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Posts Tagged ‘Fuente de Cantos’

Die Nacht ist eindrücklich. Obwohl wir nur zu viert im Zimmer sind, ist das Schnarchen wirklich ohrenbetäubend. Interessanterweise stört es mich aber nicht. Ich wache oft auf und denke lächelnd „mann, schnarchen die“.

Gegen 7 bin ich dann doch zu wach, um weiter im Bett liegen zu bleiben. Der kleine Spanier kommt gerade vom Gang ins Zimmer. Als er sieht, dass ich wach bin, fragt er, ob ich aufstehen will und knipst das Licht an. Ich sage panisch „no no no“, er kann doch nicht einfach alle aufwecken, nur weil ich packen will. Bei genauerem Hinsehen ist „alle“ sehr relativ. Das Bett über mir ist leer, keine Spur von Steffen. Auch der dicke Spanier ist nicht mehr da. Steffens Sachen sind aber noch da. Ich bin recht irritiert, bis reichlich verknautscht Steffen mit seiner Decke im Schlepptau ins Zimmer kommt. Er klingt nicht gerade ausgeglichen, als er kurz zusammenfasst, dass er und der kleine Spanier auf den Sofas geschlafen haben, weil der Dicke ja nicht mehr normal geschnarcht hätte. Besagter Spanier schaut etwas bedröppelt aus der Wäsche. Und ich bin fasziniert, was ich für einen guten Schlaf hatte. Da zieht mein halbes Zimmer aus, und ich lausche dem Schnarchen von drei Leuten, dabei ist nur einer da. Noch faszinierter bin ich allerdings von meinem Bein. Erst nach einer Weile wird mir bewusst, dass ich mir gestern ziemlich Sorgen deswegen gemacht habe. Heute fühlt es sich einfach unauffällig und perfekt an.

Ich packe meine Sachen zusammen und gehe meine Wasserflaschen füllen. Durch die Glasfront sehe ich draußen eine glimmende Zigarette mit bekanntem hellen Cowboyhut in der noch stockdunklen Nacht. Ich freue mich, dass ich nun Marc doch noch treffe. Gestern wollte ich ihm eigentlich noch mein Bändel geben, habe ihn aber nicht mehr getroffen. Ich frage, wie es heute seinen kraftlosen Muskeln geht. Den Muskeln würde es prima gehen, es wäre eher die Leere im Kopf. Ich gebe ihm das Bändel einfach pauschal für einen guten Camino (ob nun für Füße oder Beine oder Muskeln oder Köpfe) und für seine tolle Ausstrahlung und seine Strahleaugen. Er ist ziemlich belustigt, das hätte noch niemand zu ihm gesagt. Unverständlich.

Zu Sonnenaufgang laufe ich los, bzw. verlaufe mich erstmal gut eine halbe Stunde. Normalerweise schaue ich immer nach den Pfeilen. Hier hat es irgendwie keine, sodass ich in meinen Führer schaue. Nur werde ich aus den Beschreibungen erfahrungsgemäß noch weniger schlau. Ich treffe auf ein älteres französisches Paar, welches zum Glück einen dicken, spanischen Führer hat, der recht detailliert jede Straße aufführt. Sie laufen mit Führer voraus, ich frage jeden Einheimischen, der mir über den Weg läuft, und so finden wir in gegenseitiger Ergänzung aus der eigentlich sehr überschaubaren Kleinstadt heraus.

Der kleine Spanier aus meinem Zimmer überholt mich. Obwohl er gut 2 Köpfe kleiner ist als ich, läuft er unheimlich schnell. Er trägt einen Minirucksack, Turnschuhe und recht untypisch Jeans, und er hüpft und schwebt wie ein Flummi. Ich wünsche ihm sehr schnell einen guten Camino und lasse ihn weiterrennen, diese Dimension ist für mich absolut unerreichbar.

In Calzadilla de los Barros sind erstaunlich viele Spanier auf der Straße, es ist Sonntag und Gottesdienstzeit. Für einen kurzen Moment spiele ich mit dem Gedanken, hier endlich mal einen Gottesdienst mitzuerleben. Erfahrungsgemäß habe ich unterwegs aber nicht die nötige Ruhe, sodass ich doch einfach lieber weiterlaufe.

Ein älterer Spanier begleitet mich ein paar Meter. Ob ich denn allein wäre und ob ich nicht Angst hätte. Wovor denn. Er deutet irgendwo in das ferne Nichts und erzählt irgendetwas, was ich nicht verstehe. Ich bin gespannt.

Heute scheint zum ersten Mal richtig Sonne, ich krame meine Sonnenmilch hervor und stelle bei dieser Gelegenheit fest, dass ich mein Trekkinghemd falsch herum trage. Zum Glück bin ich allein auf weiter Flur.

