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Posts Tagged ‘Foncebadón’

In aller Herrgottsfrühe schlappe ich als erste Amtshandlung in die Küche, um mein geliebtes (halbes) Bocadillo aus dem Kühlschrank zu holen. Um das nicht zu vergessen, habe ich mir mit meinen Socken sehr plakative Riesenschleifen an die Crocs gemacht. Brendan ist schon am Frühstückrichten und lacht.

Er meint, heute sähe es wirklich nach Regen aus. Das hat er gestern schon gesagt, aber nach so viel Sonne der letzten Woche habe ich es lachend beiseite geschoben. Und wenn, dann regnet es halt ein bisschen. Optimismus pur.

Heute zieht es mich mal wieder früh los. Ich verabschiede mich von Brendan und schaffe es nun doch noch, ihm mein Bändel zu überreichen. Erleichtert mache ich mich auf ins Dunkel.

Trotz oder gerade wegen der aufziehenden leichten Wolken ist der Sonnenaufgang wieder einmal beeindruckend. Wie so oft ist mir aber auch etwas mulmig mit den diversen Geräuschen im Dunkeln. Irgendjemand scheint hinter mir zu laufen. Bei einem weiteren Fotostopp stellt sich dieser Jemand als You-Seok heraus. Sie ist offensichtlich weniger ängstlich, sie hätte sich schon immer gewundert, was dieses rote Licht im Dunkeln ist. Während sie sich bei einem Fotolicht „wundert“, wäre ich sicher keinen Schritt weitergegangen, wenn mich aus der Ferne ein glutäugiges Ungetüm angestarrt hätte. Und dann noch einäugig glutäugig.

Auch dieser Abschnitt des Camino gehört zu meinen Lieblingsstrecken, und ich bin fast ein bisschen wehmütig, ihn so im Halbdunkel ohne geeignete Fotobeleuchtung runterzuspulen. Allerdings, da hat Brendan leider recht, nach ganz wolkenlos strahlendem Himmel wie gestern sieht es heute nicht aus.

Pünktlich zu Foncebadón kommt die Sonne so richtig heraus, und ich springe panisch zwischen den Ruinen auf und ab. Die Herbstfärbung, die goldene Morgensonne, die mystischen Ruinen… ein Gedicht. Auch wenn natürlich die Zivilisation Einzug gehalten hat und ich schon immer Umwege krakseln muss, um keinen dekorativen Müllcontainer im Bild zu haben.

Beim Anblick der Kirche werde ich schon wieder von Erinnerungen eingeholt; dieser Ort hat heute für mich eine ganze spezielle Atmosphäre, und ich würde am liebsten, ähnlich wie bei San Antón, ewig hier campieren. Die Wetter- und Wolkenlage dagegen veranlasst mich eher, das Cruz de Ferro schnell hinter mich bringen zu wollen. Auch damit verbinde ich Erinnerungen, wenn auch weniger ansprechende.

Als ich am Kreuz und am höchsten Punkt angekommen bin, weht bereits wieder ein sehr kalter Wind, alles ist grau in grau. In einem kleinen Unterstand optimiere ich erst einmal meine Zwiebelschichten und ziehe alles an, was ich dabei habe. Ich lege meinen Stein nieder.

Manchmal berührt mich dieser Ort unheimlich, fühle ich doch mit jedem Stein die Hoffnungen, Lasten und Herzenswünsche von vielen tausend Pilgern vor mir. Heute bleibt der Steinhaufen für mich ein Steinhaufen. Vielleicht liegt es am grauen Wetter oder meiner wenig rührseligen Stimmung.

Dafür beschließe ich, dass ein besonderes Bocadillo an einem besonderen Ort gegessen werden muss, schließlich brauche ich Energie, Kalorien und innere Wärme für den kalten Abstieg.

Während ich mich in beginnendem, feinen Nieselregen und jagenden Nebelwolken auf den Weg mache, registriere ich erstaunt, dass ich nicht einmal enttäuscht bin. Automatisch hätte ich erwartet, dass es mich frustriert, diesen wichtigen Punkt ohne mitreißendes Foto und große Gefühle hinter mir zu lassen. Statt dessen bin ich innerlich am Strahlen, wunderbar gelaunt und in erster Linie furchtbar dankbar über den Bocadillonachgeschmack und vor allem meine wunderbar warme, weiche Einpackung. Es ist grau und kalt, aber ich habe warme Fleecehandschuhe, ein warmes Fleecestirnband um die Ohren und meinen Mehrzweckschlauch bis unter die Augen gezogen. Regenjacke und Regenhose flattern im Wind, halten mich aber auch warm. Noch schöner als Freude über strahlenden Sonnenschein ist wohl das Empfinden von Freude über Kleinigkeiten.

Zu der Freude über Kleinigkeiten kommt ganz akut noch die Freude darüber, dass sich selbst in diesem mistigen Wetter immer wieder schöne Blicke ergeben und mich selbst die Macht der dunklen Wolken noch freut. Ich werde schon wieder furchtbar langsam vor lauter Schauen und Fotografieren und Genießen, so dass mich auf Höhe von Manjarín wohl so ziemlich alles überholt hat, was heute auf der Strecke ist. Auch das erfüllt mich mit einer seltsamen Freude. Sonst bin ich immer wie gejagt durch die Gegend geprescht, als erste los und als erste angekommen, am liebsten immer in der Einsamkeit vor dem großen Pulk. Neuerdings macht mir selbst der Pulk nicht mehr viel aus, vor allem ist es ein neues Gefühl, in der Einsamkeit hinter jeglichem Pulk zu laufen. Auf eine Weise bin ich begeistert davon, dass es so etwas wie Weiterentwicklung zu geben scheint.

Irgendwann ermüdet mich das endlose Grau dann doch ein wenig, zumal ich unter meiner zugezogenen Kapuze auch nicht allzu viel sehe. Nachdem es steil bergab geht, muss ich mich eh weitgehend auf den Weg konzentrieren. Als ich endlich mit El Acebo das erste Dorf erreiche, hat sich der Nieselregen in einen hartnäckigen Dauerregen verwandelt; die wenigen Pilger vor mir flüchten in Bars. Mir kommt der Pilger entgegen, dem ich seit Astorga oft über den Weg gelaufen bin und der mich immer so freundlich gegrüßt hat. Heute sagt er nach dem üblichen herzlichen „Hola“, dass wir ja wohl auch „Hallo“ sagen könnten, er wäre auch deutsch. Wegen des Regens hat er wider Erwarten beschlossen, in El Acebo zu bleiben. Morgen ist für ihn ab Ponferrada ohnehin Heimreise angesagt, er macht den Camino Stück für Stück in Etappen. Zum Abschluss fragt er noch, wie ich heiße – für die Akten und die Erinnerung, wie er fast entschuldigend hinzufügt. Wir wünschen uns einen letzten „buen camino“, ich bin fast etwas nachdenklich und bewegt. So, wie Steinhaufen Steinhaufen oder eine emotionale Welle sein können, so können auch Pilgerbegegnungen Begegnungen oder irgendwie mehr sein.

Dafür kippt jetzt etwas meine Wohlfühleinstellung zum Thema „warm verpackt durch Wind und Wetter“. Es schüttet fürchterlich aus Kübeln. Meine Fleecehandschuhe sind patschnass, ich kann sie triefend auswringen. Dazu zieht mir mal wieder die Feuchtigkeit innen die Ärmel hoch. Nachdem ich wenig Lust habe, meine beiden Fleecepullis nass zu bekommen, würde ich sie gerne hochkrempeln. Aber selbst dazu fehlt ein kurzfristig trockener Unterstand.

In Riego de Ambros muss ich schon fast lachen, als ich die überflutete Straße entlanglaufe. Ein Pilgergrüppchen vor mir steht zögernd am Ortsausgang und entscheidet sich nach einem kritischen Blick für die Fahrstraße. Ich natürlich nicht, mitten rein in den Trampelpfad. Wobei ich nun wirklich lachen muss. Ich laufe in einem soeben frisch begonnenen Flussbett, um mich plätschert und gluckert lustig ein Bächlein von etwa 5 cm Tiefe. Ich laufe gleiches Tempo mit mitschwimmenden Blättern. Dass meine Schuhe nachher patschnass sind, macht vollends auch nichts mehr. Mich überkommt höchstens ein mulmiges Gefühl anlässlich meines Höllentempos über die patschnassen, moosbewachsenen Steine.

Irgendwas durchnässt meine Hose unter der Regenhose, und irgendwas schlägt mir immer von hinten gegen die Beine. Als ich meinen Rucksack abnehme, entleert sich ein Schwall von mindestens einem Liter Wasser, der sich in meiner Regenhülle von innen gesammelt hat (und dadurch tief hinunter gezogen hat). Wie ich es mit patschnassen Handschuhen im strömendem Regen beurteilen kann, ist mein Rucksack alles andere als trocken geblieben. Alles ist unglaublich nass. Bisher hat mein Allzweckschlauch erstaunlich gut allen Regen aufgefangen, der mir vorne in den Hals fließen wollte. Seit einer Weile wringe ich auch dieses Tuch regelmäßig aus, aber als Molinaseca in Sicht kommt, beginnt auch das endlich, gänzlich zu durchfeuchten.

Eigentlich wollte ich fest eingeplant bis Ponferrada weiter. Aber zum einen erinnere ich mich nur an die Waschbecken im Garten und die Wäscheleinen dort, wie soll ich da meine patschnassen Sachen trocken bekommen. Und zum anderen überzeugt mich mein kapitulierendes Allzwecktuch. Wenn ich jetzt rundum einen kalten, nassen Hals bekomme und meine Fleecepullis auch noch vom Kragen an durchfeuchten, ist wirklich Schluss mit lustig. Ich presche noch etwas unentschlossen und mit mir ringend durch den Platzregen von Molinaseca, aber als vor mir auch ein nett (und hartgesotten) aussehender Österreicher zur Herberge abbiegt, darf ich das wohl auch.

Wir ziehen vor der Tür unsere Schuhe aus, aber selbst in Socken hinterlasse ich sofort große Pfützchen. Ich bin gespannt auf die Herberge, den Stolz von Hospitalero Alfredo, den ich zwar bei jedem Camino kurz besuche, gegen dessen Luxusherberge ich mich aber bisher immer tapfer gesträubt habe. Ich bin nicht sonderlich überrascht, dass an der Rezeption ein älterer Herr sitzt. Alfredo hat vermutlich anderes zu tun, als jahraus-, jahrein in seiner Herberge abzuhängen.

