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Posts Tagged ‘Triacastela’

In dem massivholzigen, riesigen und recht leeren Schlafsaal schläft es sich tief und fest wie in einer Höhle. Zum ersten Mal ist mein warmer Schlafsack auch wirklich nicht schlecht. In meinem sonst üblichen Billigschlafsack hätte ich wahrscheinlich gefroren.

Richtig Tageslicht haben wir hier drin nicht, aber irgendwie scheint es mir nicht mehr so ganz dunkel zu sein, als ich aufwache. Ich konsultiere mal sicherheitshalber meine Uhr und bekomme einen Riesenschreck – es ist schon nach 8. Nicht, dass ich auch irgendeinem Grund wirklich früher rausmüsste, aber nachdem mein normaler Rhythmus eben anders ist, fällt es unter „verschlafen“ und rasche Aufbruchspanik. Die wenigen anderen schlafen noch tief und fest, sodass ich wieder alles zusammenraffe und erst im Aufenthaltsraum ordnend zusammenpacke. Dort traue ich meinen Augen kaum – hinter den riesigen Panoramafenstern zeichnet sich rosarot und vollkommen wolken- und nebelfrei ein klarer Sonnenaufgang vom Feinsten ab. Nach den vielen Tagen voller grauem Dauerregen ist es fast unfassbar. Als ich meine letzte Portion Krimskrams aus dem Schlafsaal hole, kommt mir Miguel entgegen. Ich mache ihm lautlose, dafür umso gestenreichere Zeichen in Sachen Wetterlage. Auch er strahlt.

Der klare Blick war ein Luxus, der den Frühaufstehern vorbehalten war. Während ich rasch zusammenpacke, ziehen sich schon wieder hauchdünne Nebelwölkchen vor die Berge. Ich laufe ein paar Meter im Sonnenaufgang, als es auch schon wieder in dicke, aufsteigende Nebel geht. Es ist ein lustiges Gefühl, im gleichen Grau wie immer zu laufen, aber wie ein Eingeweihter einer geheimen Verschwörung zu wissen, dass es hinter dem Nebel Sonne hat. Ich muss an eine alte Caminoerkenntnis denken, dass die Sonne immer für einen scheint – manchmal einfach nur hinter dicken Wolken.

Ich bin fast schon ein bisschen wehmütig, die Höhe so schnell wieder zu verlassen, noch dazu im Morgennebel. Heute bin ich mir sicher, dass er irgendwann der Sonne weichen wird. Das tut er dann auch wirklich, als ich das erste Örtchen hinter Fonfría hinter mir lasse. Plötzlich bietet sich ein nebelfreier Panoramablick bis hin zu den Bergen, freier Blick auf sich türmende und aneinander vorbeischiebende Wolkenfronten. Das allein lässt mich schon beeindruckt stehenbleiben, aber als dann noch die Sonne über den Bergen hervorkommt und einzelne Weidestücke in gleißendes Licht taucht, bin ich einmal mehr förmlich erschlagen von der Schönheit, Kraft und Wandlungsfähigkeit der Natur.

Der Weg nach Triacastela zieht sich stundenlang, und ich bin heilfroh, gestern von dieser Schnapsidee abgekommen zu sein, das noch kurz anzuschließen. Aber heute in dieser zögerlich einsetzenden Sonne ist es ein beeindruckender Weg.

In Triacastela besuche ich kurz die Kirche und meinen altbekannten Mercado; wegen Wochenende und Allerheiligen bin ich ja sehr vorbildlich vorratslos. Im Mercado kommt mir sofort eine Verkäuferin entgegen, die mit durchaus angepisstem Gesichtsausdruck in zwei Worten vermittelt, dass ich da mit meinem Rucksack nicht reindarf. Soweit habe ich dafür vollstes Verständnis, allerdings nicht für die Art der Kommunikation. Irgendwie bin ich richtiggehend vor den Kopf gestoßen, dass sie nicht wenigstens entschuldigend (oder überhaupt) ein bisschen lächelt oder etwas sagt wie „entschuldigung“, „bitte“ oder „leider“. Am liebsten würde ich einfach ähnlich angepisst dann gerade wieder hinausgehen. Mein nächster Gedanke, der mir auch sehr schnell auf der Zunge liegt, ist ein Konter, dass ich mit Rucksack immernoch weitaus schlanker bin als sie ohne. Glücklicherweise reichen meine Spanischkenntnisse mal wieder nicht aus, das fehlerfrei und schlagfertig über die Bühne zu bringen, sodass ich es lieber lasse. Ich kaufe meinen Minimaleinkauf ein und bin nachdenklich betrübt, dass man mit wenigen Worten darüber bestimmen kann, ob man einem Mitmenschen ein fröhliches Herz oder eine verregnete Stimmung beschert.

Mein nächster Gang führt zielstrebig über die Straße in die Apotheke. Diesmal stelle ich meinen Rucksack eingeschüchtert von vorneherein vor die Tür, allerdings steht er nun so elegant an einer Straßenecke, dass der nächste gebrechliche Kunde sich daran vermutlich den Hals bricht. Ich bin vollmotiviert und spanisch perfekt vorformuliert, um mir die Alfredo-empfohlene Wunderbeincreme zu kaufen. Das bin ich meinem Klumpbein, das mich so klaglos über die Berge getragen hat, nun mehr als schuldig. Vor mir stehen noch vier andere Kunden, und so richtig schnell geht es nicht vorwärts. Die einzige Apothekerin (vom Format von 4 Rucksäcken nebeneinander) walzt kontinuierlich schweratmend durch ihren kleinen Laden, um sich ächzend nach den wenigen Artikeln zu strecken, die in den Regalen im Hintergrund stehen. Kaum steht sie wieder schnaufend am Ladentisch und scannt die Packung ein, folgt nach einem irritierten Blick die Umkehr zur Rückwand und ein Strecken nach einem anderen Produkt, das nach kontrollierendem Scannen dann auch nicht das Richtige ist. So geht das etwa zehnmal, und ich bemerke eine gewisse Gereiztheit anlässlich dieses try-and-error-Verfahrens. Nachdem die wartenden Spanier aber allesamt völlig gelassen sind, beschließe ich, dass ich momentan einfach überreagiere und vielleicht besser mal frühstücken gehen sollte, bis sich der Laden geleert hat.

Nach einem ausgiebigen Pulpofrühstück aus der Dose und etwa eine halbe Stunde später treffe ich in der Apotheke immer noch 4 Leute an – allerdings um einen Kunden vorangerückt im Vergleich zu vorhin. Ich rede mir Gelassenheit ein und warte nochmal interessiert die (wenigen) Auslagen anschauend und spanische Ruhe kultivierend, aber nachdem auch nach 10 Minuten noch derselbe Kunde an der Reihe ist, gehe ich frustriert unverrichteter Dinge. Meine Ruhe und Gelassenheit reicht heute einfach noch nicht aus.

Statt über Samos zu laufen, entscheide ich mich heute wieder für die Variante über San Xil, die landschaftlich schöner sein soll und die ich bisher nur mit leichtem Schneefall kenne. In der völligen Ruhe und Einsamkeit inmitten von verwunschenen Kastanienwäldern finde ich meine Balance dann glücklicherweise recht schnell wieder. In den kleinen Weilern scheint die Zeit stehengeblieben zu sein, ich fühle mich ein wenig an Dornröschenschlaf erinnert. Höchstens unterbrochen durch eine Hühnermama mit ihrer wild durcheinanderkugelnden Kinderschar.

Obwohl ich eigentlich kein großer Liebhaber von Galicien mit seinen ständig verregneten, ständig schattigen Wäldern bin, bin ich diesmal ziemlich ergriffen vom Charme der uralten Kastanien, der moosbewachsenen Steine und dieser unglaublichen Ruhe und Beständigkeit, die davon ausgeht. Zum einen werde ich selber immer ruhiger, zum anderen stehe ich mehr mit bewundernd großen Augen, als dass ich laufen würde.

An einer Quelle mit großem, respekteinflößendem Teich entdecke ich die Selbstauslöserfunktion an meiner Kamera. Bestimmt eine Viertelstunde springe ich hin und her zwischen einem praktisch stehenden Müllcontainer und irgendwelchen Plätzen in Muschelnähe, um anschließend noch fotografiebegeistert die optimale Spiegelung erwischen zu wollen. Dazu versenke ich minutenlang alle auf dem dunklen Wasser schwimmenden Blätter und kann vermutlich von Glück reden, dass ich meine Kamera nicht gleich mitversenke.

Mitten in meine völlige Versunkenheit taucht plötzlich ein Pilger am Weg auf, sodass ich fast erschrecke. Der größere Schreck folgt, als ich ihn beim Näherkommen als Joaquin identifiziere. Mich überkommt eine „jetzt denkt er bestimmt, dass er mit mir reden muss“-Welle par excellence, und ich ergreife recht überstürzt die Flucht.

Nachdem ich mit meinem Bein und meiner cuidado nicht wirklich schnell bin, dauert es nicht lange, bis ein Klackern hinter mir Joaquin ankündigt. Das heißt, wirklich klackern tut er nicht. Zu einem hellen, leichten Tippen gesellt sich ein dumpfes Donnern. Bei näherer Betrachtung läuft er mit zwei gefundenen Holzstöcken, einer ähnlich filigran wie meiner, der andere ein halber Baum, wie ich ihn wohl nicht mal mit meiner Handspannweite halten könnte. Mein Erstaunen erstaunt ihn erst recht. Er guckt wieder wie aus allen Wolken gefallen, dass seine Stockauswahl ungewöhnlich sein könnte.

Meine panische Welle wird etwas geglättet durch die Tatsache, dass er sich recht offensichtlich in den Kopf gesetzt hat, jetzt mir laufen zu wollen. Er hat heute einen Frühstart hingelegt, mit Anke dann gegen 9 zusammen in Fonfría gefrühstückt, und nun scheinen sich ihre Wege fürs erste getrennt zu haben. Er hat es eilig und möchte bis Sarria, während das Anke zu weit ist. Sie stoppt heute in Calvor, in einer Miniherberge, wo es auch sonst nichts hat.

