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Posts Tagged ‘Ribadiso de Baixo’

Die Nacht ist erstaunlich warm. Eigentlich habe ich gestern in weiser Voraussicht nach einer Decke gefragt, aber die Hospitalera (oder der fehlenden Pilgerseele nach nenne ich sie mal Herbergsverwalterin) meinte nur, es gäbe nicht genug für alle. Okay, ob ich trotzdem eine haben könnte. Das müsse man um 21.30 dann mal sehen. Die Logik bleibt mir verborgen, und um diese Zeit schlafe ich ja eh schon. Soll sie eben die 20 Decken in ihrem Schrank vergammeln lassen.

Hier ist nicht nur der Schlafraum ordentlich beheizt, auch der Frühstücksraum ist morgens mollig warm. Das ist nun wirklich fast unnötiger Luxus, kommt mir aber entgegen. Die nebligen Morgen sind immer ein etwas schwieriger Start.

Mein Bein ist heute der Horror. Die Druckstellen merke ich kaum mehr, aber das linke Bein fühlt sich vom Knie abwärts an wie ein einziger Krampf. Bei jedem Schritt spüre ich ein Gefühl wie ein Reißen und bin etwas ratlos. Ich habe gelernt, auf den Caminos auf meinen Körper zu hören, ich weiß, dass es sich rächt, wenn man das nicht tut. Aber zwei Tage vor Santiago passt mir das mal rein gar nicht, und das sage ich meinem Bein auch recht deutlich. Ich biete ihm freundliche Kooperation an. 5 Stunden Laufen, und dann pflege und schone ich es klaglos den ganzen Nachmittag. Aber bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt.

Jegliche etwaige Schönheit des Weges bleibt auf der Strecke, ich fühle nur den blöden Schmerz, denke zu viel darüber nach und sehne die Herberge herbei. Wieder gibt es kaum Brunnen, und als ich endlich einen sehe und freudig den letzten Rest aus meiner Flasche trinke, muss ich feststellen, dass er nicht funktioniert.

Ich erreiche die Herberge mit Ach und Krach kurz vor dem Öffnen. Der Supermarkt hat noch offen, und so gehe ich noch schnell einkaufen. Ich kaufe erstmal nur für den Mittag, denn Marco und Sanne haben so grob anklingen lassen, dass sie den letzten Abend mit endlich wieder einer tollen Küche gerne nochmal zelebrieren wollen.

Wieder drängeln sich alle in die fürchterlichen Duschen, während ich heimlich das Luxusbadezimmer, die Tür direkt neben der Treppe, in Beschlag nehme. Frisch geduscht wasche ich noch schnell und setze mich dann für den Rest des Nachmittags zur Erholung bereit vor die Herberge. Ich freue mich auf Sanne und Marco, und irgendwie spüre ich fast, dass heute auch Kristian hier stoppen müsste. Eigentlich müssten hier alle stoppen, die nicht wirklich einen ganzen Tag vor mir liegen. An Arco/Pedrouzo gibt es eigentlich kein Vorbeikommen. 5 Stunden vorher ist die letzte Herberge, und bis Santiago sind es nochmal grob 5 Stunden.

Ich genieße meinen Tintenfisch, fast einen ganzen Laib Brot, Joghurt und meine erste Coladose auf dem ganzen Camino. Mein Bein wird gecremt und hochgelegt. Ich fühle mich gut und entspannt angesichts des kommenden Nachmittags.

Die sieben Spanier von gestern treffen mit großem Hallo ein und posieren für ein Foto. Als ich mit Blick auf ihre Digicam zufrieden meine „sehr schön!“, kommentieren sie es mit „kein Wunder, so schön wie wir sind“. Lustige Gestalten.

Gut gesättigt und sonnengetankt tappe ich dann wieder in die Herberge, wo ich mein Bett überziehe und den Schlafsack ausbreite. Eher zufällig komme ich mit der Hospitalera ins Gespräch und frage noch zufälliger, ob hier nicht zufällig mal ein Norweger war. Sie fragt begeistert nach, ob ich so einen Dunklen meine. Hm, nein, eigentlich nicht, ich lächele freundlich und will schon wieder gehen. Sie springt aber schon zu ihrem Schränkchen und holt einen furchtbar dicken Stapel mit den Namen vom Vortag heraus, die sie alle liebevoll mit mir durchgeht. Alles sind Spanier oder ganz andere Nationalitäten, und ich überlege, wie ich bei Pilger 60 so langsam sagen kann, dass es gut ist. Da stolpere ich plötzlich über die beiden Dänen. Und während es in meinem Kopf langsam zu arbeiten anfängt, fällt mein Blick direkt drunter auf „Norwegen“ und auf „Kristian“. Ich bin wie gelähmt, einerseits muss ich ja damit gerechnet haben, sonst hätte ich nicht gefragt, aber gleichzeitig war ich so sicher, dass er hinter mir wäre. Und nun ist er einen ganzen Tag vor mir… die Hospitalera guckt mich mit großen Augen an und fragt wohl schon zum wiederholten Male, ob es der wäre, nach dem ich suche. Ich gucke immer noch wie ein hypnotisiertes Kaninchen ganz geschockt auf die Liste und sage irgendwann „ich muss weiter“. Sie schaut mich etwas besorgt an, ich brauche nochmal eine ganze Weile, bevor ich lächeln muss, ihr nochmal gleichzeitig danke und mich entschuldige und nur „continuar“ stammele.

