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Posts Tagged ‘Areixe’

Mein versprochenes Frühstücksei steht schon auf dem Tisch, ebenso eine Tasse Tee. Sanne und Marco sind schon fertig mit essen und machen sich auf den Weg.

Meine Druckstellen tun heute unglaublich weh. Ich schnüre alle paar Meter um, aber ohne Erfolg. Seit Tagen trage ich zur Polsterung schon meinen Fleecehandschuh im Schuh, aber egal, wie ich ihn schiebe, es tut höllisch weh. In meiner Verzweiflung probiere ich schon Abstandshalter wie Steine, Holzstückchen und Flaschendeckel, aber so richtig besser wird es nicht, und vermutlich habe ich nachher noch zusätzliche Probleme und Druckstellen. Ich beschließe, es zu ignorieren und einfach weiterzulaufen.

Nach 1 1/2 Stunden freue ich mich in Palas de Rei dann auf Einkaufen und ein ausgiebiges zweites Frühstück. Ich komme gerade rechtzeitig zum Öffnen des Supermarktes, aber zuerst statte ich meiner Lieblingsbäckerei einen Besuch ab, kaufe ein Pain au chocolat (wie auch immer das in korrektem Spanisch heißen mag), eine schöne Empanada mit Fleischfüllung und ein Baguette. Alles noch ofenwarm, herrlich. Im Supermarkt meinen ebenfalls liebgewonnenen Tintenfisch in Soße sowie Frühstücksartikel, denn mein heutiges geplantes Etappenziel brilliert schon wieder durch fehlenden Laden. Mit Sanne und Marco bin ich mir einig; nach zwei Tagen in kleinen Herbergen zwischen den großen Etappenzielen möchten wir heute unsere Gruppe wieder einholen. Allen voran Amber, aber selbst Chuck würde ich langsam in Kauf nehmen.

Für mich wird es ab hier zusätzlich spannend; zwei dänische Freunde vom Vorjahr machen zeitgleich den Camino Primitivo, der hier nun auf den Hauptweg einbiegt. Ich habe es nicht mehr genau im Kopf, aber sie sollten um meinen Ankunftstag in Santiago ankommen, wahrscheinlich sind sie jetzt nur ein paar Kilometer von mir entfernt. Ebenfalls spätestens in Santiago treffen werde ich meinen belgischen Pilgerfreund Jelle, der ebenfalls in León, aber einen Tag nach mir gestartet ist. Zwischenzeitlich hatte ich fast Angst, ihn vorher wiederzutreffen, schließlich möchte ich meinen Camino gehen, mit meinen neuen Leuten und meinen neuen Erlebnissen. Aber so langsam bin ich bereit dafür und würde mich sehr über diesen Abschluss freuen. Ich ärgere mich fast ein bisschen, mir nicht genauer notiert zu haben, wann sie ihren Flug ab Santiago haben, aber ich wollte es dem Schicksal überlassen, ob und wann wir uns treffen. Und nachdem ich ihre Emailadressen habe und wir ohnehin regelmäßig in Kontakt sind, ist mir das Treffen auch nicht so übermäßig wichtig.

Heute stehen 34 km auf dem Programm, deutlich mehr, als ich in den letzten Tagen gelaufen bin. Mein Bummeln in der Hoffnung auf Kristian habe ich nun aufgegeben und möchte lieber wieder die bekannten Gesichter treffen.

Vor Mélide treffe ich schon mal die energetische Spanierin aus La Faba wieder, was mich sehr freut. Im Park mit den Pilgerbäumen mache ich eine gemütliche Mittagspause mit meinen Unmengen an Vorräten. Mein Rucksack sieht schon ganz komisch aus von dem quer reingestopften Baguette.

Die letzten Kilometer ziehen sich ziemlich endlos dahin. Ich bin definitiv etwas verweichlicht in den letzten Tagen.