Es ist sehr merkwürdig und unwirklich, mit Joaquin zu laufen. Auf eine Art wirkt es absolut vertraut auf mich, was daran liegt, dass ich die ganze Zeit das Gefühl habe, Kristian neben mir zu haben. Sie haben dieselbe Größe, den gleichen Slang, fluchen ständig salopp – und schweben ein wenig verpeilt in einer anderen Dimension. Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, dass ich mich mit Kristian irgendwie blind verstanden habe und ihn ein Stück weit einfach gefühlt habe. Joaquin und ich verstehen uns dagegen nicht mal sehenden Auges, von fühlen ganz zu schweigen. Wann immer ich einen Satz beende, guckt er wie aus dem Nest gefallen und fragt, ob ich den ersten Satz nochmal wiederhole könnte. Oder ein Wort von vor 2 Minuten. Oder stellt fest, dass er da rein gar nichts verstanden hat. Er versteht meinen „grässlichen deutschen Akzent im Englischen“ nicht und lacht darüber so erheitert, dass ich ihm eine reinschlagen könnte. Im Gegenzug muss ich 5 x nachfragen, was seine genuschelten Wortfetzen mit sonstwas für einem Slang bedeuten sollen. Allein schon am Sprachverständnis hapert es bei uns kolossal, und dann erst beim Inhalt. Er schwebt als emotional healer in so einer anderen Sphäre, dass er es natürlich schon völlig daneben findet, einem weniger erleuchteten Mitmenschen in normalen Worten ein paar basics dazu zu erklären. Was auch immer ich sage, er findet es entweder unverständlich (sofern er es sprachlich versteht und mich nicht wieder mit einer Nachfrage zu einem Wort von vor 5 Minuten aus dem Konzept bringt) oder guckt derart gönnerhaft allwissend erleuchtet, dass ich auch schon wieder emotional sehr unbalanciert werden könnte. Wir laufen bis Sarria zusammen, aber als er am Ortseingang beschließt, mal kurz vor einer Herberge eine Pause zu machen und ein paar Schlucke zu trinken, bin ich höchst erleichtert darüber. Er imponiert mir sehr, aber gleichzeitig passt das mit uns rein absolut überhaupt nicht. Ich fühle mich total angestrengt durcheinander, falsch verstanden, kommunikativ limitiert, emotional allwissend durchleuchtet und letztendlich auch noch ein bisschen in Erinnerungen hin- und hergerissen.

Ich steuere meine Lieblingsherberge an, in der ich den Herbergsvater gleich wiedererkenne, als wäre ich gestern zum letzten Mal dagewesen. Er erkennt mich nicht, was ihm aber auch nicht zu verübeln ist, zumal es in der Herberge summt und brummt wie in einem Bienenstock. Die unteren Zimmer sind alle fast schon belegt, ich ergattere ein moderat befriedigendes Bett, dicht an dicht zu einem anderen. Über mir logiert schon jemand, vom Bett gegenüber steht ein Rucksack und Krimskrams, und irgendwo sollte nun auch ich mich noch ausbreiten. Mein Lieblingsbett mit ausladendem Steinsims wäre auch noch frei, aber das darf laut Hospitalero nur von einem Pärchen belegt werden, weil ja auch das obere Stockbett noch frei ist. Ich spüre schon wieder einen Hauch von Unausgeglichenheit in mir aufkeimen.

In der Herberge hat es haufenweise wild schnatternde Koreaner, und als ich gerade am Duschen bin, schnattert es von draußen wie ein deutsches Pfadfinderlager. Ich weiß nicht, wieso, aber im Moment überfordert mich alles hier enorm. Vielleicht die vielen Leute überhaupt, vielleicht die Masse von Deutschen. Ich kann mich gar nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal Deutsche auf dem Camino getroffen habe. Ich dusche möglichst heiß und versuche mich irgendwie zu beruhigen. Eigentlich ist überhaupt nichts, aber ich bin total unruhig. Vielleicht macht es der krasse Kontrast zu meinem heutigen Tag inmitten von uralten, einsamen Kastanienwäldern.

Als ich aus der Dusche komme, steht draußen im Garten die Grinsekatze des Österreichers und hilft einem deutschen Pärchen, ihre verbettwanzten Sachen zu sortieren. Das Pärchen logiert in meinem Zimmer und scheint gerade die Strategie zu verfolgen, dass die Bettwanzen ja vielleicht einfach wo anders hingehen, wenn man alles einfach nur ausladend genug ausbreitet. Der heiß erduschte Hauch von Gelassenheit ist schon wieder dahin, ich packe fluchtartig meine Ausgeh-Utensilien und suche mein Heil in einem mich normalerweise sehr erdenden Supermarkteinkauf. Beim Verlassen der Herberge fällt mein Blick noch auf Joaquin, begeistert kommunizierend mit einer Horde sehr alternativ wirkender Deutscher. Ich komme gerade irgendwie gar nicht klar.

Der Supermarkt beruhigt ein klein wenig, ich kaufe mir einen Paella-Bausatz und freue mich auf geruhsames Kochen. Danach suche ich noch eine Apotheke, wo ich mein mühsam zurechtgelegtes Sprüchlein von einer Creme für die Muskeln der Beine in einer gelben Dose mit asiatischen Schriftzeichen mit Methylsalicylat und ätherischen Ölen zum besten gebe. Die Dame in Weiß guckt moderat beeindruckt und zeigt mir einen Quadratmeter Regal mit tausenden Tuben Radiosalil; das wäre gut für die Beine. Ich will hier ja nichts, was gut für die Beine ist, sondern ich will die Creme für die Muskeln der Beine in einer gelben Dose mit asiatischen Schriftzeichen mit Methylsalicylat und ätherischen Ölen. Sie beharrt auf ihrem Regal nach dem Motto „Du bist Pilger, also musst Du das brauchen“, ich beharre drauf, ob sie denn nicht vielleicht doch noch was anderes hat. Sie schaut schicksalsergeben in ihrem Computer, findet aber nichts. Ich bedanke mich und gehe frustriert. Draußen habe ich ein schlechtes Gewissen meinem Bein gegenüber, das sich eine Creme ja wirklich verdient hat. So drehe ich nochmal resigniert um und kaufe doch diese merkwürdige Tube.

In der Herberge creme ich erstmal. Wenn jeder sowas benutzt, kein Wunder, dass ich die einzige mit Beschwerden bin. Der geballte entzündungshemmende Cocktail unterdrückt wahrscheinlich jede Reizung im Keim. Noch dazu stinkt das gute Stück atemberaubend nach Wintergrün (alias „nach Pilger“), und warum man klebrige Vaseline als Grundlage nehmen muss, erschließt sich mir auch noch nicht so ganz. Ein ganz kleines bisschen wehmütig denke ich an das luftige, asiatische Cremchen, dann aber doch lieber an meine Paella.

Als ich gerade in die Küche trabe, erspäht mich Joaquin. Er kommt strahlend auf mich zu und fragt begeistert, ob ich nicht auch mit ihnen kochen möchte – da hätte sich gerade einen nette Gruppe für den Abend zusammengefunden. Hinter ihm strahlt schon die Grinsekatze. Ich bin heilfroh über meinen gefrorenen Paella-Klotz, den ich alibi-mäßig bedauernd hochhalte. Zusammen kochen mit dieser Horde, no no never ever nunca nada.

Ich koche statt dessen mit einem lustigen Koreanerrudel, das zwar auch ordentlich laut ist, aber mich irgendwie weitaus weniger stresst. Sie schnibbeln stundenlang alle möglichen Sorten Gemüse, Fleisch, schlagen Eier schaumig… – um hinterher alles in einen Topf mit kochendem Wasser zu kippen. Ich werde strahlend eingeladen, ebenfalls mitzuessen, kann aber glücklicherweise wieder auf meinen Riesenteller Paella verweisen. Die isst sich in koreanischer Gesellschaft auch denkbar problemlos. Die Damen haben praktischerweise schon rollenweise Klopapier in Tischnähe bereitgestellt, weil sich selbst die Suppe irgendwie nicht nur mit Löffel essen zu lassen scheint. Da bin ich mit meinen öligen Garnelen-pul-Fingern ganz unauffällig aufgehoben. Derweil ist die überwiegend deutsche Riesengruppe vom Einkaufen zurückgekommen und bevölkert neben der Küche auch so ungefähr alle übrigen Tische, wild am diskutieren, wer nun was für was wie genau zubereiten soll. Mich überfordert doch schon Kochen mit einem einzigen Südländer.

Ich gehe in die Abendmesse und anschließend in den kleinen Kaminraum, wo es am Abend üblicherweise ein offenes Feuer gibt. Im Moment lagert dort vor allem die Kochgruppe – mit einem wirklich lecker aussehenden Mahl. Ein ganzer Tisch ist allein schon vollgestellt mit verschiedenen Töpfen und Schüsseln. Ich verdrücke mich platzsparend und unauffällig an den warmen Kamin. Mittlerweile hat es wieder leicht zu regnen angefangen, sodass ein wenig Durchwärmung gut tut.

Nach dem Essen verlagert sich die Gesellschaft ebenfalls um den Kamin, im Lauf der Zeit füllt sich der ganze kleine Raum mit Pilgern. Der Herbergsvater bringt die bekannten drei Alkoholika zum Degustieren, wobei ich mich gleich schon mit Kennerblick an den sherry-ähnlichen, süssen Moscatel halte. Eine seltsame Metalltrommel in der Mitte des Feuers entpuppt sich als Kastanienröster, und nachdem eine ältere Engländerin als einzige die Kastanien am Weg als Esskastanien identifiziert hat und heute eifrig kiloweise eingesammelt hat, bekommen wir nun superleckere, geröstete Kastanien. Ich futtere wie ein Weltmeister.

Schräg über das Feuer ergibt sich das ein oder andere interessante Gespräch. Ich komme nicht drumrum, Deutsch zu sprechen. Ein Exemplar der alternativ aussehende Pilger fragt mich sehr frei heraus, warum ich den Camino gehe und was ich damit verarbeite. Während ich noch mit mir ringe, ob ich einfach finde, dass sie das nichts angeht, oder ob ich ihr erklären soll, dass ich nicht unbedingt mit Fragen oder konkreten Problemen auf den Camino gehe, ist sie eh schon selber am Weitererzählen. Ich erfahre mehr als mir so auf die Schnelle lieb ist, was sie verarbeitet, und dass sie natürlich täglich an ihre körperlichen und emotionalen Grenzen kommt und natürlich oft so fertig ist und nur am Heulen. Ich entscheide mich für Reserviertheit. So spektakulär ist mein Camino ohnehin nicht, und wirklich zu interessieren scheint es sie ja auch nicht.

