Feeds:
Beiträge
Kommentare

Posts Tagged ‘Bilbao’

Vor lauter Bauchweh und Sorgen schlafe ich fast überhaupt nicht. Irgendwann um 4 Uhr morgens kommt mir die geniale Idee, dass es sich statt einer fulminanten Magen-Darm-Infektion auch einfach um ein monatlich wiederkehrendes Problem handeln könnte. Dieses lässt sich dann erstaunlich einfach mit einer Schmerztablette aus der Welt schaffen, sodass ich dann doch noch drei Stunden beruhigt zum Schlafen komme.

Um 7 sind die Dänen schon am Packen. Ich entscheide mich für das reichhaltige Frühstücksbuffet. Ich mache mich auf die Suche nach dem frischen Brot, welches gerade in dem Moment mit quietschenden Reifen geliefert wird, als ich durch die dunkle Rezeption tappe. Wieder einmal schränken meine Fastengrundsätze das Frühstück ziemlich ein. Heute tut es doppelt weh, denn es hat sogar eine richtig edle Espresso-Maschine. So esse ich eben Unmengen Baguette mit Marmelade und trinke zwei Schalen voll Tee. Hier in Gernika ist zum ersten Mal so richtiger Pilgertrubel, gut 10 Leute packen und frühstücken schon in aller Frühe. Und auch die diversen längeren Gespräche am Nachmittag waren irgendwie wohltuend.

Ich mache mich als erste auf den Weg. Irgendwie habe ich keine Peilung, in welche Richtung es überhaupt weitergeht, so ganz am Camino scheint die Herberge gar nicht zu liegen. Ich frage die wenigen Spanier, bis sich ein älterer Herr findet, der irgendetwas vor sich hinbrummelt und in eine bestimmte Richtung zeigt. Ich bedanke mich, aber er grummelt und läuft mit. Alle 10 m erklärt er, dass es da weiter geht, dass der Camino ihn aber also wirklich nicht interessiert. Ich sage immer wieder, dass ich dann jetzt glaube ich schon klarkomme, aber er hört gar nicht zu und grummelt nur, dass also der Camino, nein, ihn wirklich nicht interessiert. Irgendwann grummelt er zum Glück, dass er da jetzt in eine Bäckerei geht, was mich erleichtert.

Irgendwie habe ich heute Probleme mit der Ausschilderung. Ich laufe mit meinem Führer in der Hand und lese an jeder Straßenecke nach, was es auch nicht viel besser macht und irgendwie eine gewisse Unruhe hineinbringt. Gestern bin ich ja gleich am Ortseingang zur Herberge abgebogen und habe den Ortskern von Gernika überhaupt nicht zur Kenntnis genommen. Ich habe einen Hauch von schlechtem Gewissen, an allen Sehenswürdigkeiten und historischen Orten einfach so vorbeizupilgern. Und lieber begeistert Mikrowellentee zu trinken oder Supermärkte zu bestaunen, als am Nachmittag noch ein bisschen Kultur zu genießen.

Der Weg führt mal wieder stundenlang durch halbschattige Wälder, und zum wiederholten Male denke ich darüber nach, ob ich diese Art von Camino wirklich noch brauche zum Glücklichsein. Es ist nicht schlecht, aber irgendwie ist es auch nicht direkt besonders. Wie immer laufe ich allein. Einerseits schätze ich die Ruhe und Freiheit, andererseits kommt mir der Gedanke, dass es vielleicht auch deswegen ein wenig langweilig ist. Irgendwie ist niemand dabei, mit dem ich jetzt gerne stundenlang zusammen laufen würde (vielleicht von Frans abgesehen, wobei ich befürchte, dass er irgendwo mit größeren Knieproblemen hinter mir ist). Ich überlege, ob es an den Pilgern liegt oder ob sich einfach in den letzten Jahren meine Ansprüche etwas hochgeschraubt haben. Wer nicht gleich im ersten Moment mein Herz und meine Sympathien erobert, fällt fast schon durch mein Aufmerksamkeitsraster. Mir fallen die Bachblüten Beech und Water Violet ein. Beech, die auf Grund von kleinen Unzulänglichkeiten schnell ein kritisches Urteil fällt und eigentlich schon ziemlich arrogant das Gefühl hat, alles besser und richtiger zu machen. Und Water Violet, das hübsche Blümchen, welches in der Mitte eines Sees wächst, an einem langen Stiel, alle anderen Pflanzen überragend. Welches seine Ruhe und Privatsphäre schätzt und gar nicht unglücklich über eine gewisse Distanz ist – sich dann aber manchmal doch etwas einsam und allein in seiner elitären Einzelstellung fühlt. Ich muss an Maike denken, die einfach mit jedem hier auf dem Camino ein Gespräch anfängt, auf jeden Menschen zugeht und die die unterschiedlichen Bekanntschaften als Bereicherung empfindet, unabhängig davon, ob es nun ihre besten Freunde werden oder sie bahnbrechende Sympathien verspürt. Eigentlich ist das doch gerade das Schöne und Besondere am Camino. Ich bin etwas nachdenklich. Ich könnte nicht einmal mit Bestimmtheit sagen, ob ich gerne eine Water Violet wäre oder lieber im Einheitsgrün unter tausenden anderen Grünpflanzen am Ufer wachsen wollen würde. Und ich weiß erst recht nicht, was eine kritische, arrogante Beech-Water Violet- Mischung anstellen könnte, um sich in dem Einheitsgrün ganz ehrlich und von Herzen wohl zu fühlen.

Auf einer Wiese trennt sich plötzlich der Weg. Zwischen den Abzweigen liegt der typische steinerne Wegzeiger auf dem Boden. Würde er stehen, würde der Pfeil nach links zeigen. So, wie er nun liegt, zeigt der Pfeil geradeaus, also eher auf den rechten Weg. Ich bin ein wenig unentschlossen. Nachdem der Stein aber nicht umgefallen aussieht, sondern so, als würde er schon seit Monaten so liegen, beschließe ich, dass es sich bei dem Pfeil nach links um eine Fehlmarkierung gehandelt hat und man den Stein deswegen einfach um 90° gedreht hat. So laufe ich also den rechten Weg weiter. Ich bin etwa eine halbe Stunde unterwegs, als ich an eine Straße mit Wegzeigern komme. So richtige Caminozeichen hat es nicht, und der Ort, der in ein paar Kilometern kommen soll, findet sich auch nicht wirklich auf meiner Karte. Irgendwann finde ich ihn dann doch – zu meinem Schrecken absolut fern des Caminos, irgendwo zurück in Richtung Gernika. Nicht nur, dass ich den falschen Weg genommen habe, ich befinde mich auch nach ein paar Stunden gerade noch in der oberen rechten Ecke meiner Karte. Ich habe ungefähr 1 cm der heutigen 15 cm bis nach Bilbao geschafft. Ich laufe meinen Weg zurück. Ein junger Mann begegnet mir, nein, nein, der Camino wäre das nicht. Es hätte da so eine Abkürzung mit einer Markierung. Du Witzbold. Zurück an der Markierung steht der Stein plötzlich wieder aufrecht, und in der Ferne sehe ich etwa 5 Pilger wie Perlen auf einer Schnur. Ich ärgere mich ziemlich über mich selber und warum ich gerade an einem langen Tag wieder Extrarunden drehen muss.