Wir bringen unsere nassen Sachen in den Keller, um dann eine edle Holztreppe bis unter das Dach hochzulaufen, wo es einen zugegebenermaßen sehr schicken Raum hat. Unter der Dachschräge, durchzogen von Holzbalken – und mit Einzelbetten. Ich flagge erst einmal alles Halbnasse über die verfügbaren Heizungen und Balken und springe dann nochmal in den Keller, um meine Schuhe mit alten Zeitungen trockenzulegen. Beim Vorbeispringen am Erdgeschoss fällt mein Blick auf die Rezeption, an der nun doch sehr charakteristisch Alfredo sitzt. Ich grüße schüchtern lächelnd. Als ich wieder die Treppe hochspringe, grinse ich nochmal quer durch den Raum. Er schaut schon etwas irritiert.

Nachdem mein Equipment weitgehend versorgt ist, widme ich mich endlich einer heißen Dusche. Im Keller hat nur die Herrenabteilung geöffnet, was solls, außer mir ist eh keiner da. Ich bin schon fast fertiggeduscht in meinem Kabinchen, als laut grölend eine Horde Männer den Raum betritt und sich vermutlich vor meinem Kabinchen auszuziehen beginnt. Uah arg. Ich schnappe mir schnell alles, solange sich die Herren hoffentlich erst in der Socken-Auszieh-Phase befinden. Während die meisten Herren es mit einem stillen Grinsen nehmen, wer da aus der Dusche geschossen kommt, brüllt mir der fröhliche Österreicher Helmut natürlich noch alles mögliche nach. Er ist schon in der Handtuchphase, herrje, da habe ich ja nochmal Glück gehabt.

Endlich sind alle Handgriffe des Tages erledigt, und ich lasse mich auf mein Bett plumpsen. Und plumpse gleich eine Etage tiefer als erwartet. Bei näherem Hinsehen fehlt eine Latte an wichtiger Stelle. So kann ich nicht schlafen. Zum Glück hat es noch ein weiteres freies Bett an der Tür, sodass ich umziehe. Helmut findet das schade, dass ich nun nicht mehr neben ihm logiere und meint, wir könnten doch einfach die Betten austauschen. Macht er dann auch allen Ernstes.

Kaum sitze ich nun wirklich bereit zum Entspannen auf meinem neuen Bett an alter Stelle, rumort es von der Treppe. Matthias, dem grummeligen Deutschen, wird von Alfredo der Raum gezeigt und das noch einzig freie Bett an der Tür zugewiesen. Mit schlechtem Gewissen springe ich auf und versuche zu erklären, dass das neuerdings über eine gebrochene Latte verfügt. Ich hebe die Matratze hoch, aber Alfredo meint, da könne man schon drauf schlafen. Ich lasse mich wieder auf mein Bett fallen, aber Alfredo fixiert mich nun mit scharfem Blick. Heh, mich würde er doch kennen. Als ihm die Verknüpfung dämmert, dass ich die Verrückte bin, die ihn jedes Jahr besucht, lacht er sich halb kaputt. Er fragt, mein wievielter Camino das ist. Vor Matthias und Helmut ist mir das ein wenig peinlich, ich mache verschämt eine wortlose Zahl mit beiden Händen. Er bricht erst recht in dröhnendes Lachen aus und verpflichtet mich zur Herbergsführung.

Aktuell ist er auf dem Japantrip, plant für den nächsten Monat selbst einen Pilgerweg in Japan, zeigt mir einen Wandteppich, den man in Japan anscheinend statt einer Compostela bekommt sowie einen Wegstein, in dem in japanischen Hieroglyphen ein Wegweiser zu seiner Herberge eingemeißelt ist. Er stellt mich allen möglichen Pilgern vor. Einen habe ich heute rennend gesehen und noch überlegt, ob ihm im Wind etwas davongeweht ist. Nein, es ist einfach sein dreizehnter Camino, und er rennt sie alle. Ich bekomme stolz sämtliche Schaukästen erklärt, die Bilder von Alfredo im Pilgerkostüm mit Ehrung durch den spanischen König und den Zeitungsartikel über Papst Benedikt, der noch als Joseph Ratzinger in Alfredos alter Herberge geschlafen hat, damals aber schon mit „zukünftiger Papst“ unterschrieben hat.

Dank Alfredos Vorstellung kennen mich nun alle ehrfurchtsvoll als eine Pilgerin, die bereits 7 mal den Camino gegangen ist. Das ist mir mal elegant peinlich, zumal es ja reichlich an der Wahrheit vorbeigeht. 7 Caminohäppchen würden es wohl besser treffen. Er zeigt mir seine Fotoalben von früheren Caminos. Auffallend sind die vielen „sehr gefährlichen Frauen“ und „blutjungen Abenteuer“, begleitet vom üblichen dröhnenden Lachen. Ich muss mir für einen Moment vorstellen, ob in meinem heimischen Freundeskreis ein verheirateter Mann ähnlich begeistert und selbstbewusst seine Fotos zeigen würde. Vermutlich ein Mentalitätsunterschied.

Nachdem es wider Erwarten kein Essen in der Herberge gibt (die Köchin ist krank), muss ich nochmal kurz raus in den Regen. Der Laden wäre nichts und viel zu teuer, warnt mich Helmut vor. Nachdem ich ja nur notdürftig etwas bis Ponferrada brauche, ist mir das weitgehend egal. Ich bekomme sogar eine getrocknete Feige angeboten und eine Scheibe unglaublich lecker schmeckende Honigmelone. Nur nicht unbedingt verkaufsfördernd; vermutlich kaufen sich die wenigsten Pilger daraufhin begeistert so einen zwei Kilo schweren Trümmer.

Ich esse mit Helmut und einer deutschen Freundin von ihm. Er ist wirklich lustig, nett und interessant, leider redet er unheimlich viel, schnell und in so einem extremen Dialekt, dass ich fast noch weniger verstehe als bei Spaniern oder Italienern. Für mich summt es nur immer irgendwie. Er erzählt von seinem Beruf als Masseur und von alternativem Schnickschnack wie Klangtherapie und Körperspannungen und vielem mehr. Völlig ungeniert stößt er im vollbesetzten Aufenthaltsraum irgendwelche an Kuh mit Rinderwahn erinnernde Laute aus, die irgendwelche Verspannungen lösen sollen. Seine ständig breit grinsende Freundin und ich dürfen uns auf den Fliesen im Raum aufstellen, und er erklärt uns, dass je nachdem, auf was für einem Fliesenkreuz wir stehen, wir schwach oder stark sind. Es funktioniert, auch so finde ich das Ganze sehr spannend und beeindruckend, allerdings ist mir wie so oft auch etwas unwohl beim Gedanken, dass da jemand mehr von mir weiß und spürt als ich selber. Helmut sieht mir derart kompetent aus, dass er wahrscheinlich sonstwas an mir manipulieren kann mit dem Klang seiner Stimme oder einer Körperhaltung. Ich werde einen Hauch von paranoid.

Mittlerweile hat sich auch Matthias eingefunden, nachdem seine einzige Hose wieder soweit trocken zu sein scheint, dass er sich aus seinem Schlafsack heraustraut. Als Helmut angesichts dieser wunderbar deutschen Clique den Rest des Abends Karten spielen will, verdünnisiere ich mich lieber aufs Sofa. Erst dieses Restunwohlsein über diese ganze Magie, die ich nicht durchschaue, und jetzt noch die Vorstellung, so richtig deutsch Karten zu spielen. Irgendwie ist das gerade nicht so meins.

Statt dessen mache ich ein Bändel für Alfredo. Als er sich interessiert dazusetzt und fragt, was ich mache, sage ich ungerührt, ich würde ihm für seinen Camino in Japan ein Bändel flechten und „Hallo, ich heiße Alfredo und suche Abenteuer“ in japanischen Schriftzeichen einflechten. Ich ernte einen Schlag mit der Zeitung und die dröhnend lachende Belehrung, dass er keine Abenteuer sucht, sondern Begegnungen. Na dann.

Im Austausch für das Bändel bekomme ich eine weitere Rucksackmuschel. Alfredo erzählt mir viel vom Herbergsalltag; mir dämmert langsam, dass ich mich als Hospitalera wohl nicht einmal eignen würde, ich kann nicht einmal richtig putzen. Zumindest wenn man unter Putzen das versteht, was Spitzenhospitaleros wie Brendan oder Alfredo darunter verstehen. Alfredo erzählt mir von seiner chinesisch anmutenden Wundersalbe gegen alle Arten von Pilgerbeschwerden (zum Glück habe ich keinerlei) sowie von seinen koreanischen Massagekünsten (bei denen es erstmal höllisch weh tun soll. Zum doppelten Glück muss ich das nicht ausprobieren). Auch kann er Köpfe heilen. Ich bin interessiert, wie das geht. Er meint, einfach durch Zuhören und will es bei mir zum Beweis gleich ausprobieren. Darauf habe ich mal wieder überhaupt keine Lust. Zum Heilen gibt es da sicher viel, vermutlich hat er da auch wirklich Talent, aber nachdem ich mich noch nicht mal von dem übersinnlichen Helmut erholt habe, fehlt mir gerade noch so ein „ich weiß schon alles, was Du noch nicht weißt“.

Wir verabschieden uns bis zum nächsten Mal. Wir könnten ja mal den Camino Portugues zusammen gehen. Aber bis dahin soll ich bitte noch gut kochen lernen (im Geiste kann ich mir ein „wenn Du schon keine Abenteuer magst“ nicht verkneifen. Oder die Vorstellung, welche Heerscharen von Pilgerinnen mit ihm durch Portugal pflügen würden, wenn auch nur die Hälfte darauf zurückkommen würde.) Qué hombre!

Vor dem Einschlafen lässt mich Helmut noch ein Lied von seinem Kopfhörer mithören. Nachdem er vorhin schon einen komischen Test mit mir gemacht hat, bei dem einem eine Energie gesagt hat „Du bist gut, ganz genauso, wie Du bist, ohne etwas geben oder nehmen zu müssen“, habe ich nun auch bei dem Lied haargenau das Gefühl, dass es mir etwas sagen soll. Vermutlich bin ich heute langsam schon zu müde vom „Emotionalebarrikadenerrichten“, ich lasse die wirklich wunderschöne Musik einfach auf mich wirken. Ich könnte heulen.

One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful woman.
One day I’ll grow up, I’ll be a beautiful girl.
But for today I am a child, for today I am a boy.
One day I’ll grow up, I’ll feel the power in me.
One day I’ll grow up, of this I’m sure.
One day I’ll grow up, I know whom within me.
One day I’ll grow up, feel it full and pure.

(Antony and the Johnsons)

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Gegen 7 Uhr wache ich auf, unter meinen vielen Decken habe ich erstaunlich warm geschlafen. Draußen rumoren die kanadischen Heinzelmännchen schon leise in der Küche, es duftet nach Kaffee und geröstetem Brot.

Ich genieße ein letztes Mal meine liebgewonnene Kleinfamilie. Mein Hospitalero sagt, es wäre schön gewesen, dass ich dagewesen wäre. Kann ich so nur bestätigen.

