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Posts Tagged ‘Villafranca del Bierzo’

Nach einer allein schon stundentechnisch recht langen Nacht mit vielen Wachphasen, vielen Gebeten und viel gefühltem dicken Bein wache ich morgens zumindest ein Stück weit beruhigt und geerdet auf. Vielleicht habe ich wieder einen Muskelfaserriss, vielleicht ist damit Ende mit Laufen, aber mir bricht damit ja keinerlei Welt zusammen. Die Compostela brauche ich eh nicht, wollte ich diesmal ja ohnehin nicht unbedingt. Die Strecke kenne ich, Bus genommen habe ich dieses Mal auch schon. Mir bricht wirklich kein Zacken aus der Krone, wenn ich nun nochmal abkürzen muss. Vermutlich ist es etwas anderes, wenn man von weit her kommt, sich mit dem Camino einen Lebenstraum erfüllt, seit Wochen oder Monaten unterwegs ist und einfach um jeden Preis manierlich pilgernd Santiago erreichen will. Insofern tangiert mich auch mein immer noch dickes und treppenunwilliges Bein heute am Morgen nicht so besonders.

Ich frühstücke mit einer Amerikanerin und einer Kanadierin. Während mein Frühstücksluxus daraus besteht, dass ich zu einem süßen Teilchen einen lauwarmen Pfefferminztee aus der Mikrowelle trinke, bevölkern die beiden den halben Tisch mit fröhlichem Müsli-Geschnibbele. Aus einem halb-Kilo-Beutel kommen Haferflocken, dazu eine halbe Birne, halbe Banane und ein halber Apfel, plus diverse Milch-Produkte. Der Rest wird wieder sorgsam zugeklebt eingepackt. Ich bekomme akut ein schlechte-Ernährung-schlechtes-Gewissen und bin ganz baff, was die so alles mitschleppen. Im letzten Moment fällt mir ein, dass eine der beiden ihren Rucksack transportieren lässt. Ich bin beruhigt und verschiebe die Vollkornflocken mit gutem Gewissen auf nach meiner Heimkehr.

Nachdem ich beintechnisch doch etwas verunsichert bin, frage ich die beiden, ob sie denken, dass das normal ist. Die Amerikanerin guckt mich fast entgeistert hat, ja natürlich, nach den Bergen, ihnen würden auch total die Beine weh tun. Bei jedem Schritt die Treppe hinunter, und sie macht eine nette allgemeinverständliche Untermalung mit ihrer Gesichtsmimik dazu. Für einen Moment frage ich mich, wie doof ich eigentlich mal wieder bin, Muskelkater nach einem Abstieg kenne ich doch eigentlich wirklich. Es überwiegt aber einfach die Erleichterung.

Derart erleichtert mit schlichtweg etwas Muskelkater in den Waden mache ich mich auf den Weg. Zu meinem ehemals so heißgeliebten Hannah Montana Schirm habe ich mittlerweile ein leicht gespaltenes Verhältnis. Die Motivation, darunter trocken begeistert durch die Gegend zu spurten, war vielleicht etwas kontraproduktiv. Am Abzweig zum Camino Duro ringe ich für einen Moment mit mir. Zu gern würde ich ihn doch wieder laufen, nachdem ich nun ja gar nicht wirklich lädiert bin. Allerdings habe ich bei meinen nächtlichen Gebeten versprochen, in Zukunft sorgsamer mit mir umzugehen, auf den Camino Duro zu verzichten und auch immer schön brav Pausen zu machen, wenn es nur wieder ein bisschen besser wird. Vermutlich sollte ich mich an meine eigenen Bedingungen halten.

So marschiere ich sehr wehmütig die stinklangweilige Straße entlang. Es zieht sich endlos, dank des üblichen Nebelregens ist alles grau in grau, und ich ahne zu sehr die Sonne und das erhabene Gefühl in der Höhe.

In Pereje mache ich brav meine erste Viertelstunde Pause, in Trabadelo gleich die zweite. Diese Form des auf sich Achtgebens macht Spaß und ist ein gutes und neues Gefühl. Achtgebenderweise packe ich meine Füße aus und höre in mich hinein, ob es ihnen auch gut geht. Tut es, nichts drückt oder reißt. Zur Vervollständigung der Kontrolle gucke ich mir noch interessehalber mein Problembein an – und kriege einen Riesenschreck. Ich bekomme die Hose kaum mehr über die Wade, das Ding ist monströs angeschwollen und scheint locker einen Liter mehr als sonst zu fassen. Jegliche Überlegungen, ob mir das nur mal wieder so scheint, erübrigen sich beim Anblick der Venen, die ich sonst nie sehe, und die nun dick an der Oberfläche heraustreten wie Krampfadern auf einem übervollen Euter. Wie ein dickes, bleiches Euter sieht mein Bein ohnehin aus, und mir wird so richtig schlecht. Muskelkaterlogik in allen Ehren, aber da ist wieder etwas mehr als kaputt, und sofort kommen mir auch wieder Zweifel, ob das vor 1 1/2 Jahren wirklich ein Muskelfaserriss war oder doch etwas mit den Venen. Ich kriege hellauf Panik, vor allem angesichts des Sonntags und morgendlichen Feiertags in dieser Ansammlung von kleinsten Kuhkäffern.

Ich bin wie betäubt, kann keinen klaren Gedanken fassen, mir wird nur immer schlecht, wenn ich daran denke, was ich da links vom Knie abwärts habe. In meinem Kopf jagen sich alle möglichen Gedanken, ob ich nun zu einem Arzt muss, wo sich wohl einer finden könnte, ob ich besser nach Villafranca zurückgehe, ab wo ich einen Bus über die Berge nehmen kann. Ich erinnere mich, an Vega de Valcarce mal mit einem Bus vorbeigefahren zu sein. Aber zuerst muss ich wissen, ob dieses Riesenbein gefährlich ist, und das kann mir in Vega de Valcarce sicher niemand sagen. Ich schwanke zwischen Weitergehen bis Ruitelán, wo es in der Herberge einen besorgten Hospitalero mit Kenntnissen in Shiatsu und Homöopathie geben soll. Der käme mir gerade richtig, könnte mir vielleicht sagen, was das ist oder noch besser, mich gleich mit dem passenden Kügelchen oder rätselhaftem Griff wunderheilen. Die andere Alternative hieße wie geplant La Faba, wo auch der Österreicher absteigen will. Auch ihm traue ich einen wundersamen Massagegriff zu, notfalls würde ich mich auch mit seiner mysteriösen Urschrei-Therapie kurieren lassen oder mich von mir aus den ganzen Abend über irgendwelche Bodenplattenlinien bewegen, um verschiedene Energien aufzunehmen und abzuleiten. Allerdings bin ich mir nicht sicher, ob er wirklich dort stoppt. La Faba ist weit, es geht vor allem den Berg hoch, und dort sitze ich dann ohne jegliche Busverbindung mitten am Berg und muss am nächsten Tag zu Fuß über O Cebreiro. Mein völlig rotierendes Hirn entschließt sich für den Wunderhospitalero in Vega de Valcarce – Nähe.

Ich bin völlig kläglich und wirr und panisch besorgt, als ich irgendwann in Ruitelán ankomme. Es ist gerade 13.00 Uhr, laut Zettel an der Herberge Öffnungszeit. Ich trete etwas zaghaft ein und löse ein lautes Glockengeläut aus. Nach einer Weile erscheint ein Mann im Türrahmen, und als ich schüchtern frage, ob schon offen wäre, brummelt er vor sich hin, dass ich sonst ja wohl nicht da wäre. Halleluja. Ich bin noch verzagter und frage ganz sicher noch nicht wegen meines Beins.

Ich suche mir ein Bett in der noch leeren Herberge aus und dusche. Danach setze ich mich in den Aufenthaltsraum mit Blick auf die regnerische Straße und lese im Gästebuch. Demnach ist die Herberge, die Hospitaleros und vor allem das Essen der Hammer. Beruhigend. Ich beginne mit meiner Bändelmeditation, um meine Gedanken wieder ein bisschen unter Kontrolle zu bekommen. Momentan habe ich nicht nur ein dickes Bein, sondern vor allem einen total unkontrolliert sorgenden Kopf.

Wildes Glockengeläut kündigt die nächste Pilgergruppe an. Der Hospitalero schält sich aus dem Untergeschoss, ähnlich überschäumend wie bei mir. Eine etwas übermotivierte Pilgerin fragt hektisch, ob es hier eine Holländerin hätte. Der Hospitalero antwortet tonlos „nein“. Die Pilgerin erklärt, dass sie nämlich auf eine wartet und die hier sein müsste und und und. Nachdem auch ein weiteres tonloses „nein“ nicht zur Einsicht führt, poltert er, dass es hier exakt einen Pilgerin hätte, die wäre nicht holländisch, und dann sollten sie eben verschwinden und ihre Holländerin wo anders suchen. Glockengeläut Tür zu. Oha, ich frage erst recht nicht wegen meines Beins.

Eine halbe Stunde später klingelt es erneut, diesmal höre ich vom Gang bemühtes spanisches Radebrechen mit recht beeindruckendem Akzent. Die eh schon etwas schrille Pilgerin erkundigt sich sehr höflich nach den Herbergsmodalitäten und ob es eine Küche hätte. Auf ein tonloses „nein“ schraubt sie überrascht ein paar Tonlagen hoch und wiederholt etwas zu häufig und zu laut ungläubig „no hay cocina?!“. Wieder platzt dem Hospitalero schier der Kragen, und er bringt sie mit einem ähnlich lauten „NO HAY COCINA!!!“ dann wirklich zum Schweigen. Ich male mir schon gar nicht mehr aus, nach meinem Bein zu fragen.

Der nächste Wutanfall schwebt beim nächsten Klingeln im Raum, nachdem zwei neue Pilger eintreffen und auf ein Riesenchaos im Flur treffen. Die Französin hat den Hinweis, nasse Sachen im Flur zu lassen, etwas zu wörtlich genommen und liebevoll alles auf den Bänken und dem Boden ausgebreitet. Ich sitze höchst kleinlaut einfach friedlich bändelknüpfend auf meinem Klappstuhl und hoffe, nicht irgendwie in Ungnade zu fallen. Die beiden Neuankömmlinge sind jung und auf den ersten Blick ein klarer Fall von Caminoliebe. Die Nationalitäten lassen sich schwer ausmachen. Der Mann spricht perfekt Spanisch, die Frau auch sehr gut, aber untereinander reden sie Englisch (auch das recht perfekt, aber zumindest sie wohl auch nicht muttersprachlich). Sie beschließen, jetzt erstmal Mittag zu essen. Hinter meiner Tür wird mir ganz anders, ich suche intuitiv eine Fluchtmöglichkeit. Nach idyllisch zarter Bande neben mir ist mir heute grad gar nicht, zumal es mir jedes Mal etwas weh tut, diese Caminopärchen zu sehen. Wenn ich Bestandteil eines solchen war, habe ich mir nie Gedanken gemacht, wie das auf die anderen Pilger gewirkt haben mag. Nun aus der außenstehenden Sicht fällt mir viel eher auf, welch eine uneinladende Mauerwirkung sich um zwei Menschen rankt, die nur Augen und Schwingungen füreinander haben. Meist habe ich eh schon Hemmungen, so jemanden anzusprechen, und noch erst recht, wenn die Damenkomponente sich wie ein Platzhirsch aufführt.

Mir ist also schon höchst unwohl, als die Tür aufgeht und sich die beiden schwer bepackt am Tisch ausbreiten. Die Damenkomponente erkenne ich wieder, ich bin ihr in Molinaseca kurz vorgestellt worden. Auch jetzt füllt ihr strahlender Gruß den ganzen Raum, gefolgt von der Entschuldigung, dass sie sich an meinen Namen nicht mehr erinnert. Die männliche Kompontente grüßt weniger und stellt sich erst recht nicht vor, aber kaum haben die beiden mit essen begonnen, fragt Anke aufgeräumt, woher ich denn nun nochmal komme und ob ich wirklich schon 7 Caminos gelaufen bin und welche… ich bin sehr überrascht, derart in das Gespräch eingebunden zu werden. Anke hat etwas sehr, sehr spezielles an sich. Vielleicht sind es die großen Augen, dass allzeit breite, strahlende Lächeln oder die wild abstehenden, blonden Haare, die ihr eh schon ein sonniges Aussehen verleihen. Aber auch alles, was sie sagt, wirkt wunderbar interessiert und offen. Falls sie aus Höflichkeit die augenscheinlich nicht allzu glückliche, einsame Pilgerin in das Gespräch mit einzubeziehen versucht, macht sie das jedenfalls hervorragend, ich fühle mich plötzlich locker und entspannt in ihrer Gesellschaft. Nur Joaquin verunsichert mich etwas. Er sagt nichts, guckt mich nicht an, grinst höchstens etwas schief ab und zu einen schnellen Kommentar zu Anke. Vermutlich ist er nicht ganz so glücklich über den Störenfried in der trauten Zweisamkeit. Ich habe ohnehin ein ganz heftiges Deja-vu; mit seiner Abwesenheit und seinem reichhaltigen Fluchen erinnert er mich unglaublich an Kristian.