Trotzdem bin ich heute erstaunlich schnell unterwegs. Zwischendurch überhole ich die Dänen mit den Essigkanister-Rucksäcken, die wild schnarchend in einem Feld am Weg schon wieder Siesta halten. Meine größere Pause verschiebe ich auf Lezama nach offiziellen 5 1/2 Stunden. Unter Einberechnung meines kleinen Extratrips bin ich heute gar nicht so viele Stunden wie sonst über der Zeit. Wie üblich lüfte ich meine Füße, befrage meine Beine zu ihren Wünschen und konsultiere meinen Führer. Heute gibt es seit langem mal wieder etappentechnische Entscheidungen zu treffen. Wie schon seit Wochen im Voraus sind mir die Etappen hinter Bilbao ein unlösbares Rätsel. Die Herbergen in Portugalete (nach 3 Stunden) und in Pobeña (nach 6 Stunden) machen erst später im Jahr auf. Und hinter Pobeña hat es 6 1/2 Stunden bis Castro Urdiales keine Herberge mehr. Portugalete verfügt immerhin über Pensionen. Somit kreisen mir recht wild lauter wenig verführerische Varianten im Kopf herum. Um eine 36 km Etappe von Portugalete bis Castro Urdiales scheine ich nicht herumzukommen. Eine milde Variante wäre, heute in Lezama zu stoppen und morgen nach Portugalete zu gehen, um meinen Rückstand am Tag drauf dann wieder einzuholen. Wobei mich diese 36 km irgendwie jetzt schon absolut überfordern und mich halb weinerlich machen. Und so richtig stressen mich die drei Etappen zum Schluss meiner zwei Wochen, 38, 34 und 42 km. Die 42 km mit veranschlagten 12 Stunden treiben mir definitiv die Tränen in die Augen, ich schaffe das einfach nicht und habe mal wieder nur Angst. Als eine rettende Variante hat sich in den letzten Tagen die Option etabliert, dem Rat von meinem irischen Mitpilger Patrick zu folgen, ab Bilbao die Metro nach Portugalete zu nehmen, es wäre eh nur hässliches Industriegebiet. Und wenn ich hinterher noch die Hammeretappe nach Castro Urdiales schaffe, habe ich einen Tag aufgeholt und sehr viel Druck weniger. Allerdings weiß ich nicht, ob morgen (Sonntag) überhaupt eine Metro fährt – und was mache ich, wenn vielleicht erst um 11 eine fährt. Mein Hirn rotiert wie wild lauter unerfreuliche Optionen und Varianten. Die beruhigende Stimme in mir, die mich erinnert, dass ich hier ja aus Freude auf dem Camino bin und mich überhaupt nichts und niemand zwingt, auch nur irgendein Zeil zu erreichen, wird völlig überrollt.

Die beiden Dänen überholen mich wieder, sie wollen in Lezama bleiben und suchen die Pension. Ich verkünde motiviert, noch bis Bilbao zu wollen. Sofern überhaupt noch Gedanken in meinem Kopf Platz haben, dämmert mir aber spätestens am Ortsausgang, dass es eine Schnapsidee ist. Es ist recht heiß, und meine Beine sind rein überhaupt nicht mehr frisch. Sie sagen bereits jetzt „Überforderung, Paaaaause“. Der Weg geht absolut stupide am Randstreifen einer endlosen, staubigen Straße entlang. Ich fühle mich wie in einem Western, während ich mich in brütender Hitze in praller Sonne mühsam an um diese Zeit menschenleeren Orten vorbeischleppe. Erschwerenderweise verläuft direkt neben der Straße eine Schienenstrecke. Alle paar Minuten laufe ich an einer Haltestelle vorbei, an der verführerisch „Bilbao“ ausgeschildert ist. Alle Viertelstunde tuckert ein Vorortzug an mir vorbei, und in meinem Kopf festigt sich nun der Gedanke, warum ich nicht einfach den Zug nehme. Dummerweise kämpfe ich nicht nur gegen Bequemlichkeit und fehlende Motivation, sondern auch mein Verstand favorisiert diese Möglichkeit. Laut meinem Führer kommt vor Bilbao nochmal ein hübsches Hügelchen, und das ist einfach Wahnsinn in Anbetracht meiner jetzt schon sehr nachhaltig ziehenden Waden. In Zamudio passiere ich völlig unentschlossen eine letzte Haltestelle, aber wie so oft, wenn ich keinen klaren Gedanken fassen kann, laufen meine Füße einfach mechanisch weiter. An einer Kirche betanke ich nochmal alle drei Flaschen mit Wasser, überquere die Autobahn und bin dann schon wieder in kompletter hügeliger Einsamkeit.

Ich habe einen totalen Overflow von Gedanken, während mein Körper einfach weitergeht. Ich bin ein Stück weit geschockt, wie mich eine Metro überhaupt so in Versuchung führen kann. Die morgige Metro, gut, die liegt entschuldbar in den fehlenden Herbergen begründet. Aber wie kann es so weit kommen, dass mir plötzlich gar kein logischer Grund in den Sinn kommt, der dagegen spricht, eine ungemütliche Etappe einfach abzukürzen?

Ich brauche wieder eine Pause, vertröste mich aber immer auf „dann oben auf dem Berg“, was sich natürlich wieder endlos zieht. Irgendwann habe ich dann endlich Blick auf Bilbao – einen höchst demotivierenden Blick. Die Unmengen Häuser liegen in einem diesigen Dunst, und vor allem liegen sie unheimlich tief. Ich bin schon viel zu lange gelaufen, der Berg war schon anstrengend genug, und nun auch noch ein langer Abstieg. Ich bin ziemlich überzeugt, dass ich damit alles ruiniere, aber wie so oft, das mechanische Weiterlaufen übernimmt die Steuerung. Ich mache nochmal eine lange Pause und hypnotisiere meinen Führer in der Hoffnung auf irgendwelche ungeahnten guten Neuigkeiten. Statt dessen lese ich, dass die Herbergen nicht am Weg liegen und man irgendwelche Busse nehmen muss. Also morgen nicht nur eine späte Metro nach Portugalete, sondern vermutlich erst noch ein später Bus zur Metro. Mir kommt der glänzende Gedanke, mich nicht erst mit einem Bus durch Bilbao zu wühlen, sondern gleich heute noch die Metro nach Portugalete zu nehmen. Diese Aussicht beruhigt schon ganz viele andere Szenarien und gibt mir wieder einen Hauch von Sicherheit.

