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Posts Tagged ‘Samos’

Der Morgen ist grau und nebelfeucht. Passend. Nach einer gefühlten Ewigkeit entlang der Fahrstraße und in Kolonne mit anderen Pilgern geht es rechts in die Hügel, wo der Nebel wieder eine verwunschene Mystik heraufzaubert. Endlose Weiden, ab und an ein paar einzelne stolze Kühe, viele alte Kastanienbäume und ab und zu ein paar Sonnenstrahlen.

Ich verarbeite meine gestrigen Erkenntnisse mit reichlich Tränen, als mich Sanne überholt. Sie fragt treffend, ob es heute ein schwererer Tag sei. Sie lächelt auf ihre stille mitfühlende Art, und ich bin ihr sehr dankbar, dass sie es dabei bewenden lässt.

Vor Sarria treffe ich sie dann wieder – diesmal steht sie am Straßenrand und erlebt einen dieser schwereren Momente. Schön, dass man auf dem Camino niemandem etwas vorzumachen braucht.

In Sarria begrüßt mich strahlender Sonnenschein, blauer Himmel und generell ein durchwärmendes Wetter. Ich mache eine exzessive Umpackpause, verstaue die diversen Regenartikel, von der Rucksackhülle über Regenjacke bis hin zur Regenhose, bevor ich in meiner Lieblingsherberge vorbeischaue – diesmal nur, um höflich zu fragen, ob ich ganz kurz ins Internet darf. Nach ein paar Zeilen Gedankenteilen mit meiner Mama fühle ich mich deutlich abgeschlossener, sortierter und gewappneter für die nächsten Kilometer.

Ich habe plötzlich das Gefühl, auf einem falschen Weg zu sein, und wirklich, ich bin gerade an einer Abzweigung geradeaus gelaufen. Waren es die rosa Zuckerwattefäden, gegen die ich gelaufen bin und die mich stutzig gemacht haben?

Chuck kommt den Weg hinter mir entlang, grüßt kurzangebunden und stürmt den Weg weiter, aus dem ich gerade komme. Ich rufe ihm nach, dass der falsch ist, aber er hat Kopfhörer auf. Ich pfeife und schreie, aber ohne Erfolg. Und ich lege jetzt keinen Sprint für ihn hin.

Ich bin erleichtert, als ich ihn Stunden später in einer Wiese am Wegesrand mit Marco sitzen sehe. Offensichtlich hat sein Weg schon auch irgendwohin geführt, sonst hätte ich noch ein schlechtes Gewissen gehabt, zumal er mir bestimmt arglistige Täuschung unterstellt hätte.

Die Sonne scheint richtig heftig, die Wiesen sind wieder unglaublich grün, wir passieren nur winzige Weiler und laufen über Trittsteine in Flussbetten, eingerahmt von Weidezäunen aus aufgeschichteten Steinen. Mein Kopf ist wieder frei und sonnig. Ich habe Frieden mit den Erkenntnissen geschlossen und fühle mich damit sogar besser. Ich habe das Gefühl, ein deutlich zustimmendes Nicken von Gott bekommen zu haben, und mit dieser Unterstützung kann ich getrost jeden Weg gehen.

Ich bin froh, als die Herberge endlich erreicht ist und ich etwas trinken kann. Nachdem mich die großen Städte auf den letzten hundert Kilometern immer eher frustriert haben, habe ich mich diesmal für die kleinen Orte mit den 20-Betten-Herbergen entschieden – wenn auch auf Kosten von Einkaufsmöglichkeiten. Ich bin positiv überrascht von der Xunta-Herberge, einer der aus dem Boden gestampften Herbergen der galicischen Landesregierung. Alles ist sehr sauber und nett eingerichtet, die Betten sind aus hellem Holz und wieder mit den wunderbar dicken Matratzen; es gibt eine Küche (wenn auch typischerweise so gut wie ohne Geschirr) und einen großen Aufenthaltsraum, die Hospitalera ist nett und verbreitet eine persönliche Atmosphäre. Vor allem der Atmosphäre zuträglich sind die warmen Sonnenstrahlen. Ich setze mich auf die warmen, dunklen Steinplatten vor der Herberge und widme mich meinen reichhaltigen Vorräten.

Heute sehe ich viele neue Gesichter. So ganz in Plauderlaune bin ich noch nicht und habe eigentlich lieber meine Ruhe. Trotzdem passt es ganz gut zu meinem gefühlten Neuanfang.

Gegen Abend kommen Sanne und Marco zusammen angeschwebt. Beide sind mittlerweile toll gebräunt und strahlen mit der Abendsonne um die Wette. Jeder für sich allein hat eine besondere Ausstrahlung, von Verständnis und Feingefühl, aber zusammen bilden sie eine recht massive Einheit von Harmonie und Synergie. Beide sind so herzensgute Menschen und haben mich vom ersten Augenblick an irgendwie berührt, sodass ich nicht einmal Wehmut oder Neid verspüre.

