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Posts Tagged ‘Santo Domingo de la Calzada’

Gegen 6 rumort der früh startende Kanadier in meinem Schlafabteil, sodass auch ich mich früh aufmache. Unterwegs treffe ich ihn und wechsle ein paar Worte mit ihm. Er spricht nur französisch und ist kein Mann unnötiger Worte, aber es scheint durch, dass er im Leben so ziemlich alles erreicht hat. Auf die Frage, wie es ihm auf dem Camino so gefällt, lacht er wie befreit und meint „fantastique“. Und er geht den Weg „pour apprendre à m’aimer“, um sich lieben zu lernen. Ich lasse ihn allein weiterlaufen, weil mir sein Tempo zu hoch ist, aber ich denke noch ziemlich lange über ihn nach. Und über diese Aussage. Manchmal sprechen Bilder mehr als 1000 Worte, und so glücklich und befreit wie er wirkt, scheint er mit dem Camino und dieser Feststellung einen Schlüssel dazu gefunden zu haben, worauf es im Leben ankommt. Und worin man wahres Glück findet.

Pünktlich zur normalen Startzeit bin ich wie so oft einen Ort weiter in Grañón, wo ich fast schon wie verabredet die Schwaben treffe. Für sie ist auch Schluss in Burgos, allerdings wollen sie sich ein wenig beeilen, um dann noch einen Tag zum Party machen zu haben. Nachdem ich heute wieder einen üblichen 4-Stunden-Mini-Tag einlege, werden sich hiermit also unsere Wege trennen.

Sie erzählen sehr begeistert von ihrer Übernachtung in der Kirche von Grañón, das hätte mir vermutlich auch gefallen. Heute beschließe ich spontan, auf Marek zu warten und mich zum Abschied ordentlich von ihm zu verabschieden. Wir sprechen uns in ein paar wenigen Sätzen aus, im Endeffekt haben wir wohl beide ein ähnlich schlechtes Gewissen einander gegenüber. Über mein Bändel ist er fast schon gerührt, er lässt es sich sogar anlegen. Alle zusammen machen wir noch ein paar Erinnerungsfotos; mein Lieblingsschwabe verspricht, sie mir zu schicken und notiert dazu meinem Email in seinem Tagebuch. Ich muss lachen, als ich ein paar Zeilen davon lese. Er hat eine lustige Art, alles festzuhalten, und seine Kommentare zu meiner Person sind recht erheiternd.

Als sie weg sind, bin ich reichlich schwermütig. Wieder einmal fühle ich mich daran erinnert, dass ich anders als sonst nicht wochenlang in ein und derselben Pilgerfamilie mitschwimme, sondern fast jeden Tag die bekannten Gesichter ziehen lassen muss. Ich vermisse Vertrautheit und Freunde. Dafür habe ich eine neue riesengroße Blase am Fuß, ich bin ein Stück weit frustriert und resigniert. Irgendetwas will mir der Camino damit sicher sagen. Im Moment habe ich das Gefühl, dass es ist „Du sollst nicht immer wieder hierherkommen und die gleichen Wunder wie die Male zuvor erwarten“. Und mir liegt ungut im Magen, dass ich für alle möglichen Pilger ein Bändel geknüpft habe, aber für meine beiden Sonnenscheinchen nicht.

Mein heutiges Tagesziel heißt Viloria de Rioja, ein verschlafenes Nest, in dem mir meine Pilgerfreundin Bärbel eine Herberge wärmstens empfohlen hat. Sie war dort 2 Wochen vorher bei Acacio und Orietta, und ihre kurze Nachricht auf die Schnelle zwischen ihrem Heimkommen und meinem Losgehen war „da musst Du unbedingt hin“.