Den Berg hinunter schaffe ich in bekannter grenzenloser Langsamkeit und habe dann unten in Bilbao keinerlei Plan, wo ich denn nun überhaupt hin soll und wo es eine Metro geben könnte. Ich trabe wieder einfach endlos den gelben Pfeilen nach, passiere eine Kirche und erreiche eine Art großen Platz. Heute habe ich überhaupt keinen Nerv für Fotos, dabei ist Bilbao unerwartet hübsch und fotogen. Die Straßen quellen über von Spaniern in fröhlicher Wochenendlaune und haufenweise Jugendlichen, die alle wie Tokio Hotel aussehen. Ich fühle mich ähnlich ansprechend wie ein Ratte, während ich ziellos in meinen verkrusteten Schuhen durch die Gegend stolpere. Plötzlich ist es auch recht windig, sodass ich trotz Sonne meine Fleecejacke anziehe. Vor allem hier in so einer größeren Stadt fühle ich mich erst recht unpassend und absolut unwohl.

Ich frage eine ältere Frau nach einer Metro. Sie guckt mich völlig entgeistert an und wiederholt ungläubig „Metro?Metro?!“, sodass ich schon den Eindruck bekomme, dass es dieses Wort auf Spanisch gar nicht gibt. Irgendwann strahlt sie dann doch und sagt, klar, Metro, zum Beispiel gleich hier auf dem Platz hätte es so eine XYZ, und sie macht eine Handbewegung, als würde es sich bei einer Metrostation um eine Telefonzelle handeln. Ich umrunde den Platz einmal und halte nach irgendeiner Kabine Ausschau, als wäre es ein Harry Potterscher Portschlüssel. Naheliegenderweise finde ich nichts, weiß aber auch nicht so recht, was ich machen soll, sodass ich schon wieder ziellos im Automodus einfach irgendwelche Straßen entlanglaufe, in der vagen Hoffnung, irgendwann auf etwas zu treffen, was mich schlauer macht und mir irgendeinen Ansatz bietet. Aktuell hoffe ich, irgendwann auf den Fluss zu treffen, an dem es dann irgendwo eine Touristeninformation geben soll. Den Fluss habe ich irgendwann, aber eine Touri-Office finde ich nicht. Also frage ich lieber mal wieder einen Passanten. Er meint, puh, ja, Portugalete. Wo soll er mich da jetzt hinschicken. Nach reiflicher Überlegung erklärt er mir einen Weg durch die Gassen, an dem ich irgendwann an einem Platz rauskommen würde, wo es die passende Metrostation hätte. Es überrascht mich nicht wirklich, als ich nach fast einer Stunde Irrwegen durch Bilbao wieder an dem ursprünglichen Platz lande, den ich nun wohl oder übel nochmal unter die Lupe nehmen muss. Und wirklich, plötzlich sehe ich ein Metrozeichen auf einem langen Metallpfahl und dahinter wirklich auch den Eingang zu einer Unterführung. Ich studiere die Fahrpläne, und zu meiner Begeisterung gibt es wirklich eine Linie, die direkt nach Portugalete fährt. Ich kann mein Glück kaum fassen. Der Automat kann sogar Deutsch, und ich muss auch nicht mal irgendwelche Zonen wissen, sondern kann bequem „Portu“ eintippen. Für 1.60 spuckt er mir ein Ticket aus, und auf dem Bahnsteig zeigt die Leuchttafel gerade mal 3 Minuten an. Ich bin immer noch in Trance, aber wenigstens geht es Schritt für Schritt irgendwie voran.

In der Metro kriege ich dann erst recht meinen Großstadtkoller. Ohne Wind ist es nun erst recht recht heiß, aber ich traue mich nicht, meinen Fleece auszuziehen. Zum einen hat es wenig Platz, zum anderen rieche ich wohl auch irgendwie eher nach Pilger als die größtenteils ausgehfertigen Einheimischen. Ich fühle mich total idiotisch mit meinem schiefen Wanderstock in einer Metro. Wie ein Neandertaler ins Jahr 2011 gebeamt.

Nach fast einer halben Stunde bin ich auf wackeligen Knien in Portugalete und folge schon wieder automatisch dem Menschenstrom, mal wieder ohne jeglichen Plan, wie es jetzt weitergehen soll. Da sehe ich vor mir einen Rucksack mit Isomatte zielstrebig auf die Rolltreppe zustürmen. Irgendwie sieht das ganz eindeutig nach Pilger aus; ich lege schnell den Turbo ein und sehe es als meine einzige Chance, vielleicht zu einer Pension zu finden. Bei näherer Betrachtung ist es nicht nur wirklich eine Pilgerin, sondern ich erkenne sie sogar wieder als die schwäbische Freundin von Peter. Ich bin überglücklich, in diesem überfordernden Großstadttrubel wieder ein Gefühl von Heimat bekommen zu haben. Offensichtlich ist sie heute nicht gemeinsam mit Peter gelaufen, er wäre vermutlich schon in der Herberge. Und wo die genau wäre, würde sie jetzt halt per SMS abklären. Währenddessen suche ich die Umgebung nach einer Eingebung ab, als plötzlich aus dem Metroschacht ein Haufen Rucksäcke kommt – und ich sofort Maike, Miguel und Peter erkenne. Irgendwie ist das skurril, dass wir alle in der gleichen Metro waren – und dass ich das Gefühl hatte, nun völlig allein in die Einsamkeit zu fahren, und alle anderen auch die Metro genommen haben. Ich bin fast ein bisschen beruhigt, dass nicht nur ich mich ziemlich schlecht und schuldbewusst fühle, abgekürzt zu haben. Auch die anderen sehen einen Hauch von ertappt aus. Allerdings waren sie deutlich fleißiger als ich: sie sind brav zur Jugendherberge in Bilbao, die allerdings restlos ausgebucht war. Wegen eines hochkarätigen Fußballspiels heute wäre ganz Bilbao hoteltechnisch dicht. Als nächste Anlaufstelle hätte ihnen die Touristeninformation (die sie auch gefunden haben, wie ich neidvoll feststellen muss) nicht allzu hilfreich eine Liste mit ein paar hundert Hotels in die Hand gedrückt. Auf die Frage, welches denn nah oder billig oder wohl noch am ehesten frei wäre, hätten sie mit den Schultern gezuckt, man müsste halt durchtelefonieren. Welch ein Horror anlässlich meiner Telefonangst und meines Prepaid-Handies mit moderatem Guthaben. Da hätten sie dann naheliegenderweise beschlossen, nach Portugalete rauszufahren.

