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Posts Tagged ‘Ferreiros’

Komischerweise habe ich wieder die „time of my life“, was meinen Schlaf angeht. Ich schlafe tief und fest und behütet und fühle mich total geborgen und ruhig. Gestern hatte ich das Gefühl, auf Grund meiner Entscheidung plötzlich Frieden und Ruhe gefunden zu haben, aber nun hatte ich mich doch eigentlich am Vorabend umentschlossen – und auch das wird mit ruhigem Gewissen und friedlichen Träumen belohnt? Ich beschließe, die Zeichen und inneren Stimmen zu ignorieren, überhaupt nicht mehr nachzudenken und wie Marco einfach jeden Tag aufs Neue zu laufen und abzuwarten.

Wieder beginnt der Tag mit Nebel, aber zum einen kenne ich das Spiel langsam, zum anderen sind wir Pilger im Sonnenrausch. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Sonne und der blaue Himmel durchkommt.

Schon in Villafranca habe ich Druckstellen auf meinem rechten Fuß bemerkt und vorsichtshalber mit Compeed abgeklebt. Seither hat es sich zwar jeden Tag eben wie eine Druckstelle angefühlt, aber nicht weiter gestört. Heute muss ich nach ein paar hundert Metern schon wieder den Rucksack absetzen und meine Füße auspacken, denn so geht das gar nicht. Bei jedem Schritt drückt die unterste Metall-Öse auf meinen großen Zeh. Marco und Sanne tauchen im Nebel hinter mir auf, verwundert über mein Picknick mitten auf der Straße. Ich beschwichtige und meine, ich bräuchte einfach noch kurz ein Compeed, damit es wieder besser läuft. Sanne sagt, sie glaubt, dass Sie weiß, was ich brauche, und beginnt, in den Tiefen ihres Rucksacks zu kramen. Endlich hat sie gefunden, wonach sie sucht, und sie drückt mir mit Nachdruck einen Stein in die Hand. Ich bin überrascht, fühle mich aber auch geehrt. Schon der dritte Stein, den ich hier bekomme.

Offensichtlich zeigt das Compeed und meine neue Schnürung Wirkung, oder es ist der Stein, jedenfalls läuft es sich wieder unbehelligter. Dafür kommt nach ein paar Kilometern wirklich die Sonne raus, leider aber auch haufenweise Pilger. In den Herbergen waren sie nicht, und dem Gepäck nach zu urteilen sind sie mit Begleitfahrzeug unterwegs. Kein freundliches Grüßen in Richtung der anderen Pilger, keine andächtige Ruhe. Hier schnattert es in ganzen Gruppen, ein paar haben sogar ihr Handy in der Hand, telefonieren nach Hause oder zu imaginären Pilgern vor oder hinter ihnen. Zunehmend treffe ich auch deutsche Grüppchen. Manchmal schäme ich mich direkt für ihre Gesprächsthemen und bin froh, dass ich manch andere Nationen überhaupt nicht verstehe und mich mit gutem Gewissen einfach an der Sprachmelodie erfreuen kann. Trotz der schönen Sonne, ich werde einfach kein Freund der letzten hundert Kilometer.

Ich passiere Portomarín, ohne einzukaufen und ohne auf meine Karte zu schauen. Ich habe so grob im Kopf, dass heute noch Palas de Rei oder Mélide auf dem Weg liegen müssten. Mein Wasser habe ich auch nicht aufgefüllt, und irgendwann riskiere ich dann doch mal einen Blick in den Führer. Mein Grobes im Kopf war Müll, ich habe mich um einen Tag vertan. Heute kommt keine weitere Stadt, auch keine Einkaufsmöglichkeit mehr, und selbst die Brunnen sind spärlich gesät – und ich passiere Dorf um Dorf, ohne den angekündigten Brunnen zu finden. Schade, nach meinen Erfahrungen hinter León war meine Halbliterflasche so ein Glücksgriff und ich habe nie zu viel mitgetragen. Hier muss man jetzt dann doch wieder planen.

