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Posts Tagged ‘Sevilla’

Gegen 6 Uhr wache ich auf und kann nicht mehr einschlafen. Aufstehen kommt so früh noch nicht in Frage, aber solange der Rest des Hostals schläft, kann ich ja in Ruhe Duschen und Haarewaschen. Und mich dann nochmal 2 Stunden hinlegen und die Haarpracht trocknen lassen.

Im T-Shirt und mit Waschbeutel tapse ich in die Duschräume. 10 Minuten später tapse ich zurück und drehe an meinem Türknauf, ohne dass sich etwas tut. Schlagartig dämmert mir, dass wir hier ja nicht in einer normalen Herberge sind, sondern in einem Hostal, und hier die Türen automatisch zu sind, sobald man sie vom Gang ins Schloss zieht. Und mein Schlüssel lagert fröhlich innen auf dem Nachttisch. Ich kriege einen Riesenschreck; soll ich jetzt hier 2 Stunden im T-Shirt auf dem Gang bibbern, bis sich der spanische Rezeptionist aus dem Bett schält? Ich gehe zur Rezeption und sehe ihn gerade noch das Haus verlassen. Er versteht wohl nur die Hälfte meiner panischen Schilderung, schließt mir aber zumindest wieder auf. So ein Glück, dass ich es hier mit einem Frühaufsteher zu tun habe.

Um 8 dringt schon wieder das aufdringliche englische Geschnattere durch meine Ohrstöpsel. Ich packe meinen Sachen zusammen und beginne meinen Camino. Ein mehr fremdes als erhabenes Gefühl.

Mein erster Blick auf das Tageslicht verheißt nichts Gutes. Ich habe mit dem Gedanken gespielt, erstmal noch ausführlich Sevilla anzuschauen, zumal die heutige Etappe nicht sehr lang ist. Allerdings ist heute der Himmel grau, es sieht fast nach Regen aus, und das geschäftige Treiben auf den Straßen erinnert schlicht an morgendlichen Berufsverkehr, und nicht an die spezielle gestrige Stimmung. Ich beschließe spontan, nur noch einen Supermarkt zu suchen und dann loszugehen. Nach ein paar Metern in die Gegenrichtung (in der es nicht nach Supermarkt aussieht) gehe ich doch wieder durch den Park Richtung Kathedrale. Ab dort soll die Via de la Plata beginnen. Ich gucke mehr in meinen Führer als auf die Stadt. Normalerweise folge ich den gelben Pfeilen und konsultiere den Führer maximal abends, um die folgende Etappe zu planen, mich auf eine Einkaufsmöglichkeit und eine gut bewertete Herberge zu freuen. An jeder Straßenecke stehe ich hilflos, suche Straßennamen im Führer und an den Hauswänden, versuche, rechts und links Straßen zu deuten. Gelbe Pfeile oder Muscheln hat es wenig, ich verlaufe mich an jeder Straßenecke, habe bald sicher 20 Einheimische befragt und finde es ziemlich mühsam. Mittlerweile tröpfelt es auch, ich packe meine Rucksackhülle und die Regenjacke aus.

Vor mir kommt plötzlich eine Gruppe spanischer Pilger aus einer Gasse gesprungen. Alle sind klein, haben ebenso kleine Rucksäcke, riesige Pilgerstäbe, schnattern laut und fröhlich und sind vor allem superschnell. Und mindestens zu siebt. Mir rutscht irgendwie das Herz in die Hose. Ich hadere hier mit meinem großen Rucksack und meinen klobigen Stiefeln und schleppe mich suchend durch die Gegend. Und der Camino ist wahrscheinlich schon überflutet mit 200 schnellen Pilgern vor mir.