Kaum bin ich wieder angemessen gekleidet, laufe ich auf den Turbanpilger auf, der flötespielend am Wegesrand sitzt und ebenfalls die Sonne genießt. Ich bleibe stehen, und wir reden eine Weile. Im Wesentlichen bin ich einfach neugierig, was es mit ihm auf sich hat. Wir sehen uns häufig, aber keiner weiß, woher er eigentlich kommt und wie er heißt und überhaupt. Es stellt sich heraus, dass er Spanier ist, der Turban hat keine religiöse Bedeutung, und die langen schwarzen Haare und den wilden schwarzen Bart bis auf Brusthöhe trägt er auch erst seit 7 Jahren. Damals, so kichert er fast verschämt, war er sogar Student der Wirtschaftsinformatik. Dann hat er beschlossen, sein Hab und Gut in seinen Rucksack zu packen und seiner inneren Stimme zu folgen. Diese hat ihn in den letzten 6 Monaten nach Marokko gebracht, wo er mit einem Esel Olivenöl gepresst hat. Als Bezahlung hat er ein Ticket zurück noch Europa und 5 Liter Olivenöl bekommen, die er jetzt in seinem Rucksack trägt. Das wäre gut und nahrhaft mit trockenem Brot. Er pilgert ohne Geld, er kichert wieder, manchmal spielt er in den großen Städten Flöte. Er pilgert in sehr zertretenen Hausschlappen, er hat eben keine anderen. In seinem Rucksack trägt er auch noch Bücher, er liest gern über andere Religionen, Islam und Buddhismus. Generell wirkt er sehr unsicher und schüchtern, vieles scheint ihm peinlich zu sein. Ich finde ihn einerseits sehr mutig und ein Stück weit auch bewundernswert, derart offen durch die Welt zu gehen und so seinem Herz zu folgen. Ein kleines Bisschen wird meine Sympathie davon getrübt, dass ich nicht weiß, wie ehrlich er ist. Von anderen Pilgern weiss ich, dass es faszinierend ist, wieviel er in Bars geschenkt bekommt, wenn er sich als „peregrino sin dinero“ vorstellt. Nur von Brot und Olivenöl scheint er nicht zu leben. Und dass er immer erstmal halb in eine Herberge eincheckt, bevor er aus allen Wolken fällt, dass sie etwas kostet und er kein Geld hat, ist mir auch etwas suspekt. Nachdenklich laufe ich weiter. Kristian letztes Jahr habe ich ohne zu überlegen weitgehend durchgefüttert, er hatte aber auch eine sehr ehrliche Art und hat nie Mitleid zu erregen versucht.

Die beiden Franzosen vor mir wechseln auf die Straße, warum auch immer. Ich bin etwas hin- und hergerissen, ich laufe sehr ungern der Meute nach bzw. verlasse die gelben Pfeile. Sie laufen zielstrebig Nationalstraße. Ich konsultiere wieder unsicher meinen ungeliebten Führer, der von einem scharf links abbiegenden Weg schreibt, den ich erleichtert nach ein paar hundert Metern auch erreiche. Die Franzosen laufen geradeaus weiter, aber ich folge todesmutig den Pfeilen. Nach ein paar Minuten kommen mir zwei Pilger entgegen. Der zweite ist charakteristisch mit Rucksäcken vorne und hinten bepackt der vor Gewicht und Sichtbehinderung immer etwas strauchelnde Japaner, der erste ist mit nasser Jeans bis zu den Oberschenkeln der nun doch sehr deutsch „cheisse, cheisse, cheisse!“ fluchende kleine Spanier. Offensichtlich ist er nach mehreren Kilometern an einen zu durchwatenden Fluss gekommen, der sich aber nicht hat passieren lassen. Eine Stunde für nichts, „cheisse, cheisse, cheisse“.

Er flucht mir voraus wieder zur Nationalstraße zurück, wo an der Kreuzung zu meiner Freude schon Marc belustigt wartet, wo es denn nun weitergeht. Wir laufen zusammen weiter, Fahrstraße. Zaghaft frage ich irgendwann, ob es vom Tempo geht (ohne nähere Lokalisierung seiner eventuellen Beschwerden); er meint entschieden, es würde wieder prima laufen. Zu seinem allgegenwärtigen Strahlen hat er eine faszinierend offene und unbekümmerte Art. Er plappert alles heraus, was ihm gerade durch den Kopf geht. Momentan unter anderem „Mädle, Du tust mir einfach gut“. Beruht eindeutig auf Gegenseitigkeit.

Generell plaudert er wie ein Wasserfall, von seinen Caminos, von seinen Schicksalsschlägen und Problemen im Leben. Immer wieder unterbrochen von „ich weiss gar nicht, warum ich das alles erzähle, ich kann normalerweise auch gut zuhören“. Obwohl wir sehr unterschiedliche Typen sind, kann ich das meiste sehr gut verstehen und nachempfinden. Vor allem, welche Kraft ihm der Camino gegeben hat und welch eine Zuversicht und Befreiung er am Ende des Caminos am Meer gefühlt hat, das kommt mir sehr bekannt vor. Und allein das macht schon einen großen Teil der Faszination des Caminos für mich aus – dass die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Gründen für den Camino und mit den unterschiedlichsten Problemen im Endeffekt sehr ähnliche Lektionen lernen, Gedanken fassen und Faszinationen empfinden.