Ich sammle meine Sachen hektisch zusammen und stopfe sie unsortiert in den Rucksack. Ich stelle irritiert fest, dass ich ja meine Nachmittagsgarnitur anhabe, so einen Sonnenbrand kriege und dann nichts Frisches mehr zum Wechseln habe. Ich laufe zur Wäscheleine und ziehe mich direkt dort um, hinein in das patschnasse Trekkinghemd. Meine Bettnachbarinnen schauen auch etwas konsterniert, aber mein Kopf ist nur noch „continuar“.

Ich bin wieder auf der Strecke, als mir einfällt, dass mein Bein ja ziemlich hinüber ist. Aber bevor mein Verstand zum Zug kommt, breitet sich schon wieder „continuar“ aus. Im kleinen Wäldchen kommt mir eine bekannte Silhouette entgegen, es ist Sanne. Sie schaut irritiert, ich radebreche mein „ich muss weiter“ und dass ich jetzt einfach die Leute wiedersehen muss, dass mein Herz das jetzt einfach verlangt, ich kann nichts dafür. Sie fragt, ob Marco bei mir in der Herberge gewesen sei, sie ist sich nicht sicher, wo er ist. Er wäre morgens ganz früh los. Sie hat den Verdacht, dass er auch bis Santiago durch will. Ich habe ihn nicht gesehen und kann ihr nicht weiterhelfen.

Ich laufe gut eine halbe Stunde, als ich mich eher zufällig umdrehe. Ich erschrecke fast. Hinter mir läuft Sanne. Ich bin komplett überrascht, aber sie sagt nur unter Tränen, dass da etwas in meinen Worten gewesen wäre, was ihr Herz berührt hätte, und für sie würde es sich auch richtig anfühlen. Ich bin irgendwie überglücklich, zum ersten Mal laufe ich mit Sanne, wir haben die Endorphine der Verrückten, wir leben nach unseren Gefühle und Intuitionen, und wahrscheinlich wollen wir beide einfach die Männer wiedersehen, mit denen uns entgegen jeglicher Logik etwas ganz Starkes verbindet. Wir verstehen uns ohne Worte. Ein ganz klein wenig reden wir dann doch, und ein Missverständnis lässt sich klären. Statt „Norwegian“ hat Sanne immer „Novizian“ verstanden. Vor ihrem inneren Auge sehne ich mich also nach einem Ordensmann, was mich anlässlich der Realität doch sehr schmunzeln lässt.

Leider läuft Sanne unheimlich schnell. Schneller, als ich sonst laufen würde, und vor allem viel zu schnell für mein Bein, mit dem ich wahrscheinlich besser humpeln sollte. Bzw. eigentlich definitiv gar nicht mehr laufen. Ich blende es komplett aus. So schnell, wie wir laufen und nur Santiago und das Wiedersehen im Kopf haben, spüre ich meinen Körper überhaupt nicht mehr.

Unsere Flaschen sind leer, als wir auf Höhe des Flughafens schnurstracks in einem feinen Hotel auf die Toilette stürmen und Wasser nachtanken. Das wieder Anlaufen nach dem kurzen Stehen ist die Hölle. An einem kleinen Bach möchte Sanne kurz ihre Füße baden. Ich gehe dankbar schon voraus, ganz langsam.

Ich erreiche erleichtert den Monte de Gozo und sehe Santiago; ich werde es schaffen. Aber ich bin zu erschöpft, um auch nur zum Denkmal zu gehen oder stehenzubleiben. Ich steuere die Herberge an. Ich habe mit Sanne überlegt, wo sich unsere Männer aufhalten könnten, und wir mussten lachen, dass sie beide wohl immer die billigste Herberge ansteuern würden.

Vor dem riesigen Herbergskomplex in der Sonne liegt, an einem Grashalm kauend, Marco. Er lächelt mich wenig erstaunt an. Ob er hier bleibt oder nicht, versucht er gerade zu erspüren. Ich spreche kurzerhand eine in der Sonne sitzende Pilgerin an, ungeachtet dessen, dass sie gerade ein halbes Brot im Mund zu haben scheint. Sie kennt Kristian nicht, und auch in der Rezeption bekomme ich ein eindeutiges Kopfschütteln. Als ich mich wieder auf den Weg mache, biegt gerade Sanne um die Ecke, und ich bekomme gerade noch mit, wie da wieder Energien synergistisch aufleuchten. Stimmt, es ist ja auch wieder Abendsonne. Sie rufen mir noch viel Glück nach, bevor sie wahrscheinlich gemeinsam in sich hineinspüren und den richtigen Ort für die Nacht erfühlen.

Ich erreiche Santiago und muss am Ortsschild kurz vor Dankbarkeit weinen. Ich habe 46 km geschafft. Mein Bein hat es geschafft. Aber nicht einvernehmlich, sondern ich habe Gewalt gebraucht.

Ich checke die nächste Herberge, die leider unendlich viele Treppenstufen abseits vom Weg liegt. Auch hier kein Norweger, und mir kommen so langsam Zweifel. Meine geplante Herberge, die einzige, die ich sonst noch kenne, kostet 10 Euro, und ich kann mir nicht vorstellen, dass Kristian dort nächtigt. Was, wenn er irgendwo mit seinem Zelt campiert? Da finde ich ihn nie.

