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Archive for Februar 2008

Wieder starte ich spät, frühstücke in Ruhe meine fettigen, süßen Magdalenas und laufe erst los, als es hell, wenn auch noch etwas dunstverhangen ist.

An meiner Weggabelung nach Samos finde ich mich alleine auf meinem Weg wieder. Einerseits laufe ich ungern hinter Rucksäcken her, andererseits beschleicht mich bei allzu viel Einsamkeit immer die Angst, dass ich eine Abzweigung verpasst haben und fernab des Caminos in eine falsche Richtung preschen könnte.

Fast schon erschrecke ich ein bisschen, als plötzlich hinter mir ein kleiner Pilger auftaucht. Er läuft ein ähnliches Tempo wie ich, und nachdem mich das irritiert, mache ich ein Vesperpäuschen, um ihn vorbeiziehen zu lassen.

Die morgendliche Ruhe ist unheimlich schön. Alles liegt im Nebel, wirkt gedämpft und wie in Watte gepackt. An manchen Stellen brechen einzelne Sonnenstrahlen durch den Nebel, sodass ich meinen Foto alle 5 Minuten auspacken muss. Leider tut das auch der kleine Pilger vor mir, sodass ich immer wieder auf ihn auflaufe. Ich entschließe mich, ihn dann doch zu überholen, aber keine Chance, beim nächsten Fotostop überholt er mich wieder, um 10 Meter weiter stehen zu bleiben und selber zu knipsen. Gut eine Stunde verbringe ich mit unangenehmen ständig nebeneinander herlaufen, was wohl nicht nur mir irgendwie unangenehm ist.

Irgendwann schaffe ich es dann doch, mir meinen Freiraum zu erlaufen, und erreiche Samos in der so geschätzten Einsamkeit. Der große Klosterkomplex liegt in sonniger, nebliger Ruhe, davor grasen einige imposante Ur-Rinder, ein stiller Fluss rahmt die malerische Kulisse ein.

Im Kloster selber treffe ich Andi wieder, der schon für die erste Führung Schlange steht. Wie so oft auf diesem Camino kann ich mich nicht dafür erwärmen, in meinem Pilgerrhythmus gestört zu werden und den Vormittag mit etwas anderem zu verbringen, als zu laufen. Kaum bin ich wieder auf der Straße und lasse Samos hinter mir, ärgere ich mich aber gewaltig über mein Kulturbanausentum und die verpasste Chance, wo ich doch nun schon mal da war (und im Gegensatz zu der Templerburg in Ponferrada auch nicht Stunden, sondern nur 10 Minuten hätte warten müssen).

Auf dem Weg begegne ich keiner Menschenseele, und prompt verlaufe ich mich auch. Statt der angekündigten Mini-Etappe, bei der ich schon befürchtet habe, nach einer Stunde Asphaltstraße hinter Samos mein Ziel erreicht zu haben und wieder von einer läuferischen Unzufriedenheit heimgesucht zu werden, geht es wild und schön kreuz und quer durch die Bergwelt. Ich laufe flottes Tempo, und trotzdem erreiche ich Sarria erst am frühen Nachmittag.

Den Herbergen hier merkt man die größere Stadt oder zunehmende Nähe zu Santiago an – zwar waren alle meine bisherigen Herbergen für meinen Geschmack vertrauenserweckend, sauber und gemütlich, aber das hier sind richtiggehende Hotels. Meine geplante Wunschherberge macht mir prompt gleich etwas Angst, weil der Empfang auch an ein Hotel erinnert, der Begrüßungstrunk am Abend, Fußmassage sowie Kaminfeuer inklusive sind und ich das dumpfe Gefühl habe, dass sich das nicht mit den 7 Euro in meinem Führer vereinbaren lässt. Hat aber wirklich alles seine Richtigkeit, und so genieße ich schon wieder das Duschen in einem riesigen Badezimmer nur für mich.

Mein Zimmer ist schon reichlich belegt, sodass mir zum ersten Mal nur ein Platz im oberen Stockbett bleibt. Während ich beeindruckt die schmucke Herberge erkunde, treffe ich auf meine Ladies, die trotz moderatem Tempo schon seit Stunden vor Ort sind. Irgendetwas muss ich falsch gemacht haben, denn außer mir hatte bei der Samos-Route niemand das Gefühl, 7 Stunden strammen Marsch hinter sich zu haben.

Meinen Lieblingsplatz entdecke ich auf der Dachterasse der Herberge, auf der dunkelblaue Liegestühle unter einer mit Wein umrankten Pergola stehen. Zu der Begeisterung über so viel Luxus mischt sich allerdings auch das dumpfe Gefühl, dass ich mit dem echten Pilgergefühl ja doch eher das Spartanische, Entbehrliche verbinde und demnach ein wenig davon entfernt bin.

Steffi bevölkert einen Liegestuhl im Schatten, und enttäuschenderweise geht es ihren Stichen auch nicht mit den Tabletten besser, die wir ihr hoffnungsfroh zusammen in Triacastela gekauft haben. Sie ist allerdings nicht mehr halb so verzweifelt und panisch wie ich, sondern der Inbegriff von Schicksalsergebenheit. Sie glaubt schon fast nicht mehr, dass Bettwanzen die Ursache sind, sondern eher an die Theorie einer Mitpilgerin, dass sich manchmal inneres Seelenleid über die Haut seinen Weg nach draußen bahnt. Wenn es so sein soll, soll es wohl so sein, sie zuckt nur mit den Schultern. Sie ist kein Mensch, der viel von sich preis gibt, sondern eher zurückhaltend, so überrascht es mich, dass sie mir doch einen gewissen Einblick in ihr bisheriges Leben gibt. Sie hat ihr Studium ein Semester vor Ende abgebrochen, weil sie das Gefühl hatte, dort nicht hineinzupassen. Seither jobbt sie sich gerade so durchs Leben, und wie es scheint, war es nicht völlig problemlos für sie, sich deswegen nicht wie ein Versager zu fühlen. Ich bin tief beeindruckt und sehe sie als das genaue Gegenteil eines Versagers. Ich bin immer den direktesten Weg gegangen, habe alles konsequent fertig gemacht, was ich angefangen habe, halte an allem fest, was ich nun eh schon lange gemacht habe, ob nun Beruf, Beziehung oder Verhalten. Mir ist klar, dass das keinerlei charakterliche Größe erfordert, und mir schwant auf diesem Weg, dass es auch nicht die schlauste Art ist, um glücklich zu werden. Auf jeden Fall benötigt man zu solchen Eingeständnissen und Entscheidungen richtig viel Mut, und den habe ich definitiv noch nicht.

Auch Bärbel wird magisch von den tollen Liegestühlen angezogen, allerdings ist sie heute anders als sonst. Irgendwann bricht aus ihr heraus, ob ich eigentlich auch schon mal diese Männer gesehen hätte. Ich vermute, dass es sich um Exhibitionisten handeln könnte, über die ich in meinem Führer gelesen habe. Es soll entlang des Weges viele davon geben, sodass ich mich im Vorfeld gedanklich darauf eingestellt habe. Begegnet bin ich aber noch keinem. Bärbel hatte heute schon ihren zweiten und ist ziemlich mitgenommen. Ich bin in erster Linie baff über die Details. Eine ältere, ebenfalls deutsche Pilgerin schaltet sich ein und erzählt von ihren Begegnungen dieser Art. Wie die Österreicher am Anfang gehört auch sie zu den Menschen, die faszinierend in sich zu ruhen scheinen und offensichtlich ihren Frieden gefunden haben. Statt meiner erdachten Reaktion (einer nicht näher definierten Kombination aus Brüllen, Pfefferspray und meinen Stöcken) lerne ich, dass man höflich auf die Herren einredet, unter Umständen auch mal deutlicher wird und in forschem Ton darauf hinweist, dass man sich belästigt fühlt (was ich mir bei der gütigen, kleinen Deutschen bildlich vorstellen kann). Bei ihr wendete sich der Herr dann aber erst ab, als sie in ihrer Verzweiflung anfing, sich zu bekreuzigen. Ich stehe etwas neben mir angesichts dieser offensichtlichen Exhibitionisten-Invasion entlang meines bisher so friedlich empfundenen Caminos. Außerdem fällt es mir schwer zu verstehen, warum gerade diese beiden sensiblen und im Umgang mit Männern vielleicht eher zurückhaltenderen Frauen diese Erfahrung machen mussten.

Am späten Nachmittag mache ich mich wie üblich auf die Suche nach einem Supermarkt. Eigentlich habe ich mich schon daran gewöhnt, nur nach einem „mercado“ zu fragen, und nachdem ich ja eh immer nur meine Basisausstattung kaufe, reicht das auch. Aber der mercado in Sarria verdient wirklich den Vorsatz „super“! Ich habe das Gefühl, dass es hier wirklich alles gibt und bin ganz hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und Wehmut. Ich erinnere mich an Erzählungen meines großen Bruders, der einige Zeit in Spanien verbracht hat und von den dortigen Tiefkühlabteilungen geschwärmt hat, in denen man problemlos einzelne Meeresfrüchte bekommt, sodass Paella ein Leichtes ist. Interessehalber schaue ich auch hier in die Kühltruhe – und verliebe mich spontan in einen Paella-Bausatz voller Muscheln, Beinen, Fühlern, Tentakeln und Saugnäpfen.

So koche ich also abenteuerlustig und todesmutig die erste Paella meines Lebens, und sie schmeckt auch wirklich grandios. Offensichtlich sieht sie auch so aus, denn Andi zieht auch gleich los, sich so ein Starterpack zu kaufen. Anschließend macht er mir den Mund wässrig mit seinen Berichten über das Kloster Samos, und beruhigenderweise hat auch er sich verlaufen. Sein Weg ging auch länger als geplant, und er musste zudem noch über eine Viehweide rennen.

Trotz vorgerückter Stunde bekomme ich auf Nachfrage noch die Aqua-Fußmassage erklärt, allerdings hält sich der Genuss in Grenzen und kommt wohl besser zur Geltung bei noch dampfend heißen Pilgerfüßen.

Als umso netter entpuppt sich dafür der kleine Raum mit dem offenen Kamin, in dem sich alle Pilger bei drei Sorten spanischer Alkoholika versammeln.

Später als sonst finden wir heute erst gegen 23:00 ins Bett. Meine Zimmerbesetzung ist durchweg sympathisch; außer Steffi, Bärbel und der sich bekreuzigenden Deutschen tummeln sich unter mir auch zwei ältere Briten, denen es an Humor, Lebensfreude und Lautstärke nicht mangelt. Nur Andi scheint in einem anderen Zimmer untergebracht zu sein, aber nachdem ich fürchte, dass er beeindruckend schnarchen könnte, bin ich darüber auch nicht wirklich traurig.