Laut Führer ist die Herberge klein, 12 Betten, und man wohnt direkt mit den beiden Inhabern. Spannendes Konzept. Am meisten lässt es allerdings mein Herz in die Höhe schlagen, als ich im dortigen allgemein zugänglichen Wohnzimmer Marek am Rechner sitzen sehe. Er hat die Schwaben schon mal weitergehen lassen, schreibt noch kurz seiner Familie und macht sich dann auch wieder auf den Weg. Die Lösung für zumindest meine Bändelunzufriedenheit liegt in greifbarer Nähe, allerdings habe ich gerade jetzt keinen üblichen Vorrat in der Tasche. Ich lasse meinen Rucksack auf das Bett plumpsen, wühle panisch nach Wolle und Sicherheitsnadel und flechte in zittriger Eile ein erst halbfertiges Bändel weiter. Es ist nur ein völlig belangloses Bändel, aber irgendwie habe ich mal wieder das Gefühl, dass ich das jetzt noch rechtzeitig fertig bekommen muss.

Fast schon im Hechtsprung springe ich zurück ins Wohnzimmer, wo Marek auch wirklich gerade seinen Rucksack aufzieht und sich zum Losgehen anschickt. Ich drücke ihm atemlos meine Bändel (Marke „in der Eile mehr gewollt als gekonnt“) in die Hand und bitte ihn, sie seinen Kumpanen weiterzuleiten. Danach fühle ich mich absolut erleichtert und befreit und kann endlich in Ruhe ankommen und duschen.

Für die nur 12 Betten hat es einen riesigen, schicken Nassbereich in sehr liebevoller Ausstattung. Bisher bin ich die einzige Pilgerin (kein Wunder, es ist gerade mal Mittag), und so erkunde ich neugierig die Herberge und das Betreiberehepaar.

Küche, Esszimmer und Wohnzimmer teilen sie mit den Pilgern. Es hat rund um die Uhr Kaffee, und ebenso rund um die Uhr kommen Pilger für eine kurze Pause vorbei, setzen sich in die Sessel um den Kaminofen, lesen in den ausliegenden Büchern und Heften und ziehen wieder weiter.

Acacio sitzt die meiste Zeit vor dem Computer; der Ort wäre so klein, da müsste man auf diese Weise Kommunikation mit anderen Hospitaleros und Freunden führen. Überall hängen Fotos von gemeinsamen Treffen, und lustigerweise erkenne ich einige davon, z.B. Alfredo aus Molinaseca. Er erzählt mir sein Konzept dieser Herberge. Für ihn und seine Frau war es ein Traum, eine Herberge zu haben, und momentan sind sie noch am Umbauen, bis es irgendwann seinen Vorstellungen genügt. Es soll schöner und gemütlicher werden – nur größer sicher nicht. Ich bin fast etwas verwundert, so viel Aufwand für so wenig Pilger. Aber ihnen ist es wichtig, sich um die Pilger kümmern zu können und nicht nur einen Massenbetrieb aufrecht zu erhalten. Ich erzähle ihm, dass Bärbel mir seine Herberge empfohlen hat. Er kann mit dem Namen nichts anfangen und lässt sie sich beschreiben. Sehr schnell kann er sie wieder einordnen, auch seine Frau weiß gleich, wen er mit „die mit den besonderen Augen“ meint. Ja, das wäre eine gute Pilgerin gewesen.

Trotz allem fühle ich mich ein ganz klein wenig unwohl. Vermutlich fühlt es sich eben einfach so an, wenn man stundenlang in einem fremden Wohnzimmer herumsitzt.

Ich vertiefe mich in die Sammlungen von Klarsichthüllen voller Gedichte und Weisheiten. Zwei Gedichte auf Spanisch treffen mich ein Stück weit mitten ins Herz, ich könnte heulen, wenn ich das jetzt nicht doppelt unpassend in einem fremden Wohnzimmer finden würde. Irgendwie fühle ich mich einsam und fehl am Platz, aber gleichzeitig auch herrlich getröstet durch die Gedichte, die so viel Wahres für mich beinhalten.

Auch wenn es nicht einmal fürchterlich kalt ist, macht Acacio den kleinen Ofen an. Ich sitze in einem wunderbaren Großvaterstuhl, neben mir leuchtet und knistert und wärmt ein loderndes Feuerchen, während ich die Texte abschreibe.

Im Laufe des Nachmittags kommen zwei weitere Pilger, ein junger Deutscher und ein sehr alter Amerikaner, der sich erst einmal hinlegt.