Ich erreiche völlig k.o. die Kathedrale, wo ich mich auf den Boden plumpsen lasse. Weit und breit kein bekanntes Gesicht, kein Kristian, keine Dänen, keine Amber oder sonst jemand. Zum ersten Mal seit dem Mittag schaue ich auf die Uhr. Ich habe keine Ahnung, wann ich losgelaufen bin und wie spät es jetzt ist. Ich rechne mit 18, aber es ist schon kurz vor 19 Uhr. Mein letzter Gedanke ist das Pilgeressen im Parador; falls Kristian davon weiß, ist er sicher dort anzutreffen. Ich gehe die paar Meter, bis man Blick auf die wartende Gruppe vor der Garageneinfahrt hat. Und schon von weitem erkenne ich gegen die Sonne Kristian an seiner charakteristischen Frisur.

Ich bin nur noch am Strahlen, seit 5 Stunden habe ich mich auf diesen Moment gefreut. Kristian hängt cool mit drei ebenso coolen Gestalten gegen die Wand gelehnt und lässt sich im letzten Moment herab, zwei Schritte auf mich zuzugehen, mich kurz zu umarmen und nach einem „nice to see you“ wieder an der Wand abzuhängen. Dafür attackieren mich bestimmt vier kleinwüchsige, hysterische Hühner, dass ich hier nicht essen könnte, es wären schon 10 und bok- book- boooook. Will ich doch auch gar nicht. Ich habe Schwierigkeiten, mich zu konzentrieren und die Situation zu bewerten, als sich vor mir strahlend Nadine umdreht. Soweit arbeitet mein Hirn dann wieder, ich merke mit einem Mal magische Energien, die sich um Nadine und Kristian ranken, und mir leuchtet seine abweisende Art ein. Das Teufelchen in meinem Kopf lacht sich halb tot und rammt mir seinen Dreizack im Sekundentakt in den Kopf. Mir wird schlagartig so einiges klar. Nadine redet freundlich lächelnd wie ein Wasserfall auf mich ein, von der Überwältigung beim Ankommen, dass sie mich da total versteht, dass sie noch schauen muss, wo sie schläft, die Herberge gefällt ihr nicht. Kristian schläft dort, und ich denke nur „scheinheilige Kuh, natürlich wirst Du auch dort landen“.

Ich bin komplett leer. Den Weg zurück zur Kathedrale schaffe ich gerade noch, dann macht mein Bein aber komplett nicht mehr mit. Keine Endorphine mehr, die den Schmerz überdecken und mich zur Höchstleistung anspornen. Nur ein sich kugelnder kleiner Teufel in meinem Kopf, und er hat ja so recht.

Ich setze mich zwei Minuten in die leere Kathedrale, hole meine Compostela und etwas zu essen im Supermarkt. Ich brauche fast eine ganze Stunde zur Herberge. Dort frage ich nach den beiden Dänen. Sie sind nicht da.

Ich pfeife auf meine Vorsätze in Sachen „dem Schicksal überlassen“ und schreibe meinem Belgier eine SMS, dass ich in Santiago bin. Er ist zwei Etappen hinter mir.

Ich sehe Kristians Sachen auf einem Bett. Der Teufel in meinem Kopf lacht nicht mal mehr, überall Leere, und so schreibe ich einen kurzen Zettel, dass seine Email nicht funktioniert hat und schreibe ihm meine auf. Mir war die ganze Zeit über klar, dass ein Wiedersehen ein Risiko darstellt. Aber es hat mich so verzweifelt gemacht, eventuell nie schreiben zu können, selbst falls jemand wollte, und das nicht erklären zu können. Das habe ich hiermit getan. Es fühlt sich jetzt wieder sortierter an, und ich kann das Thema abschließen.

Ich setze mich noch kurz in den Aufenthaltsraum und schaue den Sonnenuntergang an. Meine ewigen Engel kommen in die Herberge. Zum Glück fragt Sanne nichts. Wahrscheinlich spürt sie es. Beide sind glücklich und wollen heute mit mir feiern. Ich würde wirklich gern, die beiden waren mein Camino 2009, mein stiller Halt und meine Kontinuität. Aber mein Bein, das ich mir jetzt zum ersten Mal besehen habe, ist doppelt so dick wie sonst, fühlt sich an wie kurz vor dem Platzen, wie mit Wasser gefüllt und denkbar beunruhigend. Damit laufe ich keinen Schritt mehr. Marco bietet begeistert an, hier zu kochen, aber es gibt nur eine Mikrowelle, und Sanne sieht auch so aus, als ob sie den Abend gerne mit einem Glas Wein feiern würde. Das sehe ich auch so, mir ist wichtig, dass sie einen schönen Abschluss haben. So schicke ich sie gerne ohne mich zurück in die Stadt.

Ein Japaner, den ich in Fonfría gesehen habe, hat das Bett neben mir. Ich will eigentlich schon schlafen, aber er plaudert noch. Er plant einen Abgang um 5 Uhr morgens. Ich frage, ob er nicht zur Messe will, seinen Namen hören. Er kennt weder Messe noch den Brauch, dass die Nationalitäten der Pilger vorgelesen werden. Ich erkläre ihm, dass es das Beste am ganzen Camino ist, das „heute erreichte uns ein Japaner, gestartet in SJPDP“. Ihm dämmert, dass ihm das gefallen könnte und versinkt zu meinem Schrecken in einen Monolog voller Selbstvorwürfe. Fehlt nur noch, dass er anfängt, sich selber zu schlagen. Ich rudere schnell zurück und meine, so wichtig wäre das auch nicht, eigentlich doch nur ein einziger Satz, aber er kann sein Unglück gar nicht fassen.

Mein Kopfwirrwarr ist wieder gut, nur mein Bein ist der Horror. Allein die Berührung mit der Matratze lässt mich schon jubilieren. Ich nehme eine Schmerztablette und male mir schon aus, morgen das Krankenhaus aufzusuchen.

