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Archive for März 2009

Mein heutiger Tag beginnt mit dem Camino duro, der alpineren Variante des Caminos. Kurz vor dem Ortsausgang geht es nach der Brücke recht steil den Berg nach oben, und komischerweise kennen die wenigsten diesen Weg und folgen automatisch der Variante entlang der Fahrstraße. Ich finde diese einsame, verwunschene Etappe wunderschön und habe sie gestern so ziemlich jedem Gesprächspartner ans Herz gelegt.

Am Ende der Bergetappe kommt hinter mir der schweigsame Ungar mit den Bundeswehrhosen den Weg entlang. Ich frage, ob meine Empfehlung sich gelohnt hat. Er macht nur den Daumen nach oben, aber hat das gleiche Strahlen wie ich. Zwei Pilger, die heimlich dem Himmel näher waren.

Zurück im Tal in Trabadelo ärgere ich mich über den unfreundlichen und teuren Lebensmittelladen und verlasse ihn auch ohne Einkauf wieder. Umso erleichterter bin ich dann, als ich kurz vor Mittag in Vega de Valcarce einen noch geöffneten Supermarkt finde, denn Vorräte habe ich im Moment keine mehr, und nachdem ich den Brunnen misstraue, sollte zumindest regelmäßig eine Wasserflasche nachgekauft werden.

In Ruitélan treffe ich in einer Bar an der Strasse sitzend Helmut wieder, der sich in der prallen Mittagssonne ein überdimensionales Bierchen schmecken lässt. In seiner Begleitung ist ein netter Österreicher, der aber etwas kleinlaut erzählt, dass er den Camino bei einer Organisation gebucht hat. Höflich, wie er ist, schimpft er zwar nicht offenkundig, aber er zeigt sich etwas traurig darüber, dass er fest gebuchte Privatunterkünfte in viel zu kurzen Etappen hat. Es ist gerade Mittag, er ist fit und elangeladen, aber seine Unterkunft ist nun einmal schon hier. Auch wirkt er etwas wehmütig angesichts des großen Hallos und Wiedererkennens der Pilger, die sich aus den gemeinsamen Herbergen kennen. Während ich weiterlaufe, bin ich heilfroh, mich für die „ungeplantere“ Variante entschieden zu haben. Für mich macht den Camino zu einem großen Teil auch das Gefühl von Freiheit aus, jeden Tag aufs Neue entscheiden zu können, ob ich eine kurze Tour laufen will, ob ich mich verrückt verausgaben will, ob mir eine Herberge einfach vom Gefühl zusagt, vor allem aber auch, ob befreundete Pilger dort absteigen oder eher jemand, den ich nicht unbedingt um mich haben muss.

Ein paar Dörfer weiter mache ich ausgiebig Mittagspause mit meinen neu erstandenen Vorräten, als auch Helmut schon wieder den Weg entlang kommt. Nachdem er bisher nur Bier intus hat und auch meint, tagsüber nichts essen zu müssen, überrede ich ihn zu etwas Nahrungsaufnahme mit mir. Er ist schon ein rechtes Original, immer mit viel zu lauter Stimme vor sich hindonnernd und teilweise etwas lustige Ansichten vertretend, aber ich denke, er hat sein Herz am rechten Fleck, und seine Religiosität gefällt mir.

Helmut ist schon wieder vorausgegangen, als ich mich ausgesprochen entspannt wieder auf den Weg mache. Ich liege prima in der Zeit, es ist nicht besonders heiß, und vor allem weiß ich, was heute auf mich zukommt. Kein Vergleich zu letztem Jahr, als ich diese Strecke ziemlich neben mir gelaufen bin. Und ich habe gelernt, dass man Berge nur langsam genug angehen muss, dann strengen sie auch nicht an.

Durch die kleinen Weiler und Kuhweiden geht es auf den grobsteinigen Pfad unter Bäumen. Kurz vor La Faba höre ich vor mir Helmut laut wettern; der Berg ist ihm viel zu steil und anstrengend und überhaupt. Er torkelt ziemlich, vermutlich macht sich das Bier bemerkbar. Trinken lehnt er ab, er will jetzt endlich ankommen. Ich überrede ihn dann doch noch, ein paar Minuten stehen zu bleiben und etwas Wasser zu trinken. Die letzten Meter gehen wir schön langsam, ich will hier keinen kollabierten älteren Herren versorgen müssen.

Es ist gegen 14 Uhr, als wir an der heimisch bekannten Herberge anklopfen. Ein schwäbischer Hospitalero öffnet uns vorzeitig mit der bekannten Herzlichkeit und „hospitalidad“ von La Faba, wir sollen doch erstmal ein Bett beziehen und uns frisch machen, nur keinen Stress mit Einchecken oder Bezahlen. Helmut dröhnt begeistert, dass ich eh nicht zahlen muss, weil ich ja aus Schwaben komme. Die Herberge ist mitfinanziert von einem schwäbischen Dichter, der zur Auflage gemacht hat, dass Pilger aus seiner Heimat gegen Vortragen eines schwäbischen Gedichtes gratis logieren dürfen. Mir ist das eher peinlich, ich würde lieber unauffällig zahlen, aber nicht nur Helmut ist begeistert, auch der Hospitalero. Er holt nur noch schnell seine Frau, denn wie er erklärt, ist er schwerhörig, und das wäre ja schade um das schöne Gedicht. Die Gattin springt auch gleich wieder weg, um noch den Fotoapparat zu holen. Mir wird Angst und Bange, aber das Paar ist einfach noch recht neu in der Herberge, hat von diesem Brauch gelesen, ist aber noch nie damit in Berührung gekommen, und möchte mich jetzt für das persönliche Erinnerungsalbum an die Zeit als Hospitaleros. Ich trage Eduard Mörikes „Im Nebel ruhet noch die Welt“ vor, das zum Glück keiner kennt und auf Richtigkeit überprüfen kann. Die Hospitaleros sind begeistert und bewirten uns gleich noch mit selbstgebackenem Kuchen.

Ein weiterer Pilger trifft ein, was mir die Laune ziemlich verhagelt. Es ist der stressige Belgier Jelle, der mir gestern seinen tollen Etappenplan erklärt hat (so und nicht anders, auch wenn ich nur 17 km pro Tag etwas wenig fand. Lauf Du nur Deine 17 km, dann kreuzen sich unsere Wege schon nicht mehr). Nun hat er sich doch gegen den Führer entschieden, und seine erste Frage ist zielsicher „why are you mad at me?“. Arg, das wird ja noch kompliziert.

Dafür kommen gegen Abend auch die beiden Dänen aus Astorga sowie mein Engel Angelo. Ansonsten ist die Herberge recht spärlich besucht, die meisten gehen doch eher gleich bis O Cebreiro. Angelo kommt die Idee, ja heute hier die Spaghetti Carbonara kochen zu können, und am besten gleich für alle. Ich frage herum, wer alles mitessen will und male das Ganze noch blumig aus, indem ich dem guten Angelo kurzerhand einen versteckten Spitzenkoch andichte. Im wirklichen Leben ist er Consultant, und als er meine feurigen Essenseinladungen mitbekommt, lacht er und meint, er würde mich zu seinem Advertising Manager machen. Bevor wir einkaufen gehen können, müssen wir aber noch auf Aurélie warten, die heute auch La Faba auf dem Plan haben sollte. Eigentlich ist Aurélie supersympathisch, natürlich und herzlich. So ganz öffnen kann ich mich aber noch nicht für sie, denn ich spüre recht eindeutig, dass Angelo und sie zusammen gehören. Und die Rolle der Nummer 2 braucht bei mir immer ein paar Tage Adaptionszeit.

Angelo strahlt aber so glückselig, als sie endlich mit ihrer Mutter eintrifft, dass die Nummer 2 kaum mehr weh tut. Und Aurélie punktet ein weiteres Mal bei mir, indem sie keine Sekunde Pause nach dem langen Tag haben will, sondern sofort zur Shoppingtour bereit ist.

Der kleine Laden öffnet auf Klingeln, und Maitre de Cuisine des Abends Angelo ist mit einem mal völlig ausgewechselt. Vorbei ruhiges, seliges Lächeln, hier plant ein akribischer, perfektionistischer Italiener ein Abendessen. Alles wird mit einem kritischen „hm…. noooooo…. naaaah… hm“ und sehr gerunzelter Stirn kommentiert (dabei gibt es herzlich wenig Auswahl), bis wir endlich Eier, Schinken, Spaghetti und Wein haben.

Zurück in der Herberge passt mich Jelle unnachgiebig ab, ob er etwas falsch gemacht hätte. Er schaut so betroffen, dass ich wirklich ein schlechtes Gewissen bekomme, immer nur „nein, nein“ zu lügen, und so erkläre ich ihm kurz und knapp, wo mein Problem liegt. Dass er durch und durch nichts falsch gemacht hat und ja jeder ein Recht drauf hat, seinen Camino so zu gestalten und zu genießen, wie es ihm gefällt. Dass aber für mich der Camino und das Pilgersein etwas sehr heiliges ist, dass mir hier die Ruhe und die Werte des Pilgerns viel bedeuten, ich hier nicht mit jemandem hitzig über mein Leben diskutieren will oder darüber, ob man auch im Urlaub Stress haben muss. Ich schließe, dass es bei uns einfach nicht so recht passt, wir uns ja aber problemlos ein bisschen aus dem Weg gehen können. Er nickt eher bedröppelt und sagt nichts.

Anschließend steht Pilgermesse auf dem Programm, leider ohne Geistlichen. Das Herbergspaar nimmt mit uns in den Bänken Platz und leitet von dort recht schlicht und unauffällig den Gottesdienst. Wieder gibt es einige Texte in verschiedenen Sprachen, manches lesen oder singen wir gemeinsam, manches wieder einzelne Pilger. Zum ersten Mal bekomme ich keine panische Angst und versinke intensiv meine Füße studierend in meiner Bank. Prompt bekomme ich einen Text zum Verlesen, aber ich fühle mich hier in dieser Kirche schon so heimisch, umgeben von lauter vertrauten Freunden, sodass mir das Vorlesen ganz ruhig und locker gelingt – und es fühlt sich sogar schön an. Bei „gebt euch ein Zeichen des Friedens“ studiert Jelle neben mir fast schon bedröppelt seine Fußspitzen und wirkt ganz überrascht, dass ich ihm noch die Hand gebe. Zwar bin ich im Moment noch im Gottesdienst verhaftet, aber ich spüre, dass ich das so nicht lassen kann.