Zum Abschied legen uns die Herren ganz patriotisch nochmal das Hallelujah in den CD-Player, und wir bekommen einen Pin mit der kanadischen Flagge an die Jacke gesteckt sowie eine Umarmung mit auf den Weg. Ich bin reichlich bewegt, sicher eine der denkwürdigsten und intensivsten Herbergsübernachtungen.

Ich frage Kristian, ob er auch mal für mich singt. Definitiv nie und nimmer; nur weil er mal in einer Band anfangen wollte, sollte doch nicht jeder dämlich denken, dass er jetzt ein Supersänger wäre, ich solle doch den Italiener fragen, der schon seine zweite CD draußen hat und ihn nicht nerven. Heute morgen hab ich noch etwas zu wenig Verständnis dafür, und so schicke ich ihn allein voraus.

Über Nacht hat es geregnet, und noch ist alles im Nebel. Am Cruz de Ferro ist es leider immer noch neblig, und von Kristian und Luca keine Spur. Ich lege meine beiden Steine nieder, den von Kristian und den von einer Arbeitskollegin von zu Hause. Beiden wünsche ich von Herzen alles, alles Gute und dass sie erkennen, was für wunderbare Menschen sie sind.

Und allen Ernstes bricht in diesem Moment am Himmel hinter dem Kreuz ein Sonnenstrahl durch den bedeckten Himmel. Ich bin so dankbar, dass meine Steine diesmal mehr Anklang gefunden zu haben scheinen.

Ich denke an Kristian und habe ein schlechtes Gewissen, dass ich heute morgen so rumgezickt habe. Ich dachte, ihn bald wieder einzuholen, aber offensichtlich ist er wirklich deutlich schneller als ich und hat wahrscheinlich nicht so lang ergriffen am Kreuz vertrödelt. Mit diesen Gedanken komme ich an eine Wegmarkierung, unter der in die Erde gekratzt mein Name und „hola“ steht. Ich bin darüber fast so glücklich wie über den Sonnenstrahl, offensichtlich ist Kristian mir nicht böse.

In Manjarín ist zwar einiges los, aber wieder keiner meiner beiden Jungs. Die Landschaft liegt immer noch im Nebel, zwar schön verwunschen, aber nachdem ich den grandiosen Ausblick auf die Schneeberge kenne, den man hier eigentlich haben könnte, fühlt es sich eher leer an.

Ich laufe viel zu schnell den gerölligen Weg abwärts; ich könnte warten, dass es aufklart, um diese Königsetappe gebührend genießen zu können, aber ich will Kristian wiedertreffen. Kurz vor El Acebo sehe ich ihn dann auch wirklich von weitem, deutlich erkennbar an seiner wippenden blauen Isomatte. Aber er läuft nicht allein, und mir wird plötzlich bewusst, dass er vielleicht gar keine Freude dran hat, wenn ich plötzlich wieder auftauche. Und mit einem Schlag wird mir bewusst, dass auch das Hola wohl gar nicht von ihm war, sondern von Luca. Ich fühle mich immer enttäuschter und leerer und frustriert, weil ich zwar schon fast jogge, aber überhaupt nicht aufhole.

Im Dorf habe ich sie fast eingeholt, ich erkenne, dass seine Begleitung der Italiener mit dem Riesenstab ist. Sie biegen in eine Bar ab, und ich laufe weiter. Irgendwie mangelt es mir gerade an Selbstvertrauen, ich habe das Gefühl, dass die beiden wunschlos glücklich miteinander sind und ich einfach überflüssig. Ein paar hundert Meter später stoppe ich dann doch, was habe ich hier von Stolz und beleidigter Leberwurst. Ich muss sicher eine halbe Stunde warten, aber das ist es mir dann doch wert.

Ich bin gespannt, wie Luca die spezielle Herberge erlebt hat – er ist komplett begeistert und von der Rolle. Außer ihm war nur ein weiterer Pilger da, dafür fünf Bewohner, er erzählt begeistert, mit welchen Religionen sie sich da beschäftigen und welch interessante Menschen das waren. Einem ist passend zu Ostern in den Händen das Christusmal aufgetaucht, direkt vor den Augen des Italieners. Für beide war es ein unglaubliches Wunder, und er ist noch komplett konfus und ungläubig. Ich freue mich sehr für ihn, dass er diese Erfahrung machen durfte. Generell ist er eher ein logischer Denker, wenig offen für Gott und die Magie des Caminos, und ich wünsche ihm sehr, dazu Zugang zu bekommen.

Wir haben zu dritt recht viel Spaß; als wir auf Chuck zu sprechen kommen, machen die beiden Musiker aus dem Stehgreif einen Song auf ihn. Kristian rappt die typischen „come on, guys…!“-Phrasen, während Luca die Soundmachine dazu macht. Ich lache mich halb kaputt und genieße unheimlich diese Gesellschaft. Ich frage Luca wegen der Nachricht im Boden. Er weiß von nichts, dafür wird Kristian etwas verlegen. Ich bin so glücklich.

Kristian setzt sich irgendwann von uns ab, er läuft unheimlich schnell. Mir tut es ein bisschen weh, weil ich das Gefühl habe, dass er sich überflüssig gefühlt hat. Andererseits bin ich mehr als überrascht, dass meine Fußheilung wirklich etwas bewirkt haben muss. Er meint nach wie vor, der Fuß wäre absolut perfekt, und sein Laufstil spricht dafür.

Luca fragt mich interessiert über meinen Glauben aus. So ganz die gleiche Wellenlänge haben wir nicht, er ist mir zu analytisch. Ich soll ihm alle möglichen Bibelstellen belegen oder erklären; was weiß ich. Ich glaube einfach, dass es einen Gott gibt, der auf mich aufpasst und den ich hier immer wieder spüre. Ob man das auch alles anders erklären kann, ob es nicht auch mit Schicksal oder Leben erklärbar ist, das überfordert mich bzw. erscheint mir überflüssig. Ich finde es ein bisschen anstrengend und bin froh, am Ortseingang von Molinaseca Kristian auf einer Bank beim Mittagessen wiederzutreffen. Luca schlägt vor, in Ponferrada gemeinsam zu kochen; eigentlich eine nette Idee, allerdings bin ich noch etwas traumatisiert von den Kochvorstellungen südländischer Männer. Bisher waren alle Versuche eher unentspannt und unharmonisch, und mein Exemplar hier scheint ja auch eher ein verbissener Planer als ein Spaßkocher zu sein.

Kristian fragt, wohin ich heute laufe. Ich bin ehrlich und sage, dass ich geneigt bin, dorthin zu gehen, wo er hingeht. Wir sitzen einträchtig auf einem Bänkchen, und er meint plötzlich zusammenhanglos, dass er das Gefühl hat, dass er in Santiago für mich singen wird. Nach dem intensiven Geziere im Vorfeld und dem „no never ever“ bin ich überrascht.

Luca möchte planerisch Nägel mit Köpfen machen zwecks des Abendessens. Ich ergreife spontan die Flucht und entschuldige mich damit, noch kurz bei Alfredo in der Herberge vorbeischauen zu wollen.

Ich treffe ihn auch wirklich an, er ist gerade am Putzen und wirkt etwas getreßt und angestrengt. Seine Herberge in Finisterre ist immer noch nicht fertig, er plant eine Herberge in einem Schiff. Dass das etwas Verwaltungsaufwand erfordert, kann ich mir vorstellen. Ich drohe ihm, dass ich jetzt jedes Jahr vorbeischaue und mich nach dem Stand erkundige.

Kristian läuft vorbei, und ich springe ihm hinterher. Er meint, Luca würde mich wohl mögen, er hätte höchst beunruhigt geschaut, dass er sich allein auf meine Fersen geheftet hat. Bin etwas belustigt bei der Vorstellung, dass hier irgendjemand interessiert oder eifersüchtig sein könnte. Ich fühle mich so unendlich elegant in meiner unförmigen Tchibo-Hose, der zerklatschten Frisur unter wahlweise Stirnband oder Schlapphut, dass ich eigentlich nur bei den Symbolen an den Waschräumen erinnert werde, dass ich eine Frau bin.

Durch die Vororte von Ponferrada gewinne ich weitere interessante Einblicke in das Leben von Kristian. Er greift begeistert nach verwitterten Spraydosen im Straßengraben, die zu seinem Bedauern leer sind. Normalerweise würde er damit seine Kleidung verzieren. Er freut sich auf eine große Bank in Ponferrada, wo er sein Konto plündern will. Er hat noch 14 Euro drauf, und die kann man anscheinend nicht mehr aus dem Automaten lassen, sondern muss persönlich vorsprechen. Ab und an arbeitet er bei seiner Mutter, wenn er das Gefühl hat, Geld zu brauchen. Wie ich heraushöre, hat er das Gefühl aber eher selten.

Ich habe gemischte Gefühle wegen der Herberge in Ponferrada; zum einen will ich ja nichts Bekanntes wiederholen, zum anderen reizt mich gerade nach der gestrigen so persönlichen Herberge der etwas seelenlose Riesenkomplex wenig.

Kristian geht es sehr ähnlich, er wird schon wieder komplett unruhig, als wir im Innenhof warten müssen, bis die Herberge öffnet. Er möchte am liebsten weiter, 12-18 km schrecken ihn dann aber doch. Zumal die 2-Personen-Hundehütten in Cacabelos mich jetzt auch nicht wirklich mehr reizen würden.

Ich habe ein leeres Damen-4-Bett-Zimmer und erledige mein Waschprogramm. Kristian steht unschlüssig in der Eingangshalle und meint, er wartet jetzt halt, bis ich fertig bin, was soll er auch sonst tun. Luca möchte mit uns ja einkaufen gehen und dann in die Stadt, und jetzt warten wir also auch auf Luca, bis der geduscht und tagebuchfertig ist. Zu allem Überfluss hat noch Chuck in ihrem Zimmer eingecheckt, und der freundliche Luca hat ihn auch zum Abendessen eingeladen. Kristian wirkt wie ein Häufchen Elend bzw. wie ein komplett eingesperrter Tiger, sodass ich ihm vorschlage, dass er ja nicht mit muss. Er strahlt unheimlich dankbar und erleichtert und lässt sich das nicht zweimal sagen.

Meine Vorfreude hält sich auch in Grenzen. Ich verbringe etwa eine Stunde mit Warten auf den ausgemachten Termin zum Losgehen. Richtig relaxen und entspannen kann ich nicht, ich warte einfach und fühle mich sehr unfrei. Wie ich befürchtet hatte, Luca ist furchtbar kompliziert und sehr sparsam. Dass es Öl nur in Literflaschen gibt, stellt ihn vor unlösbare Probleme. Er steht 5 Minuten vor dem Regal und wird immer verzweifelter, und gleiches vor 10 anderen Regalen, wo es auch wieder um 50 cent hin oder her geht. Er will Spaghetti Carbonara kochen, und mir blutet das Herz, dass ich in so einem wunderschönen Supermarkt mit so viel Auswahl an exotischen Sachen stehe, aber eigentlich außer Frühstück nichts einkaufen sollte.

