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Posts Tagged ‘Arzúa’

Ich schlafe schlecht, ich bin innerlich in planerischer Panik wegen den kommenden beiden Tagen, die ich schnell laufen muss. Den letzten, um pünktlich in die Messe und auf meinen Flieger zu kommen, den heutigen, um sicher meinen Platz in der Herberge von Arca zu bekommen. Mit mir übernachten hier über 50 Leute, und in Arzúa mit einer guten halben Stunde Vorsprung sicher das Vierfache. Ich werde wieder von meiner alten Herbergspanik heimgesucht.

Ich frühstücke im Aufenthaltsraum meine klebrige Schneckennudel aus Mélide und vernichte einen halben Liter Orangensaft. Danach ist mir so schlecht, dass ich das süße Brot von gestern lieber gleich in der Herberge lasse. Direkt neben mich hat sich noch eine Koreanerin platziert, die völlig ungerührt Blasenchirurgie betreibt und ihr Betadine und ihre Kanülen fröhlich zwischen meinem Frühstück ablegt. Heute bin ich wohl zart besaitet.

Meine erste halbe Stunde habe ich in Ruhe, treffe in Arzuá dann aber wie zu erwarten auf Unmengen Pilger in Aufbruchsstimmung. Es ist ein Pulk sondergleichen, und ich bin ständig am die Lage nach hinten Checken für ein WC-Päuschen. Es dauert bestimmt eine halbe Stunde, bis sich endlich eine kleine Lücke ergibt.

Ich kann mich des Gedankens nicht erwehren, dass heute unheimlich viel „billiges Fußvolk“ unterwegs ist. Das meiste sind nicht einmal 100km-Pilger, sie laufen ganz ohne Gepäck oder mit Minirucksack. Und unheimlich schnell. Vermutlich wollen sie die kommenden beiden Etappen in einer machen und dann zum Papstbesuch in Santiago eintreffen. Während ich vor mich hintrotte, denke ich sehnsüchtig daran, wie leichtfüßig auch ich gestern ohne meinen Rucksack und meine Wanderschuhe durch die Gegend geflogen bin.

Sicherheitshalber sammle ich auf den letzten 100km zwei Stempel täglich, sodass ich heute ausnahmsweise irgendwo zwischendrin in einer Bar einen Stempel holen gehen muss. Vor mir erstürmt schon eine Gruppe die Location, in der bereits ein Haufen Pilger ein wildes Gewurstel am Tresen veranstaltet. Es ist eine Geschiebe und Gedränge und Credencialgefalte und -verstauen sondergleichen. Die Spanierin vor mir packt sogar ein vorgefaltetes Kunstwerk aus ihrem Umhängeklarsichtbeutel, fast 10 Credenciales so zusammengefaltet, dass sie sie im Akkord stempeln kann. Dann rennt sie auch schon wieder unter Ellenbogeneinsatz aus der Bar hinaus, wahrscheinlich, um ihre Gruppe wieder einzuholen. Der Großteil der Credenciales wurde wohl für Leute gestempelt, die den Camino überhaupt nicht zu Fuß begehen.

Der Inhaber der Bar lächelt etwas mühsam gequält. Wahrscheinlich erlebt er das täglich rund um die Uhr. Ich bin ja schon ganz verdattert von diesem kurzen Moment und stempele bedächtig mein Werk, als endlich einmal alle weg sind.

Kurz nach Mittag und gefühlte 1000 schnelle Pilger später biege ich angstvoll um die Ecke zur Herberge, wo aber erst erstaunliche 5 Pilger auf Einlass warten. Also habe ich die schnellen Pilger wohl intuitiv richtig eingeschätzt.