Marco setzt sich zu mir auf die Steinplatten. Vermutlich hat ihn Sanne in Kenntnis gesetzt über meine aktuellen Schwierigkeiten. Er sitzt eine Weile einfach nur schweigend, anteilnehmend und verstehend. Dann erzählt er mir, warum er den Camino macht. Seine Probleme liegen ein wenig ähnlich. Mich überkommt ein starkes Gefühl von Verbundenheit und Begleitung; wie konnte ich gestern Abend denken, völlig allein ins Nichts zu fallen. Marco fällt auch nicht, sondern wir werden morgen einen weiteren Tag laufen und weiter kommen mit unseren Erkenntnissen. Und wir werden jeden Tag stärker und sicherer werden und unser Ziel immer klarer sehen. Woher kommt nur diese Gewissheit?

Sanne kommt dazu und fragt, ob wir alle zusammen in die einzige Bar des Örtchens gehen wollen. Ich lehne dankend ab und lasse die beiden allein gehen.

Ich schreibe und bekomme ein paar SMS, die eigentlich alles wieder umwerfen. Wo ist die Überzeugung von gestern hin, oder bin ich jetzt einfach nur wieder ein Feigling, der sich wie üblich bittere Neuerungen nicht eingestehen will? Irgendwie weiß ich langsam so gar nichts mehr, aber in den warmen Abendsonnenstrahlen macht mir das auch gar nichts aus. So wie Marco ruhig lächelnd sagt, er geht den Weg, um in sich hineinzuspüren und die Antworten zu finden, so bin auch ich im Moment überzeugt, dass ich sie finden werde. Ich spüre, dass mich die letzten Tage etwas massiv lenkt und beeinflusst, aber auch beschützt, und ich habe das Gefühl, dass ich einfach weiter auf dem Camino bleiben muss, einfach weitergehen und es zulassen, dann wird dieses Etwas mir meine Antworten zeigen.

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Als wir gestern zitternd und bibbernd in der kalten Herberge dem Regen und Schnee draußen zugeschaut haben, habe ich noch ironisch gewitztelt, dass ich mir in Triacastela als erstes eine große Tube Sonnenmilch kaufe. Ich hatte mich eigentlich auch schon damit abgefunden, dass wir jetzt in Galizien sind und dort nun mal eben meistens Regen vorherrscht. Umso schöner der morgendliche Blick aus dem Fenster – alles trocken!

Ich gebe Amber zum Abschied noch ihr Armband und mache mich auf den Weg. Es ist unheimlich schön mystisch; der Tag beginnt gerade, Nebelschwaden ziehen langsam in die Höhe, und hinter diesen kommt langsam die Sonne durch. Mal taucht die Sonne die Wiesen in gleißendes Licht, obwohl der Himmel selbst noch gewittrig dunkel ist, mal bescheint ein einzelner Lichtstrahl ein kleines Fleckchen inmitten von sonst eher trostlosem Grau in Grau. Ich kann mich kaum satt sehen.

Auch der Weg durch die Kastanienwälder ist einfach mystisch besinnlich, jeder Schritt fühlt sich gut und besonders an. Welch ein Kontrast zu den Tagen im Regen und ohne Motivation, bei dem man Kilometer um Kilometer abspult und nur das Ankommen im Kopf hat.

In Triacastela besuche ich den bekannten Supermarkt, kaufe mein verspätetes Frühstück und ein Glas Partysticks. Ich habe heute wieder viel an Kristian gedacht, und er hat fast täglich sehnsüchtig von diesem eingelegten Gemüse geschwärmt. Ich schreibe ihm ein Briefchen dazu und positioniere beides deutlich sichtbar auf dem Markierungsstein an der Abzweigung der beiden Wegalternativen. Ich denke, dass er einen Tag hinter mir ist. Vielleicht auch zwei. Aber wahrscheinlich überlebt mein Briefchen den nächsten Windstoß eh nicht.

Gegen Mittag erreiche ich Samos. Die Herberge hat noch geschlossen, aber die rüstige Lady aus England hat sich auch schon davor positioniert. Ich bin beruhigt, dass sie sich einen Teil des Weges mit dem Auto hat fahren lassen, sonst wäre sie mir wirklich unheimlich. Ich mache mich auf die Suche nach einem Supermarkt, beauftragt mit einem kleinen Brot und einer Tomate für das Vereinigte Königreich.

Während ich in der ersten Woche tagsüber so gut wie nichts gegessen habe, vernichte ich nun in Woche zwei unglaubliche Mengen. Ich habe ein hübsches Bänkchen neben dem Kloster mit Blick auf den sanft dahinfließenden Bach und fühle mich mal wieder sehr in mir ruhend.

Als es zu regnen beginnt und ich suchend nach einem Unterstand Ausschau halte, hat der Hospitalero ein Erbarmen und macht schon eine Stunde früher für mich auf.

Die Herberge ist sehr puristisch. Metallene Stockbetten in einem großen Raum mit biblisch anmutenden Wandmalereien. Neben dem Eingang ist eine Tankstelle und eine Hauptverkehrsstraße, und so riecht es auch. Außerdem gibt es keine Heizung, keine Küche und keinen Aufenthaltsraum, was die etwas kühle Atmosphäre noch unterstützt. Aber ich bin hier ja auch bewusst in einem Kloster abgestiegen.