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Mein versprochenes Frühstücksei steht schon auf dem Tisch, ebenso eine Tasse Tee. Sanne und Marco sind schon fertig mit essen und machen sich auf den Weg.

Meine Druckstellen tun heute unglaublich weh. Ich schnüre alle paar Meter um, aber ohne Erfolg. Seit Tagen trage ich zur Polsterung schon meinen Fleecehandschuh im Schuh, aber egal, wie ich ihn schiebe, es tut höllisch weh. In meiner Verzweiflung probiere ich schon Abstandshalter wie Steine, Holzstückchen und Flaschendeckel, aber so richtig besser wird es nicht, und vermutlich habe ich nachher noch zusätzliche Probleme und Druckstellen. Ich beschließe, es zu ignorieren und einfach weiterzulaufen.

Nach 1 1/2 Stunden freue ich mich in Palas de Rei dann auf Einkaufen und ein ausgiebiges zweites Frühstück. Ich komme gerade rechtzeitig zum Öffnen des Supermarktes, aber zuerst statte ich meiner Lieblingsbäckerei einen Besuch ab, kaufe ein Pain au chocolat (wie auch immer das in korrektem Spanisch heißen mag), eine schöne Empanada mit Fleischfüllung und ein Baguette. Alles noch ofenwarm, herrlich. Im Supermarkt meinen ebenfalls liebgewonnenen Tintenfisch in Soße sowie Frühstücksartikel, denn mein heutiges geplantes Etappenziel brilliert schon wieder durch fehlenden Laden. Mit Sanne und Marco bin ich mir einig; nach zwei Tagen in kleinen Herbergen zwischen den großen Etappenzielen möchten wir heute unsere Gruppe wieder einholen. Allen voran Amber, aber selbst Chuck würde ich langsam in Kauf nehmen.

Für mich wird es ab hier zusätzlich spannend; zwei dänische Freunde vom Vorjahr machen zeitgleich den Camino Primitivo, der hier nun auf den Hauptweg einbiegt. Ich habe es nicht mehr genau im Kopf, aber sie sollten um meinen Ankunftstag in Santiago ankommen, wahrscheinlich sind sie jetzt nur ein paar Kilometer von mir entfernt. Ebenfalls spätestens in Santiago treffen werde ich meinen belgischen Pilgerfreund Jelle, der ebenfalls in León, aber einen Tag nach mir gestartet ist. Zwischenzeitlich hatte ich fast Angst, ihn vorher wiederzutreffen, schließlich möchte ich meinen Camino gehen, mit meinen neuen Leuten und meinen neuen Erlebnissen. Aber so langsam bin ich bereit dafür und würde mich sehr über diesen Abschluss freuen. Ich ärgere mich fast ein bisschen, mir nicht genauer notiert zu haben, wann sie ihren Flug ab Santiago haben, aber ich wollte es dem Schicksal überlassen, ob und wann wir uns treffen. Und nachdem ich ihre Emailadressen habe und wir ohnehin regelmäßig in Kontakt sind, ist mir das Treffen auch nicht so übermäßig wichtig.

Heute stehen 34 km auf dem Programm, deutlich mehr, als ich in den letzten Tagen gelaufen bin. Mein Bummeln in der Hoffnung auf Kristian habe ich nun aufgegeben und möchte lieber wieder die bekannten Gesichter treffen.

Vor Mélide treffe ich schon mal die energetische Spanierin aus La Faba wieder, was mich sehr freut. Im Park mit den Pilgerbäumen mache ich eine gemütliche Mittagspause mit meinen Unmengen an Vorräten. Mein Rucksack sieht schon ganz komisch aus von dem quer reingestopften Baguette.

Die letzten Kilometer ziehen sich ziemlich endlos dahin. Ich bin definitiv etwas verweichlicht in den letzten Tagen.

Die Herberge von Ribadiso liegt friedlich im Sonnenschein am plätschernden Bach, von bekannten Gesichtern allerdings keine Spur. Ich bin etwas enttäuscht, vermutlich gilt auch diese Herberge wieder als „Zwischenetappenziel“, und der große Pulk ist eine Stunde weiter in Arzúa. Meinen ganzen Camino habe ich in den Herbergen immer nur wenige Pilger getroffen, meist maximal 20, dabei wäre ein großer Pilgerschub mit fast 100 Leuten direkt einen Tag vor uns. Ich war immer heilfroh, nicht auf diesen aufzulaufen, habe ich doch das Gefühl, das mein diesjähriger Camino eher in der Einsamkeit und dem Ahnen der Zuckerwattefäden sein Ziel hat. Trotzdem, heute wäre mir nach großem Hallo und Wiedersehen und Leben.

Die Herberge erscheint mir heute noch idyllischer wie eh schon. Ich dusche Ewigkeiten brühendheiß, und meine Wäsche trocknet blitzschnell in der Mischung aus Sonne und Wind. Ich halte meine Füße in den eiskalten Bach, was auch dringend nötig ist. Die Druckstellen erlauben langsam nicht mal mehr den Kontakt mit meinen watteweichen Crocs-Imitaten, und zu allem Überfluss zwickt es mich seit dem Ankommen in der linken Wade und Kniekehle, was ich mir eigentlich nicht erklären kann. Es ist nicht schlimm, aber ich creme für alle Fälle mal mit Arnika.