Die Herberge in Arca war wirklich jedes Mal ein Etappenziel von mir, ich fühle mich ein Stück weit schon zu Hause in den Gängen, der Küche, meinem Privatbadezimmer und dem kleinen Supermarkt. Und doch ist jedes Mal völlig anders, andere Stimmung, anderes Setting, andere Leute, andere Gedanken. Heute erscheint mir die Herberge sehr schmutzig und trostlos, was mich nicht weiter wundert. Ich fühle mich überhaupt nicht mehr wie eine Pilgerin, komme mir wie ein Fremdkörper vor in dem rasant zunehmenden Trubel. Alle scheinen sich zu kennen, alle lechzen nach Ankommen und nach Santiago, sind fast high. Ich dagegen bin völlig sachlich abgeklärt, habe den ersten Schritt meiner „Mission Heimkommen“ hinter mich gebracht und meinen Schlafplatz gesichert. Nun muss ich noch Internet finden, um meine Flüge zu überprüfen. Morgen um diese Zeit bin ich nicht selig am Ziel meiner Träume in Santiago, sondern bereits auf dem Heimflug. Ein bisschen traurig macht es mich, dass sich heute oder schon gestern die peregrina unbemerkt verabschiedet hat, aber andererseits bin ich auch erstaunlich gelassen. Nach meinem dicken Bein haben sich auch die verträumten Santiago-Illusionen mit einem Schlag verabschiedet; ich bin froh, dass ich es nun überhaupt zu Fuß in einem Stück nach Santiago schaffen werde.

Internet finde ich in einer privaten Herberge, wo ich auch Matthias treffe. Er logiert dort mit der Grinsekatze, und ich muss mich schon fast über mich selber wundern, dass ich fast ein bisschen traurig über meine Herbergswahl bin, wo ich nun wirklich gar keinen kenne. Meine Herberge ist fest in spanischer Hand, während sich hier sämtliche Koreaner und Nichtspanier zurückgezogen haben. Aber allein die Tatsache, dass der Empfang an einen Bankschalter erinnert, erwärmt mir nicht gerade das Herz.

Ich koche mir eine Abschlußpaella, die heute aber irgendwie eine merkwürdige Konsistenz hat, komisch schmeckt und sich nicht allzu grandios anfühlen will. Ich fühle mich unter all den Spaniern irgendwie unwohl. Sie reden untereinander so schnell und laut und hektisch, dass ich nichts verstehe. Aus unerfindlichen Gründen fühle ich mich ausgestellt und beobachtet, weil ich nicht so recht zur Masse gehöre. Ein Phänomen, welches ich sonst typischerweise nur vom ersten Tag auf dem Camino kenne.

Ich stelle meine Schuhe und Socken schon im Gang parat und aktiviere mein Handy, um für morgen früh den Wecker zu stellen. Morgen das Finale der „Mission Heimkommen“.

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Seit gut einer Woche schälen wir uns morgens in noch etwas klamme Stiefel, legen sämtliche Schichten Fleece und Regenmontur an, laufen 5 Stunden mit gesenktem Kopf durch grauen Nieselregen, ohne Pause, um nicht kalt zu werden. Und finden es jeden Tag aufs Neue einfach wunderbar. Wenn das mal nicht Camino-Magie ist.

Ich bin froh, mittags an der Herberge Jelle zu treffen; wir sind die ersten und bekommen Luxusbetten. Die Herberge ist in kleine Nischen eingeteilt, zum Gang hin rechts und links ein Stockbett, und hinten hinaus zu einem kleinen Erkerfenster zwei Einzelbetten. Diese Einzelbetten haben wir bekommen, und es ist ein ungewohntes und ausgesprochen angenehmes Gefühl, sich gemütlich von Bett zu Bett unterhalten zu können, ohne einen Buckel machen zu müssen oder sich ständig den Kopf anzuschlagen.

Hier hat es neben dem Luxusbadezimmer auch noch eine Luxusküche, sodass ich endlich mal wieder meine geliebte Pilgermahlzeit kochen kann, Pasta mit Tomatensoße, Paprika und Oliven.

Recht früh am Nachmittag taucht auch Angelo auf; offensichtlich ist selbst ihm heute aufgefallen, dass es regnet und kalt ist. Er setzt sich zu uns in die gemütliche Bettenecke. Wir beschließen, heute Abend zusammen zu kochen. Jelle fragt, wann denn Aurélie kommt, und nachdem ich mir ein aussagekräftiges Grinsen nicht verkneifen kann, ist Angelo etwas verschnupft und meint, das wisse er doch nicht. Ach so.