Marc möchte weg von der Straße und sucht wild im Führer nach einem Shortcut zurück auf den Camino. Ich bin eher zurückhaltend. Die Straße nervt mich zwar auch total an, aber von Karten hab ich überhaupt keine Ahnung. Als irgendwann eine Straße links abbiegt, willige ich wenig überzeugt ein. Mir ist es recht egal, ob sie auf den Camino führt oder nicht. Im schlimmsten Fall laufen wir nach einer Stunde einfach wieder zurück – „cheisse cheisse cheisse“.

Marc ist lustig zu beobachten. Er schwankt im Minutentakt zwischen „das ist sehr sicher richtig“ und „das müsste ja eigentlich schon da hinführen“ hin und her. Ich finde es einfach erheiternd und laufe mit.

Irgendwann kommt von hinten das bekannte Wohnmobil mit Marie, die sich wie üblich mit hoher Stimme grüßend aus dem Fenster lehnt. Wir verstehen mal wieder nur die Hälfte; meinen Versuch, ihr das mit dem Wasser zu erklären und dass Chérie eventuell generell nur Straße laufen kann, überzwitschert sie gekonnt. Immerhin sind wir etwas erleichtert, dass sie jetzt schon mal vorausfährt. Falls die Straße nirgendwohin führt, wird sie uns schon wieder entgegen kommen.

Bei jeder Kreuzung ist Marc voller Vorfreude, dass das nun endlich die Einbiegung ist. Nur hat es nie gelbe Pfeile. Umso begeisterter brechen wir in Jubel aus, als an einer weiteren Kreuzung in der Ferne der Caravan parkt. Wo Marie parkt, kann der Camino nicht weit sein.

Wirklich hat es ab da auch wieder Pfeile, wir sind wieder auf dem Camino. Marc ist sehr erleichtert, dass seine „sehr Sicherheit“ nicht trügerisch war, und ich bin sehr froh, wieder Camino zu laufen und nicht eventuell eine schöne Etappe auf der Nationalstraße entlangzulaufen. Selbst unschöne Abschnitte laufe ich sehr gern, weil sie ja Camino sind und dazugehören.

In Puebla de Sancho Pérez wollen wir eine kleine Pause machen. Dort treffen wir auf der Plaza Steffen – und gerade einsetzende Regen. So geht es dann doch schnurstracks gleich weiter Richtung Zafra, zu dritt.

Es macht unheimlich Spaß, mit den beiden zu laufen. Wir haben ähnliche Schrittlängen und ähnliches Tempo, einen ähnlichen Humor, das Laufen geht wie von selbst, unbeschwert und voller Energie. Einen Pilger unterwegs verpflichte ich kurzerhand zum Fotomachen, während die Herren sich schon wieder totlachen, dass ich sehr typisch einfach meinen Rucksack mitten in den nassen Matsch donnere.

Die Eisenbahngleise, die es kurz vor Zafra zu passieren gilt, sind ausgesprochen unspektakulär verlassen. Ich bin sehr gespannt auf die Herberge, zu der es sich aber noch eine ziemliche Weile quer durch die Stadt zieht. Irgendwann taucht am Ende der Straße wieder ein großer, alter Gebäudekomplex auf, ein ehemaliger Franziskaner-Konvent und heute unsere Herberge. Marc hat umdisponiert. Er nimmt noch nicht heute den Zug, sondern übernachtet erstmal noch mit uns in Zafra.

Wir checken ziemlich verschwitzt bei einer netten Hospitalera ein; wieder bin ich ziemlich baff. Wir haben ein schönes Zimmer mit 3 Stockbetten, natürlich alles wieder sicher exzessiv schnarchende Herren. Es gibt wieder einen Raum mit Sofas sowie einen tollen kleinen Innenhof, indem ich unter einigen Torbögen im Trocknen meine Wäsche aufhänge. Es regnet schon wieder intervallweise, und nachdem meine Socken und Unterwäsche der letzten Tage schon nie richtig trocken geworden sind, wäre das heute nicht schlecht.

Ich freue mich an meinen wie immer übertrieben ausufernden Vorräten. Heute ist Sonntag, kein Laden in Sicht, und so bin ich froh über noch ein ganzes Baguette, Käse, diverse Früchte und eine schöne Dose Limonade. Steffen setzt sich zu mir; er ist ein interessanter Gesprächspartner, mit dem es nie langweilig wird und der wahrscheinlich fast jedes Thema spannend und kompetent beleuchten könnte.

