Der Morgen ist grau und nebelfeucht. Passend. Nach einer gefühlten Ewigkeit entlang der Fahrstraße und in Kolonne mit anderen Pilgern geht es rechts in die Hügel, wo der Nebel wieder eine verwunschene Mystik heraufzaubert. Endlose Weiden, ab und an ein paar einzelne stolze Kühe, viele alte Kastanienbäume und ab und zu ein paar Sonnenstrahlen.

Ich verarbeite meine gestrigen Erkenntnisse mit reichlich Tränen, als mich Sanne überholt. Sie fragt treffend, ob es heute ein schwererer Tag sei. Sie lächelt auf ihre stille mitfühlende Art, und ich bin ihr sehr dankbar, dass sie es dabei bewenden lässt.
Vor Sarria treffe ich sie dann wieder – diesmal steht sie am Straßenrand und erlebt einen dieser schwereren Momente. Schön, dass man auf dem Camino niemandem etwas vorzumachen braucht.
In Sarria begrüßt mich strahlender Sonnenschein, blauer Himmel und generell ein durchwärmendes Wetter. Ich mache eine exzessive Umpackpause, verstaue die diversen Regenartikel, von der Rucksackhülle über Regenjacke bis hin zur Regenhose, bevor ich in meiner Lieblingsherberge vorbeischaue – diesmal nur, um höflich zu fragen, ob ich ganz kurz ins Internet darf. Nach ein paar Zeilen Gedankenteilen mit meiner Mama fühle ich mich deutlich abgeschlossener, sortierter und gewappneter für die nächsten Kilometer.
Ich habe plötzlich das Gefühl, auf einem falschen Weg zu sein, und wirklich, ich bin gerade an einer Abzweigung geradeaus gelaufen. Waren es die rosa Zuckerwattefäden, gegen die ich gelaufen bin und die mich stutzig gemacht haben?
Chuck kommt den Weg hinter mir entlang, grüßt kurzangebunden und stürmt den Weg weiter, aus dem ich gerade komme. Ich rufe ihm nach, dass der falsch ist, aber er hat Kopfhörer auf. Ich pfeife und schreie, aber ohne Erfolg. Und ich lege jetzt keinen Sprint für ihn hin.
Ich bin erleichtert, als ich ihn Stunden später in einer Wiese am Wegesrand mit Marco sitzen sehe. Offensichtlich hat sein Weg schon auch irgendwohin geführt, sonst hätte ich noch ein schlechtes Gewissen gehabt, zumal er mir bestimmt arglistige Täuschung unterstellt hätte.
Die Sonne scheint richtig heftig, die Wiesen sind wieder unglaublich grün, wir passieren nur winzige Weiler und laufen über Trittsteine in Flussbetten, eingerahmt von Weidezäunen aus aufgeschichteten Steinen. Mein Kopf ist wieder frei und sonnig. Ich habe Frieden mit den Erkenntnissen geschlossen und fühle mich damit sogar besser. Ich habe das Gefühl, ein deutlich zustimmendes Nicken von Gott bekommen zu haben, und mit dieser Unterstützung kann ich getrost jeden Weg gehen.
Ich bin froh, als die Herberge endlich erreicht ist und ich etwas trinken kann. Nachdem mich die großen Städte auf den letzten hundert Kilometern immer eher frustriert haben, habe ich mich diesmal für die kleinen Orte mit den 20-Betten-Herbergen entschieden – wenn auch auf Kosten von Einkaufsmöglichkeiten. Ich bin positiv überrascht von der Xunta-Herberge, einer der aus dem Boden gestampften Herbergen der galicischen Landesregierung. Alles ist sehr sauber und nett eingerichtet, die Betten sind aus hellem Holz und wieder mit den wunderbar dicken Matratzen; es gibt eine Küche (wenn auch typischerweise so gut wie ohne Geschirr) und einen großen Aufenthaltsraum, die Hospitalera ist nett und verbreitet eine persönliche Atmosphäre. Vor allem der Atmosphäre zuträglich sind die warmen Sonnenstrahlen. Ich setze mich auf die warmen, dunklen Steinplatten vor der Herberge und widme mich meinen reichhaltigen Vorräten.
Heute sehe ich viele neue Gesichter. So ganz in Plauderlaune bin ich noch nicht und habe eigentlich lieber meine Ruhe. Trotzdem passt es ganz gut zu meinem gefühlten Neuanfang.
Gegen Abend kommen Sanne und Marco zusammen angeschwebt. Beide sind mittlerweile toll gebräunt und strahlen mit der Abendsonne um die Wette. Jeder für sich allein hat eine besondere Ausstrahlung, von Verständnis und Feingefühl, aber zusammen bilden sie eine recht massive Einheit von Harmonie und Synergie. Beide sind so herzensgute Menschen und haben mich vom ersten Augenblick an irgendwie berührt, sodass ich nicht einmal Wehmut oder Neid verspüre.
Marco setzt sich zu mir auf die Steinplatten. Vermutlich hat ihn Sanne in Kenntnis gesetzt über meine aktuellen Schwierigkeiten. Er sitzt eine Weile einfach nur schweigend, anteilnehmend und verstehend. Dann erzählt er mir, warum er den Camino macht. Seine Probleme liegen ein wenig ähnlich. Mich überkommt ein starkes Gefühl von Verbundenheit und Begleitung; wie konnte ich gestern Abend denken, völlig allein ins Nichts zu fallen. Marco fällt auch nicht, sondern wir werden morgen einen weiteren Tag laufen und weiter kommen mit unseren Erkenntnissen. Und wir werden jeden Tag stärker und sicherer werden und unser Ziel immer klarer sehen. Woher kommt nur diese Gewissheit?
Sanne kommt dazu und fragt, ob wir alle zusammen in die einzige Bar des Örtchens gehen wollen. Ich lehne dankend ab und lasse die beiden allein gehen.
Ich schreibe und bekomme ein paar SMS, die eigentlich alles wieder umwerfen. Wo ist die Überzeugung von gestern hin, oder bin ich jetzt einfach nur wieder ein Feigling, der sich wie üblich bittere Neuerungen nicht eingestehen will? Irgendwie weiß ich langsam so gar nichts mehr, aber in den warmen Abendsonnenstrahlen macht mir das auch gar nichts aus. So wie Marco ruhig lächelnd sagt, er geht den Weg, um in sich hineinzuspüren und die Antworten zu finden, so bin auch ich im Moment überzeugt, dass ich sie finden werde. Ich spüre, dass mich die letzten Tage etwas massiv lenkt und beeinflusst, aber auch beschützt, und ich habe das Gefühl, dass ich einfach weiter auf dem Camino bleiben muss, einfach weitergehen und es zulassen, dann wird dieses Etwas mir meine Antworten zeigen.
