Meine Morgen laufen mittlerweile eigentlich schon immer gleich ab. Ich verschlafe selig süss, bis die ersten gegen 8 zu packen anfangen. Ich packe panisch alles zusammen und bin 5 Minuten später wieder unterwegs. Heute bleibe ich einen kleinen Tick länger in der Herberge, heute steht ja erst recht nur eine kurze Etappe an (wobei auch sonst kein Grund zur Eile wäre). Für die 3 langen Etappen am Schluss hatte ich mir ohnehin 4 Tage gegönnt, und nach meinen gestrigen 40 km habe ich nun sogar für 2 Etappen 3 Tage. Entspannter Luxus.
Während ich Magdalenas in mich hineinfuttere, ist Machos Herrchen deutlich weniger entspannt. Macho hinkt seit gestern, nachdem seine Pfote etwas verletzt ist. Das kümmert zumindest ihn zwar nicht weiter, er springt herum wie eh und je und will los, aber sein Herrchen verordnet heute einen Bustag bis San Vincente. Alle Hundehalter, die ich bisher getroffen habe, haben erzählt, dass man schon langsamer laufen muss und viel Rücksicht nehmen und die Hunde viel Schlaf brauchen oder was auch immer. Macho dagegen wäre problemlos, würde liebend gern jeden Tag aufs Neue 30 km laufen; ich hoffe, dass sich diese optimistische Einstellung nun nicht doch rächt.
Heute bin ich beim Verlassen von Santillana sehr wehmütig. Zum einen tut es mir leid, diesen (wenn auch etwas kitschig touristischen) Ort nicht näher auf mich einwirken gelassen zu haben. Zum anderen berührt mich einmal mehr die Schönheit der grünen Weiden im Sonnenaufgang. Mein Camino neigt sich dem Ende zu, und ich werde das alles sehr vermissen.
Ich kämpfe mich etwas weglos durch ein paar baustellenbedingte Umleitungen. Am Horizont hinter mir mache ich schon Helmuts charakteristischen Gang aus, was mich irgendwie stresst.
Ich hänge die Hälfte der Zeit wieder begeistert in der Vegetation, die vielen Blümchen reißen mich einfach vom Hocker. Auch eine Kirche in der Ferne ist ein beeindruckender Augenschmaus – völlig allein auf einem Hügel gelegen.
Dort mache ich erst mal wieder ein Genusspäuschen. Helmut holt mich erwartungsgemäß ein und wechselt ein paar Worte. Ich versemmle es total und bin unnahbar par excellence. Er verabschiedet sich nach ein paar Momenten, dass er heute ja noch viel vorhat und bis San Vicente will. Wir verabschieden uns nicht grundlegend, obwohl er sich vermutlich denken kann, dass ich heute nicht so weit laufe. Ich fühle mich einfach reichlich mies.
Ein paar Minuten später kommt schief grinsend der Deutsche von gestern vorbeigehatscht. Richtig gut sieht sein Tag 2 nicht gerade aus. Er stochert tapfer mit zwei Trekkingstöcken, trotzdem sieht sein Gang ziemlich hölzern und unstimmig aus. Vermutlich hat er Schmerzen.
Ich bin froh, als beide vorbei sind und ich soweit wieder meine Ruhe habe und nochmal zum vorgezogenen Abschied alles so richtig auf mich einwirken lassen kann. Multitaskingfähig bin ich leider überhaupt nicht. Ich muss ja sogar schon fotografieren und schauen trennen. Und schauen und fühlen.
Wieder sieht man in der Ferne die schneebedeckten Berggipfel der Picos wie kleine Wölkchen am Horizont, ich freue mich schon sehr auf San Vincente de la Barquera morgen. Dort erwartet mich vermutlich ein absolutes Postkartenmotiv mit Meer, toller Kirche und den Schneebergen.
Vor der beeindruckenden Iglesia de San Martín de Tours mache ich schon mein erstes Mittagspäuschen. Dank des gestrigen Supermarktes mal wieder mit Pulpo a la Marinera, meinem liebsten Caminosnack.