Auf einem Bänkchen in der Sonne esse ich mein Abendessen, unterhalten von einem recht süßen schwäbischen Pensionär. Meine beiden stillen Engel tauchen mit der Abendsonne auf, aber heute sind ihre Schwingungen füreinander so stark, dass ich mich zurückziehe. Sie strahlen sich so selig und harmonisch an, da passt niemand drittes mehr dazu, erst recht nicht jemand, der nicht so strahlt und leuchtet. Ich bewundere beide für ihre Fähigkeit, auf ihre innere Stimme zu hören. Beide stehen oder sitzen oft still da, lächeln vor sich hin und warten. Ich habe ein etwas gespaltenes Verhältnis zu meiner inneren Stimme. Kleine Blitze von Intuition habe ich auch manchmal, aber das Gefühl ist schwer greifbar, und mein Gehirn schaltet sich sofort ein und versucht eine Analyse. Das kommt dann einem verzweifelten Gedankenstrudel näher als dem seligen Lächeln.

Ein Bauer treibt seine Kuhherde von der benachbarten Weide. Schon in den vergangenen Tagen war ich beeindruckter Zeuge der Art von Kuhhaltung hier. Einmal bin ich einem Bauer mit seiner Kuhherde auf der Straße begegnet, der allen Kühen voran entlanggerannt ist und mit leuchtenden Augen und absoluter Passion rhythmische, antreibende Worte gerufen hat. Running with the cows als Lebenserfüllung. Gestern Abend in Areixe ist ein Bauer ungefähr eine halbe Stunde mit 4 Kühen immer wieder um den Stall und einmal kurz eine Runde durchs Dorf gerannt. Macht das besseres Fleisch und wirkt Verfettung entgegen? Heute wird die kleine Herde an unseren Bach getrieben und getränkt. Einige Kühe gehen ordentlich tief hinein und fühlen sich derart wohl, dass sich Blase und Darm entleeren. Ich ziehe schnell meine Füße aus dem Wasser. Anschließend wird die Herde dann komplett durch den Fluss durchgetrieben; praktisch, saubere Kühe, und sicher auch etwas für die Venen und den Kreislauf getan. Ich muss lachen beim Gedanken an das wunderschöne, kristallklare Wasser, in dem Marco vorher sogar todesmutig gebadet hat. Jetzt ist es ein einziger verdünnter, trüber Kuhfladen. Und bis zum nächsten Nachmittag erfreuen sich die nächsten Pilger an dem klaren Kristall.

In der Herberge herrscht Partyatmosphäre; eine Gruppe von sieben spanischen Männern in meinem Alter genießt den Camino auf ihre Weise. Wohl weniger meditativ und selbstfinderisch, sondern vor allem auf Spaß angelegt. Sie versuchen mich als weibliche Begleitung für die Bar zu gewinnen, und ich habe im Gegenzug meinen Spaß daran, ihre Kommunikationsversuche zu verfolgen. Der wohl am besten Englischsprechende wird vorangeschickt, um zu fragen, ob ich englisch wäre. Ich verneine, sage „Suiza“, und man kann förmlich die Köpfe rauchen sehen. Sie beratschlagen auf Spanisch, was ich dann wohl spreche bzw. welcher von ihnen dann die Gesprächsführung übernehmen soll. Ich habe meinen Spaß mit verständnislosem, hilflosem Schulterzucken und bin gespannt, was sie sich noch einfallen lassen bzw. was ich bis dahin noch alles belauschen darf. Leider durchschaut mich einer von ihnen dann doch, und so kann ich auf Spanisch dankend ihre Einladung ablehnen. So einer Horde geballter Männlichkeit fühle ich mich heute Abend nicht gewachsen.

Es ist kaum 8, und ich überlege mir, schlafen zu gehen. Sanne und Marco kochen zusammen, sonst kenne ich niemanden. Draußen lacht es auf Englisch, und ich überwinde mich doch nochmal und setze mich dazu. Zwei junge Amerikaner und ein Deutscher haben ordentlich Spaß zusammen. Der Deutsche ist wie ich vor 2 Jahren bis Arzúa weitergelaufen, um einzukaufen, und versorgt jetzt seine neuen amerikanischen Freunde und mich mit seinen Errungenschaften. Er hat einen guten Humor, recht treffend und knapp, und soweit ich es erfassen kann, ist er mir als Pilger sympathisch. Seit 20 Jahren macht er zum ersten Mal Urlaub, und er ist begeistert vom Camino und hat sich schon für das nächste Jahr als Hospitalero verpflichtet. Er läuft recht schnell, und eher zufällig frage ich, ob er dann irgendwo in den letzten Tagen zufällig meinen Norweger gesehen hat. Klar. Waaaaas? Ich falle fast von der Bank. Sie hätten sich in O Cebreiro getroffen, er erinnert sich genau an ihn, und er hätte gewirkt, als ob er schon noch weiterlaufen könne. Ich rechne chaotisch herum, wann das war, leider hat keiner von uns so richtig Zeitgefühl. Auf alle Fälle scheint Kristian demnach aber weitgehend normale Etappen laufen zu können, und etwas sagt mir, dass er es dann auch rechtzeitig für mich nach Santiago schaffen wird. Ich bin überglücklich, warum auch immer. Ich fühle mich wie der Liedtitel „I can reach heaven from here“.

Ich bin Günther unendlich dankbar, ebenfalls warum auch immer. Eben noch wollte ich etwas einsam und verlassen zu früh ins Bett, und nun habe ich mich eine Stunde brillant und lebhaft unterhalten, das Caminogefühl ausgetauscht und geteilt, leckere Cremeschnittchen aufgedrängt bekommen – und mit einem Mal wieder diese unbeschreiblich schönen Bewegungen meines Herzens, das seinen Soulmate wieder spürt.