Der Deutsche setzt sich irgendwann zu mir. Er hat eine furchtbar unruhige und hibbelige und unsichere Ausstrahlung. Er ist sicher schon über 30, aber es vergehen keine 2 Minuten, dass ihm nicht einfällt „oh Gott, das schaffe ich sicher alles gar nicht“, „ich habe bestimmt die falsche Ausrüstung“, „ich bin sicher nicht trainiert genug“, „ich mache sicher alles falsch“. Er springt ständig auf und läuft im Kreis, um sich wieder rastlos für ein paar weitere Minuten hinzusetzen. Ich bin fast ein bisschen belustigt und versuche ihm zu versichern, dass das schon alles gut wird und gar nicht so schwierig ist. Erleichtert lächelt er dann ein paar Sekunden, damit ihm danach schon wieder eine Schreckensvision einfällt. Ich versuche ihn damit zu beruhigen, dass mir meine Probleme zu Beginn des Caminos meist auch riesengroß erscheinen und ich unsicher bin, sich das aber meist auch wieder schnell relativiert, wenn ich zum einen meine eigene Stärke kennenlerne, zum anderen mit den anderen Pilgerschicksalen aber auch aufgezeigt bekomme, dass es anderen viel schlechter geht und sie mit viel größeren Problemen und Sorgen zu Streich kommen. Ich erzähle ihm Beispiele von Pilgern, die den Weg laufen, um über Verluste geliebter Menschen hinwegzukommen oder die sich mit einer schweren Krankheit konfrontiert sehen.

Interessanterweise wird er plötzlich ruhiger, aber mir zieht es dafür schier die Socken aus, als er nachdenklich und besinnlich meint, ja, ja, seine Tochter sei mit einem schweren Herzfehler auf die Welt gekommen. Sie haben die ersten 3 Jahre nur in Krankenhäusern und auf Intensivstationen verbracht. Er erzählt ruhig und ohne größere emotionale Regung, während ich immer kleiner mit Hut werde. Ich bin heilfroh und sehr erleichtert, als er irgendwann damit schließt, dass sie das jetzt soweit überstanden hat und es ihr gut geht und sie einer ganz normalen Kindheit entgegensieht. Ich wittere uns gerade wieder auf einem sicheren Terrain, als er wieder recht ruhig und unbeteiligt meint „ja, und dann hat mich meine Frau verlassen“. Er erzählt sicher zwei Stunden lang, er scheint viel auf dem Herzen zu haben. Und ich könnte eh kein Wort sagen, ich bin wie schon so oft erschlagen und fühle mich sehr, sehr naiv.

Gegen Abend hat der Deutsche eine gewisse Ruhe gefunden. Er ist selber zu dem Schluss gekommen, dass so arg viel mehr eigentlich nicht schiefgehen kann und man es eh nicht in der Hand hat. Bob, der 84-jährige Amerikaner, kommt zu uns an den Kamin gehinkt. Vorsichtig frage ich, woher er kommt und wie weit er will, so ganz fit sieht er nicht aus. Ehrlichgesagt überrascht es mich heute nicht mehr, dass er zwar diesmal nicht so weit will, aber letztes Jahr 2000 km ab Frankreich gepilgert ist. Er ist eine sehr beeindruckende, charismatische Persönlichkeit mit viel Pilgerweisheit. Fast schon etwas zu viel, ich habe den Eindruck, dass er auf all meine Überlegungen und ungestellten Fragen die Antwort eigentlich in sich schon weiß.

Zum Abendessen kommen noch zwei Freunde von Acacio, wir sind eine kleine Gruppe um einen mit Schüsseln und Töpfen vollgeladenen Tisch. Orietta spricht ein sehr bewegendes Tischgebet, sie dankt dem lieben Gott dafür, dass sie heute und jeden Tag Pilger beherbergen dürfen und ihnen heute das Geschenk zuteil wird, mit Bob, dem Deutschen und mir ihr Essen teilen zu dürfen. Interessante Sichtweise.

