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Archive for the ‘Jakobsweg September 2007’ Category

Epilog September 2007

Die ersten Tage wieder in meinem normalen Leben waren nicht einfach. In Spanien und als peregrina fühle ich mich einfach wie zu Hause, glücklich und sorgenfrei.

In einem gewissen verzweifelten Moment habe ich Gott gefragt, warum ich es hier so schwer haben muss und ich hier nie Zeichen sehe oder seinen Beistand erfahre. In diesem Moment habe ich auf dem Fenster vor mir einen Glückskäfer laufen sehen. Auch in den nächsten Tagen habe ich in jedem trüben Moment mehr Glückskäfer als je zuvor gesehen.

Auch wenn es manchmal schwerer fällt, ich denke, Gott ist immer bei mir. Vielleicht schwebt er vor allem die 800 Kilometer über dem Camino entlang, aber wenn ich laut genug schreie, hört er mich auch von dort.

Und bis zu meinem nächsten Camino werde ich im Herzen peregrina sein und den Satz im Kopf behalten „the camino is everywhere“.

Am selben Tag, an dem ich den ersten Glückskäfer gesehen habe, habe ich zwei Mails erhalten. Von Bärbel und Sun. Sun schreibt mir ungefähr einmal im Monat, ihre Mails sind typisch sie. Einige wirre Brocken Englisch, sehr viel „maybe“, und vor allem wieder nur Reisepläne. Mit Bärbel hat sich eine enge Freundschaft entwickelt; wir schreiben uns nun seit über einem Jahr in regem Hin und Her. Sie versteht meine Caminosehnsüchte und Gefühlswirren wie keine andere. Erst nach dem Camino habe ich zufällig eine Abhandlung über „Begleiter“ gelesen, bei der ich sofort und absolut an Bärbel denken musste.

Bärbel war mir eine wunderbare Begleiterin und ist es noch heute.

An Andi habe ich ebenfalls sehr oft dankbar gedacht. Ich denke, ich werde ihm irgendwann einmal schreiben.

So plötzlich und intensiv Mose in mein Leben getreten ist, so schnell ist er auch wieder verschwunden. Während meines Caminos habe ich drei Mails von ihm erhalten, sie haben mir viel Kraft gegeben und dazu geführt, dass ich meinen Camino erfolgreich meistern konnte. Ich habe ihm seither oft geschrieben, aber er hat nie wieder geantwortet. Ein Teil von mir spürt, dass es so sein muss. Die Begegnung mit ihm war ein Wunder, und Wunder kann man wohl einfach nicht festhalten.

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Aus Angst, am Morgen zu verschlafen und Andis Aufbruch zu verpassen, schlafe ich nur sehr leicht. So bin ich natürlich hellwach, als er sich morgens aus dem Schlafsack schält und packt. Glücklicherweise schläft der Grossteil noch, sodass ich um eine große Abschiedsrede herumkomme. Ich flüstere ihm einen guten Flug und ein paar verbindliche Worte zu. Er gibt mir die Hand und ist weg, bevor ich seinen Abschied verinnerlicht habe.

Ich solle meinem Freund ausrichten, dass er ein Glückspilz ist.

Ich denke, das ist eines der schönsten Komplimente, die ich je bekommen habe.  Andi ist nicht nur nett und gutmütig, sondern besitzt wirklich Größe.

Den ganzen Morgen fühle ich mich ziemlich leer und vor allem richtig schlecht. Nach meinen diversen Zickigkeiten und dem gestrigen Abgang hätte ich alles erwartet von Vorwürfen bis hin zu Ignorieren, und vermutlich hätte ich damit besser umgehen können.

Wie immer leert sich die Herberge vor 8, und ich mache mich auf Richtung Busbahnhof. Es ist ein ausgesprochen seltsames Gefühl, mein geliebtes Santiago als nicht mehr Pilger zu verlassen.

Kaum habe ich mein Ticket gekauft, läuft mir die langsamere Schwester des Dreiergespanns vom ersten Tag über den Weg. Lustig, ich habe sie seit bestimmt 2 Wochen nicht mehr getroffen. Sie erzählt, sich jetzt hier mit ihren Schwestern zu treffen, aber sie weiß gar nichts über sie und ihren Camino. Ich kann immerhin erzählen, dass ich sie in Finisterre getroffen habe, und die Gute ist völlig aus dem Häuschen. Sie bleibt in der Wartehalle, und ich mache mich auf zu den Bussen. An der Rolltreppe laufen mir dann die beiden anderen Schwestern entgegen. Als ich ihnen die frohe Nachricht übermitteln kann, dass oben schon jemand auf sie wartet, rennen auch sie schreiend drauflos. So ist der Abreisetag wenigstens für manch andere Pilger ein kleiner Höhepunkt.

Der Flughafen von Santiago ist klein, und mein Flug geht erst in vielen Stunden. Ich stelle mich schon auf die große Langweile ein, als mir plötzlich jemand ins Gesicht strahlt. Es handelt sich um die  floh- oder bettwanzengeplagte Deutsche vom Anfang, die ich seitdem auch nie wieder gesehen hatte. Es sind doch recht lustige Begegnungen so am Schluss. Wir tauschen uns aus über die verschiedenen Herbergen und Hospitaleros, irgendwie haben wir die gleichen Highlights erlebt. Sie war immer einen Tag vor mir, und wir sind uns nie begegnet.

