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Posts Tagged ‘Zafra’

Tiefer Schlaf ist etwas anderes, ich liege die halbe Nacht wach. Aber wieder ist das Geschnorchele meiner Mitpilger irgendwie beruhigend und angenehm. Im Stockdunklen verschwindet irgendwann Marc aus dem Bett gegenüber, und auch Gerhard vom Bett über mir kraxelt halsbrecherisch davon. Ich kann nicht mehr ruhig schlafen, wenn der halbe Schlafsaal auf den Beinen ist.

Ich treffe die beiden an meinem Lieblingsplatz im Innenhof. Es ist gerade mal 6 Uhr, und ich bin noch ziemlich hinüber. Marc raucht, anscheinend verbringt er morgens immer die erste Stunde rauchend in Stille. Gerhard ist wach geworden, musste husten, wollte niemandem mit seinem Krach stören und ist deswegen auch lieber aufgestanden. Hier draußen ist es total dunkel, irgendwie quiekt es undefinierbar wie Ratten, und nachdem die beiden Herren wohl irgendwo zwischen Stille und ernsten Gesprächen verharren, bin ich da sehr eindeutig fehl am Platz. Entweder, ich liege im Bett oder ich mache mich auf den Weg. Eine Stunde ins Dunkel starren und mich anknabbern lassen, gracias. Ich verabrede mich mit Marc, dass er mich um 7 wecken soll, dann können wir zusammen loslaufen.

Er weckt mich natürlich nicht, dafür rumoren zwei andere ältere Herren in unserem Zimmer. Einzig Steffen ist mir ungeheuer sympathisch. Er guckt total verknittert und verkatert und missgestimmt angesichts der eingeschalteten Beleuchtung. Sehr vorbildlich finde ich auch seine lange Schlafanzugshose. Endlich ein Mann, den man beim Reden am Morgen mit gutem Gewissen anschauen kann.

Ich mache mich im Dunkeln mit Marc auf den Weg. Wir treffen den verrückten Japaner, der uns von einer Verkehrsinsel kichernd filmt. Er stolpert eine Weile schnellen Schrittes um uns herum, ist aber im Gegensatz zu uns sehr mit seinem Brustrucksack und den technischen Finessen darin beschäftigt. Er kichert, dass seine Freunde sich das zu Hause dann alles anschauen müssen.

Es geht einen leichten Hügel hinaus. Vor uns flattern weiße Tauben auf, und als wir am höchsten Punkt sind, erstreckt sich vor und unter uns plötzlich wie aus dem Nichts ein Nebelmeer. Gleichzeitig geht die Sonne auf, und der Nebel lichtet sich innerhalb von Minuten. Zuerst wird nur der Kirchturm aus dem Nebel sichtbar, bevor es weiter aufklart. Ein unbeschreiblicher Moment und ein toller Zufall, gerade in diesen Minuten hier zu sein.

Während der Japaner nach ein paar hektischen Bildern panisch Richtung Tal stürzt, holt uns Steffen ein. Als erprobtes Dreamteam laufen wir nach Los Santos de Maimona hinunter. Die Herren zieht es in eine Bar, sodass ich gar nicht so richtig dazukomme, die Stadt zu würdigen. Im Gegensatz zu Castillblanco de los Arroyos ist sie wirklich sehr weiß und sehr beeindruckend. Vielleicht liegt es auch einfach daran, dass es heute nicht regnet, die Sonne zu scheinen beginnt, ich eben einen wunderbaren Sonnenaufgang hatte und „mit meinen Jungs“ unterwegs bin.

Sie witzeln, dass ich doch sicher auch bis 9 Uhr hierbleiben werde, bis ein Supermarkt aufmacht. Wirklich bin ich einen ganzen Tag ohne Einkauf ausgekommen, was sehr ungewöhnlich für meine Supermarktfreude und meine üblichen Hamsterkäufe ist. Ich muss gestehen, dass ich mehr als geneigt bin, noch zu warten, als ich einen erspähe. Aber es ist erst halb 9, und irgendwie will ich dieser Macke auch nicht immer nachgeben.

Trotzig beschließe ich, ohne Einkauf weiterzugehen. Eigentlich ist es doppelt unvernünftig, denn heute plane ich eine sehr kurze Etappe, die ohne weitere Einkaufsmöglichkeit in einer Herberge endet, die ohne sonstige Siedlung inmitten einer Olivenplantage steht.

Das ist auch schon das Riesenproblem, das heute meinen sonst so sorgenfreien Geist in Bewegung hält. Die Jungs wollen beide sehr entschlossen einen Ort weiter. Steffen sieht keinen Sinn darin, heute nur 13.5 km, dafür dann 31.8 km nach Torremegía zu laufen. Er hat etwas Blasen und will es lieber vernünftig aufgeteilt angehen. Und nachdem Marc sich ja gegen den Zug entschieden hat, muss er jetzt ordentlich Kilometer fressen. Er möchte in 2 Tagen in Mérida sein. Das sind über 60 km. Selbst mit dem nächsten Ort hat er am nächsten Tag eine Monsteretappe mit über 40 km. Ich dagegen habe mir schon vor dem Camino vorgenommen, mich ohne zu denken und zu planen an die im Führer vorgegebenen Etappen zu halten, allein, um meine geistige Ruhe zu haben und mich nicht zu irgendwelchen Mammutetappen hinreißen zu lassen. Und mein Führer sagt heute 13.5, morgen 31.8, dann 15.2 km. Mérida in 3 Tagen. Auch freue ich mich auf die lange Etappe morgen, ich will endlich mal wieder so richtig laufen und erschöpft sein. Und wenn das mein Führer so will, muss ich ja auch gar kein schlechtes Gewissen dabei haben. Zudem gibt es in Villafranca keine Herberge, nur wieder Hostal, und das ist absolut nicht mein Ding. Abschließend kommt noch hinzu, dass ich mich spontan für die Via de la Plata entschieden habe, weil ich das Aquädukt in Mérida sehen wollte, die schwarzen Schweine unter den Korkeichen- und einmal in einer ehemaligen Ölmühle in einer Olivenplantage schlafen wollte.

