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Posts Tagged ‘Olveiroa’

Ich bin sehr früh wach, und so starte ich bereits gegen 6 Uhr in kompletter Dunkelheit mit der ermunternden Aussicht, bald einen Supermarkt zu erreichen und meine Vorräte wieder auf die gewohnten Dimensionen aufstocken zu können.

Aber bereits in dem wirklich winzigen Dorf finde ich kaum den Camino wieder. An der Hauptstraße meine ich zwar so etwas wie einen Pfeil zu sehen, bin mir aber doch nicht so sicher, so dass ich schon wieder am Umdrehen bin, als hinter mir eine laute spanische Gruppe auch meinen Weg einschlägt. So traben wir fast eine Stunde im Stockfinstern die Autostrasse entlang. Mittlerweile regnet es auch ordentlich. Die ganze Stunde über sehe ich keinen einzigen Pfeil, so dass ich dann irgendwann doch den Kontakt abreißen lasse und im munteren Regen schnell meinen Reiseführer auspacke. Und wie ich es schon geahnt habe, es heißt natürlich „vor der großen Straße geht der Weg links ab“. Ich weiß nicht, welchen Rappel ich habe, aber ich laufe wutentbrannt alles wieder zurück. Ich will den Camino gehen, und zwar jeden Meter. Keine Abkürzung und erst recht keine hässliche Fahrstraße.

So ist es ordentlich hell, als ich wieder am Ausgangspunkt angelangt bin – und das Dorf ist wie ausgestorben, alle Pilger sind schon auf dem (richtigen) Weg. Ich finde die sehr versteckte Abzweigung und werde reiflich für meinen Umweg belohnt. Es geht verwunschen und völlig einsam in die Höhe. Überall dichter Nebel, umso überraschender dann plötzlich der Blick zur Seite ins Tal auf einen großen See. Ich fühle mich fast schon wieder auf dem falschen Weg, weil ich weit und breit keinen anderen Menschen sehe – aber wenigstens die gelben Pfeile.

Als ich wieder auf Zivilisation stoße, sehe ich in einem Straßencafe die spanischen Truppe sitzen und ausgiebig frühstücken, während ich abgekämpft seit 3 Stunden laufe. Die Straße hat natürlich auch zum Ziel geführt, und offensichtlich war ich schon kurz vor dem Zusammentreffen der beiden Wege.

Ab da wird es wieder verwunschen, da nebelig und einsam. Auch sehe ich wieder einmal über viele Kilometer keine Markierungen mehr, noch dazu wird mir schwummerig und schwindelig. Ich vermute, dass es an der sparsamen Nahrungsaufnahme liegt, esse die letzte Banane und den letzten Schokoriegel und habe erstmals nur noch ein Stück Brot mit Chorizo und ein paar Schluck Wasser in meinem Rucksack. Und nach einer weiteren Stunde und einem immer merkwürdigeren Allgemeinzustand überwinde ich meine Vorratsangst und treffe die Entscheidung, alles auf eine Karte zu setzen, alles zu essen und zu hoffen, dass ich dann wirklich irgendwann die heißersehnte Stadt treffe.

Viele Situationen stellt man sich im Vorfeld als schwierig und problematisch vor. Sei es, in den Herbergen Platz zu finden, den Weg zu finden, wie es mit der Sicherheit und Diebstahl ist, wie man in Kontakt mit anderen kommt… all das ist ab dem ersten Tag nie mehr ein Problem gewesen. Dafür erscheinen einem plötzlich völlige Lappalien wie ein Riesenproblem, und man verzweifelt an harmlosen Kleinigkeiten.

So sitze ich im völligen Nebel, seit Stunden weit und breit keine Markierung und weit und breit kein Pilger, obwohl mit mir doch 30-40 andere Pilger unterwegs sein müssten. In mir festigt sich die Gewissheit, auf dem falschen Weg zu sein, es fragt sich nur, seit wann. Panik steigt in mir auf; wenn ich seit 2 Stunden in die falsche Richtung laufe und dann noch 2 oder mehr in die richtige muss, wie lange mein kleines Chorizobrot vorhält. Zu allem Überfluss habe ich auf dem Weg, auf dem so gut wie keine Fußspuren zu sehen sind, riesige Pfotenabdrücke entdeckt, die definitiv nicht mehr von einem Hund stammen können. So erlebe ich mit meinem Pfefferabwehrspray in der Hand und lauter desperaten Gedanken im Kopf meine wohl schwärzeste Vesperpause des Caminos.