Ich erkläre Luca, dass ich noch ein bisschen schauen will und den Einkauf nachher allein zurücktrage. Er ist wieder ganz irritiert, dass wir demnach jetzt gar nicht zusammen Stadtbummeln. Es tut mir sehr weh, seine Enttäuschung zu sehen, aber ich fühle mich derart unfrei und beengt, dass sich Frustration und Resignation noch breiter machen, wenn ich so weiter mache.

Ich kaufe wenigstens noch Erdbeeren und meine geliebten grünen Minipaprikas, die sich hoffentlich in Lucas Menüprogramm integrieren lassen. Draußen regnet es in Strömen, ich habe natürlich nur mein schönes Nachmittags-Fleece-Programm an und werde ziemlich nass.

Siedendheiß fällt mir ein, dass durch das unsägliche Kochen wohl auch meine Abendmesse flach fällt. Ein Stück weit ist es vielleicht Glück, dass der Hospitalero mir erklärt, dass sie die Kapelle zwar aufmachen, dort aber nie Messen gehalten werden. Aus dem Vorjahr bin ich da ziemlich anderer Überzeugung.

Ich gehe in den Leseraum, der diesmal leider auch nicht seine beruhigende und besänftigende Wirkung auf mich hat. Kristian sitzt dort schon am Rechner und hackt stundenlang vor sich hin. Seine Mission Kontoplündern ist schiefgegangen, die Banken hatten bereits zu. In Vorfreude auf das Geld hat er aber schon mal vorher alles Bisherige in Zigaretten und Bier investiert und ist jetzt komplett pleite.

Ich knüpfe ein weiteres Bändel, um die Zeit bis zum Kochen totzuschlagen. Für ein paar Minuten gehe ich in die kleine Kapelle, aber meine Stimmung ist heute einfach moderat.

Kristian zeigt mir auf dem Rechner Fotos von sich, seinen Collagen, seiner Familie, und ich darf mir seine Lieblingsmusik anhören. Vorher erklärt er mir aber noch mit abwesendem Blick, dass er morgen entweder früh losgeht oder den Bus nimmt, er hält die Leute nicht mehr aus. So etwas habe ich kommen sehen. Trotzdem bricht für mich eine Welt zusammen, und ich frage nur, was denn dann aus meinem versprochenen Lied in Santiago wird. Er meint, dann wartet er halt dort auf mich.

Ich schaue sein desperates Lieblingslied, während sich in mir unendliche Leere breit macht. Offensichtlich spürt er das, denn er legt mir kurz eine Hand auf den Rücken – ein Riesenschritt bei seiner Nähe-Phobie. Danach kann ich es fast schon wieder mit Humor sehen, ich witzele, dass er mit seinem Klumpfuß eh nicht weit kommt und für einen Bus doch kein Geld hat. Er lacht.

Wir gehen runter in die Küche, um Luca beim Kochen zu helfen. Er ist schon voll konzentriert am Zwiebeln schneiden (akribisch genau, wie ich es mir schon dachte), auch sonst sieht es eher aus, als würde jede Hilfe seine Kreise stören. Man merkt ihm an, dass es ihm ganz wichtig ist, dass sein Essen perfekt wird. Er ist ein stolzer und sehr empfindlicher Mensch, der seinen Wert vermutlich auch etwas von seinen Erfolgen abhängig macht. Ich würde ihm gerne das Gefühl geben, dass er gar nichts machen oder beweisen muss, aber was ich auf diesem Camino so oft habe, diese wortlose Verbindung zur Seele, den Emotionen oder zum Herzen anderer, bei Luca macht zu viel Nachdenken sie zu einer Einbahnstraße.

Ich wasche und brate meine Minipaprikas in Öl, bin nach 2 Minuten fertig mit der Vorspeise, zeitgleich wie Luca mit dem Zwiebelschneiden. Kristian ist extrem abwesend und unruhig und hat derweil bestimmt schon die dritte Zigarette geraucht. Ich verpflichte ihn zum Erdbeerwaschen. Er strahlt, das kennt er, er hat wohl auch mal in dieser Mission gejobbt. Komischerweise erstaunt es mich nicht weiter, als er beiläufig erwähnt, auf der Straße zu leben.

Wir schnipseln einträchtig im Akkord Erdbeeren; er moniert, dass ich ja gar nicht die schlechten Stellen wegschneide. Ich widerspreche, dass meine Erdbeeren einfach keine schlechten Stellen hätten. Er kann es nicht glauben, aber Tatsache, ich greife automatisch die makellosen, er automatisch die, die etwas mehr Sorgfalt erfordern (und die hat in Sachen Küche und Haushalt definitiv er). In das Schweigen sagt er irgendwann, dass wir wie Ying und Yang wären. Völlig verschieden, aber es würde trotzdem funktionieren. Irgendwie ist es wieder genau das, was ich in diesem Moment fühle. Mir schnürt es alles zusammen.

Luca verzweifelt derweil, weil das Wasser in seinem Riesentopf nicht kochen will. Zum Glück trifft er einen französischen Weggefährten wieder, den ich am Nachmittag schon kurz kennengelernt habe. Er ist Bibliothekar, hat schüttere Haare, trägt Brille, Bügelfaltenhemd und sehr viel Sonnenmilch, und Luca scheint sich bei ihm besser entspannen zu können.

Ich frage Kristian, ob er sein Leben immer so weiterführen will. Er schüttelt sehr bestimmt den Kopf, nein, bald sucht er sich ein Girl, nimmt sich eine Wohnung, bekommt 5 Kinder und liebt sein Girl abgöttisch bis ans Ende seines Lebens. Die Mischung aus penetranter Bierfahne und Rauchgestank gepaart mit der inbrünstigen Überzeugung eines 5-Jährigen, der erklärt, später mal seine Mama zu heiraten, weil sie die tollste Frau überhaupt ist, macht mich betroffen. Dann ist Kristian schon wieder weg, draußen am Rauchen, obwohl es regnet und er in Wollsocken rumläuft. Ich fühle mich zunehmend hilflos.

Endlich sind die Spaghetti fertig und der Tisch gedeckt. Der Deutsche, der ihr Zimmer teilt und deswegen auch eingeladen ist, ist netter als erwartet, und Chuck ist zum Glück in wichtiger Mission noch in der Stadt (um seinen Blog auf Vordermann zu bringen), und wir sollen ihm nur etwas aufheben. Der Franzose hat sich auch breitschlagen lassen, und so freue ich mich in doch noch netter Runde nach einem anstrengenden Tag mit viel Koordinieren und Warten und zwei schwierigen Männern auf das toll aussehende Essen.

Nach dem ersten Probieren meint Kristian viel zu laut zu mir, dass es ihm gar nicht schmeckt. Es würde nichts taugen, und er könne das 200 x besser. Luca hat gefühlte Tränen in den Augen, läuft rot an und fragt zutiefst gekränkt und aus der Bahn geworfen nach Verbesserungsvorschlägen. Kristian behauptet völlig ungerührt, er hätte doch gar nichts gesagt in diese Richtung und lügt ein zweiminütiges Märchen zusammen. Der Deutsche ist ein sonniges Gemüt, aber der Franzose neben mir ist ungefähr genauso geschockt wie ich.

Meine Empathiebahnen richten sich in Windeseile um Luca aus. Ich weiß so genau, was dieses Kochen und dieser Abschlußabend für ihn bedeutet haben, und umgekehrt auch, was Kristian bei ihm angerichtet hat. Die reichliche Alkoholgrundlage der Nachmittagsbiere hat Kristian noch philosophisch-melancholisch gemacht. Die Flasche Rotwein jetzt macht in einfach nur noch aggressiv. Er diskutiert hitzig mit dem armen Luca, und nach zweimal „jetzt rede ich und Du wartest, bis ich fertig bin!“ ergreife ich die Flucht und gehe abspülen.

Mit einem Schlag fühle ich ihn überhaupt nicht mehr. Dafür sehe ich ihn jetzt zum ersten Mal mit den Augen, mit denen vor allem die besorgten Hospitaleros ihn wohl die ganze Zeit schon sehen.

Leider muss ich Luca schon wieder enttäuschen, indem ich mich um 21.00 ins Bett verabschiede. Er ist komplett überrascht, aber ich verabrede mich mit ihm für Santiago. Er nimmt morgen den Bus, um seinen Pilgerfreund einzuholen, läuft dann bis Finisterre, und an meinem letzten Tag sollte er eigentlich auch wieder in Santiago eintreffen. Luca wäre nicht Luca, würde er nicht einen festen Termin abmachen wollen. Nachdem ich wirklich noch nicht weiß, was bin dahin ist, sage ich, der Camino wird uns schon wieder zusammenführen, wenn es so sein soll. Er lacht. Heute in den Bergen habe ich ihm von dieser Art Lebensmotto von mir erzählt. Eigentlich ist es

„Gott gibt einem nicht, was man will, sondern was gut für einen ist“.

Für Luca hatte ich Gott durch Camino ersetzt, und er war so begeistert davon, dass er direkt sein Schreibzeug hervorgekramt hat.

Vielleicht sollte ich mir dieses Motto auch jetzt vor Augen halten. Was ich will, habe ich wirklich nicht bekommen. Dass es vielleicht gut war, ist naheliegend. Trotzdem fühle ich mich eklig leer und enttäuscht, ich fühle mich einfach nur wie „ich“, allein mit meinem Kopf, Seele und Herz. Keine Bahnen und Bindungen zu anderen Pilgern, die weh tun oder Wärme spenden oder einfach ein Gefühl von Nähe geben. Ich glaube, am meisten mag ich diese Bahnen, weil sie magisch sind und sie sich anfühlen, als ob jemand über mir sie legt und lenkt.

Ich packe meinen Rucksack wieder vor und lege die Stirnlampe neben das Bett. Wenn Kristian morgen aufsteht, will ich weg sein.

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Ab ca. 4 Uhr morgens bin ich so gut wie hellwach, schaue alle 10 Minuten auf die Uhr, während mich meine unruhigen Gedanken von gestern morgen wieder umtreiben. Ich sehne mich nach meiner Stirnlampe, um loslaufen zu können, sobald ich wach bin, anstatt jetzt idiotisch ins Dunkel zu starren, auf das monströse Schnarchen von zwei männlichen Radpilgern zu lauschen und Kristian alle 10 Minuten husten zu hören, als gäbe es kein Morgen mehr.

Ich harre tapfer bis 6 Uhr aus, aber dann stopfe ich alles geräuschlos in meinen Schlafsack und mache mich davon. Im Essraum packe ich alles ordentlich zusammen und finde sehr dankbar noch ein Brötchen vom ersten Tag, das in diesem Moment hervorragend schmeckt. Dann will ich nur noch weg und laufen.