Während wir eine Straße hinaufpreschen (Miguel scheint den Weg zu kennen), merke ich eine gewisse ungute Stimmung in der Gruppe. Die vier haben reserviert, und irgendwie scheint ihnen unwohl zu sein, dass ich mich da so einfach mit dranhänge und reindränge. Maike vermittelt, dass sie eigentlich zwei Doppelzimmer gebucht haben, aber sich da ja für mich vielleicht schon etwas findet. Mir ist das auch unangenehm, und ich will sicher nichts durcheinanderbringen. Ich hoffe einfach nur, dass die Pension nicht auch ausgebucht ist und es noch irgendein Zimmer für mich hat. Ob Einzel- oder Doppelzimmer ist mir heute sowas von egal.

Ein älterer Spanier steht schon vor der Tür und winkt uns herein. Während wir uns mit unseren Rucksäcken im Gang drängen und er die ersten Zimmer zeigt, frage ich seine Frau, ob es denn auch etwas für mich gäbe, ich wäre nicht angemeldet. Sie öffnet mir sofort ein Einzelzimmer, welches nun eben etwas teurer wäre, 22 Euro statt die Hälfte von 32 im Doppelzimmer. Das ist absolut fein für mich, und ich bin überglücklich, nun endlich doch noch irgendwo angekommen zu sein und ein Bett zu haben. Ich will mich schon einrichten, als die anderen am Diskutieren sind. Miguel bietet an, dass ich ja auch mit Maike in ein Doppelzimmer könnte, ihm wäre das egal. Mir eigentlich nicht, ich freue mich heute unheimlich auf meine Ruhe und will wirklich auch keine Unruhe in die geplante Konstellation bringen. Die Schwaben schauen eh schon etwas vorwurfsvoll, und Miguel scheint es auch eher aus Höflichkeit angeboten zu haben. Ich favorisiere also mein Einzelzimmerchen, bis Maike recht deutlich zu verstehen gibt, dass sie ein Doppelzimmer mit mir entspannter fände. Ich erinnere mich, wie unentspannt ich eine Nacht mit Miguel in einem großen Klosterschlafsaal fand und überlasse also Miguel das Einzelzimmer.

Nachdem in meinem Vorratsbeutel Ebbe herrscht und morgen ja zudem Sonntag ist, frage ich die Wirtin, ob es vielleicht trotz Samstag abend noch irgendwo ein kleines Lädchen hätte. Ja, ja, grad die Straße entlang. Ungeachtet meiner üblichen „sobald ich in der Herberge bin, lege ich nur noch meine Füße hoch“-Vorsätze mache ich mich also noch kurz zum Einkaufen auf, nachdem ich den anderen ohnehin erst einmal Duschvorrang lassen will. Das Lädelchen direkt am Ende der Straße entpuppt sich als Rieseneinkaufszentrum am Ende von etwa 5 langen Straßen geradeaus. Es hat einen Eroski-Hypermarché mit circa 25 Kassen und allem vom Schlauchboot hin zum Bürostuhl. Ich irre fast eine halbe Stunde zwischen den riesigen Regalen herum, bis ich meine Nussmischung, ein Brot, Wasser, ein Säftchen und Obst gefunden habe. Heute gibt es sogar noch einen Joghurt, nachdem ich gestern mit Maike darüber getrauert habe, dass es in Spanien ja leider immer nur die Viererpacks gibt.

Danach bin ich dann wirklich restlos fix und fertig und reizüberflutet. Dafür ist das Badezimmer ein absoluter Traum. Zu blitzenden weißen Kacheln hat es einen kussfrischen, zartrosa Duschvorhang, und überall hat es Ablagen. Nachdem alle anderen schon geduscht haben, lasse ich mir herrlich entspannt alle Zeit der Welt – und gönne mir den Spaß, meinen bescheidenen Waschbeutelinhalt überall auf den Tablaren auszubreiten.

Unser Zimmerchen ist einfach, aber gemütlich. Wir krümeln auf unseren Betten zu Abend, und ich bin erleichtert, dass Maike auch früh schlafen gehen will. Sie ist durch und durch nett, aber heute ist mir einfach nicht nach Plaudern. Ich bin eindeutig körperlich und mental ziemlich fertig.

Advertisements

Read Full Post »

Mein nunmehr achter Abstecher auf einen spanischen Jakobsweg kommt mal wieder ganz unverhofft und intuitiv. Als mir mein Bruder zu Weihnachten den Rothen Reiseführer vom Camino del Norte schenkt und meint, vielleicht wäre das doch etwas für mich, ist mein erster Gedanke „oh, wie schade. Dabei werde ich diesen Weg doch sicher nicht gehen“. Zu touristisch, zu wenig Pilger, zu wenig Pilgergefühl… aber zwei, drei Blicke in den nächsten Tagen genügen, um mir die fixe Idee des Camino del Norte in den Kopf zu setzen. In dem bekannten Führer mit den bekannten Streckenprofilen und Herbergsbeurteilungen sieht das alles plötzlich nicht mehr fremd und anders aus, sondern vertraut (und sehnsuchtsweckend) wie eh und je.

Auch liegt dieser Weg ganz paradiesisch in Sachen Erreichbarkeit. Von Bilbao fährt im Stundentakt ein Bus nach Irun, und wenn ich mich grob an den Etappen meines Führers orientiere, bin ich nach 14 Tagen in Llanes, von wo auch mehrmals täglich ein Bus nach Bilbao zurückfährt. Und wenn ich nicht bis Llanes komme, hält der Bus beruhigenderweise auch 1-2 Etappen vorher alle paar Orte. Da kann man es doch so richtig entspannt auf sich zukommen lassen, und vielleicht klappt es endlich mit dem Traum vom Camino ohne Etappenplanung, Stress und Sorge.

Ein paar Wochen vorher checke ich sicherheitshalber nochmal die Rückfahrt und stelle fest, dass nur ein einziger Bus frühmorgens in Frage kommt. Ich kontrolliere die Sitzplatzverfügbarkeit – und bekomme fast einen Herzstillstand angesichts der durchweg roten Sitze – bis auf einen einzigen Platz alles ausgebucht. Ich rette hektisch panisch tippend wenigstens noch diesen für mich. Mein Bruder erklärt wissend, dass es schließlich Semana Santa ist, da wollen wohl viele Spanier verreisen.