Auch Sanne hat sich zu meiner Freude dafür entschieden. Wir waschen einträchtig Wäsche, ständig betreut von dem übereifrigen spanischen Hospitalero. Er hat sichtlich Freude an uns weiblichen Pilgerinnen und bietet sogar freundlich etwas Flüssigwaschmittel an. Glücklicherweise sind wir schon fertig, denn es hätte sich um das Bodendesinfektionsmittel gehandelt.

Die Wäsche können wir gegenüber der Straße aufhängen, und wie durch ein Wunder kommt mal wieder kurz die Sonne heraus. Sanne und ich liegen wortlos auf den Bänken und akkumulieren gute Energien. Soweit es eben an der Hauptstraße möglich ist.

Eine junge Deutsche trifft ein, sie hat ein Zelt dabei und ist in Pamplona gestartet. Mir kommen die ersten Sätze mit Kristian in den Sinn, und ich frage, ob sie zufällig „seine“ Deutsche mit dem Zelt ist. Ist sie, und sie ist ganz aus dem Häuschen, dass Kristian noch in der Nähe ist. In mir regt sich ein gewisser Widerwillen, als sie mir begeistert von ihrer Zeit zusammen erzählt. Sie ist ein unheimlich freundlicher, ausgeglichener, offener Mensch (zu allem Überfluss sehr hübsch und läuferisch sehr zäh), ich kann wirklich kein Haar in der Suppe finden und bin wohl einfach nur eifersüchtig.

Sie schleppt unglaublich viel Gepäck mit sich (sodass ich mich fast schon wie ein Versager fühle, weil mich meine wenigen Kilo manchmal ermüden), unter anderem eine Metalltasse, die sie mir leiht. Das Wasser in den Duschen ist so heiß, dass es für einen Tee reicht, und Teebeutel habe ich ja genug dabei. Die englische Lady kommt aus ihrem Schlafsack gekrochen und ist auch höchst erfreut über einen eigens für sie duschgebrühten five-o’clock-tea. Wir kommen ein bisschen ins Gespräch; sie ist pensionierte Kinderpsychologin, und in der etwas bedrückenden Atmosphäre der Herberge komme ich mir mit einem Mal vor, als befände ich mich in einer Therapiestunde. Sie kommt mir irgendwie allwissend vor und macht mir Angst. Ihre Andeutungen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, und plötzlich kann ich mir auch einen Reim auf alles machen. Ich habe das Gefühl, über Jahre hinweg so ziemlich alles übersehen und falsch interpretiert zu haben. Jetzt sehe ich plötzlich die schonungslose Wahrheit und fühle mich komplett neben mir.

Um 19.00 gehen wir, geführt von dem stolzen Hospitalero, in den Klostertrakt und lauschen einer gregorianisch gesungenen Messe von etwa 20 Mönchen. Ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren und fühle mich, als ob ich jeden Moment umfallen würde. Ich bin heilfroh, als die Messe um ist, ich mich ins Bett fallen lassen kann und keinen mehr anschauen muss. Meine Mitpilgerinnen sind etwas überrascht, als ich das Abendessen mit ihnen ablehne, aber vermutlich sieht man mir an, dass ich im Moment andere Probleme habe.

Ich habe überhaupt keinen Boden mehr unter den Füßen und weiß nicht, wie ich die Nacht überstehen soll. Interessanterweise schlafe ich aber sofort ein, und als ich eine Stunde später wieder aufwache und auch den Rest der Nacht hauptsächlich wach liege, habe ich zwar die Gedanken präsent im Kopf, aber sie machen mir keine Angst mehr. Nichts dreht und rast und macht mich panisch; wahrscheinlich hat das feine Netz aus Zuckerwatte die Gedanken eingesponnen und hält sie ruhig in der Schwebe.

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Ich wache in der noch stockdunklen Herberge auf und spüre, dass Jelle auch schon wach ist. Es ist ein etwas komisches Gefühl, nur zu zweit zu sein, und nachdem wir gestern doch ziemlich viel geteilt haben, wissen wir heute nicht so recht, wie wir miteinander umgehen sollen. Wir umgehen die persönlichen Thematiken und reden betont sachlich über z.B. das Wetter. Die ganze Nacht hat es ziemlich gestürmt, auch jetzt peitscht noch Regen in alle Richtungen. Wir trinken zusammen einen Automatenkaffee, dann mache ich mich auf den Weg. Im Moment brauche ich wieder ein bisschen Abstand, aber Jelle scheint es zu verstehen; er läuft heute ohnehin über Samos, ich die andere Wegalternative.

In der Herberge habe ich ein vergessenes Fleecehalstuch gefunden. Wie geschaffen für mich und meine ständig reinregnende Halspartie. Nun habe ich nicht nur warme Ohren und eine trockene Stirn dank meinem Stirnband aus Astorga, sondern auch einen warmen und trockenen Hals. Es läuft sich exzellent durch den mittlerweile schon Alltag gewordenen Dauerregen.