Danach steht endlich der Kochevent an. Angelo fragt den Hospitalero leidgeprüft, ob er denn nicht vielleicht wenigstens Kristallsalz hätte, nachdem er mit normalem Salz keine guten Spaghetti kochen kann. (Mir ist das schon fast peinlich, aber zu meinem Erstaunen hat er wirklich).

Ich ziehe mich schnell zu Spülzwecken und einfachen Arbeiten zurück, denn „hm… ah… naaaaaah… hm“, keine Schüssel ist richtig, keine Gabel perfekt geformt, kein Eigelb im richtigen Farbton. Dafür ist die Stimmung in dem kleinen Aufenthaltsraum mit Küche unbeschreiblich. Wir sind etwa 15 Leute, und alle helfen zusammen beim Vorbereiten und tragen ihren Teil dazu bei. Die Dänen zerkleinern großzügig ihre ganze verbliebene Astorga-Schokolade, während in der anderen Ecke Orangen zum Dessert filetiert werden. Und jeder wendet sich an mich, als wäre ich der Chef oder hätte sonst irgendeine Ahnung.

Angelo ist hochkonzentriert und ungewöhnlich unter Druck, bis wir alle um die zusammengeschobenen Tische sitzen und jeder seinen Teller Spaghetti Carbonara vor sich hat. Es schmeckt lecker, aber am beeindruckendsten dabei ist die Atmosphäre. Lückenlos alle Pilger sitzen zusammen wie eine Familie, die sich seit jeher kennt. Diese Gemeinschaft hier und heute hat eine ganz spezielle Magie.

Danach machen sich alle gemeinsam an den Abwasch, ein ziemliches Gedränge. Angelo strahlt stolz und überglücklich, wir klatschen sicher alle Viertelstunde aufs Neue auf unsere gelungene Working Cooperation ab. Alle bedanken sich für die Einladung und den beeindruckenden Abend. Beeindruckend ist für mich vor allem, dass da etwas beeindruckt hat, wofür weder Angelo noch ich verantwortlich waren.

Heute abend darf ich in vollen Zügen das Zweierteam mit Angelo genießen und spüre auch keine Wehmut mehr beim Gedanken, dass Angelo in den nächsten Tagen in einem neuen Zweierteam aufgehen wird.

Angelo überreicht mir seine Emailadresse, was mir eine große Ehre ist. Auch Per, mein Lieblingsdäne, gibt mir seine Email und erzählt, dass er an einem Blog schreibt. Ich witzele, dass er ja wohl hoffentlich nicht auch über mich schreibt. Und will wissen, wie er mich denn in seinem Werk beschreiben und charakterisieren würde. Er lächelt auf seine berühmte, stille, allwissende Art und meint, ich wäre strong, interesting und sweet.

Mit noch ziemlich viel Adrenalin vom Kochen und ziemlich viel Glücklichkeit liege ich im gleichen Bundeswehrbettchen wie im Vorjahr und denke über diese drei wunderschönen Adjektive nach – keines davon hätte ich auch nur im Traum erwartet.

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Die Kilometer hinter Ponferrada gehören nicht gerade zu meinen Lieblingsstrecken. Bis Cacabelos führt der Weg auf asphaltierten Straßen entlang, durch lauter kleine, langezogene Städtchen. Nach den Bergen und der Einsamkeit der letzten Tage ist mir das etwas monoton und unspektakulär.

In Cacabelos möchte ich heute eigentlich noch nicht stoppen, und so kommt es mir entgegen, dass die Herberge dort ohnehin diesen Monat geschlossen hat. So geht es gleich weiter in die versöhnlicheren Weinberge.

In Villafranca del Bierzo bin ich hin- und hergerissen zwischen den beiden Herbergen. Wie meistens bin ich ziemlich früh dran, andere Pilger sind noch nicht da, sodass mir auch das keine Entscheidungshilfe ist. Ich entscheide mich für die Private, die laut Führer (und laut Angelo) einen sehr guten Ruf und viel „spirit“ haben soll.

In den Waschräumen wird mir allerdings nicht allzu warm ums Herz. Alles wirkt etwas heruntergekommen, und die Falttüren, die die Toiletten abgrenzen, sind fast ausschließlich wenig blickdicht beschädigt.

Im großen bewirteten Hauptraum treffe ich eine Gruppe spanischer Radpilger wieder, denen ich heute den ganzen Tag über immer wieder begegnet bin. Sie können es gar nicht fassen, wie ich so fliegen kann. Vermutlich liegt es weniger an meinem Fliegen, sondern an deren Affinität zum geselligen Leben in allen Bars entlang des Weges.

Ohne Ablenkung durch Bars ist natürlich auch wieder die lockenköpfige Französin eingetroffen. Mich nervt wie üblich ihre Thematisierung, wer es nun wieder wie schnell geschafft hat, aber ein Stück weit gehört sie langsam schon zum Caminoinventar. Seit León treffe ich sie sehr zielsicher in jeder Herberge an.

Ich setze mich mit meinem Tagebuch und Reiseführer auf eine Bank im Innenhof, als sich die Herberge langsam zu füllen beginnt. Ein Pilger mit spiegelnder Glatze fällt mir auf, und nachdem er sein Bett bezogen hat und etwas ziellos wieder in den Hof kommt, verwickle ich ihn in ein Gespräch. Er setzt sich nur allzu gerne dazu und überwältigt mich mit einer wahren Redeflut. Wahrscheinlich ähnlich wie ich die beiden Dänen in Astorga.

Er ist Belgier, heißt Jelle und ist heute seinen ersten Tag gelaufen. Das scheint ziemlich aufregend für ihn zu sein. Generell steht er ziemlich unter Strom, er erzählt von seiner Arbeit zu Hause, die ihn extrem stresst und fordert… und allein schon das Erzählen lässt eine gestresste Stimmung inmitten des sonnigen Innenhofes aufkommen. Das fällt auch ihm auf, so lacht er immer wieder kurz fast schon hysterisch, wechselt das Thema zu erholsamem Pilgerurlaub, um drei Sätze später schon wieder beim unausweichlichen Alltagsstress angekommen zu sein. Mir tut das fast ein bisschen leid, und ich versuche eine gewisse Ruhe zu vermitteln. Aber nein, er weiß recht resolut, wie das Leben läuft, man muss sich einfach total stressen, denn man ist entweder „in or out of the system“. Angesichts der vielen absolut relaxten und in sich ruhenden Pilger hier stimme ich dem nicht so ganz zu, vor allem weckt es meinen Widerspruch, als er selbstzufrieden meint, dass er ja zum Glück jetzt 10 Tage Urlaub hätte, um sich so richtig powerentspannen zu können. Denn dazu wäre der Camino ja wohl da, es sich mal so richtig gutgehen zu lassen. Irgendwas stört mich daran kolossal. Hier in der Herberge hängt so treffend ein Schild mit „a tourist demands, a pilgrim thanks“, und das vor mir ist sehr eindeutig ein Tourist.

Wie ein Maschinengewehr rattert Jelle über sein Leben, vor allem über die vielen Zwänge, denen man ausgeliefert ist und dass man es ja nicht in der Hand hat, etwas ruhiger zu leben. Auch mich bombadiert er mit Fragen zu meiner Arbeit und meinem Leben allgemein, und erst während des Gespräches fällt mir auf, wie wenig und ungern ich darüber eigentlich auf dem Camino rede. Jede Antwort kommentiert und bewertet er rigoros, er weiß ja eh alles besser. Mir geht das Gespräch zunehmend gegen den Strich, und so widme ich mich wieder meinem Führer. Aber Jelle ist nicht zu stoppen; selbst, als ich in meinem Tagebuch zu schreiben beginne, hört sein Verhör nicht auf. Irgendwann stehe ich genervt auch. Er meint, ich würde nicht sehr glücklich mit meinem Leben wirken. Grundsätzlich mag er recht haben, aber ich finde es in dem Moment eine Frechheit. Was geht es ihn an, und wie soll man nach seiner mehrstündigen Abrechnung auch überhaupt noch ausgeglichen und glücklich sein.

Ich bin eine Mischung aus abgrundtief wütend, verunsichert und deprimiert. Ich verkrieche mich erstmal auf meine Matratze und blase Trübsal.

Am späteren Nachmittag mache ich einen kurzen Abstecher in die Innenstadt zum Einkaufen. Ich treffe die beiden Zimmergenossen aus Hospital de Orbigo wieder, sowie eine bekannte Bundeswehrhose. Ich zerbreche mir den ganzen Einkauf über den Kopf, wo ich diesen Pilger schon einmal gesehen habe. Zeitgleich fällt es uns ein – von meinem ersten Tag in Burgos. Er ist Ungar, spricht wohl eigentlich deutsch, wählt aber lieber Zeichensprache und auch wieder schnelles Verschwinden.

In der Herberge dann ein weiteres Wiedersehen, diesmal mit den beiden lauten Deutschen aus Astorga. Während der sportlichere von ihnen, der sich als Bademeister herausstellt, zufrieden mit sich und der Welt zu sein scheint, ist sein dickerer Kollege absolut schweißüberströmt, krebsrot und dem Delirium nahe. Krachend lässt er sich auf eine Bank fallen, packt seine komplett lädierten Füße aus und wirkt generell eher unausgeglichen. Meine vorsichtige Frage, ob bei der Hitze kürzere Etappen für ihn nicht sinnvoller wären, beantwortet der unverwüstliche Bademeister für ihn mit „nein, nein, das packen wir schon“. Ich habe kein gutes Gefühl dabei (auch die anderen Pilger schauen etwas betreten), aber es sind ja erwachsene Menschen.

Gegen Abend schwebt auch in einer Wolke aus Ruhe, Meditation und Gelassenheit Angelo ein. Nach der eher traumatisierenden Begegnung mit dem Belgier und seiner gestressten Aura sehne ich mich nach etwas Angelo, allerdings gibt es ihn nur im Dreierpack mit zwei Französinnen, Mutter und Tochter. Sie haben in Foncebadón zusammen übernachtet und scheinen seither unzertrennlich zu sein. Aurélie ist Sportlehrerin und zeigt mir ein paar Dehnungsübungen. Sie ist mit ihrer Mutter in Frankreich gestartet, vor vielen Jahren. Jedes Jahr laufen sie ein weiteres Stückchen des Weges, je nachdem, wie sie Zeit haben. Sie ist sehr nett und natürlich, trotzdem bedauere ich es, nicht mit Angelo unter vier Augen reden zu können.