Am Nachmittag möchte ich mir die Stadt noch ein wenig anschauen bzw. endlich Postkarten kaufen. Die Stationen der letzten Tage waren allesamt derart klein, dass ich keine Karten gefunden habe, und auch aus kultureller Sicht scheint Zafra ein erstes Highlight der Extremadura zu sein. Marc schließt sich mir an. Obwohl er im Vorjahr schon einmal die Via de la Plata gelaufen ist, sind ihm die eventuellen Sehenswürdigkeiten nicht sehr geläufig, und ich habe natürlich auch wieder nicht in den Führer geschaut. Wir tappen ziemlich ziellos zielsicher durch die unattraktivsten Straßen Zafras. Am Brunnen auf der Plaza treffen wir Steffen sowie den Japaner. Steffen ist natürlich wieder ein wandelndes Lexikon und hat auch schon alles Wichtige besichtigt. Mich reißt die Stadt irgendwie nicht so ganz vom Hocker, und während die Jungs noch wie üblich die Etappe in einer Bar ausklingen lassen, mache ich mich auf den Rückweg.

Dort treffe ich neben einem üblich begeisterten Jorge, einer strahlenden Lieke (die es zu unserer gemeinsamen Freude doch noch einmal eine lange Etappe geschafft hat) sowie einigen weiteren bekannten Gesichtern auch auf den Pilger mit Esel. Allerdings ist er sehr niedergeschlagen. Wir sitzen an einem kleinen Tischchen bei der Küche, die freundliche Hospitalera kocht uns sogar Wasser für meine Pfefferminzteebeutel, und Gerhard schüttet mir sein Herz aus. Der Esel ist krank, hat Fieber, darf die nächsten Tage nicht laufen. Er hat ihn nun auf einer Koppel gelassen, bis er nächsten Monat von seiner Familie abgeholt werden kann. Er möchte zu Fuß weiterpilgern, aber das schlechte Gewissen dem Esel gegenüber sowie die Aufgabe des langgehegten Traumes lasten ihm schwer auf der Seele. Zum Glück kommt Lieke um die Ecke und setzt sich dazu. Sie ist absolut prädestiniert zum Zuhören, sie schaut wunderbar verständnisvoll und bekräftigend und einfühlsam. Mir dagegen kommen fast schon immer selber Tränen in die Augen.

Ich sitze wieder mit Steffen im Innenhof, meinem auserkorenen Lieblingsplatz, als Marc strahlend dazukommt. Er hätte das mit den Etappen nochmal durchgerechnet, er schafft es auch ohne Zug. Er muss dann zwar ein paar 50 km Etappen einlegen, aber es klappt. Ich könnte ihn umarmen.

Das Pilgerkollektiv entschwindet zum Essen. Ich bin noch recht satt von meinem ausgiebigen Mittagsmahl. Der immer noch sehr traurige Eselspilger schreibt etwas verloren in seinem Tagebuch. Ich flechte ihm ein Blitzbändel und hoffe, dass es ihm bald besser geht.

Dann verschwinde ich schon wieder früh in mein wunderschön frisch bezogenes Bett.

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In der ungewohnten Ruhe schlafe ich bis kurz vor 8. Draußen ist es schon hell und wie immer etwas wolkig und regnerisch. Ich kann es langsam nicht mehr sehen.

Beim Verlassen von Monesterio komme ich in einiger Entfernung an einem Wohnmobil vorbei. Jemand steht an der offenen Türe, und als er mich sieht, beginnt er enthusiastisch zu winken. Ein motivierender Start in den Morgen.

Weniger begeistert stimmt mich, dass vor mir Jorge läuft. Für sein Geplapper am frühen Morgen habe ich keinen Nerv, sodass ich mich mit einer sehr ausgedehnten Frühstückspause erstmal zurückfallen lasse.

Es wird gerade etwas heller und sonnig, als auf dem Weg vor mir wieder der Caravan steht. An diesem verabschiedet sich gerade ein kleiner Pilger und macht sich auf den Weg. Als ich näher komme, werkelt es hektisch im Inneren, und eine kleine grauhaarige Frau lehnt sich freudig strahlend aus der Tür, um mir Kaffee anzubieten. Als ich dankend ablehne, kommt gleich darauf ein Teller Kekse angereicht. Die Dame heißt Marie, ist Französin und mit dem Gatten Christian unterwegs. Er pilgert und sie unterstützt ihn. Zusammen sind sie schon den Camino Frances gelaufen, wie sie mir schnell im Wageninneren verschwindend anhand von Kartenmaterial belegt. Auch hat sie haufenweise Karten und Material zum heutigen Tag und den Etappen und den Herbergen. Kein Wunder, sie hat ja ziemlich viel Zeit. Ich will wissen, ob es ihr gar nichts ausmacht, diesmal nicht selber laufen zu können. „No, no…!“, und so begeistert wie sie ihren Mann unterstützt und so stolz wie sie ist, scheint das eh etwas zusammenzufließen. Es ist ihr gemeinsamer Camino, ihr gemeinsames Projekt, und nachdem schon der nächste Pilger am Ende des Weges auftaucht, mache ich mich mit guten Wünschen wieder auf den Weg, bevor sie wieder mit hoher Stimme „café, café?“ anbietet.