Astorga im Dunkeln ist unheimlich, aber bald dämmert es, und ich bin außerhalb der Stadt. Hinter mir geht die Sonne auf, schon zum dritten Mal fühlt sich die Landschaft an wie der ultimative Energiespender, ich komme zur Ruhe und fühle mich einfach in einem sorglosen Flow.

In Rabanal freue ich mich auf den Mercado und endlich etwas zu essen. Der Laden ist der Hammer, es hat auf kleinstem Raum wirklich alles, vor allem in Pilgergröße. Ob nun einzelne Taschentücher oder Marmelade. Mir stechen auch Batterien ins Auge, und ich beschließe, meiner Stirnlampe noch eine Chance zu geben. Außerdem bin ich erleichtert, eine große Flasche Wasser erstanden zu haben. Ich bin lange nur noch mit einer Halbliterflasche gelaufen und habe immer wieder an Brunnen aufgefüllt. Heute ist mir dann siedendheiß eingefallen, dass es den ganzen Tag über keinen Brunnen gibt und ich mit meinem halben Liter über den Berg vielleicht etwas alt aussehen könnte.

Zum Abschied bekomme ich aus einem großen Sack eine Handvoll Haselnüsse.

Leider helfen die neuen Batterien auch nichts, ich könnte heulen. An einer Stelle ist eine Batterie ausgelaufen und alles korrodiert. Ich versuche, mir meinen praktischen kleinen Bruder ins Gedächtnis zu rufen und dass man Kontakte herstellen muss. Ich kratze wie eine Wilde mit einer Sicherheitsnadel herum, aber nichts tut sich. Ich will gerade aufgeben, als mir auffällt, dass ich die Batterien allesamt verkehrt herum eingelegt habe. Ich drehe sie um – und es leuchtet.

Ich bin richtig high und ziehe mich bei beginnendem Regen in die kleine Kirche zurück. Ich möchte bis Foncebadón weiter, aber aus leidvoller Erfahrung möchte ich dieses Jahr nicht wieder einen Wetterwechsel riskieren. Ich will abwarten und weitersehen. Ich freue mich über meine über die Jahre gelernte Gelassenheit, und ich freue mich an der Kirche, die mittlerweile schon über richtige Sitzbänke verfügt und mit der es aufwärts zu gehen scheint.

Ich richte mich gerade häuslich vor der überdachten Kirche ein, um zu essen, als ich einen Mönch draußen sehe, der auf Englisch einem Pilger zu erklären versucht, dass die Herberge leider erst um 16.00 aufmacht. Ob man denn dann wenigstens etwas einkaufen könne. Ich schiele um die nächste Säule, erkenne Kristian und winke mit meiner gefüllten Supermarkttüte. Er lacht und erklärt dem Mönch, ich wäre sein Schutzengel.

Der Mönch stellt sich als Deutscher heraus, der jetzt gleich eine Messe hält und dazu noch Mitstreiter sucht. Ich bin begeistert, vor allem angesichts des eh kalten Regenwetters. Ich schaffe noch schnell ein Stück Brot vor der Messe, Kristian kommt leider erst im letzten Moment, was ihm sein Lieblingswort entlockt.

Die Messe singen drei Mönche in gregorianischen Chorälen, aber es bewegt mich nicht. Vielleicht bin ich zu unentspannt, weil es mitten am Tag ist und ich noch weiterlaufen will. Vielleicht irritiert mich Kristian, der sich sehr unwohl zu fühlen scheint und dessen Magen lautstark knurrt. Aus der Predigt bleibt mir ein Satz haften – vom Zusammenhang, dass man einfach jeden Tag sein Bestes geben soll und im Sinne Gottes leben, dann schaut Gott nach dem Rest. Angesichts meiner panischen weltumwälzenden Gedankentiraden irgendwie versöhnlich.

Bei der Kommunion verlässt Kristian die Kirche. Zum ersten Mal wird hier die Oblate in Wein getaucht, irgendwie ist mir danach auch nicht zumute. Ich bin froh, als die Messe vorbei ist.  So wie ich mit meinem spanischen Pilgerfreund José Messen sehr bereichernd erlebt habe, von seiner Religiosität angesteckt und entflammt wurde, so zerstört Kristian mit seiner linkischen Art, seinem Gerotze und Gefluche meine Stimmung. Das Wetter ist soweit stabil und ich will einfach nur wieder weg hier. Laufen, meine Ruhe haben, allein sein.

Direkt nach Rabanal treffe ich auf Luca von gestern abend. Er scheint einer Unterhaltung nicht abgeneigt, und ich bin mit einem Schlag auch besänftigt. Er ist lustig und intelligent, gleichzeitig erinnert er mich an Angelo. Er hat auch einen fürchterlich langen Pilgerstab, den gleichen lustigen Akzent im Englischen und ein ähnliches Temperament. Wir laufen zusammen die eineinhalb Stunden bis Foncebadón, derweil erzählt er mir von seiner Musik, seiner Beziehung, seinen Selbstzweifeln und von einem deutschen Freund, den er hier kennengelernt hat und den er bereits am Wochenende in Mélide wiedertreffen will. Deswegen möchte er heute auch möglichst weit kommen und bis Manjarín laufen. Ich warne ihn etwas vor, aber das Wiedersehen mit dem Freund scheint ihm alles wert zu sein. Bei einer Rast überholt uns Kristian, der sich nun wohl doch umentschieden hat und nicht in Rabanal geblieben ist.

In Foncebadón tausche ich mit Luca Emailadressen aus, und wir verabreden uns lose für morgen früh; als Frühlosläufer werde ich ihn wohl einholen.

Letztes Jahr hatte ich mich so auf die Pfarrherberge gefreut, die dann geschlossen hatte. Diesmal habe ich mich mit einer privaten Herberge eigentlich schon angefreundet, aber probehalber gehe ich trotzdem die paar Schritte weiter – und wirklich, im Nieselregen vor der Herberge spielt ein CD-Player. Ich bin hin- und hergerissen, was ich jetzt machen soll, lasse wieder meine Intuition entscheiden- und bleibe da. Hinter der dicken, klemmenden Tür am Empfang sitzt schon der Norweger, was mich kaum mehr überrascht.

Der Hospitalero ist Kanadier und erklärt uns liebevoll das Procedere. In der Miniküche kochen er und ein Freund heute abend für uns, im Aufenthaltsraum hat es einen warmen Gasofen, sonst leider wenig Warmes. Der Schlafsaal wirkt riesig, düster und kalt. Die Dusche ist zwar heiss, aber die Luft ist so kalt, dass meine Atemluft raucht. Ich verkrieche mich in den Aufenthaltsraum an den Ofen und lasse mich schön durchrösten.

Die beiden Hospitaleros beginnen ab dem Nachmittag zu kochen, und sie scheinen etwas davon zu verstehen. Der später Dazugekommene ist mir auf Anhieb sympathisch. Wir reden ein wenig über die Eckpunkte des Pilgerns, warum und wieso, aber was der eine sagt ist das, was der andere genauso fühlt. Zum Beispiel meint er, am wohlsten würde er sich auf dem Camino fühlen, aber es wäre schwierig, das seiner Frau und seiner Familie gegenüber zu vermitteln, ohne dass es falsch verstanden würde. Ich weiß genau, was er meint; vielleicht fühle ich mich auch deswegen so wohl und betreut hier.

Im Schlafsaal brennt mir eine Frage auf der Zunge. Ich frage Kristian, ob er sich selbst eigentlich gern hat. Die Reaktion spricht für „Treffer. Versenkt.“. Ich verstehe nicht, wieso ich seit gestern abend eine ganz komische Verbindung zu ihm habe. Seit ich ihm das Bändel um das Handgelenk gemacht habe, fühlt mein Herz jede negative Schwingung bei ihm (und er hat viele). Wir sitzen zusammen im warmen Aufenthaltsraum, er sitzt allen Ernstes annähernd ruhig, und wir reden recht persönlich. Da erschlägt mich die nächste Eingebung aus dem Hinterhalt. Meine Hände sagen, sie wollen heilen. Ich ignoriere das mal, zumal Kristian schon im Schlafsaal so weit in eine hintere Ecke gezogen ist, dass es mich wundert, dass er nicht gleich draußen zeltet, und auch hier sitzen wir jeder an einem Ende des Tisches. Er scheint eine gewisse Phobie vor Nähe zu haben, aber meine Hände wollen immer noch heilen. Nachdem er jetzt auch seinen Fuß auspackt und sorgenvoll betrachtet, fragt etwas in mir, ob ich ihm mal Hände auflegen soll. Er meint „okay“ und ich denke „schöne Scheiße, was mache ich hier eigentlich, ich kann doch weit und breit nicht heilen?!“. Sein Fuß sieht echt schlimm aus, total aufgedunsen, und ich lege mal zaghaft meine Hände drumrum. Er meint fasziniert interessiert, dass das ja alle Heiler so machen, dass die Energien dann von rechts nach links fließen. Ich danke Gott, dass meine Hände zufällig richtig liegen. Nach 5 Minuten meint er, es würde sich jetzt ganz toll anfühlen. Ich denke nur „herrje“ und flüchte zum Händewaschen alias schlechte Energien ableiten.

Glücklicherweise gibt es bald Abendessen, und weitere unkontrollierbare Schnapsideen meinerseits bleiben aus. Wir sind leider immer noch nur zwei Pilger und zwei Hospitaleros, dabei haben die beiden unheimlich liebevoll zwei verschiedene Suppen, Tortilla und Spaghetti mit Thunfisch gekocht. Ich bin unheimlich glücklich in dieser kleinen Runde, als es klopft und Chuck sich zum Abendessen einlädt. Er logiert in der privaten Herberge, aber dort ist ihm das Essen zu teuer. Das hier ist alles Donativo, d.h. auf Basis von freiwilliger Spende. Heute spende ich mehr als jemals zuvor, aber für Chuck ähnelt Donativo „fast gratis“. Und Kristian hat auch schon verlauten lassen, dass er heute einfach eine Gratisherberge gebraucht hat, weil er nur noch 6 Euro hat bis zum nächsten Geldautomaten.

Allein beim Anblick von Chuck vergeht mir der Appetit. Er redet ohne Unterlass, im wesentlichen davon, wie toll er ist. Er erzählt von seinem Blog, dass er in Google Nummer 1 ist, wenn man Spanien und perverse Sachen eingibt, weil klar, er weiß ja, wie er auf sich aufmerksam machen kann… ich bekomme schier Brechreiz. Abschließend setzt er an zu „hey guys, also jetzt mal im Ernst, der Camino wird doch einfach nur maßlos überschätzt. Klar, man hat hier jeden Abend ein warmes Bett und das Laufen tut gut, aber sonst ist doch nichts, oder?“. Kristian scheppert lautstark seine Teller zusammen und beginnt mit dem Abräumen, und auch ich verlasse fluchtartig und dankbar den Raum. Wir spülen zusammen ab, als mein Lieblingshospitalero mir zuraunt, ob der da drinnen ein Freund von mir wäre. Mein Blick ist wohl eindeutig, und er meint „ein Glück!“. Das macht ihn mir nochmal doppelt so sympathisch.