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Nach dem gestrigen aufwühlenden Tag lasse ich mir heute etwas Zeit mit dem Losgehen und genieße meinen Aufstieg zu O’Cebreiro bei Sonnenaufgang. Entgegen dem Eindruck in meinem Pilgerführer handelt es sich um keinen steilen Berg, und die Stunde bis zum Gipfel vergeht erstaunlich unspektakulär. Vielleicht bin ich heute einfach nicht so melodramatisch und nervlich angegriffen wie gestern.

Das berühmte gallien-ähnliche Dörfchen liegt noch im Tiefschlaf bzw. Nebel, von Touristenströmen merke ich erst recht nichts und bin fast etwas enttäuscht.

Der Weg nach Triacastela bleibt mir in ebenso unspektakulärer Erinnerung. Wie immer bin ich trotz spätem Start die erste in meiner Wunschherberge – und jeden Tag auf’s Neue frage ich mich, warum ich mich dann unterwegs immer so stresse, meist panisch meine Brötchen wieder einpacke und weiterlaufe, wenn ganze Pilgermassen an mir vorbeiziehen, und warum ich mir jeden Tag ausmale, dass meine Herberge überfüllt sein könnte.

Immerhin bekomme ich zum ersten Mal auf meinem Camino ein ganzes, richtiges Badezimmer zugewiesen. Es ist schön, sich in Ruhe im Spiegel betrachten zu können und endlich mal etwas Ablagefläche zu haben, anstatt routiniert mit diversen Plastiktüten zu jonglieren, in die die alte Wäsche kommt und in der die neue Wechselkleidung wartet und in der die feuchten Duschartikel zwischengelagert werden…

Die Zeit zur Öffnung des Supermarktes verbringe ich im Aufenthaltsraum und warte auf das Freiwerden des Internets, an dem die Tochter der Herbergsmutter seit 2 Stunden chattet und wild auf die Männer schimpft, soweit ich verstehe. Dazu raucht sie noch eine Zigarette nach der anderen. Nachdem ich endlich das übliche Lebenszeichen in die Heimat gesendet habe (und sich die Tochter wieder glücklich fluchend in den Sessel fallen lässt), tätige ich meine Einkäufe und koche mir eine schöne Nudelpfanne mit Paprika und Chorizo. In der Herbergsküche stehen viele interessante Übrigbleibsel der Pilger vor mir herum, sodass ich mich begeistert über das Paella-Gewürz hermache, das weitgehend oder ausschließlich aus „Colorante“ besteht und meine Nudelpfanne appetitlich quietschgelb werden lässt.

Mittlerweile sind auch Bärbel und Steffi aus La Faba eingetroffen. Steffi bringt mir deutlich ein Problem wieder in Erinnerung, das mich seit dem morgendlichen Käfer in Astorga immer mehr oder weniger verfolgt – hin und wieder ein kleiner, roter Fleck am Körper. Zwar sind definitiv noch keine Abermillionen von Bettwanzen in meinem Rucksack geschlüpft, aber in etwas weniger guten Momenten erfüllt es mich nicht gerade mit Heiterkeit, dass ich zumindest einen zähen Mitbewohner die Strecke nach Santiago trage. Bereits Sun hat mir ihre schwer verquollenen Beine gezeigt und erzählt, dass sie danach erst einmal alles samt Schlafsack durchgewaschen hat und auch seither direkt nach dem Ankommen nicht duscht oder wäscht, sondern den Schlafsack in die Sonne hängt, in der guten Hoffnung, damit Bettwanzen vertreiben oder abwehren zu können. Steffi ist nicht nur am ganzen Körper schwer verstochen, sie reagiert auch noch allergisch oder überempfindlich, durfte deswegen schon einen Krankenhausaufenthalt mit Kortisonspritze über sich ergehen lassen, schmiert minütlich starke Kortisoncreme, als wäre es Bodylotion, und trotzdem juckt sie alles fürchterlich. Mich jucken meine wenigen Stiche zum Glück überhaupt nicht, aber der Gedanke, dass das ja noch kommen könnte, noch dazu in Deutschland, trübt meine Laune beträchtlich.

Wie üblich verbringe ich den späten Nachmittag damit, meine zahlreichen Führer und Kopien um mich herum auszubreiten und mit rauchendem Kopf alle Eventualitäten der nächsten Tage zu durchdenken. Obwohl ich in Deutschland dachte, dass 3 Wochen für meine geplante Etappe mehr als reichlich wären, scheint mir jetzt alles etwas eng zu werden, zumal sich meine Überlegung, bis ans Ende der Welt zu gehen, zu einem feststehenden Entschluss manifestiert hat. Ebenso manifestiert sich in diesem Moment aber auch die Gewissheit, dass mich dieses Planen stresst und nervt und offensichtlich reichlich überflüssig ist, da außer mir nie jemand derart plant. Ich entwerfe resolut einen groben Plan, setze für jeden Tag kurzerhand ein Etappenziel fest und habe nach 5 Minuten alles beruhigend vor Augen. Ab diesem Tag verschwende ich keinen Minute mehr auf Planung, Rechnen, Überlegen oder beunruhigtes Zeitplaneinhalten, ich habe für jeden Tag mein Ziel, das es zu erreichen gilt, und damit basta.

Auf dem Weg in die Pilgermesse fällt mein Blick auf ein Straßencafé, besser gesagt auf einen großen Teller voller Schnitzel, Soße und fettgebackenen Kartoffelprodukten. Beim Heben des Blickes schaut mir der gemütliche (und gemütlich kauende) Bayer aus Astorga entgegen. Ich freue mich über das Wiedersehen nach so langer Zeit.

Die Messe in Triacastela ist berühmt, und das nicht zu Unrecht. Jeder Neuankömmling wird nach seiner Nationalität verhört und nicht eher entlassen, bis er ein Blatt in seiner Landessprache in Händen hält. Und es sind mindestens 27 Sprachen. Der Gottesdienst beginnt schleppend, weil den Pfarrer das Licht blendet, das durch die Türe herein fällt. Oder er schaut deswegen so verdrießlich, weil die Pilger in der Kirche verstreut sitzen und das geändert werden muss. Zögerlich versteht jeder früher oder später, dass erst Ruhe gegeben wird, wenn die vorderen Reihen eingenommen sind. Auch dann ist nicht alles geklärt, denn in den vorderen Reihen sitzen Pilger ohne Blatt, die sich bei der Nationenabfrage noch nicht gemeldet haben. Sie entpuppen sich als Österreicher, und der Pfarrer versteht nicht, warum sie sich dann nicht bei „Alemania“ gemeldet haben. Die Österreicher wiederum verstehen das wohl sehr gut, geben sich wegen der Sprachbarriere dann aber geschlagen.

Nach einer guten Viertelstunde ist alles zur Zufriedenheit arrangiert, die Sonne ist mittlerweile auch untergegangen und blendet nicht mehr zur Tür herein. Am Altar haben sich vier Freiwillige eingefunden, die die Mehrsprachigkeit garantieren sollen. Ich kann meine Begeisterung kaum im Zaum halten, als ich sehe, dass der französische Part mit der kleinen Französin aus Astorga besetzt ist. Offensichtlich hat sie ihre Mutter also wiedergetroffen und scheint ihre Knieprobleme soweit in den Griff bekommen zu haben, dass ihrem großen Siegeszug nach Santiago nichts mehr im Wege steht. Ich freue mich über das Wiedersehen, aber noch mehr für sie.

Die Messe ist schön, bewegend und faszinierend. Die Pfarrer allein faszinieren mich schon, auch wenn ich wenig verstehe. Die mehrsprachigen Übersetzungen und Lesungen von den verschiedenen Pilgern berühren mich aber noch um ein Vielfaches mehr, ich habe das Gefühl, einen Teil von ihrem persönlichen Glauben mitzubekommen.

Der Zettel ist auch unglaublich schön, darin sind 10 Beweggründe beschrieben, warum manche Leute den Weg gehen. Diese Frage stelle ich mir seit meinem ersten Ausflug in die Pilgerwelt auch oft, ich will eine Erklärung haben meinen Freunden gegenüber, was denn jetzt so besonders und speziell ist. Nein, die Landschaft allein ist so prall jetzt auch nicht. Nein, der Partyeffekt ist es sicherlich auch nicht. Die Erfahrungen eines Hape Kerkelings sind es sicher auch nicht, das Genießen von schönen Pensionen, das lange Ausschlafen, die deutschen Fernsehprogramme und unzählige dekadente Tassen Kaffee. Mit vagen Hinweisen auf Übersinnliches will ich auch keinen strapazieren. Aber auf diesem Zettel spricht mir alles derart aus dem Herzen, trifft genau meine Emotionen und Gefühle, ist genau das, was ich empfinde und sagen will. Und es ist ein schönes Gefühl, dass ich offensichtlich nicht die erste und einzige bin, die so denkt.

Auch auf meinem Rückweg sitzt der Bayern-Andi noch immer gemütlich kauend am gleichen Fleck. Über seine mir unbekannten Tischnachbarn hinweg finden wir heraus, dass wir morgen das gleiche Etappenziel haben. Ich beschließe, das Gespräch auf dann zu verlegen, anstatt mich der etwas zu deutschen Schnitzel-Pommes-Salat-Runde anzuschließen.

Morgen stehen zwei Streckenvarianten auf dem Programm. Wie beim Camino duro möchte ich natürlich auch wieder auf alle Fälle das Schönere, Anstrengendere mitnehmen, wobei das diesmal etwas schwer zu identifizieren ist. Meine neuen Freundinnen Bärbel und Steffi wollen nicht wie ich über das Kloster Samos gehen, aber wir scheinen uns am Tagesziel Sarria wiederzutreffen. Merkwürdigerweise trifft man manche Pilger immer wieder. Manche trifft man genau einmal, weil sie besonders langsam oder besonders schnell sind. Die anderen, die man zweimal trifft, haben meist ein ähnliches Tempo, und wenn nicht am nächsten Tag, so trifft man sie ziemlich sicher am übernächsten Tag wieder. Und obwohl ich nach wie vor unheimlich gerne allein laufe, meinen Weg ungern teile und mich nicht binden und verabreden möchte, freue ich mich doch, wenn in einer Herberge ein altbekanntes Gesicht um die Ecke biegt.

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Heute habe ich einen langen Tag vor mir, weswegen ich ganz froh bin, zeitig wach zu werden. Das Bett neben mir ist komplett leer, es fehlt sogar die Matratze. Der Französin war das Schnarchen aus dem Nebenzimmer zu laut, sodass sie kurzentschlossen unter freiem Himmel geschlafen hat. Es passt zu ihr. Sie ist natürlich auch schon wach, weil sie auch gerne allein läuft und es kühl hat.