Zwei Tage vorher rufe ich mir nochmal die Zwischenhalte in Erinnerung und stelle mir plötzlich die Frage, ob ich da überhaupt problemlos auch schon früher einsteigen kann. Eigentlich kein Problem, ich habe ja ab Llanes bezahlt, aber um sicherzugehen, frage ich nochmal per Mail bei Alsa nach. Selbstverständlich, das geht nicht, mit ganz herzlichen besten Grüßen, Jesús. Ich denke, ich habe mich verlesen oder etwas falsch verstanden, aber der gute Jesús beharrt drauf, das Sitzchen bleibt zwar leer, aber man weiß ja nicht, ob überhaupt jemand aussteigt und was weiß ich was, also geht mal ganz sicher nicht. Ich kriege einen halben Nervenzusammenbruch. Sicherheitshalber noch weitere Tickets von früheren Orten aufkaufen geht auch nicht mehr, der Bus ist ja ausgebucht. Auch meine Idee, die Liste der Busse von Bilbao nach Irun auszudrucken, bringt unschöne Überraschungen. Von stündlichen Abständen ist nichts mehr zu sehen, bzw. zumindest klafft eine nette fast 4-stündige Lücke zwischen 14 und 18.00. Nachdem ich um 13.30 am Flughafen in Bilbao ankomme, reicht es nicht mehr auf 14.00 und geht für mich also erst kurz vor 18.00 weiter. Fast schon mit böser Vorahnung werfe ich einen Blick auf die Sitzplatzreservierungen. Wieder ist fast alles ausgebucht, ich ergattere schon wieder recht panisch einen der letzten Plätze. Das fängt ja gut an.

Dafür liest sich die 14-Tage-Vorhersage für Bilbao und Santander sehr einheitlich – außer grauen Wolken für die ersten beiden Tage kündigt die Prognose für jeden weiteren Tag eine gelbe Sonne vor blauem Himmel an, bei 24-26°C. Ich bin recht ungläubig, noch nichtmal ein kleines, weißes Teilwölkchen zu erspähen. Und spähe umso misstrauischer auf meinen großen Haufen Gepäck, der erstmals neben Regenjacke, Regenhose und Rucksackhülle auch einen Regenschirm beherbergt.

Mein sonntäglicher Anreisetag beginnt kurz nach 6 per Zug, ab 9 geht mein erster Flug von Zürich nach Düsseldorf. Mittlerweile bin ich flugroutiniert, handgepäckerprobt und routiniert im Rucksack-in-Müllsack-Eintüten. Die Waage zeigt 8 kg, ich bin zufrieden.

Etwas bang wird mir, als beim Einsteigen ein Herr des Bodenpersonals die Dame am Schalter nachträglich belehrt, dass sie doch nicht die Trolleys ins Handgepäck lassen könnte, dazu wäre dieser Flugzeugtyp doch wirklich zu klein. Mein kleines Baumwolltütchen darf zum Glück hinein, und meine Vorahnung einer superengen Nussschale löst sich auch in Wohlgefallen auf. Nach vielen spanischen Airlines fliege ich endlich mal wieder Lufthansa, traumhaft. Auf meinem bequemen Sitz verschlafe ich gleich den Start, meine Snack-Sicherung in Form meines auf den Gang gestreckten Wanderschuhs alarmiert mich aber gerade noch rechtzeitig, um „Orangensaft“ zu sagen. Nicht nur „möchten Sie sonst noch etwas trinken?“, sondern auch noch eine riesige Müslistange folgen. Doppelt traumhaft.

In Düsseldorf liegt der Weiterflugschalter nur ein paar Meter entfernt, sehr entspannt. Weniger entspannt ist das Flughafenpersonal, nachdem es aus der Zwischendecke bergquellähnlich wässert. Beim Einsteigen begrüßt mich die bekannte Crew, da hätte ich ja gleich sitzen bleiben können. Einen weiteren Fußrempler und Orangensaft später kaue ich überglücklich ein unglaublich leckeres Avocadobrötchen – und schwanke minutenlang, ob meine Lust auf ein zweites Brötchen ein unverschämtes Betteln legitimieren würde. Glücklicherweise siegt die Höflichkeit.

Wir landen pünktlich in Bilbao, und während ich noch kurz das WC aufsuche, landet mein Rucksack schon einen Raum weiter bei den nicht abgeholten Gepäckstücken, den mir eine freundliche Mitarbeiterin im ansonsten bereits menschenleeren Flughafen noch aufschließt. Ich bin halb high, wie gut alles klappt.

Der Bus zum Busterminal spuckt mich dort kurz nach 14.00 aus. Die Wartezeit entpuppt sich als etwas ärgerlich, nachdem auf der Anzeigetafel jede zweite Zeile „San Sebastian“ lautet und dort ständig ein Bus hinfährt. Ich ringe wieder mit mir, ob ich nicht einfach Irun sein lassen soll und eine Etappe später in San Sebastian beginnen soll – zumal mir der Berg bei der gleich ersten Etappe etwas Sorgen bereitet, so untrainiert wie ich mal wieder bin. Ich bin hin und hergerissen zwischen allzu vielen Gedanken um Vernunft und Bequemlichkeit und Prinzipien und Intuitionen, vor allem aber ist es zermürbend kalt. Ich trage schon mein „worst case equipment“, beide Fleecepullis und die Regenjacke, und trotzdem ist mir total kalt in dem zugigen Busbahnhof. Mein Rücken wird kalt, und meine Motivation und Zuversicht schwinden kläglich. Wenn ich jetzt schon so friere, wie soll ich da erst einen Frühlingssturm im strömenden Regen an einer Steilküste überstehen.

Gegenüber von mir sitzen drei Pilger, die sich routiniert und ach-so-pilgerisch austauschen. Mir ist absolut nicht nach „ach, hallo, ich bin auch Pilger“. Ich versuche lieber möglichst inkognito dazusitzen – in klobigen Wanderschuhen mit einem deutschen Riesenrucksack auch sicher ein sehr gelungenes Bild.