Ich gebe Günther mit ganz viel Liebe ein Bändel und packe mich in meinen Schlafsack, als er nochmal kurz an mein Bett kommt und mir seine geschlossene Faust hinstreckt. Er sagt so etwas wie, dass es manchmal einfach stimmen und passen würde. Er ist schon wieder weg, als ich sein Geschenk näher betrachten kann – eine wunderschöne kleine Maus aus Metall.

Ich schlafe mal wieder unendlich glücklich und reich ein.

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Man merkt deutlich, dass es auf Santiago zugeht. Ich fühle mich schon nicht mehr wie auf dem Camino, sondern einfach kurz vor dem Ziel. Landschaftlich geht es flach und unspektakulär, und die vielen Kurzstreckenpilger lassen einen das wirkliche Pilgergefühl auch vergessen. Zur Mitte des Caminos haben viele das Gefühl, gar nicht mehr aufhören zu wollen, und können sich schwer vorstellen, wie ein Leben nach dem Camino aussieht. Aber sowohl bei mir als auch den wirklichen Langstreckenpilgern ist so langsam ein Punkt erreicht, an dem das Ziel so nah ist, dass man jetzt einfach ankommen will.

So habe ich auch meine Überzeugung über Bord geworfen, rigoros allein laufen zu wollen, und so freue ich mich, als ich auf halbem Wege Bärbel begegne. Wir laufen zum ersten Mal zusammen weiter, und es fühlt sich nicht schlecht an. Kurz vor unserem heutigen Etappenziel Pedrouzo treffen wir auf Andi, den plötzlich so richtig der Santiagokoller überkommen hat und der (ähnlich rot wie Sun gestern) statt Ausruhen in der Herberge den Overkill plant und heute bis Santiago oder zumindest dem Monte de Gozo will. Mich lässt das sehr kalt, habe ich doch auf halber Strecke meinen beruhigenden Zeitplan festgesteckt, und der sieht heute nun mal Pedrouzo, morgen den Monte de Gozo und sogar dann erst Santiago vor. Was soll ich plötzlich mit zwei gewonnenen Tagen, und warum soll ich mich hier von Gruppendynamik anstecken lassen. Ich genieße doch so sehr meine Unabhängigkeit und Selbstbestimmtheit.

Mit Bärbel warte ich (zusammen mit ungefähr 100 anderen Pilgern) auf das Öffnen der Herberge. Ich habe Glück, bekomme ein wunderschönes Nicht-Stockbett und stoße zufällig auf ein richtiges Badezimmer, anstatt mich in das koordinative Chaos bei den Duschen zu stürzen. Wie in der öffentlichen Herberge in Palas de Rei gibt es auch hier wieder die genialen Konstruktionen, bei denen man einfach alles sieht, sodass ein selbstloser Pilger der Franzosengruppe wie ein Verkehrslotse fungiert, die ankommenden männlichen Pilger nach rechts schickt und seinen Damen links eine weitgehend entspannte Dusche ermöglicht.

Ich habe mich fast schon damit abgefunden, dass die Herbergen in Galizien zwar große Küchen haben, aber keinerlei Utensilien. Umso mehr freue ich mich, als hier nicht nur ein riesiger Speisesaal zur Verfügung steht, sondern auch eine riesige, toll ausgestattete Küche. Der Supermarkt ist auch gleich nebenan und meine geliebte Paella-Tiefkühlpack-Grundausstattung sofort erstanden.

Am späteren Nachmittag kommt auch Sun wieder angestolpert, und als ich mit ihr und Bärbel vor der Herberge auf einer Bank in der Sonne sitze und um uns herum eifriges vor-Santiago-liches Adressenaustauschen beginnt, werfe ich eine weitere Grundüberzeugung über Bord, nämlich im Urlaub nie Adressen auszutauschen. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich im Urlaub wunderbar versteht, enthusiastisch Adressen austauscht, sich ewige Treue (sowie dauernde  Emails) verspricht, Fototreffen plant… – und zu Hause dann feststellt, dass ohne das vereinende Urlaubserlebnis rein gar nichts verbindet, die Person sich in Emails völlig langweilig anhört und man das Gefühl hat, an irgendetwas festhalten zu wollen, was einfach schon vorbei ist. So strahlen mir aus zahlreichen Adressbüchern Namen entgegen, mit denen mich statt der Erinnerung an gemeinsame tolle Zeiten eher ein schlechtes Gewissen, eine Bedrücktheit oder Enttäuschung verbindet. Seit zwei Jahren habe ich also keine Adressen mehr ausgetauscht und bin damit gut gefahren. Einfach die wehmütige und doch schöne Erinnerung, was diese lieben Personen jetzt wohl machen und dass man es ja leider nie herausfinden wird.

Nach meinem Fast-Verlust von Bärbel und Andi habe ich bereits angefangen, diesen Vorsatz etwas aufzuweichen, und so tausche ich nun mit Bärbel und Sun Emailadressen und Versprechen, uns sofort zu Hause auf Immerdar zu schreiben. Die Nähe zu Santiago bewirkt komische Dinge.

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Erst am Morgen entdecke ich, dass die Herberge sogar über einen großen Aufenthaltsraum verfügt. Ich hätte also gar nicht den ganzen Tag frustriert auf meinem Bett hocken müssen.