Ich lasse mir gerade den ersten Cappuccino meines Caminos aus dem Automaten, als ich eine Belgierin vom Vortag erspähe und kurz entschlossen frage, ob wir zusammen losgehen wollen. 2006 habe ich immer den Sonnenaufgang abgewartet, dieses Jahr laufe ich auch gern mal einige Minuten vorher los. Aber so ganz im Dunkeln ist es mir allein unwohl. Nach einer Weile holen wir zwei Engländer ein, eine Mutter mit ihrem Sohn. Wir kommen ins Gespräch. Schon in den vergangenen Tagen habe ich sie oft sehr schnell und diszipliniert laufen sehen, und wie sie mir nun erzählen, ist ihr Camino von langer Hand geplant. Die Mutter trainiert seit einem Jahr mit dem Vater lange Strecken und das Laufen mit schwerem Rucksack, der Vater hat zudem die optimalen Routen ausgearbeitet. Sie laufen nur bis O Cebreiro, weil für mehr die Zeit nicht reicht. Ich bin überrascht, wie man gerade dort aufhören kann und will wissen, ob es denn da einen Bus gibt. Sie drucksen etwas herum, nein, da würde der Vater sie dann abholen. Es stellt sich heraus, dass er die ganze Tour im Begleitfahrzeug mitmacht und sie sich jeden Abend zur Übernachtung treffen. Trotzdem ziehen sie das Pilgern voll durch und tragen jeden Tag sämtliches Gepäck auf dem Rücken. Kurios.

Als die Sonne aufgeht, befinde ich mich inmitten von Weinbergen mit wunderschönen Ausblicken. In der Stille des morgendlichen Nebels, erwärmt von den ersten Sonnenstrahlen, erreiche ich Villafranca del Bierzo.

Dort beginnt heute mein „camino duro“, mein harter Weg. Ein Weg führt an der Fahrstraße entlang, der andere soll recht anstrengend mitten über einen Berg gehen. Fahrstraße ist mir zu langweilig, zu gefährlich und sicher nicht gut für die Füße, sodass ich schon sehr nach der Herausforderung lechze – und umso enttäuschter bin, als die Stadt zu Ende ist und ich meinen Abzweig nicht gefunden habe. Einige Pilger um mich herum laufen eben schulterzuckend die Straße entlang, aber ich kehre doch wieder um und frage mich durch, bis mir jemand die etwas versteckte Abzweigung zeigen kann. Es geht wirklich recht steil den Berg hoch, aber es ist noch kühl und darum kein Problem. Ich bin wieder ganz berauscht von dem Höhengewinn, der Aussicht, wieder einmal dem Gefühl, alles unter sich zu lassen, allem zu entfliehen und frei zu sein.

Auf dem Plateau angekommen geht es sich wunderschön. Die Sonne taucht die Landschaft wie in flüssiges Gold, auf einem kleinen Trampelpfad geht es beschwingt und ebenerdig weiter. Weit unten im Tal sehe ich die Asphaltstraße und freue mich noch umso mehr, hier so nah am Himmel zu sein. Ein bisschen einsam ist es allerdings, weit und breit kein anderer Pilger, und meine ängstliche Seite kommt durch, die sich fragt, was ich mache, wenn mich hier im Nichts eine Schlange beißt oder eine der zahlreichen Wespen sticht. Irgendwann taucht hinter mir ein Wanderer auf, ich überlege mir den worst case. Sicherheitshalber setze ich den Rucksack ab, mache eine Frühstückspause und weiß, wo mein Pfefferspray liegt. Aber der Wanderer entpuppt sich als die Französin, die auch ein harter Knochen ist und natürlich auch als einzige diesen verrückten Weg wählt. Den Rest des Weges habe ich sie vor mir in entfernter Sichtweite und kann auch wieder die Wespen genießen.

Nach einem ebenso abrupten Abstieg wie Anstieg erreiche ich gegen Mittag Trabadelo und stehe vor einer schweren Entscheidung, oder besser, dem ersten Mal, dass meine Pläne nicht ganz perfekt und problemlos aufgehen. Am liebsten übernachte ich in Orten mit Supermarkt, ich freue mich, wenn die Herbergen im Führer wärmstens empfohlen werden. Viele Betten beruhigen mich, denn ich habe ständig Herbergsangst. Zwar laufe ich sehr zeitig los, gehe unterwegs nicht in Cafés und habe ein schnelles Gangtempo. Trotzdem bekomme ich ein starkes Unruhegefühl, wenn viele Pilger an mir vorbeilaufen. Vor meinem geistigen Auge zählen sich die Herbergsplätze herunter, noch dazu der Faktor, dass ich nicht weiß, wie viele Nachtschichtpilger schon vor mir sind. So bin ich immer froh, gegen Mittag in der Herberge anzukommen (auch wenn ich mich dann den ganzen Nachmittag langweile und jeden Tag aufs Neue ärgere). Auch habe ich Angst, zu spät in Santiago anzukommen und werde unruhig, wenn die Planung nicht 1-2 Tage Puffer beinhaltet. Zwischen all diesen Zweifeln steht heute groß „La Faba“ auf dem Programm, ein Ort 32 km entfernt, in dem ein Bekannter meines Vaters eine Herberge mitgegründet hat. Und schon bevor ich jemals den Weg gelaufen bin, war mein Vater Feuer und Flamme, dass ich dort mal übernachten müsste. Mein Vater hat sehr wenig Wünsche an mich, und auf eine schwer zu erklärende Weise ist es mir ein ganz dringendes Anliegen, diese Station mitzunehmen. Leider sind 32km ungewohnt viel für mich, noch dazu mit dem Fragezeichen des zusätzlichen camino duro, vor dem kräftetechnisch eher gewarnt wird.

So mache ich mich gegen Mittag, statt mir in Trabadelo ein Bett zu sichern und die Mittagshitze im Schatten zu genießen, mit einem stattlichen Vorrat von 3 Litern Wasser und einigen Bananen auf den Weg nach La Faba, und ich habe das Gefühl, dass es eine Herausforderung werden könnte.

Die Mittagshitze, die ich sonst immer umgangen habe, ist beachtlich. Mir ist leicht schwindelig und ich trinke konsequent. Vor mir befinden sich viele Pilger erschöpft auf den letzten Metern zu den Herbergen in den nächsten Dörfern, die noch vor dem großen Anstieg zu O Cebreiro liegen. In der letzten Herberge, 1 ½ Stunden vor La Faba, hole ich mir nur einen Stempel und trete wieder etwas unwirklich auf die Straße hinaus und laufe weiter. Der Weg ist komplett verlassen, und als ich unsicher ein paar Einheimische nach dem Weg frage, geben sie mir zu verstehen, dass ich zwar auf dem richtigen Weg bin, ich aber langsamer machen soll, wenn ich jemals in Santiago ankommen will. Offensichtlich sehe ich nicht mehr sehr fit aus, und ich muss gestehen, dass ich durch die Hitze schon ziemlich daneben bin. Mich packt ein bisschen die Verzweiflung, was ich hier mitten im Nichts machen soll, wenn ich nun einen Hitzschlag bekomme. Ich schelte mich für meinen blöden Ehrgeiz, den camino duro machen zu müssen und nicht wie jeder vernünftige Mensch aus Cacabelos heute (auch ganz ohne Extratour durch die Berge) nur bis zu den Dörfern vor dem Anstieg zu gehen. Meine erste Wasserflasche ist leer, und nachdem ich bisher immer mit einer vollen 1 ½ l Flasche zur Reserve gelaufen bin und diese jetzt wirklich mal anbrechen muss, wird mir doppelt mulmig. Ich entscheide, dass es so keinen Sinn hat. Diese letzten 5 Kilometer werde ich schaffen, auch bei der Hitze, ich muss nur durchhalten, darf mich nicht überanstrengen, und selbst wenn ich ganz langsam mache und erst abends ankomme, das werde ich schaffen und das ist sicher. Ich mache ab da furchtbar kleine Schritte, ganz bedächtig Schritt für Schritt, ohne dass es mich schwindelt.

Und so passiere ich Weiler um Weiler und merke, dass es zwar langsam geht, aber es geht. Dann stehe ich vor dem wirklichen Anstieg, und wieder schwindet mein Mut. Ich denke unbestimmt „lass mich das schaffen“, und in diesem Moment erhebt sich mitten in der drückenden Mittagshitze über dem flimmernden Asphalt sekundenlang eine absolut kühle Brise. Ich stehe ganz verwirrt da. Mit ein wenig mehr Mut mache ich mich langsam und bedächtig den Berg hoch, als eines der vielen Taxis den Weg entlang fährt, das viele Pilgerrucksäcke, aber auch einige Pilger selbst bequem auf den Gipfel chauffiert. Der Fahrer lässt im Vorbeifahren das Fenster herunter, er gestikuliert wild, strahlt und brüllt „buon camino!!!“. Ich bin total gerührt. Da fährt er ständig Rucksäcke durch die Gegend, und im Herzen wirkt er so, als ob er wirklichen Respekt nur vor denen hat, die es aus eigener Kraft schaffen wollen, die ihren Rucksack auf dem Rücken tragen und sich in der Mittagshitze den Berg hochschleppen.

Von kühler Brise und Taxifahrer bin ich erstaunlich ermutigt, als ich am Straßenrand im Schatten einen Mann stehen sehe. Als ich näher komme, spricht er mich an – und bietet mir einen Keks an. Wir machen uns dann gemeinsam auf den Anstieg. Er meint, er hätte mich schon oft gesehen (ich kann mich wie so oft nicht explizit erinnern), und doch, er würde sich natürlich erinnern, ich hätte so einen auffälligen Laufstil. Ich muss unter meiner Anstrengung schief lächeln und meine, dass er mich daran heute nun wirklich nicht erkannt haben kann. Er lacht auch und meint, gut, heute wäre es der Rucksack gewesen. Ich liebe meinen Rucksack heiß und innig, mit dem ich schon 4 Wochen Zelt und Kocher und Winterklamotten rumgeschleppt habe, und so pilgere ich auch in Spanien mit einem 65+20 Liter-Rucksack, auch wenn der natürlich nur normale 8 Kilo plus der obligatorischen Sicherheitswasserflasche beinhaltet. Gemeinsam schleichen wir den Berg hoch; mein Gegenüber ist schon etwas älter und sehr bedächtig – und er will sogar bis O Cebreiro. Und im Gegensatz zu mir hat er da auch gar keine Zweifel.

In La Faba trennen sich unsere Wege und ich folge dem aus wenigen Häusern bestehenden Ort zu der Herberge. Ich trete durch ein Tor auf ein großes Grundstück, in der Mitte eine Kirche, am Rand ein sauberes Haus, vor dem 3 deutsche Hospitaleros sitzen und jeden Neuankömmling erst mal hinsitzen lassen und ihm ein Glas kalten Tee anbieten. Das Ganze ist so unwirklich, und ich kann noch gar nicht glauben, dass ich den Tag rumgebracht habe und es nun wirklich geschafft habe.

