Endlich geht es auch für mich wieder weiter, ich fühle mich, als ob Wochen vergangen wären, seit ich meinen Rucksack das letzte Mal auf dem Rücken hatte. Dabei war es nur ein Ruhetag.
Wieder kann ich früh aufstehen und laufe wie gewohnt bei Sonnenaufgang aus Santiago. Es ist ein komisches Gefühl. Einerseits dieser Abschluss, Santiago erreicht zu haben, viele Freunde hinter sich zu lassen; die Ungewissheit, wie sich die vielen Leute auf die wenigen Herbergen verteilen werden; die nervöse Vorfreude auf meine eigentlichen Ziele, das Ende der Welt, das Meer, die Ungewissheit, ob ich dort meinen richtigen emotionalen Abschluss finden werde.
Beim Blick zurück auf Santiago sehe ich schon zahlreiche Pilger hinter mir kommen, sofort erkenne ich auch Andi. Mich überkommt eine regelrechte Panik, ich möchte nun wirklich nicht 4 Tage von ihm belagert werden. Ich sehne mich nach Spiritualität und seltsamen Erfahrungen, während Andi alles im Keim erstickt, logisch erklärt bzw. sich eigentlich meistens überhaupt keine Gedanken macht. So kann man durch Bayern stapfen, aber nicht meinen heiligen Jakobsweg lang. Bzw. natürlich kann er das machen, aber bitte ohne mich.
Der Weg ist schön, wirkt verwunschener und abenteuerlicher. Die Massenpilger der letzten Tage fehlen natürlich, sodass sich ein etwas auserwählteres Gefühl einstellt. Und die Pilger, die ich hier treffe, haben wie ich nochmal richtig tief durchgeatmet vor diesen letzten 100 km, körperlich und geistig. Einer hat beschlossen, den Rest barfuss zu laufen.
Am frühen Nachmittag erreiche ich die Herberge und kann überhaupt nicht einschätzen, was mich erwartet. Auf alle Fälle rechne ich mit der Franzosengruppe. Aber zu meiner grenzenlosen Überraschung ist die Herberge komplett leer, und nur ein Bett ist schon mal belegt. Ich dusche und wasche, als Andi auftaucht. Sehr lange bleiben wir alleine in der Herberge, und erst gegen Abend füllt es sich so langsam. Die Franzosen und alle, die mir im Vorfeld erzählt haben, noch nach Finisterre zu wollen, sehe ich aber nie wieder.
Andi belauert mich auf Schritt und Tritt und möchte mich meinen Kochplänen anschliessen. So planen wir mein Standardgericht Nudeln mit Tomatensosse. Auf dem Rückweg vom Supermarkt treffen wir einen Spanier, der sich recht resolut dazu einlädt. Lustigerweise ist es Bärbels Traummann aus Pedrouzo, und zu gutem Aussehen bietet er noch unglaubliche Sprachkenntnisse wie z.B. perfektes Deutsch. Auch Kochen scheint er super zu können, jedenfalls macht er aus allem eine Wissenschaft. Ich fröhlicher Chaoskocher darf meine Tomaten und Zwiebeln nicht so schneiden, wie ich möchte, und für jeden Handstreich muss ich mich quasi rechtfertigen, warum ich es so und nicht anders mache. Nichts, was ich auf dem Camino unbedingt herbeisehne.
Ein Bekannter von Andi aus Österreich trifft ein, ich kenne ihn flüchtig von unserem alkoholischen Restaurantabend in Santiago. Er kennt mich auch, und zwar aus Samos. Ich verstehe erst nicht, aber er stellt sich als derjenige Pilger heraus, um den ich stundenlang herumgewandert bin. Er erkundigt sich, ob ich mich belästigt gefühlt hätte. Ihm wäre es so unangenehm gewesen, dass es durch sein Fotografieren so ausgesehen hätte, als ob er auf mich Warten würde. Lustig.
Lustig ist sowieso das richtige Wort, er ist ein unglaubliches Energiebündel und sprüht vor Fröhlichkeit und Ausgelassenheit. Im ersten Moment hatte ich ehrlichgesagt sogar den Eindruck, dass er nicht ganz bei Verstand ist. Aber er ist wirklich einfach unheimlich am Strahlen, und oh Wunder, angeblich erst seit dem Camino.
Nicht so unser spanischer Freund. Bei allen Erzählungen oder Gesprächen trägt er eine Sorgenfalte zur Show und kompliziert auch alles, z.B. indem er schon zum Abspülen rennt, nachdem wir uns den letzten Bissen in den Mund geschoben haben (und noch gemütlich sitzen bleiben). Ich nehme mir vor, mich morgen mit ihm etwas näher zu unterhalten.
Als ich schlafen gehe, ist die Herberge tatsächlich nicht nur komplett belegt, sondern auch die Zelte im Garten sowie alle Isomatten sind bevölkert.