Vorbei an Cóbreces mit einer für meinen Geschmack fürchterlich roten Kirche bin ich schon wieder hin- und hergerissen mit meiner heutigen geplanten Kurzetappe. San Vincente mit dem Meer reizt mich ungemein, es ist fast schade, statt dessen bereits im Inland zu stoppen. Glücklicherweise melden sich meine Füße dann doch etwas zu Wort, sodass es mit gutem Gewissen nach Comillas aussieht – welches zu meiner Überraschung sogar auch am Meer liegt. Ich könnte wirklich etwas häufiger in meinen Führer schauen.
Comillas ist wie Santillana ein perfekter Touristenort, überall hat es hübsche Wegweiser, die zu verschieden nummerierten Sehenswürdigkeiten weisen- auf Kosten der gelben Pfeile. Ich bin wohl nicht mehr so wirklich auf dem Weg, finde die Herberge dann durch Zufall aber doch. Die Herberge soll in einem ehemaligen Gefängnis sein, was mich mit gemischten Gefühlen erfüllt. Nachdem ich ja ohnehin überempfänglich bin für Schwingungen, fühlt es sich vielleicht etwas seltsam an, in einer Gefängniszelle zu schlafen.
Die Herberge sieht aber auf den ersten Blick absolut vertrauenserweckend aus, öffnet allerdings erst um 16.00 in knapp einer Stunde. Aus Rücksicht auf meine irgendwie reißenden Sohlen widerstehe ich dem Drang, zwischendurch nochmal schnell an den Strand zu laufen und sitze brav im grünen Gras, bis geöffnet wird.
Die Mitarbeiterin des Tourismusbüros ist zwar keine Hospitalera im eigentlichen Sinne, versprüht aber trotzdem eine herzliche Freundlichkeit. Zu meinen zaghaften Gefängnisbedenken erzählt sie lachend, dass es zwar mal ein Gefängnis war, aber von Grund auf neu aufgebaut wurde. Mit einem Gefängnis hat die Herberge wirklich nichts mehr zu tun. Ich bin absolut begeistert von der kleinen, schicken Komposition. In einer Hälfte sind die Rezeption sowie die Waschräume untergebracht (mit vielen Grüßen an Santander mit separat je zwei Duschen, zwei WCs und zwei Waschbecken je Geschlecht), im kleinen Innenhof zwischendrin hängen Wäscheleinen. Im anderen Gebäude mit hübschem Steindekor empfängt ein Esstisch und eine Tür zu einem kleinen, klassischen Schlafsaal, während eine Treppe eine Etage höher führt, wo sich unter der Dachschräge noch etwa 15 Einzelbetten befinden. Ein echtes Paradies. Ich habe vor meinem Bett 2 x 2 Meter dunkles Parkett nur für mich, auf dem ich mein Chaos ausbreiten kann.
Anstatt zu duschen, mache ich mich heute erst noch auf zum Meer, wo ich nun wirklich mal genussvoll ohne anschließendes Laufpensum meine Füße erfrischen will. Der Strand ist wunderschön, fast menschenleer- und das Meer ist reichlich wild. Wie so oft bin ich absolut hin und weg von dem Krachen der Wellen. Ich stehe wie ein hypnotisiertes Kaninchen da und kann immer nur denken, wie unendlich schön das hier ist.
50 Fotos und 5 versuchte Videos später sehe ich ein, dass sich die Wellen und die Stimmung nicht digital bannen lassen wollen. Vielleicht sind ja auch gar nicht die Wellen so besonders, sondern dieses berühmte “Mehr”, welches sich nur fühlen lässt.
Ich laufe bestimmt eine Stunde den kleinen Strand auf und ab, um mich dann noch in den warmen Sand zu setzen.