Leider ist das Grüppchen auch genauso schnell wieder weg, wie es gekommen ist. Und ich stehe wieder suchend an jeder Hausecke. Nach einer Brücke kommt immerhin eine Markthalle, wo ich ein Brot und ein Schokocroissant erwerbe. Wenigstens verhungern werde ich also nicht. Irgendwann kommt sogar ein Dia-Supermarkt in Sicht, wo ich Chorizo, noch ofenwarmes Brot, Schokomuffins und zwei kleine Wasserflaschen für die Seiten meines Rucksacks einkaufe. Das Problem wäre also gelöst. Langsam wird auch entweder der Weg besser ausgeschildert oder ich ruhiger, es läuft jedenfalls immer besser, je weiter ich aus Sevilla herauskomme. Es geht auf eher einsameres Gelände mit viel Schutt und Müll. Viel vertrauenserweckender wird es auch nicht, als immer mehr Menschen dort auftauchen. Alles Zigeuner, die am Flussufer ihre Zelte aufgeschlagen haben und dort um Lagerfeuer herum sitzen. Wohlgemerkt bei recht ordentlichen Außentemperaturen. Mir ist ziemlich mulmig und ich sehe mich schon ohne Wertsachen in dem dreckigen Fluss treiben. Meine Fantasie am frühen Morgen ist überwältigend.

Ich bin froh, als der Fluss mit den Schutthalden hinter mir liegt und es wieder auf eine Siedlung zugeht. Dort empfangen mich auch gleich die gewohnten gelben Pfeile – und eine mir entgegenkommende, weißhaarige Pilgerin, als solche ersichtlich am Gang und an der Brusttasche mit diversen Pilgermotiven. Als wir uns begegnen, fragt sie „are you going to Santiago?“ und ich bin etwas konsterniert. Dachte ich eigentlich schon, aber nachdem sie das auch tut, bin ich wegen der Richtung etwas irritiert. Sie erklärt, dass sie den Weg nicht mehr findet. Noch sehe ich hier laufend Pfeile und bin daher frohen Mutes. Zusammen laufen wir nochmal in die normale Richtung. Sie sagt, sie wäre diesen Kilometer jetzt schon vier mal hoch und runter gelaufen, irgendwo wäre einfach Schluss mit den Pfeilen und sie käme nicht weiter. Da bin ich ja mal gespannt.

Sie heißt Lieke, ist Holländerin und ein echter Pilgerroutinier. Sie ist schon von zu Hause mit dem Rad nach Santiago gepilgert und in Gegenrichtung zu Fuß bis Pamplona. Gegenrichtung stelle ich mir ungleich schwerer und einsamer vor, aber da lacht sie nur dröhnend. Überhaupt ist sie ein recht sonniges Gemüt.

Irgendwann kommt die Stelle, wo sie sich mit den Pfeilen nicht mehr sicher ist und wo die Einheimischen immer „todo recto“ gesagt hätten. Der Kreisel zu einer befahreneren Straße sieht aber nicht wirklich einladend aus, und ganz ohne Pfeil fühle ich mich da auch nicht besonders angesprochen. So lassen wir die Blicke etwas schweifen und finden wirklich einen gelben Pfeil, der scharf rechts in das Örtchen einbiegt. Lieke ist erleichtert, und ich nicht minder.

Wir laufen zusammen weiter. Obwohl Lieke kleiner (und deutlich älter) ist als ich, hat sie einen ganz schönen Schritt drauf. Die Strecke ist ausgesprochen wenig ansprechend, wie im Führer angedeutet geht es durch Industriegebiet. Neben uns rauscht der Verkehr, ständig müssen wir auf die Straße, weil parkende Autos im Weg stehen, es ist anstrengend und nicht schön.

Als ich irgendwann einen Blick in meinen Führer werfe und sehe, dass wir erst 2 Stunden haben, klappt meine Motivation komplett zusammen. Dieses Gesuche in Sevilla und hier das lange Straßegehen haben mich ziemlich angestrengt und mürbe gemacht. Und das war erst ein Drittel? Wie sollen da nur die nächsten Etappen werden, wenn ich an so einer Einsteigeretappe schon am liebsten jetzt Schicht für heute machen würde?

Als wir endlich Santiponce erreichen und damit angeblich schönere Gefilde, nutze ich die Chance, mich wegen einer Esspause zurückfallen zu lassen. Lieke ist mir für meine momentane Erschöpfung zu schnell, noch dazu ziept mein Bein sehr beunruhigend. Seit dem letztjährigen Muskelfaserriss bin ich nicht mehr länger gelaufen, ich misstraue dem Bein und habe keine Ahnung, wie haltbar und belastbar es nun ist. Meine Füße tun weh, ich fühle mich groggy, lasse mich auf eine Bank plumpsen, ziehe Schuhe aus und esse erstmal ausgiebig. Nahrung für Körper und wahrscheinlich noch mehr für die Seele.