Aber der Camino ist nicht umsonst magisch. Erlebt man Tiefs, kann man sich umso mehr freuen, wenn es hinterher wieder bergauf geht. Und ist man an einem Punkt angekommen, an dem man nicht mehr will, an dem einem alles zu viel wird, an dem man alleine nicht mehr weiterkommt – dann kann man sich sicher sein, dass die Gebete erhört werden und eine höhere Instanz einem soweit wieder Starthilfe gibt, bis man von selbst wieder in der Lage ist, frohgemut voranzuschreiten oder zumindest unerschrocken weiterzukämpfen.

Kaum habe ich meinen Rucksack wieder geschultert und lasse den Blick schweifen, fällt mir nur wenige Meter von meinem Pausenplatz ein Stein am Wegesrand auf – mit einem dicken, gelben Pfeil, und wie ich schwören könnte, dem ersten seit Stunden. Gerade schicke ich noch ein unendlich dankbares Dankesgebet nach oben, bin kaum 50 Meter gelaufen – da klar der Nebel komplett auf. Und nach 2 Stunden Nebel eröffnet sich der Blick auf das Meer und die Bucht von Cée und nicht zuletzt die Stadt mit meinem Supermarkt. Und wenn, dann kommt der Beistand von oben so richtig gewaltig, umwerfend und unleugbar – mein ganzer Abstieg in die Stadt wird begleitet von Salutschüssen (auch wenn diese sicher nicht mir gelten). Wieder einmal habe ich die schützende Hand Gottes wenige Meter über mir gespürt, und folglich komme ich reichlich bewegt (und verheult) am Ortseingang an.

Der Supermarkt ist das Tüpfelchen auf dem i, und so bin ich voller Elan, als ich die letzte Etappe nach Finisterre angehe. Von hier könnte man den Bus nehmen, ich weiß, dass das einige meiner Mitpilger auch planen, aber das hier ist die Krönung eines Weges, den ich auf meinen Füßen geschafft habe – und natürlich erfolgt diese Krönung erst recht zu Fuß.

Leider ist das Wetter nicht ganz so auf meiner Seite, es nebelt und regnet ordentlich, so dass der Einlauf in Finisterre denkbar unromantisch und unbewegend ist. Ich checke in der Herberge ein, wo ich gleich mit meinem täglichen Stempel auch eine wunderschöne Fisterrana, die Urkunde für Fußpilger, bekomme. Im Vergleich zu der schlichten Compostela ein echtes Schmuckstück – und etwas besonderes.

Das Besondere droht fast schon wieder ein wenig auf der Strecke zu bleiben, nachdem ich mein Bett wechseln muss, nachdem eine nach mir kommende Pilgerin die Krise schiebt, dass sie zusammen mit ihrem Partner zwei nebeneinanderliegende Bett unten haben will. So ziehe ich ein Stockwerk tiefer in ein oberes Stockbett und wundere mich, warum mir auf dem ganzen Camino noch nie so ein komisches Verhalten aufgefallen ist. Ist doch der Pilger klassisch einfach wunschlos glücklich, überhaupt ein Bett zu haben.

Ich dusche und sehe beim Lüften aus der kleinen Luke zwei liebgewonnene Engländer, die ich in Sarria im Zimmer hatte und mit denen ich in Santiago eine unerwartete, aber unerwartet intensive und beeindruckende Unterhaltung hatte. Sie sind mit dem Bus gefahren, und zu gern würde ich sie noch einmal sprechen – aber 100m über die Dächer von Finisterre schreien will ich dann doch nicht – zumal unbekleidet.

In der Küche treffe ich wie vom Donner gerührt zwei Bekannte der aller ersten Stunde – die beiden schnellen Schwestern des Dreiergespanns. Und natürlich biegt auch Andi kurz nach mir wie üblich freudig strahlend in die Herberge ein. Und nachdem wir mittlerweile als siamesische Zwillinge durchgehen, setzt er mich auch gleich in Kenntnis, wie er sich unseren restlichen Tag vorgestellt hat. Ich bin unleidig und möchte mich noch nicht festlegen. Also setzt er sich einfach wartend aufs Sofa und belauert mich auch Schritt und Tritt.

Mir gelingt die Flucht, Punkt Ladenöffnung erstehe ich meine Paella-Zutaten und stehe bereits in der Küche, als Andi interessiert beschließt, auch Paella zu kochen und mir Gesellschaft zu leisten. Ich habe mittlerweile meinen Zeitplan fest vor Augen, ich will um alles in der Welt den Sonnenuntergang am Leuchtturm erleben. Das ist der Abschluss, auf den ich den ganzen Camino hinfiebere.