Irgendwann richtet er dann doch mal das Wort an mich (allerdings ohne mich näher anzuschauen). Ich wäre ja auch recht schnell, begleitet von einem abwesenden Grinsen irgendwohin auf seinen Teller. Ich kann nicht so recht einordnen, was er damit meint und vermute es als Ironie meines heutigen Tempos. Nein, er meint wirklich, er hätte mich da mal mit einer Koreanerin gesehen. Schnell gelaufen dieses Jahr bin ich selten, und wenn, dann in Einsamkeit mit meinem Regenschirm. Und mit einer Koreanerin erst recht nicht. Doch, doch… er weiß nur nicht mehr, wo. Während ich mit Anke weiterrede und er weiterisst, wirft er alle paar Sekunden irgendeinen Ort ein, an dem er mich gesehen zu haben meint. Mittlerweile ist er sich so sicher, dass er mich sogar fast schon mit triumphierendem Blick direkt anschaut. Allerdings sind es alles Orte irgendwo vor Burgos oder in der Meseta um León herum, wo ich ganz definitiv in einem spanischen Bus gesessen bin. Er verschwindet, um mit seinem Führer zurückzukehren. Während er weiterisst, fährt er mit dem Finger die einzelnen Orte ab. Er sucht ernsthaft noch nach dem Ort, wo er mich gesehen zu haben meint. Ganz sicher verwechselt er mich, ich habe ihn schließlich noch nie gesehen, aber nein, nein, nein, er sucht geistesabwesend weiter. Nach vielen weiteren Orten in der Meseta produziert er mit einem Mal strahlend etwas hinter Astorga heraus, ich hätte mit einer Koreanerin vor einer Kirche gesessen. Gesessen, na gut, das dämmert mir. Das war You-Seok vor Rabanal, als wir vor der englischen Herberge gewartet haben. Und mit einem kleinen Schrecken dämmert mir, dass Joaquin der gewesen sein könnte, der etwas begriffsstutzig nach einer Herberge gefragt hat und dem ich unter Nachwirkung der argentinischen Dramaqueen vermutlich etwas zu resolut die Beschilderung gezeigt habe. Mir schließt sich der Kreis, ich bin also nicht schnell im Sinne von hoher Geschwindigkeit, sondern schnell im Sinne von mit langen Tagesetappen unterwegs. Joaquin lächelt höchst befriedigt vor sich hin, und ich scheine sogar minimal in seiner Gunst gestiegen zu sein, jetzt, wo er mich passend einordnen kann.

Es klingelt, diesmal kommen zwei Spanier, die sich glücklicherweise absolut problemlos einfügen und den armen Hospitalero nicht wieder zur Weißglut bringen. Anke kennt beide schon, wieder knipst sie ein besonders strahlendes Lächeln an und bewirkt ein rundum gemütliches „Willkommen zu Hause“-Gefühl. Je länger ich mit ihr spreche, desto mehr muss ich meine Caminoliebetheorie widerlegen. Zwar bewirkt es eine wundersame Verstärkung, wenn sie und Joaquin sich verschwörerisch anstrahlen, aber eigentlich strahlt sie immer derart, ob nun für Joaquin, mich oder die Spanier. Und sie erzählt mir, dass sie verheiratet ist und ihr Mann mit einer Etappe Zeitverzögerung hinter ihr herläuft.

Einer der beiden Spanier trägt eine Brille zur Halbglatze und sieht recht seriös aus. Sein Kumpan ist in meinem Alter, extrem gutaussehend und von einer Fitnessstudio-geformten Modelfigur. Mit einem strahlenden Lächeln sucht er den Boden nach einem Platz ab, wo er seine Isomatte ausbreiten kann, um ein halbstündiges Workout zu starten. Sein Kollege und Anke kennen das schon, anscheinend geht er jeden Tag nach dem Wandern noch einen halbe Stunde durch das Dorf rennen und dann seine Übungen machen. Heute fällt das Rennen ausnahmsweise flach, weil sie sich mehrstündig verirrt haben. Die kleine Runde lacht sich halb kaputt, wie man sich hier verirren kann. Es herrscht eine ausgelassene Stimmung, während Miguel in einer eleganten weißen Trainingshose diszipliniert Liegestützen und Sitzups macht und zwischen konzentriertem Schnaufen noch ab und zu strahlend in die Runde lächelt.

Vor lauter Strahlen und gelöster Stimmung bin ich mittlerweile schon wieder so sortiert, dass ich bei nächster Gelegenheit den Hospitalero abpasse und doch wegen meinem Bein frage. Wie zu erwarten, zeigt er sich moderat enthusiastisch, immerhin poltert er nicht. Dass ich Wasser im Bein habe, kann sicher nicht sein. Und gefährlich kann es natürlich auch nicht sein. Meine zaghafte Frage, ob ich damit weiterlaufen kann, kommentiert er irritiert mit einem tonlosen „natürlich“. Ich falle überrascht aus allen Wolken, und er erklärt etwas gereizt, dass man halt einfach vorsichtig laufen muss, aber dass das kein Problem wäre. Aha, okay, mhm… ich bin etwas überrumpelt und frage noch, was ich da jetzt machen kann. Er guckt eine Mischung aus gelangweilt und gereizt, dass ich doch sicher schon gesehen hätte, wie Pilger Creme auf die Beine tun. Und etwas massieren. Und etwas stretchen. Er guckt mich an, als wäre ich schon ausgesprochen umständlich und schwer von Begriff. Ich bin sehr durcheinander. Grundlegend muss ich mich zwischen zwei Varianten entscheiden, entweder, ich halte den Knaben für kompetent oder für inkompetent. In letzterem Falle, den mein Verstand sehr bevorzugen würde, ist er der Hospitalero der beiden, der keine Ahnung von Shiatsu und Co hat, ich kann nichts auf sein Urteil geben, bin genauso schlau wie vorher und sitze sehr aufgeschmissen ohne schlauen Rat mit einem potenziell gefährlichen Bein da. Und kann den Rest des Tags, die Nacht und die kommenden Tage bis zur nächsten größeren Stadt munter durchdrehen. Oder ich unterstelle ihm Kompetenz, habe demnach kein Wasser in den Beinen, auch sonst überhaupt kein Problem, kann morgen bedenkenlos über mit den höchsten Berg des Caminos, muss nur einfach ein bisschen bedächtig gehen und jetzt ein wenig cremen, massieren und stretchen. Letztere Variante heilt zumindest meinen Kopf mit einem Schlag, und ich beschließe, mich dafür zu entscheiden. Es gelingt mir auch erstaunlich gut.

Den Rest des Nachmittags sitze ich mit der rundum positive Schwingungen verbreitenden Gruppe im Aufenthaltsraum, höre Entspannungsmusik im Hintergrund und creme stundenlang meine halbe Tube Arnikacreme in mein Monsterbein, das ja gar keins ist. Irgendwann steht ein Rotschopf im Flur, er hat die falsche Tür genommen und ist dem Glockengeläut entkommen. Ich klingele noch schnell pflichtbewusst nach. Nach einer englischen Einweisung entpuppt er sich als Deutscher, und nach einer weiteren Stunde kommt zu seiner großen Freude noch sein österreichischer Kollege an, der auch irgendwie nett, vertrauenserweckend und sympathisch aussieht.

Ich erfahre von den Spaniern, dass sie zusammen auf Menorca in einem Club arbeiten (der Bebrillte an der Rezeption, sein Kollege erstaunlicherweise nicht als sportiver Animateur, sondern an der Bar). Aus Joaquin lässt sich eher mühsam herauspressen, dass er Brasilianer ist, in Holland geboren, momentan lebend in Portugal, aber zwischendurch auch in Frankreich, Spanien, Amerika und sonstwo. Er spricht einfach alle Sprachen fließend. Ich muss mich eh schon immer sehr am Riemen reißen, nicht Kristian in ihm zu sehen. Er hat eine sehr anziehende Aura, wie ich sie normalerweise nur bei Seelenverwandten verspüre. Seelenverwandt sind wir aber überhaupt nicht, unsere Kommunikation ist extrem harzig, er schaut mich häufig unverständig und entgeistert an (sofern er überhaupt schaut und nicht irgendwo verträumt die Wand betrachtet). Sein Blick verleiht mir regelmäßig den Eindruck, dass er mich für reichlich bescheuert und retardiert hält. So auch, als ich frage, was er im normalen Leben so mache. Er antwortet der Wand mit verklärtem Lächeln, dass er ein „emotional healer“sei. Ich fühle mich reichlich dämlich, dass ich damit rein gar nichts anfangen kann. Er ist sehr faszinierend, allein von seiner Lebensgeschichte, seinem Wesen und seinem Aussehen. Er erinnert an einen Elf, unglaublich filigran und ätherisch – und auch schon wieder reichlich gutaussehend. Nicht nur dank meines extra beschwerten Monsterbeins habe ich wohl zu viel Bodenhaftung, als dass ich mich problemlos in seine Sphären einfügen könnte. Ich beschließe, mich etwas von ihm fern zu halten.

Anke erzählt mir derweil sehr offen aus ihrem Leben. Beruflich macht sie gerade nichts (sie nimmt nicht etwa eine Auszeit oder ein Sabbatical oder sonstwas klangvolles, sie hat einfach gerade keine Arbeit). Vor ein paar Jahren hatte sie einfach frank und frei ein Burnout und seitdem ihre Balance noch nicht wiedergefunden. Ich bin beeindruckt über die Art, wie sie das völlig selbstverständlich und casual erwähnt. Überraschenderweise gibt es dann doch noch Dinge, die sie aus der Ruhe bringen. Plötzlich läuft sie puterrot an, es wäre ihr furchtbar peinlich, sie hätte es auch noch niemandem gesagt, es wäre wirklich nicht ihre Art, hui, nein, wäre ihr das jetzt unangenehm, sie könnte das kaum aussprechen. Ich mache mich intuitiv auf irgendein Geständnis Joaquin betreffend gefasst. Knapp daneben. Sie hat heute auf dem Weg irgendwo auf einem Straßenschild ein „Ich liebe Dich“ für ihren Mann hinterlassen. Ich bin moderat geschockt.

Heute tun selbst die beiden deutschsprachigen Pilger irgendwie gut. Markus 1 ist fertig studierter Jurist, der einzige bisher, der offen zugibt, dass er ganz dringend rechtzeitig zum Papst ankommen will. Markus 2 ist österreichischer Lokführer. Beide haben sich zufällig zu Beginn des Caminos kennengelernt und laufen seitdem eigentlich zufällig immer die gleichen Etappen. Beide sehen irgendwie sehr vertrauenserweckend aus, sodass ich ihnen meine Beinunsicherheit anvertraue. Markus 2 meint sofort routiniert, dass man in den ersten 48 Stunden kühlen müsse, und wo wir jetzt wohl Eis herbekämen. Er schaut schon geschäftig Richtung Küche. Ich kann abwehren, dass die 48 Stunden wohl schon rum sind. Nachdenklich meint er, dass dann milde Wärme angezeigt wäre, vornehmlich in Form von leichter Bewegung. Er meint auch, dass bedächtiges Wandern morgen voll drin liegt. Mit Markus 1 ist er sich einig, dass da vielleicht ein Muskel angerissen ist, das jetzt eben die Nachwirkungen sind, deswegen aber nichts weiter reißt, sondern Tag für Tag besser wird. Wunderbare Aussichten, und diesmal scheint selbst mein Verstand einverstanden zu sein. Die beiden wirken so seriös und kompetent, ich bin vollends beruhigt.

Plötzlich steht Joaquin frisch geduscht im Raum und fragt Markus 2 irgendetwas wegen einer Unterhose. Der stößt einen spitzen Schrei aus und flüchtet in die Dusche. Wie sich herausstellt, hat er sich nach dem Duschen versehentlich in die Bekleidung des Brasilianers geworfen.

Endlich gibt es gemeinsames Abendessen. Markus 2 hat unterwegs schon gegessen, auch die Französin nimmt nicht teil. Sie liegt den ganzen Tag schon in ihrem Bett. Ich habe ein schlechtes Gewissen deswegen, vor allem, weil sich die Gruppe lautstark darüber lustig macht. Ich fürchte, dass sie auch Englisch soweit versteht, dass sie merkt, dass über sie gesprochen wird. Und so ablehnend Caminopärchen wirken können, so ablehnend wirkt sicher auch eine pausenlos laut wiehernde Gruppe, zumal wenn sie über einen selber wiehert.

Zu Beginn der Mahlzeit hält der Hospitalero eine kleine Ansprache. Diesmal ist es der zweite Hospitalero, den ich automatisch eher als den atmosphärischen Shiatsu-Mann identifiziere. Er ist ein gemütliches, kleines Männchen mit grauen Haaren und dunklen Augen. Mit dunklen Strahleaugen von wieder einmal ganz besonderer Qualität. Kein helles, leuchtendes, ausgelassenes Strahlen und Scheinen wie bei Anke, aber eine besondere, beruhigende, grundlegende Tiefenwärme. Während er spricht, legt er ganz selbstverständlich seine Hände schwer und doch zugleich leicht auf den Schultern des nächstbesten Pilgers ab (der zufälligerweise ich bin). Zwar habe ich hier und heute keine Shiatsu-Massage bekommen, aber geheilt worden bin ich trotzdem. Mein Kopf ist wunderbar ruhig und hat Frieden gefunden – ob durch den Hospitalero, die Atmosphäre der Herberge, die besonderen Leute hier, Ankes wunderbare Art, ich weiss es nicht.

Es gibt eine Riesenschüssel Karottencremesuppe, gefolgt von einer Salatplatte. Als Hauptgericht Spaghetti Carbonara und vegetarische Pilze für Joaquin, zum Nachtisch eine Creme mit Galleta. Ich habe selten so gut, vor allem selten so liebevoll gekocht gegessen.

Die Stimmung der kleinen Tischgesellschaft ist familiär und ausgelassen heiter. Die beiden Spanier sind sehr lustig und mit einer ordentlichen Portion Selbstironie gesegnet. Anke ist auch wieder blendender Strahlestimmung. Mir gegenüber sitzt Joaquin, der sich bei einer lustigen Altersraterunde als 20 ausgibt. Ich bin fast geschockt. Viel älter aussehen tut er wirklich nicht, aber seine Themen und Sphären sind doch ziemlich anspruchsvoll und abgehoben. Für 20 ist er ein ziemliches Kaliber.