Ich habe gerade mal die erste Stunde herum, als ich beschließe, mir ein wenig die Füße zu vertreten. Die Bewegung und der warme Rucksack am Rücken tun schon mal gut. Ich trapse etwas ziellos in die Richtung, in der ich in einem Vorjahr schon mal einen Supermarkt gefunden habe (der heute natürlich sonntäglich geschlossen hat). Während ich noch etwas unentschlossen überlege, wie ich die größere Straße überqueren soll, fällt mein Blick auf eine Kachel am Boden – eine Jakobswegkachel. Irgendwie kommen mir fast die Tränen, in dem Moment hat es so etwas beruhigendes, beschwichtigendes. Und während ich mit geschultem Schnitzeljagdblick die Gegend nach gelben Pfeilen absuche, wird mir bewusst, dass ich bereits auf caminolichem Boden stehe. So ein Zufall. Ich laufe spaßeshalber eine halbe Stunde den Pfeilen nach, die ich in einer Woche dann offiziell entlanglaufen werde. Dann wird es mir aber wirklich zu kalt, ich teste sogar schon die Tür einer Bank und stelle frohlockend fest, dass der Raum zum Geldautomaten offen ist. Eine verführerische Aufwärmmöglichkeit, allerdings siegt auch hier wieder mein gutes Benehmen bzw. die Angst, was der Herr am anderen Ende der Überwachungskamera von mir denken könnte.

Zurück am Busbahnhof streife ich minutenlang unentschlossen um den einzig warmen Raum einer Cafeteria. Ich kaufe ein Apfelküchlein (mit der Betonung auf „zum hier essen“), bin aber nach ein paar Minuten schon wieder fertig mit Essen und schuldbewusst, jetzt doch nicht noch ewig hier abhängen zu können. Da hilft es auch nicht sehr viel, dass jeder andere das genauso tut und seelenruhig ein Buch liest. Barerprobt bin ich einfach noch nicht. Spätestens, als zwei ältere Damen suchend nach einem Hocker schauen, springe ich ihnen freundlich zu Hilfe. Schließlich bin ich Pilger.

Die letzte halbe Stunde bekomme ich gut rum und bin sehr erleichtert, endlich im richtigen (und warmen) Bus zu sitzen. Auf dem kleinen Fernseher läuft (zum Glück tonlos) irgendein grausiger Film. Ich gebe mir Mühe, die Augen zuzumachen, aber trotzdem schaue ich immer wieder zielsicher in irgendwelche schmerz- und horrorverzerrten Gesichter. Ich werde halb aggressiv, warum man an einem schönen Spätnachmittag so einen Mist zeigen muss, bzw. zu meinem heimeligen meditativen Wohlgefühl trägt es nicht gerade bei. Die Spanier um mich herum, die den Film gebannt verfolgen, sehen mir gleich auch etwas suspekt und bedrohlich aus.

So bin ich ziemlich zusammengefaltet, als ich kurz vor Sonnenuntergang in Irun ausgeladen werde. In einer riesigen Stadt, durch die der Bus minutenlang fährt. Vor meinem nichtplanenden Camino-Auge hatte ich mir ein 100-Seelen-Dorf vorgestellt, wo ich schon von weitem die Albergue sehe – bzw. wo freundlich winkende Leute mir auf der Straße schon den Weg entgegenwedeln. Ich fühle mich reichlich idiotisch, so ganz ohne Plan in der beginnenden Dunkelheit. Vermutlich weiß in dieser Ecke nicht einmal jemand, dass Irun einen Camino geschweige denn eine Herberge hat. Etwas jämmerlich konsultiere ich meinen kärglichen Führer, der immerhin etwas von „400m vom Bahnhof“ indiziert. Somit muss ich ja nur noch den Bahnhof finden. Fantastischerweise sieht das Gebäude neben mir nicht nur verdächtig nach Bahnhof aus, sondern ist es auch. Bei beginnendem Regen sehe ich sogar einen gelben Pfeil und könnte heulen vor Erleichterung. Trotzdem verlaufe ich mich nochmal schick und konsultiere wieder halb Irun, stehe dann aber wirklich vor einem endlosen Reihenhaus mit einem „Albergue 1. Stock“ an der Tür.

Ich trapse etwas befremdet ein Treppenhaus hoch, so ganz geheuert ist mir eine Herberge so einfach mitten in der Stadt nicht. Die Tür im ersten Stock ist verschlossen. Glücklicherweise probiere ich einfach die Klingel, woraufhin mir ein kleines Männchen mit Mantel und Hut öffnet und mich sehr selbstverständlich hereinwinkt. Ich bin ziemlich durcheinander, aber erleichtert. Der Hospitalero scheint über 80 und von der eher schweigsamen Sorte zu sein. Er zeigt mir ein noch leeres, dunkles Zimmer mit recht einfachen Metallstockbetten, nachdem das eine Zimmer schon belegt ist und ein „auch Schweizer“ in dem anderen logiert. Er sieht auch wirklich recht wild aus, sodass ich ganz froh bin über die Idee des Mannes, mich da nicht dazuzustecken.

Ich fühle mich reichlich verloren in der sehr alten, sehr kühlen Herberge. Die Klospülung funktioniert über einen Seilzug, an dem ich schier verzweifle und wieder schwanke, ob es einfach so viel Kraft braucht oder ob ich im nächsten Moment den ganzen Spülkasten herunterreiße. In der Küche, in der ich mir zur Erwärmung ein Glas lecker chloriertes Wasser in der Mikrowelle warmmache, sitzt ein junger Däne. Er ist irgendwie komisch hibbelig hyperaktiv, schaut immer wieder hektisch in seinen Science Fiction Roman, und ich bin nicht so ganz sicher, ob er einfach schüchtern ist oder seine Ruhe haben will. Die Schwester dazu ist schon mal nicht hibbelig, sondern vom Auftreten ein ziemliches Trumm. Ohne mich anzuschauen, donnert sie ein „Hallo“, um dann auf Dänisch wild mit ihrem Bruder zu diskutieren. Eins haben sie zumindest mit mir gemeinsam, sie sind ähnlich gut vorbereitet. Sie sind schon den Tag in Irun, und es wäre eine Scheißstadt, in der es nur Burger gäbe. Ob das Meer denn nicht schön gewesen wäre? Der Däne guckt mich verstört flackernd an. Irun würde doch nicht am Meer liegen, oder? Und sie machen den Camino del Norte, weil der Camino schön sein soll und der Hauptweg „im Süden“ dann wahrscheinlich schon zu heiß um diese Jahreszeit.