So esse ich sehr eilig und stehe schon abmarschbereit auf der Strasse, als Andi gerade vom Einkaufen zurückkommt. Ich bin fast erleichtert, habe aber meine Rechnung ohne Andi gemacht. Statt wie geplant Paella zu kochen, hat er sich für das zeitsparende Bocadillo entschieden und ist allen Ernstes auch abmarschbereit. Er grinst wie immer so überglücklich und nichts böses ahnend, dass es mir wirklich in der Seele wehtut, ihm dann klipp und klar zu sagen, dass ich jetzt wirklich alleine meine halbe Stunde zum Leuchtturm genießen will. Statt mich mal endlich als zickig abzutun, zuckt er nur schicksalsergeben die Schultern und meint „na gut, dann hole ich mir noch was zu trinken und komme in 5 Minuten nach“.

Statt emotionsüberflutet die letzten Meter zum Punkt 0 zu genießen, habe ich die ganze Strecke natürlich nur ein schlechtes Gewissen, fühle mich ordentlich mies und freue mich ganz unheimlich, als Andi dann auch ankommt, und gemeinsam schauen wir den Leuchtturm an, machen Siegerfotos am Kilometerstein und suchen die Superposition für das Abendrot.

Leider sind wir viel zu früh, und leider ist es extrem kalt. Andi bewahrt stoische Ruhe und harrt selbstlos mit mir, bis ich meinen albernen Traum erfüllt kriege. Zwar bin ich am Ende der Welt, als die Sonne untergeht, aber leider geht sie so schnell und unspektakulär unter, dass ich davon nicht mal wirklich ein Foto machen will. Ich bin frustriert, völlig verfroren, und der arme Andi bekommt auch den ganzen Heimweg noch meine selbstmitleidigen Gedanken ab. Punkt Küchenschluss spuckt uns die Mikrowelle noch 2 Tassen heißes Wasser aus, und so beenden wir den turbulenten Tag einträchtig kamillenteetrinkend.

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Der Tag, der heute vor mir liegt, erfüllt mich von Anfang an mit einer Mischung aus Nervenkitzel, Herausforderung und Vorfreude. Während ich mich auf dem Camino immer vernünftig geschont habe, mich bei 25 km zur Vernunft gerufen habe und mir jeden Moment bewusst war, sorgsam mit meinen Kräften und meinem Körper umgehen zu müssen, winkt auf die letzten Tage das „alles oder nichts“. Ich habe mein grosses Ziel Santiago erreicht, jetzt ist es egal, ob ich mit Fussschaden ausfalle oder eine Sehnenreizung hole. Jetzt darf ich endlich meine Grenzen austesten, bzw. eigentlich muss ich es sogar. Heute müssen 32 km gelaufen werden, es gibt keine Herberge zwischendrin. Ich freue mich darauf, aber gestern zeigten sich manche Pilger schon überfordert angesichts dieses Drucks. Einige sind mit dem Bus sofort nach Santiago zurückgefahren, andere haben den Bus nach Finisterre genommen. Wieder andere machen eine Minietappe von 10 km, wo es anscheinend ein provisorisches Quartier geben soll.

Während die meisten noch frühstücken, packen und interessiert in die Finsternis schauen, entziehe ich mich diesem kollektiven Zeitschinden und laufe schon mal los. Ich habe ja eine Stirnlampe und mittlerweile wenig Angst.

Folglich bin ich auch den restlichen Tag immer so gut wie allein auf dem Weg. Nur eine Engländerin, diejenige, die gestern als erste in der Herberge war, läuft mir immer wieder über den Weg, je nachdem, wer von uns gerade Pause macht. Sie beeindruckt durch ihr Tempo. Ich „schreite“ ja schon wieder wie ein Pilger mit unendlichen Lasten auf den Schultern (vor allem angesichts dieser Strecke heute, bei der ich mir lieber wieder die Kräfte einteile), während sie zu hüpfen und zu springen scheint, als würde sie gerade mit kleinem Proviantrucksack zum Sonntagsausflug aufbrechen.

Ich lasse mir Zeit, und der Weg ist auch wirklich wunderschön. Ich überwinde meine jahrelange Abneigung gegen meine Stimme und singe stundenlang (und völlig unharmonisch) alles, was mir so in den Sinn kommt. Ein befreiendes Gefühl, und wie so oft auf dem Camino das gute Gefühl, ein weiteres, lähmendes Hemmnis überwunden zu haben.

