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Archive for Juni 2008

Das morgendliche Rumoren heute ist lauter und intensiver und früher als sonst. Während ich mir die Ohrstöpsel nochmal nachdrücke und gemütlich den Schlafsack über die Ohren ziehe, verstehe ich, dass diese Pilger die 12-Uhr-Messe anstreben. Als ich mich gegen 8 auf den Weg mache, bin ich folglich auch eine der letzten. Aber nachdem mein Tagesziel ohnehin nur Monte de Gozo ist, habe ich heute alle Zeit der Welt.

So fühlt sich das Laufen heute auch anders an als sonst. Nicht mehr die Weite des Caminos, die fast Unendlichkeit bis zum Ziel dominiert, sondern es geht schon durch die Vororte von Santiago, entlang an unzähligen Rundfunkgebäuden. Dadurch, dass ich nicht zügig laufe, um die Strecke sicher zu schaffen und einen Platz in der Herberge zu haben, kommt mir heute alles wie in Zeitlupe und in Watte gepackt vor.

Trotzdem bin ich sehr schnell am Monument des Papstes auf dem berühmten Freudenberg. Aber zum einen gefällt mir das klotzige Monument überhaupt nicht, ich bringe es nicht einmal fertig, ein Foto dieses wichtigen Ortes zu machen. Und die Kathedrale sehe ich leider auch nicht. Das heisst, ich sehe so viele Kirchturmspitzen, dass ich nicht wirklich weiss, welches jetzt nun diejenige Welche ist, über die ich Freudenschreie ausstossen soll.

Bärbel trifft ein, wir vespern einträchtig ein paar Kekse, bevor sie Richtung Santiago weiterzieht, während ich mir noch einige Minuten gebe, bevor ich meine Herberge hier oben vor dem eigentlichen Ziel in Augenschein nehme. Der Komplex ist riesig, fast ein bisschen schick. Ich überblicke nicht so recht, welcher der vielen identischen Blöcke jetzt die Herberge ist. Auf alle Fälle öffnet alles erst in 2 Stunden, sodass ich noch durch das kleine Einkaufszentrum bummele (das aber auch noch im Dornröschenschlaf liegt und eher Automaten und Kioske als Pilgerselbstversorgernahrung nach meinem Geschmack bietet).

Plötzlich überkommt mich ein ganz merkwürdiges Gefühl, ich stürme regelrecht von der Anlage weg und suche hektisch die Wiederaufnahme des Caminos. So schön meine eigenständigen Pläne auch waren, so gern ich mich immer zurückgelehnt habe und mich auf meine langangelegte Planung berufen habe, so deutlich wird mir nun auch, dass man manchmal auch spontan die Pläne ändern muss. Für den Moment kann ich mir einfach absolut nicht vorstellen, in Steinwurfweite von Santiago zu übernachten, in einer seelenlosen Anlage, während das Herz und die Seele bereits so stark von Santiago angezogen werden, dass es weh tut.

Ich überschreite eine Eisenbahnbrücke, als auf der anderen Strassenseite ganz unspektakulär das Ortschild von Santiago auftaucht. Viele Autos befahren die Strasse, ich bin der einzige Pilger weit und breit, und doch ist das hier das Strassenschild, das ankündigt, dass ich da bin, dass ich an meinem Ziel angekommen bin?!

Ich durchquere die Strassen Richtung Innenstadt, und es fühlt sich weiter unwirklich an. Hier bin ich nicht nur im Pilgerziel Santiago, hier hat nicht alles seinen rührseligen Höhepunkt, sondern hier ist vor allem eine grosse Stadt, ein kulturelles Ballungszentrum, ganz viele Leute – und die kümmern sich überhaupt nicht um Pilger. Während am Weg alles auf Pilger ausgerichtet ist, aus Pilgern, deren Herbergen, Einkaufs- und Einkehrmöglichkeiten zu bestehen scheint und man sich fühlt, als wäre man mindestens einige hundert Jahre in der Zeit zurückversetzt, befinde ich mich hier einfach wieder in der Jetztzeit, im normalen Leben. Kein „buon camino!“, kaum mehr gelbe Pfeile, kein Gefühl mehr, als würde man auf einer riesigen Welle aus Pilgern hin und her getragen. Zudem überfordert mich diese grosse Stadt mit ihrem normalen Gang der Dinge, ich habe Mühe, den Weg und die Herbergen zu finden.