Ich dusche schnell in einem kleinen Bad voller heimisch bekannter deutscher Armaturen und frage nach einer Einkaufsmöglichkeit. Es gibt tatsächlich eine, und die Inhaberin macht auf Klingeln für jeden extra auf. Es gibt diesmal wohl wirklich nur 50 Artikel zur Auswahl, aber alles ist da, was das Herz begehren könnte. Ich kaufe Nudeln und Tomaten und sogar eine Zwiebel, bekomme Brot und Schinken von einem riesigen Laib abgeschnitten, es gibt pilgergerechte Minibutter und ich kann wieder ordentlich Wasser tanken, um den Schwindel wegzutrinken und morgen wieder eine gefüllte Sicherheitsflasche im Rucksack zu haben.

Als ich mit voller Tüte und noch duschfeuchten Haaren in meinen Flip-Flops zurückschlappe, kommen mir auf einmal Tränen in die Augen geschossen. Mein einziger Gedanke ist, dass ich so ein Glück nicht verdient habe. Dass ein Laden extra für mich öffnet und alles hat, was mein Herz begehrt. Dass ich meinen Wagemut und meinen Ehrgeiz nicht bereuen musste. Dass ich in meinen mutlosen Momenten so viel Zeichen und Unterstützung bekommen habe. Dass gerade heute, wo ich etwas labil bin, eine so heimelige Herberge auf mich wartet. Mitten in einer Pfütze mit Jauche stehe ich hemmungslos schluchzend da, und es ist wahrscheinlich die nächste göttliche Fügung, dass mich in diesem Moment niemand sieht.

In der Herberge sitze ich mit vielen Pilgern verstreut im Garten vor der Kirche, offensichtlich ist für viele heute ein bewegender Tag gewesen. Zwischen meinem Tagebuch und meiner Routenplanung zieht es mich immer wieder in die Kirche, in der leise Musik läuft, sonst niemand ist, die nur uns Pilgern gehört und wo ich meinen Tränen noch mal freien Lauf lassen kann und diesmal meine Dankbarkeit an jemanden richten kann.

Bärbel, die ehemals magengeplagte Deutsche, trifft ebenfalls ein und ist ganz euphorisch. Durch das Umpacken ihres Schlafsacks ist der Rucksack heute unheimlich viel leichter zu tragen, das ganze Laufen ist ihr viel leichter gefallen und sie ist ganz baff erstaunt über dieses kleine Wunder.

Ein älterer Franzose, der das Bett gegenüber von mir bewohnt, beantwortet meinen Gruß auch schon wieder ganz wissend. Wir hätten uns doch schon getroffen. Ich gucke wieder etwas dumm aus der Wäsche und bin mir eigentlich sicher, dass nicht. Er holt eifrig sein Tagebuch heraus, oder besser einen konfusen Stapel von Papierfetzen. Er blättert jeden Tag durch, fragt erwartungsvoll nach eventuellen gemeinsamen Stationen – und tatsächlich, am zweiten Tag sind wir uns tatsächlich schon mal begegnet, wie er begeistert seinem Aufschrieb entnimmt. Mich würde ja zu sehr interessieren, was er sich da sonst noch so alles notiert hat, wenn selbst „eine große junge Frau mit großem Rucksack ist heute schnell an mir vorbeigelaufen“ schon Eingang findet.

Um 20:00 ist Messe, nur für uns Pilger. Auf die Minute genau biegt mit quietschenden Reifen ein kleines, weißes Auto in den Hof, und aus den Staubwolken heraus springt auf seinen Teva-Sandalen ein kleiner Mönch in braunem Gewand. Er eröffnet sehr persönlich die Messe und lässt sich gleich zwei Übersetzerinnen geben, die alles in Englisch und Französisch übersetzen. Auf Deutsch verzichten wir, weil schon für jeden etwas dabei war. Er hat eine sehr süße Art, spricht seine spanischen Worte und zeigt dann schüchtern lächelnd auf seine Übersetzerinnen. Zuerst lassen wir das „luz de paz“, das Licht des Friedens, durch die Reihen gehen. Nichts weiter geschieht, als dass alle ruhig und aufmerksam zusehen, während jeder bedächtig die diskusähnliche Scheibe mit dem Petroleumdocht entgegennimmt und weitergibt.

Anschließend werden 5 Freiwillige vorgebeten, sich gegenüber der kleinen Gemeinde hinzusetzen. Er beginnt, der ersten Sitzenden den Fuß zu waschen, und anschließend soll sie so bei ihrer Nebensitzerin verfahren. So geht es minutenlang reihum, und solange herrscht bedächtige Stille in der Kirche. Das kurze Resümee auf Spanisch ist, dass man so, wie man selbst behandelt werden will, auch mit seinem nächsten umgehen soll. Dann will der Pater wissen, ob wir auf diesem Weg schon irgendwelche Erkenntnisse erlangt haben. Wir sitzen uns gegenüber wie in einer kleinen Familie, alles ist so ruhig und geduldig. Ein Brasilianer meldet sich schließlich zu Wort. Ihm ist eine Parallele aufgefallen zwischen Problemen und Blasen: sie kommen nicht über Nacht, sondern man macht schon lange vorher etwas falsch und missachtet erste Warnzeichen. Die übersetzende Belgierin erzählt, dass eine Freundin ihr eine schwere Seelenlast mit auf den Weg gegeben hat. Sie hat ihr nicht gesagt, um was es sich handelt, aber sie wird für sie nach Santiago gehen und die Last für sie dort ablegen. Das bewegt mich wieder sehr und erinnert mich an das Cruz de Ferro, wo auch so viele ihre Last ablegen. Eine Französin steuert noch eine Weisheit bei, wonach man die Stille braucht, um wirklich hören zu können. Die beiden Übersetzerinnen übersetzen nicht nur fehlerfrei, sie sind wohl auch gläubig und innerlich sehr gefestigt, jedenfalls genieße ich sowohl auf Spanisch als auch auf Englisch und Französisch jedes Wort.

Zum Abschluss bittet uns der Pater nach vorne rund um den Altar und möchte ein „abrazo de paz“. Alle stehen etwas unentschlossen herum, bis die ersten anfangen, ihrem Nächsten nicht nur die Hand zu geben, sondern ihn herzlich in den Arm zu nehmen. Und wir belassen es nicht nur beim Nächsten, irgendwann umarmt jeder jeden. Ich umarme den Pater, die Übersetzerinnen, die Hospitaleros, Bärbel, Franzosen, Dänen… die ganze Kirche liegt sich minutenlang in den Armen.

Heute bin ich so voller Glück und Dankbarkeit, dass ich jeden Pilger auf den ganzen 800 km Jakobsweg umarmen könnte.

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In meinen Planungen der kommenden Tage und Wochen verspricht der heutige Tag ruhig und unspektakulär zu werden. Keine Berge, keine lange Strecke. Auf Ponferrada mit der Templerburg freue ich mich; leider erreiche ich die Stadt bereits nach weniger als 2 Stunden; die Geschäfte haben zwar schon offen, die Burg öffnet aber erst um 11 ihre Tore. 2 Stunden warten möchte ich nicht, und so laufe ich nach ein paar Fotos weiter.

Dafür finde ich einen tollen Supermarkt. Eigentlich ist es völlig egal, ob ein Laden 50 Artikel hat oder 50 000, denn meine Einkäufe sind eh immer gleich praktisch und limitiert. Trotzdem erfreue ich mich fast eine halbe Stunde an der Auswahl, erstehe statt des üblichen Baguettes ein tolles Kürbisbrötchen, das sogar innen kürbis-orange ist, und kaufe statt des billigsten abgepackten Käses heute an der Bedienungstheke. Die Verkäuferin ist sehr nett und zuvorkommend, ich lasse mir einen beliebigen Käse von ihr empfehlen, wir fuchteln beide wild mit den Armen bei der Auswahl, ob er viel oder wenig Aroma haben soll. Meine einkäuflichen Tageshighlights sind meine Dosen, je nach Laune Kás, Cola, Schweppes, Tonic…

Der Weg geht durch die Stadt; wie in León bin ich unsicher und folge lieber den Rucksäcken vor mir als den Anschluss zu verlieren und nach den Markierungen laufen zu müssen, die ich schon seit der Templerburg nicht mehr so wirklich sehe.

Bis zu meinem heutigen Etappenziel Cacabelos geht es für mein Empfinden nur an asphaltierten Straßen entlang. Ich bin etwas unleidig und enttäuscht.

Die Herberge ist faszinierend; um eine Kirche herum sind lauter kleine 2-Bett-Zimmerchen gebaut. Ich muss an meinen Freund denken und wie schön es gewesen wäre, wenn wir auf unserem Camino so eine Privatsphäre gehabt hätten. Statt dessen teile ich mein Zimmer mit einer Französin aus der Großgruppe von gestern und fühle mich rein gar nicht wohl. So schön ein Zweibettzimmer mit jemand Bekannten ist, so beklemmend empfinde ich es jetzt mit jemand Fremden. Mein Französisch ist völlig eingerostet, ich kann mich überhaupt nicht ausdrücken und fühle mich total idiotisch. Wie immer langweile ich mich, weil noch nicht viele Leute da sind und die wenigen in ihren Zimmerchen sind. Die, die herauskommen, sind Deutsch und sitzen auf den Bänken im Hof, als säßen sie zu Hause auf dem Sofa. Ich frage mich, ob alle Pilger ähnliche Themen haben. Für den Moment habe ich jedenfalls das untrügliche Gefühl, dass keiner so einen Blödsinn verzapft wie die Deutschen, und ich bin mir nicht sicher, ob das nur daran liegt, dass ich die anderen Sprachen nicht so gut verstehe.

Endlich sehe ich ein bekanntes Gesicht; einen Spanier, mit dem ich in Rabanal kurz gesprochen habe. Auch er spricht nur Spanisch, und während ich beim ersten Treffen irgendwie nie wusste, was er jetzt gesagt oder gefragt hat, haben wir heute mit etwas mehr Ruhe eine tolle Verbindung. Er erzählt von seinem Beruf und seinem Psychologie-Studium nebenher. Wahrscheinlich hat er dabei etwas von seinen Zuhörerqualitäten abbekommen. Er schaut mich ermutigend, ruhig und freundlich an, während ich mit meinem 50-Worte-Wortschatz wild vor mich hinpuzzle, um mich verständlich zu machen. Er wartet, bis ich selber zufrieden mit meinem Satz und meiner Aussage bin, anstatt mir hilfreich Worte in den Mund zu legen. Aber trotz der Mühen des Studiums nebenher arbeitet er nicht als Psychologe, was ich nicht recht verstehe. Es gibt zu wenig Geld, erklärt er. Ob er das nicht vorher gewusst hätte, will ich wissen. Doch. Ich bin etwas ratlos und frage, ob es denn wenigstens ihm etwas gebracht hat, ob man mit so einem Studium schlauer ist und sich und andere Menschen besser verstehen kann. Er lächelt mich weiterhin auf seine etwas schiefe Weise an, zieht seinen Pullover an den Armen etwas hoch und zeigt mir die Innenseiten. Im nächsten Augenblick ist er aufgestanden, macht ganz oft verlegen „pst“ und ist weg. Ich bin etwas überrascht; mein erster Gedanke ist, dass ich schon schlimmere Schnibbler gesehen habe und bei ihm ja eigentlich gar nicht viel war. Im selben Moment dämmert mir aber, dass es pro Seite exakt eine große Narbe war, diese dafür riesig und voll über die Pulsadern.