Als sie auf ihren Flug geht, komme ich noch mit einigen anderen Pilgern ins Gespräch. Irgendwie kommen sie mir aber fremd vor und nicht so sympathisch wie meine Weggefährten. Vielleicht liegt es auch daran, dass wir keine Pilger mehr sind, sondern wieder Normalos. Irgendwie ist schlagartig wieder eine Art Fassade da. Auf dem Camino noch offene Verzweiflung oder Jammern, Herzausschütten an Wildfremde. Hier sitzen wir nun in einem blitzsauberen, hell ausgeleuchteten Wartesaal, und jeder hatte eigentlich nie Probleme, hätte viel weiter laufen können, hat natürlich alles perfekt gepackt und geplant. Jeder hat noch tollere Freunde gefunden, immer die ideale Herberge gewählt, und so bin ich froh, als mein Flug endlich aufgerufen wird und ich mich verabschieden kann.

Kurz vor dem Umsteigen in Barcelona wird mir gnadenlos schlecht, mir wird heiß und kalt im Wechsel, und ich bin froh, dort 2 Stunden Wartezeit zu haben, um mich wieder einigermaßen zu fangen. Nach 2 Wochen in einer anderen Welt fühle ich mich vermutlich einfach komplett entwurzelt und überflutet von Eindrücken, Erinnerungen und den heimischen Tatsachen und Problemen, die ich in dieser Zeit komplett beiseite schieben konnte.

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Noch früher als sonst, in kompletter Dunkelheit, wartet der kleine Pilgerhaufen am nächsten Morgen auf den Bus zurück nach Santiago. Es ist ein komisches Gefühl. In Santiago hatte ich immer noch das Gefühl „ich laufe ja noch weiter“, „ich bin noch Pilger“, „es kommt noch etwas“. Nach 3 Wochen auf meinen Füßen, immer mit dem Rucksack auf meinem Rücken, fühle ich mich, als würde ich einen Teil von mir weggeben, als ich meinen Rucksack in den Bauch des Busses verfrachte. Aus dem Fenster wirkt es höchst unwirklich, an den Stellen vorbeizufahren, die ich noch vor ein paar Tagen mühsam bewandert habe. Gleichzeitig ist es aber auch ein erhebendes Gefühl zu sehen, welche Distanzen man doch zurückgelegt hat.

In Santiago machen Andi und ich uns erst mal auf die Suche nach einer Herberge. Wir einigen uns auf eine in Busbahnhofnähe, damit es jetzt schneller geht und wir morgen gut auf unsere Flieger kommen. Wir werfen unsere Rucksäcke ab und mich zieht es so kurz vor 12 schon wieder magisch in die Pilgermesse.

Diesmal sichere ich mir rechtzeitig meinen Spitzenplatz im Seitenschiff, strategisch günstig, um den Botafumeiro diesmal etwas besser zu sehen. Aber während der Messe stellt sich nicht die erwartete Euphorie ein, und den Weihrauchschwenker gibt es diesmal auch nicht. Ich erinnere mich an „jeder bekommt den Empfang, den er verdient“  – heute für meine Busfahrt habe ich ihn wohl wirklich nicht verdient. Und ein bisschen schön ist es dann ja auch doch, dass ich an meinem ersten Tag hier dann einfach so etwas wie Glück hatte.

Nach der Messe lauert Andi schon auf gemeinsame Unternehmungen, aber ich will in Ruhe meine Souvenirs shoppen und vertröste ihn auf später. Wie vor meinem kleinen Exkurs ans Ende der Welt schon auskundschaftet, finde ich zielsicher die besten Läden für meine Magneten mit Muschel- und Pfeilsymbolen und eine Tasse für eine Freundin. Mit meinem Muschelkettenanhänger hadere ich immer noch, so richtig überzeugt mich keiner, und ich beschließe, es dann lieber zu lassen als mich mit einem Kompromiss zu begnügen. Auch der Rosenkranz für meinen Freund stellt mich vor gewisse Schwierigkeiten, weiß ich doch nicht, wie man so was betet und worauf es folglich ankommt. Im Minishop an der Kathedrale fällt mir dann doch ein passendes Objekt ins Auge, aus dunklem Holz und mit Rosenduft. Und die Kirchnähe stimmt mich deutlich versöhnlicher als die kitschigen Plastikkränze mit Plastikduft.

Zufrieden lade ich meine Errungenschaften in der Herberge ab und mache mich auf zu meinem letzten Programmpunkt. Mir liegt immer noch etwas im Magen, dass meine Begegnung mit dem Monte de Gozo so unspektakulär war. Von Freude keine Spur, und nicht mal die Kathedrale habe ich von dort gesehen. Und kaum war ich in Santiago, habe ich eine Karte mit einem beeindruckenden Monument im Vordergrund entdeckt – zwei bronzene Pilger in altertümlicher Erscheinung, die auf die Kathedrale zeigen. Irgendetwas daran hat genau meine Stimmung getroffen, und so habe ich das dringende Bedürfnis, diese Statuen zu suchen, von dort noch mal den ersten Blick auf Santiago zu genießen und ein Foto zu machen, mit einer dünnen, etwas weniger beeindruckend gekleideten Dritten im Bunde, die sich aber sicher genauso freut und genauso viel Stolz auf ihren Schultern trägt.

Auf dem Weg dorthin treffe ich Andi, der sich recht einsam den Tag um die Ohren schlägt. Praktischerweise war er schon beim Monument, sodass ich diesen Moment auch noch mal alleine genießen darf. Leider findet sich diese Stelle gar nicht so leicht, nicht einmal, als ich die gesamte Belegschaft eines Restaurants mit dieser Problematik beschäftige. Die Statuen müssen irgendwo ein paar 100 Meter weiter sein, aber diese Herren der Schöpfung meinen im ersten Moment, die wären gar nicht in Santiago. Prima.

Nach beharrlicher Suche entdecke ich dann doch mein Ziel – beeindruckend ist es wirklich, wenn auch aus meinem Plan des Gruppenfotos nichts wird. Die Herren sind gut und gern doppelt so hoch wie ich. Faszinierenderweise bin ich die einzige weit und breit an diesem beeindruckenden Ort, und so kann ich wie in Muxía in Ruhe und Stille den Moment und Ort auf mich wirken lassen.