Hinterher läuft es sich wie wundersamerweise viel besser. Vor mir taucht ein weiterer Pilger auf, ein älterer Mann, der sich suchend im Kreis dreht. Bzw. er läuft einfach unheimlich langsam und mühsam und schleppend. Mir ist es fast schon peinlich, so ausgeruht an ihm vorbeizupreschen. Habe ich die Energie ja auch nicht schon immer.

Ich gehe kurz in die offene Kirche in Santiponce und versuche mit Gott in Verbindung zu treten. Mit moderatem Erfolg.

Die Ruinen von Itálica sind heute, montags, fast glücklicherweise geschlossen. Ich bin erleichtert, so automatisch ohne Gewissensbisse einfach daran vorbeilaufen zu können. Sightseeing ganz am Anfang kommt mir irgendwie ungelegen, ich möchte mich erst wieder als Pilger fühlen und beweisen und kann nicht überall einen Fotostop und das Touristenprogramm einlegen.

Weit vor mir läuft Lieke, aber wie es auf dem Camino so ist, schon 100 Meter Abstand sind sehr schwer einzuholen. Darüber bin ich auch ganz froh.

Vor uns taucht die berühmte überschwemmte Senke auf, von der ich im Vorfeld schon gehört habe. Ich sehe Lieke nach links verschwinden, dann nach rechts, um nach einer langen Suche auf der anderen Seite wieder aufzutauchen. Ich schaue mir kurz die trübe Brühe an, Durchwaten schließe ich recht schnell aus. Rechts sollen irgendwo Baumstämme liegen, ich bin stolz auf meine informierten Geheimtipps und laufe unbeirrt in das Gebüsch zur Rechten. Zwei spanische Radpilger stehen ebenfalls etwas ratlos. Baumstämme hat es dort wirklich, aber die versinken auf halber Strecke. An einer anderen Stelle hat es dann wirklich eine recht langen Baumstamm, über den ich mich halsbrecherisch hangele. Auf der anderen Seite warten riesige Brombeerbüsche. Ich bin schon nah dran, mich dornröschenprinzengleich hindurchzuschlagen, glücklicherweise überdenke ich es dann doch nochmal und schlage mich auf der anderen Seite durch zumindest dornenfreies Unterholz. Wild zerzaust komme ich stolz wieder am Weg heraus – wo mich der eine Radpilger ziemlich entgeistert anschaut. Er steht auch schon auf der richtigen Seite, auf einem wasserfreien, meterbreiten Weg, den gerade mal eine dünne Matschschicht bedeckt. Ich habe hier also wohl etwas umsonst den melodramatischen Helden markiert.

Der Weg geht über einsame Felder an blühendem Mohn und Margariten vorbei. Irgendwann an einer kleinen Senke mit einem zu überquerenden Fluss treffe ich dann auch Lieke wieder, sie macht gegenseitiges Beweisfoto mit zwei anderen Pilgern. Ich gehe erstmal weiter, ich will endlich ankommen.

In Guillena empfängt uns ein Schild, dass wir wegen der Herberge bei der Polizei vorstellig werden sollen. Ich bin dann doch wieder ganz dankbar, dass Lieke direkt nach mir auftaucht. In couragiertem Spanisch sagt sie „hola“ und „albergue“, während mich die Polizeistation an sich schon etwas einschüchtert. Aber der süße Polizist erklärt uns freundlich die Richtung der Herberge, wir bekommen unseren ersten Stempel und sind gespannt.

Auf einem Sportplatz erwartet uns in einem containerartigen Gebäude unsere erste Schlafgelegenheit. Im Führer als „unkomfortabel“ und mit Sportmatten auf dem Boden beschrieben, hätte ich mich eigentlich auf diese ehemalige Umkleidekabine einstellen können. Es gibt sogar fünf Stockbetten sowie Duschen, trotzdem bin ich etwas desillusioniert. Lieke feiert ein großes Hallo mit zwei Landsmännern, und ich verschwinde schnell in die (ausschließlich) kalten Duschen. Lieke lacht wieder dröhnend anlässlich meines verfrorenen Gesichtsausdrucks und meines Kommentars einer „refreshing experience“.