Dafür ist Angelo heute in ungewohnter Plauderlaune. Als Consultant gibt er Jelle zuerst einmal Tipps, wie er seinen Beruf entstressen könnte. Es ist für mich eine interessante Erfahrung, Angelo einmal in einem anderen Licht zu sehen. Für mich ist er eher der verträumte, selig lächelnde Philosoph, und die Facette des erfolgreichen und scharfsinnigen Marketing-Menschen ist beeindruckend.

Anschließend wird es wieder philosophisch, wie ich ihn kenne. In einem sehr beeindruckenden Gespräch erzählt er von einem Buch über die Geschwister Scholl und ihren gewaltlosen Widerstand. Ihn hat das sehr bewegt und beeindruckt, vor allem, sein Leben für einen höheren Sinn zu geben. Ich verstehe, was er meint. Er erklärt einen Vergleich zu einem Kuchen, bei dem man an der Oberfläche bleiben könnte, oder es gäbe eben Menschen, die wollten tief in den Kuchen, wollen Fragen beantwortet, wollen mehr wissen, müssen Risiken eingehen. Die Situation ist einmalig und irgendwie bewegend. In unserem Eckchen sitzen wir auf unseren Betten, Jelle versteht nicht so furchtbar viel, während Angelo 10 Minuten mit leuchtenden Augen und seinem doch sehr ausgeprägten italienischen Akzent von „peoppel who a in da cake!“ und „peoppel who a not in da cake!“ philosophiert. Ob der Cake letzten Endes ein stimmiges Beispiel ist oder nicht, ich verstehe, was er meint und dass ihm dieses Thema in dieser Lebensphase sehr auf der Seele brennt. Auch mir ist das nicht fremd, und als er schließt, dass wir wohl beide „in da cake“ sind, ist das die schönste Beschreibung unserer Freundschaft überhaupt. Angelo strahlt mich stolz und zufrieden an, als wäre ich ein Goldklumpen, der ihm gerade vor die Füße gefallen ist.

Mit großem Hallo kommen die beiden Ungarn (bzw. nur einer ist laut. Der mit der Bundeswehrhose schweigt eigentlich immer). Auch Aurélie und Mutter treffen patschnass ein, zu Angelos sichtbarer Erleichterung. Wir machen gerade reihum Fotosession auf unseren Betten, auch Aurélie will knipsen. Es gibt tolle Nebelbilder, weil ihr Foto noch beschlägt. Und nachdem sie sich mit patschnasser Hose den beiden Herren auf den Schoss setzt, strahlen die Bilder nachher auch eine sehr ungekünstelte Heiterkeit und Ungezwungenheit aus.

Mit der ist es dann schlagartig vorbei, als Jelle, Angelo und ich losziehen, um für den Abend in großer Runde einzukaufen. Ich möchte am liebsten meine Paella machen und bin leider kein Anhänger der lauten Großveranstaltung. Auch nicht von stundenlangen Überlegungen im Supermarkt. Mein Vorschlag, dass ich doch einfach Paella mache als Vorspeise, und der Rest kann schauen, was er sonst noch machen möchte, ruft bei Angelo eine skeptisch-kritische Stirnfalte hervor. Man müsse doch jetzt erst einmal generell klären, ob die Paella nun erste oder zweite Speise sein soll. Er möchte dann die verwendete Reismenge noch in einem komplizierten Verfahren durch seinen Thunfisch und seine Eimenge multiplizieren, um auf den optimalen Eiweißgehalt verbunden mit der richtigen Kalorienzufuhr zu kommen. Allein schon die zwei verschiedenen Thunfischsorten bewegen ihn dazu, eine Abstimmung durchführen zu wollen, und bei seinen veranschlagten vier Eiern pro Person spar ich mir meinen Einwand dann auch ganz schnell, als er wieder mit der Muskelmasse-Wander-Energie-Logik aufwartet. In einem unbeobachteten Moment fallen Jelle und ich uns in die Arme in einer Mischung aus Verzweiflung und Amusement. Glücklicherweise läuft das bei uns sonst komplikationsloser.