Die Herberge von Ribadiso liegt friedlich im Sonnenschein am plätschernden Bach, von bekannten Gesichtern allerdings keine Spur. Ich bin etwas enttäuscht, vermutlich gilt auch diese Herberge wieder als „Zwischenetappenziel“, und der große Pulk ist eine Stunde weiter in Arzúa. Meinen ganzen Camino habe ich in den Herbergen immer nur wenige Pilger getroffen, meist maximal 20, dabei wäre ein großer Pilgerschub mit fast 100 Leuten direkt einen Tag vor uns. Ich war immer heilfroh, nicht auf diesen aufzulaufen, habe ich doch das Gefühl, das mein diesjähriger Camino eher in der Einsamkeit und dem Ahnen der Zuckerwattefäden sein Ziel hat. Trotzdem, heute wäre mir nach großem Hallo und Wiedersehen und Leben.

Die Herberge erscheint mir heute noch idyllischer wie eh schon. Ich dusche Ewigkeiten brühendheiß, und meine Wäsche trocknet blitzschnell in der Mischung aus Sonne und Wind. Ich halte meine Füße in den eiskalten Bach, was auch dringend nötig ist. Die Druckstellen erlauben langsam nicht mal mehr den Kontakt mit meinen watteweichen Crocs-Imitaten, und zu allem Überfluss zwickt es mich seit dem Ankommen in der linken Wade und Kniekehle, was ich mir eigentlich nicht erklären kann. Es ist nicht schlimm, aber ich creme für alle Fälle mal mit Arnika.

Auf einem Bänkchen in der Sonne esse ich mein Abendessen, unterhalten von einem recht süßen schwäbischen Pensionär. Meine beiden stillen Engel tauchen mit der Abendsonne auf, aber heute sind ihre Schwingungen füreinander so stark, dass ich mich zurückziehe. Sie strahlen sich so selig und harmonisch an, da passt niemand drittes mehr dazu, erst recht nicht jemand, der nicht so strahlt und leuchtet. Ich bewundere beide für ihre Fähigkeit, auf ihre innere Stimme zu hören. Beide stehen oder sitzen oft still da, lächeln vor sich hin und warten. Ich habe ein etwas gespaltenes Verhältnis zu meiner inneren Stimme. Kleine Blitze von Intuition habe ich auch manchmal, aber das Gefühl ist schwer greifbar, und mein Gehirn schaltet sich sofort ein und versucht eine Analyse. Das kommt dann einem verzweifelten Gedankenstrudel näher als dem seligen Lächeln.

Ein Bauer treibt seine Kuhherde von der benachbarten Weide. Schon in den vergangenen Tagen war ich beeindruckter Zeuge der Art von Kuhhaltung hier. Einmal bin ich einem Bauer mit seiner Kuhherde auf der Straße begegnet, der allen Kühen voran entlanggerannt ist und mit leuchtenden Augen und absoluter Passion rhythmische, antreibende Worte gerufen hat. Running with the cows als Lebenserfüllung. Gestern Abend in Areixe ist ein Bauer ungefähr eine halbe Stunde mit 4 Kühen immer wieder um den Stall und einmal kurz eine Runde durchs Dorf gerannt. Macht das besseres Fleisch und wirkt Verfettung entgegen? Heute wird die kleine Herde an unseren Bach getrieben und getränkt. Einige Kühe gehen ordentlich tief hinein und fühlen sich derart wohl, dass sich Blase und Darm entleeren. Ich ziehe schnell meine Füße aus dem Wasser. Anschließend wird die Herde dann komplett durch den Fluss durchgetrieben; praktisch, saubere Kühe, und sicher auch etwas für die Venen und den Kreislauf getan. Ich muss lachen beim Gedanken an das wunderschöne, kristallklare Wasser, in dem Marco vorher sogar todesmutig gebadet hat. Jetzt ist es ein einziger verdünnter, trüber Kuhfladen. Und bis zum nächsten Nachmittag erfreuen sich die nächsten Pilger an dem klaren Kristall.

In der Herberge herrscht Partyatmosphäre; eine Gruppe von sieben spanischen Männern in meinem Alter genießt den Camino auf ihre Weise. Wohl weniger meditativ und selbstfinderisch, sondern vor allem auf Spaß angelegt. Sie versuchen mich als weibliche Begleitung für die Bar zu gewinnen, und ich habe im Gegenzug meinen Spaß daran, ihre Kommunikationsversuche zu verfolgen. Der wohl am besten Englischsprechende wird vorangeschickt, um zu fragen, ob ich englisch wäre. Ich verneine, sage „Suiza“, und man kann förmlich die Köpfe rauchen sehen. Sie beratschlagen auf Spanisch, was ich dann wohl spreche bzw. welcher von ihnen dann die Gesprächsführung übernehmen soll. Ich habe meinen Spaß mit verständnislosem, hilflosem Schulterzucken und bin gespannt, was sie sich noch einfallen lassen bzw. was ich bis dahin noch alles belauschen darf. Leider durchschaut mich einer von ihnen dann doch, und so kann ich auf Spanisch dankend ihre Einladung ablehnen. So einer Horde geballter Männlichkeit fühle ich mich heute Abend nicht gewachsen.