Der Weg führt kleine, verwunschene Wege entlang, wieder durch kleine Weiler wie vor La Faba. Das Malerische wird nur getrübt durch den Regen, der sich nach einer Stunde sogar in Schnee wandelt. Ich stehe mitten im Nichts, kein Pilger weit und breit vor oder hinter mir, ich kenne den Weg noch nicht, und plötzlich rieselt harmlos und leise feiner Schnee. Innerhalb von Minuten ist alles flächendeckend eingezuckert, und wie mir plötzlich bewusst wird, auch alle Markierungen sind leise und still verschwunden. Die Wege gabeln sich alle paar hundert Meter, normalerweise kein Problem dank gelben Pfeilen auf dem Asphalt oder an Bäumen oder auf Steinen. Es hört schon wieder auf zu schneien, es ist also bei weitem nicht so eine bedrohliche Situation wie bei dem eisigen Schneesturm in den Bergen von Manjarín, aber ich fühle mich trotzdem extrem hilflos. Dieses leise, harmlose Zuckern hat fast etwas hämisches. Siehst Du, ein kleiner Hauch Schnee und Du bist ein Nichts.

Auch als Nichts finde ich glücklicherweise meinen Weg, ich erreiche Sarria und die mir bekannte Herberge. Ich warte im Flur, und wieder keine Menschenseele weit und breit. Die recht jungen Herbergseltern wohnen in der Wohnung über der Herberge, ich höre ihre kleinen Kinder lärmen. Ich setze mich ziemlich patschnass auf einen edlen Stuhl und warte geduldig, bis zufällig die Oma über mich stolpert.

Auch hier wieder ein supertolles Badezimmer nur für mich, ich verweichliche total. Frisch gewaschen stolpere nun im Gegenzug ich über eine weitere Pilgerin – es ist die lockige Französin, die mich so lange jeden Tag „verfolgt“ hat (bildlich gesprochen). Heute gibt sie jovial zu, dass ich schneller war. So sehr sie mir auf den Geist geht, so tut sie mir auch leid. Sie wirkt irgendwie, als würde sie gern mit jemandem reden, aber nachdem es nur immer über ihr tollen Leistungen geht, ergreift absolut jeder die Flucht. Ich mache mir einen heissen Tee, als mir der Gedanke kommt, ihr auch eine Tasse anbieten zu können. Sie ist mir dermaßen unsympathisch, aber vielleicht ist ja gerade das „Nächstenliebe“. Und die sollte ein guter Pilger ja schließlich beherrschen. So frage ich freundlich lächelnd, ob sie gerne eine Tasse hätte. Und sie lächelt höchst überrascht und auch höchst glücklich zurück. Und auch mein glückliches Lächeln kommt plötzlich ohne Kraftanstrengung.

Ich gehe ins Internet; José hat geschrieben, dass er jetzt in Madrid losfährt und gegen 18.00 in Sarria sein sollte. Ich gebe zum ersten Mal die Adresse von Pers Blog ein. Ich habe ihn gestern verloren, vielleicht liefert der Blog eine Erklärung. Ich bin erleichtert, dass wirklich eine aktuelle Seite zu finden ist. Der Text ist auf Dänisch, viel verstehe ich also auf die Schnelle nicht, aber ich lese etwas von Angelo – und dass sie alle zusammen in Fonfría gestoppt haben, weit vor Triacastela, und dass sie dann erst als heutiges Ziel Triacastela haben. Sie sind einen kompletten Tag hinter mir, das heißt auf dem Camino fast schon, dass man sich nicht mehr begegnet. Ich bin geschockt.

Ich gehe einkaufen, für ein oppulentes Paella-Mahl und für das Chaos-Cooking mit José am Abend. Auf dem Rückweg laufe ich Jelle in die Arme. Er freut sich total, mich zu sehen. Obwohl es regnet, bleiben wir mitten im Regen stehen (ich in meiner trockenen Nachmittagsmontur und ohne Regenausrüstung). Er hat heute klar Camino-Blues, es geht ihm gar nicht gut. Er ist in einer anderen Herberge abgestiegen, einer noch luxeriöseren, und da wären lauter Touristen, die nur über Taxi-Abkürzungen reden würden und zum Essen ausgehen würden. Ich muss irgendwie fast lachen, er wirkt so verzweifelt über Dinge, die er vor ein paar Tagen selber noch als völlig normal angesehen hätte. Ich bin irgendwie stolz auf ihn und seine Fortschritte. Er überlegt, ob er einfach seine Sachen packen und zu mir kommen soll. Ich bin überzeugt, dass ihm dieser Tag sehr gut tun wird. Manchmal braucht man die Verzweiflung und Entbehrung und das verlorene Gefühl, um den Camino in seiner vollen Besonderheit erfahren zu können. Ich verstehe ihn nur zu gut, ich sehne mich auch immer nach irgendwelchen netten, bekannten Mitmenschen, die mir aus Tiefs helfen. Aber am beeindruckendsten sind zweifellos die Tiefs, aus denen man sich selber heraushilft oder bei deren Bewältigung man eine ganz besondere Hilfe erfährt.

In der Herberge mache ich einen kleinen Mittagsschlaf. Ich habe viel zu viel Zeit, bis José endlich kommt. Und warten fühlt sich auf dem Camino einfach nicht gut an.

