger.

Mit weiten Herz beeile ich mich, in meine Herberge zu kommen. Alles schläft schon, aber zum Glück ist noch geöffnet. Auf meinem Kissen liegt noch vom Nachmittag mein Amulett und erinnert mich, wie nah Verzweiflung und Hoffnung zusammen liegen können.

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