Es ist kaum 8, und ich überlege mir, schlafen zu gehen. Sanne und Marco kochen zusammen, sonst kenne ich niemanden. Draußen lacht es auf Englisch, und ich überwinde mich doch nochmal und setze mich dazu. Zwei junge Amerikaner und ein Deutscher haben ordentlich Spaß zusammen. Der Deutsche ist wie ich vor 2 Jahren bis Arzúa weitergelaufen, um einzukaufen, und versorgt jetzt seine neuen amerikanischen Freunde und mich mit seinen Errungenschaften. Er hat einen guten Humor, recht treffend und knapp, und soweit ich es erfassen kann, ist er mir als Pilger sympathisch. Seit 20 Jahren macht er zum ersten Mal Urlaub, und er ist begeistert vom Camino und hat sich schon für das nächste Jahr als Hospitalero verpflichtet. Er läuft recht schnell, und eher zufällig frage ich, ob er dann irgendwo in den letzten Tagen zufällig meinen Norweger gesehen hat. Klar. Waaaaas? Ich falle fast von der Bank. Sie hätten sich in O Cebreiro getroffen, er erinnert sich genau an ihn, und er hätte gewirkt, als ob er schon noch weiterlaufen könne. Ich rechne chaotisch herum, wann das war, leider hat keiner von uns so richtig Zeitgefühl. Auf alle Fälle scheint Kristian demnach aber weitgehend normale Etappen laufen zu können, und etwas sagt mir, dass er es dann auch rechtzeitig für mich nach Santiago schaffen wird. Ich bin überglücklich, warum auch immer. Ich fühle mich wie der Liedtitel „I can reach heaven from here“.

Ich bin Günther unendlich dankbar, ebenfalls warum auch immer. Eben noch wollte ich etwas einsam und verlassen zu früh ins Bett, und nun habe ich mich eine Stunde brillant und lebhaft unterhalten, das Caminogefühl ausgetauscht und geteilt, leckere Cremeschnittchen aufgedrängt bekommen – und mit einem Mal wieder diese unbeschreiblich schönen Bewegungen meines Herzens, das seinen Soulmate wieder spürt.

Ich gebe Günther mit ganz viel Liebe ein Bändel und packe mich in meinen Schlafsack, als er nochmal kurz an mein Bett kommt und mir seine geschlossene Faust hinstreckt. Er sagt so etwas wie, dass es manchmal einfach stimmen und passen würde. Er ist schon wieder weg, als ich sein Geschenk näher betrachten kann – eine wunderschöne kleine Maus aus Metall.

Ich schlafe mal wieder unendlich glücklich und reich ein.

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Komischerweise habe ich wieder die „time of my life“, was meinen Schlaf angeht. Ich schlafe tief und fest und behütet und fühle mich total geborgen und ruhig. Gestern hatte ich das Gefühl, auf Grund meiner Entscheidung plötzlich Frieden und Ruhe gefunden zu haben, aber nun hatte ich mich doch eigentlich am Vorabend umentschlossen – und auch das wird mit ruhigem Gewissen und friedlichen Träumen belohnt? Ich beschließe, die Zeichen und inneren Stimmen zu ignorieren, überhaupt nicht mehr nachzudenken und wie Marco einfach jeden Tag aufs Neue zu laufen und abzuwarten.

Wieder beginnt der Tag mit Nebel, aber zum einen kenne ich das Spiel langsam, zum anderen sind wir Pilger im Sonnenrausch. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Sonne und der blaue Himmel durchkommt.