Gegen 1 Uhr habe ich nach vielem Fragen die Herberge in einem ehemaligen Priesterseminar gefunden; heute verwundert mich auch nicht weiter, dass es sich um einen riesigen (durchaus schicken) Kasten handelt, der von einem Metallzaun umzäunt ist, und dessen Tor nach Klingeln und Videokamerakontrolle wie von Geisterhand aufgeht.

Ich dusche mich schnell und mache mich auf Richtung Kathedrale. Kurz vor der Herberge kommt mir der Franzosenclan entgegen, rundum verschwitzt, verausgabt, aber fast irre vor Freude, in der Hand die Compostelas, frisch von der Messe. Sie gratulieren mir überschwänglich zum Erfolg und sind so aus dem Häuschen, dass ich mich einfach nur richtig leer und fremd und ausgestossen fühle. Hab ich doch noch nicht mal die Compostela, bin ich schon frisch geduscht, ohne meinen Rucksack… wo bin ich denn noch Pilger, ich fühle mich wie ein Tourist.

Ich finde die Kathedrale und fühle mich weiterhin verloren. Die Kirche ist gestopft voll von Touristengruppen mit Führern, die wild mit Regenschirmen in die Höhe recken und mit lauten Rufen die anderen Führungen überschreien. Als ich eine Bank gefunden habe und wie üblich beten will, beäugen mich neugierig zahlreiche Touristen. Mir gelingt keinerlei Verbindung zu Gott, ich kann noch nicht mal für etwas danken oder bitten. Und Tränen vergiessen will ich zur Freude der interessierten Pilgerzoobesucher auch nicht.

Ich reihe mich in die lange Schlange vor dem goldenen Jakobus ein, um meine Pilgerreise mit dem Fussküssen zu beenden. Leider gibt es da weit und breit keinen Fuss, ich habe da wohl etwas verwechselt, und bevor ich noch dazu komme, zu überlegen, was man dann an der Statue machen könnte, drängt schon die wartende Masse von hinten weiter. Es passt prima zu meinem heutigen Gesamtgefühl.

Ich gehe meine Compostela im Pilgerbüro abholen und dann erstmal auf die Suche nach einem Supermarkt, der mir wie üblich wieder ein Gefühl von Geborgenheit vermittelt und meine Laune hebt. Mit vollen Taschen und Compostela lasse ich mich auf dem Platz vor der Kathedrale nieder und fühle mich schon eher wieder wie ein Pilger und als hätte ich meine Bodenhaftung wieder etwas gefunden.

Ich bitte einen Italiener, ein Foto von mir vor der Kathedrale zu machen. Er macht eine fürchterliche Wissenschaft draus, es möglichst perfekt zu arrangieren. Ich werde immer weiter weg dirigiert, und zwar ist dann die Kathedrale perfekt zu sehen, dafür ich nicht mehr. Ich erinnere mich an den 100-km-Stein mit der gütigen Deutschen und ihrem entrüsteten „ach, das wichtigste bist doch Du!“. Der Mann ist eben kein Pilger, und ich bin nicht mehr im dicht gewobenen Netz der Camino-Wunder, der Magie und des speziell behüteten und geborgenen Gefühls.

Mit derselben Wehmut und Traurigkeit sitze ich lange auf dem Platz und sehe Pilgerscharen ankommen. Manche rennen die letzten Meter, viele fallen sich überglücklich in die Arme, werfen sich auf den Boden, samt Rucksack, und schauen erst einmal die Kathedrale in aller Pracht an. Sie entdecken Freunde, sie rufen und lachen ausgelassen, man kann schon fast von einer Pilgerhysterie sprechen. Und ich sitze frisch geduscht fern von meinem Rucksack und meinen Freunden da.