Das stellt er nochmal eindrücklich unter Beweis, als er sich über ein Päckchen Haselnuss-Muffins echauffiert, in denen ja nur 8% Haselnuss drin wären. Ich verkneife mir eine Überlegung, ob er schon mal Muffins mit 80 oder 90% Nussanteil gebacken hat. Ich sehe offensichtlich nicht geschockt genug aus, denn er setzt zu einem viertelstündlichen Vortrag über gesunde Ernährung an. Als ob ich nicht ganz zurechnungsfähig wäre, hält er mir 5 Finger unter die Nase, um die 5 Ernährungsfeinde des Menschen zu verdeutlichen. Unter anderem um künstliche Süßstoffe und gehärtete Fette rankt er interessante Verschwörungstheorien, auf welche Weise sie im Menschen das Gehirn und sein Denken verändern sollen. Ich muss mich schon etwas beherrschen, das ein oder andere nicht interessiert in Frage zu stellen. Nachdem er seinen oberlehrerhaften Vortrag dann aber noch mit „so ist das. Also, falls Du davon auch nur irgendetwas verstanden haben solltest…“ beendet und einen gönnerhaft abschätzigen Blick wirft, entfleucht mir ein ausgesprochen zickiges und schnippisches „ich habe das studiert“. Ich bereue es sofort, zumal er überhaupt nicht zurückzickt, sondern betroffen entschuldigend meint, dass er das nicht gewusst hat. Es ist ohnehin Bettgehzeit, sodass ich mir für heute keine weiteren Gedanken machen will über den recht außergewöhnlichen Joaquin und warum wir leider immer aneinander rasseln.

Im Schlafraum stinkt es astronomisch, und mir wird mit Schrecken bewusst, dass ich daran schuld bin. Im ersten Moment des Ankommens habe ich meine patschnassen Sachen einfach auf die Heizung gelegt. Bei ungewaschenen Socken eine ganz, ganz schlechte Idee.

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Ich träume reichlich durcheinander und bin ganz froh, irgendwann wieder Realität und „festen Boden“ unter mir zu haben. Die Heizung der Herberge hat ganze Arbeit geleistet, meine Sachen sind lückenlos trocken. Ich verabschiede mich von Helmut, er möchte heute auch nach Villafranca del Bierzo in die gleiche Herberge.

Noch regnet es nicht, wirklich vielversprechend sieht es aber auch nicht aus. Ich laufe den Weg an der Straße entlang. Einerseits weiß ich, dass er recht lang an der Straße bleibt, trotzdem habe ich nach einer langen Weile das Gefühl, nun doch den Abzweig verpasst zu haben. Ich bin schon nah dran, wieder umzukehren, da kommt die Abzweigung zum Glück doch noch. In einem weitausholenden Bogen geht es auf Ponferrada zu, ein Lichtermeer im Morgengrauen.

Ich treffe gegen 9 ein und muss noch ein bisschen warten, bis mein Lieblingssupermarkt aufmacht. Ich bekomme ein ofenwarmes Croissant und Ciabatta und einen Käse von der Theke. Mein üblicher Liter Fruchtsaft komplettiert auch schon meinen Einkauf. Unter den misstrauischen Augen der Kassiererin zittere ich den Saft tropfenfrei in meine beiden Plastikfläschchen. Vor der Tür sitzt ein Bettler, und obwohl ich einen frisch gefüllten Rucksack habe, fühle ich mich momentan auch ein wenig heimatlos. Das Croissant esse ich im Laufen, während nun doch wieder Regen einsetzt. Wieder ist alles grau und wolkenverhangen, kaum ein Mensch auf der Straße, jeder flüchtet unter seinem trockenen Schirm in irgendein Haus. Nur ich habe einen superlangen Tag vor mir, zum ersten Mal mehr als 30km, und nun regnet es gleich zu Beginn. Vermutlich ist nach spätestens einer Stunde alles nass, ich bin total niedergeschlagen und hoffnungslos. Für einen Moment kommt mir die Idee, dass ich mir einen Schirm kaufen könnte, allerdings bin ich schon ein gutes Stück vom Supermarkt weg, und dort hätte ich ohnehin noch nie einen Schirm gesehen. Wo kauft man sowas überhaupt? Ich lasse den Blick auf der linken Straßenseite entlangschweifen, aber hier ist eher Industriegebiet, und die Läden sehen nach Gärtnerbedarf und Eisenwaren aus, aber nicht nach Schirm. Da fällt mein Blick auf die rechte Seite und einen Mülleimer direkt neben mir, aus dem zielsicher ein rosa Griff ragt. Fast schon atemlos linse ich den den Eimer, es ist wirklich ein Schirm. Ich ziehe in heraus und hoffe und bitte, dass er aufgeht und funktioniert. Tut er zuerst leider nicht, aber nachdem ich die Arretierung verstanden habe, öffnet er sich wundersam. Ganz intakt ist er naheliegenderweise natürlich nicht, zwei Speichen sind gebrochen, aber das schadet überhaupt nichts. Ich bin überglücklich, einen rundum trockenen Kopf zu haben, nichts kann mehr in den Kragen laufen, ich muss nicht immer die Augen halb zusammenkneifen und die Schultern hochziehen.

Die wenigen Passanten schauen mich ein klein wenig entgeistert an. Für einen kurzen Moment streift mich auch der Gedanke, ob man nun normalerweise kaputte Schirme aus Mülleimern zieht. Ich muss grinsen und an Kristian denken. Er hätte vermutlich nicht nur den Schirm mitgenommen, sondern gleich noch kurz nach einem angekauten Sandwich gewühlt.

Egal, der Schirm ist himmlisch, und vermutlich schauen die Passanten auch deswegen etwas befremdet, weil ich von lieblichem rosa-lila und einer begeistert singenden Hannah Montana trocken gehalten werde. Die Begeisterung der strahlenden Blondine auf dem Schirm steckt an, ich bin mit einem Mal auch vollkommen motiviert und beflügelt. Einziger Unterschied ist vermutlich, dass sie perfekt gestylt perfekt lächelt und ich mal wieder sehr, sehr verpilgert aussehe.

Ich presche wieder in gewohntem Tempo der früheren Jahre durch die Lande, bei dem aktuellen Regen und Nebel reizt Verweilen und Genießen auch nicht sonderlich. Begeistert stelle ich fest, dass ich unter Hannah bequem und regengeschützt fotografieren kann.

Ich erreiche Cacabelos, wo ich einer Kirche kurz einen Besuch abstatte. Die Ausstattung ist sehr schlicht, aber das hell beleuchtete Kreuz inmitten der sonst dunklen Kirche strahlt etwas Besonderes aus. Ich bedanke mich für meinen wundersam gefundenen Regenschirm, bevor es wieder hinaus ins Grau geht.

Nach ein paar Kilometern Straße biegt der Camino rechts in die Weinberge. Eine Gruppe vor mir läuft nach kurzem Zögern zielstrebig geradeaus weiter. Wieder einmal wünsche ich mir eine laute, donnernd dröhnende Stimme, um schon aus ein paar hundert Meter Entfernung auf mich aufmerksam machen zu können. Ich tröste mich damit, dass sie vielleicht einfach bewusst nicht den Matsch gehen wollten.

Der Weg (eine weitere Lieblingsstrecke) ist trotz Nebel beeindruckend. Soweit das Auge reicht, nichts als Weinberge, Weinstöcke in rot, gelb oder grün.

Irgendwann kommt für einen kleinen Moment ein Hauch von Sonne heraus. Ich bleibe unschlüssig stehen und würde am liebsten die letzte Stunde nochmal zurücklaufen, um die Farbenpracht bei Sonne zu erleben. Aber da schiebt sich schon wieder eine Wolke davor, es ist wohl noch nicht der Beginn eines sonnigen Nachmittags.

Es geht einen kleinen, steilen Hügel empor, und gerade, als ich oben mein Traumhaus erspähe, kommt wieder recht gewaltig die Sonne heraus. Ich werfe schnell meinen Rucksack hin und zücke den Foto. Während ich wieder panisch durch die Gegend springe, erstrampelt sich den Hügel ein Rudel Radpilger, die in Anbetracht der Aussicht und der unverhofften Sonne einer um den anderen in erstaunten Jubel ausbrechen. Ich sitze glücklich auf einem kleinen Holzbrettchen, genieße die Sonne und ein Kitkat und die begeisterte Jubeluntermalung von der Seite.

Kaum bin ich an dem Traumhaus in den Weinbergen vorbei, ziehe die Wolken wieder zu. Ich bin schon wieder dankbar.

Recht früh komme ich in Villafranca del Bierzo an – ich bin heute wirklich mal wieder gerast. Ich laufe die Treppe zur städtischen Herberge hinunter, die ich heute ausprobieren will. Von der anderen Seite kommt ein junger Mann, der Anstalten macht, an die Hauswand zu pinkeln. Im letzten Moment sieht er mich dann doch noch, was ihn aber nicht in seinem Vorhaben stört. Wie kann man nur.

Zwei Minuten später sind er und zwei Freunde von ihm am vor mir Einchecken in die Herberge. Sie diskutieren ewig herum, bestimmt 10 Minuten, und ich werde schon reichlich ungeduldig und unleidlich in meiner Regenmontur. Zur Ablenkung mache ich mich auf den Weg in die Stadt in Mission Abendessen Einkaufen. Als ich dazu eine weitere Treppe in Angriff nehme, merke ich plötzlich, wie meine Beine ziemlich schmerzen und ziehen. Unterwegs war ich mal wieder derart im Laufrausch, dass ich nicht drauf geachtet habe, aber nun kommt mir doch wieder in den Sinn, dass ich heute schon eine lange Etappe in den Beinen habe und vielleicht nicht unsinnigerweise durch die Gegend laufen sollte. Die Wahrscheinlichkeit, am frühen Nachmittag einen Supermarkt zu finden, ist vermutlich eh moderat. So trapse ich zur Herberge zurück, wo der Herr Wandpinkler und Konsorten immer noch laut am Diskutieren und Kichern sind. Ganz, ganz schlechte Schwingungen.

Als ich endlich dran bin, hellt sich meine Stimmung auch nicht gerade auf, als mir die Dame am Empfang mit biestiger Miene zu verstehen gibt, dass es zwar eine Küche hat, aber keinen Herd. Das 8-Bett-Zimmer ist fast schon überfüllt mit den drei Italienern, und als nach mir noch eine Koreanerin kommt und schon ein oberes Bett besiedeln muss, wird es erst recht eng. Die Italiener sind der Knüller, sie stecken die Köpfe zusammen und lästern völlig unbekümmert über alles, was ihnen über den Weg läuft. Sie hocken auf ihrem Bett, gucken mich abschätzig an und tauschen sich aus, was ich für einen Eindruck auf sie mache (vermutlich einen angepissten). Mir geht ja schon nicht in den Kopf, wie man an eine Herberge urinieren kann, wenn man dort eh gleich eincheckt, aber wie man sich auf dem Camino auf Italienisch unterhalten kann und das Gefühl haben, nicht verstanden zu werden, das erst recht nicht. Mir schwillt schon wieder eine imaginäre Hirnschlagader, während in meinem Kopf wild hin- und herrast, ob ich jetzt einfach auf Deutsch eine wüste Schimpftirade loslassen soll oder auf Spanisch. Letzteres würde wohl einleuchtender vermitteln, dass ich sie verstehe, wäre aber vermutlich nicht ganz so souverän. Glücklicherweise gehe ich statt dessen duschen.

Mit mir am Abtrocknen ist dann auch die weibliche Komponente meines Lieblingstrios, die neben einer Originalflasche Shampoo auch noch eine Originalgröße von etwas dabei hat, was ich meinen Haaren nicht mal zu Hause gönne. Meine Stimmung wird nicht ausgeglichener, dazu noch die unpersönliche, kalte Herberge. Überall hängen Schilder, was man alles nicht darf, z. B. keine Türen schlagen. We don’t want that. In der Küche hängt ein Zettel, dass Essen nur aufgewärmt werden darf und keinesfalls gebraten. Die Dame des Hauses hat Glück, dass der Herd im Moment eh in Reparatur ist, ansonsten hätte ich mir höchst garantiert heute Abend Paprika frittiert.

Ich bin in einer ungewohnt aggressiven Stimmung, die dann auch sehr bald ins Weinerliche schwappt. Ich gehe zum ersten Mal ins Internet; trotz heimeligem Pfefferminztee (aus der Mikrowelle) und Feuer im Kamin fühle ich mich einfach richtig einsam. Helmut ist immer noch nicht da; im Moment habe ich sogar schon richtig Sehnsucht nach seinem summenden Gequassel.

In Anbetracht des morgigen Sonntags und anschließenden Feiertags kaufe ich etwas mehr als nötig in einem unfreundlichen Supermarkt ein. Auf dem Rückweg sticht mir eine Tafel mit „Empanada con pulpo“ ins Auge. Das erscheint mir irgendwie versöhnlich an diesem grauen Tag. Die junge Frau in dem Laden packt gerade einem älteren Herrn liebevoll seine Einkäufe ein, lässt seiner gesamten Verwandtschaft liebe Grüße ausrichten und hält ihm die Tür auf. Auch zu mir ist sie ähnlich freundlich, strahlend und zuwendungsvoll. Ich bekomme mein Teigteilchen mit ganz vielen lila Beinchen und Tentakeln und Saugnäpfen und bin richtig traurig, dass ich ja schon eine volle Tasche vom Supermarkt habe. Das Brot und die Früchte bei ihr sehen tausendmal besser aus – und liebevoller.

Auf dem Rückweg laufe ich Helmut und seiner Grinsefreundin über den Weg, die sich auch gerade in die Stadt aufmachen. Sie sind in der anderen Herberge abgestiegen. Die Freundin grinst, dazu hätte sie ihn überredet. Die liebevollen Pulpo-Schwingungen halten nicht lange vor, ich bin schon wieder durch und durch gehässig und denke nur wütend „schon klar“. Ich habe wenig Lust auf kleine Konkurrenzkämpfchen um die Gunst der wenigen interessanten Begleiter, sodass ich den Herrn mit den Schwingungen resigniert ihr überlasse.

Zur Superstimmung passt dann auch noch mein Eintopf aus der Dose, der ewig nicht richtig warm wird, ich schleppe den übervollen Teller sicher dreimal vom Tisch doch nochmal zurück in die Mikrowelle. Ein paar spinat- oder suppenkrautähnliche Fäden schwimmen in einer leidigen Brühe mit Fettaugen. Jippie.