Ich bin froh, als ich gegen 14.00 mein heutiges Etappenziel Areixe mit einer weiteren kleinen Xunta-Herberge in einem noch kleineren Dörfchen erreiche und Wasser tanken kann. Die Herberge ist offen, aber noch leer. Von der Hospitalera liegt ein Zettel da, dass man gerne schon einchecken darf. Wieder bin ich begeistert von den tollen Betten, den stylischen Aufenthaltsräumen, den heißen Duschen und diesmal sogar einem beschilderten Wäschetrockenplatz hinter dem Haus. Die Herberge verfügt über eine große Terrasse, auf der ich es mir mit meinen Bändeln und meinem Pfefferminztee gemütlich mache (denn Mikrowelle gibt es hier auch). Die meisten Pilger gehen noch weiter nach Palas de Rei. Ich vermisse die dortigen Einkaufsmöglichkeiten ein bisschen und esse traurig meine allerletzten Reste, vier Tage altes Brot und zwei Rippchen Schokolade. Auch vermisse ich heute Kristian wieder. Ich nehme seinen kleinen Stein heraus und versuche, ihm telepathisch zu entlocken, wo sein Besitzer wohl sein könnte. Eigentlich dachte ich, dass er mich so langsam ja wieder einholen könnte, so wie ich am Bummeln bin. Schon allein deswegen sitze ich unruhig auf der Terrasse herum; was, wenn er mich auf der Strecke unbemerkt überholt, nur weil ich gerade in der Herberge gegen die Wand schaue…?

Ich beschließe, meine Stolz mal wieder über Bord zu werfen und ihm eine Mail zu schreiben. Ich möchte meine geplanten Etappenziele durchgeben, dann liegt es ja an ihm, ob er sich beeilen will, um mich einzuholen. In der Bar hat es zum Glück Internet, doch kaum habe ich mein Werk endlich mühevoll vollendet (die Mischung aus Zuneigung und ich-muss-mich-nicht-aufdrängen ist gar nicht so leicht), meldet der Computer, dass sich der Hauptrechner gerade abgeschaltet hat. Der Besitzer aktiviert diesen zwar wieder, aber meine Mail ist weg. Ich kriege die Krise. Schnell schreibe ich eine absolute Kurzversion. Da meldet mein Posteingang eine neue Meldung – eine Fehlermeldung, die Mail kam zurück. Ich war mir mit der Schreibweise eigentlich recht sicher, versuche aber probehalber noch alles mögliche Ähnliche. Alles kommt zurück.

Ich bin total niedergeschlagen. Ein Gefühl sagt mir, dass Kristians Fuß so lädiert ist, dass er viele Tage hinter mir ist. Wir werden uns also eh nicht mehr sehen, was auch nicht weiter schlimm wäre, hatte ich doch immer die Option vor Augen, ihm hinterher schreiben zu können. Aber nun funktioniert die Adresse nicht, die er mir bei Nacht im dunklen Schlafsaal auf mein Tagebuch gekritzelt hat, eigentlich logisch. Meine Adresse hat er nicht, und vermutlich denkt er nun auch noch, dass ich ihm einfach nicht schreiben wollte. Ich kriege eine Riesensuperkrise. Ich weiß nicht mal seinen Nachnamen und versuche mich zu erinnern, in welcher Herberge ich da im Nachhinein eventuell nachfragen könnte. Vor meinem inneren Auge taucht der Hospitalero in Villafranca auf, der ja schon seine Schweigepflicht verletzt gesehen hat, als ich nur wissen wollte, ob mein Chaot dort nächtigt. Ich habe nicht ernsthaft erwartet, Kristian hier auf dem Camino wiederzusehen, aber auf Emailkontakt hatte ich mich so fest verlassen. Zudem schleicht sich der hinterhältige Gedanke in meinen Kopf, ob er mir mit Absicht eine falsche Adresse gegeben hat. Und passend dazu fällt mir auf, dass Nadine, die Deutsche mit Zelt, gestern nicht wie angekündigt in Ferreiros aufgetaucht ist. Das Teufelchen in meinem Kopf hämmert hartnäckig, dass sie bestimmt heimlich einen Tag pausiert hat und nun glücklich mit Kristian campiert. Und da hat er bestimmt auch keine Nähephobie.