Als ich wieder aufwache, packt gegenüber von meinem Bett eine recht beeindruckende Erscheinung ihren Rucksack aus. Die Dame ist in meinem Alter, optisch aber das totale Kontrastprogramm. Die beeindruckende schwarze Mähne ist zu einem noch beeindruckenderen perfekten Turm gebändigt, das Gesicht ziert trotz aktuellem Nieselregen ein beeindruckender (ebenfalls sehr perfekter) Lidstrich in Bleistiftdicke. An ihrem Rucksack nesteln überlange (perfekt lackierte) Fingernägel herum, und ich komme nicht umhin, geistig den Namen des Herren zu missbrauchen.

Leider detektiert sie mich auch noch zielsicher als Landsfrau und verwickelt mich in ein Gespräch, während ich mit meiner Paella in der Küche festgenagelt bin. Ich erhalte eine satte Lektion in Sachen Schubladendenken; den perfekten Fingernägeln hätte ich höhnisch maximal einen Tag gegeben, aber sie ist seit Saint Jean unterwegs, und das mit 30-35 km pro Tag. Sie ist ein harter Knochen, und dabei noch perfekt auszusehen, Respekt. Ebenso wie die etwas künstliche Fassade ist auch ihre Art; sie scheint zwar nett zu sein, aber so recht öffnet sie sich nicht. Sie blockt ziemlich viel ab oder wirkt hinter dem dicken Lidstrich vielleicht auch einfach erhaben unnahbar. Mit unnahbarer Mimik und ohne Lächeln fragt sie dann auch, ob wir nicht zusammen kochen wollen. Mir tut es leid, es ablehnen zu müssen, ich bin ja schon mit José verabredet. Sie wirkt doppelt unterkühlt und meint, das wäre kein Problem. Ich habe das Gefühl, dass sie mir nicht glaubt und das Gefühl hat, dass ich sie nicht mag. Das trifft es absolut nicht und hinterlässt ein mulmiges Gefühl bei mir.

Die Zeit bis zum Abend wird mir ewig lang. Die Herberge füllt sich, mein Schlafsaal ist schon voll belegt, allerdings nur mit Leuten, die ich nicht kenne. Und so richtig neu kennenlernen will ich heute auch niemand mehr, nicht, dass ich noch weitere gemeinsame Pläne ablehnen muss.

Ich setze mich ein bisschen in die Kirche, laufe ein bisschen ziellos durch die Stadt und bin schon ziemlich frustriert von der Warterei, als ich vor 7 beschliesse, jetzt einfach in die Messe zu gehen. Kurz vor der Kirche läuft mir dann wie auf Kommando mein strahlender kleiner Spanier in die Arme. Er sieht super aus, ganz ungewohnt ohne Pilgerklamotten, sondern in stylischer Jeans und Jacke. Ich will ihm schnell noch die Herberge zeigen, dass er noch vor der Messe einchecken kann, aber er meint ganz ruhig und leise, dass er nicht in die Herberge geht. Ich kapiere nicht so recht; er meint, er wäre ja mit dem Auto gekommen und kein echter Pilger. Ich sehe das Problem nicht, er kann sich dort sogar einen neuen Pilgerausweis machen lassen. Nein, er pilgert ja auch nicht. Auch ab morgen nicht. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Er meint ruhig, leise und beängstigend bestimmt und unumstößlich, dass das Pilgern ja meine Sache ist und er da nicht stören will. Ich kriege einen totalen Rappel; zwar habe ich ihm wirklich in Ponferrada geschrieben, dass ich es komisch fände, wieder mit ihm zu laufen, wo ich doch mühsam Abschied genommen habe. Aber der Abschied ist doch eh komplett für die Katz, nachdem er wieder da ist und in meinen Gedanken rumschwirrt. Ich rege mich furchtbar auf, am liebsten würde ich ihn grade wieder zurückgehen lassen, so wütend macht mich, dass er mich um zwei erhoffte Tage Pilgern mit ihm bringen will. Aber wie so oft ist er komplett stur, das merke ich. Er ist in allem ganz leise und entschieden und lächelt traurig. Im Endeffekt tut er es für mich, aber ich habe in dem Moment keinerlei Lust, das positiv zu sehen.

Wir gehen zur Messe, wobei ich das Gefühl habe, dass jeden Moment mein Kopf rauchend explodiert. Auf der anderen Seite sehe ich Jelle, aber er schaut immer stur geradeaus und trifft meinen Blick nicht.

Im Lauf der Messe werde ich wieder ruhiger und bin wieder ganz im Bann von Josés faszinierendem Glauben und seiner schlafwandlerischen Sicherheit in Gottesdiensten. Er weiss immer als allererster, wann aufzustehen oder hinzuknien oder was zu beten. Er strahlt so ein Zugehörigkeitsgefühl zu allen Kirchen aus, mit ihm kann man sich dort nur einfach völlig wohl und besonders fühlen.

Als alles gegen Ausgang strömt, bleibt Jelle in seiner Bank stehen. Ich vertröste José geschwind und robbe zu ihm hinüber. Ich frage, ob alles okay wäre. Er meint, er würde sich freuen, dass ich meinen Spanier wieder hätte. Merkt man kollosal. Er drückt mir noch einen Zettel in die Hand, den ich erst draussen lesen darf.