Ich rede ein bisschen mit einer ansonsten netten Koreanerin, die aber leider nicht so viel Englisch kann. Pulpo kennt sie und probiert begeistert meine Empanada. Gegen Abend kommt tropfnass auch noch die spanische Radpilgerin, die ich in Frómista getroffen habe. Alle sitzen mehr oder weniger bedröppelt um den Kamin, vor dem alle Schuhe und Einlegesohlen aufgereiht sind und ein windschiefer Wäscheständer balanciert. Vermutlich sind alle so verzweifelt mit der Nässe, dass sie geröstete Socken und geschmolzene Schuhe in Kauf nehmen.

Bei jedem Mal Treppelaufen tut mein linkes Bein beachtlich weh. Im Schlafraum inspiziere ich es mal sicherheitshalber und kriege eine halbe Krise, weil es schon wieder dick aussieht. Je länger ich schaue, desto dicker wird es natürlich. Ich bin schon wieder so verunsichert, dass ich sogar die anwesende Radpilgerin frage, ob sie mal kurz meine Beindicke anschauen kann. Zuerst schaut sie mich recht erschrocken an. Offensichtlich wirke ich einen Hauch von verzagt, denn sie guckt diensteifrig, um dann wunderbar liebevoll zu sagen, dass es wenn, dann höchstens einen kleinen Hauch dicker ist, wirklich nur einen Hauch, und ich mir keine Sorgen machen soll.

Mache ich mir natürlich doch. Der Tag ist in vielerlei Hinsicht eh schon im Eimer, jetzt auch noch das Bein. Ich gehe um 7 ins Bett. Ist bestimmt wieder der Knüller für meine italienischen Freunde, und ich finde es selber auch etwas befremdlich, aber ich weiß mal wieder nicht weiter und ziehe es vor, die nächsten Stunden in jeder wachen Minute zu beten, dass mein Bein morgen gut ist.

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Um 7 wache ich auf, eine prima Zeit zum Aufstehen. Die Herberge liegt noch in kompletter Stille (bzw. dem Schnarchen nach zu urteilen zumindest in seligem Tiefschlaf). Ich fühle mich unbeobachtet und ziehe mich in aller Seelenruhe um. Kaum bin ich fertig, erklingt ein hellwaches „good morning“ neben mir. Glückwunsch.

Ich packe meine Sachen zusammen, frühstücke und lege Regenmontur an. An sich will ich ja nicht planen, aber so ein bisschen schießt mir schon mein grober Zeitplan durch den Kopf. Heute wollte ich bis O Cebreiro, dann Samos, was zwei ziemlichen Mammutetappen entspricht. Dann wäre ich 3 Tage zu früh in Santiago.

Ich spiele mit dem Gedanken, einfach loszulaufen, nachdem Kristian weiterhin hellwach im Dunkeln liegt und seit dem „good morning“ kein weiteres Wort mehr verschwendet hat. Ich lege ihm noch mein typisches Apfelfrühstückstörtchen neben den Rucksack sowie mein Voltaren Gel. Ich setze mich dann doch nochmal zu ihm. Er fragt, ob ich jetzt gehe, was ich bejahe. Was ich mit so viel Tagen in Santiago machen will. Ich gebe zu, dass ich mit dem Gedanken spiele, den Weg nach Samos auf drei Etappen zu verteilen. Ich frage, wie er sich fühlt. Der Fuß ist scheiße, aber seine Energien wären gut. Ich bin erleichtert. Er meint lapidar, wir würden uns sicher bald wieder sehen. Genau. So muss man sich wenigstens nichts abbrechen und sich zum Abschied eventuell kurz umarmen.

Eigentlich wollte ich bei dem Regen diesmal auf den Camino duro verzichten. Als ich an der Abzweigung stehe, habe ich aber doch wieder das Gefühl, mich ein bisschen auspowern zu müssen und Luft und Freiheit zu fühlen. Und irgendwie einen gewissen Abschluss zu vollziehen.

Wieder einmal ist der Weg wunderwunderschön. Der Regen hat aufgehört und ich laufe in Wolken und Nebel, ganz mystisch verwunschen. Der gelbe und weiße Ginster, die abgestorbenen Bäume, die komplette Einsamkeit und gefühlte Unberührtheit… und der Blick ins Tal, auf die Autobahn und die Straße, auf der die Pilger wie Ameisen stupide geradeaus Kilometer fressen.

Zurück im Tal in Trabadelo mache ich eine intensive Frühstückspause. Heute will ich nur nach Ruitelán, wo es eine sehr atmosphärische Herberge geben soll. Und ich muss ja ein bisschen runterbremsen, wenn ich erst in 3 Tagen in Samos sein will.

In Vega de Valcarce erwische ich mal eine offene Kirche. Ich höre zwar noch nichts, fühle mich aber schon wieder ein bisschen gewohnt zu Hause.

Auf dem Weg ist nun recht viel los, vor und hinter mir sehe ich ständig Pilgergrüppchen. Das richtige Energie- und Naturerlebnis bekomme ich leider nur, wenn ich mich komplett alleine fühle und durch nichts gestört werde. Sobald ich Leute vor mir sehe, trabe ich recht abwesend Rucksäcken hinterher.

Ruitelán ist klein und wirkt zu Mittag recht unbelebt. Die Herberge hat noch geschlossen, sodass ich mich zum Warten vor die Eingangstüre setze, die ein bisschen überdacht ist. Es regnet schon wieder. Walter, ein älterer Österreicher, mit dem ich gestern schon ein paar Worte gewechselt habe, zieht fröhlich grüßend vorbei. Der Hospitalero trifft mit Tüten beladen ein; offensichtlich sitze ich im Weg. Ich springe sofort auf, aber er grunzt nur missgelaunt und schubst meinen Rucksack in eine andere Ecke, dabei hält sich die Beeinträchtigung in Grenzen. Er knallt die Türe wieder hinter sich zu. Ich bin ja eigentlich auf dem Camino, um auf mein Herz zu hören und meine Etappen nach Lust und Laune und Gefühl zu planen. Mein Gefühl sagt im Moment ganz klar nein, und so laufe ich kurzentschlossen weiter Richtung La Faba. Schon wieder eine Herberge, die ich kenne, aber besser als das hier.

Der Aufstieg zieht sich etwas in die Länge, und es beginnt schon wieder zu regnen. Ich schiebe alle zwei Minuten die Regenkappe vor oder zurück. So richtig schlimm regnet es ja nicht. Aber dann doch zu viel, als dass man nass werden wollte. Nervig.

Kurz vor La Faba treffe ich Walter. Lustig, zum dritten Mal laufe ich die letzten Meter in Begleitung eines älteren, deutsch sprechenden Pilgers. Walter möchte auch in die schwäbische Herberge und findet es ein Glück, mich Expertin gerade aufgelesen zu haben.

La Faba verbinde ich mit überschäumender, wenn auch sehr deutsch geprägter Gastfreundschaft. Diesmal ist nur eine einzelne Hospitalera da, etwa in meinem Alter. Sie hat sich am Eingang eine kleine Rezeption aufgebaut und ist ziemlich effizient geschäftig direkt. Ich vermisse das bekannte Wohnzimmergefühl, welches ich auch in Foncebadón erleben durfte. „Komm erst mal rein, setz Dich, schön, dass Du da bist. Such Dir erst mal ein Bett, mach Dich frisch, willst Du einen Tee?“. Zum Glück kenne ich mich gut genug aus, um mich eben selber liebevoll willkommen zu heißen.

Ich setze mich in den Aufenthaltsraum und versinke in Bändelknüpfen, während die Hospitalera mit einer spanischen Pilgerin redet. Ich höre unbeteiligt zu und denke mir ab und zu meinen Teil. Die Spanierin lacht sehr viel und klingt nett und offen.

Draußen regnet es in Strömen, fast schon wie Schneeregen. Ich bin froh, es noch rechtzeitig geschafft zu haben. Marco, der nervöse Spanier vom allerersten Tag, schafft den Weg zu uns ins Trockene. Die Hospitalera redet laut deutsch auf ihn ein, ich finde sie fürchterlich unsensibel und bin froh, als sie gegen 3 sagt, sie ginge jetzt mal in ihre Wohnung hoch. Sie kommt abends noch einmal kurz zum Kassieren, ansonsten sehe ich sie nie wieder. Und das in La Faba.

Die Spanierin ist lustig. Sie interessiert sich für meine Bändel und dass ich gute Energien reinknüpfe. Sie findet das gar nicht ungewöhnlich; selbst als ich von meiner Fußwunderheilung erzähle und dass ich doch gar nicht heilen kann, lächelt sie nur gütig und irgendwie allwissend, dass jeder Energien hätte und seine Hände benützen könnte. Etwas an ihr ist merkwürdig, sie wirkt definitiv nicht allein, sondern sehr gespeist von Energien und Spirituellem. Wir sparen uns den üblichen Smalltalk und das Durchkauen der üblichen Fakten (die habe ich beim Gespräch mit der Hospitalera eh zur Genüge gehört). Als mein Bändel fertig ist, gebe ich es ihr. Sie freut sich überschwänglich.

A propos Bändel freue ich mich auch sehr, Marco wiederzusehen. Ich weiß nicht, warum, aber bereits am ersten Tag hatte ich das Gefühl, ihm auch gern ein Bändel machen zu wollen. Ich spüre eine gewisse Nachdenklichkeit und Schwere in ihm, andererseits aber auch eine besondere Verbindung. Er ist ein ganz ruhiger, zurückgezogener, der wenig spricht. Aber etwas in seinen Augen zeigt mir, dass er versteht. Ich brauche nur unbeholfen einen Satz zu sagen, und seine Augen sagen mir, dass er die ganzen Gefühle, Gedanken und Probleme drumherum versteht und mit mir fühlt.

Walter und Marco kennen sich; allerdings ist es eine lustige Freundschaft. Marco versteht nur spärliches Englisch, und Walter redet nur Deutsch mit so einem massiven österreichischen Einschlag, dass selbst ich ihn schwierig verstehe. Aber er erklärt mir, dass sie sich schon seit ein paar Tagen begleiten und „gut verstehen“. Für den Abend will Marco für alle Chinesischen Reis kochen. Ich bin etwas zögerlich und hätte fast schon lieber wieder meine Freiheit, aber nachdem wir hier nur so eine Kleinfamilie sind in einem verregneten Mini-Ort, ist heute vielleicht nicht der geeignete Tag für meinen Egotrip.

Der Regen peitscht absolut wild, als in schwarzer Regenkluft Chuck pudelnass bei uns notlandet. Eigentlich wollte er bis O Cebreiro. Heute hat er Geburtstag, wie er schon seit Tagen jedem erzählt. Die große Party sollte dort steigen, und heute hat er auf dem Weg jedem Wein und Brot angeboten, zur Feier des Tages. Er ist wieder ganz der Alte; mehrmals schreit er durch den Raum, wo seine Geschenke seien, heute wäre doch sein Geburtstag. Ich kriege die Krise und lehne seinen Wein dankend ab. Er kommentiert es supersensibel mit „come on, davon wirst Du schon nicht gleich zum Alkoholiker“, was in mir dann erst recht massive Zuneigung weckt.

In einer kurzen Regenpause gehen wir zu dem kleinen Mercado. Es gibt diesmal wirklich sehr wenig zu kaufen, nicht mal Gemüse. Marco ist aber ein prima Koch und improvisiert mit Karotten-Kartoffeln-Erbsen aus dem Glas und meint, es würde schon gehen. Seinem Wunsch nach Eiern wird auch nachgekommen. Die Inhaberin verschwindet kurz für 5 Minuten ums Haus, es gackert und wir bekommen unsere Eier wahrscheinlich noch huhnwarm.

Zurück in der Herberge fragen wir Chuck, ob er auch mitessen will. Er guckt entgeistert und meint, es wäre doch sein Geburtstag, da ginge er doch natürlich in ein Restaurant. Optimistische Bezeichnung für die Bar in diesem Ort. Und komische Art zu feiern. Ganz allein.

In der Kirche neben der Herberge findet diesmal leider auch wieder kein Gottesdienst statt. Ich setze mich allein ein paar Minuten vor den Altar. Ich heule minutenlang Rotz und Wasser, ohne einen konkreten Gedanken dazu zu haben. Vermutlich treffe ich Gott.

Die Truppe in der Herberge ist prima, keiner zeigt sich irritiert von meinem verheulten Gesamtbild. Walter erklärt mir eingespielt, dass man Marco am besten allein kochen lässt und hinterher nur abspült. Ich darf immerhin die Kartoffeln aus dem Gemüseglas sortieren (die passen ihm nicht) und die Paprikas aus dem Glas in feine Streifen filetieren. Ansonsten kocht er zielsicher und geschwind vor sich hin. Aus den Tiefen seines Rucksacks zaubert er Sojasoße, die er in weiser Voraussicht noch im Tal eingekauft hat. Die wirklich unglaublich gelben Eier macht er zu Omelette, welches in Trapezform geschnitten über den Gemüsereis wandert. Das Abendessen mit Walter, Marco und der Spanierin mit der guten Energie ist nett, so richtig freuen kann ich mich aber nicht. Kristian fehlt mir, mir fehlen unsere intensiven gemeinsamen Schwingungen. Ich wüsste gern, wo er jetzt ist, wie es seinem Fuß geht und seiner Stimmung. Ich hoffe, er ist nicht wieder betrunken oder kriegt eine rastlose Krise und läuft in Wollsocken rauchend im Regen herum. Beim Gedanken an Rauchen muss ich lächeln. Ich habe zum Abschied gesagt, dass er jetzt ja sicher noch ab und zu an mich denken wird, wenn er seine platten Zigaretten raucht. Und er meinte, das würde er sowieso.

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Eine Irre in meinem kleinen Schlafraum packt ernsthaft schon morgens um 4. Ich wache kurz vor 7 auf und kriege einen kleinen Schreck, dass es schon so spät ist. Draußen ist aber noch alles ruhig. Einer der Hospitaleros macht Punkt 7 lautstark wenig besinnliche Musik an, offizieller Rausschmiss, ebenso unpersönlich wie der ganze Aufenthalt. Immerhin gibt es schon fertig heißes Wasser, ich genehmige mir noch einen heißen Pfefferminztee. Spartanisch wie ich manchmal sein möchte, habe ich auch gestern im Supermarkt auf eine leckere Luxussorte verzichtet. Und morgens überhaupt etwas Warmes zu haben ist Luxus genug.