Acacio erklärt auf Englisch, dass es so bei ihnen Brauch ist, dass jeder sich vor dem Essen kurz vorstellt, und zwar in seiner Landessprache. Auch ein sehr interessantes Konzept. Ich verstehe zum Glück ein paar Brocken Spanisch, aber auch so ist es ein faszinierender Moment, einfach den Klang der Worte, die Mimik und Gestik auf sich wirken zu lassen. Der Deutsche neben mir ist allerdings wieder voll in seinem nervösen und unsicheren Element. Ich kann förmlich spüren, wie er sich während den anderen Vorstellungen seinen Text zurechtlegt. Er ist nervös, als müsse er eine Präsentation darbieten, vor allem ist er nicht davon abzubringen, immer wieder auf Englisch zu wechseln, obwohl Acacio ihn immer wieder freundlich anlächelt und zur deutschen Sprache einlädt. Auf eine Weise kann ich ihn sehr gut verstehen und mit ihm fühlen; ich wünsche ihm nur von Herzen, dass der Camino ihn eine gewisse Ruhe spüren lässt. Und ihn von der Stärke überzeugt, die er ja sehr offensichtlich besitzt.

Das Essen ist superlecker, und ich bin sehr gerührt und bewegt von der familiären Atmosphäre. Den Nachmittag habe ich mich wie in einem fremden Wohnzimmer gefühlt, aber in dem Esszimmer fühle ich mich nun wie zu Hause.

Anschließend nimmt Orietta bereitwillig mein Angebot an, den Abwasch zu machen. Sie erzählt, dass eine Pilgerherberge zwar schön, aber fürchterlich viel Verwaltungsarbeit und Papierkram wäre. Sie wäre meist bis in die Nacht beschäftigt mit irgendwelchen Auflagen, und es wäre schon auch sehr anstrengend.

Die verbleibende Stunde verbringen wir lesend an dem wunderbaren Kamin. Orietta und Acacio haben ein tolles Bücherregal voller Pilgerbücher in allen möglichen Sprachen. Ein Großteil stammt von Paulo Coelho, einem Freund des Hauses, wie Acacio sehr stolz betont. Ich lese ein bisschen Shirley MacLaine, habe aber den Eindruck, dass ich mit ihr noch deutlich weniger anfangen kann als mit Hape Kerkeling und Paulo Coelho. Zumindest scheine ich nicht die einzige zu sein, die auf dem Camino ab und an ein bisschen spinnt.

Während Bob konzentriert am Esstisch im Schein der Lampe seine 11 Tabletten für den Abend und 18 Tabletten für den Morgen richtet, gebe ich dem Deutschen meine Fertigung des Nachmittags, mit sehr vielen persönlichen Wünschen in jedem Knoten. Er bedankt sich und meint, da würde sich seine Tochter sicher drüber freuen. Na ja, die kann die guten Wünsche ja sicher auch gebrauchen.

Ein sehr ruhiger Tag mit endlosen Stunden am Kaminfeuer, ein Tag voller bewegender Erkenntnisse – vor allem der Erkenntnis, dass ich noch sehr, sehr viel zu lernen habe.

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Den gestrigen Vorsätzen zum Trotz starte ich wieder in aller Frühe. Meine erste Hürde meistere ich problemlos – nämlich den Hund eines Mitpilgers, der nicht mit in die Herberge durfte und der die ganze Nacht friedlich auf der Türschwelle zur Herberge gewartet hat. Entsprechend gut erzogen guckt er mich jetzt also auch nur verwundert an, als ich zittrig über in drüberstapfe (und jeden Moment damit rechne, dass er mich wild kläffend in die Herberge zurücktreibt).

Zum Sonnenaufgang bin ich in Azofra, wo sich vor der dortigen Herberge schon die startbereiten Pilgersilhouetten abheben. Ich treffe auch wieder die beiden Schwaben, die noch etwas verschlafen ihre erste Zigarette des Tages rauchen, während ihr tschechischer Mitpilger noch oben am Packen ist. Ganz generell freue ich mich schon, überhaupt bekannte Gesichter zu sehen, nachdem ich durch meine kleinen Etappen eigentlich alle immer ziehen lassen muss. Aber die beiden Schwaben sind darüber hinaus ein Fall für sich. Beide sind immer höflich, immer lustig, immer am Strahlen. Sie erinnern mich an den Sonnenaufgang über den Sonnenblumenfeldern, sie strahlen und leuchten und versprühen eine recht besondere Helligkeit. Ich bin mir nur nicht immer so ganz sicher, was sie von mir denken. Nach ein paar Minuten heiterem Plaudern überkommt mich immer die Ahnung, dass sie vielleicht einfach nur liebend gern in Ruhe ihre Zigarette fertig rauchen würden.