Die Sonne färbt schon wieder alles in sanfte Goldtöne, als meine stummen Begleiter Sanne und Marco auf die Herberge zusteuern. Die Armen verstehen so langsam wahrscheinlich gar nichts mehr. Verzweifelt bin ich genauso wie gestern, aber heute aus einem komplett anderen Grund.

Heute nehme ich ihr Angebot, mit in die Bar zu kommen, gerne an, denn ich habe wirklich Hunger. Ich bekomme ein halbes Baguette mit Bacon und werde sehr satt. Sanne erzählt mir, dass Marco heute wieder ein Feuer gemacht hat und ihr mittags Paella gekocht hat. Sie erzählen, dass sie zwischen Englisch und Spanisch abwechseln, bei zu viel Spanisch würde es ihr bei den ernsten Themen dann doch zu anstrengend. Meine Kristian-Wehmut wird immer größer. Ich hätte auch gern wieder einen Soulmate, und so schön es mit den beiden auch ist, ihre Einladungen sind für mich immer etwas zwiespältig. Sie haben eine ganz besondere Energie zusammen, das spüre ich sehr deutlich, und ich gehöre da nicht so ganz dazu.

Marco organisiert noch vom Bauernhof nebenan frische Eier und verspricht ein Spiegelei für morgen früh. Wow, ein mitwanderndes Versorgungsfahrzeug, der Mann.

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Der Morgen ist grau und nebelfeucht. Passend. Nach einer gefühlten Ewigkeit entlang der Fahrstraße und in Kolonne mit anderen Pilgern geht es rechts in die Hügel, wo der Nebel wieder eine verwunschene Mystik heraufzaubert. Endlose Weiden, ab und an ein paar einzelne stolze Kühe, viele alte Kastanienbäume und ab und zu ein paar Sonnenstrahlen.

Ich verarbeite meine gestrigen Erkenntnisse mit reichlich Tränen, als mich Sanne überholt. Sie fragt treffend, ob es heute ein schwererer Tag sei. Sie lächelt auf ihre stille mitfühlende Art, und ich bin ihr sehr dankbar, dass sie es dabei bewenden lässt.

Vor Sarria treffe ich sie dann wieder – diesmal steht sie am Straßenrand und erlebt einen dieser schwereren Momente. Schön, dass man auf dem Camino niemandem etwas vorzumachen braucht.

In Sarria begrüßt mich strahlender Sonnenschein, blauer Himmel und generell ein durchwärmendes Wetter. Ich mache eine exzessive Umpackpause, verstaue die diversen Regenartikel, von der Rucksackhülle über Regenjacke bis hin zur Regenhose, bevor ich in meiner Lieblingsherberge vorbeischaue – diesmal nur, um höflich zu fragen, ob ich ganz kurz ins Internet darf. Nach ein paar Zeilen Gedankenteilen mit meiner Mama fühle ich mich deutlich abgeschlossener, sortierter und gewappneter für die nächsten Kilometer.

Ich habe plötzlich das Gefühl, auf einem falschen Weg zu sein, und wirklich, ich bin gerade an einer Abzweigung geradeaus gelaufen. Waren es die rosa Zuckerwattefäden, gegen die ich gelaufen bin und die mich stutzig gemacht haben?

Chuck kommt den Weg hinter mir entlang, grüßt kurzangebunden und stürmt den Weg weiter, aus dem ich gerade komme. Ich rufe ihm nach, dass der falsch ist, aber er hat Kopfhörer auf. Ich pfeife und schreie, aber ohne Erfolg. Und ich lege jetzt keinen Sprint für ihn hin.

Ich bin erleichtert, als ich ihn Stunden später in einer Wiese am Wegesrand mit Marco sitzen sehe. Offensichtlich hat sein Weg schon auch irgendwohin geführt, sonst hätte ich noch ein schlechtes Gewissen gehabt, zumal er mir bestimmt arglistige Täuschung unterstellt hätte.