Den ganzen Weg bringe ich meine Gedanken überhaupt nicht zur Ruhe. Ich bin völlig hin- und hergerissen, denke alles mögliche durch… einerseits will ich definitiv in diese Herberge, irgendwie sind das Camino-Eckpfeiler, an denen nicht gerüttelt werden kann. So gern ich nette Mitmenschen auf dem Camino habe, ich brauche die Selbstbestimmtheit auf dem Camino und dass ich mir treu bleibe. Meiner Ölmühle, meiner Hostal-Abneigung, meiner Lust auf die morgige lange Etappe, meinen Etappenendpunkten. Andererseits, Steffen sehe ich ja nach zwei Tagen in Torremegía wieder, das ist zu verkraften, aber Marc ist definitiv weg. Und da stellt sich mein Bauchgefühl absolut quer.

Die Jungs sind frohen Mutes, mich doch noch nach Villafranca zu bekommen. Zum einen kennen sie meinen leeren Rucksack und glauben nicht, dass ich es ohne Supermarkt aushalte. Allerdings kennen sie nicht meine Entschlossenheit und leichte Überempfindlichkeit in Sachen Selbstbestimmtheit. Marc hat sogar angeboten, für den „Abschiedsabend“ mal nicht wie üblich ab dem Nachmittag in Bars zu versumpfen. Er ist ohnehin überzeugt, dass diese Herberge wie auch die Jahre zuvor mehr geschlossen als geöffnet ist. Darauf hoffe ich ehrlichgesagt auch fast, während ich bei wunderschönem Sonnenschein durch die Weinberge und Olivenhaine stapfe.

Der Japaner überholt mich wie üblich stolpernden Schrittes. Ich frage, ob er auch in der Bar war, eigentlich wähnte ich ihn ja vor mir. Nein, nein, im Supermarkt. Wie hat er denn das zeitlich geschafft? Er hätte gefragt, und da hätten sie ihn um halb 9 schon reingelassen. Gemein.

Gegen 11 Uhr kommt der Abzweig. Es geht ein paar hundert Meter nach rechts, bevor ich vor einem beeindruckenden Gebäude stehe. Vor diesem steht ein Auto vor dem geöffneten Tor, eine einladende Tür weist zur Rezeption, und ein Staubsauger dröhnt aus der Ferne. Ich gehe wieder zurück zur Kreuzung und setze mich unter einen Olivenbaum, um auf die Jungs zu warten und mich gegebenenfalls zu verabschieden. Mir wird halb schlecht bei dem Gedanken. Auch ist es total schwachsinnig, an so einem schönen Tag am Vormittag schon zu stoppen. Andererseits, so tröste ich mich, bringt es auch nicht viel mehr, eine Stunde später an so einem schönen Tag am Vormittag zu stoppen. Noch dazu dann in einem Hostal in einem kleinen Zimmer mit Blick auf die Wand, während ich hier nur den Himmel, Olivenbäume und rote Erde habe.

Marcs erste hoffnungsvolle Frage ist, ob die Herberge geschlossen hat. Sie setzen sich zur Lagebesprechung zu mir. Ich bin mir mittlerweile recht sicher, dass ich es nicht mit mir vereinbaren kann, weiterzugehen. Also bleibt nur die Variante, dass die Herren ebenfalls hierbleiben müssen. Ich appelliere wild an Marcs übergroßen Stolz, ob er morgen wirklich läppische 40 km laufen will und ob ihn nicht die Herausforderung reizt, noch 5 dazuzulegen und mit 45 km echt mal einen Akzent zu setzen. Bei Steffen versuche ich medizinisch überzeugend darauf hinzuweisen, dass seine Blasen etwas Erholung brauchen könnten – und gut erholt dann 5 km mehr oder weniger morgen ja auch kein Problem mehr darstellen sollten. Ich preise die wunderschöne Herberge an und stelle sogar in Aussicht, morgen mit ihnen mitten in der Nacht loszulaufen, damit sie die 5 km einholen. Zu meiner Überraschung blättern beide wirklich in ihren Reiseführern. Sie schauen sich an und erklären einstimmig, dass das einleuchtend ist und sie hierbleiben. Mir fehlen die Worte.

Wir schrecken die Hospitalera vom Putzen auf. Sie ist sehr freundlich und ein wenig unkoordiniert. Diese Bögen mit den Personalien auszufüllen ist sicher nicht einfach, aber sie sitzt recht panisch davor und schreibt irgendwann auf gut Glück irgendwo etwas in irgendwelche Lücken. Auch ist sie ganz durcheinander, weil sie noch nicht ganz mit Putzen fertig ist. Ein Zimmer ist schon fertig, und das reicht uns ja. Praktischerweise hat es gerade drei Betten, und nachdem meine Herren gut erzogen bin, komme ich hier zum ersten Mal in den Genuss eines freistehenden Einzelbettes. Die guten Manieren führen weiterhin dazu, dass ich als erste in unserer kleinen Privatdusche ausgiebig heiß duschen darf, während die Herren diskret Wäsche waschen gehen.