Bevor der Tscheche sich dazugesellt, mache ich mich somit wieder auf den Weg. Heute bin ich schnell unterwegs, seit langem floate ich mal wieder. Die gestrige lange Etappe hat gut getan und mir ein gewisses Vertrauen in meine Lauffähigkeit zurückgegeben. Die heutige Etappe ist kurz, knappe 20 km, sodass ich noch vor Mittag an meinem heutigen Tagesziel Santo Domingo de la Calzada ankomme. Das Laufen nach Vernunft und Plan frustriert mich ein bisschen, ich fühle mich immer wie mit angezogener Handbremse, aber wenn ich nicht viel zu früh in Burgos ankommen will, stehen jetzt einfach einige 20 km – Etappen auf dem Programm. Auch heute hadere ich damit, eigentlich noch etwas mehr laufen zu wollen. Die Herberge in Grañón, noch dazu mit Aussicht auf die Gesellschaft der Schwaben, ist reizvoll, aber dann hätte ich für den Folgetag etwas um die 15 km, und das geht wirklich gar nicht.

So begebe ich mich in die historische Herberge, mit deren riesigem Schlafsaal ich nicht die besten Erinnerungen verbinde. Der Hospitalero erklärt mir umständlich den Weg in den Schlafsaal, und ich möchte fast schon sagen, dass ich den Weg kenne, da fällt mir auf, dass es wo anders hin geht. Ich schraube mich zwei Etagen eine steinerne Wendeltreppe hinauf, es wird immer enger und verlassener, dass ich den Eindruck bekomme, irgendwie falsch zu sein. In luftiger Höhe kommt dann plötzlich doch noch ein Raum mit einem großen Tisch und einer kleinen Küche, unzähligen verwinkelten Holzbalken in der Dachschräge, und einem kleinen Schlafsaal, ebenfalls wieder halb unter der Dachschräge verborgen. Es hat lauter Einzelbetten, in kleine Abteile zu vier abgeteilt, und die Atmosphäre ist ganz speziell. Irgendwie sehr persönlich, historisch, verwinkelt und durch die Höhe auch irgendwie erhaben. Ausser mir ist schon ein kleiner, älterer Mann am Auspacken, den ich schon mehrfach gesehen habe. Er entpuppt sich als französischsprachiger Kanadier, der aber ziemlich schnell vor sich hinredet und ein klein wenig entrückt wirkt. Vor allem geht er sehr schnell und sehr früh los. Vor 12 ist er meistens da, und meist hat er um diese Zeit schon über 25 oder 30 km heruntergespult.

Ich spule aber erstmal den Weg zu einem Supermarkt herunter, bzw. frage mich munter durch. Nichts macht mehr leuchtende Augen, als wenn ich auf die zaghafte Frage, ob es wo einen Mercado hat, die blumige und weitausholende Richtungsweisung zu einem großen, großen Supermercado erhalte. So verbirgt sich auch hier hinter einem unscheinbaren Seiteneingang ein riesiger Eroski-Supermarkt, welcher mich mit seiner Auswahl wie üblich erschlägt und überfordert. Ich kaufe Eier, Thunfisch und die wunderbaren grünen Minipaprika; mir steht ein Festmahl wie selten zuvor bevor.

Ich koche in der kleinen Küche, in der es schon zu Mittag lebhafter wird. Eine junge Katalanin und ein holländischer Polizist versuchen sich auch etwas warmzumachen, eine lustige Schatzsuche nach Pfannen, Feuerzeugen, Dosenöffnern und Salz beginnt. Beide sind nett und unterhaltsam. Ich freue mich sehr, endlich mal jemand Spanischsprechendes zu treffen. Ich habe das Gefühl, bisher mehr Englisch und Deutsch gesprochen zu haben. Auch die Katalanin wirkt glücklich, sie erzählt etwas verschüchtert, dass sie eigentlich schon auch mehr Spanier hier erwartet hätte, sie hätte noch nie einen spanischen Pilger getroffen, den ganzes Weg bisher.