Noch nicht bedeutend wohliger schaue ich mich im Empfangsraum um (unter den wortlosen kritischen Blicken des warm verpackten Hospitaleros). Es hat alle möglichen Karten und Herbergslisten. Ich frage sicherheitshalber, ob meine geplante Herberge in Pasai Donibane morgen wirklich geöffnet hat. Ja, ja, aber wieso ich denn dort hinwolle. Morgen wäre die Etappe doch eher San Sebastián. Das ist mir zu weit, macht mir doch der Berg allein schon Sorgen. Welcher Berg denn? Er zeigt mir ein Höhenprofil ganz ohne Berg. Ich hole eifrig meinen Führer und zeige den stattlichen Buckel in meinem Führer, Jaizkibel 545m. Na ja, ja, das könnte man theoretisch gehen, aber da gibt es eine Forststraße unterhalb entlang, man geht doch nicht über den Grat. Das wäre etwas für Alpinisten. Ich bin etwas irritiert. Ob der Weg denn gefährlich wäre? Nein, gefährlich nicht, aber warum soll man denn hoch und runter gehen, wenn es doch auch schön eben geht. Ich bin verunsichert und beschließe für heute, einfach mal wieder mein Heil im Schlafen zu suchen. Vielleicht braucht es einfach wieder ein kleines Weilchen, bis ich in die Peregrina hineinwachse.

Read Full Post »

Die Idee zu meinem dritten Camino kommt ganz spontan wie eine Eingebung. In meinem normalen Leben fühle ich mich in allen Belangen ein klein wenig entwurzelt.
Statt wie sonst mit monatelanger Vorfreude, Überlegen, Planen, am Gepäck Feilen vergehen diesmal nur 2 Wochen zwischen der Idee, dem Buchen des Flugs und meiner Ankunft in Spanien. Ich habe 3 Wochen vor mir, es sollte so grob reichen, um bis nach Santiago zu kommen. In meinem Rucksack fehlt bestimmt die Hälfte, aber ich war diesmal einfach zu müde, mich mit dem üblichen akribischen Eifer mit diversen vergleichenden Checklisten, einer Küchenwaage und Unmengen von eventuell mitzunehmendem Krempel hinzusetzen.

Ich lande in Bilbao, wo ich mich fast schon ein wenig zu Hause fühle. Immerhin weiß ich, wie der Flughafen aussieht, wo der Bus zum Busbahnhof abfährt und wie man sich dann dort zurechtfindet. Optimistisch möchte ich mein Busticket kaufen, aber der Herr am Schalter redet mir viel zu schnell, undeutlich und vor allem ungeduldig. Etwas anderes als Spanisch will er nicht sprechen, und ich komme leider auch nicht weiter. Zum Glück nähert sich eine Spanierin aus der Warteschlange, die mir dann hilfsbereit das schnelle Spanisch des Herren in langsames Spanisch für Anfänger übersetzt, und so komme ich doch noch zu meinem Ticket. Eigentlich fahren die Busse nach Burgos alle 2 Stunden, aber ich habe ein dummes Mittagsloch erwischt und habe 3 Stunden Wartezeit vor mir, auf einem Busbahnhof, der mir Angst macht und mit einem Spanisch, das offensichtlich doch nicht so gut ist, wie ich dachte.

Ich mache mich auf zu meinem generell stimmungshebenden Lebensmitteleinkauf, aber ich finde erst gar keinen Laden, frage mich von einer Richtung in die andere durch und ende dann mit einem Einkauf von Lidl, in deutscher Sprache beschriftet und moderat spanische Pilgerlebensart ausstrahlend. Ich setze mich auf eine Art Parkbank mitten an der Straße, wo mit mir eher dubiose Gestalten sitzen. Als vermeintlich sichersten Nachbarn habe ich mir einen alten Mann ausgesucht, der es zwar nicht auf meinen Rucksack abgesehen zu haben scheint, dafür aber hustet wie frisch dem Lungensanatorium entsprungen.

Alles in allem fühle ich mich verlassener und hoffnungsloser als noch in Deutschland, zumal mein Kopf hämmert wir verrückt. Eine Woche vorher habe ich mir den Kopf angestoßen, seitdem drückt es ein bisschen, aber dieser momentane Schmerz lässt mich in meiner motivierten Stimmung an eine Hirnblutung denken, und ich sehe mich schon fernab des vertrauten Jakobswegs in einem Krankenhaus von Bilbao oder noch schlimmer hier auf dieser Parkbank enden.

Glücklicherweise siegt die Automatie, ich greife mechanisch nach einer simplen Kopfschmerztablette in meinem Gepäck und bin nach einer Viertelstunde schon wieder deutlich eher auf der Seite der Lebenden und noch höchstens migränegeplagt.

Ich trödle wieder zurück zum Busbahnhof, wo ich mich trotz der dubiosen Gestalten für ein Schläfchen entscheide – quer über meinen Rucksack gelegt und in allen Schlingen, Gurten und Trägern verhakt.

Als ich wundergeheilt ohne Kopfschmerzen wieder aufwache, sitzt neben mir auf der Bank eine interessante Erscheinung. Wie aus einer Bibliothek eingeblendet, kerzengerade, mit Lesebrille und hochgezogenen Augenbrauen, schmökert dieser Lockenkopf mittleren Alters nicht etwa in gehobener Literatur- sondern in dem roten Reiseführer, den auch ich (wieder nur in gewichtssparende Stücke zerteilt) im Gepäck habe. Auch sie will nach Burgos zum Pilgern, und ich fühle mich wieder wie auf dem Camino.

Nach einer Weile schiebt sich ein junges Kerlchen ins Blickfeld, sehr deutlich auch als Pilger zu erkennen. Er ist erst 17, aus Österreich und eine ganz wunderbare Mischung aus Lebensfreude, Spontaneität – und Verplantheit. Spanisch kann er absolut überhaupt nicht, sodass ich ihm erstmal seinen Busplan erkläre. Er hat sich nämlich den „domingo“ herausgesucht, dabei ist es mitten unter der Woche. Wenn ich schon spontan gebucht habe, dann er noch spontaner. Er hat nämlich auch keine Ahnung, was auf ihn zukommt. Hinsetzen will er sich nicht, er hibbelt lieber vor uns auf und ab vor lauter Vorfreude auf „sind da alle so in meinem Alter?“ (was ihm einen vernichtenden Blick von unter der Lesebrille einbringt) und „ich lauf dann wohl mal so 40 km am Tag?“. Plötzlich kommt ihm eine Eingebung und er durchforstet seinen Rucksack nach einem Cowboyhut. Damit sieht er aus wie Indiana Jones, aber er ist deutlich erleichtert und ruhiger, schließlich denkt er, dass er „damit dann aussieht wie ein richtiger Pilger“. Er fährt nach Pamplona („das hat er sich als Start jetzt irgendwie mal so gedacht, oder ist das nicht gut?“), und als ich ihm einfach nur mitgeben will, dass er sich nicht so einen Kopf machen braucht, sondern einfach mal abwarten und drauf loslaufen soll, wird er ganz nachdenklich, was seine Kondition angeht. Schließlich (und da zieht es mir schier die Schuhe aus) hat er einen Herzfehler und in den letzten Jahren schon zwei Herzinfarkte oder Schlaganfälle gehabt. Und vielleicht ist da zu viel Belastung ja gar nicht gut. Aber schon rückt er sich seinen Hut wieder zurecht und damit die Welt wieder in Ordnung, grinst unsicher hibbelig erwartungsfroh und beschließt, es einfach mal auszuprobieren. Dann geht auch schon sein Bus (den er vor lauter Eifer schier verpasst hätte), und ich bin ganz durcheinander von dieser Begegnung. Beeindruckt von seiner positiven Lebenseinstellung, angesteckt von seiner Freude und Energie, wehmütig, dass sich unsere Wege schon wieder so schnell getrennt haben – und auch ich bin ordentlich zurechtgerückt, was meine selbstmitleidige Grundeinstellung angeht.