Zum Abendessen haben sich fast alle Pilger für das hauseigene Pilgermenü gemeldet, welches wir an zwei riesigen Tischen einnehmen. Neben mich hat sich zu meinem Schrecken Jelle platziert, aber ich ignoriere ihn absolut gekonnt und unterhalte mich lieber mit den beiden älteren Franzosen gegenüber. Es sind Brüder, einer von beiden ist frisch pensioniert, und an Sprachkenntnis, Wortwahl und Benehmen lässt sich unschwer ableiten, dass sie hier ziemlich undercover herumpilgern. Mir imponiert, dass sie alles zu Fuß laufen, alles selber tragen und sich in den Herbergen unter die Pilger mischen, auch wenn der Urlaub sonst wohl eher in 5-Sterne-Hotels stattfindet. Auch wenn sie sich sehr bedeckt halten, kann ich dem Pensionierten doch entlocken, dass er den Camino macht, um sich inspirieren zu lassen, wie er seinen nächsten Lebensabschnitt mit möglichst viel Sinn füllt. Vermutlich möchte er seine Fähigkeiten nun zum Wohle der Menschheit einbringen, und etwas daran beeindruckt mich sehr. Vielleicht am meisten, dass man seine beeindruckende Persönlichkeit und seine hohen Ziele ganz massiv spürt, ohne dass er sie betont oder überhaupt ausspricht.

Nach dem Essen fragt mich Jelle, ob ich wütend auf ihn wäre. Es ist sonst absolut nicht meine Art, aber in diesem Moment lüge ich einfach, lächele pseudoherzlich und beteuere „nein, wie kommst Du denn darauf“. Hauptsache, keine weitere Diskussion.

An der Wand in der Herberge entdecke ich ein sehr beeindruckendes Plakat. Für mich hat es sehr viel versteckte Wahrheit. Die meisten Pilger beginnen ihren Camino auf irgendeine Weise zweifelnd und gebückt, und wer auch nur eine Stunde den Platz vor der Kathedrale in Santiago beobachtet und die Ankunft der Pilger, der weiß zumindest, auf welcher Stufe sie ihren Camino beenden.

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Eine Strophe aus dem Kinderlied „Zwischen Berg und tiefem Tag saßen einst zwei Hasen“ beschreibt den Morgen in Perfektion:

„Als sie sich nun aufgerappelt hatt’n und sich besannen, ob sie noch am Leben, Leben war’n hüpften sie von dannen.“

Ich kann es kaum glauben, als ich morgens aufwache. Ich bin weder erfroren, noch rennen Ratten über das Bett. Draußen wird es schon hell, und weder hat nachts ein wilder Mann meine Tür eintreten wollen noch habe ich vor Ängsten und Alpträumen die halbe Nacht wachgelegen. Ich bin ehrlich verwundert.

Umso neu belebter packe ich recht schnell meine Sachen zusammen und schiele aus dem Spalt über der Tür. Draußen zeigen sich unglaublicherweise die ersten Sonnenstrahlen. Eigentlich hätte ich die schwarz-weiß-Umgebung von gestern erwartet, grau in grau mit Schneematsch. Statt dessen klar und sonnig. Und so einladend, dass ich mich auch schon traue, loszulaufen. Tomás streunt auch bereits um seine Hütte herum. Vielleicht ist er heute besser gelaunt oder es macht einfach die Sonne, auf jeden Fall wirkt er richtig freundlich, als er nach meiner Nacht fragt und ob ich Frühstück will. Ich bin höflich, alles prima, aber will dann doch schnell von hier weg.

Ein paar hundert Meter entfernt bleibe ich dann etwas außer Atem stehen, packe erstmal etwas zum Frühstücken aus und genieße den wunderschönen Ausblick. Der Nebel lichtet sich gerade über dem winzigen Dorf Manjarín, Sonnenstrahlen brechen überall durch, und die ersten Pilger aus Foncebadón überholen mich schon. Sie sind unbeschwert und glücklich, und es fühlt sich ganz komisch an, dass ich hier als einzige das Gefühl habe, als wäre die Welt gestern untergegangen – und heute neu erschaffen worden. Und ich bin mit dabei.

Der Weg hier ist für mich die Königsetappe des Jakobswegs. Hier trifft man zum ersten Mal auf die Berge, läuft in luftiger Höhe inmitten von Berggipfeln, die Vegetation ist eine ganz andere, und ich habe immer wieder das Gefühl einer Reise durch Zeit und Raum. Kaum hat man den höchsten Punkt erreicht, beginnt ein recht anstrengender und steiler Abstieg über Gestein und Geröll, der Staub und die ungeschützte Hitze erinnern mich an Wüste. Das erste Dort, welches nach einer gefühlten Unendlichkeit sichtbar wird, El Acebo, erinnert an ein Schweizer Bergdorf und ist ziemlich pittoresk.

Dann geht es in die Hitze Korsikas oder Korfus durch verschlungene Pfade voller Kastanienbäume und hoher Ginstersträucher, bevor mit dem kleinen Touristenstädtchen Molinaseca wieder spanische Caminorealität einkehrt.

Ich bekomme ein noch ofenwarmes Minibaguette und passiere wie auch im Vorjahr wieder eine Bushaltestelle, an der eine Gruppe Pilgertouristen wartet. Ein merkwürdiger Anblick. Aber im Gegensatz zu letztem Jahr, als ich das eher verachtet habe, bin ich diesmal milder gestimmt und einfach dankbar, dass ich die Möglichkeit, Zeit und Kraft habe, den Camino in seiner vollen Dimension zu genießen.

Vor der alten Herberge in Molinaseca mache ich meine Mittagspause. Eigentlich wollte ich hier dem Hospitalero einen Besuch abstatten, aber die Herberge ist noch geschlossen. Kein Wunder, es ist ja auch erst Mittag, und bei den ohnehin wenigen Pilger, die sich um diese Zeit im April auf dem Weg befinden, rückt Alfredo sicher erst gegen Abend an. Er betreut noch eine modernere Herberge auf der anderen Straßenseite und pflegt mit seinem Auto hin- und herzugondeln, um beides im Auge zu haben. In sofern halte ich nach seinem Auto Ausschau, vielleicht kommt er ja doch noch vorbei. Tut er nicht, dafür kommt die mütterliche Spanierin vorbei und leistet mir Pausengesellschaft. Es tut gut, ihr von meiner Nacht in Manjarín zu erzählen, das Ganze verliert seinen Schrecken und klingt eher abenteuerlich und spektakulär. Beim Thema Hygiene kreischt sie begeistert in den höchsten Tönen – ich bin direkt erleichtert, dass zu ihrem Weltbild vom deutschen Pilger außer eiskalt duschen nicht auch noch gehört, dass Deutsche gern im Dreck wohnen und gern erfrieren.

Schweren Herzens verlasse ich Molinaseca, ohne Alfredo getroffen zu haben. Die Spanierin hat es ein bisschen eilig. Sie hat einen Anruf bekommen, dass sie früher als geplant wieder arbeiten kommen muss, und nun möchte sie noch so viel wie möglich vom Weg mitkriegen. Statt wie ich nach Ponferrada will sie noch 2 Stunden weiter.

Ponferrada erreiche ich gegen 15:30 – und bin schon wieder etwas erschlagen von so viel Stadt. Schon aus der Ferne sieht man rauchende Industrieschlote, etwas, was mir so auf dem ganzen Camino nicht so aufgefallen ist. Allerdings sieht man die Orte natürlich selten so schön aus der Vogelperspektive wie heute. Die Herberge soll laut Führer ein kleiner Overkill sein, 300 Betten, auch das Größte, was ich je erlebt habe.

Vor Ort bin ich aber positiv überrascht. Zentral, aber doch ein ganz kleines bisschen abgelegen ist ein großes, abgetrenntes Areal, auf der einen Seite die Herberge, auf der anderen eine kleine Hauskapelle. Bevor die Herberge um 16.00 öffnet, ist man eingeladen, auf den Bänkchen in der kleinen Gartenanlage zu warten. Dort wartet bisher erst die lockenköpfige Französin, wieder einmal freudestrahlend, die Erste zu sein. Ihre Kommunikation geht auch immer nur dahingehend, sich selbstzufrieden auf die Schulter zu klopfen oder, wie es eine Freundin sagen würde, sich selbstzubeweihräuchern.

Pünktlich wird geöffnet, mittlerweile sind es doch etwa 30 Leute, die in der akribischen Schlange an der Rezeption warten. Alles ist sehr neu, sehr weiß, sehr sauber und eben etwas akribisch und perfekt. Allein schon die 4 Betreuer, die sich um die Organisation kümmern. Sobald ein gleichgeschlechtliches Grüppchen à 6 komplett ist (und nur dann), wird in das Schlafgemach geführt. Mein Grüppchen ist tendenziell eher älter, sodass mich die Betreuerin mit missbilligendem Blick darauf aufmerksam macht, dass die Jüngeren die oberen Betten belegen. Der Raum ist recht beengt und intuitiv könnte ich es mir nett vorstellen, alle nur halb zu belegen, aber ich fühle mich so wohl, dass ich gar nicht genervt sein kann. Nach der gestrigen Nacht ist diese Herberge wie für mich gemacht, die Sauberkeit und Organisation und Sicherheit macht mich ganz high.

Ich kann wieder heiß duschen, es fühlt sich befreiend an. Dann mache ich mich auf die Suche nach einem Supermarkt und treffe wieder auf einen absoluten Hypermarkt. Ein ganzes Regal fantastischer Nussmischungen, ein ganzes Regal exotischer Fruchtsäfte inklusive meinem heißgeliebten Mandarinensaft, Empanadas, die gefüllten Teigtaschen, Blätterteiggebäck für das Frühstück… für den Nachmittag plane ich ein Riesenomelette, diese Idee spukt mir schon seit meinem ersten Caminotag im Kopf herum. Angeblich holt sich der Körper, was er braucht. Vielleicht verlangen meine Muskeln ja nach Eiweiß und steuern mich deshalb zum Eierregal.

Und ich erfülle mir nach dem warmen Ohrenwärmer in Astorga einen weiteren Luxuswunsch, ich kaufe eine Gesichtscreme. Im Vorfeld habe ich das alles rigoros aus dem Gepäck verbannt nach dem Motto „Schnörkel“, aber nachdem sich mein Gesicht langsam ziemlich schält, kreisen meine Gedanken auch darum. Obwohl ich beruflich eigentlich Kosmetikexpertin bin, stehe ich sehr verloren vor dem Regal. Die spanischen Fachbegriffe verstehe ich nicht, die Marken sagen mir nichts, und nachdem es ja doch so leicht wie möglich sein soll, fällt ein Glastiegel auch flach. Ich hole mir schlussendlich eine perfekt gestylte Verkäuferin zu Hilfe, die mich recht süss und ein wenig hilflos berät. Auf Pilgerbedürfnisse ist sie wohl nicht so recht eingestellt.