Ich sehe von weitem Kristian den Gang entlanglaufen. Er lächelt mich schief an; mein Gedanke ist „mein Rucksack ist schon fertig gepackt und ich bin gleich weg“, was ich dann auch in die Tat umsetze.

Im Nieselregen durch die noch einsame, dunkle Stadt ist es wieder ein bisschen unheimlich – und trist, passend zu meiner Stimmung. Nach einer Viertelstunde treffe ich den seriösen Franzosen von gestern wieder; wir laufen zusammen weiter, und es tut unheimlich gut. Er ist so wunderbar spießig, stimmig und berechenbar. Ich habe das Gefühl, dass die ziellose Eisscholle, auf der ich grade noch allein auf einem dunklen Ozean gedriftet habe, an Land angedockt ist. Es tut mir auch gut, über den gestrigen Abend zu sprechen.

Nach einer Weile habe ich meinen inneren Frieden ganz extrem wiedergefunden. So intensiv, dass ich mich unbedingt wo hinsetzen möchte und etwas nachspüren. Columbrianos ist wie geschaffen dafür. Vor der dortigen Kirche habe ich schon in den Vorjahren intensive Pausen gemacht.

Nach dem Nieselregen kommt jetzt hinter gewaltigen Wolken ebenso gewaltig die Sonne hervor; ich habe das Gefühl, dass aus allen Richtungen Energie förmlich über mich hereinbricht. Unendlich glücklich packe ich meine netten Frühstücksaccessoires aus. Ich blinzele ins Gegenlicht, vor dem sich die mir wohlbekannte, humpelnde Silhouette mit der wippenden Isomatte abhebt, und es komplettiert einfach mein Gücksgefühl.

Kristian kommt zu meiner Bank, er grinst schüchtern und fragt, wie es mir geht. Ich kann kaum Worte finden, strahle, sage irgendwann dann „fine“ und er sagt ziemlich baff, dass man das sieht, ich sähe sehr gut aus (und damit meint er wohl nicht meine ladylike Erscheinung). Umgekehrt ist ihm heute wohl nicht so nach dem sonstigen obercoolen Pokerface, er gesteht, dass es ihm total scheiße geht, Kater von gestern, absolut keine Lust auf Laufen heute, sein Fuß ist wieder schlecht. Ich versorge ihn erstmal mit meinen Blätterteigstückchen und gebe ihm eine Energietransfusion. Er willigt sofort ein und gibt mir sogar noch ein Küsschen auf die Wange, es muss ihm also wirklich schlecht gehen.

Auf der Straße bleibt er kurz darauf plötzlich stehen und liest begeistert etwas auf. Zwei Büroklammern. Wie er mir erklärt, ist das in Norwegen ein unglaublicher Glücksbringer. Die Norweger hätten nicht viel erfunden, nur die Büroklammer, und wenn man zwei davon finden würde, Wahnsinn. Ich bekomme eines dieser ehrfurchtsvollen, rostigen Stücke.

Ein paar Meter später plagt ihn das schlechte Gewissen, es wäre eine Lüge, eigentlich würde außer ihm niemand wissen, dass es Glücksbringer sind. Aber er hätte sich gedacht, dass es auf dem Camino eine gute Idee wäre, um Leuten ein besonderes Geschenk zu machen. Ich finde es süß.

Auf den langweiligen Kilometern entlang der Straße muss ich dann doch noch meinen gestrigen Gefühlen Luft machen. Mein Donnerwetter, dass ich alles Essen lecker finde, das mit Liebe gekocht ist, und dass ich Lügen einfach absolut feige finde, erträgt er sehr kleinlaut. Meine Frage, ob er mal ein ernsthaftes Alkoholproblem hatte, kommentiert er aber wieder mit einem herzlichen Lachen. Was ich denn bitteschön mit „hatte“ meine. (Wieso überrascht mich das eigentlich nicht?)

Er kippt wieder schier aus den Latschen vor Hunger, sodass ich ihm wie üblich mein Baguette, Chorizo und Oliven überlasse. Wir sind ein super Team. Ich kaufe gern ein und immer zu viel und habe nie Hunger. Kristian hat nie Geld und immer Hunger.

In Cacabelos gibt es eine Bank, die noch offen hat. Kristian kann sein Konto plündern und ist überaus glücklich. Wir machen Mittagspause in einem kleinen Park. Ich setze mich immer auf meine Crocs-Imitate und meine Regenjacke, um keinen kalten Hintern zu bekommen. Zu spät fällt mir heute ein, dass ich im Spaß vorher Kristians Zigaretten konfisziert habe und in meiner Regenjacke versteckt. Mir tut es einerseits sehr leid, andererseits komme ich kaum aus dem Lachen heraus, als ich ihn über seine heiligen plattgesessenen Zigaretten informiere. Er lächelt fast liebevoll und meint, jedem anderen wäre er jetzt böse.

Kristian hadert mit seinem Fuß und der Tatsache, dass er heute einfach nicht laufen will. Ich habe aber wenig Lust auf die Herberge hier und nur 3 Stunden Tagespensum und mache mich einfach weiter auf den Weg. Kristian kommt fluchend hinterher.

Er meint, ich wäre unglaublich. Wenn man keine Lust mehr hätte und eigentlich fast aufgeben wollte, käme ich immer vor oder hinter ihm angehüpft oder geschwebt, und da könnte er dann gar nicht anders. Überhaupt scheint er eine interessante Vorstellung von mir zu haben. Er findet mich sehr ausgeglichen. Demnach hat er meinen Kampf mit den Tränen und dem Linsentopf in Foncebadón wohl doch nicht so mitgekriegt.

Er strahlt mich an und meint, heute wolle er meine „story of life“ hören. Ich strahle deutlich weniger, denn die will ich glaube ich nicht erzählen. Ich muss zugeben, die letzten Tage fühle ich mich meist ganz wunderbar, wirklich sehr ausgeglichen (wahrscheinlich macht es der Vergleich), das Laufen klappt wunderbar ohne Schmerzen und Probleme, ich laufe jeden Tag meine 30km, und meine heimischen Sorgen, die mir anfangs noch so wildes Kopfzerbrechen bereitet haben, sind unheimlich weit weg. Mein Leben besteht aus viel „fuck“ und „fucking“, viel spitzbübischem Grinsen, viel Verrücktheit und Emotionen.

Er akzeptiert das vollkommen und widmet sich eher einem anderen interessanten Gedankengang, wie er auch nur wieder von ihm kommen kann. Er erklärt mir, dass uns auf dem Camino ja wahrscheinlich jeder für Geschwister hält, „weil wir beide groß sind und unser Wanderdress ähnliche Farben hat“. (Ich vermute mal, dass jeder alles mögliche denkt, nur das nicht.) Und er hätte eine spannende andere Idee. Nachdem ihm jeder als Norweger unterstellen würde, reich zu sein, könnten wir doch vorgeben, dass er sich mit seinem vielen Geld einen persönlichen Guide alias mich leistet. Ich muss lachen und meine, ich Guide in Sparversion würde aber nicht nach viel Geld seinerseits aussehen. Er versteht das gar nicht, ich hätte doch superviel Caminoerfahrung. Süß.

Es geht auf meine absolute Lieblingsstrecke durch die Weinberge. Ich bin wie heute morgen in der Stimmung, das in mich aufsaugen und auf mich wirken lassen zu müssen. Ich lege mich unter einen schattigen Baum mitten in einem Weinberg. Kristian wirft mir ein Kusshändchen zu und läuft weiter.

Offensichtlich ist er wieder unheimlich schnell unterwegs, ich sehe ihn nicht mehr. Dafür habe ich meine Ruhe, um die Landschaft auf mich wirken zu lassen, und es ist absolut überwältigend. Ich habe das Gefühl, dass ich von Tag zu Tag offener und entspannter werde und intensiver fühle. Der blaue Himmel, die Sonne, die roten Weinberge, die Büsche und Bäume, alles berührt mein Herz und fühlt sich an wie eine stundenlange Energieinfusion. Ich mache Fotos wie eine Wilde und viele Pausen und könnte die Welt umarmen.

In Villafranca keine Spur von Kristian, und ich habe keine Ahnung, in welcher Herberge er ist. Ich frage erst einmal in der Öffentlichen. Die Hospitalera erinnert sich zwar mit leuchtenden Augen, meint aber, er wäre in die andere Herberge weitergegangen. Ich verabschiede mich freundlich entschuldigend und frage in der mir aus dem Vorjahr bekannten Unterkunft. Zum ersten Mal reagiert ein Hospitalero entgegengesetzt auf unsere so-called Geschwisterbeziehung. Er ist höchst misstrauisch, will mir keine Auskunft geben und fragt, ob ich ihn verfolgen würde. Herrje, ich muss ja einen schlimmen Eindruck machen, wenn er sich so um sein norwegisches Prachtexemplar sorgt, das sich interessanterweise in dieser Herberge als 10 Jahre älter eingetragen hat. Er begleitet mich hoch in den Schlafsaal und verschwindet erst erleichtert, als Kristian mich zu kennen scheint.

Durch den großen Schlafsaal mit knarrenden Metallstockbetten erreicht man über eine halsbrecherische Hühnerleiter eine kleine Empore, auf der ich letztes Jahr genächtigt habe. Klettert man noch durch ein kleines Loch in der Wand, erreicht man einen Miniraum unter der Dachschräge, in der zwei Matratzen auf dem Boden liegen und von wo man durch eine Dachluke und ins Dach geschnitzte Sterne den Himmel sehen kann. Dort logiert schon Kristian, und aus Rücksicht auf seine Nähephobie könnte ich mich jetzt in den Schlafsaal verziehen. Aber er hat nichts dagegen, dass ich ihm Gesellschaft leiste.

Ich mache mich ans Duschen und Wäschewaschen. Nachdem es hier keine Küche mit Resten gibt, die es als erste Amtshandlung aufzuessen gilt, ist Kristian bereits am Duschen. Ich muss mir schwer ein Lachen verkneifen, so göttlich ist seine Geräuschkulisse. Er hustet locker 10 Minuten am Stück aus tiefster Lunge, abgewechselt von Prusten und geträllerten Liedfetzen.

Meine Wäsche hänge ich schon mal leicht pessimistisch veranlagt unter dem Wellblechdach auf, denn es beginnt, intervallweise zu nieseln. In den sonnigen Momenten setze ich mich auf die Bank im Innenhof und widme mich meiner meditativen Caminobeschäftigung, dem Bändelknüpfen. Kritisch kommentiert von Kristian, ob ich das eigentlich für jeden mache. Er ist beruhigt, als ich das verneinen kann. So intensiv wie für ihn habe ich noch nie in ein Bändel hineingeknotet.

Beim Aufräumen hat er einen kleinen Stein wiedergefunden, den er eigentlich am Cruz de Ferro niederlegen wollte. Den bekomme jetzt ich. Lustig, wie sehr mich hier Steingeschenke bewegen.

Der Regen nimmt zu, es windet und ist kalt. Wir ziehen uns in unseren Hühnerverschlag zurück, und mir fällt so langsam die Decke auf den Kopf. Ich ärgere mich, wieder in einer gleichen Herberge zu sein, noch dazu in einer, die ich schon im Vorjahr nicht gemocht habe. Ich ärgere mich, schon wieder einen Camino im April gemacht zu haben, obwohl ich im Vorjahr schon zwei Wochen durch den Regen gestapft bin und in den Herbergen unter drei Decken gefroren habe. Ich liebe meinen Norweger heiß und innig, aber zum einen ist er ordentlich anstrengend, zum anderen ist das eben auch nicht der Camino, wie ich ihn suche. Das wird mir noch bewusster, als Kristian mich fragt, ob ich diesmal auch wieder so viel Gott spüre. Ich muss sagen, ich spüre absolut nichts, in den Kirchen nicht und auf dem Weg nicht. Die etwaigen Zeichen finde langsam selbst ich etwas an den Haaren herbeigezogen. Kristian sinniert, dass es vielleicht daran liegt, dass ich mit ihm laufe. Ich zucke mit den Schultern und sage recht verbittert „wahrscheinlich“.

Nachdem sein Fuß wieder schlecht ist, streckt er ihn mir zur Wunderheilung hin. Meine Hände sprechen heute aber absolut nicht, und in mir ist auch kein Funken Energie und Optimismus. Er erzählt begeistert, dass so viele Ärzte und Pseudoexperten daran herumgedoktert hätten ohne Erfolg, und ich hätte ihn geheilt und wäre jetzt sein Wunderdoktor. Ich fühle mich leer.

Wir gehen zusammen in die Stadt, einen Supermarkt für ihn und einen Film für meinen Foto für mich. Auf halbem Weg lasse ich ihn zu seiner Verwunderung stehen. Ich weiß auch nicht, was plötzlich mit mir los ist. Vor ein paar Stunden noch die Energiedurchflutung in der sonnigen Traumlandschaft, jetzt der kalte Nieselregen außen und in mir. Ich komme mir blödsinnig vor. Ich komme keinen Schritt weiter mit meinen Problemen, ich lerne keine inspirierenden Pilger kennen, und meine Gesellschaft ist entweder rastlos hyperaktiv, geistig abwesend, unberechenbar oder besoffen. Nach 2 Wochen bin ich dann keinen Deut schlauer wieder in meiner Welt, und was bleibt, ist wohl nur, dass ich ständig „fuck“ denke.

Ich bin in Endzeitstimmung, was Kristian angeht. Ich frage ihn, ob er immer noch meine „story of life“ hören will. Will er. Hinterher fühle ich mich komplett beschissen, leer, deprimiert und rastlos. Weg ist die Pilgerin, die immer glücklich beschwingt den Camino entlangschwebt, immer lacht und ihr Leben im Griff hat. Weg ist auch die wunderschöne Verbindung zu Kristian.