Als wir dann zu dritt Wäsche waschen, kommt die aufgelöste Hospitalera schon wieder um die Ecke, es täte ihr so leid, es hätte noch nicht mal Waschmittel am Waschplatz. Sie trägt einen Riesenstapel Handtücher mit kleinen Minishampoos oben drauf und ist doppelt geschockt über meine nassen Haare und die Tatsache, dass ihre Handtücher für mich zu spät kommen. Wie sich herausstellt, haben sie und ihr Mann die Herberge erst seit drei Tagen. Ich frage vorsichtig, ob sie selber schon mal pilgern war bzw. eine Pilgerherberge von innen gesehen hat. Sie verneint strahlend. Mir wird so einiges klar. Ich versuche sie zu beruhigen, dass wir als Pilger doch alles dabei haben, Handtücher, Waschmittel und alles. Sie ist trotzdem ziemlich nervös und aufgeregt. Süß.

Wir bekommen eine Führung durch alle Räume der ehemaligen Ölmühle. Aus unerfindlichen Gründen übersetzt mir Marc heute alles auf Deutsch, dabei haben wir eigentlich ähnliche Spanischkenntnisse, und er hat mir sonst auch noch nie übersetzt. Vielleicht die ungewohnte Sonne heute.

Die Herberge besteht aus unzähligen Räumen, die, wie die Herbergsmama schon wieder entschuldigend erklärt, natürlich noch im Rohbau sind. Aber schon jetzt ist alles sehr beeindruckend. Vermutlich soll diese Herberge auch für größere Anlässe fungieren. Es gibt große Räume mit mindestens 30 edlen, bezogenen Stühlen, sowie um die Mühle herum viele yoga-artige Sitzkissen in Kreisformation. Leider ist es dort noch etwas frisch und meine Jungs sehen nicht wirklich aus, als würde ich sie für Yoga begeistern können, sodass wir uns lieber in den großen Garten setzen.

Zu meiner Erleichterung sind Steffen und Marc ähnlich euphorisch und begeistert von der Herberge wie ich. Ein bisschen verantwortlich fühle ich mich ja schon, sie hier zu dieser Kurzetappe überredet zu haben. Aber Steffen macht begeistert Bilder, und Marc freut sich am Nichtstun. Ich liege gemütlich auf vermutlich ehemaligen Eisenbahnschindeln, die nun als Trittbretter über den Rasen dienen. Der Genuss der warmen Sonnenstrahlen ist mir allerdings nicht lange vergönnt, ich habe meine Haare recht gekonnt in eine Ameisenstraße gelegt. Beim Aufstehen meint Steffen fröhlich, dass ich diese Hose jetzt auch gleich noch waschen könnte, ich hätte mich in Vogeldreck gesetzt. Leider nicht Vogeldreck, sondern Teer, wie ich feststellen muss. Aber nachdem ich eh nur zwei Hosen habe und eine davon gerade patschnass auf der Leine hängt, erübrigt sich die Überlegung ohnehin.

Die rührend aufmerksame Hospitalera bringt uns einen kleine Gartentisch und Stühle. Die Herren bestellen sich wie üblich nach dem Laufen erstmal ein Bier nach dem anderen. Die Señora versinkt schon wieder in Selbstvorwürfen, dass es noch keine großen Gläser hat, und kurze Zeit später kommt sie noch mit einem Päckchen Wäscheklammern um die Ecke. Herrje, das hätten sie auch komplett vergessen, wie kann man nur, aber dann ist der Mann eben mal kurz ins nächste Dorf gefahren. Wir kommen uns umsorgt vor wie in einem Fünf-Sterne-Hotel.

Am Nachmittag trifft noch Gerhard ein sowie zwei junge Pilger, die sich aber nach dem Wäschewaschen schnell wieder in ihrem Zimmer verschanzen. So ganz übelnehmen kann ich es ihnen nicht. Wenn ich unser Dreamteam von außen betrachten würde, fände ich uns vermutlich einen Pilgeralptraum. Wir sind ziemlich laut, ständig am quasseln und kichern, eine ignorant deutsch sprechende Ansammlung auf einem bedächtigen, spanischen Pilgerweg.

Mit Steffen teile ich meine letzten Vorräte; Marc findet, er müsse auf dem Camino tagsüber nichts essen. Kaffee und Bier reichen ihm für den Tag, er hätte genug Reserven. Grundsätzlich hat er davon wohl wirklich mehr als ich, allerdings denke ich nicht, dass sich ein Blutzuckerspiegel bei den Anstrengungen hier allein aus Fettdepots aufrechterhält. Steffen lassen meine Teerflecken nicht los. Passend zu unserem Baguette mit Käse sinniert er bei einer bereits Fetttropfen abscheidenden Käserinde, ob sich der Teer damit nicht lipophilerweise lösen lassen müsste. Und mein einziges Problem wäre dann ja nur noch, wie ich die Fettflecken wieder rausbekomme. Die Vorstellung, dass jetzt jemand meine Teerflecken am lebenden Objekt mit einer stinkenden Käserinde bearbeitet, lässt mich resolut dankend ablehnen.