Kaum habe ich den Laden verlassen, haue ich mir meine Feuchtigkeitscreme mit Aloe vera in dicker Schicht ins Gesicht. Um ehrlich zu sein habe ich mich vom sehr pflegeproduktbewussten José leiten lassen, der mir immer einen Vortrag gehalten hat, wie wichtig Gesichts-, Hand- und Fußpflege ist – und eben mit Aloe vera. Das Cremchen fühlt sich toll an, sodass ich es zurück in der Herberge auch gleich noch um meine Knöchel herum schiere. Da sieht die Haut nämlich langsam von den scheuernden Stiefelschäften auch schon etwas merkwürdig aus.

Ich mache mich in der riesigen Küche breit, leider gibt es weit und breit kein Öl. Ich frage die Betreuerin, die aber auch nur mitleidig lächelt (vielleicht habe ich statt Öl ja auch wieder Essig oder etwas ganz anderes gesagt). Ein kleines Männchen im Blaumann, der den Damen gerade Wechselgeld bringt, wedelt allerdings vielsagend mit den schmutzigen Händen und schleppt mir eine Flasche Öl an – ich bin selig. Ich koche mit zwei Spaniern, die sich ein atemberaubendes (und sehr gesundes) Menü schnitzeln, und habe direkt ein schlechtes Gewissen, als sie meine schön aussehende Tortilla loben. Tortilla ist gut, ich habe 4 Eier verquirlt.

Beim Wäschewaschen hinter dem kleinen Kirchlein treffe ich Helmut wieder, der mir dröhnend seine letzten Tage zusammenfasst. Eine Amerikanerin wäscht auch mit, und nachdem sie fusslahm ist, hat sie heute eine Minietappe von Molinaseca hingelegt. Ich erkundige mich begeistert, ob sie in der alten Herberge war und Alfredo getroffen hat. Hat sie der Beschreibung nach. Schön.

In meinem Zimmer lagert eine silberhaarige ältere Dame dahingestreckt auf ihrem Bett und moniert den Ausblick. Ich bin heute in Superstimmung und denke also nur „wozu aufregen, ich muss ja nicht mit ihr reden“. Statt dessen erkunde ich die große Herberge und den Lesesaal, einen riesigen Raum mit verstreuten Sesseln und Sofas und einem Bücherregal voller zumeist gläubig angehauchter Bücher in allen möglichen Sprachen. In den Sesseln sitzen frischgeduschte grauhaarige Männer und lesen in Bibeln – ein unbeschreiblicher Frieden, und welch ein Balsam für meiner Seele.

Weiter hat es zwei Computer mit Internet, und nachdem ich meiner Mutter schon lange kein Lebenszeichen mehr geschickt habe, eigentlich seit vor León nicht mehr, logge ich mich ein. In meinem Postfach ist eine Mail von José, was mich total überrascht. Dass er sich melden würde, hätte ich eh nicht unbedingt gedacht, und vor allem nicht, während ich noch unterwegs bin. Er ist ein Verfechter von Abgeschiedenheit und liest seine Mails unterwegs nie.

Die Mail füllt den Monitor, und noch einige Seiten mehr. José schreibt mir alles, was ich vielleicht während des Caminos gerne gehört hätte, und noch viel mehr. Es beginnt damit, dass er ständig an mich denken muss und dass ich das Beste gewesen wäre, was ihm auf diesem Camino passiert wäre. Ich hätte ihm das Vertrauen zurückgegeben, dass es auf dieser Welt noch Frauen mit Werten, Prinzipien, Glauben und Schönheit hätte, die es zu suchen lohnt. Meine beschriftete Tüte hätte er zu Hause in ein Schmuckkästchen gelegt, denn für ihn wäre sie ein Juwel. Er wäre den einen Tag extra 27 km gelaufen, um mich einzuholen, in Mansilla de las Mulas hätte er rumgefragt, und eine Hospitalera hätte mich vorbeilaufen sehen. Das hätte ihn beruhigt. Offensichtlich dachte er, ich wäre den einsamen Weg gelaufen, und hatte sich Sorgen gemacht. In León hat er dann auch gleich noch die Herbergen abtelefoniert und sich gefreut, dass ich demnach gut auf dem Weg bin.

Er bedankt sich tausendmal für meine Gesellschaft auf dem Camino und mein großes Herz, dass alle um mich herum mit Liebe überschüttet (offensichtlich verwechselt er da etwas. Ich erinnere mich nur, dass ich so richtig viel gezickt habe). Und der Knüller in zwei Zeilen am Schluss: egal, wo ich am Wochenende bin, er kommt mich besuchen. Ich bin platt und sprachlos und sprachlos und platt.

Zu der Freude, ihn demnach wiederzusehen, und dem versöhnlichen Gefühl, dass nicht nur er mir einseitig etwas bedeutet hat, mischt sich aber auch etwas wie Panik und Widerwillen. Ich habe mich so mühsam freigekämpft, bin gerade dabei, wieder eigene Kraft und Eigenständigkeit zu entwickeln und zu genießen. Zudem erdrückt mich diese Erwartungshaltung. Ich bin kein guter Mensch, erst recht nicht die Reinkarnation von Werten und Großherzigkeit. Sollte man das Märchen nicht vielleicht lieber im besten Moment auf dem Höhepunkt der Illusion beschließen? So fällt meine Rückmail an José dann wohl auch etwas zurückhaltend aus.

Ich schwebe beschwingt auf einem Wattewölkchen die Treppe hinunter, wo ich voll in die beiden Dänen aus Astorga laufe. Auch heute sind sie wieder geduldig und lächeln mich schweigend und freundlich an, während ich ihnen mein Melodram von gestern schildere, das nach dem dritten Erzählen langsam an Schrecken verliert und sich wohl der objektiven Realität annähert, nämlich dass ich eine Nacht allein in einer Herberge verbringen musste, was nicht ganz so unterhaltsam war wie sonst, und dass es kalt war und ich mich deswegen nicht bis spät in die Nacht sonnen konnte.

Ich besuche die Messe in der kleinen Kapelle, in der der kleine Mann im Blaumann schon geschäftig die Lichter anzündet und rückt und richtet. Trotz vergleichsweise vielen Pilgern in der Herberge kommen nicht einmal 10 zu der Messe. Helmut ist wieder mit dabei, sowie die beiden Jungspunde aus Astorga, die (ich habe es mir fast gedacht) nicht viel mit Gott am Hut haben und die ganze Zeit nur Kichern und sich über alles lustig machen. Ich bin schon fast geneigt, sie rauszuwerfen, meine Messe ist mir heilig, aber zum Glück beginnt die Predigt. Vielmehr fängt der kleine Blaumann an, einen Segen zu sprechen und zu erklären, dass er sich nicht umzieht, wenn es recht ist, man hat ja so viel zu werkeln. Ich bin baff.

Er strahlt große Begeisterung für seinen Beruf aus, ebenso wie für die Gestaltung des Gottesdienstes. Wir lassen eine Kerze durch die Reihen gehen, bei der jeder etwas dazu singen oder beten oder auch nur denken kann. Alle denken. Dann sollen wir ein Liedchen singen, jeder irgendwas. Der Pfarrer rudert ermutigend mit den Händen (er spricht nur Spanisch und ich bin die einzige, die ihn zumindest ganz rudimentär versteht). Glücklicherweise setzt Helmut dröhnend und erstaunlich wohlklingend zu ein paar sehr passenden Kirchenliedern an. Nach dem Gottesdienst sind wir eingeladen, noch in der Kirche zu verweilen, der gute Pfarrer lässt auch extra noch das Licht und die Heizung an. In einem Buch können wir unsere Gebete eintragen, und die betet der Pfarrer dann für uns bis zum angegebenen Datum. Ich fühle mich in der Kirche sehr wohl, schreibe für alle Fälle mein Gebet auf und halte die Kerze nochmal in aller Ruhe in der Hand; ich habe recht viel auf dem Herzen, das ich verbeten will, wenn hier gerade mal so eine gute Atmosphäre ist.

In meinem Zimmer liegt die Silberhaarige immer noch an der gleichen Stelle in ihrem Bett, sodass ich sie doch anspreche. Sie kommt aus Neuseeland und hat etwas sehr erhabenes. Zu den perfekt gepflegten Haaren trägt sie Perlenohrringe. Aber entgegen meinem ersten Eindruck ist auch sie eine gute Pilgerin, wenn auch im Moment vielleicht etwas verzweifelt, da am Ende der Kräfte und wohl etwas allein. Sie hört gar nicht mehr auf zu erzählen, offensichtlich hat sie in der Herberge hier keine Freunde und vielleicht auch sonst nicht viel Gelegenheit zum Austausch. Der Camino erfüllt sie mit einer großen Ehrfurcht. Mit Tränen in den Augen und ungläubigem Kopfschütteln erzählt sie mir von immer neuen Erlebnissen, davon, dass ihr Einheimische einen Kaffee oder einen Stuhl angeboten hätten, dass ihr ein Pilger in den Bergen ihr Gepäck abgenommen hätte und die schweren Sachen schon mal in El Acebo für sie deponiert hätte. Sie kann es gar nicht glauben, sie ist so erschüttert von so viel Zuneigung ohne eigene Gegenleistung, dass selbst ich die ein oder andere Träne kaum zurückhalten kann. Das ist der Camino, die Magie und die unglaubliche Schönheit.

Wieder im Flur laufe ich Angelo in die Arme, der mit verklärt lächelndem Blick unter seinem hellblauen Ohrenwärmer hervorstrahlt. Er ist erschöpft und gerade angekommen – um 20.00. Er scheint seinen Weg bis ins kleinste Detail zu genießen und auszukosten. Ich freue mich unheimlich; auch wenn wir gar nichts reden, ist seine Anwesenheit einfach nur schön. Mit seinen dunklen Augen strahlt er mich einfach in Zeitlupentempo an, bringt nach einer Minute vielleicht ein „meine Peregrina“ heraus, strahlt noch mehr und strahlt noch weiter. Ein faszinierender Mann.