Dafür erzählt er mir noch einen weiteren Knüller aus seinem Leben. Ich bin einfach nur leer und verzweifelt, aber er merkt es gar nicht, ist hinterher aber deutlich ruhiger und sortierter und sehr glücklich. Er hätte das lange niemandem erzählt, und er wirkt befreit. Schön für ihn. Ich flicke ihm seine Trekkinghose, sprinte die Hühnerleiter hinunter, um seinen Schlafsack vor einem Regenguss von der Leine zu retten und hole ihm Wasser, wenn er gerade zu faul zum Aufstehen ist, weil es unter seiner Decke so schön warm ist. Er fühlt sich wieder wunderbar, liebt diese Herberge und ist glücklich. Ich fühle mich wie im Lied von „Echt“, wie ausgekotzt, und wo war bitte jemals eine Verbindung zwischen uns, wenn er das nicht einmal merkt.

Ich gehe zum gemeinschaftlichen Abendessen. Dort treffe ich Chuck und Amber vom ersten Tag. Beide wirken heute allerdings etwas geschafft und ruhig. Chuck sagt den ganzen Abend kein Wort. Als ich ihn später allein im Schlafsaal antreffe, tut er mir direkt leid. Vielleicht arbeitet der Camino doch etwas an ihm.

Kristian liegt schon unter der Dachschräge. Irgendwie hat wohl auch er langsam etwas gemerkt. Er meint, sein Fuß würde wohl nicht mehr so richtig, und morgen würde er wohl nur eine Minietappe machen. Es ist für uns beide keine Frage, dass sich damit unsere Wege trennen werden.

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Mein heutiger Tag beginnt mit dem Camino duro, der alpineren Variante des Caminos. Kurz vor dem Ortsausgang geht es nach der Brücke recht steil den Berg nach oben, und komischerweise kennen die wenigsten diesen Weg und folgen automatisch der Variante entlang der Fahrstraße. Ich finde diese einsame, verwunschene Etappe wunderschön und habe sie gestern so ziemlich jedem Gesprächspartner ans Herz gelegt.

Am Ende der Bergetappe kommt hinter mir der schweigsame Ungar mit den Bundeswehrhosen den Weg entlang. Ich frage, ob meine Empfehlung sich gelohnt hat. Er macht nur den Daumen nach oben, aber hat das gleiche Strahlen wie ich. Zwei Pilger, die heimlich dem Himmel näher waren.

Zurück im Tal in Trabadelo ärgere ich mich über den unfreundlichen und teuren Lebensmittelladen und verlasse ihn auch ohne Einkauf wieder. Umso erleichterter bin ich dann, als ich kurz vor Mittag in Vega de Valcarce einen noch geöffneten Supermarkt finde, denn Vorräte habe ich im Moment keine mehr, und nachdem ich den Brunnen misstraue, sollte zumindest regelmäßig eine Wasserflasche nachgekauft werden.

In Ruitélan treffe ich in einer Bar an der Strasse sitzend Helmut wieder, der sich in der prallen Mittagssonne ein überdimensionales Bierchen schmecken lässt. In seiner Begleitung ist ein netter Österreicher, der aber etwas kleinlaut erzählt, dass er den Camino bei einer Organisation gebucht hat. Höflich, wie er ist, schimpft er zwar nicht offenkundig, aber er zeigt sich etwas traurig darüber, dass er fest gebuchte Privatunterkünfte in viel zu kurzen Etappen hat. Es ist gerade Mittag, er ist fit und elangeladen, aber seine Unterkunft ist nun einmal schon hier. Auch wirkt er etwas wehmütig angesichts des großen Hallos und Wiedererkennens der Pilger, die sich aus den gemeinsamen Herbergen kennen. Während ich weiterlaufe, bin ich heilfroh, mich für die „ungeplantere“ Variante entschieden zu haben. Für mich macht den Camino zu einem großen Teil auch das Gefühl von Freiheit aus, jeden Tag aufs Neue entscheiden zu können, ob ich eine kurze Tour laufen will, ob ich mich verrückt verausgaben will, ob mir eine Herberge einfach vom Gefühl zusagt, vor allem aber auch, ob befreundete Pilger dort absteigen oder eher jemand, den ich nicht unbedingt um mich haben muss.

Ein paar Dörfer weiter mache ich ausgiebig Mittagspause mit meinen neu erstandenen Vorräten, als auch Helmut schon wieder den Weg entlang kommt. Nachdem er bisher nur Bier intus hat und auch meint, tagsüber nichts essen zu müssen, überrede ich ihn zu etwas Nahrungsaufnahme mit mir. Er ist schon ein rechtes Original, immer mit viel zu lauter Stimme vor sich hindonnernd und teilweise etwas lustige Ansichten vertretend, aber ich denke, er hat sein Herz am rechten Fleck, und seine Religiosität gefällt mir.

Helmut ist schon wieder vorausgegangen, als ich mich ausgesprochen entspannt wieder auf den Weg mache. Ich liege prima in der Zeit, es ist nicht besonders heiß, und vor allem weiß ich, was heute auf mich zukommt. Kein Vergleich zu letztem Jahr, als ich diese Strecke ziemlich neben mir gelaufen bin. Und ich habe gelernt, dass man Berge nur langsam genug angehen muss, dann strengen sie auch nicht an.

Durch die kleinen Weiler und Kuhweiden geht es auf den grobsteinigen Pfad unter Bäumen. Kurz vor La Faba höre ich vor mir Helmut laut wettern; der Berg ist ihm viel zu steil und anstrengend und überhaupt. Er torkelt ziemlich, vermutlich macht sich das Bier bemerkbar. Trinken lehnt er ab, er will jetzt endlich ankommen. Ich überrede ihn dann doch noch, ein paar Minuten stehen zu bleiben und etwas Wasser zu trinken. Die letzten Meter gehen wir schön langsam, ich will hier keinen kollabierten älteren Herren versorgen müssen.

Es ist gegen 14 Uhr, als wir an der heimisch bekannten Herberge anklopfen. Ein schwäbischer Hospitalero öffnet uns vorzeitig mit der bekannten Herzlichkeit und „hospitalidad“ von La Faba, wir sollen doch erstmal ein Bett beziehen und uns frisch machen, nur keinen Stress mit Einchecken oder Bezahlen. Helmut dröhnt begeistert, dass ich eh nicht zahlen muss, weil ich ja aus Schwaben komme. Die Herberge ist mitfinanziert von einem schwäbischen Dichter, der zur Auflage gemacht hat, dass Pilger aus seiner Heimat gegen Vortragen eines schwäbischen Gedichtes gratis logieren dürfen. Mir ist das eher peinlich, ich würde lieber unauffällig zahlen, aber nicht nur Helmut ist begeistert, auch der Hospitalero. Er holt nur noch schnell seine Frau, denn wie er erklärt, ist er schwerhörig, und das wäre ja schade um das schöne Gedicht. Die Gattin springt auch gleich wieder weg, um noch den Fotoapparat zu holen. Mir wird Angst und Bange, aber das Paar ist einfach noch recht neu in der Herberge, hat von diesem Brauch gelesen, ist aber noch nie damit in Berührung gekommen, und möchte mich jetzt für das persönliche Erinnerungsalbum an die Zeit als Hospitaleros. Ich trage Eduard Mörikes „Im Nebel ruhet noch die Welt“ vor, das zum Glück keiner kennt und auf Richtigkeit überprüfen kann. Die Hospitaleros sind begeistert und bewirten uns gleich noch mit selbstgebackenem Kuchen.

Ein weiterer Pilger trifft ein, was mir die Laune ziemlich verhagelt. Es ist der stressige Belgier Jelle, der mir gestern seinen tollen Etappenplan erklärt hat (so und nicht anders, auch wenn ich nur 17 km pro Tag etwas wenig fand. Lauf Du nur Deine 17 km, dann kreuzen sich unsere Wege schon nicht mehr). Nun hat er sich doch gegen den Führer entschieden, und seine erste Frage ist zielsicher „why are you mad at me?“. Arg, das wird ja noch kompliziert.

Dafür kommen gegen Abend auch die beiden Dänen aus Astorga sowie mein Engel Angelo. Ansonsten ist die Herberge recht spärlich besucht, die meisten gehen doch eher gleich bis O Cebreiro. Angelo kommt die Idee, ja heute hier die Spaghetti Carbonara kochen zu können, und am besten gleich für alle. Ich frage herum, wer alles mitessen will und male das Ganze noch blumig aus, indem ich dem guten Angelo kurzerhand einen versteckten Spitzenkoch andichte. Im wirklichen Leben ist er Consultant, und als er meine feurigen Essenseinladungen mitbekommt, lacht er und meint, er würde mich zu seinem Advertising Manager machen. Bevor wir einkaufen gehen können, müssen wir aber noch auf Aurélie warten, die heute auch La Faba auf dem Plan haben sollte. Eigentlich ist Aurélie supersympathisch, natürlich und herzlich. So ganz öffnen kann ich mich aber noch nicht für sie, denn ich spüre recht eindeutig, dass Angelo und sie zusammen gehören. Und die Rolle der Nummer 2 braucht bei mir immer ein paar Tage Adaptionszeit.

Angelo strahlt aber so glückselig, als sie endlich mit ihrer Mutter eintrifft, dass die Nummer 2 kaum mehr weh tut. Und Aurélie punktet ein weiteres Mal bei mir, indem sie keine Sekunde Pause nach dem langen Tag haben will, sondern sofort zur Shoppingtour bereit ist.

Der kleine Laden öffnet auf Klingeln, und Maitre de Cuisine des Abends Angelo ist mit einem mal völlig ausgewechselt. Vorbei ruhiges, seliges Lächeln, hier plant ein akribischer, perfektionistischer Italiener ein Abendessen. Alles wird mit einem kritischen „hm…. noooooo…. naaaah… hm“ und sehr gerunzelter Stirn kommentiert (dabei gibt es herzlich wenig Auswahl), bis wir endlich Eier, Schinken, Spaghetti und Wein haben.

Zurück in der Herberge passt mich Jelle unnachgiebig ab, ob er etwas falsch gemacht hätte. Er schaut so betroffen, dass ich wirklich ein schlechtes Gewissen bekomme, immer nur „nein, nein“ zu lügen, und so erkläre ich ihm kurz und knapp, wo mein Problem liegt. Dass er durch und durch nichts falsch gemacht hat und ja jeder ein Recht drauf hat, seinen Camino so zu gestalten und zu genießen, wie es ihm gefällt. Dass aber für mich der Camino und das Pilgersein etwas sehr heiliges ist, dass mir hier die Ruhe und die Werte des Pilgerns viel bedeuten, ich hier nicht mit jemandem hitzig über mein Leben diskutieren will oder darüber, ob man auch im Urlaub Stress haben muss. Ich schließe, dass es bei uns einfach nicht so recht passt, wir uns ja aber problemlos ein bisschen aus dem Weg gehen können. Er nickt eher bedröppelt und sagt nichts.

Anschließend steht Pilgermesse auf dem Programm, leider ohne Geistlichen. Das Herbergspaar nimmt mit uns in den Bänken Platz und leitet von dort recht schlicht und unauffällig den Gottesdienst. Wieder gibt es einige Texte in verschiedenen Sprachen, manches lesen oder singen wir gemeinsam, manches wieder einzelne Pilger. Zum ersten Mal bekomme ich keine panische Angst und versinke intensiv meine Füße studierend in meiner Bank. Prompt bekomme ich einen Text zum Verlesen, aber ich fühle mich hier in dieser Kirche schon so heimisch, umgeben von lauter vertrauten Freunden, sodass mir das Vorlesen ganz ruhig und locker gelingt – und es fühlt sich sogar schön an. Bei „gebt euch ein Zeichen des Friedens“ studiert Jelle neben mir fast schon bedröppelt seine Fußspitzen und wirkt ganz überrascht, dass ich ihm noch die Hand gebe. Zwar bin ich im Moment noch im Gottesdienst verhaftet, aber ich spüre, dass ich das so nicht lassen kann.

Danach steht endlich der Kochevent an. Angelo fragt den Hospitalero leidgeprüft, ob er denn nicht vielleicht wenigstens Kristallsalz hätte, nachdem er mit normalem Salz keine guten Spaghetti kochen kann. (Mir ist das schon fast peinlich, aber zu meinem Erstaunen hat er wirklich).

Ich ziehe mich schnell zu Spülzwecken und einfachen Arbeiten zurück, denn „hm… ah… naaaaaah… hm“, keine Schüssel ist richtig, keine Gabel perfekt geformt, kein Eigelb im richtigen Farbton. Dafür ist die Stimmung in dem kleinen Aufenthaltsraum mit Küche unbeschreiblich. Wir sind etwa 15 Leute, und alle helfen zusammen beim Vorbereiten und tragen ihren Teil dazu bei. Die Dänen zerkleinern großzügig ihre ganze verbliebene Astorga-Schokolade, während in der anderen Ecke Orangen zum Dessert filetiert werden. Und jeder wendet sich an mich, als wäre ich der Chef oder hätte sonst irgendeine Ahnung.

Angelo ist hochkonzentriert und ungewöhnlich unter Druck, bis wir alle um die zusammengeschobenen Tische sitzen und jeder seinen Teller Spaghetti Carbonara vor sich hat. Es schmeckt lecker, aber am beeindruckendsten dabei ist die Atmosphäre. Lückenlos alle Pilger sitzen zusammen wie eine Familie, die sich seit jeher kennt. Diese Gemeinschaft hier und heute hat eine ganz spezielle Magie.

Danach machen sich alle gemeinsam an den Abwasch, ein ziemliches Gedränge. Angelo strahlt stolz und überglücklich, wir klatschen sicher alle Viertelstunde aufs Neue auf unsere gelungene Working Cooperation ab. Alle bedanken sich für die Einladung und den beeindruckenden Abend. Beeindruckend ist für mich vor allem, dass da etwas beeindruckt hat, wofür weder Angelo noch ich verantwortlich waren.

Heute abend darf ich in vollen Zügen das Zweierteam mit Angelo genießen und spüre auch keine Wehmut mehr beim Gedanken, dass Angelo in den nächsten Tagen in einem neuen Zweierteam aufgehen wird.