Ich fühle mich unerklärlicherweise ziemlich wunderbar in dieser Herberge, über den Dächern der Stadt, mit den vielen verwinkelten Holzbalken, auf dieser massiven, schweren Holzbank. Es ist ein reges Kommen und Gehen von Pilgern, es hat anscheinend noch mehrere kleine Schlafzimmer, die nun bevölkert werden. Viele Gesichter kommen mir ein Stück weit bekannt vor, wir haben uns irgendwo schon mal gesehen. Wieder einmal bin ich beeindruckt von der Unberechenbarkeit des Caminos. Der erwartete Schlafsaal scheint gar nicht mehr in Gebrauch bzw. im Umbau befindlich zu sein; statt dessen habe ich hier so ein kleines Juwel bekommen.

Für den Moment nimmt eine höchst rüstige Vierergruppe von älteren Französinnen neben mir Platz. Sie bieten mir diverse Tees und Kekse an, alles in unzählige Plastikbeutel sauber verpackt. Sie haben sogar einen Tauchsieder und Cappuccinopulver dabei. Die eine meint lachend und entschuldigend, dass sie eben zu alt wären, alles selber zu tragen, und sich daher das Gepäck von einem Transport befördern lassen. Und wenn schon, dann richtig.

Ebenfalls französisch geht es weiter mit dem Besitzer des großen Hundes heute morgen auf der Schwelle der Herberge. Der Hund ist diesmal gut im Garten versorgt, und das Herrchen dazu in meinem Alter hat deutlich Redebedarf, zumal er nur französisch zu sprechen scheint und damit (und mit dem Hund) recht einsam ist. Zwar hatte ich lange Jahre in der Schule Französisch, nicht einmal mit schlechten Ergebnissen, aber alles liegt derart weit zurück, dass ich keinen halben Satz gerade herausbringe. Ich verstehe zwar ziemlich alles, aber meine Rückmeldungen sind derart holprig und dürftig, dass man sich das wohl schwer vorstellen kann. Jean-Philippe scheint diese seltene Vorstellungsgabe zu haben, er erzählt in aller Ruhe alles mögliche, und es ist ein lustiges Gefühl, plötzlich so ins Französische abzutauchen. Ich bekomme Einblicke in das Pilgern mit Hund, das bedeutend anstrengender ist, als ich mir vorgestellt hätte. Schlafplätze sind nicht einfach zu finden. Der Hund darf selten mit in die Herberge oder in einen Garten, und nicht einmal das Vor-der-Tür-Warten wie in Nájera wird überall erlaubt. Oft würden sie zusammen irgendwo draußen auf dem Feld übernachten. Sein Hund würde unheimlich viel Schlaf brauchen, bei jeder Trinkpause seines Herrchens würde er ein kurzes Tiefschlafhäppchen einbauen. Seine Pfoten wären empfindlich, man müsste immer viel Rücksicht nehmen. Vor allem fehlt Jean-Philippe der Austausch mit anderen Menschen; manchmal geht er tagsüber in eine Herberge und erst zur Nacht mit dem Hund einen Schlafplatz suchen, um wenigstens ein bisschen Ansprache zu haben. Ihn bewegen viele Gedanken, Sorgen und Überlegungen, er redet fast 2 Stunden ohne Unterbrechung. Ich kann alles sehr gut verstehen und nachempfinden. Leider kann ich es nicht in Worte fassen, aber ich hoffe, er versteht es vielleicht auch so.

Ein ungewöhnlicher Pilger sitzt schachspielend in der Ecke; mit langem Bart, langen Haaren und gut 2 Metern Körpergröße gibt er eine beeindruckende Erscheinung ab. Er erinnert mich nicht allzu entfernt an Hagrid aus Harry Potter, und für den Anfang soll ich mal mit ihm Schach spielen. Das habe ich zuletzt als gefühlt Vierjährige gemacht. Jedes Spiel war gleich, ich hatte alle Hände voll zu tun, die Figuren auseinander zu halten und die unterschiedlichen Bewegungsmöglichkeiten zu sortieren – und gegen die stundenlangen, taktischen Überlegungen meines älteren Bruders hatte ich natürlich ohnehin nie eine Chance. So hält sich jetzt meine Begeisterung auch in Grenzen. Die fachkundigen Kommentare einiger älterer Pilger bescheinigen mir wenig schmeichelhaftes, umso erstaunter bin ich, als ich nach einer halben Stunde völlig unerwartet einen Matchball zum Schach Matt habe. Ich bin überrascht; vor allem aber das norwegische Trumm von einem Mann ist völlig von der Rolle, wie er jetzt von einem unscheinbaren Mädchen mit der Taktik und dem Ernst einer Vierjährigen geschlagen werden konnte.