Wir spinnen wieder ein bisschen naturwissenschaftlich vor uns hin, bis der schweigsame Marc irgendwann findet, dass wir uns nicht um ihn kümmern sollen, er hätte da halt einfach nichts dazu zu sagen, er könnte nicht so schlaue Wörter, würde aber wirklich gern zuhören, wenn sich gebildete Menschen unterhalten. Wir unterhalten uns eigentlich seit mehreren Tagen auf einem absolut einheitlichen Niveau, ohne dass irgendjemand schlauer oder gebildeter wäre. Offensichtlich hat Marc heute aber seinen „nicht-Studierten“-Koller, und als dann noch Gerhard um die Ecke kommt und mir stolz mein Bändel zeigt, das jetzt seine Taschenlampe ziert, hat Marc auch noch „und-ich-dachte-das-wäre-etwas-besonderes“-Koller. Steffen fängt an, ein Holzstück zu beschnitzen und entschuldigt sich, gerade eine unkommunikative Phase zu haben. Marc hat sich bereits zu einer Siesta zurückgezogen, und dazu entschließe ich mich nun auch angesichts der berühmten „5 Minuten“, die gerade jeder zu haben scheint. Mir ist eh ziemlich kalt im Schatten geworden. Ich buddele mich unter viele Decken ein (und friere immer noch), während Marc mit nacktem Oberkörper und unzugedeckt schläft.

Ich werde davon wach, wie draußen Gerhard den wild schnitzenden Steffen in ein Gespräch zu verwickeln versucht. Steffen ist konsequent unkommunikativ und abweisend, außerdem sind die Herren hier generell etwas weniger empfänglich für die traurige Eselsgeschichte, während Lieke und ich da voll mitfühlen können. Ich bleibe lieber noch bei meinem warmen Bett und knüpfe ein Bändel für Steffen.

Ich wage mich erst wieder auf die Terrasse, als die Schnitzgeräusche aufhören. Steffen hat erschöpft sein Werk beendet, ein christliches Tau-Zeichen, wirkt nun wieder sortierter und auch wieder gesprächsbereiter. Er ist stolz auf sein Werk, und im Spaß meine ich, dass er ja schon wenigstens noch eine kleine Muschel für mich schnitzen könnte, so eine wie Marc um den Hals hat, nicht mal einen Zentimeter groß. Zuerst lacht sich Steffen kaputt, wie er mit seinem Riesenmesser und seinen großen Pranken so etwas kleines schnitzen können sollte, fängt dann aber zu meinem Schrecken wirklich nochmal an zu schnitzen. Fast schon wütend entschlossen habe ich ihn wohl falsch bei seinem Ehrgeiz gepackt. Mir wird ganz anders bei seinem wilden Geschnipsele; ich sehe schon bildlich ein Abrutschen vor mir sowie akute Wundversorgung mitten in der Pampa. Oder den chirurgisch sicher sehr kompetenten Notfallarzt im nächsten Kuhkaff.

Irgendwann ist wirklich eine kleine Muschel fertig, und für die passende Aufhängung durchforsten meine beiden Helden das ganze Gelände. Steffen biegt mir mit bloßen Fingern einen Draht von hinter einem Schuppen drumrum, und ich bin stolzer Besitzer (und Steffen sichtlich stolzer Produzent) eines individuell geschnitzten Muschelanhängers. Die Freude wird höchstens getrübt von meinen regen Gedanken um eine fulminante Nickelallergie oder die Aktualität meiner Tetanus-Impfung.

Nach Marcs Bändelkoller traue ich mich kaum, Steffen seins zu überreichen. Glücklicherweise bedankt er sich und ignoriert sogar die Tatsache, dass es viel zu groß ist. Nun ja, vielleicht muss es das ja sein bei jemandem, der sein Halstuch als Armschlinge trägt.

Gegen Abend kommt noch einmal richtig schön wärmend die Sonne heraus. Ich setze mich nochmal vorsichtig auf eine möglichst teerlose Stelle auf den Holzschwellen und schreibe Tagebuch. Der Tag war einfach überwältigend, allein schon die Schönheit und Weite der Herberge mit den lehmroten Steinwänden, dem grünen Gras, den hellen Holzschwellen. Die wunderbare Gesellschaft von Steffen und Marc, die vielen ungezwungenen Gespräche den ganzen Nachmittag. Ich habe nie das Gefühl, mir irgendein Thema aus den Fingern saugen zu müssen oder irgendwie spannend oder interessant sein zu müssen. Alles fließt perfekt harmonisch vor sich hin. Steffen ist unglaublich vielseitig interessiert und interessierbar, einerseits philosophiert er über die Sollbruchstellen im Mauerwerk und die Konstruktionsfehler dieser Herberge, im nächsten Moment plaudert er über Frisuren und Shopping, als wäre er die beste Freundin. Die Konversation mit Marc ist wirklich ein Stück weit einfacher. Oft beschränken wir uns einfach darauf, uns anzustrahlen. Und wie beim ersten Kontakt vor zwei Tagen ist dieses Strahlen der Hammer. Es erfüllt mich mit mehr Energie, Glück, Freude und einem Gefühl von Nähe, als es noch so viele Worte tun könnten.

Die Hospitalera fragt, wann wir abendessen und frühstücken wollen – und trägt es mit bewundernswerter Contenance, als Steffen allen Ernstes 6 Uhr für das Frühstück vorschlägt. Sie erzählt ferner, dass sie in Zukunft noch den natursteinernen Pool im Garten füllen wollen, und ihr Mann bringt eine Schachtel Marlboro für Gerhard, die er extra aus dem Dorf holen gegangen ist. 6 Sterne.