Ich wechsle ein paar Worte mit einer Südafrikanerin, mit der ich schon eher auf einer Wellenlänge bin. Ansonsten entscheide ich mich heute wieder für die stille Zuhörer- und Beobachterrolle, nippe an meinem Gläschen Moscatel und schäle Marone um Marone.

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Als wir gestern zitternd und bibbernd in der kalten Herberge dem Regen und Schnee draußen zugeschaut haben, habe ich noch ironisch gewitztelt, dass ich mir in Triacastela als erstes eine große Tube Sonnenmilch kaufe. Ich hatte mich eigentlich auch schon damit abgefunden, dass wir jetzt in Galizien sind und dort nun mal eben meistens Regen vorherrscht. Umso schöner der morgendliche Blick aus dem Fenster – alles trocken!

Ich gebe Amber zum Abschied noch ihr Armband und mache mich auf den Weg. Es ist unheimlich schön mystisch; der Tag beginnt gerade, Nebelschwaden ziehen langsam in die Höhe, und hinter diesen kommt langsam die Sonne durch. Mal taucht die Sonne die Wiesen in gleißendes Licht, obwohl der Himmel selbst noch gewittrig dunkel ist, mal bescheint ein einzelner Lichtstrahl ein kleines Fleckchen inmitten von sonst eher trostlosem Grau in Grau. Ich kann mich kaum satt sehen.

Auch der Weg durch die Kastanienwälder ist einfach mystisch besinnlich, jeder Schritt fühlt sich gut und besonders an. Welch ein Kontrast zu den Tagen im Regen und ohne Motivation, bei dem man Kilometer um Kilometer abspult und nur das Ankommen im Kopf hat.

In Triacastela besuche ich den bekannten Supermarkt, kaufe mein verspätetes Frühstück und ein Glas Partysticks. Ich habe heute wieder viel an Kristian gedacht, und er hat fast täglich sehnsüchtig von diesem eingelegten Gemüse geschwärmt. Ich schreibe ihm ein Briefchen dazu und positioniere beides deutlich sichtbar auf dem Markierungsstein an der Abzweigung der beiden Wegalternativen. Ich denke, dass er einen Tag hinter mir ist. Vielleicht auch zwei. Aber wahrscheinlich überlebt mein Briefchen den nächsten Windstoß eh nicht.

Gegen Mittag erreiche ich Samos. Die Herberge hat noch geschlossen, aber die rüstige Lady aus England hat sich auch schon davor positioniert. Ich bin beruhigt, dass sie sich einen Teil des Weges mit dem Auto hat fahren lassen, sonst wäre sie mir wirklich unheimlich. Ich mache mich auf die Suche nach einem Supermarkt, beauftragt mit einem kleinen Brot und einer Tomate für das Vereinigte Königreich.

Während ich in der ersten Woche tagsüber so gut wie nichts gegessen habe, vernichte ich nun in Woche zwei unglaubliche Mengen. Ich habe ein hübsches Bänkchen neben dem Kloster mit Blick auf den sanft dahinfließenden Bach und fühle mich mal wieder sehr in mir ruhend.

Als es zu regnen beginnt und ich suchend nach einem Unterstand Ausschau halte, hat der Hospitalero ein Erbarmen und macht schon eine Stunde früher für mich auf.

Die Herberge ist sehr puristisch. Metallene Stockbetten in einem großen Raum mit biblisch anmutenden Wandmalereien. Neben dem Eingang ist eine Tankstelle und eine Hauptverkehrsstraße, und so riecht es auch. Außerdem gibt es keine Heizung, keine Küche und keinen Aufenthaltsraum, was die etwas kühle Atmosphäre noch unterstützt. Aber ich bin hier ja auch bewusst in einem Kloster abgestiegen.

Auch Sanne hat sich zu meiner Freude dafür entschieden. Wir waschen einträchtig Wäsche, ständig betreut von dem übereifrigen spanischen Hospitalero. Er hat sichtlich Freude an uns weiblichen Pilgerinnen und bietet sogar freundlich etwas Flüssigwaschmittel an. Glücklicherweise sind wir schon fertig, denn es hätte sich um das Bodendesinfektionsmittel gehandelt.

Die Wäsche können wir gegenüber der Straße aufhängen, und wie durch ein Wunder kommt mal wieder kurz die Sonne heraus. Sanne und ich liegen wortlos auf den Bänken und akkumulieren gute Energien. Soweit es eben an der Hauptstraße möglich ist.

Eine junge Deutsche trifft ein, sie hat ein Zelt dabei und ist in Pamplona gestartet. Mir kommen die ersten Sätze mit Kristian in den Sinn, und ich frage, ob sie zufällig „seine“ Deutsche mit dem Zelt ist. Ist sie, und sie ist ganz aus dem Häuschen, dass Kristian noch in der Nähe ist. In mir regt sich ein gewisser Widerwillen, als sie mir begeistert von ihrer Zeit zusammen erzählt. Sie ist ein unheimlich freundlicher, ausgeglichener, offener Mensch (zu allem Überfluss sehr hübsch und läuferisch sehr zäh), ich kann wirklich kein Haar in der Suppe finden und bin wohl einfach nur eifersüchtig.

Sie schleppt unglaublich viel Gepäck mit sich (sodass ich mich fast schon wie ein Versager fühle, weil mich meine wenigen Kilo manchmal ermüden), unter anderem eine Metalltasse, die sie mir leiht. Das Wasser in den Duschen ist so heiß, dass es für einen Tee reicht, und Teebeutel habe ich ja genug dabei. Die englische Lady kommt aus ihrem Schlafsack gekrochen und ist auch höchst erfreut über einen eigens für sie duschgebrühten five-o’clock-tea. Wir kommen ein bisschen ins Gespräch; sie ist pensionierte Kinderpsychologin, und in der etwas bedrückenden Atmosphäre der Herberge komme ich mir mit einem Mal vor, als befände ich mich in einer Therapiestunde. Sie kommt mir irgendwie allwissend vor und macht mir Angst. Ihre Andeutungen gehen mir nicht mehr aus dem Kopf, und plötzlich kann ich mir auch einen Reim auf alles machen. Ich habe das Gefühl, über Jahre hinweg so ziemlich alles übersehen und falsch interpretiert zu haben. Jetzt sehe ich plötzlich die schonungslose Wahrheit und fühle mich komplett neben mir.

Um 19.00 gehen wir, geführt von dem stolzen Hospitalero, in den Klostertrakt und lauschen einer gregorianisch gesungenen Messe von etwa 20 Mönchen. Ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren und fühle mich, als ob ich jeden Moment umfallen würde. Ich bin heilfroh, als die Messe um ist, ich mich ins Bett fallen lassen kann und keinen mehr anschauen muss. Meine Mitpilgerinnen sind etwas überrascht, als ich das Abendessen mit ihnen ablehne, aber vermutlich sieht man mir an, dass ich im Moment andere Probleme habe.

Ich habe überhaupt keinen Boden mehr unter den Füßen und weiß nicht, wie ich die Nacht überstehen soll. Interessanterweise schlafe ich aber sofort ein, und als ich eine Stunde später wieder aufwache und auch den Rest der Nacht hauptsächlich wach liege, habe ich zwar die Gedanken präsent im Kopf, aber sie machen mir keine Angst mehr. Nichts dreht und rast und macht mich panisch; wahrscheinlich hat das feine Netz aus Zuckerwatte die Gedanken eingesponnen und hält sie ruhig in der Schwebe.

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Ich wache in der noch stockdunklen Herberge auf und spüre, dass Jelle auch schon wach ist. Es ist ein etwas komisches Gefühl, nur zu zweit zu sein, und nachdem wir gestern doch ziemlich viel geteilt haben, wissen wir heute nicht so recht, wie wir miteinander umgehen sollen. Wir umgehen die persönlichen Thematiken und reden betont sachlich über z.B. das Wetter. Die ganze Nacht hat es ziemlich gestürmt, auch jetzt peitscht noch Regen in alle Richtungen. Wir trinken zusammen einen Automatenkaffee, dann mache ich mich auf den Weg. Im Moment brauche ich wieder ein bisschen Abstand, aber Jelle scheint es zu verstehen; er läuft heute ohnehin über Samos, ich die andere Wegalternative.

In der Herberge habe ich ein vergessenes Fleecehalstuch gefunden. Wie geschaffen für mich und meine ständig reinregnende Halspartie. Nun habe ich nicht nur warme Ohren und eine trockene Stirn dank meinem Stirnband aus Astorga, sondern auch einen warmen und trockenen Hals. Es läuft sich exzellent durch den mittlerweile schon Alltag gewordenen Dauerregen.

Der Weg führt kleine, verwunschene Wege entlang, wieder durch kleine Weiler wie vor La Faba. Das Malerische wird nur getrübt durch den Regen, der sich nach einer Stunde sogar in Schnee wandelt. Ich stehe mitten im Nichts, kein Pilger weit und breit vor oder hinter mir, ich kenne den Weg noch nicht, und plötzlich rieselt harmlos und leise feiner Schnee. Innerhalb von Minuten ist alles flächendeckend eingezuckert, und wie mir plötzlich bewusst wird, auch alle Markierungen sind leise und still verschwunden. Die Wege gabeln sich alle paar hundert Meter, normalerweise kein Problem dank gelben Pfeilen auf dem Asphalt oder an Bäumen oder auf Steinen. Es hört schon wieder auf zu schneien, es ist also bei weitem nicht so eine bedrohliche Situation wie bei dem eisigen Schneesturm in den Bergen von Manjarín, aber ich fühle mich trotzdem extrem hilflos. Dieses leise, harmlose Zuckern hat fast etwas hämisches. Siehst Du, ein kleiner Hauch Schnee und Du bist ein Nichts.