Die Sonne scheint richtig heftig, die Wiesen sind wieder unglaublich grün, wir passieren nur winzige Weiler und laufen über Trittsteine in Flussbetten, eingerahmt von Weidezäunen aus aufgeschichteten Steinen. Mein Kopf ist wieder frei und sonnig. Ich habe Frieden mit den Erkenntnissen geschlossen und fühle mich damit sogar besser. Ich habe das Gefühl, ein deutlich zustimmendes Nicken von Gott bekommen zu haben, und mit dieser Unterstützung kann ich getrost jeden Weg gehen.

Ich bin froh, als die Herberge endlich erreicht ist und ich etwas trinken kann. Nachdem mich die großen Städte auf den letzten hundert Kilometern immer eher frustriert haben, habe ich mich diesmal für die kleinen Orte mit den 20-Betten-Herbergen entschieden – wenn auch auf Kosten von Einkaufsmöglichkeiten. Ich bin positiv überrascht von der Xunta-Herberge, einer der aus dem Boden gestampften Herbergen der galicischen Landesregierung. Alles ist sehr sauber und nett eingerichtet, die Betten sind aus hellem Holz und wieder mit den wunderbar dicken Matratzen; es gibt eine Küche (wenn auch typischerweise so gut wie ohne Geschirr) und einen großen Aufenthaltsraum, die Hospitalera ist nett und verbreitet eine persönliche Atmosphäre. Vor allem der Atmosphäre zuträglich sind die warmen Sonnenstrahlen. Ich setze mich auf die warmen, dunklen Steinplatten vor der Herberge und widme mich meinen reichhaltigen Vorräten.

Heute sehe ich viele neue Gesichter. So ganz in Plauderlaune bin ich noch nicht und habe eigentlich lieber meine Ruhe. Trotzdem passt es ganz gut zu meinem gefühlten Neuanfang.

Gegen Abend kommen Sanne und Marco zusammen angeschwebt. Beide sind mittlerweile toll gebräunt und strahlen mit der Abendsonne um die Wette. Jeder für sich allein hat eine besondere Ausstrahlung, von Verständnis und Feingefühl, aber zusammen bilden sie eine recht massive Einheit von Harmonie und Synergie. Beide sind so herzensgute Menschen und haben mich vom ersten Augenblick an irgendwie berührt, sodass ich nicht einmal Wehmut oder Neid verspüre.

Marco setzt sich zu mir auf die Steinplatten. Vermutlich hat ihn Sanne in Kenntnis gesetzt über meine aktuellen Schwierigkeiten. Er sitzt eine Weile einfach nur schweigend, anteilnehmend und verstehend. Dann erzählt er mir, warum er den Camino macht. Seine Probleme liegen ein wenig ähnlich. Mich überkommt ein starkes Gefühl von Verbundenheit und Begleitung; wie konnte ich gestern Abend denken, völlig allein ins Nichts zu fallen. Marco fällt auch nicht, sondern wir werden morgen einen weiteren Tag laufen und weiter kommen mit unseren Erkenntnissen. Und wir werden jeden Tag stärker und sicherer werden und unser Ziel immer klarer sehen. Woher kommt nur diese Gewissheit?

Sanne kommt dazu und fragt, ob wir alle zusammen in die einzige Bar des Örtchens gehen wollen. Ich lehne dankend ab und lasse die beiden allein gehen.

Ich schreibe und bekomme ein paar SMS, die eigentlich alles wieder umwerfen. Wo ist die Überzeugung von gestern hin, oder bin ich jetzt einfach nur wieder ein Feigling, der sich wie üblich bittere Neuerungen nicht eingestehen will? Irgendwie weiß ich langsam so gar nichts mehr, aber in den warmen Abendsonnenstrahlen macht mir das auch gar nichts aus. So wie Marco ruhig lächelnd sagt, er geht den Weg, um in sich hineinzuspüren und die Antworten zu finden, so bin auch ich im Moment überzeugt, dass ich sie finden werde. Ich spüre, dass mich die letzten Tage etwas massiv lenkt und beeinflusst, aber auch beschützt, und ich habe das Gefühl, dass ich einfach weiter auf dem Camino bleiben muss, einfach weitergehen und es zulassen, dann wird dieses Etwas mir meine Antworten zeigen.

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