Ich rechne schon mit dem Schlimmsten, ohne zu wissen, was ich mir darunter vorstelle. Jelle schreibt mir, dass er sich den ganzen Tag ganz schrecklich gefühlt hätte, einsam, und dass er dann in die Kirche gegangen wäre und auf dem Vorplatz gesessen hätte und viele Stunden geweint hätte, zum ersten Mal in sehr vielen Jahren. Eigentlich ist es ein schöner Brief, ich habe ein Stück weit kommen sehen, dass er diesen Tag so erleben würde, und ich weiss auch, dass er diese Erfahrung hinterher sehr zu schätzen wissen wird. Trotzdem fühle ich mich total zerrissen, nicht kurz mit ihm darüber sprechen zu können, sondern mit einem schon wieder sehr selbstzufriedenen José zu seinem Hotel zu laufen.

Es windet und ist kalt, aber José findet, ich muss da kurz mit, schließlich will er ja möglichst viel Zeit mit mir verbringen. Ich spare mir hässliche Gedanken, ob ich mir deswegen jetzt den Tod holen muss, nur weil er tagsüber nicht mit mir pilgern kann, aber eigentlich bin ich schon wieder versöhnt mit ihm.

Er erzählt mir ganz wunderschön, wie seine letzten Tage auf dem Camino waren, nachdem wir uns getrennt hatten. Bereits am ersten Tag hätte es abends Probleme gegeben, einem Deutschen wäre Geld entwendet worden, und der hätte dann ihn verdächtigt. Ich sehe alles plastisch vor Augen, so emotional schildert José alles. Er hätte sich nicht erklären und verteidigen können, er hätte immer nur gedacht, wo ich denn wäre, um ihm zu helfen und dass ich alles hätte geraderücken können. Er wirkt auch jetzt noch ehrlich schockiert und verletzt, wie jemand ihn verdächtigen kann (wirklich schwierig, wenn man ihn kennt), wo er doch ein Bankdirektor und Christ ist. Zum Glück wäre der dänische Donner dann noch in die Herberge gekommen, der ihn ja gekannt hätte und der der aufgebrachten Menge versichern hätte können, dass es sich bei meinem armen Spanier um einen guten Menschen handelt. Vermutlich war auch einfach sein erklärendes Englisch hilfreich. José ist immer noch total erschüttert und traumatisiert von diesem Missverständnis, ich lache mich dagegen halb kaputt.

Wir buchen schnell Josés Zimmer, dann geht es endlich wieder Richtung warme Herberge. Wir stürmen euphorisch durch die Strassen, und ich bin erleichtert, dass alles wieder so unbeschwert und ungezwungen ist wie eine Woche vorher.

In der Herberge fragt José erstmal höflich, ob er überhaupt mit mir dort essen kann. Kein Problem, trotzdem legt er noch einen drauf und schäkert wieder eine halbe Stunde mit den Hospitaleras. Mir ist das ganz recht. Die perfekte Turmfrisur ist nämlich auch in der Küche zugange, und ich bin froh, nun doch noch ein bisschen mit ihr reden zu können und ihrer Fassade zu vermitteln, dass ich sie gern hab. Ob es zu ihr durchdringt, weiß ich nicht.

Die Herbergsmama läuft den Gang entlang, stockt auf dem Absatz und beäugt mich intensiv. Ob ich schon mal dagewesen wäre?! Mich überrascht ja nichts mehr.

Wie schon im Vorjahr gibt es auch dieses Jahr wieder ein uriges Kaminfeuer in einem kleinen Aufenthaltsraum. Wieder gibt es hauseigene Alkoholika zum probieren, allerdings bin ich mit den Gedanken diesmal ganz bei José. Er erzählt gelöster als auf dem Camino von seinem Leben und seinen Plänen und Träumen und Zweifeln; es ist ungewohnt und schön, ihn so viel von sich erzählen zu hören. Ich könnte ihm ewig zuhören. Wir halten uns wieder an den Händen, vielleicht fließt darüber ganz viel Energie. Oder durch seine Augen oder seine beeindruckende Präsenz. Wie bei unserem ersten Gespräch bin ich erfüllt von Freude, Hoffnung, Stärke und Glauben.

Das hält auch noch an, als er sich in sein Hotel verabschiedet und ich in mein Pilgerbettchen gehe. Ich bereue höchstens, dass ich nicht am Nachmittag schon etwas besser ausgepackt habe. Dafür, dass 9 andere schon tief und fest schlafen, mache ich für meinen Geschmack deutlich zu viel Lärm.

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Wieder starte ich spät, frühstücke in Ruhe meine fettigen, süßen Magdalenas und laufe erst los, als es hell, wenn auch noch etwas dunstverhangen ist.

An meiner Weggabelung nach Samos finde ich mich alleine auf meinem Weg wieder. Einerseits laufe ich ungern hinter Rucksäcken her, andererseits beschleicht mich bei allzu viel Einsamkeit immer die Angst, dass ich eine Abzweigung verpasst haben und fernab des Caminos in eine falsche Richtung preschen könnte.