Zum Abendessen sind wir wieder bester Stimmung. Mit Gerhard bekommen wir ein rustikales Abendessen mit Omelette, Tomaten, Schinken, Chorizo, Salchichón und einem speziellen weißen Käse. Zum Nachtisch gibt es Kiwis und Birnen. Die Herbergsleute lernen etwas dazu über den immensen Hunger von Pilgern, und alles könnte so schön sein, wenn nicht der Herbergsvater am anderen Ende des Raumes versuchen würde, einen Papiertuchspender an der Wand zu installieren. Gerhard bleibt der Bissen im Hals stecken angesichts der handwerklichen Unfähigkeit, die da von statten geht (und die sonst keiner bemerkt hätte). Anfangs bin ich noch belustigt und denke, er meint es eher im Spaß, aber ihm ist es bitterer Ernst. Er flucht und poltert lautstark durch den Raum, dass das doch kein Augenmaß wäre, und doch nicht mit diesem Dübel, und also nein, da könnte er ausrasten. Tut er eigentlich angesichts seines rot angelaufenen Gesichts mit geschwollener Stirnschlagader auch fast. Die Situation ist sehr unangenehm. Der Spanier scheint zwar entweder schwerhörig zu sein oder glücklicherweise den Ausbruch nicht auf sich zu beziehen, aber ich bin etwas geschockt, wie man sich so danebenbenehmen kann. Ich habe Gerhard eigentlich als netten Menschen kennengelernt, aber dieser Auftritt passt wirklich nicht zu einem guten Pilger. Meine beiden Herren finden noch reichlich deutlichere Worte, und ich kann auch da wieder nur zu beschwichtigen versuchen. Herrje, hat denn heute jeder Krise und Koller und seine empfindliche Phase?

Steffen regt an, ob wir für die Nacht nicht die Heizung in der Dusche angeschaltet bekommen könnten, um unsere restlichen nassen Sachen zu trocknen. Ich dolmetsche es der Hospitalera und schmücke etwas blumig aus, dass es dem guten Steffen eben etwas kühl ist. Sie ist natürlich sofort wieder Feuer und Flamme, schnappt mich zum Mitkommen und erklärt mir begeistert, dass das daran liegt, dass er oben im Bett liegt und da bisher gar keine richtige Decke ist und dass sie ihm da jetzt natürlich auch noch ein schönes, dickes Federbett hinlegt. Sie dreht noch begeistert die Heizung am Bett an, nimmt den leichten Bettüberwurf resolut wieder mit, und zwischen meinem aufrichtigen Dank für ihre Mühe komme ich aus dem Lachen nicht heraus, als ich zurück am Tisch Steffen erkläre, dass er jetzt als verfrorene Mimose gilt und ein furchtbar dickes Flauschebettchen bekommen hat. Wie zu erwarten bekommt er eine leichte Krise.

Zum Sonnenuntergang springe ich noch schnell mit dem Foto vor die Herberge.

Derweil haben meine Mitbewohner schon blitzschnell für morgen gepackt („damit es dann zügig losgehen kann!“) und liegen schon im Bett. Ich habe noch nichts gepackt, brauche auch immer ziemlich viel Zeug bis zum Morgen um mein Bett verteilt. Ich fühle mich wie ein kapriziöses, verwöhntes Huhn und traue mich kaum mehr, noch schnell nachtruhestörend Zähne zu putzen. Geschweige denn meine Kontaktlinsen in liebevoller Kleinarbeit herauszunehmen und zu versorgen. Auch den Schlafsack lasse ich im Rucksack und hoffe, dass mir die Decke ausreicht.

Kaum liege ich dann auch endlich leicht gestresst im Bett, sirrt die erste Stechmücke des Caminos um mein Ohr. Ich taste nach meinem Autan, aber das liegt natürlich noch irgendwie unten im Rucksack. Noch einmal wildes Geraschel mit schlechtem Gewissen, bis dann auch endlich ich friedlich schlafbereit bin.

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Die Nacht ist eindrücklich. Obwohl wir nur zu viert im Zimmer sind, ist das Schnarchen wirklich ohrenbetäubend. Interessanterweise stört es mich aber nicht. Ich wache oft auf und denke lächelnd „mann, schnarchen die“.

Gegen 7 bin ich dann doch zu wach, um weiter im Bett liegen zu bleiben. Der kleine Spanier kommt gerade vom Gang ins Zimmer. Als er sieht, dass ich wach bin, fragt er, ob ich aufstehen will und knipst das Licht an. Ich sage panisch „no no no“, er kann doch nicht einfach alle aufwecken, nur weil ich packen will. Bei genauerem Hinsehen ist „alle“ sehr relativ. Das Bett über mir ist leer, keine Spur von Steffen. Auch der dicke Spanier ist nicht mehr da. Steffens Sachen sind aber noch da. Ich bin recht irritiert, bis reichlich verknautscht Steffen mit seiner Decke im Schlepptau ins Zimmer kommt. Er klingt nicht gerade ausgeglichen, als er kurz zusammenfasst, dass er und der kleine Spanier auf den Sofas geschlafen haben, weil der Dicke ja nicht mehr normal geschnarcht hätte. Besagter Spanier schaut etwas bedröppelt aus der Wäsche. Und ich bin fasziniert, was ich für einen guten Schlaf hatte. Da zieht mein halbes Zimmer aus, und ich lausche dem Schnarchen von drei Leuten, dabei ist nur einer da. Noch faszinierter bin ich allerdings von meinem Bein. Erst nach einer Weile wird mir bewusst, dass ich mir gestern ziemlich Sorgen deswegen gemacht habe. Heute fühlt es sich einfach unauffällig und perfekt an.