Die 8 Stunden Wanderzeit sind schon etwas anderes; anstatt durchzulaufen zur Herberge wie sonst mache ich nun doch bereits auf dem Weg immer wieder längere Pausen, um zu essen oder mich zu sammeln.

Vor der Herberge sammeln sich schnell einige Pilger. Die frische Engländerin ist natürlich schon da, auch der Österreicher mit zwei blonden Grazien hat es geschafft, allerdings hat er gegen Ende für sie die Rucksäcke getragen, und sie freuen sich auf Abkürzung mit dem Bus morgen. Andi kommt wieder kurz nach mir; ähnlich wie ich kommt er zwar an seine Grenzen, geniesst es aber absolut und würde nie an kleinere Etappen oder gar Bus denken.

Olveiroa an sich ist auch wieder eine Herausforderung; es gibt keine Einkaufsmöglichkeit, sodass ich mit den kargen Vorräten aus meinem Rucksack zu kochen gedenke. Und der nächste Morgen wird interessant, weil erst nach der halben Strecke dann wieder eine Stadt kommt, in der ich auftanken kann.

Irgendwie bin ich Andi gegenüber heute versöhnlich gestimmt und lade ihn freiwillig zum kräftetankenden Essen ein – auch wenn es nur trockene Nudeln, Zwiebel und Reste von Salami gibt. Er freut sich, zeigt sich auch über das Essen glücklich – auch wenn es eigentlich eine Zumutung ist.

Derweil lockt die nächste Überwindung von hemmenden Sorgen und Ängsten. Zwei Tage ohne Einkaufsmöglichkeit bringen zumindest meine Wasserplanung an ihre Grenze. Bisher habe ich mich tapfer gegen Brunnen- oder Leitungswasser gewehrt und immer zwei grosse Wasserflaschen mitgeschleppt. Nachdem die nun zu Ende sind, ich zugegebenermassen etwas trinken sollte und mir alle glaubhaft versichern, dass das Wasser prima wäre, wage ich die Hasenfussvariante und koche etwas Leitungswasser ab. Dummerweise sucht dann gerade beim Abkühlen ein kopulierendes Fliegenpärchen den Freitod in meinem Wasser, und der Österreicher betrifft die Küche und schwört Stein und Bein, dass er seit gewissen Erlebnissen nie, nie wieder Hahnenwasser trinken wird. Letztlich bleibe ich dann lieber durstig.

Mein Spanier vom Vortag kommt leider nicht mehr; wie mir andere mitteilen, ist er in der Herberge nach 10 km geblieben. Schade, denn ich hätte gern herausgefunden, warum er sich das Leben so schwer macht.

Dafür treffe ich einen unglaublichen Amerikaner. Er hat eine faszinierende Lebensphilosphie. Er arbeitet immer das, worauf er gerade Lust hat. Ein halbes Jahr auf einem Bauernhof, ein halbes Jahr in der Chirurgie, ein Jahr auf einem Weingut… bis es ihn nicht mehr reizt und er wo anders hin will, oder bis er genug Geld hat, um manche Urlaubstraumziele zu bereisen. Nun gibt es viele Leute, die sich nie binden können und nie „in das System“ passen und zwischen Nichtstun und Träumereien hin- und herpendeln, aber dieser Pilger wirkt unheimlich vernünftig und kontrolliert. Er erzählt, dass er immer 2 Monatslöhne in der Hinterhand behält, um genug zu haben, um auf Stellensuche gehen zu können. Er rechnet immer durch, wie viel Geld er wo zum Leben bräuchte, und ob es eine Stelle gibt, die seinem momentanen Gusto entspricht und genügend abwirft. Natürlich ist das langfristig vielleicht immer noch nicht ideal, aber ich bin schwer beeindruckt davon, wie sehr man seinen Träumen und Wünschen folgen kann. Ich, die seit jeher den Weg der grössten Vernunft und Sicherheit wählt und ganz viele Träume mit sich rumschleppt nach dem Motto „das hätte ich gern gemacht, aber nachdem ich jetzt ja nun mal eine gute Stelle hier habe…“.

Der Tag fühlt sich unwirklich rastlos an. Beim Einschlafen bin ich in Gedanken schon beim nächsten Morgen und der ersten Stadt auf halber Strecke nach 4 Stunden. Der Gedanke an meinen leeren Rucksack ohne das gewohnte „emergency food“ lässt mich jetzt schon Hunger fühlen.

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