Fast schon erschrecke ich ein bisschen, als plötzlich hinter mir ein kleiner Pilger auftaucht. Er läuft ein ähnliches Tempo wie ich, und nachdem mich das irritiert, mache ich ein Vesperpäuschen, um ihn vorbeiziehen zu lassen.

Die morgendliche Ruhe ist unheimlich schön. Alles liegt im Nebel, wirkt gedämpft und wie in Watte gepackt. An manchen Stellen brechen einzelne Sonnenstrahlen durch den Nebel, sodass ich meinen Foto alle 5 Minuten auspacken muss. Leider tut das auch der kleine Pilger vor mir, sodass ich immer wieder auf ihn auflaufe. Ich entschließe mich, ihn dann doch zu überholen, aber keine Chance, beim nächsten Fotostop überholt er mich wieder, um 10 Meter weiter stehen zu bleiben und selber zu knipsen. Gut eine Stunde verbringe ich mit unangenehmen ständig nebeneinander herlaufen, was wohl nicht nur mir irgendwie unangenehm ist.

Irgendwann schaffe ich es dann doch, mir meinen Freiraum zu erlaufen, und erreiche Samos in der so geschätzten Einsamkeit. Der große Klosterkomplex liegt in sonniger, nebliger Ruhe, davor grasen einige imposante Ur-Rinder, ein stiller Fluss rahmt die malerische Kulisse ein.

Im Kloster selber treffe ich Andi wieder, der schon für die erste Führung Schlange steht. Wie so oft auf diesem Camino kann ich mich nicht dafür erwärmen, in meinem Pilgerrhythmus gestört zu werden und den Vormittag mit etwas anderem zu verbringen, als zu laufen. Kaum bin ich wieder auf der Straße und lasse Samos hinter mir, ärgere ich mich aber gewaltig über mein Kulturbanausentum und die verpasste Chance, wo ich doch nun schon mal da war (und im Gegensatz zu der Templerburg in Ponferrada auch nicht Stunden, sondern nur 10 Minuten hätte warten müssen).

Auf dem Weg begegne ich keiner Menschenseele, und prompt verlaufe ich mich auch. Statt der angekündigten Mini-Etappe, bei der ich schon befürchtet habe, nach einer Stunde Asphaltstraße hinter Samos mein Ziel erreicht zu haben und wieder von einer läuferischen Unzufriedenheit heimgesucht zu werden, geht es wild und schön kreuz und quer durch die Bergwelt. Ich laufe flottes Tempo, und trotzdem erreiche ich Sarria erst am frühen Nachmittag.

Den Herbergen hier merkt man die größere Stadt oder zunehmende Nähe zu Santiago an – zwar waren alle meine bisherigen Herbergen für meinen Geschmack vertrauenserweckend, sauber und gemütlich, aber das hier sind richtiggehende Hotels. Meine geplante Wunschherberge macht mir prompt gleich etwas Angst, weil der Empfang auch an ein Hotel erinnert, der Begrüßungstrunk am Abend, Fußmassage sowie Kaminfeuer inklusive sind und ich das dumpfe Gefühl habe, dass sich das nicht mit den 7 Euro in meinem Führer vereinbaren lässt. Hat aber wirklich alles seine Richtigkeit, und so genieße ich schon wieder das Duschen in einem riesigen Badezimmer nur für mich.

Mein Zimmer ist schon reichlich belegt, sodass mir zum ersten Mal nur ein Platz im oberen Stockbett bleibt. Während ich beeindruckt die schmucke Herberge erkunde, treffe ich auf meine Ladies, die trotz moderatem Tempo schon seit Stunden vor Ort sind. Irgendetwas muss ich falsch gemacht haben, denn außer mir hatte bei der Samos-Route niemand das Gefühl, 7 Stunden strammen Marsch hinter sich zu haben.

Meinen Lieblingsplatz entdecke ich auf der Dachterasse der Herberge, auf der dunkelblaue Liegestühle unter einer mit Wein umrankten Pergola stehen. Zu der Begeisterung über so viel Luxus mischt sich allerdings auch das dumpfe Gefühl, dass ich mit dem echten Pilgergefühl ja doch eher das Spartanische, Entbehrliche verbinde und demnach ein wenig davon entfernt bin.

Steffi bevölkert einen Liegestuhl im Schatten, und enttäuschenderweise geht es ihren Stichen auch nicht mit den Tabletten besser, die wir ihr hoffnungsfroh zusammen in Triacastela gekauft haben. Sie ist allerdings nicht mehr halb so verzweifelt und panisch wie ich, sondern der Inbegriff von Schicksalsergebenheit. Sie glaubt schon fast nicht mehr, dass Bettwanzen die Ursache sind, sondern eher an die Theorie einer Mitpilgerin, dass sich manchmal inneres Seelenleid über die Haut seinen Weg nach draußen bahnt. Wenn es so sein soll, soll es wohl so sein, sie zuckt nur mit den Schultern. Sie ist kein Mensch, der viel von sich preis gibt, sondern eher zurückhaltend, so überrascht es mich, dass sie mir doch einen gewissen Einblick in ihr bisheriges Leben gibt. Sie hat ihr Studium ein Semester vor Ende abgebrochen, weil sie das Gefühl hatte, dort nicht hineinzupassen. Seither jobbt sie sich gerade so durchs Leben, und wie es scheint, war es nicht völlig problemlos für sie, sich deswegen nicht wie ein Versager zu fühlen. Ich bin tief beeindruckt und sehe sie als das genaue Gegenteil eines Versagers. Ich bin immer den direktesten Weg gegangen, habe alles konsequent fertig gemacht, was ich angefangen habe, halte an allem fest, was ich nun eh schon lange gemacht habe, ob nun Beruf, Beziehung oder Verhalten. Mir ist klar, dass das keinerlei charakterliche Größe erfordert, und mir schwant auf diesem Weg, dass es auch nicht die schlauste Art ist, um glücklich zu werden. Auf jeden Fall benötigt man zu solchen Eingeständnissen und Entscheidungen richtig viel Mut, und den habe ich definitiv noch nicht.