Während wir einträchtig abspülen (und Kristian kritisiert, dass noch Spülmittelreste auf den Tellern wären und die nicht festtrocknen dürften; er wäre später gerne mal Hausfrau), überfällt mich eine gewisse Beklommenheit und Traurigkeit. Ich fühle mich endlos verbunden mit diesem Chaoten, und er fragt prompt auch, ob ich gerade happy wäre. Als ich verneine, fragt er, ob es daran liege, dass ich abspülen müsse. Als ich wieder verneine, ist er still. Ganz ehrlich breche ich aber fast gleich in Tränen aus. Ich habe einen beschissenen riesigen Topf mit Linsenresten zum Spülen, und auch wenn ich seit 5 Minuten schrubbe, es werden irgendwie immer mehr Linsenreste. Ich ertappe mich dabei, die Linsenreste schon als „fucking“ zu titulieren, und das macht mich erst recht unglücklich.

Zum Glück gibt es nun noch eine Messe, nur für mich, weil Kristian für heute wohl schon genug Messe hatte. Darüber bin ich auch erleichtert. Wir sitzen zu dritt in der Kirche, die man direkt durch den Schlafsaal betreten kann. Ich bekomme Texte in Deutsch zum Vorlesen, lustigerweise die, die ich bereits im Vorjahr in Ponferrada gelesen habe. Ich darf den spanischen Pilgersegen lesen, die Kanadier lauschen geduldig meinen spanischen Leseversuchen. Zum Abschluss singen wir „Hallelujah“ von Leonard Cohen, zum Glück in einer abgeänderten Version. Sonst hätte ich mich leider weigern müssen. Ich hatte noch nie so Probleme mit einem Lied wie bei der Stelle „it’s a cold and it’s a broken hallelujah“.

Mein Hospitalero nimmt mich zum Abschied nochmal sorgenvoll zur Seite; ich wüsste ja, wo sie schlafen, falls irgendwas sein sollte. Ich denke an den verklärten Vortrag über festtrocknendes Spülmittel und versichere ihm, dass nichts irgendwie sein wird.

Kristian liegt schon im Bett, er schaut sich gerade seine Digitalfotos an. Er hat die Brücke von Hospital de Órbigo und meint, lustig, und 5 Meter später kamst Du. Ich finde es weniger lustig. Davor hatte ich mich unter Kontrolle und habe nicht spinnende Hände gehabt und komische Sachen gesagt. Ich bekomme seine Emailadresse. Ich schnappe mir 4 Decken gegen die Kälte, sage „Gute Nacht“ und haue meine Ohrstöpsel rein. Bestimmt zwei Stunden lang wache ich immer wieder auf, weil Kristian irgendwas sagt. Ja, denkt der denn, ich höre da ewig zu? Einmal sagt er, sein Fuß fühle sich unglaublich an, wie neu. Ich denke nur scheißescheißescheiße.

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Seit langem gönne ich mir mal wieder ein offizielles Herbergsfrühstück, das hier Hotelcharakter haben soll. Bis ich mich durch die diversen Kuchen und Säfte durchgearbeitet habe, sind die meisten Pilger schon wieder aufgebrochen. Ich will auch gerade aufstehen, als die beiden Deutschen vom Vorabend kommen. Nachdem sie sich zu mir setzen, bleibe ich noch ein bisschen und höre mir ihre Geschichte an. Eigentlich wollten sie die Via de la Plata laufen, aber irgendwie war das nicht nach ihrem Gusto. Zu heiß und zu wenig Herbergen, deswegen sind sie jetzt kurzerhand mit dem Bus hierher in den Norden gefahren. Einer der beiden, ein sportlich Schlanker, ist den Weg letztes Jahr schon gelaufen, und diesmal hat er seinen Kumpel auch dafür begeistert. Besagter Kumpel ist ungefähr dreifach so dick und schwitzt schon beim Frühstücken. Deutlich sympathischer als gestern Abend werden sie mir auch jetzt nicht; ihre Art, an allem herumzumeckern und sich zu echauffieren passt mir nicht.

Ich verabschiede mich von „meinem“ Hospitalero, der mir irgendwie schon ganz vertraut ist. Ich bedanke mich und sage ihm, dass er ein toller Hospitalero ist und ich dank ihm ein ganz tolles Flair und einen sehr entspannenden Aufenthalt geniessen durfte. Er meint, ich wäre eine gute Pilgerin. Nur den Guten würde so etwas überhaupt auffallen.

Das heutige Etappenziel ist Foncebadón, worauf ich mich schon sehr freue. Ein ehemals verlassenes Dörfchen, jetzt schon wieder besiedelt, aber immer noch mit einem Hauch von Einsamkeit behaftet und schön in den Bergen gelegen. Angelo kennt die dortige Herberge mit gemeinsamem Kochen und Andacht, genau richtig.

Der morgendliche Weg führt wieder über sandig roten Boden, eingerahmt von rauen, farbenprächtigen Büschen. Ich bin als eine der Letzten gestartet und sehe jetzt also ungewohnt viele Rucksäcke und Stöcke vor mir. Ich lege meinen Schnellschritt ein und überhole Stück für Stück, ich brauche morgens einfach meine freie Sicht und meine Einsamkeit. Ich überhole auch Angelo, der wie üblich fest eingemummelt in sein Stirnband und Kapuze meditativ vor sich hinschleicht. Er ist definitiv das Langsamste, was ich jemals auf dem Camino gesehen habe.

Der Weg hier ist eines meiner Lieblingsstücke, genauso wie die Kirche in Rabanal einer meiner Lieblingsorte ist. Sie sieht noch genauso aus wie vor einem halben Jahr, genau die gleiche Baustelle, immer noch wackelige Holzbretter als Bankersatz. Ich bin direkt wehmütig, dass ich heute weitergehen werde und die Messe hier verpasse.

Mir gefallen vor allem Strecken, die fernab sind von Städten oder Straßen, insofern bin ich hier genau richtig. Soweit das Auge reicht, ist nichts außer im Wind wehenden Sträuchern oder Berggipfeln in der Ferne. Gegen Mittag habe ich Foncebadón erreicht, aber meine geplante Herberge ist verwaist und geschlossen. Ich gehe zurück zu einem der wenigen Häuser zu Beginn des kleinen Dorfes. Dort herrscht deutlich mehr Betrieb. Die Tische in der Bar sind restlos bevölkert, und um überhaupt hinein zu kommen, muss man ordentliche Musikbeschallung über sich ergehen lassen, die mich an eine österreichische Skihütte erinnert. Ich frage den Besitzer nach der Herberge oben, und wie ich befürchtet hatte, sie macht erst später im Jahr auf. Bei ihm könne man theoretisch auch schlafen, aber das geht für mich absolut nicht. Auch die dritte (und damit letzte) Schlafgelegenheit in Foncebadón hat auf den ersten Blick eher Hotel- als Herbergscharakter, sodass ich mich höchst spontan entschließe, einfach weiterzulaufen nach Manjarín. Die Herberge dort soll wirklich ursprünglich sein.

Kaum habe ich Foncebadón hinter mir gelassen, zieht ein leichter Wind auf und schiebt Wolken vor meinen lückenlos blauen Himmel. Vor dem Cruz de Ferro wird es dann direkt ein bisschen neblig, und wenige Meter vorher setzt ein leichter Nieselregen ein. Ich denke „perfektes Timing“, ich habe nämlich noch nicht Mittag gegessen und überbrücke den kleinen Wetterwechsel gemütlich auf einem windgeschützten, überdachten Plätzchen mit unverbautem Blick auf das imposante Cruz de Ferro. Ich esse und esse, und so richtig besser wird das Wetter nicht. Irgendwann bin ich fertig mit essen, und mittlerweile regnet es wie aus Kübeln. Für einen Moment überkommt mich ein mulmiges Gefühl, ich bin hier wirklich ziemlich weit im Nichts, nach mir kommt diesen Weg heute wohl niemand mehr, und so ganz wohl ist mir der aufkommende Nebel nicht. Am Kreuz parkt neuerdings ein Wohnmobil, allerdings macht (verständlicherweise) keiner Anstalten, auszusteigen. Ein bisschen beruhigt mich diese Anwesenheit, habe ich doch das Gefühl, nicht ganz so allein zu sein.

Ich lege meinen von zu Hause mitgebrachten Stein am Kreuz ab. Wegen dem Regen wird das Ganze aber deutlich kürzer und unromantischer als geplant. Ich verziehe mich wieder in den trockenen Unterstand, aber langsam wird mir kalt. Und ich traue meinen Augen kaum, als es dann auch noch zu schneien anfängt. Heute morgen noch strahlender blauer Himmel und Sonne, nun windet und schneestürmt es hier. Mir wird immer mulmiger.

Plötzlich kommen zwei Gestalten durch den Schnee geeilt, eine läuft auf das Wohnmobil zu, eine kommt zu mir. Mein Exemplar ist ein junger Deutscher, der fröhlich strahlt und der plaudert, als wäre hier der normalste Tag auf dem Camino. Er erzählt mir, dass er mit einem spanischen Pfarrer unterwegs ist, und beide wiederum mit der Schwester des Pfarrers im Begleitfahrzeug, besagtem Wohnmobil. Sie haben immer Handykontakt und können sich umziehen oder aufwärmen, wann immer sie wollen. Nur gelaufen wird strikt selber. So kommt auch der Pfarrer dann irgendwann wieder aus dem Wohnmobil und wartet mit uns auf Wetterbesserung. Mittlerweile haben auch ein polnischer Vater und Sohn sowie ein italienischer Radpilger Schutz unter der Überdachung gesucht, und ich bin deutlich erleichtert. Vor allem der Italiener ist gar nicht glücklich mit dem Wetter, er findet es sehr gefährlich, aber nachdem ich jetzt nicht mehr alleine bin, ist mir das alles ziemlich egal.