Heute ist mir irgendwie zuviel los. Ich laufe gerne alleine und in gefühlter Einsamkeit. Heute habe ich immer vor und hinter mir Pilger in ferner Sichtweite. Auf den sagenumwobenen Christian vor mir bin ich zwar fast gespannt, trotzdem bin ich froh, als ich ihn endlich bei einem Päuschen passiere. Dieses fast gleichschnell umeinander herumschleichen geht mir sehr auf die Nerven.

Wie fast schon üblich ist der Weg wunderschön und erdend. An den Blumen in Lila, dem Mohn und dem gelben Raps könnte ich mich dumm und dusslig sehen, erst recht heute mit einem Hauch von Sonne hinter interessanten Wolkenformationen. Wieder sehe ich viele Mini-Kaninchen und seltene Vögel. Die Zeit vergeht wie im Fluge, als sich irgendwann die Weite öffnet- und der Turbanpilger, dessen Namen niemand kennt, an einer Kreuzung wartet. Ich frage fröhlich „wohin?“, er kichert in seiner üblich leicht irren Art und zuckt mit den Schultern. Er weiß das auch nicht und hat sich deshalb entschlossen, zu warten. Vor uns zeigt ein Steinquader geradeaus, aber steil nach rechts zeigen haufenweise gelbe Pfeile. Dieser Weg wäre nichts, er würde im Nichts enden, zwei Pilger wären schon nach mehreren Kilometern zurückgekommen. Fleißig hat er daher schon einen durchgestrichenen Pfeil auf den Boden gemalt sowie einen dicken Steinpfeil Richtung geradeaus gebaut. Ein Japaner wäre auch schon geradeaus gelaufen. Ich bin mir der Sache jetzt nicht so sicher, eigentlich kann ich mir nicht erklären, warum auf einmal gelbe Pfeile ins Nichts führen sollen. Und nur weil irgendeiner keinen Weg findet und ein Japaner auch schon in diese Richtung ist, überzeugt mich das nicht. Christian kommt dazu und ist sich zur Freude des Turbanpilgers einig, dass es geradeaus geht. Kunststück. Er sieht ja auch den durchgestrichenen Pfeil und die Steinmarkierung, ohne zu wissen, dass die noch nicht immer da waren. Ich plädiere für die gelben Pfeile, er dagegen meint leicht säuerlich, er würde geradeaus gehen. Christian stürmt geradeaus, ich trotzig nach rechts den Hügel hoch. Der Turban kichert irr und unsicher und bleibt an seiner Kreuzung stehen.

Ob nun richtig oder nicht, mein Weg ist wunderschön, hat nochmal massig mehr Blumen und gewährt fotogene Blicke in die Landschaft. Gelbe Pfeile hat es zugegebenermaßen keine weiteren, und als unten an der Kreuzung ein Haufen weiterer Pilger ankommt, warte ich auf meiner Anhöhe erstmal ab, was sie machen. Überraschenderweise kommen sie alle meinen Hang hoch. Die ersten beiden sind ein spanisches Paar, welches ich sicherheitshalber frage, ob sie denken, dass der Weg gut ist. Nicht, dass sie sich von irgendwelchen Logiken haben leiten lassen, dass es nach rechts geht, weil da ja schließlich schon eine Pilgerin entlang ist. Sie sind ungerührt optimistisch und haben keinerlei Bedenken. Gelber Pfeil gleich Camino, warum nicht. Sie ziehen schnell vorbei. Ein paar hundert Meter später dreht sich die Spanierin nochmal lächelnd zu mir um und deutet auf den Horizont, wo sich eine Stadt abzeichnet. Na, wollen wir ja mal hoffen.

Bei einem Fotostop holt mich ein weiterer Pilger ein, der sich als deutsch entpuppt und mein Tempo geht. Schwierig, sich da wieder gekonnt aus der Affäre zu ziehen und allein weiterzulaufen. Aber für den Moment ist das auch gar nicht nötig, Steffen klingt ganz unterhaltsam – und in meiner momentanen Streckenverwirrung ist mir etwas Halt und Gesellschaft nicht unrecht. Lustigerweise überholt uns übrigens auch der Turbanträger, was ich doch etwas glatt finde. Erst alle überzeugt geradeaus schicken und haufenweise Zeichen selber legen, und dann nicht mal selber an seine Theorie glauben. Na ja, er meint es sicher nur gut.

Steffen ist interessant. Selber schon den Camino Frances gegangen, befindet er sich momentan auf einem Jahr Auszeit, um sich beruflich neu zu orientieren. Er erinnert mich ungemein an Rüdiger Hoffmann und seine Parodie von „Der Mitbewohner“. Egal, was ich sage, er kontert mit „jaaaaa, das kann man so sehen, muussss man aber nicht“ – noch dazu ganz ohne Rüdiger Hoffmann zu kennen. Ich könnte allein deswegen schon ewig zuhören.

Wir kommen an eine kleine Furt, die wir todesmutig in Crocs bzw. Trekkingsandalen durchqueren, nachdem das spanische Pärchen vor uns es vormacht. Das Wasser ist kalt, aber nachdem drunter eine asphaltierte Straße ist und das Wasser frisches Regenwasser, hält sich der Ekligkeitsfaktor in Grenzen.