Leider scheint aus meinem Foto überhaupt nichts zu werden; ich bin der Selbstauslöserfunktion nicht mächtig, und hier ist wirklich weit und breit niemand. Denke ich zumindest, bevor mich ein beunruhigendes Rascheln und Lärmen aufstehen und über das Gebüsch neben mir schauen lässt. Im ersten Moment bin ich versucht, die Flucht zu ergreifen – das Bild, das sich mir bietet, ist beeindruckend. Die ganze weite Wiese, von rechts nach links, so weit das Auge reicht, wird von einem Heer gestürmt, wie ich es aus „Herr der Ringe“ oder „Der Patriot“ kenne. Nach dem ersten Schock differenziert sich das Heer zu einem deutschsprachigen Rudel behängt mit Fotoapparaten, und der Reisebus dazu lässt sich auch ausmachen. Im Nu ist mein kleines Ruheinselchen bevölkert von wuselnden Touristen, aber ich habe mit der Wahl meines Fotografen Glück – er scheucht den Reisebusinhalt resolut noch mal zur Seite – „damit das Fräulein hier ein schönes Foto kriegt“!

Glücklich mache ich mich auf den Rückweg, und unglaublich, ich habe mir heute zum ersten Mal seit langem wieder Blasen gelaufen, nur von ein bisschen Stadtbummel.

Andi wartet sehnsüchtig in der Herberge, ihm ist jetzt nach Action und Programm, während ich am liebsten schlafen gehen würde und den Tag so belassen. Ich bin hin und hergerissen; einerseits möchte ich mich nicht verbiegen und gegen meinen Willen in einem lauten Restaurant mit Andi Bocadillos mampfen, andererseits weigert er sich, alleine wohin zu gehen. Und obwohl ich es alleine fast noch genießen würde, habe ich ein schlechtes Gewissen, dass er seinen letzten Abend mit mir in der Herberge bei Rucksackvesperresten verbringen will. Wie immer setze ich mich durch, aber der Abend ist geprägt von einer komischen Stimmung. Die Pilger um uns herum sind alle frisch vom Camino, in Santiago-Euphorie – und abgesehen davon kennen wir keinen mehr. Wie bei uns auch ist es eine große Familie, in der jeder jeden irgendwoher kennt und schon mal gesehen hat, nur dass diese Familie eben nicht die unsere ist.

Zudem schwebt das Abschiednehmen ungut im Raum. Andi hätte wohl gern meine Emailadresse, aber irgendwie wird mir das gerade alles etwas zu eng. Die letzten Tage hingen wir reichlich viel zusammen, und nachdem wir die Herbergen zusammen angelaufen haben, gehen wir so langsam als Paar durch und haben diesmal schrecklicherweise sogar so etwas wie ein Doppelbett bekommen. Ein Witzchen von Andi, dass wir da dann ja heute Nacht etwas kuscheln können, gibt mir den Rest und ich gehe recht wortlos ins Bett.

Allerdings kriege ich kein Auge zu – schon aus Angst, die ich in jedem Doppelbett habe, dass ich im Schlaf den anderen für meinen gewohnten heimischen Bettnachbarn halten könnte und umarmen oder Schlimmeres. Das Szenario mit Andi macht es sicher nicht besser. Zum anderen fühle ich mich abgrundtief mies. So fühle ich mich eigentlich schon den ganzen Camino, wenn ich mit Andi zusammen bin. Er ist immer freundlich, immer für mich da, immer hilfsbereit und ein unheimlich guter Mensch, der mir sein Bett überlassen würde, wenn ich nach ihm in der Herberge ankommen würde. Er wartet geduldig, dass ich meine merkwürdigen Spirenzchen und Freiheitsdränge auslebe, und ist dann trotzdem zur Stelle in dem Moment, wo ich dann doch gern etwas Gesellschaft hätte. Sein Flieger geht am nächsten Morgen in aller Frühe, er muss gegen 5 aufstehen, und mir wird ganz anders, wenn ich mir vorstelle, dass ich am Morgen aufwache, er ist weg und ich habe mich absolut nicht verabschiedet.

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Wie die Ehrenrunde nach dem Marathon fühlt sich dieser Tag heute an. Vorbei jede Durchhalte-Survivor-Mentalität vom Beginn des Caminos, jede Frustration auf den letzten 100 Kilometern vor Santiago, dieses Gefühl des Soges von Santiago. Heute fühle ich mich, als ob seit langem wieder die Sonne aufgehen würde. Ein neues Leben, ein neuer Abschnitt, ein neues Kapitel. Das große Ziel Santiago ist geschafft, das kleine weitere Ziel vom Ende der Welt. Die Pflicht ist erfüllt. Für mich geht es heute noch weiter nach Muxía.

Der Weg führt weitgehend parallel zur Küste entlang. Das Meer hat eine unglaubliche Faszination auf mich, bei jeder Gelegenheit mache ich einen Umweg, um direkt an den Sand und die wilden Wellen zu kommen. Ich mache mehr Pause, als dass ich laufe. Hier sind nicht mehr viele Pilger unterwegs, die wenigen sind vor mir, und auf halber Strecke treffe ich nur die Engländerin wieder, die zuerst Muxía angesteuert hat und sich Finisterre für den endgültig finalen Abschluss aufgehoben hat.

Wir treffen uns an einer pittoresquen Stelle – es gibt einen kleinen Bach zu durchqueren. Landestypisch liegen dazu dicke Quader im Wasser, die man als Tritte nutzen kann. Leider liegen sie knöchel- bis knietief unter der Wasseroberfläche, und das Wasser ist durchaus erfrischend eiskalt. Wir machen noch kurz schon wieder eine kleine gemeinsame Pause, bevor es in entgegengesetzte Richtungen weitergeht.