Heute bin ich sehr geläutert und freue mich vor allem ganz unheimlich auf meine deutschen Freunde. Ich laufe schnell, weil ich sie einen Ort vor mir weiß und einzuholen hoffe. Ich laufe auch wieder im Dunkeln los, aber im Gegensatz zu gestern ist es heute deutlich angenehmer. Kein Gewitter, kein Nebel, und nachdem sich zwei andere Pilger, glücklich über meine Lampe, in meinen Windschatten gehängt haben und mein strammes Tempo mitgehen, bin ich nicht allein und mache mir auch bei unheimlichen Geräuschen keine Sorgen.

Das Wetter ist noch nicht sehr stabil, kurz vor Mélide wird es auf einmal windig, im Hintergrund donnert es wieder, und als ich mich nach hinten umdrehe, sehe ich eine dunkelgraue Wolkenfront aufziehen. Nach ein paar Minuten brauche ich mich nicht mal mehr umzudrehen, um das Schlamassel zu sehen. Auch rechts und links von mir ist es überaus schwarz. Und passend zu meiner Angst vor Gewittern und zu meiner blühenden Phantasie befinde ich mich natürlich auch jetzt wieder auf freiem Feld, weit und breit keine anderen Opfer für ziellose Blitze, und Mélide ist zwar in Sicht, aber noch viel zu weit weg. Im Hintergrund setzt ein Platzregen ein, es donnert und windet. Ich schaue mich nicht einmal mehr um, sondern laufe so schnell wie es geht, bevor mich das Gewitter einholt.

Es geht durch den „Wald der Pilger“, wie ich im Vorbeilaufen sehe. Der Weg geht schnurgerade, ist parkähnlich angelegt und wird von kleinen, liebevoll gepflanzten Bäumchen eingerahmt. Auf Tafeln stehen Namen; ich vermute, hier geht es um verdiente Pilger.

Faszinierenderweise tobt um mich herum das schlechte Wetter, rechts und links von mir höre ich den Regen herunterprasseln. Aber mein Weg durch den Pilgerwald bleibt von Anfang bis Ende sonnendurchflutet und trocken. Nachdem meine Stimmung die letzten Tage moderat war und ich mich zwischenzeitlich ein wenig allein gelassen gefühlt habe, ist der Effekt jetzt unglaublich. Ich fühle mich, als würde jemand seine große Hand genau über mich halten, gerade die Regenwolke über mir ein bißchen zur Seite schieben und mich mal wieder daran erinnern, dass ich doch jederzeit Beistand bekomme, wenn ich allein nicht mehr weiter will oder kann. Dieser Jemand schickt mir dann auch noch einen gewaltigen Regenbogen vor dem dunklen Himmel, und wenn ich nicht meinen Foto gezückt hätte, würde ich mir dieses Erlebnis heute selber nicht mehr glauben.

Ich bin also wieder mit mir und der Welt im Reinen, als ich gutgelaunt zwei Kurzstreckenpilger überhole, die fein herausgeputzt und in Turnschuhen den Weg entlangstaksen. Als diese mich mit Namen begrüßen, stehe ich erst gehörig auf dem Schlauch, bevor ich die zwei Italienerinnen aus Molinaseca wiedererkenne. Ich hätte sie hinter mir vermutet und bin beeindruckt, dass man ein ordentliches Pensum laufen und dabei noch wie aus dem Ei gepellt aussehen kann (was ich von mir definitiv nicht behaupten kann).

Sie haben die Nacht in Casanova verbracht, dem Örtchen, wo auch Andi hinwollte. Als ich seine Beschreibung durchgebe und nachfrage, bestätigt mir die englischsprachige Italienerin begeistert seine Anwesenheit. Und die andere Italienerin gibt eifrig zu übersetzen, dass da auch noch zwei andere Deutsche gewesen wären. Bei mir überschlägt sich alles, und ja, es sind meine beiden anderen Caminofreundinnen gewesen. Und wie auch die Italienerinnen (und ich) wollen sie heute alle bis Ribadixo. Ich bin wieder wunschlos glücklich und stürme voller Vorfreude weiter.

Die Herberge in Ribadixo ist noch geschlossen, vor dem Eingang hat sich aber schon eine Pilgerschlange gebildet. Zu meiner Überraschung ist zwar schon die kochende, französische Frühaufstehertruppe da, meine Herrschaften fehlen aber noch. Ich habe sie wohl, ohne es zu merken, auf dem Weg überholt. Andi nennen wir nicht umsonst „Bocadillo-Andi“, er kann an keiner Bar vorbeigehen und gerät richtig in Verzückung, wenn er von seinen Bocadillos schwärmt.

Während ich auf die Öffnung der Herberge warte, halte ich in freudiger Erwartung den Camino im Auge. Aber niemand kommt, sodaß ich erstmal einchecke, dusche und wasche. Weiterhin in freudiger Erwartung setze ich mich auf eine Bank mit Blick auf den Weg, aber zwar kommen haufenweise Pilger, nur meine nicht. Die Italienerinnen treffen ein sowie zwei hinkende Schwedinnen. Sie sprechen mich an und danken mir für das Licht heute morgen. Ich kombiniere, dass das wohl die beiden fixen Gestalten heute morgen waren. Mir tut es leid, dass ich so schnell gegangen bin. Offensichtlich haben sich die beiden bei dem Tempo gründlich übernommen, aber zu sehr Angst vor der Dunkelheit ohne Lampe gehabt, als den Kontakt verlieren zu wollen. Hätten sie doch etwas gesagt!

Noch immer behalte ich den Camino im Auge, aber nach nunmehr mehr als 2 Stunden ist von freudiger Erwartung nicht mehr viel geblieben. Es dämmert selbst mir so langsam, dass selbst Andi nicht so viel Zeit mit Bocadillos vertrödeln kann, und dass ich sie endgültig verloren habe.