Schon in Villafranca habe ich Druckstellen auf meinem rechten Fuß bemerkt und vorsichtshalber mit Compeed abgeklebt. Seither hat es sich zwar jeden Tag eben wie eine Druckstelle angefühlt, aber nicht weiter gestört. Heute muss ich nach ein paar hundert Metern schon wieder den Rucksack absetzen und meine Füße auspacken, denn so geht das gar nicht. Bei jedem Schritt drückt die unterste Metall-Öse auf meinen großen Zeh. Marco und Sanne tauchen im Nebel hinter mir auf, verwundert über mein Picknick mitten auf der Straße. Ich beschwichtige und meine, ich bräuchte einfach noch kurz ein Compeed, damit es wieder besser läuft. Sanne sagt, sie glaubt, dass Sie weiß, was ich brauche, und beginnt, in den Tiefen ihres Rucksacks zu kramen. Endlich hat sie gefunden, wonach sie sucht, und sie drückt mir mit Nachdruck einen Stein in die Hand. Ich bin überrascht, fühle mich aber auch geehrt. Schon der dritte Stein, den ich hier bekomme.

Offensichtlich zeigt das Compeed und meine neue Schnürung Wirkung, oder es ist der Stein, jedenfalls läuft es sich wieder unbehelligter. Dafür kommt nach ein paar Kilometern wirklich die Sonne raus, leider aber auch haufenweise Pilger. In den Herbergen waren sie nicht, und dem Gepäck nach zu urteilen sind sie mit Begleitfahrzeug unterwegs. Kein freundliches Grüßen in Richtung der anderen Pilger, keine andächtige Ruhe. Hier schnattert es in ganzen Gruppen, ein paar haben sogar ihr Handy in der Hand, telefonieren nach Hause oder zu imaginären Pilgern vor oder hinter ihnen. Zunehmend treffe ich auch deutsche Grüppchen. Manchmal schäme ich mich direkt für ihre Gesprächsthemen und bin froh, dass ich manch andere Nationen überhaupt nicht verstehe und mich mit gutem Gewissen einfach an der Sprachmelodie erfreuen kann. Trotz der schönen Sonne, ich werde einfach kein Freund der letzten hundert Kilometer.

Ich passiere Portomarín, ohne einzukaufen und ohne auf meine Karte zu schauen. Ich habe so grob im Kopf, dass heute noch Palas de Rei oder Mélide auf dem Weg liegen müssten. Mein Wasser habe ich auch nicht aufgefüllt, und irgendwann riskiere ich dann doch mal einen Blick in den Führer. Mein Grobes im Kopf war Müll, ich habe mich um einen Tag vertan. Heute kommt keine weitere Stadt, auch keine Einkaufsmöglichkeit mehr, und selbst die Brunnen sind spärlich gesät – und ich passiere Dorf um Dorf, ohne den angekündigten Brunnen zu finden. Schade, nach meinen Erfahrungen hinter León war meine Halbliterflasche so ein Glücksgriff und ich habe nie zu viel mitgetragen. Hier muss man jetzt dann doch wieder planen.

Ich bin froh, als ich gegen 14.00 mein heutiges Etappenziel Areixe mit einer weiteren kleinen Xunta-Herberge in einem noch kleineren Dörfchen erreiche und Wasser tanken kann. Die Herberge ist offen, aber noch leer. Von der Hospitalera liegt ein Zettel da, dass man gerne schon einchecken darf. Wieder bin ich begeistert von den tollen Betten, den stylischen Aufenthaltsräumen, den heißen Duschen und diesmal sogar einem beschilderten Wäschetrockenplatz hinter dem Haus. Die Herberge verfügt über eine große Terrasse, auf der ich es mir mit meinen Bändeln und meinem Pfefferminztee gemütlich mache (denn Mikrowelle gibt es hier auch). Die meisten Pilger gehen noch weiter nach Palas de Rei. Ich vermisse die dortigen Einkaufsmöglichkeiten ein bisschen und esse traurig meine allerletzten Reste, vier Tage altes Brot und zwei Rippchen Schokolade. Auch vermisse ich heute Kristian wieder. Ich nehme seinen kleinen Stein heraus und versuche, ihm telepathisch zu entlocken, wo sein Besitzer wohl sein könnte. Eigentlich dachte ich, dass er mich so langsam ja wieder einholen könnte, so wie ich am Bummeln bin. Schon allein deswegen sitze ich unruhig auf der Terrasse herum; was, wenn er mich auf der Strecke unbemerkt überholt, nur weil ich gerade in der Herberge gegen die Wand schaue…?