Gegen Nachmittag klart das Wetter komplett auf, ich laufe die letzten Meter in Erwartung der Stadt eine kleine Strasse entlang. Keine 50 Meter links von mir begleitet mich das dunkelblaue Meer mit weißer Gischt, und in dem Grünstreifen zwischendrin befinden sich Pferdeweiden, Fußballfelder und Schrebergärten. Wie von einer anderen Welt und sehr faszinierend.

So betrete ich auch Muxía über die Fahrstrasse, an die direkt die Wellen schlagen. Die Stadt ist zu dieser Tageszeit wie ausgestorben, man hört nur die See. Ich finde die Herberge nicht, und die drei Leute, die ich schließlich finde, beschreiben mir jeder eine ganz andere Richtung. Auch meine Muxiana, meine dritte Urkunde für diese Reise, kann ich erst am späteren Nachmittag abholen, und um nicht sinnlos zu warten, entscheide ich mich gegen meine sonstige Hasenfussroutine, nicht erst einzuchecken und zu duschen, sondern einfach mit Rucksack mein endgültiges Ziel aufzusuchen. Das Santurio de la Virxe da Barca, das Heiligtum der Jungfrau im Steinschiff.

Und hier finde ich meinen Abschluss.

Alles kommt zusammen, der strahlendblaue Himmel, die leuchtende Sonne, die Tatsache, dass außer mir weit und breit keine Menschenseele ist, die wunderschöne Kirche direkt am Meer, das Wissen, dass ich hier wirklich am alleräußersten Punkt bin. Mich zieht es hinunter ans Wasser, und dort stehe ich sicher eine Stunde lang, ganz nah an den meterhohen Wellen. Mir erscheint zwar keine Maria in einem Steinschiff, um mir Mut zuzusprechen, aber mit jedem Wellenschlag habe ich das Gefühl, dass eine weitere Erinnerung noch mal Revue passiert. Die Erinnerungen sind wie ein Siegeszug, lauter starke Erlebnisse, Momente der Freude, Erinnerungen an Rührung, an gute Freunde. Mir wird bewusst, was ich in diesen 3 Wochen alles erkannt habe, was mir bewusst geworden ist, und was ich auch teilweise überwunden habe. Zwar erst auf die letzten Tage, aber ich habe meine Vorratsangst überwunden und erkannt, dass ich einfach vertrauen kann. Ich habe aufgehört, akribisch Etappen zu planen, und ich bin angekommen. Und heute habe ich sogar die letzte Angst überwunden und bin nicht panisch schnell gewandert, um mir ja mein Bettchen zu sichern. Ich habe Leere in Santiago gefühlt und in Finisterre, an Orten mit Touristenbussen und Erwartungshaltung. Und ich habe meinen Frieden, meinen Abschluss und auch noch mal meine direkte Leitung zu Gott hier in Muxía gefunden.

Irgendwann entschließe ich mich dann doch mal ganz relaxt, nach Urkunde und Herberge zu schauen. Ich schwebe förmlich in die Stadt zurück, wo ich prompt Andi in die Arme laufe. Er hat seine Urkunde schon, war auch noch nicht in der Herberge und wartet brav auf mich. Mit Muxiana und unendlichem Glücksgefühl (Andi braucht dazu natürlich nicht stundenlang Tränen der Rührung vergießen) suchen wir die Herberge, und die Gesellschaft von Andi fühlt sich wie das einzig richtige an.

Die Herberge ist seltsam. Riesig groß und modern, 3 Etagen mit vielen Räumen und vielen Stühlen, alle paar Meter wacht ein Bewegungsmelder über die Beleuchtung. Es gibt sogar nagelneue ultrabequeme Ledersofas. Und in dem dann doch wieder recht normal anmutenden kleinen Räumchen mit den Stockbetten befinden sich nicht mal 15 Pilger.

Ich koche mir eine Art Risotto, unter der fachkundigen Anleitung eines Freundes des Hospitaleros, der aber leider nur Spanisch spricht und irgendwie schwer verständlich für mich. Ich entnehme so grob, dass er Schiffskoch ist, mein Risotto wird also nach Strich und Faden auseinandergenommen. Ich will eigentlich nur essen, aber er rührt, gießt Wasser, reguliert das Feuer in eine Richtung, die nur er kennt. Während ich esse, unterhält er mich intensiv mit seinen Pilgerphilosophien. Auch er ist ein Dauerpilger, scheint nichts anderes mehr zu machen, als zu pilgern und ist durchaus interessant, aber ich verstehe wie gesagt nur die Hälfte, wenn überhaupt, und irgendwie ist mir das an Tag 20 etwas zu viel Input. Im Endeffekt erlebt jeder Dinge auf dem Camino, die ihn so bewegen, dass er sie zu verarbeiten versucht, indem er sie anderen Menschen verständlich machen will. (Manche tun es in einem Blog, :-)!). Aber alle Erlebnisse sind auch persönlich und einzigartig und nicht übertragbar, und es macht wenig Sinn, Verständnis dafür erzwingen zu wollen. Wahrscheinlich sehnen sich viele Pilger nach einem Pendant, der genauso empfindet und fühlt und versteht, einem Soulmate. Und wahrscheinlich muss jeder lernen, dass es diesen nicht gibt.

Mit Andi verabrede ich mich wieder zum Sonnenuntergang auf dem Berg über der Kirche am Meer. Wir sind ein eingespieltes und perfektes Team. Ich bekomme meinen Vorsprung, darf allein den kleinen Gipfel besteigen und den erhabenen Ausblick genießen. Und ein paar Worte nach oben richten, wenn die Verbindung hier schon mal so außergewöhnlich gut ist. Andi hört sich dann anschließend wieder treu meine täglichen Philosophien und Erkenntnisse an, meine vielen Zeichen und Signale und Spinnereien. Natürlich perlt auch am letzten Tag alles Spirituelle an ihm ab, aber das ist ja auch gut so.