Auch als Nichts finde ich glücklicherweise meinen Weg, ich erreiche Sarria und die mir bekannte Herberge. Ich warte im Flur, und wieder keine Menschenseele weit und breit. Die recht jungen Herbergseltern wohnen in der Wohnung über der Herberge, ich höre ihre kleinen Kinder lärmen. Ich setze mich ziemlich patschnass auf einen edlen Stuhl und warte geduldig, bis zufällig die Oma über mich stolpert.

Auch hier wieder ein supertolles Badezimmer nur für mich, ich verweichliche total. Frisch gewaschen stolpere nun im Gegenzug ich über eine weitere Pilgerin – es ist die lockige Französin, die mich so lange jeden Tag „verfolgt“ hat (bildlich gesprochen). Heute gibt sie jovial zu, dass ich schneller war. So sehr sie mir auf den Geist geht, so tut sie mir auch leid. Sie wirkt irgendwie, als würde sie gern mit jemandem reden, aber nachdem es nur immer über ihr tollen Leistungen geht, ergreift absolut jeder die Flucht. Ich mache mir einen heissen Tee, als mir der Gedanke kommt, ihr auch eine Tasse anbieten zu können. Sie ist mir dermaßen unsympathisch, aber vielleicht ist ja gerade das „Nächstenliebe“. Und die sollte ein guter Pilger ja schließlich beherrschen. So frage ich freundlich lächelnd, ob sie gerne eine Tasse hätte. Und sie lächelt höchst überrascht und auch höchst glücklich zurück. Und auch mein glückliches Lächeln kommt plötzlich ohne Kraftanstrengung.

Ich gehe ins Internet; José hat geschrieben, dass er jetzt in Madrid losfährt und gegen 18.00 in Sarria sein sollte. Ich gebe zum ersten Mal die Adresse von Pers Blog ein. Ich habe ihn gestern verloren, vielleicht liefert der Blog eine Erklärung. Ich bin erleichtert, dass wirklich eine aktuelle Seite zu finden ist. Der Text ist auf Dänisch, viel verstehe ich also auf die Schnelle nicht, aber ich lese etwas von Angelo – und dass sie alle zusammen in Fonfría gestoppt haben, weit vor Triacastela, und dass sie dann erst als heutiges Ziel Triacastela haben. Sie sind einen kompletten Tag hinter mir, das heißt auf dem Camino fast schon, dass man sich nicht mehr begegnet. Ich bin geschockt.

Ich gehe einkaufen, für ein oppulentes Paella-Mahl und für das Chaos-Cooking mit José am Abend. Auf dem Rückweg laufe ich Jelle in die Arme. Er freut sich total, mich zu sehen. Obwohl es regnet, bleiben wir mitten im Regen stehen (ich in meiner trockenen Nachmittagsmontur und ohne Regenausrüstung). Er hat heute klar Camino-Blues, es geht ihm gar nicht gut. Er ist in einer anderen Herberge abgestiegen, einer noch luxeriöseren, und da wären lauter Touristen, die nur über Taxi-Abkürzungen reden würden und zum Essen ausgehen würden. Ich muss irgendwie fast lachen, er wirkt so verzweifelt über Dinge, die er vor ein paar Tagen selber noch als völlig normal angesehen hätte. Ich bin irgendwie stolz auf ihn und seine Fortschritte. Er überlegt, ob er einfach seine Sachen packen und zu mir kommen soll. Ich bin überzeugt, dass ihm dieser Tag sehr gut tun wird. Manchmal braucht man die Verzweiflung und Entbehrung und das verlorene Gefühl, um den Camino in seiner vollen Besonderheit erfahren zu können. Ich verstehe ihn nur zu gut, ich sehne mich auch immer nach irgendwelchen netten, bekannten Mitmenschen, die mir aus Tiefs helfen. Aber am beeindruckendsten sind zweifellos die Tiefs, aus denen man sich selber heraushilft oder bei deren Bewältigung man eine ganz besondere Hilfe erfährt.

In der Herberge mache ich einen kleinen Mittagsschlaf. Ich habe viel zu viel Zeit, bis José endlich kommt. Und warten fühlt sich auf dem Camino einfach nicht gut an.

Als ich wieder aufwache, packt gegenüber von meinem Bett eine recht beeindruckende Erscheinung ihren Rucksack aus. Die Dame ist in meinem Alter, optisch aber das totale Kontrastprogramm. Die beeindruckende schwarze Mähne ist zu einem noch beeindruckenderen perfekten Turm gebändigt, das Gesicht ziert trotz aktuellem Nieselregen ein beeindruckender (ebenfalls sehr perfekter) Lidstrich in Bleistiftdicke. An ihrem Rucksack nesteln überlange (perfekt lackierte) Fingernägel herum, und ich komme nicht umhin, geistig den Namen des Herren zu missbrauchen.

Leider detektiert sie mich auch noch zielsicher als Landsfrau und verwickelt mich in ein Gespräch, während ich mit meiner Paella in der Küche festgenagelt bin. Ich erhalte eine satte Lektion in Sachen Schubladendenken; den perfekten Fingernägeln hätte ich höhnisch maximal einen Tag gegeben, aber sie ist seit Saint Jean unterwegs, und das mit 30-35 km pro Tag. Sie ist ein harter Knochen, und dabei noch perfekt auszusehen, Respekt. Ebenso wie die etwas künstliche Fassade ist auch ihre Art; sie scheint zwar nett zu sein, aber so recht öffnet sie sich nicht. Sie blockt ziemlich viel ab oder wirkt hinter dem dicken Lidstrich vielleicht auch einfach erhaben unnahbar. Mit unnahbarer Mimik und ohne Lächeln fragt sie dann auch, ob wir nicht zusammen kochen wollen. Mir tut es leid, es ablehnen zu müssen, ich bin ja schon mit José verabredet. Sie wirkt doppelt unterkühlt und meint, das wäre kein Problem. Ich habe das Gefühl, dass sie mir nicht glaubt und das Gefühl hat, dass ich sie nicht mag. Das trifft es absolut nicht und hinterlässt ein mulmiges Gefühl bei mir.

Die Zeit bis zum Abend wird mir ewig lang. Die Herberge füllt sich, mein Schlafsaal ist schon voll belegt, allerdings nur mit Leuten, die ich nicht kenne. Und so richtig neu kennenlernen will ich heute auch niemand mehr, nicht, dass ich noch weitere gemeinsame Pläne ablehnen muss.

Ich setze mich ein bisschen in die Kirche, laufe ein bisschen ziellos durch die Stadt und bin schon ziemlich frustriert von der Warterei, als ich vor 7 beschliesse, jetzt einfach in die Messe zu gehen. Kurz vor der Kirche läuft mir dann wie auf Kommando mein strahlender kleiner Spanier in die Arme. Er sieht super aus, ganz ungewohnt ohne Pilgerklamotten, sondern in stylischer Jeans und Jacke. Ich will ihm schnell noch die Herberge zeigen, dass er noch vor der Messe einchecken kann, aber er meint ganz ruhig und leise, dass er nicht in die Herberge geht. Ich kapiere nicht so recht; er meint, er wäre ja mit dem Auto gekommen und kein echter Pilger. Ich sehe das Problem nicht, er kann sich dort sogar einen neuen Pilgerausweis machen lassen. Nein, er pilgert ja auch nicht. Auch ab morgen nicht. Ich verstehe die Welt nicht mehr. Er meint ruhig, leise und beängstigend bestimmt und unumstößlich, dass das Pilgern ja meine Sache ist und er da nicht stören will. Ich kriege einen totalen Rappel; zwar habe ich ihm wirklich in Ponferrada geschrieben, dass ich es komisch fände, wieder mit ihm zu laufen, wo ich doch mühsam Abschied genommen habe. Aber der Abschied ist doch eh komplett für die Katz, nachdem er wieder da ist und in meinen Gedanken rumschwirrt. Ich rege mich furchtbar auf, am liebsten würde ich ihn grade wieder zurückgehen lassen, so wütend macht mich, dass er mich um zwei erhoffte Tage Pilgern mit ihm bringen will. Aber wie so oft ist er komplett stur, das merke ich. Er ist in allem ganz leise und entschieden und lächelt traurig. Im Endeffekt tut er es für mich, aber ich habe in dem Moment keinerlei Lust, das positiv zu sehen.

Wir gehen zur Messe, wobei ich das Gefühl habe, dass jeden Moment mein Kopf rauchend explodiert. Auf der anderen Seite sehe ich Jelle, aber er schaut immer stur geradeaus und trifft meinen Blick nicht.

Im Lauf der Messe werde ich wieder ruhiger und bin wieder ganz im Bann von Josés faszinierendem Glauben und seiner schlafwandlerischen Sicherheit in Gottesdiensten. Er weiss immer als allererster, wann aufzustehen oder hinzuknien oder was zu beten. Er strahlt so ein Zugehörigkeitsgefühl zu allen Kirchen aus, mit ihm kann man sich dort nur einfach völlig wohl und besonders fühlen.

Als alles gegen Ausgang strömt, bleibt Jelle in seiner Bank stehen. Ich vertröste José geschwind und robbe zu ihm hinüber. Ich frage, ob alles okay wäre. Er meint, er würde sich freuen, dass ich meinen Spanier wieder hätte. Merkt man kollosal. Er drückt mir noch einen Zettel in die Hand, den ich erst draussen lesen darf.

Ich rechne schon mit dem Schlimmsten, ohne zu wissen, was ich mir darunter vorstelle. Jelle schreibt mir, dass er sich den ganzen Tag ganz schrecklich gefühlt hätte, einsam, und dass er dann in die Kirche gegangen wäre und auf dem Vorplatz gesessen hätte und viele Stunden geweint hätte, zum ersten Mal in sehr vielen Jahren. Eigentlich ist es ein schöner Brief, ich habe ein Stück weit kommen sehen, dass er diesen Tag so erleben würde, und ich weiss auch, dass er diese Erfahrung hinterher sehr zu schätzen wissen wird. Trotzdem fühle ich mich total zerrissen, nicht kurz mit ihm darüber sprechen zu können, sondern mit einem schon wieder sehr selbstzufriedenen José zu seinem Hotel zu laufen.

Es windet und ist kalt, aber José findet, ich muss da kurz mit, schließlich will er ja möglichst viel Zeit mit mir verbringen. Ich spare mir hässliche Gedanken, ob ich mir deswegen jetzt den Tod holen muss, nur weil er tagsüber nicht mit mir pilgern kann, aber eigentlich bin ich schon wieder versöhnt mit ihm.