Mit Steffen lässt sich herrlich herumspinnen. Ich erzähle ihm von einem fernen Wunschtraum eines großen Grundstückes mit Ziegen, Selbstversorgergemüsebeet, einem Esel, einem ausladenden Kräutergärtchen… in seiner Jugend hat er eine landwirtschaftliche Ausbildung gemacht und hat meinem Traum natürlich viel bittere Realität entgegenzusetzen. „Jaaaa, ein Gemüsebeet kann man sich in Höchstgeschwindigkeit von Ziegen wegfressen lassen, muss man aber nicht…“, und auch das Problem der explosionsartigen Vermehrung meiner Ziegenherde habe ich so noch nicht betrachtet.

Es beginnt wieder zu regnen, wir fachsimpeln über Regenponchos (sein Regenschutz sieht wirklich praktischer aus als meine blöde Regenjacke, bei der mir mal wieder alles vom Kinn vorne hineintropft), Fotoapparate und seine Armschlinge, die gar keine ist. Er hat nur nicht gern zu enge Halstücher.

Zusammen erreichen wir Fuente de Cantos und suchen neugierig unsere Herberge – die erste touristische. Ich bin sehr gespannt. Mein Führer spricht mal von Luxus, mal von rein gar nicht Luxus. In schönen Gebäuden sollen sie allesamt liegen. Prompt scheint es auch das imposanteste, größte Gebäude am Ortseingang zur Linken zu sein. In der Rezeption bin ich schon ganz aus dem Häuschen, es hat eine riesige Eingangshalle mit schicken Sofa-Sitzgelegenheiten. Ein schöner Aufenthaltsraum ist genau das, was ich mir gestern in dem kleinen Doppelzimmer so sehnlich gewünscht habe.

Im letzten Moment kann ich noch schnell den Eindruck ausräumen, mit Steffen liiert zu sein. Heute muss ich zugeben, dass der Gedanke näherliegender sein könnte als mit dem wild plappernden Jorge gestern.

Wir bekommen ein wunderbares Zimmer, nur zwei Stockbetten mit blütenweißen Decken in einem großzügigen, rustikalen Steinzimmer. Dazu hat es haufenweise Schränke und Ablageflächen. Stolz zeigt uns der Hospitalero noch den Comedor, einen riesigen Saal mit unzähligen Tischen – und einer Küche. Das Ding sieht aus wie der Tresen einer Bar, nie hätte ich mich getraut, dort zu kochen, aber offensichtlich ist das in Ordnung. Heute ist Samstag, aber vor der Siesta soll noch bis 14.00 ein Supermarkt offen haben. Da springe ich natürlich sofort begeistert hin. Auch Steffen schließt sich an, und leider auch meinen Kochplänen. Das passt mir irgendwie gar nicht, spätestens beim Kochen habe ich gern meine Ruhe und meine Freiräume und möchte mich nicht wegen allem mit jemandem absprechen müssen. Glücklicherweise scheint Steffen deutlich pflegeleichter als meine sonstigen südländischen Pilgermänner. Er verspricht, alles klaglos zu essen und mir das Kommando zu überlassen.

Der Supermarkt ist riesengroß, und ich bin ganz überwältigt von der Auswahl. Zum ersten Mal hat es die winzigen grünen Paprikaschoten, grünen Spargel, tolle Chips und Zutaten für mein klassisches Pilgergericht, Pasta mit tomatas fritas, Zwiebel, Paprika und als heutiges Extra Champignons. Leider habe ich in der Eile nicht näher die Küchenausstattung inspiziert, was Gewürze, Salz und Öl angeht. Risiko.

Überglücklich mit vollen Taschen laufen wir zurück. Steffen scheint leicht erheitert zu sein, was Supermärkte bei mir an Stimmungsverbesserung bewirken können. Noch schnell frisch geduscht mache ich mich ans Kochen. Leider hat es wirklich keinerlei Zusatzaccessoires außer Salz, sodass das mit den Minipaprikas eine Herausforderung wird. Ich habe ein schlechtes Gewissen Steffen gegenüber, hier einen komplett unessbaren Mist zusammenzukochen. Ich esse ja gerne alles und spartanisch, aber er sieht eigentlich etwas luxusverwöhnter und etwas weniger gesponnen aus.

Die Paprikas ohne Öl essen wir so nebenher; die beiden Kochplatten überzeugen durch moderate Leistung, dafür sind die Töpfe niegelnagelneu ungebraucht, noch mit Aufkleber.

Am Eingang steht eine Schubkarre mit einer Plastiktüte, aus der fröhlich ein Haufen behauster Schnecken kriecht. Ich informiere den Hospitalero, wobei meine Pantomime einer Schubkarre und einer Schnecke sehr zur Erheiterung der älteren Herren im Foyer beiträgt. Aber immerhin, er versteht, dass sein Abendessen sich da gerade aus dem Staub macht.