Angelo überreicht mir seine Emailadresse, was mir eine große Ehre ist. Auch Per, mein Lieblingsdäne, gibt mir seine Email und erzählt, dass er an einem Blog schreibt. Ich witzele, dass er ja wohl hoffentlich nicht auch über mich schreibt. Und will wissen, wie er mich denn in seinem Werk beschreiben und charakterisieren würde. Er lächelt auf seine berühmte, stille, allwissende Art und meint, ich wäre strong, interesting und sweet.

Mit noch ziemlich viel Adrenalin vom Kochen und ziemlich viel Glücklichkeit liege ich im gleichen Bundeswehrbettchen wie im Vorjahr und denke über diese drei wunderschönen Adjektive nach – keines davon hätte ich auch nur im Traum erwartet.

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Die Kilometer hinter Ponferrada gehören nicht gerade zu meinen Lieblingsstrecken. Bis Cacabelos führt der Weg auf asphaltierten Straßen entlang, durch lauter kleine, langezogene Städtchen. Nach den Bergen und der Einsamkeit der letzten Tage ist mir das etwas monoton und unspektakulär.

In Cacabelos möchte ich heute eigentlich noch nicht stoppen, und so kommt es mir entgegen, dass die Herberge dort ohnehin diesen Monat geschlossen hat. So geht es gleich weiter in die versöhnlicheren Weinberge.

In Villafranca del Bierzo bin ich hin- und hergerissen zwischen den beiden Herbergen. Wie meistens bin ich ziemlich früh dran, andere Pilger sind noch nicht da, sodass mir auch das keine Entscheidungshilfe ist. Ich entscheide mich für die Private, die laut Führer (und laut Angelo) einen sehr guten Ruf und viel „spirit“ haben soll.

In den Waschräumen wird mir allerdings nicht allzu warm ums Herz. Alles wirkt etwas heruntergekommen, und die Falttüren, die die Toiletten abgrenzen, sind fast ausschließlich wenig blickdicht beschädigt.

Im großen bewirteten Hauptraum treffe ich eine Gruppe spanischer Radpilger wieder, denen ich heute den ganzen Tag über immer wieder begegnet bin. Sie können es gar nicht fassen, wie ich so fliegen kann. Vermutlich liegt es weniger an meinem Fliegen, sondern an deren Affinität zum geselligen Leben in allen Bars entlang des Weges.

Ohne Ablenkung durch Bars ist natürlich auch wieder die lockenköpfige Französin eingetroffen. Mich nervt wie üblich ihre Thematisierung, wer es nun wieder wie schnell geschafft hat, aber ein Stück weit gehört sie langsam schon zum Caminoinventar. Seit León treffe ich sie sehr zielsicher in jeder Herberge an.

Ich setze mich mit meinem Tagebuch und Reiseführer auf eine Bank im Innenhof, als sich die Herberge langsam zu füllen beginnt. Ein Pilger mit spiegelnder Glatze fällt mir auf, und nachdem er sein Bett bezogen hat und etwas ziellos wieder in den Hof kommt, verwickle ich ihn in ein Gespräch. Er setzt sich nur allzu gerne dazu und überwältigt mich mit einer wahren Redeflut. Wahrscheinlich ähnlich wie ich die beiden Dänen in Astorga.

Er ist Belgier, heißt Jelle und ist heute seinen ersten Tag gelaufen. Das scheint ziemlich aufregend für ihn zu sein. Generell steht er ziemlich unter Strom, er erzählt von seiner Arbeit zu Hause, die ihn extrem stresst und fordert… und allein schon das Erzählen lässt eine gestresste Stimmung inmitten des sonnigen Innenhofes aufkommen. Das fällt auch ihm auf, so lacht er immer wieder kurz fast schon hysterisch, wechselt das Thema zu erholsamem Pilgerurlaub, um drei Sätze später schon wieder beim unausweichlichen Alltagsstress angekommen zu sein. Mir tut das fast ein bisschen leid, und ich versuche eine gewisse Ruhe zu vermitteln. Aber nein, er weiß recht resolut, wie das Leben läuft, man muss sich einfach total stressen, denn man ist entweder „in or out of the system“. Angesichts der vielen absolut relaxten und in sich ruhenden Pilger hier stimme ich dem nicht so ganz zu, vor allem weckt es meinen Widerspruch, als er selbstzufrieden meint, dass er ja zum Glück jetzt 10 Tage Urlaub hätte, um sich so richtig powerentspannen zu können. Denn dazu wäre der Camino ja wohl da, es sich mal so richtig gutgehen zu lassen. Irgendwas stört mich daran kolossal. Hier in der Herberge hängt so treffend ein Schild mit „a tourist demands, a pilgrim thanks“, und das vor mir ist sehr eindeutig ein Tourist.

Wie ein Maschinengewehr rattert Jelle über sein Leben, vor allem über die vielen Zwänge, denen man ausgeliefert ist und dass man es ja nicht in der Hand hat, etwas ruhiger zu leben. Auch mich bombadiert er mit Fragen zu meiner Arbeit und meinem Leben allgemein, und erst während des Gespräches fällt mir auf, wie wenig und ungern ich darüber eigentlich auf dem Camino rede. Jede Antwort kommentiert und bewertet er rigoros, er weiß ja eh alles besser. Mir geht das Gespräch zunehmend gegen den Strich, und so widme ich mich wieder meinem Führer. Aber Jelle ist nicht zu stoppen; selbst, als ich in meinem Tagebuch zu schreiben beginne, hört sein Verhör nicht auf. Irgendwann stehe ich genervt auch. Er meint, ich würde nicht sehr glücklich mit meinem Leben wirken. Grundsätzlich mag er recht haben, aber ich finde es in dem Moment eine Frechheit. Was geht es ihn an, und wie soll man nach seiner mehrstündigen Abrechnung auch überhaupt noch ausgeglichen und glücklich sein.

Ich bin eine Mischung aus abgrundtief wütend, verunsichert und deprimiert. Ich verkrieche mich erstmal auf meine Matratze und blase Trübsal.

Am späteren Nachmittag mache ich einen kurzen Abstecher in die Innenstadt zum Einkaufen. Ich treffe die beiden Zimmergenossen aus Hospital de Orbigo wieder, sowie eine bekannte Bundeswehrhose. Ich zerbreche mir den ganzen Einkauf über den Kopf, wo ich diesen Pilger schon einmal gesehen habe. Zeitgleich fällt es uns ein – von meinem ersten Tag in Burgos. Er ist Ungar, spricht wohl eigentlich deutsch, wählt aber lieber Zeichensprache und auch wieder schnelles Verschwinden.

In der Herberge dann ein weiteres Wiedersehen, diesmal mit den beiden lauten Deutschen aus Astorga. Während der sportlichere von ihnen, der sich als Bademeister herausstellt, zufrieden mit sich und der Welt zu sein scheint, ist sein dickerer Kollege absolut schweißüberströmt, krebsrot und dem Delirium nahe. Krachend lässt er sich auf eine Bank fallen, packt seine komplett lädierten Füße aus und wirkt generell eher unausgeglichen. Meine vorsichtige Frage, ob bei der Hitze kürzere Etappen für ihn nicht sinnvoller wären, beantwortet der unverwüstliche Bademeister für ihn mit „nein, nein, das packen wir schon“. Ich habe kein gutes Gefühl dabei (auch die anderen Pilger schauen etwas betreten), aber es sind ja erwachsene Menschen.

Gegen Abend schwebt auch in einer Wolke aus Ruhe, Meditation und Gelassenheit Angelo ein. Nach der eher traumatisierenden Begegnung mit dem Belgier und seiner gestressten Aura sehne ich mich nach etwas Angelo, allerdings gibt es ihn nur im Dreierpack mit zwei Französinnen, Mutter und Tochter. Sie haben in Foncebadón zusammen übernachtet und scheinen seither unzertrennlich zu sein. Aurélie ist Sportlehrerin und zeigt mir ein paar Dehnungsübungen. Sie ist mit ihrer Mutter in Frankreich gestartet, vor vielen Jahren. Jedes Jahr laufen sie ein weiteres Stückchen des Weges, je nachdem, wie sie Zeit haben. Sie ist sehr nett und natürlich, trotzdem bedauere ich es, nicht mit Angelo unter vier Augen reden zu können.

Zum Abendessen haben sich fast alle Pilger für das hauseigene Pilgermenü gemeldet, welches wir an zwei riesigen Tischen einnehmen. Neben mich hat sich zu meinem Schrecken Jelle platziert, aber ich ignoriere ihn absolut gekonnt und unterhalte mich lieber mit den beiden älteren Franzosen gegenüber. Es sind Brüder, einer von beiden ist frisch pensioniert, und an Sprachkenntnis, Wortwahl und Benehmen lässt sich unschwer ableiten, dass sie hier ziemlich undercover herumpilgern. Mir imponiert, dass sie alles zu Fuß laufen, alles selber tragen und sich in den Herbergen unter die Pilger mischen, auch wenn der Urlaub sonst wohl eher in 5-Sterne-Hotels stattfindet. Auch wenn sie sich sehr bedeckt halten, kann ich dem Pensionierten doch entlocken, dass er den Camino macht, um sich inspirieren zu lassen, wie er seinen nächsten Lebensabschnitt mit möglichst viel Sinn füllt. Vermutlich möchte er seine Fähigkeiten nun zum Wohle der Menschheit einbringen, und etwas daran beeindruckt mich sehr. Vielleicht am meisten, dass man seine beeindruckende Persönlichkeit und seine hohen Ziele ganz massiv spürt, ohne dass er sie betont oder überhaupt ausspricht.

Nach dem Essen fragt mich Jelle, ob ich wütend auf ihn wäre. Es ist sonst absolut nicht meine Art, aber in diesem Moment lüge ich einfach, lächele pseudoherzlich und beteuere „nein, wie kommst Du denn darauf“. Hauptsache, keine weitere Diskussion.

An der Wand in der Herberge entdecke ich ein sehr beeindruckendes Plakat. Für mich hat es sehr viel versteckte Wahrheit. Die meisten Pilger beginnen ihren Camino auf irgendeine Weise zweifelnd und gebückt, und wer auch nur eine Stunde den Platz vor der Kathedrale in Santiago beobachtet und die Ankunft der Pilger, der weiß zumindest, auf welcher Stufe sie ihren Camino beenden.

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Heute habe ich einen langen Tag vor mir, weswegen ich ganz froh bin, zeitig wach zu werden. Das Bett neben mir ist komplett leer, es fehlt sogar die Matratze. Der Französin war das Schnarchen aus dem Nebenzimmer zu laut, sodass sie kurzentschlossen unter freiem Himmel geschlafen hat. Es passt zu ihr. Sie ist natürlich auch schon wach, weil sie auch gerne allein läuft und es kühl hat.

Ich lasse mir gerade den ersten Cappuccino meines Caminos aus dem Automaten, als ich eine Belgierin vom Vortag erspähe und kurz entschlossen frage, ob wir zusammen losgehen wollen. 2006 habe ich immer den Sonnenaufgang abgewartet, dieses Jahr laufe ich auch gern mal einige Minuten vorher los. Aber so ganz im Dunkeln ist es mir allein unwohl. Nach einer Weile holen wir zwei Engländer ein, eine Mutter mit ihrem Sohn. Wir kommen ins Gespräch. Schon in den vergangenen Tagen habe ich sie oft sehr schnell und diszipliniert laufen sehen, und wie sie mir nun erzählen, ist ihr Camino von langer Hand geplant. Die Mutter trainiert seit einem Jahr mit dem Vater lange Strecken und das Laufen mit schwerem Rucksack, der Vater hat zudem die optimalen Routen ausgearbeitet. Sie laufen nur bis O Cebreiro, weil für mehr die Zeit nicht reicht. Ich bin überrascht, wie man gerade dort aufhören kann und will wissen, ob es denn da einen Bus gibt. Sie drucksen etwas herum, nein, da würde der Vater sie dann abholen. Es stellt sich heraus, dass er die ganze Tour im Begleitfahrzeug mitmacht und sie sich jeden Abend zur Übernachtung treffen. Trotzdem ziehen sie das Pilgern voll durch und tragen jeden Tag sämtliches Gepäck auf dem Rücken. Kurios.

Als die Sonne aufgeht, befinde ich mich inmitten von Weinbergen mit wunderschönen Ausblicken. In der Stille des morgendlichen Nebels, erwärmt von den ersten Sonnenstrahlen, erreiche ich Villafranca del Bierzo.

Dort beginnt heute mein „camino duro“, mein harter Weg. Ein Weg führt an der Fahrstraße entlang, der andere soll recht anstrengend mitten über einen Berg gehen. Fahrstraße ist mir zu langweilig, zu gefährlich und sicher nicht gut für die Füße, sodass ich schon sehr nach der Herausforderung lechze – und umso enttäuschter bin, als die Stadt zu Ende ist und ich meinen Abzweig nicht gefunden habe. Einige Pilger um mich herum laufen eben schulterzuckend die Straße entlang, aber ich kehre doch wieder um und frage mich durch, bis mir jemand die etwas versteckte Abzweigung zeigen kann. Es geht wirklich recht steil den Berg hoch, aber es ist noch kühl und darum kein Problem. Ich bin wieder ganz berauscht von dem Höhengewinn, der Aussicht, wieder einmal dem Gefühl, alles unter sich zu lassen, allem zu entfliehen und frei zu sein.

Auf dem Plateau angekommen geht es sich wunderschön. Die Sonne taucht die Landschaft wie in flüssiges Gold, auf einem kleinen Trampelpfad geht es beschwingt und ebenerdig weiter. Weit unten im Tal sehe ich die Asphaltstraße und freue mich noch umso mehr, hier so nah am Himmel zu sein. Ein bisschen einsam ist es allerdings, weit und breit kein anderer Pilger, und meine ängstliche Seite kommt durch, die sich fragt, was ich mache, wenn mich hier im Nichts eine Schlange beißt oder eine der zahlreichen Wespen sticht. Irgendwann taucht hinter mir ein Wanderer auf, ich überlege mir den worst case. Sicherheitshalber setze ich den Rucksack ab, mache eine Frühstückspause und weiß, wo mein Pfefferspray liegt. Aber der Wanderer entpuppt sich als die Französin, die auch ein harter Knochen ist und natürlich auch als einzige diesen verrückten Weg wählt. Den Rest des Weges habe ich sie vor mir in entfernter Sichtweite und kann auch wieder die Wespen genießen.