Er erzählt mir ganz wunderschön, wie seine letzten Tage auf dem Camino waren, nachdem wir uns getrennt hatten. Bereits am ersten Tag hätte es abends Probleme gegeben, einem Deutschen wäre Geld entwendet worden, und der hätte dann ihn verdächtigt. Ich sehe alles plastisch vor Augen, so emotional schildert José alles. Er hätte sich nicht erklären und verteidigen können, er hätte immer nur gedacht, wo ich denn wäre, um ihm zu helfen und dass ich alles hätte geraderücken können. Er wirkt auch jetzt noch ehrlich schockiert und verletzt, wie jemand ihn verdächtigen kann (wirklich schwierig, wenn man ihn kennt), wo er doch ein Bankdirektor und Christ ist. Zum Glück wäre der dänische Donner dann noch in die Herberge gekommen, der ihn ja gekannt hätte und der der aufgebrachten Menge versichern hätte können, dass es sich bei meinem armen Spanier um einen guten Menschen handelt. Vermutlich war auch einfach sein erklärendes Englisch hilfreich. José ist immer noch total erschüttert und traumatisiert von diesem Missverständnis, ich lache mich dagegen halb kaputt.

Wir buchen schnell Josés Zimmer, dann geht es endlich wieder Richtung warme Herberge. Wir stürmen euphorisch durch die Strassen, und ich bin erleichtert, dass alles wieder so unbeschwert und ungezwungen ist wie eine Woche vorher.

In der Herberge fragt José erstmal höflich, ob er überhaupt mit mir dort essen kann. Kein Problem, trotzdem legt er noch einen drauf und schäkert wieder eine halbe Stunde mit den Hospitaleras. Mir ist das ganz recht. Die perfekte Turmfrisur ist nämlich auch in der Küche zugange, und ich bin froh, nun doch noch ein bisschen mit ihr reden zu können und ihrer Fassade zu vermitteln, dass ich sie gern hab. Ob es zu ihr durchdringt, weiß ich nicht.

Die Herbergsmama läuft den Gang entlang, stockt auf dem Absatz und beäugt mich intensiv. Ob ich schon mal dagewesen wäre?! Mich überrascht ja nichts mehr.

Wie schon im Vorjahr gibt es auch dieses Jahr wieder ein uriges Kaminfeuer in einem kleinen Aufenthaltsraum. Wieder gibt es hauseigene Alkoholika zum probieren, allerdings bin ich mit den Gedanken diesmal ganz bei José. Er erzählt gelöster als auf dem Camino von seinem Leben und seinen Plänen und Träumen und Zweifeln; es ist ungewohnt und schön, ihn so viel von sich erzählen zu hören. Ich könnte ihm ewig zuhören. Wir halten uns wieder an den Händen, vielleicht fließt darüber ganz viel Energie. Oder durch seine Augen oder seine beeindruckende Präsenz. Wie bei unserem ersten Gespräch bin ich erfüllt von Freude, Hoffnung, Stärke und Glauben.

Das hält auch noch an, als er sich in sein Hotel verabschiedet und ich in mein Pilgerbettchen gehe. Ich bereue höchstens, dass ich nicht am Nachmittag schon etwas besser ausgepackt habe. Dafür, dass 9 andere schon tief und fest schlafen, mache ich für meinen Geschmack deutlich zu viel Lärm.

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Der morgendliche Blick aus dem Fenster verheißt nichts Gutes – es geht da weiter, wo es gestern aufgehört hat, und zwar mit Regen. Glücklicherweise mit rundum trockenen Sachen, dank dem liebevollen Hospitalero-Ehepaar, das die Wäsche von der Außenleine nicht nur in den Vorraum verfrachtet hat, sondern dort auch noch mit einem Heizkörper versehen.

Dieser Pilgerluxus findet am Morgen seine Fortsetzung – die beiden sind schon wach und eifrig am Rumoren. Es gibt nicht nur Frühstückszutaten, sondern auch Frühstücksbetreuung. Der Tisch ist liebevoll gedeckt, die Hospitalera fragt nach Kaffee- oder Teewunsch, während der Ehemann für jeden persönlich nach jeweiligem Wunsch ein weiches Ei macht. Dazu gibt es selbstgekochte Marmelade und sogar selbstgemachte Salami sowie frisch geröstetes Brot. Normalerweise bin ich kein Frühstückstyp, am liebsten laufe ich morgens gleich los. Diese verschlafene, sich hinziehende Stimmung kann ich normalerweise nicht wirklich brauchen. Aber das hier ist ein wirkliches Paradies, ein Tag Auftanken und umsorgt Werden. La Faba eben, unbeschreiblich.

Jelle kommt wie neuerdings üblich recht zerknirscht daher. Er ist sehr still und deutlich zurückhaltender. Er macht sich vor mir auf den Weg, bedankt sich vorher aber überschwänglich bei den Hospitaleros und stopft 10 Euro als Donativo fürs Frühstück in die Spendenkasse. Ich bin positiv überrascht.

Gut erholt und irgendwie beflügelt mache ich mich vor dem Massenaufbruch auf den Weg. Die Dänen und Angelo wollen heute auch alle bis Triacastela, wir werden uns also wiedersehen. Nur mein liebgewonnener alter Herr mit der Donnerstimme möchte heute eine kurze Etappe einlegen, weil er sonst zu früh in Santiago ist. Unsere Wege werden sich damit trennen. Es ist ein komisches Gefühl, ich habe sehr selten während des Weges bewusst Abschied von jemandem genommen.

Meistens winkt man sich morgens im Vorbeigehen einen kurzen Gruß zu und nimmt wie selbstverständlich an, sich am Abend oder doch zumindest am Tag drauf wiederzusehen. Komischerweise klappt das auch fast immer wirklich. Erst in ruhigen Momenten, wenn ich über die bisherigen Begegnungen nachdenke, manchmal erst zurück in Deutschland, fallen mir dann all jene ein, die ich doch nicht wiedergesehen habe. Treffend aus einem englischen Lied „lost along the way“.

Heute also ein geplanter, bewusster Abschied. Helmut legt mir zum Abschluss eine Hand auf und wünscht mir Gottes Segen bei meiner Suche und auf meinen Wegen. Ich bin traurig.

Das Wetter passt perfekt zu meiner Stimmung, es nebelt irgendwie jegliche Geräusche verschluckend, dazu nieselt es. Den Wegstein, der den Übertritt nach Galicien markiert, erlebe ich schon mit Puderzuckerhaube, es schneit.

O Cebreiro präsentiert sich im regnerischen Nebel, und den weiteren Weg entlang der Strasse wird es nicht besser. Ich habe meine volle Regenmontur an, den Kopf gesenkt, damit mir die Brühe nicht in den Hals rinnt. Wer auch immer meine heiß geliebte Regenjacke konzipiert hat, er ist nie den Camino bei Regen gelaufen. Sollte ich jemals eine neue Jacke kaufen, dann eine mit einem kleinen Schild vorne an der Kapuze und mit dichter verschließbarer Halspartie.

Ich stapfe durch den Regen, schaue nur auf die Strasse und schiebe mir im Minutentakt mit schwammig durchweichten Fingern ein Exemplar aus meiner Nussmischung in den Mund. Auf eine ausgiebige Pause habe ich bei diesem Wetter keine Lust. Meine Gedanken wandern zu Jelle, ich bin etwas betroffen davon, wie meine Abneigung ihn getroffen zu haben scheint. Ich verstehe selber nicht, wieso ich so allergisch auf ihn reagiere. Eigentlich möchte ich doch als Pilger offen und tolerant sein, und in den meisten Fällen gelingt mir das doch auch – dabei gibt es wirklich schillerndere Persönlichkeiten als Jelle. Mir fällt plötzlich sehr viel ein, und ich habe mit einem Mal ein ziemliches Verlangen, ihn wiederzusehen und es ihm zu erklären. Schon seit gestern fühle ich mich ziemlich schlecht und schuldig. Gemessen an meiner selbst erstellten Messlatte von einem guten Pilger komme ich nicht sehr gut weg; ich habe definitiv überreagiert, und das noch nicht einmal, weil Jelle ein schlechter oder auch nur schwieriger Mensch ist, sondern weil er mich zielsicher an wunden Punkten getroffen hat. Die Vorstellung, ihn vielleicht nicht mehr zu treffen, lässt mich deutlich schneller gehen.

Und wirklich, mitten in diesen Gedanken, mitten in zunehmendem Schneesturm, treffe ich auf der ersten Passhöhe, dem Alto de San Roque, die große, dunkle Gestalt von Jelle wieder. Es ist zu viel Wasser zwischen uns, um länger zu reden, aber ich glaube, er versteht intuitiv, dass ich zerknirscht bin. Wir verabreden uns für Triacastela.

Bevor sich unsere Wege wieder trennen, machen wir gegenseitig Fotos vor der dortigen Statue – einer sehr beeindruckenden, sehr hohen Pilgerstatue, die sich, den Hut festhaltend, gegen den Wind stemmt. In welches Szenario könnte sie besser passen als in das heutige. Wenn schon meine Jacke kein Pilger entworfen hat; wer auch immer die Statue gestaltet hat, er hat es sehr gut getroffen. Das ist nicht nur eine Statue in Pilgermontur, das ist ein Pilger.

Ich gehe voraus, als ein paar hundert Meter später plötzlich wieder die Sonne hervorkommt. Ich bin total beschwingt und beseelt, vermutlich nicht nur wegen der Sonnenstrahlen. Ich muss mich direkt schon zusammenreißen, nicht zu hüpfen und zu springen.

Bis Triacastela holt mich dann doch wieder der trübe Regen ein. Eine aufdringliche Hospitalera versperrt mir richtiggehend den Weg und will mich in ihre Herberge lotsen, alle anderen wären schlecht. Finde ich eine ziemliche Frechheit; zum Glück kenne ich meine Zielherberge und laufe unbeirrt weiter.