In der Herberge gibt es nichts zu tun, außer einem schwarz gekleideten, dauerrauchenden Spanier und den Holländern ist auch sonst niemand da. Ich setze mich auf den Sportplatz in die Sonne und versuche, das Gute an dieser Untätigkeit zu sehen. Spontan hätte ich mir vielleicht einen tollen Supermarkt oder eine große zu erkundende Herberge oder einen Haufen spannender Mitpilger gewünscht, aber ich sehe ein, dass diese verordnete Ruhe sicher auch ihr Gutes hat.

Bis zum Abend und eventueller Ladenöffnungszeiten tingele ich zwischen Sportplatz und Herberge her, mal mit Essen, mal mit Tagebuch und Führer. Zum ersten Mal ist mir in einer Herberge unwohl. Der Spanier ist mir höchst suspekt; wenn er nicht raucht, liegt er auf seinem Bett und schaut an die Decke. Mir ist unwohl beim Gedanken, ihn so allein mit meinem Rucksack zu lassen. Die Toiletten tragen auch zum Unwohlsein bei. Sie werden durch kleine westernartige Schwingtüren abgetrennt, nach oben und unten mit viel Luft. Irgendwie hat man Direktanschluss zu den Pilgern auf ihren Betten, und ohne Klopapier ist das auch nichts.

Gegen 5 machen Lieke und ich uns auf zur Supermarktsuche. Jemand empfiehlt uns einen „großen Supermarkt“ immer geradeaus. Groß ist der kleine Tante Emma-Laden zwar nicht, aber für die übliche Grundausstattung (sowie Klopapier) reicht es. Beim Nachhauseweg komme ich auf eine Hauptstraße mit großem Trubel, vielen Restaurants und auch wirklich größeren Läden. Nun ja. Ich verlaufe mich ziemlich, meine Orientierung ist noch moderat, komme aber durch eine rasante Abkürzung über eine Weide wieder erleichtert zum „polideportivo“.

In der Herberge ist mittlerweile auch der langsame Pilger von Santiponce angekommen, es ist ein ganz netter Franzose (der natürlich auch schon ganz Frankreich und Spanien durchpilgert hat) und vor seiner Rente die Triebwerke von Ariane 5 konstruiert hat. Auch mit dem Spanier beginne ich ein kurzes Gespräch, vielleicht wird er mir dadurch ja sympathischer. Leider ist eher das Gegenteil der Fall. Er spricht unheimlich schnell und schwer verständlich, vielleicht auch, weil er Katalane ist, hängt an seine Worttiraden gerne mal ein „schau einer an, das arme Mädchen versteht ja kein Wort davon“, unterbricht meine kläglichen spanischen Versuche sofort und schürt zudem noch meine Rucksackbesorgnis, indem er mich aufklärt, dass die Jugend hier sehr suspekt ist, drogas, sabes, und man da seine Sachen nie aus den Augen lassen darf. Von der Jugend weiß ich zwar nichts, aber dass ich nichts mehr aus den Augen lasse, das leuchtet mir ein.

So gehe ich dann auch gleich gegen 20.00 ins Bett. Manchmal ist Schlafen und auf einen neuen, besseren Tag warten die beste Lösung. Irgendwann höre ich durch meine Ohrstöpsel aus dem Rucksack mein Handy klingeln, irgendwann läuft der Polizist suchend und fluchend durch den Raum, und später im Stockdunkeln wummert es an der Tür. Anscheinend ist es ein sehr spät eintreffender Radpilger, den der Spanier noch schnell einlässt.

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Mit etwas mulmigem Gefühl mache ich mich morgens mit dem Zug Richtung Flughafen Zürich auf. Im Januar habe ich meinen Flug gebucht für 2 Wochen Camino, angelegt auf Start in Burgos und Laufen ohne Planungsnot, so weit ich komme. Kaum habe ich den Credencial in Händen, fällt mein Blick auf die Landkarten auf der Rückseite, auf die Via de la Plata, auf die klangvollen Namen wie Sevilla und Salamanca. Etwas in meinem Inneren meldet sich. Ich beschließe, auf mein Herz (?) zu hören.