Ich bin mal wieder total geplättet und durcheinander; auf diesem Camino passieren laufend Sachen, auf die ich noch keine eingeübte oder durchdachte Reaktion auf Lager habe. Ich habe das Gefühl, gerade etwas mitgeteilt bekommen zu haben, was noch nicht oft weitergegeben wurde. Ich weiß nicht, warum er es gerade mir mitgeteilt hat. Ich bin tief bewegt, und meine Gebete, die mir mittlerweile schon wie selbstverständlich über die Lippen kommen, widme ich heute ganz eindeutig diesem Spanier.

Am anderen Ende meiner Bank lässt sich die Oregano-Koreanerin nieder. Sie scheint wie ich lieber die Supermärkte als die Restaurants unsicher zu machen und packt lustige Spießchen und eine Dose mit dubiosen Meeresfrüchte aus. Ich kann mir doch nicht verkneifen, sie zu fragen, was das ist. Sie schaut die Dose interessiert an, zuckt mit den Schultern und gibt ein fragendes „Hm?“ von sich. Sie weiß es selber nicht, aber sie kauft halt immer mal irgendwas. Ob es denn dann auch schmeckt, will ich wissen. Wieder sinniert sie, bevor sie „maybe?!“ sagt. Ich stelle fest, dass sie gar nichts gegen mich haben muss, sie ist nur einfach ziemlich schüchtern, sehr unsicher mit ihrem spärlichen Englisch und ganz abgesehen davon einfach ein cooles Persönchen. Sie ist gerade mal 23 Jahre alt, von der Statur nicht unbedingt zum Pilgern geboren und ganz schön weit weg von zu Hause. Ob ich nun frage, ob sie da keine Angst vorher hatte oder Bedenken oder ob es hier anders ist oder ob das Laufen anstrengend ist, immer lächelt sie etwas in sich hinein, scheint nachzudenken und fabriziert dann ein „maybe?!“, „mhm, why not?“ und „mhm, yeah“. Sie ist echt abgebrüht, durch nichts aus der Ruhe zu bringen und vor allem ein hemmungsloser Optimist. Meine Routenplanung liegt wie jeden Tag ausgebreitet vor mir, ich wälze jeden Abend 3 Führer und denke die nächsten 2 Wochen in allen Eventualitäten durch (und werde dabei natürlich auch nicht wirklich schlauer). Der morgige Tag bereitet mir auch super Kopfzerbrechen. Als ich sie frage, wo sie denn langgeht und was sie davon denkt und mit welchem Führer sie plant, guckt sie entgeistert. Sie hat eigentlich gar keinen Führer, und eine resolute Spanierin hat ihr mal eine kopierte Seite in die Hand gedrückt, damit sie wenigstens weiß, wo Herbergen sind. Aber sie sieht mir so aus, als ob ihr eigentlich schon das nicht wirklich notwendig erscheint. Sie läuft halt mal so, und wenn eine Herberge kommt, schön, und wenn keine kommt, dann geht mal halt bis zur nächsten weiter. Unsere Lebensmodelle und Herangehensweisen unterscheiden sich aufs Extremste, aber zumindest für den Moment erscheinen mir ihre deutlich vernünftiger.

Irgendwann finden wir uns auf ernstem Terrain wieder. Sun lächelt zwar immer noch auf die gleiche reservierte Art und ihr Gesichtsausdruck ist immer der gleiche, aber auf einmal sieht sie nicht mehr nur cool und mit einem sonnigen Gemüt gesegnet aus. Was ihre Familie dazu sagt, dass sie so allein in der Ferne pilgert (wo doch schon meine Mutter aus dem Häuschen ist). Sie würden nichts dazu sagen, es wäre ihnen egal. Vermissen würde sie sie auch nicht, ihren Bruder würde sie gar nicht mögen. Ich halte es für dahingesagt, aber sie beharrt darauf, er wäre nicht nett zu ihr. Ich erhalte einen kurzen Einblick in eine Familie, in der eine Tochter wenig zählt und in der man sie wissen lässt, dass sie unwichtig, unerwünscht und ein Nichts ist. Sun steht mit verschränkten Armen, trotzigem Gesichtsausdruck und etwas glasigem Blick vor mir im Innenhof der Kirche, und mir tut es in der Seele weh. Da fühle ich mich oft allein oder benachteiligt, aber ich habe eine Familie zu Hause, die mich liebt, wie ich bin, obwohl ich oft enttäusche. Die mich mein Leben lang unterstützt und aufgebaut hat und hinter mir steht. Ganz vage habe ich einen Eindruck vor Augen, wie sich Sun seit zwei Jahrzehnten allein mit den verschränkten Armen und dem trotzigen Gesichtsausdruck durchs Leben kämpft und wie sie seit Jahren ununterbrochen auf Reisen ist. Vielleicht nicht nur aus Spaß und Freude am Reisen, sondern weil sie etwas sucht.

Nach den Gesprächen mit dem Spanier und Sun habe ich das Gefühl, als wäre die Engländerin aus der Messe in Rabanal in meinem Kopf. Nur schmettert sie diesmal wutentbrannt „so who are you to complain?!“.

Ich gehe abends in die Messe (so bequem direkt vor der Tür hatte ich es schon lange nicht mehr) und gehe früh schlafen. Im Waschraum höre ich wieder die Engländerin in meinem Kopf, als ich eine Pilgerin sehe, die sich abschminkt und dazu auch ihre Perücke abgenommen hat. Auch treffe ich eine Deutsche wieder, die ich in Astorga kurz getroffen habe und die in Molinaseca in der gleichen Herberge war und vor lauter Bauchkrämpfen ziemlich hoffnungslos war, überhaupt einen Schritt weiter gehen zu können. Ich freue mich für sie, dass sie trotzdem diese ordentliche Etappe geschafft hat. Ihr Rucksack bereitet ihr Kopfzerbrechen, und sie plant für morgen eine komplett andere Lastenverteilung.

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Der Morgen beginnt etwas unerfreulich. Gestern noch ein kleiner morgendlicher Käfer, heute der ein oder andere juckende rote Fleck. Aus Erfahrung ahne ich, dass es sich um Bettwanzen handelt. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, aber solange die Herrschaften in dem Bett geblieben sind und sich nicht in meinem Rucksack verkrochen haben, soll es mir kein Drama sein.

Ab Rabanal geht es ordentlich den Berg hoch, durch einsame Dörfer, umrankt von Schauergeschichten von Hape Kerkeling über wilde Hunde. Vor Hunden habe ich so oder so schon ziemlichen Respekt, trage meiner straffen Gewichtsplanung zum Trotz einen Pfefferspray mit mir herum und sehe dem großen Abenteuer mit gemischten Gefühlen entgegen. Bei Sonnenaufgang überwiegt dann aber doch die Freude auf die Berge, dort bin ich richtig zu Hause, dort bin ich belastbar und kann meinem Körper voll vertrauen und mich auf meine Kondition verlassen.

Auf der Straße richten die beiden Belgierinnen ihre Satteltaschen, Leuchtwesten und Helme. Wir wünschen uns herzlich einen guten Weg, und ich denke noch einige Minuten darüber nach. Pilger sind höflich und man wünscht jedem einen guten Weg, aber selten hatte ich das Gefühl, dass so viel in den Worten mitschwingt.

Einen guten Weg wünsche ich schweren Herzens auch meiner kleinen Kanadierin. Schon gestern konnte sie abends kaum mehr auftreten. Bei diesem Abschied weiß ich, dass ich sie abends nicht mehr in der Herberge treffen werde und wir uns nicht mehr wiedersehen werden. Ich bringe nicht den Mut auf, sie nach ihrer Email zu fragen und damit zuzugeben, wie ich ihren Zustand einschätze und dass ich nicht auf sie warten werde. Ich bin sicher, dass sie sich notfalls auf den Händen nach Santiago durchkämpfen wird. In meinem Herzen trage ich sie immer bei mir als meinen Engel der ersten Tage.

Bei strahlendem Sonnenschein stapfe ich munter den Berg hoch. Es ist noch kühl und einfach schön. Nach einiger Zeit radelt es auf der Straße parallel zu meinem Weg – es sind die Belgierinnen, und wir winken uns begeistert zu. Unsere Wege kreuzen sich noch oft auf dem Aufstieg, wir winken wie die Weltmeister und holen wahrscheinlich alles nach, was die Mädels in den vergangenen Tagen an überraschenden Wiedererkennungen auf dem Weg vermisst haben. Und es ist ein beflügelndes Gefühl, ebenso schnell wie die Fahrräder den Berg hinauf zu fliegen.

Die einsame Stadt voller Ruinen und wilder Hunde ist natürlich gar nicht einsam, und einmal kommen mir zwar große Hunde entgegen, sie trotten aber völlig ungerührt den Weg entlang und nehmen nicht mal Notiz von mir, die respektvoll einen Meter zur Seite tritt. Trotzdem ist Foncebadón beeindruckend und mystisch, und von der Höhe hat man eine schöne Aussicht.Der Weg ist wunderschön einsam, ich sehe vor und hinter mir niemanden. Hohes, weißgelbes Gras wogt um den schmalen Pfad, Heidekraut und Ginster setzen Farbakzente. Ich fliege dahin, schwinge kraftvoll die Flügel, ich lebe.

Ich erreiche das Cruz de Ferro, einen Punkt, auf den ich mich im Vorfeld auch sehr gefreut habe. Das Gebet, welches man am Kreuz und Steinhaufen mit Beiträgen aus aller Welt zu beten hat, während man seinen Stein niederlegt, lautet: „Herr, möge dieser Stein, Symbol für mein Bemühen auf meiner Pilgerschaft, den ich zu Füßen des Kreuzes des Erlösers niederlege, dereinst, wenn über die Taten meines Lebens gerichtet wird, die Wagschale zugunsten meiner guten Taten senken. Möge es so sein“.

Das Kreuz ist gut besucht, jeder Pilger scheint dort Rast zu machen, lässt das berühmte Foto von sich machen und legt seinen Stein nieder. Trotz des Trubels kann ich mich konzentrieren und meine Gedanken an den lieben Gott richten. Das Gebet bewegt mich sehr, ebenso das Kreuz an sich. Neben einigem Plunder hängen viele Fotos und tiefchristliche Bitten. Ich kann mir vorstellen, welch Sorgen sich um manche der Personen auf den Fotos ranken und mit welch schwerer Last hier viele gestanden haben. Viele, die wirklich das Gefühl hatten, diesen Stein ablegen zu müssen, um glücklich zu werden und um Glück zugeteilt zu bekommen. Viele, die darin Vertrauen setzen. Die glauben, dass an diesem exponierten Pfahl, unter diesem Kreuz, der Herr näher ist und ihre Bitten besser hören kann. Die keinen anderen Ausweg mehr sehen, als Gott um Hilfe zu bitten und ihre Geschicke lenken zu lassen.