Die Herberge liegt recht verlassen da, ist aber offen. Weit und breit sehe ich keine Menschenseele, und nachdem ich ziemlich nass bin, lasse ich meinen Ausweis am Empfang liegen und „komme schon einmal an“. Ich schäle mich aus den zahlreichen Schichten und dekoriere einen ganzen Schlafsaal mit meinen zu trocknenden Sachen. Ich stopfe meine Schuhe mit Zeitung aus und lege meinen Schlafsack und mein Schlafshirt zurecht. Immer noch tut sich nichts im Erdgeschoss. Ich fühle mich etwas seltsam, als ich dann eben ins Bad gehe.

Ich habe wieder den bekannten „ladies bathroom“, ein Bad nur für mich. Es ist ungewohnter Luxus, meine Sachen nicht aus und in zwei an einem Haken in einer engen Duschkabine hängende Einkaufstüten jonglieren zu müssen. Und es fühlt sich direkt ungewohnt an, nicht wie sonst üblich notdürftig abgetrocknet und halbnass in Unterwäsche möglichst schnell die Dusche für die wartenden Pilger nach mir zu räumen.

Auch im frisch geduschten Zustand wartet noch niemand auf mich, die Läden haben auch noch geschlossen, so setze ich mich in den ziemlich kalten Aufenthaltsraum und schreibe an meinem Tagebuch. So ein kleines bisschen macht sich langsam Leere in mir breit, ich sitze hier seit 2 Stunden ohne eine weitere Menschenseele, irgendwas stimmt hier nicht.

Irgendwann kommt dann immerhin die Madame des Hauses vorbei. Beim Eintragen meiner Personalien fragt sie, ob es mein erster Camino ist, und als ich verneine, schlägt sie strahlend auf den Tisch, dass ich fast erschrecke. Ich wäre doch schon mal da gewesen! Da hat sie recht. Ich habe sie zwar auch wiedererkannt, aber vermutlich ist es leichter, sich als Pilger eine Hospitalera zu merken als als Hospitalera 40 oder mehr Pilger pro Tag.

Auf meine Frage, ob es normal wäre, dass so wenig Leute kommen, zuckt sie recht gleichgültig mit den Schultern. Das könnte schon vorkommen. Noch bevor ich eine Sinnkrise bekommen kann, läuft in diesem Moment ein bekannter, großer, dunkler Schatten am Fenster vorbei. Ich springe auf und reiße die Tür auf – es ist wirklich Jelle. Wir sind beide absolut erleichtert und über alles glücklich, uns gefunden zu haben.

Jelle scheint den Nerv der Hospitalera zu treffen, wegen ihm schaltet sie sogar eine Heizung in unserem Schlafsaal und im Aufenthaltsraum an. Ich bin sehr erleichtert, denn meine Sachen sind ziemlich nass, und bei den Temperaturen trocknet sicher nichts von selber.

Gemeinsam gehen wir einkaufen, wir wollen zusammen kochen. Ich möchte Paella machen, endlich mal wieder, Jelle dagegen eine salad soup, unter der ich mir nichts vorstellen kann. Nachdem jeder auf seiner Idee beharrt, machen wir einfach beides.

Bevor wir kochen, ruft aber erst noch die Messe, die ich in Triacastela in besonderer Erinnerung habe. Ich werfe mich in meine kalten, nassen Stiefel, während Jelle sich für seine Badeschlappen ohne Socken entscheidet. Beides moderate Ideen angesichts der wenig erwärmenden Temperaturen.

Die Kirche ist ähnlich ausgestorben wie die Herberge; wir sind 7 Pilger, sodass uns der Pfarrer allesamt vorne am Altar vereint. Auch sonst scheint er angesichts der ungewöhnlich kleinen Runde auch ein ungewöhnliches Programm zu improvisieren. Jedenfalls finden wir uns nach ein paar Minuten als Zuhörer ein Diskussion wieder, die quer über den Altar hinweg zwischen den ansonsten spanisch sprechenden Pilgern vor sich geht. Soweit ich verstehe, ist die Fraktion rechts des Altars aus Galizien, meine Bank dagegen normal spanisch. Und offensichtlich scheiden sich die Geister daran, ob man in Galizien die Messen statt auf Spanisch auf Gallego halten sollte. Mir ist das sowas von wurst, aber ich fühle mich ziemlich unwohl. Die Herren der Schöpfung werden immer hitziger, ich habe jeden Moment das Gefühl, dass sie aufeinander losgehen wollen. Auch der Pfarrer strahlt nicht die erhoffte Ruhe und Besonnenheit aus, sondern diskutiert wild mit. Der arme Jelle versteht noch nicht mal etwas von der Diskussion und friert zudem furchtbar. Wir halten tapfer fast eine Stunde aus, überlegen dann aber ernsthaft, ob wir einfach gehen sollen. Irgendwie ist das doch kein Gottesdienst, sich über den Altar hinweg zu beschimpfen.

Glücklicherweise endet dieser merkwürdige Gottesdienst dann ohnehin. Zeit zum Ärgern oder Nachdenken bleibt eh nicht, wir rennen durch den Regen zurück heim, um wieder warm zu werden, und machen ziemlich zittrig ganz schnell etwas Warmes zu essen. Wir sind übrigens immer noch die einzigen in der Herberge.

Meine Paella köchelt friedlich vor sich hin, als Jelle in einem Topf einen schönen Salat anmacht. Kopfsalat mit kleinen Zwiebelringen und Tomatenscheiben, Essig und Öl. Diese leckere Komposition stellt er dann allen Ernstes seelenruhig auf den Herd und kocht ordentlich auf. Mir klappt der Unterkiefer herunter, aber Jelle ist überzeugt, dass man das so macht und es schmecken wird. Na ja, wahrscheinlich Belgiern, denke ich.

Es schmeckt wirklich besser als befürchtet, zumindest das Warme tut sehr gut. Als wir wieder ein bisschen aufgewärmt sind, möchte Jelle wissen, was ich ihm heute Mittag erzählen wollte. Er hört mir geduldig bestimmt eine halbe Stunde ohne Unterbrechung zu, meine Philosophien über das Pilgern, warum es mir so heilig ist, was ich unter einem guten Pilger verstehe, warum ich auch gerne so werden würde… es ist unglaublich, er ist still und verständig und beeindruckt. Kaum vorstellbar, dass ich hier dem gleichen Pilger gegenübersitze wie vor 2 Tagen. Auch Jelle hat nachgedacht, glücklicherweise versteht er mich. Und schon nach 3 Tagen Pilgern hat ihm der Camino vermittelt, dass das hier mehr ist als „Hotelurlaub, nur noch etwas mehr Entspannung“.

Nach vielen Stunden Quatschen gehen wir gegen 10 ins Bett. Vor dem Einschlafen denke ich dran, dass ich morgen José wieder treffen werde, der nur um mich wiederzusehen von Madrid nach Sarria kommt. Es ist ein komisches Gefühl. Vor einer Woche waren wir uns noch so nah, er war ständig präsent in meinen Gedanken, und jetzt bin ich irgendwie schon wieder in einer ganz anderen Welt und in einem ganz anderen Stadium. Irgendwie bin ich auch nervös und unsicher. Ich fühle einen gewissen Druck, habe das Gefühl, einer Erwartung entsprechen zu müssen, von der ich noch nicht einmal weiß, wie sie aussieht.

Jelle ist wieder ganz der besserwisserische Anti-Pilger, als er sich auf diese Thematik stürzt. Warum ich mich denn überhaupt mit ihm wiedertreffe, wo ich doch einen Freund habe, und überhaupt, das ginge doch nicht, die Art, wie ich ihn beschrieben hätte (ich habe im Lauf des Abends im Zusammenhang mit meinen Pilgeridealen wohl von meiner ersten längeren Begegnung mit José erzählt). Wie ich denn bei einem fremden Mann die Augen wunderschön finden könnte und die Stimme und bock-bock-boooook. Bei meinen Erklärungsversuchen landen wir unbeabsichtigt bei tieferen Einblicken in mein Leben fernab des Caminos. Etwas, was ich generell nicht sehr schätze, möchte ich doch hier gerade den Kopf davon etwas frei bekommen. Ganz abgesehen davon fühle ich mich auch deutlich wohler in meiner Rolle als „peregrina“. Das hier ist etwas, was ich voll im Griff habe und voll genieße. Wohl nicht nur Per sieht mich hier als „strong“, etwas, worüber ich hier auf dem Camino überrascht bin und worüber ich zu Hause bitter lachen würde.

Mit jedem entschiedenen „so ist das und nicht anders und wird auch nie so werden“ von Jelle aus der anderen Ecke des dunklen Schlafsaals verschwindet ein weiteres Stückchen peregrina, bis irgendwann nur noch Unsicherheit und Verzweiflung übrig bleiben. Ich habe das Gefühl, hier in dieser einsamen Herberge im Stockdunkel zu ersticken oder irgendwie unkontrolliert panisch zu werden.

Dass ich nicht ersticke, ist naheliegend, aber dass die erwartete Riesenpanik ausbleibt, grenzt an ein kleines Wunder. Mit einem Mal wird mir ganz licht; es ist zwar immer noch stockdunkel und ich rede in einen (bis auf Jelle) leeren Schlafsaal, aber es fühlt sich an, als ob in meinem Kopf eine Kerze angezündet worden wäre, die mir einen Weg aus seiner so erschlagenden Argumentation leuchtet. Plötzlich habe ich wieder die Stärke und Sicherheit der peregrina, diesmal sogar in Anbetracht meines Lebens abseits des Caminos. Mir ist völlig egal, was logisch und naheliegend und wahrscheinlich ist. Ich glaube an meine Visionen. Unwahrscheinlichkeiten schrecken mich nicht. Und selbst Unmöglichkeiten können lernen müssen, dass nichts unmöglich ist.

Ich habe mich noch nie so an der Hand genommen und geleitet gefühlt wie in dieser tränenreichen Nacht.

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Wieder starte ich spät, frühstücke in Ruhe meine fettigen, süßen Magdalenas und laufe erst los, als es hell, wenn auch noch etwas dunstverhangen ist.

An meiner Weggabelung nach Samos finde ich mich alleine auf meinem Weg wieder. Einerseits laufe ich ungern hinter Rucksäcken her, andererseits beschleicht mich bei allzu viel Einsamkeit immer die Angst, dass ich eine Abzweigung verpasst haben und fernab des Caminos in eine falsche Richtung preschen könnte.