Im Lauf des Nachmittags treffe ich den Schweden aus Cirauqui wieder; er ist netter, als ich damals im ersten Moment vermutet hätte. Er ist Professor für diverse Sprachen, spricht fließend Deutsch und Englisch und war auch schon vielerorts auf der Welt zu Hause. Wir sitzen zu viert zusammen, die Katalanin, der Holländer, der Schwede und ich, eine lustige internationale Komposition.

Beim Abendessen sitzen auch die beiden blonden Grazien mit am Tisch, die ich am allerersten Abend in Roncesvalles so eindrücklich getroffen habe. Diesmal sind sie etwas leiser und bedrückter als damals. Ihr Camino ist morgen bereits zu Ende, und als mir ein typisches „schade!“ entweicht, drucksen sie etwas herum. So ganz schade wäre es  nicht, es wäre irgendwie der Wurm drin gewesen. Eine der beiden hatte Probleme mit den Schuhen und ist ab dem zweiten Tag in Crocs gelaufen. Vor allem aber wird deutlich, dass nicht beide das gleiche vom Camino erwartet oder zurückbekommen haben. Recht offen erzählt die eine, dass sie eben gern wandert und draußen ist, auch schon vorher mal auf dem Camino war. Jetzt hätte sie diese Erfahrung mit ihrer Freundin teilen wollen, aber diese ist eben nicht gleichermaßen aufgeblüht und begeistert gewesen. Sie sehnt sich mal wieder nach einem sauberen Hotel, nicht jeden Tag von neuem Wanderstress. Sie schauen ein bisschen aneinander vorbei, als die eine sagt, sie würde vielleicht in Zukunft doch lieber wieder in einem Hotel Urlaub machen. Beide wirken irgendwie jämmerlich und kleinlaut. Sie tun mir ein Stück weit leid, aber natürlich muss es auch das geben. Enttäuschungen oder einfach auch, dass der Camino und das Pilgern nicht für jeden das Höchste sein können.

Beim Kochen werkle ich noch mit einem Italiener und treffe eine kleine, sonnige Schweizerin aus dem Welschland. Sie ist irgendwie speziell, von ganz zarter Statur, frisch nach dem Abitur. Sie hat ein Gesicht voller Sommersprosse, blonde Haare wie eine Sonnenblume, sie lächelt schüchtern und leise und wandelt irgendwie ganz für sich durch die Pilgergemeinschaft, allerdings auch, ohne irgendwie einsam oder unwohl auszusehen. Ich spreche ein paar Minuten mit ihr. Sie ist aus der Schweiz zu Fuß gestartet, sie ist seit 3 Monaten unterwegs, und alles ist ganz still und ruhig und lächelnd und nachdenklich und schicksalsergeben. Es lässt sich schwer in Worte fassen, aber sie hinterlässt einen ganz starken, bleibenden Eindruck bei mir.

Der heutige Tag war eindrucksvoll. Unerwartet und unheimlich reich an vielen verschiedenen Kontakten. Ich gebe der Schweizerin ein Armbändel, worauf sie mich überraschenderweise umarmt. Auch die Katalanin freut sich. Ein Tag voller Unbekannter, die in meinem Leben aufgetaucht sind und morgen genauso schnell wieder verschwinden. Heute fühlt es sich ohne Wehmut an, es waren keine Kontakte für eine bleibende Freundschaft, meistens konnte ich mich ja nicht einmal sprachlich ausdrücken. Aber trotzdem (oder vielleicht gerade deswegen auf so beeindruckende Weise) ein selten reicher Tag.

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