Ich bin etwas genervt am Kochen, nachdem Angelo nun auch Zweifel hat, ob die Qualität meines Werkes zu dem Abend passt. Ich bin geneigt, das superkollegiale Gruppenessen zu verwünschen, es beschränkt  mich schon wieder enorm in meiner Camino-Freiheit.

Der laute Ungar möchte auch etwas zum Essen beitragen, er kocht uns eine typisch ungarische Suppe. Ich sehe, wie Angelo mit gerunzelter Stirn die primero-segundo-Frage durcheinandergewürfelt sieht und bin einem Anfall nahe. Zum Glück wendet er sich aber lieber konzentriert dem Aufschlagen seiner 28 Eier zu.

Meine Paella muss auf die geplante spezielle Würzung verzichten. Ich bin mir zwar sicher, mittags noch ein fast volles Glas Paprikapulver in der Küche gesehen zu haben. Als ich Jelle danach frage, zeigt er grinsend auf den Ungarn. Neben diesem steht tatsächlich das komplett entleerte Glas.

Wir sind mit Kochen und Tischdecken fertig, als ein älterer Amerikaner in die Küche kommt und sich sehr penetrant in unsere Runde einlädt. Für meinen Geschmack ist er ein bisschen merkwürdig, er möchte hinterher in einer Zeitung schreiben. Er findet es beeindruckend, „part of a historical movement“ zu sein. Irgendwie ist er so begeistert von dem Gesamtkonzept, den Klischees und was ja andere davon denken könnten, dass er ganz vergisst, wirklich darin einzutauchen.

Entgegen meiner leichten Abneigung gegen die auferlegte Großrunde und die gesamtheitlich beschlossene Feierstimmung ist es ein netter Abend. Selbst Angelo zeigt sich überrascht von meiner Paella, ich hätte die ja wirklich gekocht und gewürzt (was dachte der denn?). Zum Nachtisch gibt es Santiago-Mandeltorte von Aurélie.

Im Bett bin ich ein Stück weit erschöpft. Ich freue mich langsam aufs Ankommen sowie auch auf zu Hause, um meine neu gewonnenen Erkenntnisse in die Realität umsetzen zu können. Auch tut heute mein rechter Fuß ein bisschen weh; es passt genau, dass Santiago naht.

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Die Nacht ist erstaunlich warm, ich friere nicht wie üblich in meinem ultraleichten Ultrabilligschlafsack. Zum Frühstück habe ich gleich noch eine leckere Fleisch-Empanada von gestern (die Vorräte müssen ja mal weg).

Das Wetter ist heute besser, es nieselt nur noch und schüttet nicht mehr. Vielleicht kommt es einfach immer auf den Vergleich an – etwas, was mich schon wieder an Angelos Geschichte gestern denken lässt. Eigentlich ist nie etwas ganz gut oder ganz schlecht, vielleicht ist vieles wirklich nur eine Einstellungsfrage.