Ich packe meine Sachen zusammen und gehe meine Wasserflaschen füllen. Durch die Glasfront sehe ich draußen eine glimmende Zigarette mit bekanntem hellen Cowboyhut in der noch stockdunklen Nacht. Ich freue mich, dass ich nun Marc doch noch treffe. Gestern wollte ich ihm eigentlich noch mein Bändel geben, habe ihn aber nicht mehr getroffen. Ich frage, wie es heute seinen kraftlosen Muskeln geht. Den Muskeln würde es prima gehen, es wäre eher die Leere im Kopf. Ich gebe ihm das Bändel einfach pauschal für einen guten Camino (ob nun für Füße oder Beine oder Muskeln oder Köpfe) und für seine tolle Ausstrahlung und seine Strahleaugen. Er ist ziemlich belustigt, das hätte noch niemand zu ihm gesagt. Unverständlich.

Zu Sonnenaufgang laufe ich los, bzw. verlaufe mich erstmal gut eine halbe Stunde. Normalerweise schaue ich immer nach den Pfeilen. Hier hat es irgendwie keine, sodass ich in meinen Führer schaue. Nur werde ich aus den Beschreibungen erfahrungsgemäß noch weniger schlau. Ich treffe auf ein älteres französisches Paar, welches zum Glück einen dicken, spanischen Führer hat, der recht detailliert jede Straße aufführt. Sie laufen mit Führer voraus, ich frage jeden Einheimischen, der mir über den Weg läuft, und so finden wir in gegenseitiger Ergänzung aus der eigentlich sehr überschaubaren Kleinstadt heraus.

Der kleine Spanier aus meinem Zimmer überholt mich. Obwohl er gut 2 Köpfe kleiner ist als ich, läuft er unheimlich schnell. Er trägt einen Minirucksack, Turnschuhe und recht untypisch Jeans, und er hüpft und schwebt wie ein Flummi. Ich wünsche ihm sehr schnell einen guten Camino und lasse ihn weiterrennen, diese Dimension ist für mich absolut unerreichbar.

In Calzadilla de los Barros sind erstaunlich viele Spanier auf der Straße, es ist Sonntag und Gottesdienstzeit. Für einen kurzen Moment spiele ich mit dem Gedanken, hier endlich mal einen Gottesdienst mitzuerleben. Erfahrungsgemäß habe ich unterwegs aber nicht die nötige Ruhe, sodass ich doch einfach lieber weiterlaufe.

Ein älterer Spanier begleitet mich ein paar Meter. Ob ich denn allein wäre und ob ich nicht Angst hätte. Wovor denn. Er deutet irgendwo in das ferne Nichts und erzählt irgendetwas, was ich nicht verstehe. Ich bin gespannt.

Heute scheint zum ersten Mal richtig Sonne, ich krame meine Sonnenmilch hervor und stelle bei dieser Gelegenheit fest, dass ich mein Trekkinghemd falsch herum trage. Zum Glück bin ich allein auf weiter Flur.

Kaum bin ich wieder angemessen gekleidet, laufe ich auf den Turbanpilger auf, der flötespielend am Wegesrand sitzt und ebenfalls die Sonne genießt. Ich bleibe stehen, und wir reden eine Weile. Im Wesentlichen bin ich einfach neugierig, was es mit ihm auf sich hat. Wir sehen uns häufig, aber keiner weiß, woher er eigentlich kommt und wie er heißt und überhaupt. Es stellt sich heraus, dass er Spanier ist, der Turban hat keine religiöse Bedeutung, und die langen schwarzen Haare und den wilden schwarzen Bart bis auf Brusthöhe trägt er auch erst seit 7 Jahren. Damals, so kichert er fast verschämt, war er sogar Student der Wirtschaftsinformatik. Dann hat er beschlossen, sein Hab und Gut in seinen Rucksack zu packen und seiner inneren Stimme zu folgen. Diese hat ihn in den letzten 6 Monaten nach Marokko gebracht, wo er mit einem Esel Olivenöl gepresst hat. Als Bezahlung hat er ein Ticket zurück noch Europa und 5 Liter Olivenöl bekommen, die er jetzt in seinem Rucksack trägt. Das wäre gut und nahrhaft mit trockenem Brot. Er pilgert ohne Geld, er kichert wieder, manchmal spielt er in den großen Städten Flöte. Er pilgert in sehr zertretenen Hausschlappen, er hat eben keine anderen. In seinem Rucksack trägt er auch noch Bücher, er liest gern über andere Religionen, Islam und Buddhismus. Generell wirkt er sehr unsicher und schüchtern, vieles scheint ihm peinlich zu sein. Ich finde ihn einerseits sehr mutig und ein Stück weit auch bewundernswert, derart offen durch die Welt zu gehen und so seinem Herz zu folgen. Ein kleines Bisschen wird meine Sympathie davon getrübt, dass ich nicht weiß, wie ehrlich er ist. Von anderen Pilgern weiss ich, dass es faszinierend ist, wieviel er in Bars geschenkt bekommt, wenn er sich als „peregrino sin dinero“ vorstellt. Nur von Brot und Olivenöl scheint er nicht zu leben. Und dass er immer erstmal halb in eine Herberge eincheckt, bevor er aus allen Wolken fällt, dass sie etwas kostet und er kein Geld hat, ist mir auch etwas suspekt. Nachdenklich laufe ich weiter. Kristian letztes Jahr habe ich ohne zu überlegen weitgehend durchgefüttert, er hatte aber auch eine sehr ehrliche Art und hat nie Mitleid zu erregen versucht.