Der Sonnenuntergang ist wärmer als in Finisterre und so, wie ich ihn mir den ganzen Camino und das ganze Jahr davor vorgestellt habe.

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Ich bin sehr früh wach, und so starte ich bereits gegen 6 Uhr in kompletter Dunkelheit mit der ermunternden Aussicht, bald einen Supermarkt zu erreichen und meine Vorräte wieder auf die gewohnten Dimensionen aufstocken zu können.

Aber bereits in dem wirklich winzigen Dorf finde ich kaum den Camino wieder. An der Hauptstraße meine ich zwar so etwas wie einen Pfeil zu sehen, bin mir aber doch nicht so sicher, so dass ich schon wieder am Umdrehen bin, als hinter mir eine laute spanische Gruppe auch meinen Weg einschlägt. So traben wir fast eine Stunde im Stockfinstern die Autostrasse entlang. Mittlerweile regnet es auch ordentlich. Die ganze Stunde über sehe ich keinen einzigen Pfeil, so dass ich dann irgendwann doch den Kontakt abreißen lasse und im munteren Regen schnell meinen Reiseführer auspacke. Und wie ich es schon geahnt habe, es heißt natürlich „vor der großen Straße geht der Weg links ab“. Ich weiß nicht, welchen Rappel ich habe, aber ich laufe wutentbrannt alles wieder zurück. Ich will den Camino gehen, und zwar jeden Meter. Keine Abkürzung und erst recht keine hässliche Fahrstraße.

So ist es ordentlich hell, als ich wieder am Ausgangspunkt angelangt bin – und das Dorf ist wie ausgestorben, alle Pilger sind schon auf dem (richtigen) Weg. Ich finde die sehr versteckte Abzweigung und werde reiflich für meinen Umweg belohnt. Es geht verwunschen und völlig einsam in die Höhe. Überall dichter Nebel, umso überraschender dann plötzlich der Blick zur Seite ins Tal auf einen großen See. Ich fühle mich fast schon wieder auf dem falschen Weg, weil ich weit und breit keinen anderen Menschen sehe – aber wenigstens die gelben Pfeile.

Als ich wieder auf Zivilisation stoße, sehe ich in einem Straßencafe die spanischen Truppe sitzen und ausgiebig frühstücken, während ich abgekämpft seit 3 Stunden laufe. Die Straße hat natürlich auch zum Ziel geführt, und offensichtlich war ich schon kurz vor dem Zusammentreffen der beiden Wege.

Ab da wird es wieder verwunschen, da nebelig und einsam. Auch sehe ich wieder einmal über viele Kilometer keine Markierungen mehr, noch dazu wird mir schwummerig und schwindelig. Ich vermute, dass es an der sparsamen Nahrungsaufnahme liegt, esse die letzte Banane und den letzten Schokoriegel und habe erstmals nur noch ein Stück Brot mit Chorizo und ein paar Schluck Wasser in meinem Rucksack. Und nach einer weiteren Stunde und einem immer merkwürdigeren Allgemeinzustand überwinde ich meine Vorratsangst und treffe die Entscheidung, alles auf eine Karte zu setzen, alles zu essen und zu hoffen, dass ich dann wirklich irgendwann die heißersehnte Stadt treffe.

Viele Situationen stellt man sich im Vorfeld als schwierig und problematisch vor. Sei es, in den Herbergen Platz zu finden, den Weg zu finden, wie es mit der Sicherheit und Diebstahl ist, wie man in Kontakt mit anderen kommt… all das ist ab dem ersten Tag nie mehr ein Problem gewesen. Dafür erscheinen einem plötzlich völlige Lappalien wie ein Riesenproblem, und man verzweifelt an harmlosen Kleinigkeiten.

So sitze ich im völligen Nebel, seit Stunden weit und breit keine Markierung und weit und breit kein Pilger, obwohl mit mir doch 30-40 andere Pilger unterwegs sein müssten. In mir festigt sich die Gewissheit, auf dem falschen Weg zu sein, es fragt sich nur, seit wann. Panik steigt in mir auf; wenn ich seit 2 Stunden in die falsche Richtung laufe und dann noch 2 oder mehr in die richtige muss, wie lange mein kleines Chorizobrot vorhält. Zu allem Überfluss habe ich auf dem Weg, auf dem so gut wie keine Fußspuren zu sehen sind, riesige Pfotenabdrücke entdeckt, die definitiv nicht mehr von einem Hund stammen können. So erlebe ich mit meinem Pfefferabwehrspray in der Hand und lauter desperaten Gedanken im Kopf meine wohl schwärzeste Vesperpause des Caminos.

Aber der Camino ist nicht umsonst magisch. Erlebt man Tiefs, kann man sich umso mehr freuen, wenn es hinterher wieder bergauf geht. Und ist man an einem Punkt angekommen, an dem man nicht mehr will, an dem einem alles zu viel wird, an dem man alleine nicht mehr weiterkommt – dann kann man sich sicher sein, dass die Gebete erhört werden und eine höhere Instanz einem soweit wieder Starthilfe gibt, bis man von selbst wieder in der Lage ist, frohgemut voranzuschreiten oder zumindest unerschrocken weiterzukämpfen.