Und in diesem Moment erscheint mir das rein überhaupt nicht abwegig. Vor einem Jahr bin ich den Weg sportlich und kulturell motiviert gelaufen, und hier stehe ich nun, mir laufen die Tränen und ich bin tief bewegt. Schon seit Tagen kann ich in guten Momenten meine Gedanken an Gott richten, aber mein Leben lang habe ich sie wie als Kind in den endlosen, schwarzen Himmel geschickt. Hier stehe ich nun und denke meine Gedanken, als säße Gott keine 2 Meter von mir entfernt. Ich sehe ihn gefühlsmäßig vor mir, wie er mir zuhört und mich wortlos anschaut, vielleicht schmunzelt und mir sagen will „wie konntest Du denn an mir zweifeln?“ oder „hey, ich bin doch immer bei Dir, wenn Du mich brauchst“.

Freudenschreie reißen mich aus meinen Gedanken. Die Nachzüglerschwester ist mittlerweile eingetroffen und hat einen Zettel von ihren Schwestern gefunden. Sie sind einen Tag vorher hier vorbeigekommen, und sie ist komplett aus dem Häuschen, dass sie nur einen Tag vor ihr liegen, in greifbarer Nähe, und an sie denken.

Die Belgierinnen kommen angeradelt, ich nehme ihr Erinnerungsfoto auf. Obwohl es anschließend abwärts geht und sich unsere Wege definitiv trennen, wollen sie noch meinen Namen wissen. Ich bekomme wieder ein sehr herzliches „buon camino“, diesmal mit meinem Namen, und bin rundum glücklich wie schon lange nicht mehr.

Der Abstieg wird beschwerlich. Es ist heiß, man steigt über Felsen und Geröll, meine Vorräte gehen zur Neige und ich werde unkonzentriert. Mit jedem Abstieg spüre ich meine Knie, ich denke an die Kanadierin und die gehunfähigen Frauen in Astorga. Ich gebe mir Mühe, meine Stöcke einzusetzen und mich zu konzentrieren, aber der Weg ist endlos, und ich bin sehr froh, als ich wieder die ersten Dörfer erreiche, ohne gestürzt zu sein. Ein Mercado hat offen, ich kaufe glücklich meine Standardkost, eine große Wasserflasche, 2 Bananen, Brot und Käse.

Ich bin ziemlich erledigt, als ich nach fast 30 Kilometern samt Bergüberquerung mein Ziel Molinaseca erreiche. Aber zum ersten Mal habe ich das Gefühl, auch wirklich etwas geleistet zu haben.

Ich tätige meinen Standardanruf zu Hause, 50 Cent, um zu hören, dass bei meiner Familie alles okay ist, und um meine besorgte Mutter zu beruhigen. Mit gutem Gewissen kann ich meinen eh schon beschlossenen Standardsatz bringen „bin gesund, Wetter fein, ganz viele nette Leute, niemand Gefährliches, Laufen problemlos“.

In der Herberge fragt der Herbergsvater (auch wieder ein überzeugter Nur-Spanisch-Sprecher) nach Blasen. Ich weiß nicht so recht, ob man mit Blasen keinen Einlas bekommt oder Socken tragen muss oder warum er es wissen will. Ich zeige meine zwei kleinen Bläschen und er stürzt begeistert davon. Nur 5 Minuten mit dem Auto zu seiner anderen Herberge. Ich kapiere nichts und hoffe nur, jetzt nicht irgendwas angerichtet zu haben. Er kommt wieder mit einem riesigen Verbandskasten und beginnt, Kanülen in meine Blasen zu stecken und Jodlösung hineinzubugsieren. Er erzählt, dass er die Herberge seit 15 Jahren hat und der Experte ist im Blasen heilen. (Aha, ein medizinisch Bewanderter also). Er hat auch noch die schicke Herberge auf der anderen Straßenseite, aber er mag lieber den Spirit hier, das Puristische, das Echte. Obwohl mir gerade mehr als schlecht wird mit all den Kanülen in den Füßen, ist er mir sehr sympathisch. Nicht jeder versteht meine Gefühle, meine Gedanken, meine Faszination. Ich denke an den aktienverrückten Superman und den bayrischen Informatiker und weiß, dass ich selbst in 4 Wochen Camino keinerlei Seelenverwandtschaft entdecken könnte. Aber der Herbergsvater hier ist selber 20 Mal den Weg gelaufen und hängt furchtbar gern unter den Pilgern ab.

Als ich ihm interessehalber meine roten Stellen zeige und wissen will, ob es Flöhe oder Wanzen sind, wird er sehr unruhig und verlangt sofort meine Sachen zu sehen. Er inspiziert akribisch den gesamten Rucksack, jede Socke, jede Naht des Schlafsacks, will wissen, was ich wann getragen habe und ob irgendwo noch mehr ist. Mir wird überaus mulmig und ich hoffe nur, dass er nichts findet und vollends in Panik ausbricht. Auch die interessierten Mitpilger in der Herberge gucken mich schon ganz und gar unfreundlich an. Aber er findet nichts, ist erleichtert (und ich erst!) und erzählt, dass in den letzten Tagen schon mehr dieser Art passiert wäre. Er will genau wissen, wo ich war und wo nicht und will herumtelefonieren, damit die entsprechenden Herbergen desinfizieren und sich die Wanzen nicht weiter verteilen. Ich verstehe seine sehr plastische Schilderung mit wilder, verzweifelter Gestik, dass mit nur einer Bettwanze nach ein paar Wochen Hunderte, Tausende, Millionen schlüpfen. Trotz grünem Licht für meinen Rucksack ist mir jetzt ordentlich mulmig. Weder will ich seine geliebte Herberge verwanzt haben noch freue ich mich auf Hunderte, Tausende, Millionen in meiner Wohnung in Deutschland.

Mein heutiges Dosengerichtchen ist supereklig, und in der Herbergsküche macht sich eine große Gruppe breit. Alle sind nett, kennen sich aber untereinander, haben genug Kontakt mit sich selbst und sind also nicht so recht offen für neue Kontakte. Ich bin eingeschüchtert und fühle mich etwas fehl am Platz. Der Hospitalero kommt abends noch, setzt sich zu mir auf die Stufen und erzählt vom Pilgern, seinen Idealen, der Faszination. Es ist wunderschön, und vor allem toll, dass ich doch eigentlich kaum Spanisch verstehe, ich aber das Wesentliche voll erfasse.

Ebenso nicht zu der großen Gruppe gehören zwei bildhübsche Italienerinnen. Erstaunlicherweise sind sie höchst erfreut über meine Kontaktaufnahme und unheimlich nett. Bzw. eine kann leider kein Englisch und auch sonst wieder nichts außer Italienisch. Sie sitzt höflich freundlich lächelnd dabei, aber versteht ja kein Wort. Mir ist das furchtbar unangenehm, aber sie wirkt schicksalsergeben und nicht unglücklich.

Ich bekomme etwas Kopfweh und mache mich zeitig auf in den gemütlichen und wirklich urigen Schlafsaal. Beim Zähneputzen erwischt mich der allgegenwärtige Chef des Hauses besorgt und erkundigt sich, ob alles okay ist. Sofort will er wieder den Koffer holen gehen, um mich mit Kopfschmerztabletten zu versorgen. Ich bin gerührt über so viel Engagement für die Pilger und schlafe heute sehr zufrieden und wie immer sehr „reich“ ein.

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Je größer die Herberge, desto früher geht das mir doch etwas verhasste, rücksichtslose morgendliche Zusammenpacken los. Obwohl noch die Hälfte der Pilger im Bett liegt, knipsen manche Experten das Licht an und palavern munter in normaler Lautstärke (wohlgemerkt weit vor 7 Uhr). Ich ziehe mich also auch an und zerquetsche eher unbewusst einen kleinen, schwarzen Käfer, der meine Hose entlang krabbelt. Zurück bleibt ein dicker Blutfleck.

Im Aufenthaltsraum scharren etwa 100 Pilger unruhig mit den Stiefeln, bis die Sonne aufgeht und allgemeiner Aufbruch ist. Ich trinke meinen letzten herbergseigenen Beruhigungstee und bin froh, als es endlich losgeht, ich mich aus dem Gänsemarsch der Pilger lösen kann und entspannt das freie Ausschreiten genießen kann.

Letztes Jahr bin ich den Camino mit meinem Freund gegangen. Soweit war es ein schönes Erlebnis, und ich habe mich hinterher über Hape Kerkelings Aussage aufgeregt, dass man den Camino allein gehen sollte. Im Nachhinein, nun mit dem Wissen, wie es sich anfühlt, allein zu gehen, muss ich ihm aber zustimmen. Sobald man sein Tempo, seine Pausen, seine Etappen an jemanden anpasst, gibt man ein großes Stück dessen auf, was der Camino zu bieten hat.

Umso mehr blühe ich jetzt auf. Die Sonnenaufgänge sind traumhaft, man läuft der Sonne entgegen, man wird willkommen geheißen, man saugt Kraft in sich auf. Ich laufe in meinem Tempo, genieße die Stille und meine Gedanken. Genieße ein bisschen auch die Wehmut, neu gewonnene Freunde zurückzulassen, jeden Tag einen neuen Tag, einen neuen Anfang zu haben. Schnatternde Rucksäcke vor mir sind mir ein Gräuel, in ein zurückhaltenderes Tempo gepresst zu werden macht mich ganz rastlos. Ich überhole schonungslos alles, bis ich meine Freiheit habe, nichts vor mir, was mich ablenkt, keine Beine, die einen anderen Rhythmus gehen, kein Rucksack, auf den sich mein Blick lenkt. Der Blick vorwärts, der weitausgreifende Schritt ungehemmt, das ist für den Moment mein Leben, meine Freiheit, meine Unabhängigkeit. Wenn mir nicht mein Körper Blasen oder Durst oder Hunger anmeldet, bin ich frei in meinen Gedanken, sorgenfrei.

So erreiche ich gegen Mittag bereits mein geplantes Tagesziel, Rabanal del Camino. Ich miete mich in der erstbesten Herberge ein, die schon geöffnet hat, widme mich meiner Dusche und Wäsche. Ich gehe einkaufen und möchte auf der sonnigen Wiese meine Ruhe genießen. Leider habe ich direkten Blick auf den Camino und auf endlos viele Pilger, die alle weitergehen. Ich fühle mich rastlos und unbefriedigt, noch nicht ausgepowert und komme zu dem Entschluss, dass die Absteige in der kleinen, dunklen Herberge keine gute Idee war. Niemand ist da, den ich kenne. Um genau zu sein, bleibt überhaupt niemand da. Recht verzweifelt lege ich mich in mein müffiges Bett, führe ein gedankliches Zwiegespräch mit dem tröstlichen Amulett von Mose und schlafe ein.