Nach einem ebenso abrupten Abstieg wie Anstieg erreiche ich gegen Mittag Trabadelo und stehe vor einer schweren Entscheidung, oder besser, dem ersten Mal, dass meine Pläne nicht ganz perfekt und problemlos aufgehen. Am liebsten übernachte ich in Orten mit Supermarkt, ich freue mich, wenn die Herbergen im Führer wärmstens empfohlen werden. Viele Betten beruhigen mich, denn ich habe ständig Herbergsangst. Zwar laufe ich sehr zeitig los, gehe unterwegs nicht in Cafés und habe ein schnelles Gangtempo. Trotzdem bekomme ich ein starkes Unruhegefühl, wenn viele Pilger an mir vorbeilaufen. Vor meinem geistigen Auge zählen sich die Herbergsplätze herunter, noch dazu der Faktor, dass ich nicht weiß, wie viele Nachtschichtpilger schon vor mir sind. So bin ich immer froh, gegen Mittag in der Herberge anzukommen (auch wenn ich mich dann den ganzen Nachmittag langweile und jeden Tag aufs Neue ärgere). Auch habe ich Angst, zu spät in Santiago anzukommen und werde unruhig, wenn die Planung nicht 1-2 Tage Puffer beinhaltet. Zwischen all diesen Zweifeln steht heute groß „La Faba“ auf dem Programm, ein Ort 32 km entfernt, in dem ein Bekannter meines Vaters eine Herberge mitgegründet hat. Und schon bevor ich jemals den Weg gelaufen bin, war mein Vater Feuer und Flamme, dass ich dort mal übernachten müsste. Mein Vater hat sehr wenig Wünsche an mich, und auf eine schwer zu erklärende Weise ist es mir ein ganz dringendes Anliegen, diese Station mitzunehmen. Leider sind 32km ungewohnt viel für mich, noch dazu mit dem Fragezeichen des zusätzlichen camino duro, vor dem kräftetechnisch eher gewarnt wird.

So mache ich mich gegen Mittag, statt mir in Trabadelo ein Bett zu sichern und die Mittagshitze im Schatten zu genießen, mit einem stattlichen Vorrat von 3 Litern Wasser und einigen Bananen auf den Weg nach La Faba, und ich habe das Gefühl, dass es eine Herausforderung werden könnte.

Die Mittagshitze, die ich sonst immer umgangen habe, ist beachtlich. Mir ist leicht schwindelig und ich trinke konsequent. Vor mir befinden sich viele Pilger erschöpft auf den letzten Metern zu den Herbergen in den nächsten Dörfern, die noch vor dem großen Anstieg zu O Cebreiro liegen. In der letzten Herberge, 1 ½ Stunden vor La Faba, hole ich mir nur einen Stempel und trete wieder etwas unwirklich auf die Straße hinaus und laufe weiter. Der Weg ist komplett verlassen, und als ich unsicher ein paar Einheimische nach dem Weg frage, geben sie mir zu verstehen, dass ich zwar auf dem richtigen Weg bin, ich aber langsamer machen soll, wenn ich jemals in Santiago ankommen will. Offensichtlich sehe ich nicht mehr sehr fit aus, und ich muss gestehen, dass ich durch die Hitze schon ziemlich daneben bin. Mich packt ein bisschen die Verzweiflung, was ich hier mitten im Nichts machen soll, wenn ich nun einen Hitzschlag bekomme. Ich schelte mich für meinen blöden Ehrgeiz, den camino duro machen zu müssen und nicht wie jeder vernünftige Mensch aus Cacabelos heute (auch ganz ohne Extratour durch die Berge) nur bis zu den Dörfern vor dem Anstieg zu gehen. Meine erste Wasserflasche ist leer, und nachdem ich bisher immer mit einer vollen 1 ½ l Flasche zur Reserve gelaufen bin und diese jetzt wirklich mal anbrechen muss, wird mir doppelt mulmig. Ich entscheide, dass es so keinen Sinn hat. Diese letzten 5 Kilometer werde ich schaffen, auch bei der Hitze, ich muss nur durchhalten, darf mich nicht überanstrengen, und selbst wenn ich ganz langsam mache und erst abends ankomme, das werde ich schaffen und das ist sicher. Ich mache ab da furchtbar kleine Schritte, ganz bedächtig Schritt für Schritt, ohne dass es mich schwindelt.

Und so passiere ich Weiler um Weiler und merke, dass es zwar langsam geht, aber es geht. Dann stehe ich vor dem wirklichen Anstieg, und wieder schwindet mein Mut. Ich denke unbestimmt „lass mich das schaffen“, und in diesem Moment erhebt sich mitten in der drückenden Mittagshitze über dem flimmernden Asphalt sekundenlang eine absolut kühle Brise. Ich stehe ganz verwirrt da. Mit ein wenig mehr Mut mache ich mich langsam und bedächtig den Berg hoch, als eines der vielen Taxis den Weg entlang fährt, das viele Pilgerrucksäcke, aber auch einige Pilger selbst bequem auf den Gipfel chauffiert. Der Fahrer lässt im Vorbeifahren das Fenster herunter, er gestikuliert wild, strahlt und brüllt „buon camino!!!“. Ich bin total gerührt. Da fährt er ständig Rucksäcke durch die Gegend, und im Herzen wirkt er so, als ob er wirklichen Respekt nur vor denen hat, die es aus eigener Kraft schaffen wollen, die ihren Rucksack auf dem Rücken tragen und sich in der Mittagshitze den Berg hochschleppen.

Von kühler Brise und Taxifahrer bin ich erstaunlich ermutigt, als ich am Straßenrand im Schatten einen Mann stehen sehe. Als ich näher komme, spricht er mich an – und bietet mir einen Keks an. Wir machen uns dann gemeinsam auf den Anstieg. Er meint, er hätte mich schon oft gesehen (ich kann mich wie so oft nicht explizit erinnern), und doch, er würde sich natürlich erinnern, ich hätte so einen auffälligen Laufstil. Ich muss unter meiner Anstrengung schief lächeln und meine, dass er mich daran heute nun wirklich nicht erkannt haben kann. Er lacht auch und meint, gut, heute wäre es der Rucksack gewesen. Ich liebe meinen Rucksack heiß und innig, mit dem ich schon 4 Wochen Zelt und Kocher und Winterklamotten rumgeschleppt habe, und so pilgere ich auch in Spanien mit einem 65+20 Liter-Rucksack, auch wenn der natürlich nur normale 8 Kilo plus der obligatorischen Sicherheitswasserflasche beinhaltet. Gemeinsam schleichen wir den Berg hoch; mein Gegenüber ist schon etwas älter und sehr bedächtig – und er will sogar bis O Cebreiro. Und im Gegensatz zu mir hat er da auch gar keine Zweifel.

In La Faba trennen sich unsere Wege und ich folge dem aus wenigen Häusern bestehenden Ort zu der Herberge. Ich trete durch ein Tor auf ein großes Grundstück, in der Mitte eine Kirche, am Rand ein sauberes Haus, vor dem 3 deutsche Hospitaleros sitzen und jeden Neuankömmling erst mal hinsitzen lassen und ihm ein Glas kalten Tee anbieten. Das Ganze ist so unwirklich, und ich kann noch gar nicht glauben, dass ich den Tag rumgebracht habe und es nun wirklich geschafft habe.

Ich dusche schnell in einem kleinen Bad voller heimisch bekannter deutscher Armaturen und frage nach einer Einkaufsmöglichkeit. Es gibt tatsächlich eine, und die Inhaberin macht auf Klingeln für jeden extra auf. Es gibt diesmal wohl wirklich nur 50 Artikel zur Auswahl, aber alles ist da, was das Herz begehren könnte. Ich kaufe Nudeln und Tomaten und sogar eine Zwiebel, bekomme Brot und Schinken von einem riesigen Laib abgeschnitten, es gibt pilgergerechte Minibutter und ich kann wieder ordentlich Wasser tanken, um den Schwindel wegzutrinken und morgen wieder eine gefüllte Sicherheitsflasche im Rucksack zu haben.

Als ich mit voller Tüte und noch duschfeuchten Haaren in meinen Flip-Flops zurückschlappe, kommen mir auf einmal Tränen in die Augen geschossen. Mein einziger Gedanke ist, dass ich so ein Glück nicht verdient habe. Dass ein Laden extra für mich öffnet und alles hat, was mein Herz begehrt. Dass ich meinen Wagemut und meinen Ehrgeiz nicht bereuen musste. Dass ich in meinen mutlosen Momenten so viel Zeichen und Unterstützung bekommen habe. Dass gerade heute, wo ich etwas labil bin, eine so heimelige Herberge auf mich wartet. Mitten in einer Pfütze mit Jauche stehe ich hemmungslos schluchzend da, und es ist wahrscheinlich die nächste göttliche Fügung, dass mich in diesem Moment niemand sieht.

In der Herberge sitze ich mit vielen Pilgern verstreut im Garten vor der Kirche, offensichtlich ist für viele heute ein bewegender Tag gewesen. Zwischen meinem Tagebuch und meiner Routenplanung zieht es mich immer wieder in die Kirche, in der leise Musik läuft, sonst niemand ist, die nur uns Pilgern gehört und wo ich meinen Tränen noch mal freien Lauf lassen kann und diesmal meine Dankbarkeit an jemanden richten kann.

Bärbel, die ehemals magengeplagte Deutsche, trifft ebenfalls ein und ist ganz euphorisch. Durch das Umpacken ihres Schlafsacks ist der Rucksack heute unheimlich viel leichter zu tragen, das ganze Laufen ist ihr viel leichter gefallen und sie ist ganz baff erstaunt über dieses kleine Wunder.

Ein älterer Franzose, der das Bett gegenüber von mir bewohnt, beantwortet meinen Gruß auch schon wieder ganz wissend. Wir hätten uns doch schon getroffen. Ich gucke wieder etwas dumm aus der Wäsche und bin mir eigentlich sicher, dass nicht. Er holt eifrig sein Tagebuch heraus, oder besser einen konfusen Stapel von Papierfetzen. Er blättert jeden Tag durch, fragt erwartungsvoll nach eventuellen gemeinsamen Stationen – und tatsächlich, am zweiten Tag sind wir uns tatsächlich schon mal begegnet, wie er begeistert seinem Aufschrieb entnimmt. Mich würde ja zu sehr interessieren, was er sich da sonst noch so alles notiert hat, wenn selbst „eine große junge Frau mit großem Rucksack ist heute schnell an mir vorbeigelaufen“ schon Eingang findet.

Um 20:00 ist Messe, nur für uns Pilger. Auf die Minute genau biegt mit quietschenden Reifen ein kleines, weißes Auto in den Hof, und aus den Staubwolken heraus springt auf seinen Teva-Sandalen ein kleiner Mönch in braunem Gewand. Er eröffnet sehr persönlich die Messe und lässt sich gleich zwei Übersetzerinnen geben, die alles in Englisch und Französisch übersetzen. Auf Deutsch verzichten wir, weil schon für jeden etwas dabei war. Er hat eine sehr süße Art, spricht seine spanischen Worte und zeigt dann schüchtern lächelnd auf seine Übersetzerinnen. Zuerst lassen wir das „luz de paz“, das Licht des Friedens, durch die Reihen gehen. Nichts weiter geschieht, als dass alle ruhig und aufmerksam zusehen, während jeder bedächtig die diskusähnliche Scheibe mit dem Petroleumdocht entgegennimmt und weitergibt.

Anschließend werden 5 Freiwillige vorgebeten, sich gegenüber der kleinen Gemeinde hinzusetzen. Er beginnt, der ersten Sitzenden den Fuß zu waschen, und anschließend soll sie so bei ihrer Nebensitzerin verfahren. So geht es minutenlang reihum, und solange herrscht bedächtige Stille in der Kirche. Das kurze Resümee auf Spanisch ist, dass man so, wie man selbst behandelt werden will, auch mit seinem nächsten umgehen soll. Dann will der Pater wissen, ob wir auf diesem Weg schon irgendwelche Erkenntnisse erlangt haben. Wir sitzen uns gegenüber wie in einer kleinen Familie, alles ist so ruhig und geduldig. Ein Brasilianer meldet sich schließlich zu Wort. Ihm ist eine Parallele aufgefallen zwischen Problemen und Blasen: sie kommen nicht über Nacht, sondern man macht schon lange vorher etwas falsch und missachtet erste Warnzeichen. Die übersetzende Belgierin erzählt, dass eine Freundin ihr eine schwere Seelenlast mit auf den Weg gegeben hat. Sie hat ihr nicht gesagt, um was es sich handelt, aber sie wird für sie nach Santiago gehen und die Last für sie dort ablegen. Das bewegt mich wieder sehr und erinnert mich an das Cruz de Ferro, wo auch so viele ihre Last ablegen. Eine Französin steuert noch eine Weisheit bei, wonach man die Stille braucht, um wirklich hören zu können. Die beiden Übersetzerinnen übersetzen nicht nur fehlerfrei, sie sind wohl auch gläubig und innerlich sehr gefestigt, jedenfalls genieße ich sowohl auf Spanisch als auch auf Englisch und Französisch jedes Wort.

Zum Abschluss bittet uns der Pater nach vorne rund um den Altar und möchte ein „abrazo de paz“. Alle stehen etwas unentschlossen herum, bis die ersten anfangen, ihrem Nächsten nicht nur die Hand zu geben, sondern ihn herzlich in den Arm zu nehmen. Und wir belassen es nicht nur beim Nächsten, irgendwann umarmt jeder jeden. Ich umarme den Pater, die Übersetzerinnen, die Hospitaleros, Bärbel, Franzosen, Dänen… die ganze Kirche liegt sich minutenlang in den Armen.

Heute bin ich so voller Glück und Dankbarkeit, dass ich jeden Pilger auf den ganzen 800 km Jakobsweg umarmen könnte.

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