Kaum habe ich meinen Rucksack wieder geschultert und lasse den Blick schweifen, fällt mir nur wenige Meter von meinem Pausenplatz ein Stein am Wegesrand auf – mit einem dicken, gelben Pfeil, und wie ich schwören könnte, dem ersten seit Stunden. Gerade schicke ich noch ein unendlich dankbares Dankesgebet nach oben, bin kaum 50 Meter gelaufen – da klar der Nebel komplett auf. Und nach 2 Stunden Nebel eröffnet sich der Blick auf das Meer und die Bucht von Cée und nicht zuletzt die Stadt mit meinem Supermarkt. Und wenn, dann kommt der Beistand von oben so richtig gewaltig, umwerfend und unleugbar – mein ganzer Abstieg in die Stadt wird begleitet von Salutschüssen (auch wenn diese sicher nicht mir gelten). Wieder einmal habe ich die schützende Hand Gottes wenige Meter über mir gespürt, und folglich komme ich reichlich bewegt (und verheult) am Ortseingang an.

Der Supermarkt ist das Tüpfelchen auf dem i, und so bin ich voller Elan, als ich die letzte Etappe nach Finisterre angehe. Von hier könnte man den Bus nehmen, ich weiß, dass das einige meiner Mitpilger auch planen, aber das hier ist die Krönung eines Weges, den ich auf meinen Füßen geschafft habe – und natürlich erfolgt diese Krönung erst recht zu Fuß.

Leider ist das Wetter nicht ganz so auf meiner Seite, es nebelt und regnet ordentlich, so dass der Einlauf in Finisterre denkbar unromantisch und unbewegend ist. Ich checke in der Herberge ein, wo ich gleich mit meinem täglichen Stempel auch eine wunderschöne Fisterrana, die Urkunde für Fußpilger, bekomme. Im Vergleich zu der schlichten Compostela ein echtes Schmuckstück – und etwas besonderes.

Das Besondere droht fast schon wieder ein wenig auf der Strecke zu bleiben, nachdem ich mein Bett wechseln muss, nachdem eine nach mir kommende Pilgerin die Krise schiebt, dass sie zusammen mit ihrem Partner zwei nebeneinanderliegende Bett unten haben will. So ziehe ich ein Stockwerk tiefer in ein oberes Stockbett und wundere mich, warum mir auf dem ganzen Camino noch nie so ein komisches Verhalten aufgefallen ist. Ist doch der Pilger klassisch einfach wunschlos glücklich, überhaupt ein Bett zu haben.

Ich dusche und sehe beim Lüften aus der kleinen Luke zwei liebgewonnene Engländer, die ich in Sarria im Zimmer hatte und mit denen ich in Santiago eine unerwartete, aber unerwartet intensive und beeindruckende Unterhaltung hatte. Sie sind mit dem Bus gefahren, und zu gern würde ich sie noch einmal sprechen – aber 100m über die Dächer von Finisterre schreien will ich dann doch nicht – zumal unbekleidet.

In der Küche treffe ich wie vom Donner gerührt zwei Bekannte der aller ersten Stunde – die beiden schnellen Schwestern des Dreiergespanns. Und natürlich biegt auch Andi kurz nach mir wie üblich freudig strahlend in die Herberge ein. Und nachdem wir mittlerweile als siamesische Zwillinge durchgehen, setzt er mich auch gleich in Kenntnis, wie er sich unseren restlichen Tag vorgestellt hat. Ich bin unleidig und möchte mich noch nicht festlegen. Also setzt er sich einfach wartend aufs Sofa und belauert mich auch Schritt und Tritt.

Mir gelingt die Flucht, Punkt Ladenöffnung erstehe ich meine Paella-Zutaten und stehe bereits in der Küche, als Andi interessiert beschließt, auch Paella zu kochen und mir Gesellschaft zu leisten. Ich habe mittlerweile meinen Zeitplan fest vor Augen, ich will um alles in der Welt den Sonnenuntergang am Leuchtturm erleben. Das ist der Abschluss, auf den ich den ganzen Camino hinfiebere.

So esse ich sehr eilig und stehe schon abmarschbereit auf der Strasse, als Andi gerade vom Einkaufen zurückkommt. Ich bin fast erleichtert, habe aber meine Rechnung ohne Andi gemacht. Statt wie geplant Paella zu kochen, hat er sich für das zeitsparende Bocadillo entschieden und ist allen Ernstes auch abmarschbereit. Er grinst wie immer so überglücklich und nichts böses ahnend, dass es mir wirklich in der Seele wehtut, ihm dann klipp und klar zu sagen, dass ich jetzt wirklich alleine meine halbe Stunde zum Leuchtturm genießen will. Statt mich mal endlich als zickig abzutun, zuckt er nur schicksalsergeben die Schultern und meint „na gut, dann hole ich mir noch was zu trinken und komme in 5 Minuten nach“.

Statt emotionsüberflutet die letzten Meter zum Punkt 0 zu genießen, habe ich die ganze Strecke natürlich nur ein schlechtes Gewissen, fühle mich ordentlich mies und freue mich ganz unheimlich, als Andi dann auch ankommt, und gemeinsam schauen wir den Leuchtturm an, machen Siegerfotos am Kilometerstein und suchen die Superposition für das Abendrot.

Leider sind wir viel zu früh, und leider ist es extrem kalt. Andi bewahrt stoische Ruhe und harrt selbstlos mit mir, bis ich meinen albernen Traum erfüllt kriege. Zwar bin ich am Ende der Welt, als die Sonne untergeht, aber leider geht sie so schnell und unspektakulär unter, dass ich davon nicht mal wirklich ein Foto machen will. Ich bin frustriert, völlig verfroren, und der arme Andi bekommt auch den ganzen Heimweg noch meine selbstmitleidigen Gedanken ab. Punkt Küchenschluss spuckt uns die Mikrowelle noch 2 Tassen heißes Wasser aus, und so beenden wir den turbulenten Tag einträchtig kamillenteetrinkend.