Die beiden Franzosen vor mir wechseln auf die Straße, warum auch immer. Ich bin etwas hin- und hergerissen, ich laufe sehr ungern der Meute nach bzw. verlasse die gelben Pfeile. Sie laufen zielstrebig Nationalstraße. Ich konsultiere wieder unsicher meinen ungeliebten Führer, der von einem scharf links abbiegenden Weg schreibt, den ich erleichtert nach ein paar hundert Metern auch erreiche. Die Franzosen laufen geradeaus weiter, aber ich folge todesmutig den Pfeilen. Nach ein paar Minuten kommen mir zwei Pilger entgegen. Der zweite ist charakteristisch mit Rucksäcken vorne und hinten bepackt der vor Gewicht und Sichtbehinderung immer etwas strauchelnde Japaner, der erste ist mit nasser Jeans bis zu den Oberschenkeln der nun doch sehr deutsch „cheisse, cheisse, cheisse!“ fluchende kleine Spanier. Offensichtlich ist er nach mehreren Kilometern an einen zu durchwatenden Fluss gekommen, der sich aber nicht hat passieren lassen. Eine Stunde für nichts, „cheisse, cheisse, cheisse“.

Er flucht mir voraus wieder zur Nationalstraße zurück, wo an der Kreuzung zu meiner Freude schon Marc belustigt wartet, wo es denn nun weitergeht. Wir laufen zusammen weiter, Fahrstraße. Zaghaft frage ich irgendwann, ob es vom Tempo geht (ohne nähere Lokalisierung seiner eventuellen Beschwerden); er meint entschieden, es würde wieder prima laufen. Zu seinem allgegenwärtigen Strahlen hat er eine faszinierend offene und unbekümmerte Art. Er plappert alles heraus, was ihm gerade durch den Kopf geht. Momentan unter anderem „Mädle, Du tust mir einfach gut“. Beruht eindeutig auf Gegenseitigkeit.

Generell plaudert er wie ein Wasserfall, von seinen Caminos, von seinen Schicksalsschlägen und Problemen im Leben. Immer wieder unterbrochen von „ich weiss gar nicht, warum ich das alles erzähle, ich kann normalerweise auch gut zuhören“. Obwohl wir sehr unterschiedliche Typen sind, kann ich das meiste sehr gut verstehen und nachempfinden. Vor allem, welche Kraft ihm der Camino gegeben hat und welch eine Zuversicht und Befreiung er am Ende des Caminos am Meer gefühlt hat, das kommt mir sehr bekannt vor. Und allein das macht schon einen großen Teil der Faszination des Caminos für mich aus – dass die unterschiedlichsten Menschen mit den unterschiedlichsten Gründen für den Camino und mit den unterschiedlichsten Problemen im Endeffekt sehr ähnliche Lektionen lernen, Gedanken fassen und Faszinationen empfinden.

Marc möchte weg von der Straße und sucht wild im Führer nach einem Shortcut zurück auf den Camino. Ich bin eher zurückhaltend. Die Straße nervt mich zwar auch total an, aber von Karten hab ich überhaupt keine Ahnung. Als irgendwann eine Straße links abbiegt, willige ich wenig überzeugt ein. Mir ist es recht egal, ob sie auf den Camino führt oder nicht. Im schlimmsten Fall laufen wir nach einer Stunde einfach wieder zurück – „cheisse cheisse cheisse“.

Marc ist lustig zu beobachten. Er schwankt im Minutentakt zwischen „das ist sehr sicher richtig“ und „das müsste ja eigentlich schon da hinführen“ hin und her. Ich finde es einfach erheiternd und laufe mit.

Irgendwann kommt von hinten das bekannte Wohnmobil mit Marie, die sich wie üblich mit hoher Stimme grüßend aus dem Fenster lehnt. Wir verstehen mal wieder nur die Hälfte; meinen Versuch, ihr das mit dem Wasser zu erklären und dass Chérie eventuell generell nur Straße laufen kann, überzwitschert sie gekonnt. Immerhin sind wir etwas erleichtert, dass sie jetzt schon mal vorausfährt. Falls die Straße nirgendwohin führt, wird sie uns schon wieder entgegen kommen.

Bei jeder Kreuzung ist Marc voller Vorfreude, dass das nun endlich die Einbiegung ist. Nur hat es nie gelbe Pfeile. Umso begeisterter brechen wir in Jubel aus, als an einer weiteren Kreuzung in der Ferne der Caravan parkt. Wo Marie parkt, kann der Camino nicht weit sein.

Wirklich hat es ab da auch wieder Pfeile, wir sind wieder auf dem Camino. Marc ist sehr erleichtert, dass seine „sehr Sicherheit“ nicht trügerisch war, und ich bin sehr froh, wieder Camino zu laufen und nicht eventuell eine schöne Etappe auf der Nationalstraße entlangzulaufen. Selbst unschöne Abschnitte laufe ich sehr gern, weil sie ja Camino sind und dazugehören.