Aufgeweckt werde ich von zartem Englisch „yes, over there is fine“. Die kleine Kanadierin erscheint mir wie ein Engel, ich bin unheimlich glücklich, sie zu sehen (auch wenn sie sogleich treffend konstatiert, dass wir hier wohl ganz schön dumm abgestiegen sind). Sie ist den ganzen Tag in Sandalen gewandert, weil ihre Wanderstiefel ihr weg getan haben. Nun tun ihr auch die Füße in Sandalen weh und sie läuft in Socken durch die Stadt. Ich sage nichts, denn es passt einfach zu ihr.

Mittags benutze ich die kleine Küche und mache mir eine leckere Dose aus dem Mini-mercado warm. Als ich am Abspülen bin, schlappt gerade die Koreanerin aus Astorga mit ihren Nudeln und Tomaten herein. Leider ist sie nicht in Plauderlaune, ich bekomme nur aus ihr heraus, dass sie extra Oregano aus Korea mitgenommen hat, weil sie einfach Tomatensoße mit Oregano liebt (und das kocht sie sich jetzt jeden Tag). Ich habe das Gefühl, dass sie mich einfach nicht so recht leiden kann und respektiere das.

Abends steht ein Highlight an und der Grund, warum ich in Rabanal Station machen wollte: ein Benediktinerkloster mit „nach gregorianischer Tradition in Latein gesungenem Abendgebet“ um 19 Uhr. Zuerst stehe ich schon wieder vor der falschen Kirche, finde aber noch rechtzeitig die richtige. Die Hälfte der Kirche ist eine beeindruckende Baustelle. Die andere Hälfte ist gut gefüllt mit Pilgern, die auf provisorischen Holzlatten sitzend bzw. balancieren. Vorne stehen 2 Sitzbänke sowie eine Kerze. Punkt 19.00 kommen schweigend 2 Mönche herein. 4 Pilger treten abwechselnd nach vorne und lesen einen Bibeltext, in Spanisch, Englisch, Französisch und Deutsch. Der Text an sich ist beeindruckend, er endet in etwa mit „so wer bist Du, dass Du andere richtest?“ (mit diesem Gedanken hatte ich mich ja gestern zufälligerweise schon ansatzweise beschäftigt). Die Engländerin scheint eine passionierte Christin zu sein, sie schmettert die Worte mit einer derartigen Inbrunst durch die kleine Kirche, dass ich Gänsehaut bekomme und mir Tränen in die Augen steigen. Statt der erwarteten Armee von singenden Mönchen stelle ich fest, dass wohl wir den Gesang beisteuern werden. Rechts von mir sitzt ein älterer Italiener, links ein ebenfalls älterer Franzose. Beide haben wohl gleich die richtige Kirche gefunden und hatten somit Zeit, sich die Handzettel mit den Texten zu nehmen. Beide singen laut und begeistert, ohne Rücksicht auf Tonhöhe und Melodie, und ohne Kenntnis von Latein. Rechts von mir tönt jedes „c“ wie das „tsch“ einer kochlöffelschwingenden, fülligen italienischen Mamma beim Pastakochen. Links von mir wird jedes „c“ im Gegenzug zu weichen, melodischen Zischlauten verwandelt. Dazu kracht immer wieder ein Pilger von der provisorischen Sitzgelegenheit. Mich faszinieren die beiden jungen Mönche, schon wieder habe ich Modelle und versuche zu verstehen, warum jeder so lebt, wie er lebt. Die Messe ist ein Erlebnis und mal wieder voller Anregungen, aber ich bin viel zu abgelenkt, um zur Ruhe zu kommen und meine Worte und Gedanken an Gott zu richten. Deswegen beschließe ich, um 21:30 gleich noch mal auf der Matte zu stehen und den Pilgersegen mitzunehmen.

Bis dahin sitze ich vor der Herberge und komme mit spannenden Leuten ins Gespräch. Ein Notfallmediziner aus Belgien sowie zwei radelnde Belgierinnen. Ich habe mir das noch nie so überlegt, aber manche Radler sind etwas unglücklich und einsam, wenn sie die Wanderer sehen und tagtäglich begeisterte Wiedererkennungen erleben. Die meisten Pilger laufen intuitiv ähnliche Strecken, es sei denn, sie machen einen bewussten Schongang oder sind extrem schnell (wie meine beiden Österreicher). Jeden Abend trifft man hauptsächlich auf bekannten Gesichter und einige Freunde. Bei den Radlern sind die Distanzen zu unterschiedlich, zu variabel und zu weit gestreut. Die Belgierin erzählt, dass sie noch nie jemanden wiedergetroffen haben, natürlich auch in den Herbergen niemanden kennen (und wäre ich nicht vor lauter Langweile mal wieder losgezogen, würden wir uns jetzt auch nicht unterhalten). Das gibt mir zu denken, und ich bin plötzlich unheimlich dankbar, dass ich, auch wenn ich mich heute etwas einsam fühle, immer noch deutlich mehr Kontakt habe.

Während mein Schlafsaal schon in die Betten steigt, mache ich mich noch mal auf zur Kirche. Wieder kommen die beiden Mönche schweigend herein, nach einem kurzen Gebet bleiben sie aber noch sitzen. Keiner sagt etwas, keiner weiß, was passiert, aber alle bleiben ruhig und erwartungsvoll. In der letzten Reihe packt ein Mädel eine Querflöte aus. Sie spielt eine wunderschöne Melodie, bei der ich wieder extrem nah am Wasser gebaut bin. Der Klang ist so pur, so unspektakulär einfach, aber doch höre ich mit jedem Ton unheimlich viel Gefühl, Schmerz, Sehnsucht, einfach Emotionen heraus. Als sie geendet hat, verlassen zuerst die Mönche schweigend die Kirche, dann folgen ebenfalls schweigend die Pilger.

Mit weiten Herz beeile ich mich, in meine Herberge zu kommen. Alles schläft schon, aber zum Glück ist noch geöffnet. Auf meinem Kissen liegt noch vom Nachmittag mein Amulett und erinnert mich, wie nah Verzweiflung und Hoffnung zusammen liegen können.

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Heute ist morgens schon deutlich mehr Betrieb, ab 7 raschelt und packt es an allen Ecken und Enden. Ich lasse mir Zeit und widme mich dem Stapel der Kanadierin. Sie hat ein unglaublich dickes Schweizer Taschenmesser, das sie wegschmeißen will. Als ich protestiere, daß man das ja schon brauchen könnte, meint sie, daß sie ja noch 2 andere Taschenmesser hat (warum nur?!). Sie hat 3 Lieblingshalstücher dabei, wollene Handschuhe, ein dickes Vorhängeschloß, schöne Reiseführer en masse. Zu Hause hätte ich sowas sicher nie eingepackt, und Fakt ist, sie kann das alles nicht tragen, aber andererseits tut es mir in der Seele weh, daß sie einfach alle Stücke so wegschmeißen will. Das Taschenmesser war sicher sehr teuer, und die Halstücher von großem persönlichen Wert. Aber die kleine Kanadierin ist in einem richtigen Rausch; ich habe das Gefühl, daß sie mit dem Wegschmeißen noch mehr verbindet. Ich hoffe nur inständig, daß es bei 44°C und Sonne bleibt und es nicht wirklich zu schneien anfängt und sie mich verflucht, weil wir die Handschuhe weggeschmissen haben.

Die dauerhungrige Kanadierin genießt in der bereits leeren Küche ein ausgiebiges Frühstück, und Mose gibt nicht eher Ruhe, bis auch ich wenigstens einen Grüntee trinke. Die Österreicher kommen zum Verabschieden. Der Fußgedeutete umarmt Mose ausgiebig und ist ihm unendlich dankbar. Wodurch auch immer, aber er scheint durch diese Begegnung nochmal ein deutliches Stück weiter in seinem Sinn des Lebens gekommen zu sein.

Mein Abschied von Mose fällt unendlich schwer. Ich fühle mich erinnert an einen Abschied von meinem bisher besten Freund vor vielen Jahren, der nach einem Jahr in Deutschland wieder nach Frankreich zurückging. Auch mit ihm verband mich eine unerklärliche Seelenverwandtschaft und enge Verbundenheit entgegen jegliche äußere Logik. Wir umarmen uns sehr lange, irgendwann scheucht mich Mose dann auf Spanisch aus der Herberge und hängt mir im letzten Moment noch sein Amulett um den Hals.

Den ganzen Tag fühle ich mich wie in Trance. Alles ging so schnell, war so intensiv, so schwer zu erklären und so voller Anregungen. Ich habe das Gefühl, daß mein über Jahre und Jahrzehnte herangewachsenes, festes Weltbild mit einem Mal völlig neue Perspektiven bekommt. Ich denke über die Aussage des Österreichers nach und brauche nicht lange zu überlegen, um festzustellen, daß ich mich an ein langes Leben geklammert habe in der Hoffnung, daß dann umso mehr Zeit wäre für Ereignisse, die das Leben lebenswert machen könnten und mich bereichern, daß ich aber auf dem allerbesten Weg wäre, 100 Jahre alt zu werden, ohne jemals gelebt zu haben. Ich weiß nicht, was „Leben“ ist und was genau bereichernd und lebenswert ist, aber ich weiß, daß es mir bisher noch fehlt. Ich denke über die Aussage von Mose nach, wonach ich einen 6. Sinn habe und Menschen verstehen kann und mich in sie hineinversetzen. Ich lasse viele Momente Revue passieren und stelle fest, daß es vielleicht wirklich eine besondere Gabe ist, über die nicht jeder verfügt. Ich fühle mich unbekannt und gleichzeitig auch großartig, weil ich plötzlich mitten in meinem Leben Neues geschenkt bekomme, neues entdecke, neue Wege sich mir aufzeigen, wo ich bisher dachte, daß es nur eine breite Straße gibt.

Heute geht es mir bis auf meinen reichlich in Aufruhr befindlichen Geist gut, und so erreiche ich gegen Mittag mühelos Astorga. Man merkt deutlich, daß man es mit einer richtigen Stadt zu tun hat, die auf Touristen mit Geld eingestellt ist; alles wirkt sauber und edel. Leider ist auch Sonntag und die wenigen Supermärkte haben geschlossen. Dafür haben etwa 200 feine Konditoreien geöffent, die die Spezialitäten in Form von Schokolade und Blätterteiggebäck anbieten. Leider gelüstet es mich nach etwas Herzhaften.