Zwei Meter weiter hält mich eine junge Frau an. Sie spricht Englisch, und vielleicht bin ich noch im Bann von Angelos Langsamkeit, jedenfalls raffe ich überhaupt nichts. Sie redet von Hospitalero und Molinaseca und Freundin und Amerika. Langsam verstehe ich, dass sie die Freundin von der Amerikanerin vom Waschen ist, die ihr wiederrum erzählt hat, dass ich Alfredo kenne, der da wäre. Da wäre? Ich verstehe nichts. Sie schiebt mich etwas nachdrücklich in den großen Aufenthaltsraum und lenkt meinen Blick an den Hospitaleratisch, als ob ich schwer von Begriff wäre (bin ich ja auch). Und Tatsache, da steht Alfredo. Der Groschen fällt, und ich bedanke mich bei ihr wieder in normaler Geschwindigkeit, was sie offensichtlich erleichtert. Lustigerweise hätte ich vorher nicht mehr sagen können, wie Alfredo überhaupt aussieht, aber jetzt, wo ich ihn vor mir sehe, ist alles wieder da.

Wie ich von José gelernt habe, ein guter Spanier bespaßt immer die Hospitaleras, so natürlich auch Alfredo. Als ich mich nähere, wird er plötzlich stutzig und hält mitten im Satz inne. Offensichtlich geht es ihm ähnlich, und mit einem Schlag kommt eine Erinnerung zurück. (Für einen Moment spukt mir panisch durch den Kopf, ob ich ihm letztes Jahr nicht vielleicht doch eine Bettwanze eingeschleppt habe, die sich dann explosionsartig vermehrt hat, und vielleicht hat er mein Gesicht auf einem imaginären „wanted-dead or alive“-Plakat in seinem Gedächtnis). Als der Groschen bei ihm fällt, bricht er in dröhnendes Lachen aus (also doch keine von mir verschuldete Bettwanzeninvasion) und lacht sich kaputt, dass ich Verrückte schon wieder auf dem Camino bin und mich noch an ihn erinnere. Lustigerweise hat er mich nicht an meiner charakteristischen Gestalt erkannt (doppelt so lang und dreifach so dünn wie die typische Pilgerin), sondern an den Augen. Nach dem frisch diagnostizierten großen Herz wundert mich jetzt auch das nicht mehr.

Ich rede ein paar Minuten mit ihm, er erzählt von einer Herberge in Finisterre, die er plant, und ich buche mich als die erste Hospitalera ein, wenn das Ding dann wirklich mal steht. Alfredo ist ein ganz faszinierender Mensch (wer hier eigentlich nicht?), einerseits fühlt man sich bei ihm wie bei einem Pilger mit Leib und Seele (was er ja auch immer wieder ist), andererseits hat er im Gegensatz zu José und Angelo etwas sehr lebensnahes, und seine sehr intensiven, dunklen Augen können sicher auch eine starke männliche Faszination versprühen.

Ich muss mich ins Bett sputen, es ist schon 22.00 und damit offizielles Lichterlöschen. Im Bett bin ich noch überhaupt nicht müde. Ich fühle mich so sicher und so wohl, in dieser wunderschönen Herberge, nach dieser sehr persönlichen Messe, nach diesem sonnigen Tag wie neugeboren. Ich habe die Dänen wieder, Angelo, Helmut, irgendwie auch José, Alfredo wiedergesehen, und dank der Lady im Bett unter mir habe ich auch wieder die unglaubliche Magie des Caminos verdeutlicht bekommen. Warum auch immer der liebe Gott mich gestern scheinbar verlassen hat, heute ist er wieder sehr, sehr nah.

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Seit langem gönne ich mir mal wieder ein offizielles Herbergsfrühstück, das hier Hotelcharakter haben soll. Bis ich mich durch die diversen Kuchen und Säfte durchgearbeitet habe, sind die meisten Pilger schon wieder aufgebrochen. Ich will auch gerade aufstehen, als die beiden Deutschen vom Vorabend kommen. Nachdem sie sich zu mir setzen, bleibe ich noch ein bisschen und höre mir ihre Geschichte an. Eigentlich wollten sie die Via de la Plata laufen, aber irgendwie war das nicht nach ihrem Gusto. Zu heiß und zu wenig Herbergen, deswegen sind sie jetzt kurzerhand mit dem Bus hierher in den Norden gefahren. Einer der beiden, ein sportlich Schlanker, ist den Weg letztes Jahr schon gelaufen, und diesmal hat er seinen Kumpel auch dafür begeistert. Besagter Kumpel ist ungefähr dreifach so dick und schwitzt schon beim Frühstücken. Deutlich sympathischer als gestern Abend werden sie mir auch jetzt nicht; ihre Art, an allem herumzumeckern und sich zu echauffieren passt mir nicht.

Ich verabschiede mich von „meinem“ Hospitalero, der mir irgendwie schon ganz vertraut ist. Ich bedanke mich und sage ihm, dass er ein toller Hospitalero ist und ich dank ihm ein ganz tolles Flair und einen sehr entspannenden Aufenthalt geniessen durfte. Er meint, ich wäre eine gute Pilgerin. Nur den Guten würde so etwas überhaupt auffallen.

Das heutige Etappenziel ist Foncebadón, worauf ich mich schon sehr freue. Ein ehemals verlassenes Dörfchen, jetzt schon wieder besiedelt, aber immer noch mit einem Hauch von Einsamkeit behaftet und schön in den Bergen gelegen. Angelo kennt die dortige Herberge mit gemeinsamem Kochen und Andacht, genau richtig.

Der morgendliche Weg führt wieder über sandig roten Boden, eingerahmt von rauen, farbenprächtigen Büschen. Ich bin als eine der Letzten gestartet und sehe jetzt also ungewohnt viele Rucksäcke und Stöcke vor mir. Ich lege meinen Schnellschritt ein und überhole Stück für Stück, ich brauche morgens einfach meine freie Sicht und meine Einsamkeit. Ich überhole auch Angelo, der wie üblich fest eingemummelt in sein Stirnband und Kapuze meditativ vor sich hinschleicht. Er ist definitiv das Langsamste, was ich jemals auf dem Camino gesehen habe.

Der Weg hier ist eines meiner Lieblingsstücke, genauso wie die Kirche in Rabanal einer meiner Lieblingsorte ist. Sie sieht noch genauso aus wie vor einem halben Jahr, genau die gleiche Baustelle, immer noch wackelige Holzbretter als Bankersatz. Ich bin direkt wehmütig, dass ich heute weitergehen werde und die Messe hier verpasse.

Mir gefallen vor allem Strecken, die fernab sind von Städten oder Straßen, insofern bin ich hier genau richtig. Soweit das Auge reicht, ist nichts außer im Wind wehenden Sträuchern oder Berggipfeln in der Ferne. Gegen Mittag habe ich Foncebadón erreicht, aber meine geplante Herberge ist verwaist und geschlossen. Ich gehe zurück zu einem der wenigen Häuser zu Beginn des kleinen Dorfes. Dort herrscht deutlich mehr Betrieb. Die Tische in der Bar sind restlos bevölkert, und um überhaupt hinein zu kommen, muss man ordentliche Musikbeschallung über sich ergehen lassen, die mich an eine österreichische Skihütte erinnert. Ich frage den Besitzer nach der Herberge oben, und wie ich befürchtet hatte, sie macht erst später im Jahr auf. Bei ihm könne man theoretisch auch schlafen, aber das geht für mich absolut nicht. Auch die dritte (und damit letzte) Schlafgelegenheit in Foncebadón hat auf den ersten Blick eher Hotel- als Herbergscharakter, sodass ich mich höchst spontan entschließe, einfach weiterzulaufen nach Manjarín. Die Herberge dort soll wirklich ursprünglich sein.

Kaum habe ich Foncebadón hinter mir gelassen, zieht ein leichter Wind auf und schiebt Wolken vor meinen lückenlos blauen Himmel. Vor dem Cruz de Ferro wird es dann direkt ein bisschen neblig, und wenige Meter vorher setzt ein leichter Nieselregen ein. Ich denke „perfektes Timing“, ich habe nämlich noch nicht Mittag gegessen und überbrücke den kleinen Wetterwechsel gemütlich auf einem windgeschützten, überdachten Plätzchen mit unverbautem Blick auf das imposante Cruz de Ferro. Ich esse und esse, und so richtig besser wird das Wetter nicht. Irgendwann bin ich fertig mit essen, und mittlerweile regnet es wie aus Kübeln. Für einen Moment überkommt mich ein mulmiges Gefühl, ich bin hier wirklich ziemlich weit im Nichts, nach mir kommt diesen Weg heute wohl niemand mehr, und so ganz wohl ist mir der aufkommende Nebel nicht. Am Kreuz parkt neuerdings ein Wohnmobil, allerdings macht (verständlicherweise) keiner Anstalten, auszusteigen. Ein bisschen beruhigt mich diese Anwesenheit, habe ich doch das Gefühl, nicht ganz so allein zu sein.

Ich lege meinen von zu Hause mitgebrachten Stein am Kreuz ab. Wegen dem Regen wird das Ganze aber deutlich kürzer und unromantischer als geplant. Ich verziehe mich wieder in den trockenen Unterstand, aber langsam wird mir kalt. Und ich traue meinen Augen kaum, als es dann auch noch zu schneien anfängt. Heute morgen noch strahlender blauer Himmel und Sonne, nun windet und schneestürmt es hier. Mir wird immer mulmiger.

Plötzlich kommen zwei Gestalten durch den Schnee geeilt, eine läuft auf das Wohnmobil zu, eine kommt zu mir. Mein Exemplar ist ein junger Deutscher, der fröhlich strahlt und der plaudert, als wäre hier der normalste Tag auf dem Camino. Er erzählt mir, dass er mit einem spanischen Pfarrer unterwegs ist, und beide wiederum mit der Schwester des Pfarrers im Begleitfahrzeug, besagtem Wohnmobil. Sie haben immer Handykontakt und können sich umziehen oder aufwärmen, wann immer sie wollen. Nur gelaufen wird strikt selber. So kommt auch der Pfarrer dann irgendwann wieder aus dem Wohnmobil und wartet mit uns auf Wetterbesserung. Mittlerweile haben auch ein polnischer Vater und Sohn sowie ein italienischer Radpilger Schutz unter der Überdachung gesucht, und ich bin deutlich erleichtert. Vor allem der Italiener ist gar nicht glücklich mit dem Wetter, er findet es sehr gefährlich, aber nachdem ich jetzt nicht mehr alleine bin, ist mir das alles ziemlich egal.