Lieke trifft wie immer strahlend ein, und als unser Essen endlich fertig ist und ich mich etwas in der Pastamenge vertan habe, möchte ich spontan noch Lieke dazueinladen. Ich sprinte mit wehenden duschnassen Haaren an einem erschrockenen rauchenden Pilger vorbei durch die Herberge und frage, wo Lieke wohnt. Der Hospitalero zeigt mir ein Zimmer, wo ich eine mir unbekannte weißhaarige Pilgerin aufschrecke. Der zweite Anlauf ist schon besser. Lieke ist erwartungsgemäß abgebrüht, fragt nur „wann?“ und kommt auf mein Antwort „sofort!“ klaglos mit. Steffen wartet schon leicht sorgenvoll am erkaltenden Essen.

Zu meiner Erleichterung schmeckt es eindeutig essbar, und Lieke und Steffen kennen sich auch schon flüchtig vom Weg. Der eben von mir fast über den Haufen gerannte Raucher kommt in den Speisesaal, er kennt Steffen und setzt sich zu uns. (Essen will er leider nichts, dabei habe ich mich wirklich sehr in der Pastamenge verkalkuliert). Zusammen mit Steffen ist er von einer schnelleren Truppe, die einen Tag nach uns gestartet ist und uns nun nach 6 Tagen um einen Tag eingeholt hat. Die neuen Gesichter freuen mich ohnehin, es kommt etwas Leben in meine friedliche Rentnergemeinschaft. Und Marc reißt es wirklich raus. Er scheint nicht viel älter als ich zu sein, seine dicken Bodybuilderarme zieren Tätowierungen, gleichzeitig ist er aber auch ein erfahrener Pilger und scheint eine ähnliche Begeisterung dafür zu empfinden wie ich. Im Moment informiert er Steffen, dass er beschlossen hat, ab Zafra morgen den Zug nach Cáceres zu nehmen und dadurch drei Etappen einzusparen. Mit seinen Füßen würde es diesmal leider überhaupt nicht gehen. Ich frage, ob er Blasen hat. Nein, überhaupt nicht, es wären eher die Beine. Ob ihm die Sehnen weh tun. Nein, auch überhaupt nicht, weh tun tut nichts und irgendwie wieder alles, es wären eher die Muskeln, die keine Kraft hätten. Entweder, er weiss nicht so recht, was er will oder er kann sich schlecht ausdrücken oder er ist ein medizinisches Wunder. Auf alle Fälle ist er mir auf Anhieb sympathisch, zum einen hat er zu jedem Problem noch ein verschmitztes Lächeln im Gesicht, er hat eine sehr zurückhaltende, angenehm leise Art, und vor allem hat er mal wieder die berühmten Camino-Augen, die strahlen und leuchten und Funken sprühen. Und morgen nimmt er den Zug. Glückwunsch.

Ich ziehe mich in die riesige Eingangshalle mit den wunderbaren Sofas zurück, während draußen an der Fensterfront ohne Unterlass der Regen tropft. In den Schränken im Zimmer hat es sogar duftige, frischgewaschene Wolldecken, sodass ich mich mit meinem Tagebuch und Bändelwolle in Großmuttermanier schön warm auf dem Sofa einpacke. Die Stimmung ist wunderbar gemütlich und friedlich, und immer wieder laufen neue nette Gesichter vorbei – oder liebe alte. Mit einem Urschrei kommt Patrick auf mich zugestürmt, als wäre ich eine lange verschollene Tochter. Er wedelt stolz mit seinem Handgelenk, an dem er brav mein Bändel trägt. Auch Sean ist nicht weit, allerdings wirft er mir einen eher strafenden Blick zu, ob ich denn schon in der Gemäldeausstellung von Francisco de Zurbarán hier bei der Herberge gewesen wäre. War ich natürlich nicht, ich habe auch überhaupt keine Ahnung von Kunst, und das scheint Sean treffsicher zu sehen. Vermutlich sollte eine junge Dame in seinen Augen nicht mit verstrubbelten Haaren den ganzen Nachmittag bändelflechtend auf einem Sofa herumlümmeln. Er trägt natürlich wieder Lackschuhe und Anzug, als käme er gerade von einer Bildpräsentation aus dem Louvre.

Ein sehr kleiner Spanier bespasst mich hartnäckig eine ganze Weile. Er hat vor 6 Jahren auf dem Camino hier eine Deutsche kennengelernt, sie haben geheiratet, und auch der 6-jährige Sohnemann wird mir stolz auf dem Handy präsentiert. Deutsch gelernt hat er bei der ganzen Sache leider nicht, er redet auch wieder unheimlich schnell und viel auf Spanisch, und ich muss mich immer ziemlich anstrengen, aus einem Satz zu rekonstruieren, welche Wörter ich nun verstanden habe und um was es gehen könnte. Er läuft jedenfalls Marathon, sodass 50 km für ihn kein Thema sind. Sein Kollege ist etwas langsamer, und er würde schnarchen. Und sie wohnen in unserem Vierbettzimmer. Na ja, und wenn schon.