Nun sitze ich mit einem couragiert selbst geänderten Credencial mit Startpunkt Sevilla im Zug, der Beginn einer langen Anreise. Statt des Camino Frances, auf dem ich mich wie ein alter Hase fühle, die komplette Ungewissheit im Süden. Wie sind die Herbergen, die Etappenlängen, das Pilgeraufkommen, die Versorgungsmöglichkeiten… treffe ich keinerlei andere Pilger oder ist auch die Via de la Plata im Heiligen Jahr überlaufen? Wie sind die Temperaturen? Welche Strecken schaffe ich, seit einem Jahr untrainiert? Mein Rother Führer ist von 2006, dabei soll sich so viel geändert haben. Ich habe versucht, mich im Vorfeld durch irgendwelche Nachträge durchzuarbeiten und andere Führer zu konsultieren, aber diese Planung stresst mich. So habe ich auch glücklich mehrere Monate in der Illusion gelebt, um 12 in Madrid zu landen und gemütlich in 6 Stunden mit dem Bus nach Sevilla zu gondeln. Eine Woche vorher stelle ich fest, dass ich um 12 gerade mal starte, also viel zu spät für den Bus bin und mir nur der Schnellzug bleibt. Welchen von den vielen stündlich startenden ich erreichen kann, keine Ahnung. Wie lange braucht das Gepäck, wie lange die Metro mit zweimal umsteigen, wie schnell finde ich mich zurecht. Ich habe kurzerhand noch nichts gebucht. Eine Unterkunft habe ich immerhin schon reserviert, keine Ahnung wo, der Google maps – Ausdruck ist irgendwo im Rucksack. Beim Nachträge Wälzen bin ich auf einen Hinweis gestoßen, dass von diesem Hostal dringend abzuraten sei. Da habe ich dann endgültig die Nachträge säuberlich zum Altpapier gelegt und den gelben Führer vor der Abreise zurück in den Bibliothekskasten gelegt. Zu viel Planung, zu viele Meinungen und Tipps machen mich ganz wirr. Und das bin ich im Moment eh schon zur Genüge.

Ich bin froh, dass am Flughafen alles klappt. Mein riesiger Rucksack wandert in seinem Müllbeutel in ein vertrauenserweckendes Transportkistchen, mit Genugtuung registriere ich ein Gewicht im einstelligen Bereich, dabei habe ich 2 Liter Wasser und reichlich Proviant gebunkert. Mit geleerter Wasserflasche passiere ich den Sicherheitscheck, um sie mir hinterher am Wasserhahn wieder aufzufüllen, während jeder normale Flugreisende sich sein Wasser manierlich aus dem Automaten lässt oder einfach nett in einer Bar sitzt. Ich fange hier schon mal gleich mit meinen eher spartanischen Pilgergrundsätzen an, die auf Selbstverköstigung beruhen und Bars und Restaurants nur im Notfall zulassen.

Fliegen ist nichts für mich Frischluftpilger, gegen Ende wird mir richtig schlecht von der stickigen Luft und dem Gewackele bei der Landung. Wir stehen sicher noch eine Viertelstunde, bis die Türen endlich aufgehen, und ich sehe mich im Geist schon ausrasten und auf einen Notausgang zustürmen.

Der lange Weg zur Gepäckausgabe tut gut. Nach einem Refill meiner Wasserflasche setze ich mich gemütlich auf den Boden vor dem Gepäckband. Da tut sich natürlich noch nichts, aber ich habe ja zum Glück auch keinen Zug gebucht. Nach einer Dreiviertelstunde habe ich meinen Rucksack wohlbehalten auf dem Rücken und bin nochmal doppelt froh, ganz ohne Zeitdruck unterwegs zu sein. Einen Ausdruck des Fahrplans habe ich zwar auch im Rucksack, verbiete mir aber einen Blick darauf. Schneller geht es dadurch ja auch nicht.