In Puebla de Sancho Pérez wollen wir eine kleine Pause machen. Dort treffen wir auf der Plaza Steffen – und gerade einsetzende Regen. So geht es dann doch schnurstracks gleich weiter Richtung Zafra, zu dritt.

Es macht unheimlich Spaß, mit den beiden zu laufen. Wir haben ähnliche Schrittlängen und ähnliches Tempo, einen ähnlichen Humor, das Laufen geht wie von selbst, unbeschwert und voller Energie. Einen Pilger unterwegs verpflichte ich kurzerhand zum Fotomachen, während die Herren sich schon wieder totlachen, dass ich sehr typisch einfach meinen Rucksack mitten in den nassen Matsch donnere.

Die Eisenbahngleise, die es kurz vor Zafra zu passieren gilt, sind ausgesprochen unspektakulär verlassen. Ich bin sehr gespannt auf die Herberge, zu der es sich aber noch eine ziemliche Weile quer durch die Stadt zieht. Irgendwann taucht am Ende der Straße wieder ein großer, alter Gebäudekomplex auf, ein ehemaliger Franziskaner-Konvent und heute unsere Herberge. Marc hat umdisponiert. Er nimmt noch nicht heute den Zug, sondern übernachtet erstmal noch mit uns in Zafra.

Wir checken ziemlich verschwitzt bei einer netten Hospitalera ein; wieder bin ich ziemlich baff. Wir haben ein schönes Zimmer mit 3 Stockbetten, natürlich alles wieder sicher exzessiv schnarchende Herren. Es gibt wieder einen Raum mit Sofas sowie einen tollen kleinen Innenhof, indem ich unter einigen Torbögen im Trocknen meine Wäsche aufhänge. Es regnet schon wieder intervallweise, und nachdem meine Socken und Unterwäsche der letzten Tage schon nie richtig trocken geworden sind, wäre das heute nicht schlecht.

Ich freue mich an meinen wie immer übertrieben ausufernden Vorräten. Heute ist Sonntag, kein Laden in Sicht, und so bin ich froh über noch ein ganzes Baguette, Käse, diverse Früchte und eine schöne Dose Limonade. Steffen setzt sich zu mir; er ist ein interessanter Gesprächspartner, mit dem es nie langweilig wird und der wahrscheinlich fast jedes Thema spannend und kompetent beleuchten könnte.

Am Nachmittag möchte ich mir die Stadt noch ein wenig anschauen bzw. endlich Postkarten kaufen. Die Stationen der letzten Tage waren allesamt derart klein, dass ich keine Karten gefunden habe, und auch aus kultureller Sicht scheint Zafra ein erstes Highlight der Extremadura zu sein. Marc schließt sich mir an. Obwohl er im Vorjahr schon einmal die Via de la Plata gelaufen ist, sind ihm die eventuellen Sehenswürdigkeiten nicht sehr geläufig, und ich habe natürlich auch wieder nicht in den Führer geschaut. Wir tappen ziemlich ziellos zielsicher durch die unattraktivsten Straßen Zafras. Am Brunnen auf der Plaza treffen wir Steffen sowie den Japaner. Steffen ist natürlich wieder ein wandelndes Lexikon und hat auch schon alles Wichtige besichtigt. Mich reißt die Stadt irgendwie nicht so ganz vom Hocker, und während die Jungs noch wie üblich die Etappe in einer Bar ausklingen lassen, mache ich mich auf den Rückweg.

Dort treffe ich neben einem üblich begeisterten Jorge, einer strahlenden Lieke (die es zu unserer gemeinsamen Freude doch noch einmal eine lange Etappe geschafft hat) sowie einigen weiteren bekannten Gesichtern auch auf den Pilger mit Esel. Allerdings ist er sehr niedergeschlagen. Wir sitzen an einem kleinen Tischchen bei der Küche, die freundliche Hospitalera kocht uns sogar Wasser für meine Pfefferminzteebeutel, und Gerhard schüttet mir sein Herz aus. Der Esel ist krank, hat Fieber, darf die nächsten Tage nicht laufen. Er hat ihn nun auf einer Koppel gelassen, bis er nächsten Monat von seiner Familie abgeholt werden kann. Er möchte zu Fuß weiterpilgern, aber das schlechte Gewissen dem Esel gegenüber sowie die Aufgabe des langgehegten Traumes lasten ihm schwer auf der Seele. Zum Glück kommt Lieke um die Ecke und setzt sich dazu. Sie ist absolut prädestiniert zum Zuhören, sie schaut wunderbar verständnisvoll und bekräftigend und einfühlsam. Mir dagegen kommen fast schon immer selber Tränen in die Augen.

Ich sitze wieder mit Steffen im Innenhof, meinem auserkorenen Lieblingsplatz, als Marc strahlend dazukommt. Er hätte das mit den Etappen nochmal durchgerechnet, er schafft es auch ohne Zug. Er muss dann zwar ein paar 50 km Etappen einlegen, aber es klappt. Ich könnte ihn umarmen.

Das Pilgerkollektiv entschwindet zum Essen. Ich bin noch recht satt von meinem ausgiebigen Mittagsmahl. Der immer noch sehr traurige Eselspilger schreibt etwas verloren in seinem Tagebuch. Ich flechte ihm ein Blitzbändel und hoffe, dass es ihm bald besser geht.

Dann verschwinde ich schon wieder früh in mein wunderschön frisch bezogenes Bett.

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