Die beiden Herren mit Begleitfahrzeug wollen sich entlang der Fahrstraße auf den Weg machen, und ich sehe es als meine Chance, mich da anzuhängen und in sicherer Begleitung bis Manjarín mitzulaufen. Trotz Schneesturm brechen wir zu dritt auf. Der spanische Pfarrer ist halb so groß und doppelt so alt wie wir, aber er schlägt ein unglaubliches Tempo an. Muss man auch, denn es ist extrem kalt. Der Schnee kommt einem horizontal wie in großen Platten entgegen, ich muss mich alle paar Meter schütteln, um eine Schneeschicht von meinem Bauch zu bekommen. So gut meine Regenjacke bisher auch mitgemacht hat, hier ist nach wenigen Minuten Ende. Zu meiner Kapuze und am Hals kommt Schnee herein und fließt mir eiskalt in die unteren Schichten. Meine Hände sind feuerrot und nass, genauso wie die Ärmel meiner Jacke und meiner beiden Fleecejacken darunter. Ich trage im Moment alles Warme am Körper, und alles wird patschnass. Der Deutsche neben mir ist interessiert um Konversation bemüht, aber ich kann jetzt beim besten Willen nicht reden. Ich versuche, die Straße im Auge zu behalten und gleichzeitig mit tief gesenktem Kopf nicht allzu viel Schnee in die Augen und Jacke zu bekommen. Meine Gedanken kreisen absolut panisch um Erfrierungstod oder zumindest Lungenentzündung.

Als rechts von der Straße Manjarín auftaucht, setze ich alles auf eine Karte und biege ab. Wenn diese Herberge nun auch geschlossen ist, bin ich aufgeschmissen, denn so schnell wie wir gelaufen sind, sind die beiden anderen nach einer halben Minute schon in uneinholbarer Entfernung. Und allein kann ich das nicht laufen, ich bin schon in heller Aufregung gewesen auch mit der an sich tröstlichen Gesellschaft eines Pfarrers und Begleitfahrzeugs. Die Herberge ist dunkel, und mein Klopfen hallt ebenso dunkel ins Nichts. Nach einigen endlos schweren Sekunden öffnet sich die Tür dann doch – und für den ersten Moment bin ich selig.

Von Tomás, dem berühmten Hospitalero und Tempelritter in einem, habe ich schon viel gehört. Jetzt so in meiner verzweifelten Stimmung wirkt er etwas einschüchternd auf mich. Er zeigt mir einen Ofen in der Mitte des Raumes, an den ich mich setzen soll, und verschwindet murmelnd in einem anderen Raum. Die Herberge wird in Führern liebevoll von „einfach“ bis „speziell“ beschrieben. Die einzige Beleuchtung in Form einer Lampe von der Stärke eines Glühwürmchens lässt erahnen, dass sich in dem Raum entlang der Küchenflächen etwa 50 ungespülte und übereinandergestapelte Gedecke türmen. In der Spüle steht eine große Plastikwanne mit einer Flüssigkeit, die sowohl zum eventuellen Abspülen als auch gleichzeitig für alles andere dient, z.B. als Hundetränke und zum Händewaschen.

Es klopft an der Tür, und die beiden Polen kommen, um sich aufzuwärmen. Sie haben überhaupt keine Regenausrüstung, nicht mal eine Regenjacke, und auch nur Turnschuhe. Sie sind also noch verfrorener als ich und ebenso verzweifelt. Vermute ich zumindest, als der eine seine nassen Sachen direkt auf den heißen Ofen legt, „Hauptsache, sie werden trocken“, obwohl es ungut riecht und dem Material wohl eher weniger zuträglich ist. Ich bin erleichtert über die Gesellschaft, aber sie wollen nicht übernachten, sondern weiter, sobald es ihnen wieder etwas wärmer ist. Sie wollen bis runter ins Tal, entlang der Fahrstraße. Diese Möglichkeit kommt für mich nicht in Frage. Zum einen ist es noch richtig weit, mehrere Stunden, ich habe keine Ahnung, wie lang die Fahrstraße noch extra ist, es wird schon langsam dunkel, ich bin eh schon patschnass und eiskalt, und ganz abgesehen davon ist das die beste Strecke vom ganzen Camino, und die möchte ich sicher nicht im totalen Blindflug und in Erfrierungshalluzinationen zurücklegen.

Nachdem ich übernachten will, zeigt mir Tomás das Schlafgebäude. Eigentlich recht hübsch in einem Steinhaus mit (Natur-)Steinboden, dadurch natürlich reichlich kalt, aber stolz zeigt mir Tomás seinen neuen Ofen, den er dann auch extra für mich anfeuert. Etwas skeptisch macht mich höchstens sein Welpe, der, nass wie er ist,  begeistert auf allen Matratzen und auf meinen Sachen herumspringt. Ich versuche gerade das Beste aus der Lage zu machen, als Tomás schon wiederkommt mit drei Schwestern im Schlepptau, die hier auch schlafen wollen. Im ersten Moment bin ich erleichtert, allerdings sammeln sie bereits eine viertel Stunde später alles wieder ein, nachdem die eine die Freilufttoilette inspiziert hat und absolut geschockt stammelt, dass sie hier nicht bleiben kann.

So bin ich also wieder allein, noch dazu ist der Ofen auch gleich wieder ausgegangen, und in dem Steinhäuschen herrschen die gleichen Temperaturen wie draußen. Meine nassen Sachen hängen quer durch den Raum verteilt, aber wovon sollen sie trocknen. Zwar habe ich im Moment meine Zweitgarnitur an, ein trockenes T-Shirt und eine trockene Hose, aber ohne Fleecepulli ist es kalt, und um in das Haupthaus zu kommen, muss ich durch einen matschigen Hof und bin bei der aktuellen Lage gleich wieder nass.

Ich entscheide mich für Haupthaus und den warmen Ofen, allerdings ist es mit Tomás mühsam. Er redet von sich aus nichts, ich komme mir irgendwie wie ein Störfaktor vor. Wenn ich etwas frage, brummelt er eher missmutig eine Antwort. Er redet von Energien, die er spüren kann, manche Pilger hätten gute und manche schlechte, und guckt mich grimmig an. Er meint, 2012 würde die Welt untergehen. Mir macht das alles in meiner momentanen Situation einfach nur Angst, ich verstehe sein Spanisch kaum, ich verstehe nicht, was er mir sagen will oder was ich machen soll. Er sagt, um 8 gäbe es Abendessen. Das ist ja nett, aber ich weiß nicht, ob ich helfen soll oder kann, sitze also nur untätig dumm rum und fühle mich total beschissen.

Das Abendessen ist eine Suppe, von der ich lieber nicht wissen will, ob die Grundlage auch aus der Allzweckplastikschüssel kommt. Der Hund schlabbert vorher aus den Tellern und als die Suppe drin ist. Ich bin an sich nicht übermäßig heikel, aber vermutlich hätte mich das unter normalen Umständen eher gestört. Im Moment bin ich aber wie narkotisiert, fühle mich hilflos und ausgeliefert und hoffe einfach nur irgendwie, dass das rumgeht bzw. Tomás nicht mit mir böse ist. Irgendwann brummelt er etwas von seinem Hund (er hat viele), der weggelaufen ist, und geht raus. Ich sitze noch eine Weile, irgendwann kommt ein Mann, der Gemüse bringt und nach Tomás fragt. Ich habe aber auch keine Ahnung, wo der ist, nutze aber die Chance, das Haupthaus zu verlassen, solange mir jemand hilft, die Türen so zu öffnen und zu schließen, dass das restliche Heimtierarsenal nicht auch noch begeistert wegläuft.

Die Schlafhütte ist an sich romantisch und nett, denkt man an Sommer und eine lustige Mischung netter Mitpilger, die vielleicht auch noch Spanisch können. Tomás ist ja schließlich auch ein netter und interessanter Mensch, wenn er einen nicht gerade in einem Moment erwischt, in dem einem alles und jedes Angst macht. Aber jetzt so allein bei Eiseskälte ist die Hütte der Horror. Es gibt eine dicke Holztür, zum Glück mit einem tollen, schweren Riegel, den ich erstmal begeistert vorschiebe. Aber über und unter der Tür sind schlappe 20 cm Luft, draußen hört man Hunde und sonstiges; was Getier angeht könnte ich wahrscheinlich genauso gut draußen schlafen. Und hier ist ja nichts Dorf oder so, sondern wildlife at its best.

Ich schnappe mir alle 7 Decken. Ich bin eiskalt, mein Schlafsack ist eiskalt, die Decken sind eiskalt. Meine Wasserflasche neben mir beschlägt schon. Ich bin in einer ganz merkwürdigen Stimmung. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass es ein paar Kilometer weiter ein anderes Leben gibt, ich erinnere mich nicht an Herbergen und Freunde, die Geborgenheit von Astorga. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Morgen gibt. Ich kann nicht mal mehr vernünftig denken, ich fühle mich so hilflos und schicksalsergeben. Dieser Wetterumschwung hat mich in doppelter Hinsicht geschockt. Ich wollte meinen Stein niederlegen, mit Gebeten und Wünschen. Am liebsten hätte ich in diesem Moment, wie so oft, einen Regenbogen oder einen Sonnenstrahl gehabt, der mich dann vollends in Tränen der Rührung hätte ausbrechen lassen. Statt dessen hat mir die höhere Instanz ein Unwetter geschickt und bestraft mich mit dieser Herberge (anders kann ich das im Moment nicht sehen). Ich kann nicht mal mehr beten, dass ich diese Nacht gut überstehe, ich habe das Gefühl, dass derjenige gerade sehr genau mein Schicksal im Auge hat, sowieso seine Pläne mit mir hat, die er durchsetzt – und es zieht mir jeglichen Boden unter den Füßen weg, dass ich momentan das Gefühl habe, dass er mir gar nicht wohlgesonnen ist.

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Nach den drei ungewohnt langen Etappen der vergangenen Tage gönne ich meinen Füßen heute endlich die versprochene Erholung und laufe nur bis Astorga, nur 18 km. So kann ich es heute wirklich extrem ruhig angehen lassen. Seit León teilt eine ältere Französin mit grauem Lockenkopf meine Etappenplanung; sie ist schon Camino-bekannt, weil sie als Lebensinhalt zu haben scheint, immer die erste an der Herberge zu sein. Anscheinend ohne Rücksicht auf Verluste bzw. auf Pilger, die morgens um 5 noch ohne Licht schlafen wollen. Sie düst also auch schon wieder an mir vorbei und nimmt die kürzere Route, während ich ein Anhänger von landschaftlich reizvolleren Umwegen geworden bin.