Die Metro klappt reibungslos, und mein erster Blick auf die Uhr besagt 15.40, als ich in Atocha Renfe aussteige. Um 16.oo und 16.10 gibt es einen Zug, hervorragend. Mit großen Augen tappe ich durch den betriebsamen Bahnhof, wo mag es wohl ein Ticket für mich geben. Mein Blick fällt wundersamerweise auf eine Schalterhalle, wo ich auch fast sofort drankomme. Der Herr am Schalter scheint nicht angetan von meinem (billigeren) 16.10- Zug zu sein. Er redet viel und schnell, ich kapiere nur „completo“, der wäre ausgebucht. Erste Klasse hätte er da noch. Er guckt mich unfreundlich an und will schon den nächsten Kunden aufrufen. Ich frage beharrlich, was mit dem 16.00- Zug ist. Ja, da wäre noch was frei, muss er zugeben. Na also, denke ich kampflustig. Auf meine Frage, wo ich mit dem schönen Ticket jetzt hinmuss, wedelt er vage zum ersten Stock.

Einen kleinen Moment überkommt mich Panik, ich habe nur noch 10 Minuten und habe keine Ahnung, wo hier die Gleise sind. Aber im ersten Stock sehe ich direkt wie bei einem Flughafen die Abfahrthalle – sowie einen Gepäckcheck. Bei näherem Hinsehen mit Durchleutungsmaschinen und den selben Schildern wie vom Flughafen, was man alles nicht dabei haben darf. Ich bin völlig panisch und wirr, damit habe ich nicht gerechnet. Hier muss doch alles mit, und mit meinem Rucksackinhalt könnte ich gerade ein neues Schild entwerfen, wenn ich nur an mein Taschenmesser, Pfefferspray, Nagelschere und Co denke. Ich lege meinen Rucksack verzweifelt auf das Band und stehe in schlimmster Erwartung sämtlicher alarmierter Sicherheitsleute auf der anderen Seite. Die plaudern angeregt. Mein Rucksack ist schon wieder da und die plaudern immer noch. Häh? Kurzerhand schnappe ich ihn mir und laufe zu meinem Gleis. Später erklärt mir ein Pilger, dass sie dort nur Bomben suchen und ihnen alles andere egal ist.

Mein Kärtchen wird wie am Flughafen gescannt, bevor ich durch eine Tür auf die Gleise darf. Schon alles sehr seltsam. 2 Minuten vor 16.00 plumpse ich auf mein reserviertes Plätzchen, nehme einen obligatorischen Schluck aus meiner Wasserflasche und schlafe erstmal ein.

Beim ersten und einzigen Zwischenhalt in Cordoba bin ich wieder wach, mit einem satten Brummschädel. Ich nehme eine Tablette und stelle mit Blick auf mein Ticket fest, dass es ein „ida y vuelta“-Ticket ist, also hin- und zurück. Stolze 82 Euro vielleicht umsonst. Ich wollte nur eine einfache Fahrt. Vielleicht geht es nicht anders, oder der nette Mann am Schalter hat unseren kleinen Kampf der Unsympathien doch gewonnen. Egal.

In Sevilla stehe ich gegen 18.30 wieder mit großen Augen (und immer noch dickem Kopf) in der Bahnhofshalle, ich habe keine Ahnung, wohin. Ich teste mal zwei Ausgänge, ob ich da zufälligerweise irgendwo eine Kathedrale sehe oder ein Schild mit „centro ciudad“. Der Gefallen wird mir aber nicht getan. Mal wieder scheinen sich alle um mich herum auszukennen, und mal wieder hätte ein Hauch von mehr Planung vielleicht doch nicht geschadet. Ich laufe mal los in eine Richtung, die ich intuitiv als Hauptstraße ansehen würde. Zum Glück frage ich ein freundliches Paar nochmal nach dem Weg. Sie zeigen genau in die andere Richtung.