Fast schon erschrecke ich ein bisschen, als plötzlich hinter mir ein kleiner Pilger auftaucht. Er läuft ein ähnliches Tempo wie ich, und nachdem mich das irritiert, mache ich ein Vesperpäuschen, um ihn vorbeiziehen zu lassen.

Die morgendliche Ruhe ist unheimlich schön. Alles liegt im Nebel, wirkt gedämpft und wie in Watte gepackt. An manchen Stellen brechen einzelne Sonnenstrahlen durch den Nebel, sodass ich meinen Foto alle 5 Minuten auspacken muss. Leider tut das auch der kleine Pilger vor mir, sodass ich immer wieder auf ihn auflaufe. Ich entschließe mich, ihn dann doch zu überholen, aber keine Chance, beim nächsten Fotostop überholt er mich wieder, um 10 Meter weiter stehen zu bleiben und selber zu knipsen. Gut eine Stunde verbringe ich mit unangenehmen ständig nebeneinander herlaufen, was wohl nicht nur mir irgendwie unangenehm ist.

Irgendwann schaffe ich es dann doch, mir meinen Freiraum zu erlaufen, und erreiche Samos in der so geschätzten Einsamkeit. Der große Klosterkomplex liegt in sonniger, nebliger Ruhe, davor grasen einige imposante Ur-Rinder, ein stiller Fluss rahmt die malerische Kulisse ein.

Im Kloster selber treffe ich Andi wieder, der schon für die erste Führung Schlange steht. Wie so oft auf diesem Camino kann ich mich nicht dafür erwärmen, in meinem Pilgerrhythmus gestört zu werden und den Vormittag mit etwas anderem zu verbringen, als zu laufen. Kaum bin ich wieder auf der Straße und lasse Samos hinter mir, ärgere ich mich aber gewaltig über mein Kulturbanausentum und die verpasste Chance, wo ich doch nun schon mal da war (und im Gegensatz zu der Templerburg in Ponferrada auch nicht Stunden, sondern nur 10 Minuten hätte warten müssen).

Auf dem Weg begegne ich keiner Menschenseele, und prompt verlaufe ich mich auch. Statt der angekündigten Mini-Etappe, bei der ich schon befürchtet habe, nach einer Stunde Asphaltstraße hinter Samos mein Ziel erreicht zu haben und wieder von einer läuferischen Unzufriedenheit heimgesucht zu werden, geht es wild und schön kreuz und quer durch die Bergwelt. Ich laufe flottes Tempo, und trotzdem erreiche ich Sarria erst am frühen Nachmittag.

Den Herbergen hier merkt man die größere Stadt oder zunehmende Nähe zu Santiago an – zwar waren alle meine bisherigen Herbergen für meinen Geschmack vertrauenserweckend, sauber und gemütlich, aber das hier sind richtiggehende Hotels. Meine geplante Wunschherberge macht mir prompt gleich etwas Angst, weil der Empfang auch an ein Hotel erinnert, der Begrüßungstrunk am Abend, Fußmassage sowie Kaminfeuer inklusive sind und ich das dumpfe Gefühl habe, dass sich das nicht mit den 7 Euro in meinem Führer vereinbaren lässt. Hat aber wirklich alles seine Richtigkeit, und so genieße ich schon wieder das Duschen in einem riesigen Badezimmer nur für mich.

Mein Zimmer ist schon reichlich belegt, sodass mir zum ersten Mal nur ein Platz im oberen Stockbett bleibt. Während ich beeindruckt die schmucke Herberge erkunde, treffe ich auf meine Ladies, die trotz moderatem Tempo schon seit Stunden vor Ort sind. Irgendetwas muss ich falsch gemacht haben, denn außer mir hatte bei der Samos-Route niemand das Gefühl, 7 Stunden strammen Marsch hinter sich zu haben.

Meinen Lieblingsplatz entdecke ich auf der Dachterasse der Herberge, auf der dunkelblaue Liegestühle unter einer mit Wein umrankten Pergola stehen. Zu der Begeisterung über so viel Luxus mischt sich allerdings auch das dumpfe Gefühl, dass ich mit dem echten Pilgergefühl ja doch eher das Spartanische, Entbehrliche verbinde und demnach ein wenig davon entfernt bin.

Steffi bevölkert einen Liegestuhl im Schatten, und enttäuschenderweise geht es ihren Stichen auch nicht mit den Tabletten besser, die wir ihr hoffnungsfroh zusammen in Triacastela gekauft haben. Sie ist allerdings nicht mehr halb so verzweifelt und panisch wie ich, sondern der Inbegriff von Schicksalsergebenheit. Sie glaubt schon fast nicht mehr, dass Bettwanzen die Ursache sind, sondern eher an die Theorie einer Mitpilgerin, dass sich manchmal inneres Seelenleid über die Haut seinen Weg nach draußen bahnt. Wenn es so sein soll, soll es wohl so sein, sie zuckt nur mit den Schultern. Sie ist kein Mensch, der viel von sich preis gibt, sondern eher zurückhaltend, so überrascht es mich, dass sie mir doch einen gewissen Einblick in ihr bisheriges Leben gibt. Sie hat ihr Studium ein Semester vor Ende abgebrochen, weil sie das Gefühl hatte, dort nicht hineinzupassen. Seither jobbt sie sich gerade so durchs Leben, und wie es scheint, war es nicht völlig problemlos für sie, sich deswegen nicht wie ein Versager zu fühlen. Ich bin tief beeindruckt und sehe sie als das genaue Gegenteil eines Versagers. Ich bin immer den direktesten Weg gegangen, habe alles konsequent fertig gemacht, was ich angefangen habe, halte an allem fest, was ich nun eh schon lange gemacht habe, ob nun Beruf, Beziehung oder Verhalten. Mir ist klar, dass das keinerlei charakterliche Größe erfordert, und mir schwant auf diesem Weg, dass es auch nicht die schlauste Art ist, um glücklich zu werden. Auf jeden Fall benötigt man zu solchen Eingeständnissen und Entscheidungen richtig viel Mut, und den habe ich definitiv noch nicht.

Auch Bärbel wird magisch von den tollen Liegestühlen angezogen, allerdings ist sie heute anders als sonst. Irgendwann bricht aus ihr heraus, ob ich eigentlich auch schon mal diese Männer gesehen hätte. Ich vermute, dass es sich um Exhibitionisten handeln könnte, über die ich in meinem Führer gelesen habe. Es soll entlang des Weges viele davon geben, sodass ich mich im Vorfeld gedanklich darauf eingestellt habe. Begegnet bin ich aber noch keinem. Bärbel hatte heute schon ihren zweiten und ist ziemlich mitgenommen. Ich bin in erster Linie baff über die Details. Eine ältere, ebenfalls deutsche Pilgerin schaltet sich ein und erzählt von ihren Begegnungen dieser Art. Wie die Österreicher am Anfang gehört auch sie zu den Menschen, die faszinierend in sich zu ruhen scheinen und offensichtlich ihren Frieden gefunden haben. Statt meiner erdachten Reaktion (einer nicht näher definierten Kombination aus Brüllen, Pfefferspray und meinen Stöcken) lerne ich, dass man höflich auf die Herren einredet, unter Umständen auch mal deutlicher wird und in forschem Ton darauf hinweist, dass man sich belästigt fühlt (was ich mir bei der gütigen, kleinen Deutschen bildlich vorstellen kann). Bei ihr wendete sich der Herr dann aber erst ab, als sie in ihrer Verzweiflung anfing, sich zu bekreuzigen. Ich stehe etwas neben mir angesichts dieser offensichtlichen Exhibitionisten-Invasion entlang meines bisher so friedlich empfundenen Caminos. Außerdem fällt es mir schwer zu verstehen, warum gerade diese beiden sensiblen und im Umgang mit Männern vielleicht eher zurückhaltenderen Frauen diese Erfahrung machen mussten.

Am späten Nachmittag mache ich mich wie üblich auf die Suche nach einem Supermarkt. Eigentlich habe ich mich schon daran gewöhnt, nur nach einem „mercado“ zu fragen, und nachdem ich ja eh immer nur meine Basisausstattung kaufe, reicht das auch. Aber der mercado in Sarria verdient wirklich den Vorsatz „super“! Ich habe das Gefühl, dass es hier wirklich alles gibt und bin ganz hin- und hergerissen zwischen Begeisterung und Wehmut. Ich erinnere mich an Erzählungen meines großen Bruders, der einige Zeit in Spanien verbracht hat und von den dortigen Tiefkühlabteilungen geschwärmt hat, in denen man problemlos einzelne Meeresfrüchte bekommt, sodass Paella ein Leichtes ist. Interessehalber schaue ich auch hier in die Kühltruhe – und verliebe mich spontan in einen Paella-Bausatz voller Muscheln, Beinen, Fühlern, Tentakeln und Saugnäpfen.

So koche ich also abenteuerlustig und todesmutig die erste Paella meines Lebens, und sie schmeckt auch wirklich grandios. Offensichtlich sieht sie auch so aus, denn Andi zieht auch gleich los, sich so ein Starterpack zu kaufen. Anschließend macht er mir den Mund wässrig mit seinen Berichten über das Kloster Samos, und beruhigenderweise hat auch er sich verlaufen. Sein Weg ging auch länger als geplant, und er musste zudem noch über eine Viehweide rennen.

Trotz vorgerückter Stunde bekomme ich auf Nachfrage noch die Aqua-Fußmassage erklärt, allerdings hält sich der Genuss in Grenzen und kommt wohl besser zur Geltung bei noch dampfend heißen Pilgerfüßen.

Als umso netter entpuppt sich dafür der kleine Raum mit dem offenen Kamin, in dem sich alle Pilger bei drei Sorten spanischer Alkoholika versammeln.

Später als sonst finden wir heute erst gegen 23:00 ins Bett. Meine Zimmerbesetzung ist durchweg sympathisch; außer Steffi, Bärbel und der sich bekreuzigenden Deutschen tummeln sich unter mir auch zwei ältere Briten, denen es an Humor, Lebensfreude und Lautstärke nicht mangelt. Nur Andi scheint in einem anderen Zimmer untergebracht zu sein, aber nachdem ich fürchte, dass er beeindruckend schnarchen könnte, bin ich darüber auch nicht wirklich traurig.