Punkt 12 erreiche ich Astorga und gerate voll in einen Menschenschwarm, der zur Mittagsmesse in eine Kirche strömt. Kurzentschlossen schließe ich mich an und genieße meine erste Messe in voller Pilgerkluft und mit meinem Rucksack neben mir. Es fühlt sich sehr ursprünglich an.

Danach gehe ich gleich noch bei einem schönen Supermarkt vorbei; ich kenne Astorga zu Ladenschlusszeiten und bin vorsichtig geworden. Was man hat, das hat man. Außer Zutaten für mein Selbstversorgerleben spukt mir noch etwas anderes im Kopf herum: eine Mütze oder ein Stirnband, denn morgens ist es fürchterlich kalt, meine Hände frieren und vor allem meine Ohren. Die Sportgeschäfte entlang des Wegs gucken mich allerdings nur mitleidig an und ich kriege schon fast einen Koller, warum ein gut sortiertes Sportgeschäft kein Stirnband hat.

In meiner mir bekannten Albergue sitzt ein älterer Herr an der Rezeption, und ich frage auf gut Glück nochmal, ob er ein Geschäft kennt, das sowas haben könnte. Kennt er sogar, es soll ein richtiges Trekkinggeschäft geben, aber die Wegbeschreibung ist lang und verwirrend, und der Clou an der Sache ist, es macht in 5 Minuten zu. Ich lasse alles stehen und liegen und düse los. Eine falsche Abzweigung oder einmal zögern, und ich bin zu spät. Aber wie durch ein Wunder renne ich 5 Minuten genau in die richtige Richtung und finde den winzigen Laden mit kleinem Sortiment. Japsend radebreche ich meinen Wunsch, und die Verkäuferin outet sich erstmal als Deutsche. Und ja, es hat Stirnbänder (wenn auch nur drei zur Auswahl und für Pilgerverhältnisse sündhaft teuer), zwei davon sind glücklicherweise potthässlich, sodass mir die Wahl sehr leicht fällt. Ich bin überglücklich mit meinem schwarzen Exemplar, hauchdünn, aber eben ohrenanlegend. Ich plaudere noch ein bisschen mit der Verkäuferin. Sie hat den Laden noch recht neu und will im Lauf der Zeit alles anbieten, was das Pilgerherz begehrt. Für meinen Geschmack eine echte Marktlücke. Etwas enttäuscht bin ich allerdings, dass sie noch nie selber gelaufen ist – und sich das auch nicht so recht vorstellen kann.

Zurück in der Herberge dusche und wasche ich und mache es mir in der riesigen Eingangshalle bequem. Im Gegensatz zu letztem Jahr, als mir alles etwas lieblos, ungepflegt und unpersönlich erschienen ist, hat der ältere Hospitalero alles exzellent im Griff. Im Kamin lodert ein wildes Feuer, das er alle paar Minuten nur wegen mir nachläd. Im Hintergrund läuft eine unheimlich beruhigende, entspannende Musik, die mich an „You raise me up“ erinnert, welches mich eh schon immer passend zum Camino verfolgt. Ich nehme auf weißen Polstern auf den riesige Steinstufen Platz und schreibe mein Tagebuch.

Der französische Lockenkopf ist natürlich schon da und kommt nicht umhin, mir ihre langsam schon beginnende Langeweile zu vermitteln, weil sie jetzt ja schon seit Stuuuunden hier ist. Wir bleiben lange Zeit die Einzigen, was mir hier und heute in dieser Entspannungsoase aber auch durchaus recht ist. Die „Deutsche duschen gern eiskalt“-Spanierin von gestern trifft ein, und wir unterhalten uns nett. Sie hat etwas Mütterliches an sich. Am späten Nachmittag steht dann plötzlich Angelo in seiner strahlenden Lichtwolke abwesend lächelnd in der Halle, und nach dem Einchecken legt er sich vor den Kamin in die weißen Polster und schnorchelt friedlich vor sich hin. Meine Wohlfühlatmosphäre ist perfekt.

Helmut komplettiert noch die gestrige Mannschaft, allerdings schmiegt er sich nicht ganz so harmonisch in die entspannende Stimmung ein. Er ist wohl etwas schwerhörig und poltert daher etwas lauter als nötig, und eine hübsche Flasche Wein hat er auch schon wieder akquiriert. Angelo erwacht folglich aus seinen süßen Träumen und teilt mir beim Anblick von Helmut seine Erfahrungen der letzten Nacht mit. Er ist etwas verstört, denn er meint sich zu erinnern, dass er irgendwann mal aufgewacht ist und da Helmut über ihm gestanden hätte. Warum und wieso weiß er nicht, es scheint ihm Angst zu machen, und so darf ich etwas zur Völkerverständigung beitragen und die Situation klären. Helmut mit seinen über 70 Jahren spricht nämlich nur Deutsch und sonst nichts. Und er lacht sich herzlich (und dröhnend) kaputt über den etwas verwirrten Italiener. Angelo hätte so unglaublich laut geschnarcht, und das hätte ihn so endlos gestört, dass er mal nach dem Rechten sehen wollte. Angelo ist erleichtert. Wir kommen ins Gespräch über seine Beweggründe für den Camino, und er philosophiert minutenlang mit leuchtenden Augen über viel Gott und Ruhe und Jesus und Finden. Ich bin ganz hin und weg und kann mich kaum konzentrieren, sodass ich auf seine abschließende Frage, wie ich das denn sehe, nur lächele und einen Daumen hoch mache. Er lächelt darauf noch breiter und seliger, tätschelt mir die Schulter und meint, ich wäre ein gutes Mädchen und würde verstehen.

Die Herberge füllt sich so langsam, und ich bekomme Gesellschaft von zwei Dänen, die hier ihren Camino beginnen. Einer ist ein älterer Lehrer, der andere wirkt wie Harry Potter, nur etwas älter. Beide sprechen perfektes Englisch, sodass ich mich zum gefühlten ersten Mal auf diesem Camino so richtig verständlich machen kann (bei meinem minimalen Spanisch-Vokabular bleibt leider doch sehr viel auf der Strecke). Und beide sind tolle Zuhörer, sie haben eine unheimlich ruhige, zufriedene Ausstrahlung, passend zur Entspannungsmusik und dem Kaminfeuer. Und obwohl erst Pilgerneulinge, scheinen sie meine komischen Erfahrungen und Gedanken zumindest nachvollziehen zu können. So überrolle ich sie mit bestimmt einer Stunde Monolog, vor lauter Freude, endlich mal mit jemandem ohne Barrieren reden zu können. Dafür habe ich hinterher ein richtig schlechtes Gewissen.

Gegen Abend fliegen alle zum Essen aus, nur ich koche mir meine Werke. Der Hospitalero unterhält mich, verschwindet dann, um sich schick zu machen,  und versinkt in spanischen Monologen, dass er ja mal mit mir essen gehen könnte. Der Gute könnte mein Grossvater sein, und glücklicherweise habe ich ja gerade erst reichhaltig gegessen, was er auch einsieht. Ich werde dann aber zumindest an seinen Tisch gelotst und seinen Kumpels vorgestellt, die den Luxus einen Minifernsehers geniessen. Der wirkliche Clou wird mir bewusst, als ich die dicke, rote Tischdecke über die Beine legen soll – unter dem Tisch bullert nämlich ein recht intensiver Miniofen. Zwar ist das wirklich ein warmer Premiumplatz, aber ich verstehe die Herren kaum und fühle mich etwas deplaziert, sodass ich mich bald ins Bett verabschiede.

Kaum liege ich, fällt mir auf, welch eine Schieflage die Matratze hat. Unter lautem Knarren wechsle ich zum Leidwesen der bereits Schlafenden in das obere Stockbett. Aber das geht wirklich auch nicht, ich liege durch wie ein U. Ich ringe mit mir, ob ich da jetzt einfach durch soll und ruhig sein, entscheide mich dann aber doch für ein abschliessendes gewaltiges Ächzen und ziehe wieder nach unten. Wo ich auch wieder wahnsinnig werde und doch lieber wieder nach oben wandere. Kaum habe ich endlich irgendwie Schlaf gefunden, geht die Türe auf und der Hospitalero ruft quer durch den Raum nach mir. Im ersten Moment bin ich absolut nicht amused, wegen irgendeiner weiteren Story in meinem Nachtdress auftreten zu sollen, ich werfe mich dann aber doch irgendwann in meine Trekkinghose. Ich bereue meine Missmutigkeit, denn der Hospitalero hat diesmal wirklich ein kleines Problem, nämlich zwei Deutsche, die gerade eben erst eingetrudelt sind und nun noch etwas essen gehen wollen. Er kann sich nicht verständlich machen, dass sie spätestens in einer halben Stunde wieder da sein sollen, und so mache ich Völkerverständigung Teil zwei. Leider sind mir die Knaben reichlich unsympathisch. Sie haben eine abfällige Art, versuchen nicht mal Kommunikation mit dem Hospitalero, und offensichtlich fehlt ein Sinn für Dankbarkeit, dass sie überhaupt noch zu so später Stunde in die Herberge dürfen und der Hospitalero sie sogar nochmal zum Essen raus lässt. Umso dankbarer ist mir dafür der alte Knabe für meinen Einsatz, und ich schlafe überraschend problemlos in meinem Problembett ein.

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Wie auch gestern haben sich meine Füße über Nacht perfekt erholt und scheinen lauffreudig – was mich nun doch schon wieder übermütig werden lässt. Der einzige Ort, den ich auf diesem Camino unbedingt nochmal sehen will, ist die Herberge in Hospital de Órbigo. Und dummerweise liegt das kilometertechnisch ziemlich ungünstig, nämlich 38km von León entfernt. Bei meinem noch im Rückstand befindlichen Zeitplan definitiv zu wenig für 2 Etappen, und für eine Etappe ist es dann doch auch wieder etwas weit, zumal ich mir ja schon vor zwei Tagen praktisch geschworen habe, nie wieder so unvernünftig zu sein und mehr als 30km zu laufen. Prompt die 36km gestern, für die ich meinen Füßen mehr als dankbar bin. Aber dreimal hintereinander den Bogen überspannen könnte sich vielleicht doch rächen.

Ich beschließe, es auf mich zukommen zu lassen und genieße erst einmal die ersten bekannten Meter hinter León. Mir kommt alles vor, als wäre ich erst gestern hier entlanggelaufen, und vor allem, als wäre ich ein paar hundert Mal hier langgelaufen. Ich erinnere mich an jeden versteckten Wegweiser, ahne die unauffälligen Abzweigungen und Supermärkte und kann schnellen Schrittes zielstrebig ausschreiten. Unterwegs treffe ich viele Pilger, die hier wohl ihren ersten Tag haben, sich noch wie ich damals panisch an ihren Führer klammern und versuchen, sich an den Beschreibungen entlangzuhangeln. So stehen sie dann auch prompt an jeder Straßenecke mit großen Fragezeichen im Gesicht. Vielleicht entwickelt man erst im Lauf der Zeit den Blick für die Pfeile und Muscheln.