Die beiden Herren mit Begleitfahrzeug wollen sich entlang der Fahrstraße auf den Weg machen, und ich sehe es als meine Chance, mich da anzuhängen und in sicherer Begleitung bis Manjarín mitzulaufen. Trotz Schneesturm brechen wir zu dritt auf. Der spanische Pfarrer ist halb so groß und doppelt so alt wie wir, aber er schlägt ein unglaubliches Tempo an. Muss man auch, denn es ist extrem kalt. Der Schnee kommt einem horizontal wie in großen Platten entgegen, ich muss mich alle paar Meter schütteln, um eine Schneeschicht von meinem Bauch zu bekommen. So gut meine Regenjacke bisher auch mitgemacht hat, hier ist nach wenigen Minuten Ende. Zu meiner Kapuze und am Hals kommt Schnee herein und fließt mir eiskalt in die unteren Schichten. Meine Hände sind feuerrot und nass, genauso wie die Ärmel meiner Jacke und meiner beiden Fleecejacken darunter. Ich trage im Moment alles Warme am Körper, und alles wird patschnass. Der Deutsche neben mir ist interessiert um Konversation bemüht, aber ich kann jetzt beim besten Willen nicht reden. Ich versuche, die Straße im Auge zu behalten und gleichzeitig mit tief gesenktem Kopf nicht allzu viel Schnee in die Augen und Jacke zu bekommen. Meine Gedanken kreisen absolut panisch um Erfrierungstod oder zumindest Lungenentzündung.

Als rechts von der Straße Manjarín auftaucht, setze ich alles auf eine Karte und biege ab. Wenn diese Herberge nun auch geschlossen ist, bin ich aufgeschmissen, denn so schnell wie wir gelaufen sind, sind die beiden anderen nach einer halben Minute schon in uneinholbarer Entfernung. Und allein kann ich das nicht laufen, ich bin schon in heller Aufregung gewesen auch mit der an sich tröstlichen Gesellschaft eines Pfarrers und Begleitfahrzeugs. Die Herberge ist dunkel, und mein Klopfen hallt ebenso dunkel ins Nichts. Nach einigen endlos schweren Sekunden öffnet sich die Tür dann doch – und für den ersten Moment bin ich selig.

Von Tomás, dem berühmten Hospitalero und Tempelritter in einem, habe ich schon viel gehört. Jetzt so in meiner verzweifelten Stimmung wirkt er etwas einschüchternd auf mich. Er zeigt mir einen Ofen in der Mitte des Raumes, an den ich mich setzen soll, und verschwindet murmelnd in einem anderen Raum. Die Herberge wird in Führern liebevoll von „einfach“ bis „speziell“ beschrieben. Die einzige Beleuchtung in Form einer Lampe von der Stärke eines Glühwürmchens lässt erahnen, dass sich in dem Raum entlang der Küchenflächen etwa 50 ungespülte und übereinandergestapelte Gedecke türmen. In der Spüle steht eine große Plastikwanne mit einer Flüssigkeit, die sowohl zum eventuellen Abspülen als auch gleichzeitig für alles andere dient, z.B. als Hundetränke und zum Händewaschen.

Es klopft an der Tür, und die beiden Polen kommen, um sich aufzuwärmen. Sie haben überhaupt keine Regenausrüstung, nicht mal eine Regenjacke, und auch nur Turnschuhe. Sie sind also noch verfrorener als ich und ebenso verzweifelt. Vermute ich zumindest, als der eine seine nassen Sachen direkt auf den heißen Ofen legt, „Hauptsache, sie werden trocken“, obwohl es ungut riecht und dem Material wohl eher weniger zuträglich ist. Ich bin erleichtert über die Gesellschaft, aber sie wollen nicht übernachten, sondern weiter, sobald es ihnen wieder etwas wärmer ist. Sie wollen bis runter ins Tal, entlang der Fahrstraße. Diese Möglichkeit kommt für mich nicht in Frage. Zum einen ist es noch richtig weit, mehrere Stunden, ich habe keine Ahnung, wie lang die Fahrstraße noch extra ist, es wird schon langsam dunkel, ich bin eh schon patschnass und eiskalt, und ganz abgesehen davon ist das die beste Strecke vom ganzen Camino, und die möchte ich sicher nicht im totalen Blindflug und in Erfrierungshalluzinationen zurücklegen.

Nachdem ich übernachten will, zeigt mir Tomás das Schlafgebäude. Eigentlich recht hübsch in einem Steinhaus mit (Natur-)Steinboden, dadurch natürlich reichlich kalt, aber stolz zeigt mir Tomás seinen neuen Ofen, den er dann auch extra für mich anfeuert. Etwas skeptisch macht mich höchstens sein Welpe, der, nass wie er ist,  begeistert auf allen Matratzen und auf meinen Sachen herumspringt. Ich versuche gerade das Beste aus der Lage zu machen, als Tomás schon wiederkommt mit drei Schwestern im Schlepptau, die hier auch schlafen wollen. Im ersten Moment bin ich erleichtert, allerdings sammeln sie bereits eine viertel Stunde später alles wieder ein, nachdem die eine die Freilufttoilette inspiziert hat und absolut geschockt stammelt, dass sie hier nicht bleiben kann.

So bin ich also wieder allein, noch dazu ist der Ofen auch gleich wieder ausgegangen, und in dem Steinhäuschen herrschen die gleichen Temperaturen wie draußen. Meine nassen Sachen hängen quer durch den Raum verteilt, aber wovon sollen sie trocknen. Zwar habe ich im Moment meine Zweitgarnitur an, ein trockenes T-Shirt und eine trockene Hose, aber ohne Fleecepulli ist es kalt, und um in das Haupthaus zu kommen, muss ich durch einen matschigen Hof und bin bei der aktuellen Lage gleich wieder nass.

Ich entscheide mich für Haupthaus und den warmen Ofen, allerdings ist es mit Tomás mühsam. Er redet von sich aus nichts, ich komme mir irgendwie wie ein Störfaktor vor. Wenn ich etwas frage, brummelt er eher missmutig eine Antwort. Er redet von Energien, die er spüren kann, manche Pilger hätten gute und manche schlechte, und guckt mich grimmig an. Er meint, 2012 würde die Welt untergehen. Mir macht das alles in meiner momentanen Situation einfach nur Angst, ich verstehe sein Spanisch kaum, ich verstehe nicht, was er mir sagen will oder was ich machen soll. Er sagt, um 8 gäbe es Abendessen. Das ist ja nett, aber ich weiß nicht, ob ich helfen soll oder kann, sitze also nur untätig dumm rum und fühle mich total beschissen.

Das Abendessen ist eine Suppe, von der ich lieber nicht wissen will, ob die Grundlage auch aus der Allzweckplastikschüssel kommt. Der Hund schlabbert vorher aus den Tellern und als die Suppe drin ist. Ich bin an sich nicht übermäßig heikel, aber vermutlich hätte mich das unter normalen Umständen eher gestört. Im Moment bin ich aber wie narkotisiert, fühle mich hilflos und ausgeliefert und hoffe einfach nur irgendwie, dass das rumgeht bzw. Tomás nicht mit mir böse ist. Irgendwann brummelt er etwas von seinem Hund (er hat viele), der weggelaufen ist, und geht raus. Ich sitze noch eine Weile, irgendwann kommt ein Mann, der Gemüse bringt und nach Tomás fragt. Ich habe aber auch keine Ahnung, wo der ist, nutze aber die Chance, das Haupthaus zu verlassen, solange mir jemand hilft, die Türen so zu öffnen und zu schließen, dass das restliche Heimtierarsenal nicht auch noch begeistert wegläuft.

Die Schlafhütte ist an sich romantisch und nett, denkt man an Sommer und eine lustige Mischung netter Mitpilger, die vielleicht auch noch Spanisch können. Tomás ist ja schließlich auch ein netter und interessanter Mensch, wenn er einen nicht gerade in einem Moment erwischt, in dem einem alles und jedes Angst macht. Aber jetzt so allein bei Eiseskälte ist die Hütte der Horror. Es gibt eine dicke Holztür, zum Glück mit einem tollen, schweren Riegel, den ich erstmal begeistert vorschiebe. Aber über und unter der Tür sind schlappe 20 cm Luft, draußen hört man Hunde und sonstiges; was Getier angeht könnte ich wahrscheinlich genauso gut draußen schlafen. Und hier ist ja nichts Dorf oder so, sondern wildlife at its best.

Ich schnappe mir alle 7 Decken. Ich bin eiskalt, mein Schlafsack ist eiskalt, die Decken sind eiskalt. Meine Wasserflasche neben mir beschlägt schon. Ich bin in einer ganz merkwürdigen Stimmung. Ich kann mir nicht mehr vorstellen, dass es ein paar Kilometer weiter ein anderes Leben gibt, ich erinnere mich nicht an Herbergen und Freunde, die Geborgenheit von Astorga. Ich kann mir nicht vorstellen, dass es ein Morgen gibt. Ich kann nicht mal mehr vernünftig denken, ich fühle mich so hilflos und schicksalsergeben. Dieser Wetterumschwung hat mich in doppelter Hinsicht geschockt. Ich wollte meinen Stein niederlegen, mit Gebeten und Wünschen. Am liebsten hätte ich in diesem Moment, wie so oft, einen Regenbogen oder einen Sonnenstrahl gehabt, der mich dann vollends in Tränen der Rührung hätte ausbrechen lassen. Statt dessen hat mir die höhere Instanz ein Unwetter geschickt und bestraft mich mit dieser Herberge (anders kann ich das im Moment nicht sehen). Ich kann nicht mal mehr beten, dass ich diese Nacht gut überstehe, ich habe das Gefühl, dass derjenige gerade sehr genau mein Schicksal im Auge hat, sowieso seine Pläne mit mir hat, die er durchsetzt – und es zieht mir jeglichen Boden unter den Füßen weg, dass ich momentan das Gefühl habe, dass er mir gar nicht wohlgesonnen ist.

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Der Morgen beginnt etwas unerfreulich. Gestern noch ein kleiner morgendlicher Käfer, heute der ein oder andere juckende rote Fleck. Aus Erfahrung ahne ich, dass es sich um Bettwanzen handelt. Meine Begeisterung hält sich in Grenzen, aber solange die Herrschaften in dem Bett geblieben sind und sich nicht in meinem Rucksack verkrochen haben, soll es mir kein Drama sein.

Ab Rabanal geht es ordentlich den Berg hoch, durch einsame Dörfer, umrankt von Schauergeschichten von Hape Kerkeling über wilde Hunde. Vor Hunden habe ich so oder so schon ziemlichen Respekt, trage meiner straffen Gewichtsplanung zum Trotz einen Pfefferspray mit mir herum und sehe dem großen Abenteuer mit gemischten Gefühlen entgegen. Bei Sonnenaufgang überwiegt dann aber doch die Freude auf die Berge, dort bin ich richtig zu Hause, dort bin ich belastbar und kann meinem Körper voll vertrauen und mich auf meine Kondition verlassen.

Auf der Straße richten die beiden Belgierinnen ihre Satteltaschen, Leuchtwesten und Helme. Wir wünschen uns herzlich einen guten Weg, und ich denke noch einige Minuten darüber nach. Pilger sind höflich und man wünscht jedem einen guten Weg, aber selten hatte ich das Gefühl, dass so viel in den Worten mitschwingt.