Auch Bärbel wird magisch von den tollen Liegestühlen angezogen, allerdings ist sie heute anders als sonst. Irgendwann bricht aus ihr heraus, ob ich eigentlich auch schon mal diese Männer gesehen hätte. Ich vermute, dass es sich um Exhibitionisten handeln könnte, über die ich in meinem Führer gelesen habe. Es soll entlang des Weges viele davon geben, sodass ich mich im Vorfeld gedanklich darauf eingestellt habe. Begegnet bin ich aber noch keinem. Bärbel hatte heute schon ihren zweiten und ist ziemlich mitgenommen. Ich bin in erster Linie baff über die Details. Eine ältere, ebenfalls deutsche Pilgerin schaltet sich ein und erzählt von ihren Begegnungen dieser Art. Wie die Österreicher am Anfang gehört auch sie zu den Menschen, die faszinierend in sich zu ruhen scheinen und offensichtlich ihren Frieden gefunden haben. Statt meiner erdachten Reaktion (einer nicht näher definierten Kombination aus Brüllen, Pfefferspray und meinen Stöcken) lerne ich, dass man höflich auf die Herren einredet, unter Umständen auch mal deutlicher wird und in forschem Ton darauf hinweist, dass man sich belästigt fühlt (was ich mir bei der gütigen, kleinen Deutschen bildlich vorstellen kann). Bei ihr wendete sich der Herr dann aber erst ab, als sie in ihrer Verzweiflung anfing, sich zu bekreuzigen. Ich stehe etwas neben mir angesichts dieser offensichtlichen Exhibitionisten-Invasion entlang meines bisher so friedlich empfundenen Caminos. Außerdem fällt es mir schwer zu verstehen, warum gerade diese beiden sensiblen und im Umgang mit Männern vielleicht eher zurückhaltenderen Frauen diese Erfahrung machen mussten.

Am späten Nachmittag mache ich mich wie üblich auf die Suche nach einem Supermarkt. Eigentlich habe ich mich schon daran gewöhnt, nur nach einem „mercado“ zu fragen, und nachdem ich ja eh immer nur meine Basisausstattung kaufe, reicht das auch. Aber der mercado in Sarria verdient wirklich den Vorsatz „super“! Ich habe das Gefühl, dass es hier wirklich alles gibt und bin ganz hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und Wehmut. Ich erinnere mich an Erzählungen meines großen Bruders, der einige Zeit in Spanien verbracht hat und von den dortigen Tiefkühlabteilungen geschwärmt hat, in denen man problemlos einzelne Meeresfrüchte bekommt, sodass Paella ein Leichtes ist. Interessehalber schaue ich auch hier in die Kühltruhe – und verliebe mich spontan in einen Paella-Bausatz voller Muscheln, Beinen, Fühlern, Tentakeln und Saugnäpfen.

So koche ich also abenteuerlustig und todesmutig die erste Paella meines Lebens, und sie schmeckt auch wirklich grandios. Offensichtlich sieht sie auch so aus, denn Andi zieht auch gleich los, sich so ein Starterpack zu kaufen. Anschließend macht er mir den Mund wässrig mit seinen Berichten über das Kloster Samos, und beruhigenderweise hat auch er sich verlaufen. Sein Weg ging auch länger als geplant, und er musste zudem noch über eine Viehweide rennen.

Trotz vorgerückter Stunde bekomme ich auf Nachfrage noch die Aqua-Fußmassage erklärt, allerdings hält sich der Genuss in Grenzen und kommt wohl besser zur Geltung bei noch dampfend heißen Pilgerfüßen.

Als umso netter entpuppt sich dafür der kleine Raum mit dem offenen Kamin, in dem sich alle Pilger bei drei Sorten spanischer Alkoholika versammeln.

Später als sonst finden wir heute erst gegen 23:00 ins Bett. Meine Zimmerbesetzung ist durchweg sympathisch; außer Steffi, Bärbel und der sich bekreuzigenden Deutschen tummeln sich unter mir auch zwei ältere Briten, denen es an Humor, Lebensfreude und Lautstärke nicht mangelt. Nur Andi scheint in einem anderen Zimmer untergebracht zu sein, aber nachdem ich fürchte, dass er beeindruckend schnarchen könnte, bin ich darüber auch nicht wirklich traurig.

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