Ich beschließe, meine Stolz mal wieder über Bord zu werfen und ihm eine Mail zu schreiben. Ich möchte meine geplanten Etappenziele durchgeben, dann liegt es ja an ihm, ob er sich beeilen will, um mich einzuholen. In der Bar hat es zum Glück Internet, doch kaum habe ich mein Werk endlich mühevoll vollendet (die Mischung aus Zuneigung und ich-muss-mich-nicht-aufdrängen ist gar nicht so leicht), meldet der Computer, dass sich der Hauptrechner gerade abgeschaltet hat. Der Besitzer aktiviert diesen zwar wieder, aber meine Mail ist weg. Ich kriege die Krise. Schnell schreibe ich eine absolute Kurzversion. Da meldet mein Posteingang eine neue Meldung – eine Fehlermeldung, die Mail kam zurück. Ich war mir mit der Schreibweise eigentlich recht sicher, versuche aber probehalber noch alles mögliche Ähnliche. Alles kommt zurück.

Ich bin total niedergeschlagen. Ein Gefühl sagt mir, dass Kristians Fuß so lädiert ist, dass er viele Tage hinter mir ist. Wir werden uns also eh nicht mehr sehen, was auch nicht weiter schlimm wäre, hatte ich doch immer die Option vor Augen, ihm hinterher schreiben zu können. Aber nun funktioniert die Adresse nicht, die er mir bei Nacht im dunklen Schlafsaal auf mein Tagebuch gekritzelt hat, eigentlich logisch. Meine Adresse hat er nicht, und vermutlich denkt er nun auch noch, dass ich ihm einfach nicht schreiben wollte. Ich kriege eine Riesensuperkrise. Ich weiß nicht mal seinen Nachnamen und versuche mich zu erinnern, in welcher Herberge ich da im Nachhinein eventuell nachfragen könnte. Vor meinem inneren Auge taucht der Hospitalero in Villafranca auf, der ja schon seine Schweigepflicht verletzt gesehen hat, als ich nur wissen wollte, ob mein Chaot dort nächtigt. Ich habe nicht ernsthaft erwartet, Kristian hier auf dem Camino wiederzusehen, aber auf Emailkontakt hatte ich mich so fest verlassen. Zudem schleicht sich der hinterhältige Gedanke in meinen Kopf, ob er mir mit Absicht eine falsche Adresse gegeben hat. Und passend dazu fällt mir auf, dass Nadine, die Deutsche mit Zelt, gestern nicht wie angekündigt in Ferreiros aufgetaucht ist. Das Teufelchen in meinem Kopf hämmert hartnäckig, dass sie bestimmt heimlich einen Tag pausiert hat und nun glücklich mit Kristian campiert. Und da hat er bestimmt auch keine Nähephobie.

Die Sonne färbt schon wieder alles in sanfte Goldtöne, als meine stummen Begleiter Sanne und Marco auf die Herberge zusteuern. Die Armen verstehen so langsam wahrscheinlich gar nichts mehr. Verzweifelt bin ich genauso wie gestern, aber heute aus einem komplett anderen Grund.

Heute nehme ich ihr Angebot, mit in die Bar zu kommen, gerne an, denn ich habe wirklich Hunger. Ich bekomme ein halbes Baguette mit Bacon und werde sehr satt. Sanne erzählt mir, dass Marco heute wieder ein Feuer gemacht hat und ihr mittags Paella gekocht hat. Sie erzählen, dass sie zwischen Englisch und Spanisch abwechseln, bei zu viel Spanisch würde es ihr bei den ernsten Themen dann doch zu anstrengend. Meine Kristian-Wehmut wird immer größer. Ich hätte auch gern wieder einen Soulmate, und so schön es mit den beiden auch ist, ihre Einladungen sind für mich immer etwas zwiespältig. Sie haben eine ganz besondere Energie zusammen, das spüre ich sehr deutlich, und ich gehöre da nicht so ganz dazu.

Marco organisiert noch vom Bauernhof nebenan frische Eier und verspricht ein Spiegelei für morgen früh. Wow, ein mitwanderndes Versorgungsfahrzeug, der Mann.

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