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Der Tag, der heute vor mir liegt, erfüllt mich von Anfang an mit einer Mischung aus Nervenkitzel, Herausforderung und Vorfreude. Während ich mich auf dem Camino immer vernünftig geschont habe, mich bei 25 km zur Vernunft gerufen habe und mir jeden Moment bewusst war, sorgsam mit meinen Kräften und meinem Körper umgehen zu müssen, winkt auf die letzten Tage das „alles oder nichts“. Ich habe mein grosses Ziel Santiago erreicht, jetzt ist es egal, ob ich mit Fussschaden ausfalle oder eine Sehnenreizung hole. Jetzt darf ich endlich meine Grenzen austesten, bzw. eigentlich muss ich es sogar. Heute müssen 32 km gelaufen werden, es gibt keine Herberge zwischendrin. Ich freue mich darauf, aber gestern zeigten sich manche Pilger schon überfordert angesichts dieses Drucks. Einige sind mit dem Bus sofort nach Santiago zurückgefahren, andere haben den Bus nach Finisterre genommen. Wieder andere machen eine Minietappe von 10 km, wo es anscheinend ein provisorisches Quartier geben soll.

Während die meisten noch frühstücken, packen und interessiert in die Finsternis schauen, entziehe ich mich diesem kollektiven Zeitschinden und laufe schon mal los. Ich habe ja eine Stirnlampe und mittlerweile wenig Angst.

Folglich bin ich auch den restlichen Tag immer so gut wie allein auf dem Weg. Nur eine Engländerin, diejenige, die gestern als erste in der Herberge war, läuft mir immer wieder über den Weg, je nachdem, wer von uns gerade Pause macht. Sie beeindruckt durch ihr Tempo. Ich „schreite“ ja schon wieder wie ein Pilger mit unendlichen Lasten auf den Schultern (vor allem angesichts dieser Strecke heute, bei der ich mir lieber wieder die Kräfte einteile), während sie zu hüpfen und zu springen scheint, als würde sie gerade mit kleinem Proviantrucksack zum Sonntagsausflug aufbrechen.

Ich lasse mir Zeit, und der Weg ist auch wirklich wunderschön. Ich überwinde meine jahrelange Abneigung gegen meine Stimme und singe stundenlang (und völlig unharmonisch) alles, was mir so in den Sinn kommt. Ein befreiendes Gefühl, und wie so oft auf dem Camino das gute Gefühl, ein weiteres, lähmendes Hemmnis überwunden zu haben.

Die 8 Stunden Wanderzeit sind schon etwas anderes; anstatt durchzulaufen zur Herberge wie sonst mache ich nun doch bereits auf dem Weg immer wieder längere Pausen, um zu essen oder mich zu sammeln.

Vor der Herberge sammeln sich schnell einige Pilger. Die frische Engländerin ist natürlich schon da, auch der Österreicher mit zwei blonden Grazien hat es geschafft, allerdings hat er gegen Ende für sie die Rucksäcke getragen, und sie freuen sich auf Abkürzung mit dem Bus morgen. Andi kommt wieder kurz nach mir; ähnlich wie ich kommt er zwar an seine Grenzen, geniesst es aber absolut und würde nie an kleinere Etappen oder gar Bus denken.

Olveiroa an sich ist auch wieder eine Herausforderung; es gibt keine Einkaufsmöglichkeit, sodass ich mit den kargen Vorräten aus meinem Rucksack zu kochen gedenke. Und der nächste Morgen wird interessant, weil erst nach der halben Strecke dann wieder eine Stadt kommt, in der ich auftanken kann.

Irgendwie bin ich Andi gegenüber heute versöhnlich gestimmt und lade ihn freiwillig zum kräftetankenden Essen ein – auch wenn es nur trockene Nudeln, Zwiebel und Reste von Salami gibt. Er freut sich, zeigt sich auch über das Essen glücklich – auch wenn es eigentlich eine Zumutung ist.

Derweil lockt die nächste Überwindung von hemmenden Sorgen und Ängsten. Zwei Tage ohne Einkaufsmöglichkeit bringen zumindest meine Wasserplanung an ihre Grenze. Bisher habe ich mich tapfer gegen Brunnen- oder Leitungswasser gewehrt und immer zwei grosse Wasserflaschen mitgeschleppt. Nachdem die nun zu Ende sind, ich zugegebenermassen etwas trinken sollte und mir alle glaubhaft versichern, dass das Wasser prima wäre, wage ich die Hasenfussvariante und koche etwas Leitungswasser ab. Dummerweise sucht dann gerade beim Abkühlen ein kopulierendes Fliegenpärchen den Freitod in meinem Wasser, und der Österreicher betrifft die Küche und schwört Stein und Bein, dass er seit gewissen Erlebnissen nie, nie wieder Hahnenwasser trinken wird. Letztlich bleibe ich dann lieber durstig.

Mein Spanier vom Vortag kommt leider nicht mehr; wie mir andere mitteilen, ist er in der Herberge nach 10 km geblieben. Schade, denn ich hätte gern herausgefunden, warum er sich das Leben so schwer macht.

Dafür treffe ich einen unglaublichen Amerikaner. Er hat eine faszinierende Lebensphilosphie. Er arbeitet immer das, worauf er gerade Lust hat. Ein halbes Jahr auf einem Bauernhof, ein halbes Jahr in der Chirurgie, ein Jahr auf einem Weingut… bis es ihn nicht mehr reizt und er wo anders hin will, oder bis er genug Geld hat, um manche Urlaubstraumziele zu bereisen. Nun gibt es viele Leute, die sich nie binden können und nie „in das System“ passen und zwischen Nichtstun und Träumereien hin- und herpendeln, aber dieser Pilger wirkt unheimlich vernünftig und kontrolliert. Er erzählt, dass er immer 2 Monatslöhne in der Hinterhand behält, um genug zu haben, um auf Stellensuche gehen zu können. Er rechnet immer durch, wie viel Geld er wo zum Leben bräuchte, und ob es eine Stelle gibt, die seinem momentanen Gusto entspricht und genügend abwirft. Natürlich ist das langfristig vielleicht immer noch nicht ideal, aber ich bin schwer beeindruckt davon, wie sehr man seinen Träumen und Wünschen folgen kann. Ich, die seit jeher den Weg der grössten Vernunft und Sicherheit wählt und ganz viele Träume mit sich rumschleppt nach dem Motto „das hätte ich gern gemacht, aber nachdem ich jetzt ja nun mal eine gute Stelle hier habe…“.