Irgendwann, als ich schon auf dem Weg zu den vielen Souvenirläden bin, entdecke ich Bärbel inmitten der Menschenmengen. Ich freue mich unsagbar und klage ihr mein gesamtes unzufriedenes Seelenleben. Sie meint recht lapidar, aber durchaus berechtigt, dass mein Camino bewusst allein angelegt war, sodass dieses Ende nun auch so stimmig ist und ich kein Recht habe, mich wegen mangelndem „mit Freunden überglücklich in die Arme fallen“ zu beklagen.

Trotzdem freue ich mich, sie getroffen zu haben, und als dann auch noch  Sun aus dem Nichts auftaucht, bin ich erst einmal glücklich. Aber anders als auf dem Camino haben hier nicht mehr alle ein Ziel, sondern Bärbel will Klamotten kaufen, Sun braucht erst einmal eine Herberge, ich will Souvenirs schauen, und wenn ich es mir recht überlege, wäre ich jetzt am liebsten eigentlich wieder allein mit mir und meinem Rhythmus. So stosse ich mal wieder Bärbel vor den Kopf, schleuse Sun in die Herberge und ergreife die Flucht, während sie eincheckt und duscht.

In der Innenstadt finde ich mich unerklärlicherweise mit schlafwandlerischer Sicherheit zurecht und fühle mich erstaunlich heimisch. Die Touristenmeile besteht aus bestimmt 40 reichlich identischen Läden mit einem definitiv identischen Sortiment, ich kaufe meine Postkarten und Kacheln mit gelben Pfeilen und Muscheln nach langem Überlegen bei den freundlichsten Ladeninhabern. Neben diesen Kacheln liegt mir ein Rosenkranz für meinen Freund sowie ein silberner Muschelanhänger für mich sehr am Herzen; ich weiss noch nicht genau, was ich mir vorstelle, aber so wie das, was es gibt, stelle ich es mir definitiv nicht vor.

In den Strassen entdecke ich Andi – wie soll es anders sein, sitzt er in einem Café. Und anstatt die gewonnene Zeit dafür zu nutzen, schon mal wie geplant nach Finisterre zu laufen, hat er beschlossen, 3 Tage in Santiago rumzulümmeln, um dann mit mir zusammen das Finale angehen zu können. Mein erster Gedanke ist wenig begeistert, ich suche schliesslich die tiefschürfenden, bewegenden Momente und Erfahrungen alleine, während Andi die Bocadillos und das leibliche Wohl sucht und jeden Hauch von Spiritualität und dem Besonderen gekonnt im Keim erstickt.

Der Tag ist merkwürdig, ich fühle mich irgendwie um meinen grossen Abschluss betrogen. Statt des Höhepunktes an Gefühlen, Gottesnähe und Glücksgefühl fühle ich mich entwurzelt, allein und unwirklich. Zwar geht es für mich glücklicherweise noch weiter, eigentlich war von Anfang an das Meer, Finisterre mein Abschluss und Ziel, aber auch da will im Moment nicht so die grosse Freude aufkommen. Meine lieben Freunde Sun und Bärbel bleiben in Santiago und fliegen zurück, Andi gluckt mir zu viel, und ansonsten fühlen sich auch nur eher zwiespältige Bekanntschaften dazu berufen, mir mitzuteilen, dass sie ja auch nach Finisterre wollen, wie schön. Vor allem habe ich den Eindruck, dass es derer bereits an die 100 sind, und nachdem es maximal 30 – 40 Plätze in den Herbergen gibt, schwant mir auf die letzten Tage nochmal ein grosses Hauen und Stechen.

So erlebe ich am Höhepunkt der Pilgerreise meinen persönlichen emotionalen Tiefpunkt.

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