Immerhin taucht jetzt am Horizont inmitten der deutlich langsameren Pilger eine mir bekannte Silhouette auf. Niemand sonst trägt zu seinem Rucksack noch einen zweiten kleinen Rucksack auf der Brust als meine koreanische Sun. Dieser Bauchsack kombiniert mit ihrem spanischen Touristensonnenhut, der ihr bis auf die Nase reicht, vervollständigen den Wiedererkennungseffekt. Die Gute sieht nämlich überhaupt nichts, folglich tastet sie sich stolpernd vorwärts und legt alle 20 Schritte den Kopf weit in den Nacken (natürlich schräg, wie es ihre Art ist), um unter dem Hut hervorzulinsen und die nächsten Meter abzuchecken.

Begeistert sprinte ich halsbrecherisch in meinen Flipflops das Kopfsteinpflaster hinunter, um sie willkommen zu heißen. Sie guckt mich an, als käme ich vom Mond. Sie ist knallrot, dem Hitzschlag nah und auch mit Kopf im Nacken nicht mehr ganz klar. Sie radebrecht, dass sie noch eine Station weiter will. Es ist wohl nicht mal Egoismus, als ich ihr klarmache, dass sie da auf keinen Fall weitergeht. Und sie ist auch recht fix zu einem schiefgelegten „maybe stay here“ zu bewegen.

Ich bin überglücklich über die Gesellschaft einer liebgewonnenen Freundin und kann endlich die schöne Herberge aus vollem Herzen genießen. Sie liegt in einem Tal an einem kleinen, idyllischen Fluss. Die Sonne scheint und man kann die heißen Füße von einem Mäuerchen direkt in das wunderbar kühle Nass hängen.

Einen kleinen Haken hat die Sache allerdings, das Örtchen ist so einsam, dass es keinen Supermarkt gibt. Zwar habe ich noch einiges an „emergency food“, haufenweise Zeugs gegen plötzliche Verhungerungsanfälle, aber mein Wasser wird knapp, und auf 7 Müsliriegel zum Abendessen habe ich auch nicht so richtig Lust. Der nächste Ort ist 3 1/2 km entfernt, und der Gedanke an den dortigen Supermarkt läßt mich einfach nicht los. Nachdem Sun auch ein Selbstversorger ist und sie so fertig ist und bestimmt die Krise kriegt, dass es hier nichts gibt, schrecke ich sie aus ihrer üblichen meditativen Gesichtspflege, um ihre Wunschliste aufzunehmen. Beim Wort „supermercado“ erwachen ihre Lebensgeister und sie produziert ein „maybe I come with you“. Und trotz deutlicher Schilderung der Lage ist sie davon nicht abzubringen. Und während sich die letzten Pilger völlig fertig und schweißüberströmt in die Herberge schleppen, machen sich zwei verrückte Pilgerinnen auf, 7 km nur wegen eines Einkaufes dranzuhängen.

Sun trägt Flipflops, und als ich sie drauf anspreche, dass ich das toll finde, dass Asiaten damit so gut laufen können auch im Alltag (ich stolpere damit ja schon schier beim nur Duschen), ist sie überrascht und meint, nein, sie würde damit eigentlich sonst nie laufen. Halleluja, wir rennen gerade einen Berg hoch, mit mir eine völlig kaputte Koreanerin, die statt Wanderschuhen ihre Duschausstattung trägt.

Wir erreichen wirklich den Ort und brechen förmlich in Jubel aus, als auf der anderen Straßenseite das Logo unseres gemeinsamen Lieblingssupermarktes auftaucht. Und an der Tür, mir verschlägt es den Atem, stoßen wir förmlich mit zwei Pilgern zusammen. Und es sind Bärbel und Andi. Wahnsinn. Sie sind in dem Ort untergekommen, wollten wohl nie wirklich nach Ribadixo, und Bärbel meint etwas verschnupft, dass sie nach meiner Ansage in Portomarin dann auch dachte, es wäre besser, mich nicht zu stören. Ich verstehe nicht so wirklich. So langsam bekomme ich aus ihr heraus, dass ich offensichtlich gesagt habe, dass sie mir auf den Geist geht. Ich erinnere mich absolut nicht daran. Wohl wahr, dass ich die vergangenen Tage ab und zu gedacht habe, dass es mir zu deutsch und zu eng ist, aber gesagt habe ich es meines Wissens nie, und zudem auch sicher nicht, dass Bärbel an sich mir auf den Geist geht. Das Ganze tut mir ganz furchtbar leid, aber immerhin wollen alle morgen nach Pedrouzo, und da treffen wir uns dann wirklich wieder. Ich bin ganz unglücklich, die beiden wieder so schnell ziehen zu lassen, zumal es mich schwer beschäftigt, dass Bärbel nun zwei Tage so einen Müll von mir gedacht hat und sich wahrscheinlich schlecht gefühlt hat.

Der Siegeszug heim mit Sun heitert aber wieder auf. Wir tragen jeder 3 Beutel, das Gewicht dürfte mehr sein, als wir sonst im Rucksack haben. Wir sind euphorisch ausgelassen über unseren Einkauf und über unsere Verrücktheit, es verbindet enorm. Immer noch taumeln einige Pilger den Berg hoch, während wir beschwingt in die andere Richtung kichern. Einige schauen uns an wie nicht mehr ganz dicht (womit sie recht haben können).

Wir genießen ausgiebig unser Abendessen, und endlich schlafe ich mal wieder rundum versöhnt ein.

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