Lieke kommt zu einer Art kleinen Ansprache zu mir ans Sofa. Sie denkt, dass sich unsere Wege nun in den nächsten Tagen trennen werden, sie wird wohl kürzer laufen. Sie möchte mir sagen, dass sie mich gern hat. Ich bin gerührt. Wir tauschen Emailadressen aus. Nach einem wirklichen Abschied fühlt es sich nicht an.

Ich lerne den Japaner kennen, der mir heute schon als „der, der den Weg an der Kreuzung geradeaus genommen hat“ vorgestellt wurde. Er ist recht lustig, sehr klein, trägt 2 Rucksäcke, 22 kg gesamt, versteht nicht sehr viel, aber sagt schon mal zu allem begeistert lächelnd „ja, ja!“. Ich bin erleichtert, als auch Christian und Marie durch die Herberge laufen, um Frischwasser zu holen. Sie haben ihren Camper immer vor der Herberge stehen, und wie es scheint, ist auch Christian mit seinem Umweg gut angekommen.

Am schönsten ist es aber mit Steffen und Marc. Marc möchte jetzt abkürzen, weil er bis Salamanca will und kurz vor Salamanca keine Möglichkeit mehr sieht, mit öffentlichen Verkehrsmitteln abzukürzen bzw. wegzukommen. Mein Führer reicht nicht bis Salamanca, dieses Stück habe ich wieder gewichtsparend herausgetrennt, aber in Steffens Führer entdecke ich begeistert, dass bei exakt jeder Etappe vor Salamanca mindestens eine Busabbildung pro Tag verzeichnet ist. Ich komme nicht umhin, das Marc unter die Nase zu reiben und ihm die Vorzüge des später Abkürzens und die nächsten Etappen erstmal Weiterlaufens schmackhaft zu machen. Steffen meint leicht säuerlich, dass man doch jeden seinen Camino so machen lassen soll, wie er will. Grundsätzlich stimme ich ihm natürlich zu. So akut im Moment kann ich mich nur nicht dafür begeistern, die Strahleaugen gleich wieder gegen die fürsorgliche Rentnerfraktion auszutauschen.

Auch Jorge stürmt mit einem erfreuten Aufschrei über die chica, die ja nie etwas versteht, auch mich zu. Er trägt stolz ein Barcelona-Shirt, denn heute ist zur Freude aller Männer irgendein wichtiges Spiel. Meine deutschen Herren machen sich samt Jorge und dem wie immer spontan begeisterungsfähigen Japaner auf den Weg in eine Bar. Meine Pläne für den Abend umfassen einen weiteren Versuch, eine Messe zu besuchen; ferner habe ich noch ziemlich viel zu essen, mindestens den grünen Spargel mit Schinken. Leider war unser Mittagessen recht spät und so ganz viel Hunger habe ich noch nicht, auch wenn der kleine Schnarchkumpanspanier mich begeistert informiert, dass er im Supermarkt Öl und Gewürze für alle besorgt hat.

Kurz vor 8 mache ich mich auf den Weg, es regnet nicht mehr, und der Himmel ist in einen beeindruckenden Sonnenuntergang getaucht. Ich möchte ohnehin das beeindruckende Gebäude der Herberge fotografieren, und so suche ich noch schnell die ideale Stelle für ein Foto. Leider ist es schon 5 Minuten vor 8, die perfekte Stelle scheint immer nochmal 50 Meter entfernt zu sein, und so renne ich ein bisschen. An der Kirche ist um 8 natürlich wie immer alles verschlossen, es beginnt wieder zu nieseln – und bei näherer Betrachtung ziept mein linkes Bein sehr deutlich und ungut. Je mehr ich in mich hineinhöre, desto mehr tut jeder Schritt weh. Es fühlt sich an wie der Beginn des Muskelfaserrisses letztes Jahr. Ich humpele ganz langsam zurück und bin höchst beunruhigt. Ich reibe Arnika-Gel ein und begutachte kritisch das Bein. Es sieht auch schon wieder viel dicker aus. Ich teste, ob die Hosenbeine gleich gut über beide Beine rutschen. Am linken Bein stockt es viel eher. Ist es wirklich schon dicker oder ist es nur das klebrige Gel? Mir ist sehr, sehr elend, als ich mich mit meinem Reiseführer zu beruhigen versuche. Ich habe kein Ziel, das ich erreichen muss, im schlimmsten Fall laufe ich jeden Tag Mini-Etappen.

Ich habe nun überhaupt keinen Hunger mehr, aber immerhin der Spargel muss ja noch weg. Meine spanischen Zimmergenossen sind gerade fertig mit ihrem opulenten Mahl, ich koche mir ganz schnell meinen Spargel und esse ihn halbgar direkt ohne Würze aus dem Topf. Dann lege ich mich schnell recht verzweifelt ins Bett und bete einfach nur noch, dass mein Bein wieder gut wird.

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