Ich finde die Herberge, die direkt an der imposanten Kathedrale und dem Gaudi-Palast, einem wahren Märchenschloß, liegt. Ich dusche, wasche meine Wanderkollektion durch und werfe mich in meinen Astorga-angepaßten Sonntagsstaat (meine sauberere Trekkinghose und mein weißes T-Shirt. Ansonsten habe ich noch ein blaues Schlafshirt in meinem reichhaltigen Kleidungsssortiment). Bereit für die erste und einzige Kultur, gehe ich um 14 Uhr mit Fotoapparat zum Palast, um festzustellen, daß Sonntags alles um 14 Uhr schließt. So eine Fehlkoordination kenne ich sonst nicht von mir. Ich tröste mich mit der Aussicht auf die Abendmesse in der großen Kathedrale.

Der Nachmittag ist wie immer lang und recht tatenlos. Die Herberge ist groß, sodaß viele Pilger um mich herumschwirren. Zwei ältere, beleibtere Frauen hinken erbärmlich und fahren nur noch Bus bzw. nach Hause. Mein oft durchdachtes Horrorszenario, und ich nehme mir fest vor, mit meinen Füßen, Beinen und Hüften ganz besonders pfleglich umzugehen, weil ich will Santiago erreichen, um jeden Preis. Ich treffe eine der 3 Schwestern von León wieder. Sie konnte und wollte das Tempo nicht mitgehen, sodaß sie sich ausgeklinkt hat und nun allein ihres Weges geht. Sie schiebt etwas Panik, ob ihre Wäsche schnell genug trocknet, weil sie sonst nur noch 2 Hemden hätte. Den Großteil hätte sie gestern in der Herberge zurückgelassen. Ich bin baff erstaunt, was man denn zurücklassen kann, wenn man immer noch so viel Auswahl dabei hat. Sie ist allen Ernstes mit 5 Hosen, 6 Hemden und 8 Paar Socken gestartet. So geht eben jeder seinen Weg anders an, es gibt kein richtig und falsch, aber ich bin fast etwas beruhigt, daß sich im Endeffekt vieles bei meinem Mittelmaß einpendelt.

Im geräumigen Aufenthaltsraum mache ich mir einen Tee (es gibt noch Reste von Beruhigungstee, trinke ich also den) und setze mich zu einem Grüppchen am Tisch. Die Basissprache ist Englisch, alle sind etwa in meinem Alter, und außer einer Asiatin habe ich es vermutlich mit Deutschen zu tun. Unüblich für mich höre ich erst mal nur zu. Ich bewundere die Deutsche, die fließend Englisch spricht, Psychologie studiert und zu allem auch noch sehr eloquent, heiter und lebhaft ist. Die Asiatin ist etwas zurückhaltender, während sich der Deutsche an meiner Seite in Sekundenschnelle zu dem Inbegriff meines Antipilgers entwickelt. Ich habe mir viele Gedanken gemacht über die verschiedenen Pilger und habe in vielen Fällen Verständnis aufgebracht, dass kaum ein zweiter genau wie ich ist, vieles mir vielleicht falsch oder befremdlich erscheinen könnte, aber eigentlich jeder auch seine Gründe dafür hat bzw. zumindest genauso ein Recht auf seine Version hat wie ich auf meine. Solange also jemand sein Ding macht und dabei niemanden zu sehr behindert, bin ich auch erstaunlich gut in Toleranz und Gleichmut. Aber das hier geht gar nicht. Der pickelige Jungspund ist seinen Aussagen nach zu urteilen der ultimative Börsenmakler (wenn auch frisch gefeuert). Sein Beruf ist auch nach 3 Wochen Camino das Präsenteste in seinem Leben, dicht gefolgt von seinen Meisterleistungen (38 Km am heutigen Tag. Respekt, aber man müsste es nicht im Minutentakt und bei jedem Neuankömmling wiederholen). Er ist auf eine Art schaulustig, hat gelesen, dass man auf dem Camino zu weinen anfängt und dass Frauen belästigt werden. Jetzt hat er davon aber noch gar nichts gemerkt, und es macht ihn deutlich fertig. Dieses Gefühl versucht er wohl wieder wett zu machen, indem er mich über meinen Beruf ausquetscht und natürlich auch weiß, dass es da wohl ganz schön scheiße aussieht und ob mir das nicht Angst macht. Macht es noch nicht, aber wie er scharfsinnig schließt, liegt das nur daran, dass ich nicht den Einblick in die Welt der Aktien habe wie er. Ich entwickle unschöne Gefühle und Gedanken, denen ich eigentlich auf dem Camino keinen Raum bieten wollte und würge ihn (wenn auch recht erfolglos) ab.

Lieber widme ich mich der Deutschen, die zwar Deutsch antwortet, aber hoppla, gar nicht Deutsche ist, sondern aus dem Elsass. Neben dem fließenden Englisch und Deutsch spricht sie also eigentlich noch besser Französisch, wow. Sie ist mittlerweile dabei angekommen, von Ihrer Sozialphobie zu sprechen, die sie noch vor wenigen Monaten hatte. Sie hat sich 3 Monate nicht aus dem Haus getraut. Mir klappt der Unterkiefer runter, und selbst der Asiatin entlockt es ein „really?“. Aber sie ist aus anderem Grund interessiert, nämlich, weil sie selbst 5 Monate das Haus nicht verlassen hat. Ich bin wieder mal wie so oft auf dem Camino sprachlos und weiß gar nicht, was ich dazu denken und sagen soll. Die Französin ist eigentlich mit ihrer Mutter unterwegs, hat aber wegen starken Knieproblemen 3 Ruhetage eingelegt und fährt morgen mit dem Bus weiter, um ihre Mutter wieder einzuholen. So sehr ich mir auch wünsche, Santiago zu erreichen und meinen Frieden zu finden, den Rest des Tages sind meine Gedanken und Gefühle bei den beiden Mädels, und wenn ich einen Wunsch frei hätte, so würde ich mir wünschen, dass sie den Weg meistern, Selbstvertrauen schöpfen und vor der Kathedrale spüren, welche Kraft sie haben und wie stolz sie auf sich sein können.

Hätte ich noch einen zweiten Wunsch frei, würde ich in meine kleine Kanadierin investieren, die wie durch Zufall auch eine weitere Minietappe eingelegt hat und nun in der gleichen Herberge logiert. Um ihr Knie zu schonen, ist sie den ganzen Tag schonend gehinkt. Das ist nicht sehr vernünftig, aber das weiß sie mittlerweile selber, denn nun tut auch das andere sehr weh, und aus ihrer liebenswert irren Unbekümmertheit ist Sorge geworden. Sie ist wie ich erst in León gestartet und kommt von so weit her, ich will das gar nicht weiter durchdenken. Immerhin vertraut sie mir immer noch blind und kauft sich einen schönen Pilgerstab, nachdem ich ja auch mit Teleskopstöcken laufe.

Der deutsche Superman hat mittlerweile seine neuen Tischgenossen darüber informiert, dass ihre Wanderschuhe nichts taugen, weil ja auch die Firma bald pleite geht und ist im Begriff, mit den beiden tapferen Mädels vor dem Abendessen noch etwas trinken zu gehen. Ich freue mich über meine Ruhe und sondiere das Abendessen. Ohne Supermarkt bin ich etwas aufgeschmissen, aber außer Beruhigungstee hält die Herberge auch Reste von Nudeln, Mais und Rosmarin bereit. Glücklich koche ich vor mich hin, und hätte ich nicht den halben Beutel Rosmarin verkippt, wäre das Essen auch wirklich sehr lecker geworden. So freue ich mich eher an dem Nährwert und überlege nur hin und wieder, ob man sich damit irgendetwas antun kann.

Für mich ruft der Abendgottesdienst, und ich breche mit der kleinen Kanadierin auf, die natürlich wieder die Restaurants checken gehen will. Glücklicherweise treffen wir auf eine größere Gruppe netter, junger Pilger, die auch gerade zum Essen gehen wollen, sodass ich sie mit gutem Gewissen dort parken kann. Ich kann sie nicht genau einschätzen, vielleicht ist sie einfach ein sehr eigenständiger harter Knochen, aber vielleicht findet sie auch nicht so leicht Anschluss und ist etwas allein mit der ungewohnten Situation und der zumindest definitiv vorhandenen Unsicherheit, was das Pilgern, den Rucksack und die körperlichen Belastungen angeht. Ich weiß sie also zufrieden bei einem guten Essen und begebe mich ebenso zufrieden Richtung Kathedrale, aber dort ist alles zu. Versiert frage ich ein paar Einheimische und erfahre, dass die Messe in der kleinen Kirche nebenan ist. Ach so. Doch auch die ist verschlossen, und nachdem wieder der halbe Dorfplatz hilfreich und unter tausend Gesten auf mich einredet, verstehe ich, dass ich eine halbe Stunde zu früh dran bin. Ach so. Aber eine halbe Stunden später geht auch noch nichts, und zurück in der Herberge erfahre ich, dass die Uhrzeit schon gestimmt hätte, aber die betreffende Kirche in der Seitenstraße gewesen wäre. Ich bin doch etwas enttäuscht und fühle mich mal wieder nutzlos, zumal die Herberge etwas leer ist, weil alle beim Essen sind.

Im Innenhof schreibe ich meinen täglichen Tagesbericht und arbeite die Tour für den nächsten Tag aus. Morgen steht ja endlich wieder „volle Kraft voraus“ an, ich bin wieder gesund, voller Tatendrang und freue mich schon sehr, nun endlich nach Laune und nicht nach Vernunft laufen zu können. Mir gegenüber sitzt hinter dicken Brillengläsern, leicht schütteren Haaren und einem stattlichen Ränzlein ein Pilger aus der gestrigen Herberge. Ich packe couragiert meine spanische Kontaktaufnahme aus, als er sich als Deutscher herausstellt. Noch dazu als Bayer und mit einem recht netten Sprachfehler versehen. Wir plaudern über Diverses, er ist schon in den Pyrenäen losgelaufen und hat viel zu erzählen. Schnell wird mir klar, dass er mir zwar nicht unsympathisch ist, aber trotzdem wieder auf eine gewisse Weise ein deutliches Gegenteil von mir ist. Während ich hier auf der Suche bin (nach was, weiß ich noch nicht, aber ich bin offen für alles), steht er ganz, ganz fest in seiner kleinen Informatikerwelt. Er glaubt nicht an Gott oder Zufälle oder Schicksal oder überhaupt irgendwas, nichts bringt ihn aus der Ruhe, regt ihn auf, rührt ihn zu Tränen, beeindruckt ihn. Im Gegensatz zu meinem gestrigen Österreicher würde ich aber nicht sagen, dass er seinen Frieden gesucht und gefunden hat, sondern er scheint mir mit Frieden mit sich und seinen Gedanken geboren worden zu sein. Er hinterfragt nicht viel, zerbricht sich nicht den Kopf, seine Welt ist herrlich einfach. Und ich habe innerhalb weniger Stunden schon wieder ein neues Lebensmodell, das mich anregt, über mich nachzudenken, meine Einstellungen zu hinterfragen, überhaupt erst mal meine Position zu erforschen.

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