Gegen 16.00 kommt dann endlich auch der Bus für mich und die eher kritische Lesebrillenpilgerin. Sie hat eine eher konträre Art zu Indiana Jones. Vielleicht nicht weniger nett, aber ich habe so meine Probleme mit der nordisch-ruppigeren Art, durchweg sarkastischen Kommentaren und Lachanfällen, bei denen ich nicht so recht weiß, ob sie mit oder über mich lacht. Sie missbilligt meine geplanten Etappenlängen und meine für heute geplante Herberge, sodass ich nicht unglücklich bin, dass es sie wo anders hinzieht und wir nicht den Abend zusammen verbringen werden.

Die Einfahrt nach Burgos fühlt sich wunderschön an; die Abendsonne strahlt, der Himmel ist wolkenlos blau, und ich sehe die Türme der majestätisch weißen Kathedrale. Für’s erste verabschieden wir uns, und jeder geht erwartungsfroh seinen Herbergsplänen entgegen.

Um keinen unnötigen Stress zu bekommen, habe ich mich entschieden, zu so später Stunde gleich die Großherberge etwas außerhalb in einem Park anzusteuern, anstatt die sicher bereits seit Mittag ausgebuchten Kleinherbergen in strategisch besserer Lage abzuklappern. Nachdem ich aber keine Ahnung habe, wo diese genau liegt, führt mein Weg die wenigen Meter in die bekannte Herberge, bei der vor 2 Jahren mein erster Camino geendet hat. Irgendwie möchte ich diesen Kreis schließen, dort anknüpfen, wo ich aufgehört habe.

Die Herberge liegt im dritten Stock über einer kleinen Kirche, und voller Erwartung laufe ich die bekannte Wendeltreppe hoch. Aber statt einem Saal voller geschäftiger Pilger und voller Rucksäcke und Stiefel ist der Raum ausgestorben und wohl im Umbau befindlich. Irritiert laufe ich die Treppe wieder hinunter, ob ich eventuell ein Hinweisschild übersehen habe. Aber dort steht ernsthaft, die Herberge sei geöffnet. Ich zweifle ein wenig an meinem Verstand, als ich nochmal die Treppen hochlaufe und in den dunklen Raum spähe – und Tatsache, was ich für Malerwerkzeuge und zusammengerollte Teppiche gehalten habe, sind in Wirklichkeit einige schlafende Pilger. Ich bin reichlich durcheinander, warum alles so leer ist, aber andererseits auch erleichtert. Offensichtlich muss ich hier nicht jemanden suchen, um nach dem Weg zur Großherberge zu fragen, sondern kann direkt hier bleiben.

Irgendwann kommt ein älterer Hospitalero vorbei und stellt mich den langsam wieder erwachenden anwesenden Pilgern vor. Ich bin etwas angestrengt mit der spanischen Sprache, aber es geht doch deutlich besser als mit dem Herr am Busbahnhof. Ein Spanier schält sich gerade wieder in seine Hose und lacht über meine Wortbruchstücke und Sorgen deswegen. Die beiden amüsieren sich auf Spanisch, und ich wechsle ein paar Worte mit zwei Amerikanern in den Nachbarbetten. Beide sind voller Pilgerstimmung, ruhig, freundlich zuhörend, gelassen… es ist eine Wohltat, und nach den ganzen Irrungen und Wirrungen im Vorfeld fühle ich mich zwar sehr erschöpft, aber irgendwie auch endlich daheim.

Eine Stunde später erscheint im Dunkel der Treppe ein weiterer Neuankömmling – es ist der Lockenkopf, der seine Traumherberge verschlossen vorgefunden hat. Wir freuen uns beide irgendwie über etwas Bekanntes.

Offensichtlich ist der Camino um diese Jahreszeit deutlich weniger begangen. Nachdem ich sonst im September unterwegs war und es nicht anders kenne, habe ich unbewusst angenommen, dass es immer recht überlaufen wäre, man zeitig in den Herbergen sein müsste, um einen Platz zu bekommen… die Amerikaner kennen umgekehrt nicht meine Erfahrungen und sind etwas verwundert über meine Überraschung.

So sind wir gegen Abend 7 einsame Pilger in der Herberge von so einer großen Stadt, und während die Gruppe solidarisch ein Restaurant aufsucht, ist es mir zu viel Trubel für heute, ich will heute nur noch meinen Gottesdienst unten in der Kirche und dann schlafen.

Die Kirche ist spärlich besucht, aber glücklicherweise kenne ich im Gegensatz zu vor 2 Jahren schon ein wenig die Abläufe, kann das Vater Unser auf Spanisch, verstehe den Moment des „Friede-sei-mit-euch“-Händeschüttelns und fühle mich nicht mehr so hilflos auf dem Präsentierteller.

Als ich die Kirche verlasse, fällt mir in der hinteren Reihe ein bekanntes Gesicht auf. Es ist der (wie ich jetzt merke) erstaunlich gutaussehende Spanier, dem ich in der Herberge vorgestellt wurde. Er sieht jung aus, und ich bin überrascht, ihn hier im Gottesdienst anzutreffen, anstatt mit den anderen beim fröhlichen Abendessen.

Es ist noch nicht einmal 21 Uhr, da liege ich schon im Bett. Und obwohl ich noch keinen Meter gepilgert bin und heute morgen noch recht verlassen in Deutschland war, fühle ich mich schon wieder genauso, wie ich es als Peregrina kenne. Der Dank für das gemütliche Bett, die Geborgenheit der Herberge, das Wissen um die netten, freundlichen Pilger drumherum, die Nähe Gottes, das Gefühl, nicht viel mehr machen zu können und zu müssen, als früh schlafen zu gehen, um Kräfte für morgen zu tanken…

Die Aussicht, das 3 Wochen lang zu haben, ist wunderschön!

Read Full Post »