Ich mache mich immer geradeaus leicht rechts haltend in diese Richtung auf den Weg. Meine Herberge liegt irgendwo zwischen Kathedrale und Bahnhof. Mein schlauer Ausdruck ist leider so klein, dass nur jede 10. Straße mit Namen abgedruckt ist. Das erschwert die Ortung dann doch etwas. Nach menschenleeren Straßen wird es irgendwann wirklich zentraler und lebhafter. Als ich gerade wieder geradeaus leicht rechts haltend weiterlaufen will, fällt mein Blick in eine sehr belebte kleine Seitengasse – und auf den blauen Sonnenschirm, den ich aus dem Internet und Streetview kenne. Meine Herberge. Eigentlich schon wieder ein recht beängstigender Zufall. Da laufe ich eine halbe Stunde immer geradeaus leicht rechts haltend durch eine große Stadt und finde schlafwandlerisch mein Hostal.

Der Herr am Empfang scheint meine Reservierung nicht bekommen zu haben, oder ich verstehe ihn nicht. Egal, für 25 Euro bekomme ich ein Zimmer. Das schockt mich im ersten Moment etwas; im Erdgeschoss ohne Fenster erinnert es ein klein wenig an eine Höhle oder eine kärgliche Klosterzelle. Aber es hat zwei Betten und sogar ein Waschbecken und ist sauber, also eigentlich perfekt. Ich fülle schnell mein Wasser nach und mache mich gleich noch mit dem Foto bewaffnet auf in die Stadt.

Ich durchquere einen großen Park und sehe ein interessantes Türmchen vor mir, in dessen Richtung ich mal steuere. Es handelt sich um die recht beeindruckende Plaza de España. Leider hat der Fluss kein Wasser, ansonsten wäre es ein fotografischer Traum.

Wie in einem Traum fühle ich mich ohnehin. Ich laufe hier völlig plan- und ziellos wie ein Entdecker durch eine wunderschöne Stadt, die an jeder Straßenecke etwas neues, faszinierendes zu bieten hat. Die Temperatur wird in der Abendsonne mit 32 °C angezeigt, und es wimmelt von entspannten Menschen, die hier bummeln und sich an blühenden Bäumen und Orangenbäumen freuen, während überall Pferdekutschen mit leuchtend gelben Rädern stehen und fahren.

Als nächstes gehe ich Richtung Kathedrale und setze mich zugleich ergriffen und entspannt auf die Treppenstufen gegenüber. Der Bau ist viel zu groß, um ihn komplett zu erfassen, aber allein die vielen Türmchen in der Abendsonne… traumhaft. Bei der Umrundung erwische ich eine offene Türe und eine Messe. Nach einem Jahr endlich wieder ein „Vater Unser“ auf Spanisch. Faszinierender noch als die eigentliche Messe finde ich mal wieder das Publikum. Eine lateinamerikanisch anmutende Gruppe von jungen Leuten bevölkert samt Koffern mit Fluganhängern und Kinderwagen die Hälfte der Bänke. Vermutlich geht es hinterher direkt in gediegene Clubs, aber vorher wird sehr inbrünstig gebetet. Einfach nur schön.

Nach der Messe setze ich mich draußen schon wieder auf die Stufen und lausche einem Geiger, der von „Time to say goodbye“ über „Schwanensee“ alles sehr virtuos schmettert. Ich kaufe mir ein Eis und setze mich noch einmal abschließend vor die Kathedrale. Die Stimmung hier begeistert mich absolut. Einerseits ist die ganze Stadt auf den Beinen, aber ohne auch nur einen Hauch von Hektik. Ich würde am liebsten den ganzen Abend hier auf irgendwelchen Mäuerchen und Stufen sitzen – und einfach nur sitzen.

Gegen halb 10 mache ich mich dann schweren Herzens doch wieder Richtung meiner Bleibe durch das Barrio de Santa Cruz auf. Die kleinen Gassen sind voller Restaurants; an den Tischen draußen sitzen Familien mit kleinen Kindern. Hier findet das Leben wirklich erst zu späterer Stunde statt. Meine Intuition erlebt einen herben Rückschlag, als ich mich eine Viertelstunde später genau vor der Kathedrale wiederfinde. Sicherheitshalber gehe ich dann doch wieder den Weg an der großen Straße und durch den Park zurück.

In meinem Hostal ist es recht laut und englisch. Keine Ahnung, ob das andere Pilger sind oder Sprachstudenten. Ich schnappe mir meine Ohrstöpsel und gehe schlafen.

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