Recht schnell habe ich mich auf verschlungenen Wegen aus León herausgearbeitet, und von einem nahezu schon sonnigen Himmel begleitet geht es Richtung Virgen del Camino, wo ich der Kirche wieder einen Besuch abstatte (eine der wenigen, die tagsüber geöffnet haben). Und passend zum Blick für die Pfeile und Muscheln springt mir direkt nach der Kirche ein gelber Pfeil nach links über die Straße ins Auge, und so komme ich ganz unspektakulär gleich auf den richtigen Weg, anstatt wie letztes Jahr herumzuirren, Autobahnen zu übersprinten und merkwürdigen Wegbeschreibungen zu folgen.

Aus unerfindlichen Gründen bin ich ziemlich einsam unterwegs, aber die Ruhe und Stille ist wunderschön. Ich mache ausgiebige Rasten und genieße die Folgen des gestrigen Riesensupermarktes. Statt Brot unterschiedlicher Schmackhaftigkeit und der immer gleichschmeckenden Chorizo oder wahlweise Käse stehen heute für mich lecker gefüllte Teigtaschen auf dem Pausenplan. Kein Wunder, dass ich gegen 11 bereits meinen ganzen Tagesproviant aufgegessen habe.

Die Strecke zwischen León und Astorga hatte ich als eher unspektakulär in Erinnerung. Nun bin ich aber heilfroh, nicht den Zug genommen zu haben, denn die Einsamkeit und die Farbspiele sind unvergleichlich schön (ganz abgesehen davon, dass Zug natürlich wirklich keine echte Alternative für einen Pilger wie mich ist).

Das Wetter spielt toll mit; nach dem Dauerregen der Meseta ist es eine absolute Wohltat, ohne Kapuze laufen zu können, blauen Himmel zu sehen oder sogar vereinzelte Sonnenstrahlen.

Als ich gegen Mittag Villar de Mazarife passiere, bin ich entschlossen, Hospital de Órbigo in Angriff zu nehmen. Ich bin fit, ich habe noch Zeit, und nach einem Einkauf in einem Laden voller nostalgischer Erinnerungen an rettende honig-parfümierte Taschentücher habe ich auch wieder genug Proviant für meinen doch recht beeindruckenden Appetit.

Den ganzen Tag über begegne ich keinem Menschen, und vielleicht trägt auch das dazu bei, dass ich irgendwann schon ein wenig das Gefühl habe, sämtliche Grenzen überschritten zu haben. Als ich endlich Hospital de Órbigo sehe, überkommt mich mal wieder die berühmte Erschöpfung-Erleichterung-Dankbarkeit, und ich bin überglücklich, als es auf die letzten Meter zu „meiner“ Herberge zugeht.

Ich biege um die Ecke und sehe förmlich den Innenhof vor mir mit einem strahlenden, alles beleuchtenden Mose (auch wenn ich weiß, dass er diesmal nicht da sein wird). Statt dessen stehe ich vor einem Tor. Und dieses lässt sich nicht öffnen. Ich linse zu den Fenstern hinein und bekomme einen halben Schock, weil alles im Inneren wie aus einem Schwarz-Weiß-Film aussieht. Im Innenhof fliegen Spatzen auf, und es wirkt wie ein Museumsdorf. Eins ist klar, hier ist heute keine Herberge für mich geöffnet. Ich versuche es in der Herberge direkt gegenüber, die auch schön sein soll. Auch diese hat einen großen Innenhof, nur ist weit und breit keine Menschenseele. Ich laufe recht orientierungslos durch die Anlage, als ich hinter einer schweren, schiefen Holztür Stimmen höre. Der Anblick lässt mich die Tür fast wieder zuschlagen. In ebenfalls gefühltem schwarz-weiß und trübem Licht sitzen an einem dreckigen, schiefen Holztisch zwei finstere Gestalten, getrennt von Weinflaschen und umflort von einem ebensolchen Geruch. Sie grölen etwas Erheitertes auf deutsch, und da mache ich wirklich die Türe wieder zu und stehe wieder auf der Straße. Vor mir die Herberge, die nicht aufmacht, und hinter mir die Herberge wie aus Ali Baba und die vierzig Räuber. Für einen Moment bin ich versucht, noch weiterzulaufen, aber das geht nun wirklich nicht mehr.

Ich mache noch einen Versuch hinter die dicke Holztür und erkundige mich bei den beiden Gestalten, wie die Herberge denn so funktioniert. Ich finde mich dann aber schon wieder auf der Straße wieder. Ich bin dermaßen hin- und hergerissen, es ist unglaublich. Irgendwann fasse ich mir ein Herz und checke todesmutig ein.

Die grölenden Herren zeigen mir daraufhin das Damenzimmer, das winzig klein ist, und alle unteren Betten sind schon belegt. Ich mache mich etwas zögerlich ans Auspacken und dusche. Die Duschen sind im Innenhof, reichlich zugig, und zum zweiten Mal auf diesem Camino hat es nur noch eiskaltes Wasser. Als ich in mein Zimmer zurückkomme, sind die vier restlichen Damen schon wieder eingetroffen – und ich bin sehr erleichtert, drei bekannte Gesichter wiederzusehen. Zwei davon waren mit mir in León, und eine kennt mich aus der Meseta und fragt begeistert, ob denn mein Freund auch hier wäre. Vermutlich meint sie José. Plötzlich wirkt die Herberge nicht mehr ganz so schwarz-weiß. Ich jammere über das eisige Wasser, und natürlich hatten die Damen alle warmes Wasser. Aber sie lachen auf Spanisch aus tiefstem Herzen und meinen „Du bist deutsch, Du bist hart im Nehmen, Du duscht mit kaltem Wasser“. Wobei es ja einen feinen Unterschied gibt zwischen Willen und Notwendigkeit.

Als ich wieder etwas ziellos im Innenhof lande, habe ich die reinste Erscheinung: aus den Duschkabinen tritt wie aus dem Ei gepellt, in duftiges Hellblau gehüllt, perfekt frisiert und rasiert, mit einem seligen Lächeln auf den Lippen ein Mann, und mir klappt schier der Unterkiefer herunter. Der Typ wirkt, als würde er auf einer kleinen Privatwolke schweben, als würde ihn ein strahlendes Licht umgeben, während er freundlich und doch ein wenig abwesend wie von einer anderen Welt in die Menge (die wenigen Pilger) lächelt und grüßt. Sofort überkommt mich ein heimisches Gefühl in Bezug auf diese Herberge, vergessen sind Ali Baba und die Weinflaschen. Ich komme nicht umhin, diese Erscheinung in ein Gespräch zu verwickeln. Er ist Italiener, heißt Angelo, läuft schon seit den Pyrenäen, will bis Finisterre, macht den Camino schon zum zweiten Mal – wir sprechen auf Spanisch, was wir beide nicht wirklich können, aber wie so oft auf dem Camino, wir verstehen uns. Auch er hat wieder diese wunderbaren dunklen, großen Augen, in denen man versinken kann, in denen man alles lesen kann, und bei denen man Gespräche und Worte eigentlich eher als nebensächliche Randuntermalung einsetzt.

Ich bereite mir in der kleinen Küche mein vitaminreiches Gemüsepfännchen mit der magischen Tomatensoße zu, interessiert kommentiert von Angelo. Er kann auch kochen, und glücklicherweise findet seine Tochter seine Spaghetti Carbonara ganz toll. Ich verpflichte ihn, mir diese mal zu kochen, aber vor allem bin ich erleichtert, dass ich es mit einem Familienvater zu tun habe und die ganze Magie von vorneherein etwas abgeklärter sehen kann.

Mit dem engen Damenzimmer werde ich immer noch nicht so warm und beschließe, in ein neu aufgemachtes Zimmer zu ziehen, in dem sich gerade ein Deutscher und ein Engländer niedergelassen haben. Beide sind sehr nett, humorvoll und unterhaltsam, und als dann noch 2 extrem laut lachende ältere Schwedinnen in den Raum einbrechen, mit minutenlangem Riesenhallo die beiden Herren wiedererkennen und den Raum in Beschlag nehmen, fühle ich mich wieder vollends wohl. Zwar ist mir heute nicht mehr groß nach Kontaktaufnahme und Freundschaften knüpfen, ich lehne mich einfach etwas in meinem Bett zurück. Aber die Räuberhöhle ist plötzlich gefüllt von Lachen und netten Leuten, und irgendwo draußen schwebt selig lächelnd Angelo, der die nächsten 5 oder 6 Etappen genau wie ich geplant hat.

Abends gehe ich in die Kirche, die allerdings recht ausgestorben ist. Ich will schon fast wieder gehen, als mir auffällt, dass viele Leute in einem kleinen Türchen verschwinden. Und auf Nachfrage werde ich sofort freundlich miteingeschleust – in den Wintermonaten findet die Messe in einem kleinen Nebenräumchen statt, weil man so nicht so viel heizen muss. Das Räumchen ist somit proppenvoll, und erfreulicherweise sind auch zahlreiche Pilger mit dabei. Einige Gesichter kenne ich aus meiner Herberge, und zwei Reihen vor mir meine ich auch einen Pilger zu erkennen – ein sehr gut gepflegter, älterer Herr mit einer penibel sitzenden Windjacke. Ich dagegen brilliere wie üblich im verschwitzt verknitterten Zwiebel-Look.

Auf dem Heimweg spricht mich jemand von hinten auf deutsch an, er sei übrigens der Helmut. Es ist der gut Gepflegte, und mir dämmert, woher ich ihn kenne – es ist einer der beiden grölenden Deutschen aus dem finsteren Räumchen. Aber ohne dem Hut im Gesicht, der Weinflasche und dem alkoholseligen Kumpan hat er nun eine komplett andere Wirkung auf mich. Ich muss an ein Sprichwort denken „Wo man singt, da lasse dich ruhig nieder, böse Menschen kennen keine Lieder“. So geht es mir schon mit Pilgern allgemein, aber erst recht mit Kirchenbesuchenden.

So lasse ich mich für heute sehr ruhig in meiner Herberge nieder, umgeben von fröhlichen, heiteren und gläubigen Menschen – und einem Italiener, der schon wieder einfach dieses „Mehr“ ausstrahlt.


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