Ich laufe schon wieder mit Jelle, als wir Mélide erreichen, eine größere und industriellere Stadt als sonst üblich. Hier hoffe ich, meinen Teleskop- Stock repariert zu bekommen. Ein Stück hat sich verklemmt, ich bekomme ihn nicht mehr klein zusammen. Zum einen ist mir das klappernde Stöckeln etwas lästig, zum anderen muss ich ihn ja spätestens für die Heimreise wieder klein in meinen Rucksack bekommen. So steuern wir ein Geschäft an, das sehr nach Handwerkerbedarf aussieht. Trotz zahlreichen Bohrmaschinen hat der Verkäufer aber keine Zange (oder versteht mein Problem nicht) und deutet auf die andere Straßenseite. Dort ist eine Autowerkstatt, die wir etwas zögerlich betreten. Weit und breit kein Mensch, und ich will es fast schon wieder sein lassen, als ein Männchen in der hintersten Ecke extra sein Schweißen unterbricht. Mir ist es etwas unangenehm, aber nachdem wir jetzt schon da sind, schildere ich eben mein Stockproblem. Der Mann ist sofort bei der Sache und zieht und zerrt herum. (Nachdem sowohl ich als auch Jelle und Angelo schon daran herumgezerrt haben, wundert es mich nicht, dass ohne Erfolg). Er greift zu einer Zange, aber auch das ohne Erfolg. Ich möchte sagen „na gut, dann halt nicht, vielen Dank trotzdem!“, aber er läuft schon zu einem Schraubstock. Mir wird ganz anders (vor allem, da er jetzt mit voller Hebelgewalt in die falsche Richtung dreht). Nachdem auch das erfolglos bleibt, kramt er diverse Sprays hervor, um eventuellen Rost zu lösen. Mir tut der ganze Aufwand leid, aber offensichtlich habe ich hier spanischen männlichen Ehrgeiz geweckt, und der ist durch nichts zu bremsen. Zumindest nicht durch eine schlecht spanisch radebrechende Pilgerin. Irgendwann gibt er sich doch geschlagen, entschuldigt sich mehrfach und lehnt Bezahlung rigoros ab. Zwar kein reparierter Stock, aber immerhin haben wir ein weiteres Mal erlebt, welchen Respekt und welche Freundlichkeit Pilger entlang des Weges von der einheimischen Bevölkerung entgegengebracht bekommen.

Passend zum aufklarenden Wetter werden heute auch meine Gedanken deutlich klarer. Die Worte von Angelo sind mir allgegenwärtig, und von Pessimismus, Depression und negativem Denken möchte ich mich für die Zukunft befreien. Wie auch in der Meseta, als ich eine gewisse Beruhigung und Vollendung gefunden habe, indem ich der Engländerin den Muschelanhänger gegeben habe, überkommt mich eine Idee wie eine Eingebung. Ich frage Jelle, ob er mir einen Gefallen tun würde. Ohne zu wissen, um was es geht, sagt er sofort ohne zu zögern ja, und beginnt wild herumzuraten, um was es gehen könnte. Ich bin fast überrascht, auf was er alles kommt, und was er alles für  mich tun würde. Ich unterbreche seine lustigen Gedankengänge und erkläre ihm, worum es mir geht. Ich möchte meine Jakobsmuschel in Muxia im Meer versenkt haben. Normalerweise begleitet mich meine Muschel den ganzen Camino durch Höhen und Tiefen und ist mir wie ein Glücksbringer. Diesen Camino habe ich nicht so richtig Freundschaft mit meiner Muschel geschlossen, ich habe sie recht seelenlos schnell in Burgos gekauft. Dabei denke ich eigentlich, eine Muschel muss einen finden, so wie bei Harry Potter der Zauberstab sich seinen Besitzer aussucht. Ein Stück weit möchte ich diese nicht stimmige Muschel loswerden, und vor allem mit ihr all die Erkenntnisse und Abschiede, die ich auf diesem Camino gesammelt habe. Zu Muxia habe ich ein ganz besonderes Verhältnis, vom Gefühl her ist das genau der passende Ort. Ich kann dieses Mal leider nicht selber bis ans Ende der Welt laufen, aber Jelle wird dorthin gehen. Er fühlt sich sehr geehrt ob dieses Auftrags und möchte seine Muschel dann auch gleich dazubinden, als Zeichen der Bande zwischen uns. Mir ist das eher unrecht, zum einen soll er seinen Glücksbringer mal schön behalten, und zum anderen versenke ich damit doch einen Teil von mir, den ich hinter mir lassen möchte.