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Nach dem gestrigen aufwühlenden Tag lasse ich mir heute etwas Zeit mit dem Losgehen und genieße meinen Aufstieg zu O’Cebreiro bei Sonnenaufgang. Entgegen dem Eindruck in meinem Pilgerführer handelt es sich um keinen steilen Berg, und die Stunde bis zum Gipfel vergeht erstaunlich unspektakulär. Vielleicht bin ich heute einfach nicht so melodramatisch und nervlich angegriffen wie gestern.

Das berühmte gallien-ähnliche Dörfchen liegt noch im Tiefschlaf bzw. Nebel, von Touristenströmen merke ich erst recht nichts und bin fast etwas enttäuscht.

Der Weg nach Triacastela bleibt mir in ebenso unspektakulärer Erinnerung. Wie immer bin ich trotz spätem Start die erste in meiner Wunschherberge – und jeden Tag auf’s Neue frage ich mich, warum ich mich dann unterwegs immer so stresse, meist panisch meine Brötchen wieder einpacke und weiterlaufe, wenn ganze Pilgermassen an mir vorbeiziehen, und warum ich mir jeden Tag ausmale, dass meine Herberge überfüllt sein könnte.

Immerhin bekomme ich zum ersten Mal auf meinem Camino ein ganzes, richtiges Badezimmer zugewiesen. Es ist schön, sich in Ruhe im Spiegel betrachten zu können und endlich mal etwas Ablagefläche zu haben, anstatt routiniert mit diversen Plastiktüten zu jonglieren, in die die alte Wäsche kommt und in der die neue Wechselkleidung wartet und in der die feuchten Duschartikel zwischengelagert werden…

Die Zeit zur Öffnung des Supermarktes verbringe ich im Aufenthaltsraum und warte auf das Freiwerden des Internets, an dem die Tochter der Herbergsmutter seit 2 Stunden chattet und wild auf die Männer schimpft, soweit ich verstehe. Dazu raucht sie noch eine Zigarette nach der anderen. Nachdem ich endlich das übliche Lebenszeichen in die Heimat gesendet habe (und sich die Tochter wieder glücklich fluchend in den Sessel fallen lässt), tätige ich meine Einkäufe und koche mir eine schöne Nudelpfanne mit Paprika und Chorizo. In der Herbergsküche stehen viele interessante Übrigbleibsel der Pilger vor mir herum, sodass ich mich begeistert über das Paella-Gewürz hermache, das weitgehend oder ausschließlich aus „Colorante“ besteht und meine Nudelpfanne appetitlich quietschgelb werden lässt.

Mittlerweile sind auch Bärbel und Steffi aus La Faba eingetroffen. Steffi bringt mir deutlich ein Problem wieder in Erinnerung, das mich seit dem morgendlichen Käfer in Astorga immer mehr oder weniger verfolgt – hin und wieder ein kleiner, roter Fleck am Körper. Zwar sind definitiv noch keine Abermillionen von Bettwanzen in meinem Rucksack geschlüpft, aber in etwas weniger guten Momenten erfüllt es mich nicht gerade mit Heiterkeit, dass ich zumindest einen zähen Mitbewohner die Strecke nach Santiago trage. Bereits Sun hat mir ihre schwer verquollenen Beine gezeigt und erzählt, dass sie danach erst einmal alles samt Schlafsack durchgewaschen hat und auch seither direkt nach dem Ankommen nicht duscht oder wäscht, sondern den Schlafsack in die Sonne hängt, in der guten Hoffnung, damit Bettwanzen vertreiben oder abwehren zu können. Steffi ist nicht nur am ganzen Körper schwer verstochen, sie reagiert auch noch allergisch oder überempfindlich, durfte deswegen schon einen Krankenhausaufenthalt mit Kortisonspritze über sich ergehen lassen, schmiert minütlich starke Kortisoncreme, als wäre es Bodylotion, und trotzdem juckt sie alles fürchterlich. Mich jucken meine wenigen Stiche zum Glück überhaupt nicht, aber der Gedanke, dass das ja noch kommen könnte, noch dazu in Deutschland, trübt meine Laune beträchtlich.

Wie üblich verbringe ich den späten Nachmittag damit, meine zahlreichen Führer und Kopien um mich herum auszubreiten und mit rauchendem Kopf alle Eventualitäten der nächsten Tage zu durchdenken. Obwohl ich in Deutschland dachte, dass 3 Wochen für meine geplante Etappe mehr als reichlich wären, scheint mir jetzt alles etwas eng zu werden, zumal sich meine Überlegung, bis ans Ende der Welt zu gehen, zu einem feststehenden Entschluss manifestiert hat. Ebenso manifestiert sich in diesem Moment aber auch die Gewissheit, dass mich dieses Planen stresst und nervt und offensichtlich reichlich überflüssig ist, da außer mir nie jemand derart plant. Ich entwerfe resolut einen groben Plan, setze für jeden Tag kurzerhand ein Etappenziel fest und habe nach 5 Minuten alles beruhigend vor Augen. Ab diesem Tag verschwende ich keinen Minute mehr auf Planung, Rechnen, Überlegen oder beunruhigtes Zeitplaneinhalten, ich habe für jeden Tag mein Ziel, das es zu erreichen gilt, und damit basta.

Auf dem Weg in die Pilgermesse fällt mein Blick auf ein Straßencafé, besser gesagt auf einen großen Teller voller Schnitzel, Soße und fettgebackenen Kartoffelprodukten. Beim Heben des Blickes schaut mir der gemütliche (und gemütlich kauende) Bayer aus Astorga entgegen. Ich freue mich über das Wiedersehen nach so langer Zeit.

Die Messe in Triacastela ist berühmt, und das nicht zu Unrecht. Jeder Neuankömmling wird nach seiner Nationalität verhört und nicht eher entlassen, bis er ein Blatt in seiner Landessprache in Händen hält. Und es sind mindestens 27 Sprachen. Der Gottesdienst beginnt schleppend, weil den Pfarrer das Licht blendet, das durch die Türe herein fällt. Oder er schaut deswegen so verdrießlich, weil die Pilger in der Kirche verstreut sitzen und das geändert werden muss. Zögerlich versteht jeder früher oder später, dass erst Ruhe gegeben wird, wenn die vorderen Reihen eingenommen sind. Auch dann ist nicht alles geklärt, denn in den vorderen Reihen sitzen Pilger ohne Blatt, die sich bei der Nationenabfrage noch nicht gemeldet haben. Sie entpuppen sich als Österreicher, und der Pfarrer versteht nicht, warum sie sich dann nicht bei „Alemania“ gemeldet haben. Die Österreicher wiederum verstehen das wohl sehr gut, geben sich wegen der Sprachbarriere dann aber geschlagen.

Nach einer guten Viertelstunde ist alles zur Zufriedenheit arrangiert, die Sonne ist mittlerweile auch untergegangen und blendet nicht mehr zur Tür herein. Am Altar haben sich vier Freiwillige eingefunden, die die Mehrsprachigkeit garantieren sollen. Ich kann meine Begeisterung kaum im Zaum halten, als ich sehe, dass der französische Part mit der kleinen Französin aus Astorga besetzt ist. Offensichtlich hat sie ihre Mutter also wiedergetroffen und scheint ihre Knieprobleme soweit in den Griff bekommen zu haben, dass ihrem großen Siegeszug nach Santiago nichts mehr im Wege steht. Ich freue mich über das Wiedersehen, aber noch mehr für sie.

Die Messe ist schön, bewegend und faszinierend. Die Pfarrer allein faszinieren mich schon, auch wenn ich wenig verstehe. Die mehrsprachigen Übersetzungen und Lesungen von den verschiedenen Pilgern berühren mich aber noch um ein Vielfaches mehr, ich habe das Gefühl, einen Teil von ihrem persönlichen Glauben mitzubekommen.

Der Zettel ist auch unglaublich schön, darin sind 10 Beweggründe beschrieben, warum manche Leute den Weg gehen. Diese Frage stelle ich mir seit meinem ersten Ausflug in die Pilgerwelt auch oft, ich will eine Erklärung haben meinen Freunden gegenüber, was denn jetzt so besonders und speziell ist. Nein, die Landschaft allein ist so prall jetzt auch nicht. Nein, der Partyeffekt ist es sicherlich auch nicht. Die Erfahrungen eines Hape Kerkelings sind es sicher auch nicht, das Genießen von schönen Pensionen, das lange Ausschlafen, die deutschen Fernsehprogramme und unzählige dekadente Tassen Kaffee. Mit vagen Hinweisen auf Übersinnliches will ich auch keinen strapazieren. Aber auf diesem Zettel spricht mir alles derart aus dem Herzen, trifft genau meine Emotionen und Gefühle, ist genau das, was ich empfinde und sagen will. Und es ist ein schönes Gefühl, dass ich offensichtlich nicht die erste und einzige bin, die so denkt.

Auch auf meinem Rückweg sitzt der Bayern-Andi noch immer gemütlich kauend am gleichen Fleck. Über seine mir unbekannten Tischnachbarn hinweg finden wir heraus, dass wir morgen das gleiche Etappenziel haben. Ich beschließe, das Gespräch auf dann zu verlegen, anstatt mich der etwas zu deutschen Schnitzel-Pommes-Salat-Runde anzuschließen.

Morgen stehen zwei Streckenvarianten auf dem Programm. Wie beim Camino duro möchte ich natürlich auch wieder auf alle Fälle das Schönere, Anstrengendere mitnehmen, wobei das diesmal etwas schwer zu identifizieren ist. Meine neuen Freundinnen Bärbel und Steffi wollen nicht wie ich über das Kloster Samos gehen, aber wir scheinen uns am Tagesziel Sarria wiederzutreffen. Merkwürdigerweise trifft man manche Pilger immer wieder. Manche trifft man genau einmal, weil sie besonders langsam oder besonders schnell sind. Die anderen, die man zweimal trifft, haben meist ein ähnliches Tempo, und wenn nicht am nächsten Tag, so trifft man sie ziemlich sicher am übernächsten Tag wieder. Und obwohl ich nach wie vor unheimlich gerne allein laufe, meinen Weg ungern teile und mich nicht binden und verabreden möchte, freue ich mich doch, wenn in einer Herberge ein altbekanntes Gesicht um die Ecke biegt.

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