Einen guten Weg wünsche ich schweren Herzens auch meiner kleinen Kanadierin. Schon gestern konnte sie abends kaum mehr auftreten. Bei diesem Abschied weiß ich, dass ich sie abends nicht mehr in der Herberge treffen werde und wir uns nicht mehr wiedersehen werden. Ich bringe nicht den Mut auf, sie nach ihrer Email zu fragen und damit zuzugeben, wie ich ihren Zustand einschätze und dass ich nicht auf sie warten werde. Ich bin sicher, dass sie sich notfalls auf den Händen nach Santiago durchkämpfen wird. In meinem Herzen trage ich sie immer bei mir als meinen Engel der ersten Tage.

Bei strahlendem Sonnenschein stapfe ich munter den Berg hoch. Es ist noch kühl und einfach schön. Nach einiger Zeit radelt es auf der Straße parallel zu meinem Weg – es sind die Belgierinnen, und wir winken uns begeistert zu. Unsere Wege kreuzen sich noch oft auf dem Aufstieg, wir winken wie die Weltmeister und holen wahrscheinlich alles nach, was die Mädels in den vergangenen Tagen an überraschenden Wiedererkennungen auf dem Weg vermisst haben. Und es ist ein beflügelndes Gefühl, ebenso schnell wie die Fahrräder den Berg hinauf zu fliegen.

Die einsame Stadt voller Ruinen und wilder Hunde ist natürlich gar nicht einsam, und einmal kommen mir zwar große Hunde entgegen, sie trotten aber völlig ungerührt den Weg entlang und nehmen nicht mal Notiz von mir, die respektvoll einen Meter zur Seite tritt. Trotzdem ist Foncebadón beeindruckend und mystisch, und von der Höhe hat man eine schöne Aussicht.Der Weg ist wunderschön einsam, ich sehe vor und hinter mir niemanden. Hohes, weißgelbes Gras wogt um den schmalen Pfad, Heidekraut und Ginster setzen Farbakzente. Ich fliege dahin, schwinge kraftvoll die Flügel, ich lebe.

Ich erreiche das Cruz de Ferro, einen Punkt, auf den ich mich im Vorfeld auch sehr gefreut habe. Das Gebet, welches man am Kreuz und Steinhaufen mit Beiträgen aus aller Welt zu beten hat, während man seinen Stein niederlegt, lautet: „Herr, möge dieser Stein, Symbol für mein Bemühen auf meiner Pilgerschaft, den ich zu Füßen des Kreuzes des Erlösers niederlege, dereinst, wenn über die Taten meines Lebens gerichtet wird, die Wagschale zugunsten meiner guten Taten senken. Möge es so sein“.

Das Kreuz ist gut besucht, jeder Pilger scheint dort Rast zu machen, lässt das berühmte Foto von sich machen und legt seinen Stein nieder. Trotz des Trubels kann ich mich konzentrieren und meine Gedanken an den lieben Gott richten. Das Gebet bewegt mich sehr, ebenso das Kreuz an sich. Neben einigem Plunder hängen viele Fotos und tiefchristliche Bitten. Ich kann mir vorstellen, welch Sorgen sich um manche der Personen auf den Fotos ranken und mit welch schwerer Last hier viele gestanden haben. Viele, die wirklich das Gefühl hatten, diesen Stein ablegen zu müssen, um glücklich zu werden und um Glück zugeteilt zu bekommen. Viele, die darin Vertrauen setzen. Die glauben, dass an diesem exponierten Pfahl, unter diesem Kreuz, der Herr näher ist und ihre Bitten besser hören kann. Die keinen anderen Ausweg mehr sehen, als Gott um Hilfe zu bitten und ihre Geschicke lenken zu lassen.

Und in diesem Moment erscheint mir das rein überhaupt nicht abwegig. Vor einem Jahr bin ich den Weg sportlich und kulturell motiviert gelaufen, und hier stehe ich nun, mir laufen die Tränen und ich bin tief bewegt. Schon seit Tagen kann ich in guten Momenten meine Gedanken an Gott richten, aber mein Leben lang habe ich sie wie als Kind in den endlosen, schwarzen Himmel geschickt. Hier stehe ich nun und denke meine Gedanken, als säße Gott keine 2 Meter von mir entfernt. Ich sehe ihn gefühlsmäßig vor mir, wie er mir zuhört und mich wortlos anschaut, vielleicht schmunzelt und mir sagen will „wie konntest Du denn an mir zweifeln?“ oder „hey, ich bin doch immer bei Dir, wenn Du mich brauchst“.

Freudenschreie reißen mich aus meinen Gedanken. Die Nachzüglerschwester ist mittlerweile eingetroffen und hat einen Zettel von ihren Schwestern gefunden. Sie sind einen Tag vorher hier vorbeigekommen, und sie ist komplett aus dem Häuschen, dass sie nur einen Tag vor ihr liegen, in greifbarer Nähe, und an sie denken.

Die Belgierinnen kommen angeradelt, ich nehme ihr Erinnerungsfoto auf. Obwohl es anschließend abwärts geht und sich unsere Wege definitiv trennen, wollen sie noch meinen Namen wissen. Ich bekomme wieder ein sehr herzliches „buon camino“, diesmal mit meinem Namen, und bin rundum glücklich wie schon lange nicht mehr.

Der Abstieg wird beschwerlich. Es ist heiß, man steigt über Felsen und Geröll, meine Vorräte gehen zur Neige und ich werde unkonzentriert. Mit jedem Abstieg spüre ich meine Knie, ich denke an die Kanadierin und die gehunfähigen Frauen in Astorga. Ich gebe mir Mühe, meine Stöcke einzusetzen und mich zu konzentrieren, aber der Weg ist endlos, und ich bin sehr froh, als ich wieder die ersten Dörfer erreiche, ohne gestürzt zu sein. Ein Mercado hat offen, ich kaufe glücklich meine Standardkost, eine große Wasserflasche, 2 Bananen, Brot und Käse.

Ich bin ziemlich erledigt, als ich nach fast 30 Kilometern samt Bergüberquerung mein Ziel Molinaseca erreiche. Aber zum ersten Mal habe ich das Gefühl, auch wirklich etwas geleistet zu haben.

Ich tätige meinen Standardanruf zu Hause, 50 Cent, um zu hören, dass bei meiner Familie alles okay ist, und um meine besorgte Mutter zu beruhigen. Mit gutem Gewissen kann ich meinen eh schon beschlossenen Standardsatz bringen „bin gesund, Wetter fein, ganz viele nette Leute, niemand Gefährliches, Laufen problemlos“.

In der Herberge fragt der Herbergsvater (auch wieder ein überzeugter Nur-Spanisch-Sprecher) nach Blasen. Ich weiß nicht so recht, ob man mit Blasen keinen Einlas bekommt oder Socken tragen muss oder warum er es wissen will. Ich zeige meine zwei kleinen Bläschen und er stürzt begeistert davon. Nur 5 Minuten mit dem Auto zu seiner anderen Herberge. Ich kapiere nichts und hoffe nur, jetzt nicht irgendwas angerichtet zu haben. Er kommt wieder mit einem riesigen Verbandskasten und beginnt, Kanülen in meine Blasen zu stecken und Jodlösung hineinzubugsieren. Er erzählt, dass er die Herberge seit 15 Jahren hat und der Experte ist im Blasen heilen. (Aha, ein medizinisch Bewanderter also). Er hat auch noch die schicke Herberge auf der anderen Straßenseite, aber er mag lieber den Spirit hier, das Puristische, das Echte. Obwohl mir gerade mehr als schlecht wird mit all den Kanülen in den Füßen, ist er mir sehr sympathisch. Nicht jeder versteht meine Gefühle, meine Gedanken, meine Faszination. Ich denke an den aktienverrückten Superman und den bayrischen Informatiker und weiß, dass ich selbst in 4 Wochen Camino keinerlei Seelenverwandtschaft entdecken könnte. Aber der Herbergsvater hier ist selber 20 Mal den Weg gelaufen und hängt furchtbar gern unter den Pilgern ab.

Als ich ihm interessehalber meine roten Stellen zeige und wissen will, ob es Flöhe oder Wanzen sind, wird er sehr unruhig und verlangt sofort meine Sachen zu sehen. Er inspiziert akribisch den gesamten Rucksack, jede Socke, jede Naht des Schlafsacks, will wissen, was ich wann getragen habe und ob irgendwo noch mehr ist. Mir wird überaus mulmig und ich hoffe nur, dass er nichts findet und vollends in Panik ausbricht. Auch die interessierten Mitpilger in der Herberge gucken mich schon ganz und gar unfreundlich an. Aber er findet nichts, ist erleichtert (und ich erst!) und erzählt, dass in den letzten Tagen schon mehr dieser Art passiert wäre. Er will genau wissen, wo ich war und wo nicht und will herumtelefonieren, damit die entsprechenden Herbergen desinfizieren und sich die Wanzen nicht weiter verteilen. Ich verstehe seine sehr plastische Schilderung mit wilder, verzweifelter Gestik, dass mit nur einer Bettwanze nach ein paar Wochen Hunderte, Tausende, Millionen schlüpfen. Trotz grünem Licht für meinen Rucksack ist mir jetzt ordentlich mulmig. Weder will ich seine geliebte Herberge verwanzt haben noch freue ich mich auf Hunderte, Tausende, Millionen in meiner Wohnung in Deutschland.

Mein heutiges Dosengerichtchen ist supereklig, und in der Herbergsküche macht sich eine große Gruppe breit. Alle sind nett, kennen sich aber untereinander, haben genug Kontakt mit sich selbst und sind also nicht so recht offen für neue Kontakte. Ich bin eingeschüchtert und fühle mich etwas fehl am Platz. Der Hospitalero kommt abends noch, setzt sich zu mir auf die Stufen und erzählt vom Pilgern, seinen Idealen, der Faszination. Es ist wunderschön, und vor allem toll, dass ich doch eigentlich kaum Spanisch verstehe, ich aber das Wesentliche voll erfasse.

Ebenso nicht zu der großen Gruppe gehören zwei bildhübsche Italienerinnen. Erstaunlicherweise sind sie höchst erfreut über meine Kontaktaufnahme und unheimlich nett. Bzw. eine kann leider kein Englisch und auch sonst wieder nichts außer Italienisch. Sie sitzt höflich freundlich lächelnd dabei, aber versteht ja kein Wort. Mir ist das furchtbar unangenehm, aber sie wirkt schicksalsergeben und nicht unglücklich.

Ich bekomme etwas Kopfweh und mache mich zeitig auf in den gemütlichen und wirklich urigen Schlafsaal. Beim Zähneputzen erwischt mich der allgegenwärtige Chef des Hauses besorgt und erkundigt sich, ob alles okay ist. Sofort will er wieder den Koffer holen gehen, um mich mit Kopfschmerztabletten zu versorgen. Ich bin gerührt über so viel Engagement für die Pilger und schlafe heute sehr zufrieden und wie immer sehr „reich“ ein.

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