In Arzúa bin ich gespannt auf die Herberge, die ich noch nicht kenne. Wir finden die städtische Herberge, und ich bin sehr positiv überrascht. Es gibt einen riesigen Schlafsaal mit schönen Holzbetten, die ganze Herberge ist großzügig und mit viel Holz. Außer uns ist erst ein Deutscher da, sodass wir unsere doch rundum feuchten Sachen weiträumig ausbreiten können. Er ist in den Pyrenäen gestartet, und auf meine Frage, ob er sich denn nun nach so langer Zeit aufs Ankommen freut, bekommt er fast einen Tobsuchtsanfall. Offensichtlich nicht. Auch scheint er noch deutlich mehr unter den Pilgerneulingen zu leiden als ich. Ich finde es in manchen Momenten ein wenig schade für die Stimmung, aber er verwendet derart gesalzene Kraftausdrücke für alles, dass ich mich auch schon etwas verängstigt lieber wieder Jelle zuwende.

Heute sprechen wir ausnahmsweise eher über ihn. Wir sind schon sehr grundlegend verschieden. Während meine Gedanken die meiste Zeit wild Karussel fahren, ich alles durchdenke und mich wegen allem sorge und ängstige, findet er Sorgen und Ängste nicht sinnvoll. Wenn sich irgendein Zweifel in ihm regt, dann verbannt er ihn einfach willentlich, und schon ist da kein Zweifel mehr. Ich bin recht erschlagen von dieser Lebensphilosophie.

Ich nehme mir ein bisschen Zeit für mich, höre in mich hinein und schreibe drei wesentliche Ziele für mich nieder, die als positive Richtungsweisung mit in das Meer sollen. Dann übergebe ich die Muschel Jelle, es ist ein richtig feierlicher Moment, und er knotet sie mit einer Behutsamkeit an seinen Rucksack und zu seiner Muschel, als wären es die englischen Kronjuwelen.

Wir gehen in den schon bekannten tollen Supermarkt und essen im Foyer der Herberge an den dafür vorgesehenen Tischen. Auch hier gibt es wieder eine moderne, schicke Tür zur Küche – nur eine Küche selber natürlich nicht.

Ein junges Pärchen kommt an die Rezeption und beäugt erst einmal kritisch die Herberge. Die weibliche Komponente verzieht das Gesicht, sodass sie weiterziehen. Nach einer Stunde sind sie dann doch wieder da und checken ein. Ich komme mit dem jungen Mann ins Gespräch, es sind Studenten aus Deutschland. Ich habe sehr wenige junge Paare hier getroffen, ich stelle es mir aus eigener Erfahrung auch ungleich schwieriger vor. Das Kerlchen ist offensichtlich mit einer Lebenseinstellung wie Jelle ausgestattet, ihn kümmert und besorgt nichts. Weder die Tatsache, dass seine Freundin die Krise bei der Herberge hier kriegt, noch, dass die Freundin kaum mehr einen Schritt laufen kann. Sie kommt mitleidserregend die Treppe herunter, lässt sich auf eine Bank fallen und bleibt dort lethargisch sitzen. Ihr eines Bein ist vom Knie abwärts doppelt so dick, dem fröhlichen Geplapper ihrer besseren Hälfte nach tut es höllisch weh, sodass sie jetzt mal nach einer Apotheke schauen wollen. Die Arme schläft derweil vor Erschöpfung ein.

Eine halbe Stunde später steht er strahlend wieder im Foyer, die Freundin schleppt sich Minuten später hinterher. Ich gebe zu bedenken, dass sie zu einem Arzt sollte und dass sie nun wohl erstmal pausieren müssen. Er guckt mich an wie von allen guten Geistern verlassen, nein, morgen geht es weiter, 25 km, das ist ja wenig, da kann sie sich ja dabei erholen. Sie hängt derweil wieder mit dem Kopf auf der Tischplatte, und ich bin irgendwie geschockt von dieser Gesamtperformance.

Zum Abend hin trudeln auch noch Angelo und Aurélie samt Mutter ein. Sie versinken mit Jelle wieder in der Planung und Koordination des gemeinsamen Abendessengehens. Ich will zum Glück ohnehin in den Gottesdienst und bin froh, eine plausible Ausrede zu haben.

Ich esse noch schnell einen netten Thunfischsalat mit Mais und Oliven, bevor ich mir ein frühes Zubettgehen gönne.

Heute habe ich das Gefühl, einen großen Schritt weitergekommen zu sein.

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