Auch wieder recht wehmütig nehme ich Abschied vom Sand und den Wellen. Auf dem Rückweg findet sich noch ein schöner Supermarkt und ein über dem Friedhof mit Meerblick wachender Engel, und zurück in der Herberge freue ich mich über die Koreanerin, den hinkenden Deutschen und Maike und Chrissie. Sie haben gestern einen kleinen Ort vor Santillana übernachtet, und irgendwie bin ich froh, sie wiederzusehen. Chrissie strahlt begeistert, sie verbringt die Tage damit, Spanisch von Maike zu lernen. Leider trennen sich ihre Wege bald, Maike will an der Küste weiter, Chrissie über den Camino Primitivo nach Santiago. Morgen wollen sie eine kürzere Etappe machen, übermorgen treffen wir uns dann aber wieder in Llanes.
Ich dusche meinen Rest Meer von den Füßen und bin begeistert von den hübschen Sanitäranlagen – aktuell einem Duschvorhang in zartem Babyblau. Maike weiß sogar von einer Wäscheschleuder zu berichten – allerdings im Männerwaschbereich. Nachdem es so viel Männer ja noch nicht hat, tropfe ich ungerührt mit meinen Artikeln nach nebenan. Während ich die (auch ohne Unwucht) recht ohrenbetäubende Zentrifuge betätige, kommen dann doch zwei Herren duschfertig dazu und wirken etwas entgeistert, während ich die scheppernde Schleuder im Zaum zu halten versuche. Ich bin auch etwas durcheinander und sage zum Abschied auf Deutsch “Tschuldigung”.
Oben schnarcht der Deutsche erschlagen tief und fest am helligten Nachmittag. Als er dann doch wach wird, kommen wir auf seine Füße zu sprechen. Er zeigt mir eine Blase, die ihm einfach nur wehtut, die mich aber vermutlich schon panisch in eine Notaufnahme getrieben hätte bzw. an das Ende meines Caminos denken lassen würde. Blasenpflaster kennt er nicht, er hat die Hautfetzen einfach mit Tape überklebt. Ich tröpfele Betadine drauf und klebe ein Blasenpflaster drüber. So richtig zuversichtlich bin ich trotzdem nicht.
Maike und Chrissie gehen ans Meer. Eigentlich wollte ich nochmal mit, irgendwie reizt mich der abendliche kühle Wind dann aber doch nicht. Zudem bin ich zwar immer noch von Blasen oder größeren Gebrechen verschont, allerdings haben die 40km von gestern dann doch Spuren hinterlassen. Meine Beine ziehen unterschwellig, und beim Aufstehen oder in die Knie gehen fühle ich mich um 50 Jahre gealtert. In Anbetracht der beiden noch anstehenden, kurzen Etappen zum Auslaufen versetzt das nicht mal mehr mich Hypochonder in Aufregung; allerdings muss ich feststellen, dass ich wohl nicht für solche Etappen gemacht wäre, würde ich von hier noch bis Santiago wollen. Die 40km von gestern fallen unter die Rubrik “ehrgeizig übernommen”.
Und werden dann doch ziemlich relativiert durch einen Spanier, der kurz vor Sonnenuntergang die Treppe heraufgepoltert kommt. Er kommt heute von Santander, über 60km. Meine erste Empfindung von Bewunderung und Respekt wird sehr schnell abgelöst von einem gewissen Unverständnis. Der Mann ist nicht einfach sportlich oder zäh, sondern jammert gut eine Stunde lautstark vor sich hin. Unter lauten Schreien schleppt er sich die Treppe hinunter, damit auch jeder merkt, was er geleistet hat. Er cremt und sprüht dabei die ganze Zeit, als würde alles auseinanderfallen. Dafür habe ich überhaupt kein Verständnis, und er geht mir auch ziemlich auf den Geist.
Meine beiden Damen kommen recht verfroren zurück. Sie fanden den Strand auch toll, auch wenn Maike meint, dass sie ja wegen der Ebbe ein ganz schönes Stück gehen mussten. Ich bin überrascht, ich habe noch nie daran gedacht, dass es hier Ebbe und Flut geben könnte.
Unter unseren Dachluken mit Blick auf den Himmel (und mit Ohrstöpseln gegen den sein Märtyrium feiernden Spanier) geht ein beeindruckender Tag zu Ende.