Der Tag fühlt sich unwirklich rastlos an. Beim Einschlafen bin ich in Gedanken schon beim nächsten Morgen und der ersten Stadt auf halber Strecke nach 4 Stunden. Der Gedanke an meinen leeren Rucksack ohne das gewohnte „emergency food“ lässt mich jetzt schon Hunger fühlen.

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Endlich geht es auch für mich wieder weiter, ich fühle mich, als ob Wochen vergangen wären, seit ich meinen Rucksack das letzte Mal auf dem Rücken hatte. Dabei war es nur ein Ruhetag.

Wieder kann ich früh aufstehen und laufe wie gewohnt bei Sonnenaufgang aus Santiago. Es ist ein komisches Gefühl. Einerseits dieser Abschluss, Santiago erreicht zu haben, viele Freunde hinter sich zu lassen; die Ungewissheit, wie sich die vielen Leute auf die wenigen Herbergen verteilen werden; die nervöse Vorfreude auf meine eigentlichen Ziele, das Ende der Welt, das Meer, die Ungewissheit, ob ich dort meinen richtigen emotionalen Abschluss finden werde.

Beim Blick zurück auf Santiago sehe ich schon zahlreiche Pilger hinter mir kommen, sofort erkenne ich auch Andi. Mich überkommt eine regelrechte Panik, ich möchte nun wirklich nicht 4 Tage von ihm belagert werden. Ich sehne mich nach Spiritualität und seltsamen Erfahrungen, während Andi alles im Keim erstickt, logisch erklärt bzw. sich eigentlich meistens überhaupt keine Gedanken macht. So kann man durch Bayern stapfen, aber nicht meinen heiligen Jakobsweg lang. Bzw. natürlich kann er das machen, aber bitte ohne mich.

Der Weg ist schön, wirkt verwunschener und abenteuerlicher. Die Massenpilger der letzten Tage fehlen natürlich, sodass sich ein etwas auserwählteres Gefühl einstellt. Und die Pilger, die ich hier treffe, haben wie ich nochmal richtig tief durchgeatmet vor diesen letzten 100 km, körperlich und geistig. Einer hat beschlossen, den Rest barfuss zu laufen.

Am frühen Nachmittag erreiche ich die Herberge und kann überhaupt nicht einschätzen, was mich erwartet. Auf alle Fälle rechne ich mit der Franzosengruppe. Aber zu meiner grenzenlosen Überraschung ist die Herberge komplett leer, und nur ein Bett ist schon mal belegt. Ich dusche und wasche, als Andi auftaucht. Sehr lange bleiben wir alleine in der Herberge, und erst gegen Abend füllt es sich so langsam. Die Franzosen und alle, die mir im Vorfeld erzählt haben, noch nach Finisterre zu wollen, sehe ich aber nie wieder.

Andi belauert mich auf Schritt und Tritt und möchte mich meinen Kochplänen anschliessen. So planen wir mein Standardgericht Nudeln mit Tomatensosse. Auf dem Rückweg vom Supermarkt treffen wir einen  Spanier, der sich recht resolut dazu einlädt. Lustigerweise ist es Bärbels Traummann aus Pedrouzo, und zu gutem Aussehen bietet er noch unglaubliche Sprachkenntnisse wie z.B. perfektes Deutsch. Auch Kochen scheint er super zu können, jedenfalls macht er aus allem eine Wissenschaft. Ich fröhlicher Chaoskocher darf meine Tomaten und Zwiebeln nicht so schneiden, wie ich möchte, und für jeden Handstreich muss ich mich quasi rechtfertigen, warum ich es so und nicht anders mache. Nichts, was ich auf dem Camino unbedingt herbeisehne.

Ein Bekannter von Andi aus Österreich trifft ein, ich kenne ihn flüchtig von unserem alkoholischen Restaurantabend in Santiago. Er kennt mich auch, und zwar aus Samos. Ich verstehe erst nicht, aber er stellt sich als derjenige Pilger heraus, um den ich stundenlang herumgewandert bin. Er erkundigt sich, ob ich mich belästigt gefühlt hätte. Ihm wäre es so unangenehm gewesen, dass es durch sein Fotografieren so ausgesehen hätte, als ob er auf mich Warten würde. Lustig.

Lustig ist sowieso das richtige Wort, er ist ein unglaubliches Energiebündel und sprüht vor Fröhlichkeit und Ausgelassenheit. Im ersten Moment hatte ich ehrlichgesagt sogar den Eindruck, dass er nicht ganz bei Verstand ist. Aber er ist wirklich einfach unheimlich am Strahlen, und oh Wunder, angeblich erst seit dem Camino.

Nicht so unser spanischer Freund. Bei allen Erzählungen oder Gesprächen trägt er eine Sorgenfalte zur Show und kompliziert auch alles, z.B. indem er schon zum Abspülen rennt, nachdem wir uns den letzten Bissen in den Mund geschoben haben (und noch gemütlich sitzen bleiben). Ich nehme mir vor, mich morgen mit ihm etwas näher zu unterhalten.

Als ich schlafen gehe, ist die Herberge tatsächlich nicht nur komplett belegt, sondern auch die Zelte im Garten sowie alle Isomatten sind bevölkert.

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